06
Feb 14

Vorverurteilt

Dieser Text erschien drei Monate vor Kachelmanns Freispruch. Durch woody Allens öffentliche Vorverurteilung in interessierten Kreisen ist er wieder aktuell. Er ruft darüber hinaus in Erinnerung, wie Alice Schwarzer sich damals verhalten hat.

Ich saß einmal im Zuschauerraum bei einem Vergewaltigungsprozess. Ich machte damals ein Praktikum im Aachener Sozialamt. Der Angeklagte war Sozialhilfeempfänger und der junge Beamte, dem ich zugeteilt war, war als Zeuge geladen. In dem Prozess ging es auch noch um Sozialhilfebetrug und Schwarzfahren, man handelte eben alles, was bei dem Mann so angefallen war, in einem Rutsch ab.
Der Angeklagte war ein schlaksiger, nervöser Typ, vielleicht 22 Jahre alt, mit einem ungepflegten Schnauz. Er hatte das Äußere und auch die Haltung eines Befehlsempfängers und doch wirkte er gefährlich wie ein in die Enge getriebener Hund.

Er sollte seine Exfreundin ans Bett gefesselt und dann oral, vaginal und anal vergewaltigt haben. Über den Prozesstag hinweg stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um eines dieser unglücklich miteinander verwobenen Paare handelte, bei dem der eine dem anderen zustößt wie eine Krankheit oder ein Unfall, und der andere es hinnimmt, weil er gerade sowieso nichts vorhatte mit seinem Leben. Mal hatte er ihr eine geknallt, mal hatte sie ihn zusammenschlagen lassen, mal hatte man sich zusammen betrunken, mal gegenseitig betrogen, mal einander benutzt, mal einander dann doch gebraucht.

Die beste Freundin der Frau wurde vom Richter befragt, ob sie von der Vergewaltigung erfahren habe. Ja, sagte die beste Freundin, sie habe da mal von gehört, auf der Toilette habe die Frau es erzählt. Ob sie das geglaubt habe, fragte der Richter. Die beste Freundin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“
Am Ende konnte er sie nicht so gefesselt haben, wie sie es beschrieben hatte, es gab nämlich kein Bettgestell, nur eine Matratze, und so kam er frei.
Am nächsten Tag kam er entsprechend gutgelaunt ins Sozialamt, das Devote war gewichen, er war jetzt König der Welt. Er sagte uns, wir sollten mal, wenn wir das nächste mal ausgingen, vor den Türstehern vom B9 seinen Namen nennen. Die würden sich einkacken.
Er sei nämlich ein Austicker. Vielleicht sähe er nicht stark aus, aber wenn er austicke, dann gebe es kein Zurück.

Er war ein Prachtexemplar von einem Menschen, man kann es nicht anders sagen. Während des Prozesses hatte ich beschlossen, niemals Richter werden zu wollen. Entweder eine Vergewaltigung unbestraft lassen oder einen Unschuldigen wegsperren. Anhand von Zeugenaussagen von Leuten, denen es gleichgültig war, ob ihre beste Freundin die Wahrheit sagte? Eine Welt beurteilen, in der Probleme sowieso mit den Fäusten geregelt wurden?

Der Prozess um Jörg Kachelmann ist anders. Hier sind alle Beteiligten höchst eloquent, niemandem ist irgendetwas gleichgültig. Man ist klug und nervenstark und schlägt einander nur mit Erlaubnis. Und doch blickt man wieder als Außenstehender darauf und kann nichts beurteilen.
Was man ja auch nicht muss.
Was man ja auch nicht sollte.

Es gibt eine Tatsache, über die berichten Medien nicht gerne, weil dann der ganze schöne Spannungsbogen, den man so mühselig seit über einem Jahr spannt, reißen würde.
Die Tatsache lautet: Jörg Kachelmann wird nicht verurteilt werden.

Als der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe der Haftbeschwerde Kachelmanns stattgab, begründete er das so, dass „die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage“ vorliege, bei der Nebenklägerin „Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten“, diese unzutreffende Angaben gemacht habe und eine „Selbstbeibringung“ der Verletzungen „nicht ausgeschlossen“ werden könne.

Zu einer anderen Einschätzung wird es nicht mehr kommen. Im Zweifel wird für den Angeklagten entschieden, Kachelmann wird also freigesprochen werden. Zu Recht.

Hier soll es also um etwas anderes gehen.

Um die Liebe, den Sex und die Zärtlichkeit. Fangen wir mit Letzterem an.

Es gibt diesen Clip auf Youtube, in dem Jörg Kachelmann während der Wetter-Moderation von der Studiokatze überrascht wird. Sie streicht mit zur Begrüßung gerecktem Schwanz um seine Beine und er nimmt sie in den Arm und moderiert weiter.
Der Clip, hochgeladen Anfang 2009, ist die reine Unschuld, Kachelmann ist noch bloß Kachelmann, eine Figur aus einer französischen Studentenkomödie, circa 1981, ein charmanter Taugenichts, hat was von einem Comiccharakter wie dem tollpatschigen Gaston, steht einfach vor der Kamera rum und streichelt eine Katze, na, hey, du auch hier, fehlt bloß noch ein Grashalm, auf dem er rumkauen könnte.
In den Kommentaren unter dem Video natürlich längst die Wirklichkeit. „Und so einer soll jemanden vergewaltigt haben?“, fragt sich ChickenWing601, während SteveCrank in die Tasten tourettiert: „Hurensohn , Sado maso fetischist !!! Vergewatliger Kinderrficker.“

Es ist wie meistens bei den großen Medienthemen: Es gibt wohl kaum jemanden, den wirklich interessiert, ob Kachelmann seine ehemalige Freundin nun vergewaltigt hat oder nicht.

„Huch? Aber es gibt doch etwas über vier Millionen Artikel, die sich mit der Frage beschäftigen, ob er es nun war oder nicht?“

Ja, es ist halt ein Gesprächsthema, etwas für den Small Talk, ein Pausenfüller. Vor kurzem brauchte ich ein neues Bild für den Personalausweis und während die Fotografin mich fotografierte, fing sie von Kachelmann an. Die, die am harmlosesten aussähen, erklärte sie mir, seien immer die schlimmsten. Ich versuchte, etwas böser zu schauen, um unverdächtig zu wirken.

Wir schauen ab und an rüber zu den beiden Betroffenen, die zwischen ihren Gutachtern, Anwälten und Mediencoaches eingeklemmt miteinander ringen um irgendeine Form von Wahrheit, die am Ende in die Akten eingeht und schließlich einen von beiden teuer zu stehen kommen wird, schauen also rüber und bilden uns ein, uns eine Meinung zu bilden, aber sie steht natürlich längst schon fest wie die von ChickenWing601 und SteveCrank.
Für die Meinung von SteveCrank zuständig sind Bild und Bunte, Alice Schwarzer und Focus.

„Die gewohnheitsmäßigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher von Gnaden ihrer Herrin Friede Springer…“. Das twitterte Jörg Kachelmann am 10. April zusammen mit einem Bild, das er von einem Paparazzo, der ihn verfolgte, geschossen hatte. Hier wird jemand, bei dem das Gericht keinen dringenden Tatverdacht sieht, zur Strecke gebracht. Jemand, dem von Seiten des Rechts seine Intimsphäre zugestanden wird.

Aber das Recht ist hilflos gegen das Geld der großen Verlage.

Für die Bild gilt vorgeblich das Diktum des Springer-Vorstandchefs Döpfner: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr im Aufzug nach unten.“ Was heißen soll: Wer mit uns Homestorys macht, um nach oben zu kommen, der bekommt uns auch nicht aus dem Wohnzimmer, wenn die Karriere schlingert und die Frau gerade die Koffer packt. Klingt fair, ist aber bloß Mafia-Logik: ein Quid pro Quo außerhalb des geltenden Rechts. „Wir beschützen Sie jetzt, bezahlen können Sie später.“
Kachelmann jedoch ist niemals mit Springer nach oben gefahren. Über sein Privatleben war vor seiner Verhaftung nichts bekannt, er galt im Allgemeinen als Wetter-Nerd, die Basler Zeitung fragte noch kurz nach der Verhaftung, ob Kachelmanns Privatleben überhaupt existiere. Stets habe er Nichtberufliches für sich behalten, seine Ehe sei „praktisch ein Geheimnis“ gewesen.

Kein Grund, ihn nicht zu vernichten.

„Was jetzt bei Kachelmann passiert, wird bald auf jeden zukommen“, sagt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann, „wenn auch mit einer kleineren Öffentlichkeit“. Seemann hofft dabei auf eine befreiende Wirkung: „Noch kann Schwarzer Kachelmann als Unmensch stilisieren, weil er BDSM praktiziert und sie ihn als Einzelfall ins Licht stellen kann. Eine über sich selbst informierte Gesellschaft jedoch wird gezwungen, ihre Toleranzkriterien an dem Einzelnen zu rejustieren.“

Seemanns Sicht auf die Welt ist eine hoffnungsfrohe: Irgendwann könnten wir tolerant werden. Die Realität heute für den Einzelnen ist anders. Aber behalten Sie ruhig im Kopf, was Seemann sagt: Das wird auf jeden zukommen.

Für die Nebenklägerin ist der Satz schon Realität, für die Exfreundinnen auch. Selbsternannte Kachelmann-Verteidiger, Brüder und Schwestern im Geiste von ChickenWing601, an vorderster Front eine Pensionärin aus der Schweiz, haben längst die Klarnamen ins Netz gestellt und hetzen in ihren Blogs gegen die Frauen. Die Verlage wiederum gingen so schlampig bei der Anonymisierung der Zeuginnen vor, dass man sie auch ohne Hilfe der Kachelmann-Fans ergooglen kann.
Und da steht dann ihr ganzes Leben vor einem. In alten Zeitungsberichten über ihre Aktivitäten, über Baumbesetzungen und Luftgitarreturniere.

Wir wissen, wer sie sind und was sie im Bett machen. Einfach so.

Von Anfang an wurde als sicher hingestellt, Kachelmanns Karriere sei nun – wie die von Andreas Türck – ruiniert. Dabei ist das Karriereende durch Enthüllungen alles andere als ein Naturgesetz. Hugh Grant, dessen Filmimage als schüchterner, leicht verschrobener und sexuell unbedrohlicher Mann mit Rehaugen heftig herausgefordert wurde durch den Umstand, dass er von der Polizei dabei erwischt wurde, wie er in einem Auto von einer Prostituierten fellationiert wurde, sagte gerade erst im Guardian, das Publikum gebe einen Scheiß auf das Image. „Ich wurde mit einer Hure verhaftet und sie sind immer noch in meine Filme gegangen. Die Leute interessiert nur, ob der Film unterhaltsam ist oder nicht.“

Nein, die Idee, es gäbe irgendwelche Zwangsläufigkeiten im Rahmen und in Folge eines moralischen Skandals, ist absurd. Der Zuschauer mag streng sein, aber konsequent ist er nicht.

Der Effekt der medialen Grenzüberschreitung ist ein anderer: Den Menschen wird ihr Ureigenstes genommen. Ein Huhn, wenn man es denn lässt, legt seine Eier gern in Abgeschiedenheit. Nicht, weil es in der Hühnercommunity verpönt wäre, Eier zu legen. Einfach so. Gefällt ihm halt besser.
Und ein Mensch zieht sich für den Geschlechtsverkehr zurück. Das ist in jeder menschlichen Gesellschaft so, das war in jeder menschlichen Gesellschaft, die es jemals gegeben hat, so: Der Mensch hatte eine Intimsphäre.

Jeder berührt schonmal Geschlechtsorgane mit dem Mund. Verfassungsrichter, Minister, Bischöfe, ebenso Verfassungsrichterinnen, Ministerinnen und Bischöfinnen.
Aber wir verhalten uns so, als täten wir es nicht. Ist eine menschliche Macke.
Das öffentliche Leben (und damit zunehmend: das Leben) ist ein moralisches Versteckspiel: Wer erwischt wird, muss büßen, die Strafe ist die Offenlegung aller eigentlich gar nicht schändlichen Taten.
Stünde morgen früh in der Bild-Zeitung „Günther Jauch hat Sex mit seiner Frau“, wir alle würden während der nächsten „Wer wird Millionär“-Folge betreten zu Boden blicken.

Es geht eben nicht um die Konsequenzen, die der Einbruch in die Privatsphäre für den Betroffenen hat, der Einbruch selbst ist das Verbrechen.

Denn ohne Intimsphäre keine Liebe.

„Aber was denn, was denn? Was heißt denn hier Liebe? Ist nicht Kachelmann ein haltloser Narzisst, dem Liebe völlig fremd ist?“
Woher haben Sie denn diese Information?
„Na, aus einem Nachrichtenmagazin!“

Der Focus zitierte aus dem Gutachten der Psychologin Luise Greuel, die Tat decke sich mit der Reaktion eines ausgeprägten Narzissten, der aufgrund einer Kränkung seiner Wut freien Lauf lässt.
Per Mail fragte ich Greuel, die eigentlich lediglich die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin zu begutachten hatte, ob es üblich sei, einen von ihr nicht untersuchten Angeklagten zu beurteilen. Ihre Assistentin schrieb mir daraufhin, „Frau Prof. Dr. Greuel“ werde „sich nicht zum Verfahren gegen J. Kachelmann gegenüber der Presse äußern. Bitte haben Sie dafür Verständnis und sehen von weiteren Anfragen ab.“

Diese Verweigerung Greuels für Klärung zu sorgen, passt zu diesem Fall: Jedes Gerücht kann gestreut, jede Mutmaßung rumgemeint werden. Jedes Käseblatt bietet psychologische Ferndiagnosen, jeder Mensch, der Kachelmann einmal eine Gurke verkauft hat, kann in der Zeitung ein psychologisches Gutachten über ihn verfassen. Aber Tatsachen? Ja, die gibt es, aber die sind langweilig und damit irgendwie doof. So ein Prozess ist schließlich lang und die einzig seriöse Meldung wäre: Viel wird nicht mehr passieren. Aber Medien sind ungeduldig wie kleine Kinder und grenzüberschreitend wie sehr nervige Eltern, die nicht mitbekommen haben, dass es einen Grund gibt, dass man ab und an das Zimmer abschließt. Störe ich? Ich bin von der größten deutschen Zeitung und möchte möglichst viele möglichst private Fotos von dir auf unserer Titelseite haben.

„Aber ist er nicht ein Narzisst? Immerhin ist die Frau Psychologin und haben nicht Bushman, Donacci, van Dijk und Baumeister (2003) durch drei Studien bestätigt, dass Narzissten eine höhere Neigung zur sexuellen Gewalt haben, wenn sie glauben, auf den Sex Anspruch zu haben, wenn es also erst eine Verbindung gibt und dann eine Zurückweisung?“

Wenn Sie ein kleines Kind haben, dann wissen Sie, wie es mit einem Narzissten ist: Kleine Kinder sind besitzergreifend, charmant, trauen sich alles zu, können fast nichts, würden für Aufmerksamkeit ohne zu zögern in die Steckdose pinkeln und drehen völlig durch, wenn man sie im Einkaufswagen am Schokoladenangebot vorbeifährt.
Das ist narzisstischer Zorn: Der Glaube, auf etwas Anspruch zu haben – und dann ohne Rücksicht auf Verluste auszurasten.

„Oh mein Gott! Aber GENAU DAS ist es doch!
Kachelmann glaubte aus der Vorgeschichte, er habe ein Anrecht dazu und deswegen hat er …! Stoppt die Maschinen, wir müssen es allen sagen: Wir haben das Schwein!“

Die Sache hat eben nur ein, zwei Haken: Wir haben keine Ahnung, ob Kachelmann ein Narzisst ist, es gibt auch überhaupt keine Möglichkeit, das sicher zu testen, weil es zwar einen Persönlichkeitstest (Narcisstic Personality Inventory) gibt, mit dessen Hilfe man narzisstische Eigenschaften abfragen kann, dieser aber nicht zum Ergebnis hat, dass man ab einer bestimmten Punktzahl Narzisst wäre. Narzissmus kann ausschließlich im Rahmen einer Behandlung diagnostiziert werden. Nicht jedoch dadurch, dass man mit der Ex spricht. Dann wäre jeder Narzisst. Der zweite Haken: Selbst wenn er ein Narzisst wäre, hätten wir keine Ahnung, ob er aus narzisstischem Zorn heraus gehandelt hat – wir wissen ja eben nicht, ob er überhaupt gehandelt hat (hier beißt sich der Hund in den Schwanz). Menschliches Verhalten ist schwerer vorherzusagen als das Wetter und Psychologie ist eben keine Mathematik.
Der Focus-Artikel mit dem Gutachten-Auszug ist nicht einfach nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, er ist nicht die Luft wert, die der Praktikant beim Abtippen der Gutachtenpassagen geatmet hat.
Und doch glaubt seitdem jeder, dem Nebensätze zu verwirrend sind, er wisse genau, was in Kachelmanns Psyche los sei.

„Aber ist Kachelmann nicht ein Schwein?
Das doch wenigstens?
Sagte nicht Schwarzer, „der Angeklagte“ lebe „in einem pathologisch anmutenden Gespinst aus Lügen“? Sagte sie nicht, damit verletze er die Menschenwürde der Frauen?
Reicht das nicht?“

In Deutschland verbietet § 30 Absatz 1 Satz 3 der Straßenverkehrsordnung „unnützes Hin- und Herfahren“. Fährt man beispielsweise ohne Notwendigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften eine Strecke mehrmals ab, kann das mit einem Bußgeld von 20 Euro bestraft werden.
Es ist dagegen völlig legal, jemandem das Herz zu brechen.

Gottseidank.

Die meiste Zeit der menschlichen Geschichte war Vergewaltigung nichts anderes als eine Art Eigentumsbeschädigung. Man gab dem Vater des Mädchens, das man geschändet hatte, ein paar Münzen, schlimmstenfalls musste man es, wie noch heute in ländlichen Gegenden der muslimischen Welt üblich, heiraten.
Knaben und Mädchen waren völlig schutzlos dem sexuellen Begehren ausgesetzt. Erst nach und nach sickerte im Lauf der Jahrtausende ins Bewusstsein zunächst der europäischen Gesellschaften, dass Kinder eine Schutzsphäre benötigen und es dauerte von da an noch einige hundert Jahre, bis Vergewaltigung nicht mehr einfach unsittlich war, sondern ein Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Nie gab es in einer menschlichen Kultur so wenige Vergewaltigungen, so wenig sexuelle Gewalt gegen Kinder. Was Frauen und Kinder schützt, ist nicht die individuelle Moral der Männer. Der Schutz besteht, weil wir unter der Herrschaft des Rechts leben. Unser Staat garantiert mit effektiven Mitteln die sexuelle Selbstbestimmung (die Aufklärungsquote bei Verbrechen gegen diese Selbstbestimmung liegt in Deutschland bei etwa 80%). Diese Idee der sexuellen Selbstbestimmung hat sich aus dem Gedanken der Menschenwürde entwickelt. Ebenso aus diesem Gedanken entstammt die Idee der unverletzlichen Privatsphäre.
Es ist ein Bärendienst der schlimmsten Sorte, wollte Schwarzer in Zusammenarbeit mit der Bild diese zivilisatorische Errungenschaft zurückdrehen und aus der absoluten Unverletzlichkeit der Intimsphäre eine Art Belohnung für Wohlverhalten machen. Gehen wir barbarisch um mit einem Mitglied, wird die Gesellschaft barbarischer. Und unter der Barbarei leiden letztlich immer die körperlich Schwächsten.
In einer Gesellschaft, in der Bild und Bunte die Regeln aufstellen, wäre die sexuelle Sicherheit des Einzelnen eher nicht größer.

Keine der betroffenen Frauen wird die Angelegenheit für sich angemessen deuten können, wenn sie sich daran festklammert, von einem quasidämonischen Erzschurken manipuliert worden zu sein. Nicht, weil er so maßlos geschickt wäre, wie immer wieder suggeriert wurde, waren sie ein Paar (und noch ein Paar und noch ein Paar). Sondern weil sie überhaupt keinen Instinkt dafür hatten, was eine Beziehung überhaupt sein kann.

Nun in eine Opferhaltung zu verfallen, wäre eine Sackgasse der Emanzipation. Eine Sackgasse, in die Schwarzer den Feminismus geführt hat. Dort, wo es Nähe gibt, kann es Verletzungen geben. Und die fügen sich Frauen und Männer in schöner Gleichberechtigung zu. Eine freie Gesellschaft verlangt auch etwas von einem.
Dass man weiß, was man will.
Dass man sagt, was man will.
Eine freie Gesellschaft versetzt einen aber auch in die Lage, für diese beiden schwierigen inneren Vorgänge überhaupt Worte zu finden. Aber wir sind eben völlig unaufgeklärt. Hilflos, spießig, betrügerisch, verklemmt, verlogen wie unsere Großeltern.
Wir haben heute, über vierzig Jahre nach der sexuellen Revolution, immer noch eine Sexualität, die Sieger und Verlierer produziert.
Weiter weg von freier Liebe waren wir lange nicht mehr. Da kann man sie noch so sehr an die Öffentlichkeit zerren.


27
Nov 13

Die geplante Familienpolitik der Großen Koalition

Ich habe aus dem an die Öffentlichkeit geratenen Koaltitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD die Passagen kopiert, in denen es um Familienpolitik geht.
Ich lese diese Abschnitte mit gemischten Gefühlen. Einerseits steht da viel Wünschenswertes. Vieles steht dort gar nicht, aber zu detailliert kann so ein Papier natürlich auch nicht sein.
Und doch fehlt mir die Dringlichkeit: Erstaunlich oft soll angeblich Funktionierendes weitergemacht werden. Und das in einem zuspätgekommenen Land wie Deutschland, das den fortschrittlichen Ländern teilweise 40 Jahre hinterherhinkt.
Es interessiert mich, was Ihr davon haltet, vor allem, was ihr euch zusätzlich wünschen würdet.

Zusammenhalt der Gesellschaft
Bevölkerungswandel gestalten
Die Koalition aus CDU, CSU und SPD begreift den Bevölkerungswandel als fundamentale Herausforderung der gesamten Gesellschaft. Er ist eine Querschnittaufgabe.
Wir werden gemeinsam mit Kommunen, Ländern, und den Gestaltungspartnern die Demografiestrategie weiterentwickeln. Sie wird gemeinsame Ziele festsetzen, Handlungsoptionen der verschiedenen Ebenen und Akteure erarbeiten und gemeinsam Beiträge der Partner verabreden.
Dabei sind die lokal sehr unterschiedlichen Auswirkungen des demographischen Wandels zu berücksichtigen. In den neuen Ländern ist der Bevölkerungswandel beispielsweise schon fortgeschritten. Die dort bewährten Maßnahmen machen wir über das Demografieportal des Bundes und der Länder zugänglich.
Wir wollen mit einem Demografiewettbewerb die Regionen unterstützen, die gute Antworten auf den demografischen Wandel gefunden haben. Familienfreundlichkeit verankern wir als Leitprinzip der Gesetzgebung und exekutiven Handelns.
Wir werden ein Prüfverfahren (Demografie-Check) einrichten, mit dem sämtliche Maßnahmen im Rahmen des Strategieprozesses auf Auswirkungen und Zielerreichung hin überprüft werden.
Wir wollen eine gleichwertige Entwicklung in Stadt und Land. Ländliche Räume haben ebenso wie städtische Gebiete Anspruch auf gute Entwicklungschancen. Wir entwickeln die „Initiative Ländliche Infrastruktur“ weiter und erarbeiten gemeinsam mit den Ländern Konzepte für strukturschwache und besonders vom demografischen Wandel betroffene Räume. Wichtiger Ansatz für eine gute Entwicklung in ländlichen Regionen ist die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Kommunen. Diese werden wir weiter unterstützen.
Der demografische Wandel bringt eine verstärkte Nachfrage nach gut qualifizierten Fachkräften im Gesundheits-, Pflege- und Sozialbereich mit sich. Wir wollen gute Arbeit in sozialen Berufen. Wir werden deshalb eine Fachkräfteoffensive sowie eine breit angelegten Kampagne zur Aufwertung dieser Berufe starten.
Familie
Wohlergehen und Fortschritt in unserer Gesellschaft bemesse sich auch daran, wie Menschen miteinander leben, arbeiten und umgehen. Wir wollen das Miteinander aller Menschen in unserem Land fördern, unabhängig von ihrer religiösen, politischen, weltanschaulichen oder sexuellen Identität. Wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, wollen wir sie unterstützen. Dabei setzen wir auf einen Dreiklang von Zeit für Familien, guter Infrastruktur und materieller Sicherheit. Wir wollen Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen auf ein gutes Aufwachsen ermöglichen. Die Gleichstellung treiben wir voran. Wir werden dafür sorgen, dass Frauen und Männer ihre Aufgaben in Familie, Beruf und Gesellschaft partnerschaftlich wahrnehmen können und bestehende geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten – insbesondere in der Arbeitswelt beseitigen. Dazu entwickeln wir eine Politik, die die heutigen unterschiedlichen Lebensverläufe berücksichtigt und Antworten auf die Herausforderungen der Lebensphasen gibt.
Diese Politik wird dann erfolgreich sein, wenn sie umfassend die Demographie unserer Gesellschaft zum Gegenstand hat. Familien, Seniorinnen und Senioren, Frauen und Männer sowie Kinder und Jugendliche sind in eine Strategie für die demographische Entwicklung zu integrieren, die über diese Legislaturperiode hinausgreift.
Vereinbarkeit Familie und Beruf, Erziehung, Betreuung, Bildung Kindertagesbetreuung:
Wir wollen die Qualität der Kindertagesbetreuung weiter vorantreiben. Dafür werden wir die unterschiedliche Ausgangssituation in den Ländern berücksichtigen und gemeinsam mit den Ländern unter Beteiligung der kommunalen Spitzenverbände ein Qualitätsgesetz auf den Weg bringen. Ziel ist es, Fragen der Personalausstattung, Qualifikation und Weiterbildung der Fachkräfte, des Fachkräfteangebots sowie der Sprachbildung zu regeln. [SPD: Wir wollen vor allem im Interesse der alleinerziehenden und berufstätigen Eltern die Ganztagsbetreuung in Kindertageseinrichtungen bedarfsgerecht schrittweise ausbauen.] Nach der erfolgreichen Einführung der sprachlichen Bildung durch spezialisierte Fachkräfte in den Bundesprogrammen „Frühe Chancen Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration“ wollen wir die sprachliche Bildung weiter in den pädagogischen Alltag integrieren.

Wenn nach dem erfolgreichen Ausbau der Kindertagesbetreuung durch Bund, Länder und Gemeinden weitere neue Bedarfe zum Erreichen und zum Erhalt des Rechtsanspruchs U3 festgestellt werden, werden wir prüfen, [CDU/CSU: ob und] inwieweit sich der Bund an der Finanzierung der Investitionskosten durch die Erweiterung des KfW-Kreditprogramms bzw. durch ein drittes Investitionsprogramm (Sondervermögen) beteiligt.
Wir wollen die Kindertagespflege und ihr Berufsbild weiterhin stärken. Dazu sollen die Qualifizierung von Tagespflegepersonen und die Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeit weiter verbessert werden. So wird die Kindertagespflege in das Gesamtkonzept einer qualitativ hochwertigen Betreuung, Erziehung und Bildung eingebunden.
Wir werden noch aktiver für den Nutzen betrieblicher Kinderbetreuungsangebote werben. [Um einen konkreten Anreiz für Unternehmen zur Einrichtung betrieblicher Kinderbetreuungsgruppen zu setzen, werden wir das Förderprogramm „Betriebliche Kinderbetreuung“ fortsetzen.]
[SPD: Auf dieser Grundlage werden die Mittel, mit denen der Bund sich durch eine Überlassung von Umsatzsteueranteilen bereits jetzt an den Betriebskosten (845 Mio. Euro ab 2015) beteiligt in den Jahren 2015 und 2016 in zwei Stufen um insgesamt mindestens 2,1 Milliarden Euro auf 2,945 Milliarden Euro erhöht. Die Laufzeit des Programms Schwerpunkt-Kita Sprache und Integration wird bis Ende 2015 verlängert und mit der zweiten Stufe der Aufstockung der Bundesbeteiligung an den Betriebskosten in die Verantwortung der Länder übergeben.
Zur Gegenfinanzierung werden die durch die Aufhebung des Gesetzes über das Betreuungsgeld eingesparten Mittel eingesetzt. [F: 2015 Mehrbedarf von 1,1 Mrd. Euro, 2016ff Mehrbedarf von 2,1 Mrd. Euro; der Mehrbedarf vermindert sich um die Minderausgaben durch die Aufhebung des Betreuungsgeldgesetzes. Weitere Mehrkosten durch die Fortführung des KfW- Kreditprogramms, des Förderprogramms Betriebliche Kinderbetreuung. Kosten: 110
Mio. Euro/Jahr]
„Erfolgsfaktor Familie“ und „Lokale Bündnisse für Familie“: Familienfreundlichkeit muss ein zentrales Unternehmensziel werden. Mit dem Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“ setzen wir uns gemeinsam mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft, Gewerkschaften und großen Stiftungen dafür ein, dass immer mehr Unternehmen den Nutzen von Familienfreundlichkeit erkennen.
Mit der Charta für familienbewusste Arbeitszeiten wird alle zwei Jahre ein Gremium aus Vertreterinnen und Vertretern der Sozialpartner und der Bundesregierung einen Bericht „Familie und Arbeitswelt“ mit Empfehlungen vorlegen. Die bewährten Kooperationen mit Kommunen sowie mit Akteurinnen und Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft im Rahmen der Initiative „Lokale Bündnisse“ für Familie unterstützen wir und gestalten den Prozess.
Beruflicher Wiedereinstieg: Wir werden Frauen und Männer beim Wiedereinstieg in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nach einer Familienzeit durch die Weiterführung des Programms „Perspektive Wiedereinstieg“ und durch weitere Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung fördern. Bei Einstellungen und Beförderungen im öffentlichen Dienst soll die Kindererziehung positiv berücksichtigt werden. Frauen und Männer, die eine Familienphase einlegen, sollen dadurch keine Karrierenachteile erleiden.
Mehr Zeit für Familien – Partnerschaftlichkeit stärken
Zeitpolitik: Familien brauchen Zeit füreinander. Deshalb machen wir uns stark für eine moderne lebenslauforientierte Zeitpolitik, die Frauen und Männer dabei unterstützt, Beruf, Familie und Engagement zu vereinbaren. Wir wollen Familien wieder zum Taktgeber des Lebens machen: Arbeitgeber, Betreuungseinrichtungen, Schulen, Ämter und Behörden, Dienstleistungsanbieter und Verkehrsbetriebe sollen die zeitlichen Bedürfnisse von Familien besser berücksichtigen und ihre Öffnungs- und Sprechzeiten aufeinander abstimmen. Zeitpolitik befördert wesentlich Wahlfreiheit und ein partnerschaftliches Zusammenleben in Familien.
Elternzeit: [Wir werden die 36 Monate Elternzeit flexibler gestalten. Dazu sollen auch ohne die Zustimmung des Arbeitgebers nach angemessener vorheriger Anmeldung zukünftig 24 statt 12 Monate zwischen dem 3. bis 14. Lebensjahr des Kindes (bisher 8. Lebensjahr) von Müttern und Vätern in Anspruch genommen werden können.]

Elterngeld: [F: Wir werden dafür sorgen, dass den Bedürfnissen der Eltern durch flexiblere Elterngeldregelungen besser entsprochen wird. Zur Weiterentwicklung des Elterngeldes soll das „ElterngeldPlus“ eingeführt werden. Mit einem „ElterngeldPlus“ wollen wir Eltern für die Dauer von bis zu 28 Monaten die bestmögliche Inanspruchnahme des Elterngeldes in Kombination mit einer nicht geringfügigen Teilzeittätigkeit ermöglichen und damit den Wiedereinstieg, vor allem für Alleinerziehende, erleichtern. Den doppelten Anspruchsverbrauch werden wir hierbei beenden.
Mit dem ElterngeldPlus werden wir einen Partnerschaftsbonus z. B. in Höhe von zehn Prozent des Elterngeldes einführen. Ihn erhalten alle Elterngeldbeziehenden, die beide parallel 25-30 Wochenstunden arbeiten. Kosten: 60 Mio Euro/Jahr]
Haushaltsnahe und familienunterstützende Dienstleistungen: [F: Wir werden für Fa-milien die Inanspruchnahme von haushaltsnahen und familienunterstützenden Dienstleistungen weiter erleichtern. Erwerbstätige Eltern, die im Haushalt Kinder betreuen oder Angehörige pflegen, sollen so unterstützt werden, dass mehr sozialversicherte und fair bezahlte Beschäftigung im Privathaushalt entstehen kann. Dabei wollen wir Alleinerziehende und Mehrkinderfamilien besonders im Blick haben.] Wir werden eine Dienstleistungsplattform aufbauen, auf der legale gewerbliche Anbieter haushaltsnaher familienunterstützender Dienstleistungen für Familien und ältere Menschen leicht zu finden und in Anspruch zu nehmen sind.
Aktive Väter: Eine zeitgemäße Familien- und Gleichstellungspolitik bezieht auch Jungen und Männer ein. Wir wollen auch die Rolle des aktiven Vaters in der Kindererziehung und Familie weiter stärken. Erforderlich sind bessere Rahmenbedingungen, damit Väter und Mütter Aufgaben in Familie und Beruf partnerschaftlich aufteilen und Männer eine engagierte Vaterschaft leben können.
Finanzielle Sicherheit für alle Familien
Kinderarmut bekämpfen: Kindergeld, Kinderzuschlag, Kinderfreibetrag: [F CDU/CSU: Wir wollen eine finanzielle Entlastung von Familien durch Verbesserungen bei den steuerlichen Kinderfreibeträgen und beim Kindergeld erreichen. Das Kindergeld leistet einen wesentlichen Beitrag zur Armutsvermeidung von Kindern. Wir wollen es in dieser Legislaturperiode erhöhen. Kosten: 10 Euro Kindergelderhöhung = 1,6 Mrd. Euro, 500 Euro Kinderfreibetragserhöhung = 390 Mio. Euro/Bund]
Durch eine Weiterentwicklung des Kinderzuschlags, der unbürokratischer werden soll, erreichen wir eine bessere Absicherung von Familien mit kleinen Einkommen.
Der Kinderzuschlag ist die effizienteste Leistung, um zu vermeiden, dass Familien mit Kindern Leistungen nach dem SGB II beziehen müssen. [F: Daher wollen wir den Kinderzuschlag erhöhen und ihn durch den Wegfall der Höchsteinkommensgrenze stärken. Kosten: 300 Mio. Euro]
[SPD: Der Kinderzuschlag soll so erhöht werden, dass er einschließlich des Kindergeldes und Wohngeldanteils den durchschnittlichen Gesamtbedarf eines Kindes deckt. Erwerbstätige Eltern sollen dadurch unabhängig vom SGB II-Bezug werden. Kosten: noch offen]
Finanzielle Situation Alleinerziehende und Geschiedener: [F: Der steuerliche Entlastungsbetrag für Alleinerziehende beträgt seit seiner Einführung zum 1.1.2004 unverändert 1.308 Euro, er soll angehoben werden. Die Höhe des Entlastungsbetrags soll zukünftig nach der Zahl der Kinder gestaffelt werden. Kosten: 60 Mio. Euro/Jahr]
Unterhaltsvorschuss:
[F: Wir streben eine Regelung mit den Ländern an, um eine Erhöhung der Lebensaltersgrenze bei Leistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz von 12 auf 14 Jahre zu erreichen. Kosten: 80 Mio. Euro/Bund]
Kinderpolitik
[SPD: Wir werden die Kinderrechte im Grundgesetz verankern, insbesondere den Schutz, die Förderung und die Beteiligung von Kindern. Wir werden jede politische Maßnahme und jedes Gesetz daraufhin überprüfen, ob sie mit den international vereinbarten Kinderrechten im Einklang stehen.]
Adoption: Wir wollen das Adoptionsverfahren weiterentwickeln, das Adoptionsvermittlungsgesetz modernisieren und die Strukturen der Adoptionsvermittlung stärken.
Das Kindeswohl muss dabei immer im Vordergrund stehen. Wir wollen die Möglichkeiten zur Adoption vereinfachen und die Begleitung und nachgehende Betreuung der Adoptiveltern verbessern. Wir werden uns dafür einsetzen, dass im Adoptionsrecht die höhere Lebenserwartung der Menschen und die Tendenz zur späteren Familiengründung berücksichtigt werden und wollen, dass bei Stiefkindadoptionen das Verwandtschaftsverhältnis zu den leiblichen Eltern im Einvernehmen erhalten bleiben kann. Zudem werden wir kurzfristig die Sukzessivadoption für eingetragene Lebenspartnerschaften gesetzlich regeln. [SPD: Lebenspartnerschaften werden bei Adoptionen Ehepaaren gleichgestellt.]
Die Leihmutterschaft lehnen wir ab, da sie mit der Würde des Menschen unvereinbar ist. Wir werden das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft bei Samenspenden gesetzlich regeln.


07
Nov 13

Aufhören!

Vor etwa fünf Monaten habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich lag im Bett mit schwerem Schnupfen und ebenso schweren Gliedern, ich konnte sowieso nicht rauchen, also ergriff ich die Gelegenheit: Ich ließ es einfach bleiben. Ich hörte nicht so sehr auf wegen Lungenkrebs. Ob ich mit 75 an Krebs sterbe oder ein paar Jahre später an Alzheimer, das treibt mich nicht um, beides hat seine unschönen Seiten. Ich hörte auf, weil ich nicht mehr schmeckte, was ich aß. Und man kann ja nun sein Leben nicht in den Dienst der Lebensfreude stellen, wenn man nicht in der Lage ist, Mousse au Chocolat von Hackepeter zu unterscheiden.

Was den Schwierigkeitsgrad des Aufhörens angeht, gilt der Nikotinentzug als der Gewaltmarsch unter den Entzügen. Auf dieser Entzugsskala ist das Aufhören mit dem Nägelkauen ein Spaziergang an einem lauen Sommerabend, das Aufhören mit dem Heroin ein 5000 Meter-Lauf, das Aufhören mit einem Partner, der Tricks im Bett kann, liegt knapp darüber. Aber außer dem Alkoholentzug, bei dem man sterben kann (der Körper kann durch das Aufhören so in Panik geraten, dass das Herz sich aus Selbstschutz geradezu in die Luft sprengt), ist der Nikotinentzug also die Königsdisziplin des Aufhörens. Was zur Folge hat, dass man sich, wenn es mit dem Aufhören gut läuft, fühlt wie Leonardo diCaprio am Bug der „Titanic“.

Die ersten zwei Wochen lang hatte ich Magenschmerzen. Statt wie Leonardo diCaprio fühlte ich mich wie Ottmar Hitzfeld. Ich war reizbar, launisch und sexuell unentschlossen, ich bekam die Haut eines Pubertierenden und hustete, ich hustete, als hätte ich angefangen mit dem Rauchen. Recherchen bei Google ergaben, dass die Flimmerhärchen, die die Lunge reinigen, durch die Zigaretten abgebrannt worden waren und erst jetzt wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten. Ich rotzte also die Ergebnisse von sechzehn Jahren Rauchen Morgen für Morgen in das Waschbecken und fühlte mich nun nicht mehr wie Ottmar Hitzfeld, es ging mir eher wie Saddam Hussein in dem Moment, als der amerikanische Militärarzt seinen Rachen untersuchte.

Überdosis Kekse mit Schokoladenüberzug

Die Erinnerung an Zigaretten fühlte sich an wie eine verlorene Liebe. Ein Stich, eine nicht vergossene Träne, mein innerer Zustand war Rosamunde Pilcher im Endstadium, mir war nach Weinen zumute und nach einer Überdosis Keksen mit Schokoladenüberzug. Doch ich hielt durch. Und mit den Wochen setzte ein Wandel ein, wie ich ihn nicht für möglich gehalten hätte. Zuerst merkte ich, dass ich keine Kopfschmerzen mehr hatte. Ich merkte sogar jetzt erst, wie oft und wie heftig ich vorher Kopfschmerzen gehabt hatte. Die Schmerzen waren zu meinem normalen Kopfgefühl geworden. Und ich schlief besser ein, so gut schlief ich ein, dass ich zum ersten Mal seit meinem zehnten Lebensjahr vor Mitternacht einschlief, ich ruhte auf einmal acht statt fünf Stunden, ich war so frisch und lebendig wie eine Punica-Werbung. Das letzte Mal, als mein Körper solche Veränderungen durchmachte, sind mir Schamhaare gewachsen.

Das Aufhören ist das Schöpfen des kleinen Mannes, dachte ich. Wer wie ich nichts Neues schaffen kann, der erzwingt Wandel eben einfach durch Verzicht. Sollte sich das, was immer meine größte Schwäche gewesen war, als meine größte Stärke erweisen? So lange ich mich erinnern kann, war ich ein Quitter, ein Hinschmeißer: kein Durchhaltevermögen, nur bedingt abwehrbereit. Musikalische Früherziehung: frühzeitig abgebrochen. Blockflötenunterricht: geschmissen. Klavierunterricht: nie über Muzio Clementi hinausgekommen. Um nicht beim Schwimmunterricht in der Schule mitmachen zu müssen, bin ich zum Amtsarzt gegangen mit der Behauptung, eine Chlorallergie zu haben.

Der Amtsarzt wusste genau, was für ein Exemplar er da vor sich hatte, brummte aber bloß: „Aber wähl bitte nicht in der Oberstufe Schwimmen.“ Ich habe es sogar geschafft, mit Mathematik aufzuhören, obwohl der Kurs verpflichtend war, es war in diesem Fall allerdings nur eine innere Kündigung. Dass ich mit dem Jurastudium aufgehört habe, hat schließlich ermöglicht, dass ich Autor geworden bin. Aufhören kann ich richtig gut. Und es hat mir viel Freude gemacht. Gut, ich kann auf Abendveranstaltungen nicht lässig zum Klavier schlendern und Chopin spielen, aber das, was ich an Überredungskunst bei meinen Eltern aufwenden musste, um mit all dem aufhören zu können, war genug Training, um Chopin kompensieren zu können.

Zum ersten Mal seit der Zeit, als im Fernsehen noch „Die Pyramide“ lief, war ich eins mit dem Zeitgeist. Ich hatte Verzicht geübt und wurde reich belohnt. Um noch mehr eins zu werden, fuhr ich mit meiner Freundin an die Ostsee. Natürlich in ein Biohotel mit Sternen, so eine Art Manufaktumkatalog unter den Hotels. Tagsüber fuhren wir Rad, abends brachte uns der Kellner Grüße aus der Küche und erzählte, sein Heilpraktiker habe ihm gegen sein Burnout-Syndrom empfohlen, seine Wut in die Wellen zu schreien. Der Kellner war natürlich eigentlich Sommelier und aß manchmal Sand, um seine Geschmacksnerven zu trainieren, und ich hatte eine neugewonnene Lebenserwartung von etwa 90 Jahren. Ich war eine Prenzlbergmutti, hätte irgendwo Laub gelegen, ich wäre mit meinen Füßen durchgefahren und hätte es fliegen lassen.

Alle so gesund hier

Dann las ich in einem nachhaltigen Strandkorb das neue Buch von Michel Houellebecq. Der schreibt vom „theatralischen Ton, den die Ober in den mit einem Stern ausgezeichneten Restaurants annehmen, um die Zusammensetzung der „Amuse-Bouche“ und sonstiger „Grüße aus der Küche“ anzukündigen“, was die Hauptfigur an „sozialistische Priester“ erinnert, die eine „andächtige Messe“ wünschen. Es sei das „epikureische, friedliche, gepflegte Glück (…), das die westliche Gesellschaft den Angehörigen der Mittelschicht gegen Mitte ihres Lebens bietet“. Houellebecq, der Hund! Ich blätterte hektisch weiter – tatsächlich: Sex spielte keine Rolle mehr im neuen Houellebecq.

Ich schaute mich um: Alle so gesund hier, alle rotbäckig, gut verdienend, sie würden alle noch mindestens 60 Jahre leben, aber es würde sich anfühlen wie 600 Jahre. Maß halten! Ich war in der Hölle, betrieben mit Solarenergie. Alle hier hatten mit allem aufgehört, mit dem Rauchen, mit der Völlerei, mit dem Ehebruch, mit der lauten Musik, etwas Fleisch noch, ok, aber morgen nur Soja, Wein bloß ein Schluck. Und in der Nacht würden wir alle am Meer stehen und in die Wellen unsere Wut hineinschreien.

Das gute Brot, die gute Luft, das schöne Radfahren und unsere Rockstars sind „Wir sind Helden“. Der nächste Schritt ist unweigerlich die Askese. Auf Wiedersehen „The Bird“, wo ich den besten Burger der Stadt esse, das Rindfleisch so roh, dass die Hufe noch dranhängen, auf Wiedersehen Kater, der mich früher daran erinnerte, dass ich in der Nacht zuvor etwas richtig gemacht hatte, auf Wiedersehen Übertreibung, Ausschweifung. Nur noch eine ferne Erinnerung der heilende Moment, in dem man sich selber nicht mehr im Spiegel sehen kann. Jetzt sind alle im Reinen mit sich, das kann nicht gut gehen.

Wohin es führen kann, wenn eine Gesellschaft mit allem aufhört, was sie rücksichtslos, fordernd, laut und unappetitlich sein lässt, kann man bei den alten Römern studieren. Die hörten auf mit ihren Orgien, mit ihrer Sklavenhalterei, mit ihren Straßenstrichen und ihren Bordellen, in denen man sich vom Blutrausch der Arena erholen konnte, sie hörten auf, die größten Arschlöcher der damals bekannten Welt zu sein – und wurden Christen. Eine neue Welt erblühte, eine Welt der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, eine Welt der guten Werke, in der man den Armen die Füße wusch und in der Sklaven Päpste wurden, eine Welt, in der man ganz nah bei Gott war. Und weit davon entfernt, fließend Wasser zu haben.

Gutmenschen, Schlechtmenschen

Ja, seltsamerweise ging mit dem ganzen Schindluder, den die alten Römer getrieben hatten, auch die komplette Zivilisation den Bach runter. Die christlichen Glaubenskrieger waren zwar gut in Fundamentalismus, aber schlecht in Straßenbau, Architektur, Kunst, Schifffahrt, Hygiene, Geburtenkontrolle (na: da erst recht), sie konnten nicht dichten, nicht denken und eine Ars Amandi hat auch keiner von ihnen geschrieben. Sie hatten aufgehört. Mit allem. Die Christen waren im Grunde das, was man heute den Grünen vorwirft. Gutmenschen, die einen Tugendstaat errichteten, in dem insgesamt weniger los war als in Wuppertals Fußgängerzone an einem Mittwochabend um 21 Uhr. Nun lässt sich mit lauter Schlechtmenschen jedoch kein Staat machen und Gladiatorenspiele machen auch bloß Spaß, wenn die handelnden Akteure keine Familienmitglieder sind.

Der österreichische Kulturphilosoph Robert Pfaller schreibt in seinem neuen Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“: „Ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will, beginnt unweigerlich dem Tod zu gleichen“. Ich bat ihn, mir die Lage der Dinge zu erklären und er sagte, die heutigen Tugendwächter seien tatsächlich Christen, allerdings ohne es zu wissen. Dies habe mit den 1968 entstandenen Bewegungen zu tun, die alle auf ihre Art christlich gewesen seien. Da das Christentum eine „zutiefst ichbezogene, narzisstische Formierungskraft der Psyche“ sei, könne die Verinnerlichungsbewegung so massiv sein, dass sie sich selbst nicht mehr als religiöse Bewegung wahrnehme. Deshalb gebe es Christentum, das von sich selbst nicht wisse. Gibt es also eine kryptochristliche Erweckungsbewegung? Hoffen wir alle auf Wiedergeburt auf einem saubereren Planeten?

„Schöne neue Welt“

Während in „Schöne neue Welt“ sehr akkurat unsere Zivilisation beschrieben ist, wie sie sein wird, wenn wir weitermachen wie bisher, zeigt der 1993 entstandene Film „Demolition Man“ unsere Gesellschaft, wie sie sein könnte, wenn wir aufhörten. Nach Meinung des Internationalen Filmlexikons fehlt es dem Film an „einer halbwegs plausiblen Zukunftsvision“. Eine Kritik, die belegt, dass man beim Internationalen Filmlexikon noch nie von Jonathan Safran Foer, Tipper Gore oder auch von Tippers Mann Al gehört hat.

„Demolition Man“ zeigt eine Zukunft, in der vegetarisch gespeist wird, in der man nicht flucht und in der man dem Klima Wollsöckchen strickt, weil man es so gern hat. (Sex, das nur nebenbei, wird auch recht keusch und berührungslos praktiziert.) Jonathan Foer dürften Sie noch kennen von Ihrem letzten Versuch, keine Tiere mehr zu essen, er lebt ganz gut davon, genau das zu tun und darüber zu schreiben, der Verzicht auf Fleisch als Weg zum Wohlfühlen. Tipper Gore ist für die „Parental Advisory“-Aufkleber auf CDs verantwortlich, da sie die Familienwerte durch Rockmusik gefährdet sah. Und schließlich Al Gore: Der macht uns allen, indem er um die Welt fliegt, deutlich, dass wir durch das Fliegen das Klima beschädigen.

Er ist wie Superman, bloß ohne Privatleben, er ist unermüdlich im Einsatz für Thermometerstabilität und man möchte sich die sarkastischen Finger abhacken für jeden dieser Sätze: Denn schließlich sind wir es ja nicht mit unseren Gefrierkühltruhen und Erfrischungsgetränken, die unter dem Klimawandel am meisten leiden werden, sondern die Ärmsten der Armen. „Wenn ich fertig mit dir bin, sieht dein Loch aus wie Kotelett“, ist ein Auszug aus „Pimplegionär“ von Kool Savas, und ein Satz, den man nicht unbedingt auf dem iPod der achtjährigen Tochter hören möchte, und Tiere, ja mein Gott, die will doch kein Mensch ernsthaft in Transporten durch ganz Europa sehen, in denen ihnen bei lebendigem Leib die Knochen brechen, in denen sie halb wahnsinnig vor Durst dem Verrecken entgegenfiebern. Man will doch ein Huhn als Mitgeschöpf erleben, nicht als Chicken Wing mit süß-saurer Soße.

Die Erde pfeift auf Wälder

Foer und die Gores haben Recht. Man muss mit all dem aufhören, ich gebe bloß zu bedenken: Die Rouladen meiner Mutter, Jay-Z und Fahrten ins Grüne. Foer und die Gores haben Recht. Und sie sind die Pest. Ich fragte Robert Pfaller, wie ich mit meinem persönlichen Dilemma umgehen sollte: Wenn das Aufhören die Wangen doch so rosig macht, aber es mir gleichzeitig hochkommt, wenn ich noch eine einzige PETA-Anzeige sehe. „Nun, wenn es irgendjemandem besser geht, wenn er kein Fleisch isst, dann ist das ja völlig in Ordnung – dann soll er eben ruhig keines essen. Sich dabei aber auch noch einzubilden, dass man dadurch die Welt rettet, finde ich etwas vermessen.“

Was noch schlimmer ist als die andächtigen Aufhörer von meiner Art, sind die moralischen Unternehmer. Das sind die Leute, die professionell anderen Verhaltensnormen auferlegen wollen. Besessene Bekehrer. Zu den wenigen Tätigkeiten, die mehr Vergnügen bereiten als aufhören, gehört eben, andere zum Aufhören zu bewegen. Europa war einmal von Urwäldern bedeckt, die man nach und nach zu Häusern, Schiffen und Brennholz machte. Versuchen die Südamerikaner einen Zivilisationssprung, heißt es: Hört auf, die Lunge der Erde zu zerstören! Die Erde atmet entweder längst nur noch mit einem Lungenflügel, weil wir Europäer den anderen schon vor langem platt gemacht haben, oder die Erde pfeift auf Wälder – ich bin kein Wissenschaftler, nicht einmal besonders häufig im Wald –, aber die meisten Regenwaldretter haben eben auch keine Ahnung. Dafür ein astreines Gewissen. Und was macht man, wenn man ein gutes Gewissen hat? Man verbietet.

Und zwar alles, was sich bei drei noch nicht an einen Baum gebunden hat: Jugendliche dürfen nicht mehr auf die Sonnenbank, versteckte Fette müssen immer einen Personalausweis dabei haben und rauchen darf man in der Öffentlichkeit nur noch, wenn man mal Bundeskanzler war. Der normale deutsche Ordnungsamts-Irrsinn paart sich mit der Prüderie der amerikanischen Internetunternehmen (Apple und Youtube verbieten rigoros Abbildungen von Brustwarzen) und einem Zeitgeist, der merkwürdig geistlos alles als anstößig empfindet, was nicht von der Zeitschrift Ökotest oder Alice Schwarzer als unbedenklich empfohlen wird.

Steuern und Strafen für Dicksein

Rüdiger Suchsland schreibt auf heise.de, wir lebten „längst in einem moralischen Mullah-Regime der feministischen Taliban, die bald Kleidungs- und Gucknormen errichten werden.“ Und Claudius Seidl fügt in der FAZ hinzu, man habe sich ja „schon vom Rauchen und dem Trinken verabschiedet – und dass demnächst die Prostitution und die Pornographie dran sind, ist da nur konsequent.“

Als ich mich bei Robert Pfaller erkundigte, welche der kleinen Alltagssünden wohl als nächste verdrängt werden würden, antwortete er: „Es sind ja jetzt schon mehrere gleichzeitig: Jeglicher außereheliche Sex wird in die Nähe der Vergewaltigung gerückt, die Alkohollimits für Autofahrer werden ohne Grund heruntergesetzt, an Steuern und Strafen für Dicksein wird gearbeitet, ohne Extremsportart kommt man bei bestimmten Bewerbungsgesprächen nicht mehr weiter.“

Man denke nur daran, dass die Affäre des kalifornischen Gouverneurs Schwarzenegger mit seiner Haushälterin oft in einem Atemzug mit der Verhaftung Dominique Strauss-Kahns genannt wurde – in den Köpfen mancher Journalisten scheint Ehebruch tatsächlich ein Verbrechen zu sein. Peter Praschl schrieb im SZ-Magazin: „Man kann keinem Mann über den Weg trauen, keinem einzigen, möglicherweise steckt in ihm der Teufel, man sieht es ihm nicht an.“ Er stellte dort den Fußballer Franck Ribéry, der eine Prostituierte, die erst 17 war, aber – wie sie selbst beteuerte – über ihr Alter gelogen hatte, gebucht hatte, in eine Reihe mit Jörg Kachelmann, den er leichter Hand einfach mal vorverurteilte. Wie wir heute wissen, zu Unrecht. Pfaller sieht nicht die direkten Verbote als die größte Gefahr, sondern den „durch mangelnde Geselligkeit und durch Zerstörung öffentlicher Räume bedingten Verlust der Genussfähigkeit: Man wird uns gar nicht alles verbieten müssen, da wir, unfähig geworden, das meiste von selbst spontan als eklig, politisch fragwürdig, anstößig, unmoralisch und ungesund empfinden und ablehnen werden.“

Abbildungen der Realität

Die Journalistin Iris Radisch ließ jüngst zum zweiten Mal in der Zeit ihrer Abscheu über Pornographie freien Lauf (nachdem sie gerade erst ein paar Monate zuvor ein glühendes Plädoyer für den Vegetarismus gehalten hatte, in dem sie die Frage stellte – und natürlich verneinte – ob wir überhaupt Tiere essen dürften). Radisch sieht es als gegeben an, dass unter Schulkindern Gangbang-Videos verbreitet sind, wobei sie Gangbang mit „Massenvergewaltigung einer Frau“ übersetzt. Nun versteht man jedoch unter Gangbang etwas völlig anderes, nämlich Gruppensex, oder, wie Wikipedia es ausdrückt: Rudelbums. Ausgehend von ihrer Falschübersetzung kommt sie zu dem Schluss: „Schulkinder imitieren ,Gangbang‘-Vergewaltigungen.“ Wer eh Recht hat, der muss sich um die Wirklichkeit nicht mehr kümmern. Und: Wie imitiert man eigentlich eine Massenvergewaltigung? Spielt einer mehrere Rollen oder lassen alle die Hosen an?

Gegen mich, Liebeskolumnist und Ex-Zivi, ermittelte im vergangenen Jahr zwei Mal das Landeskriminalamt Berlin. Wegen Gewaltverherrlichung und Beschimpfung religiöser Bekenntnisse. Ich hatte in meinem Blog das Video einer Hexenverbrennung in Kenia gepostet und das Bild eines Kruzifixes, auf dem Jesus Christus mit phallusartigen Bauchmuskeln im Stil des Kreuzes von San Damiano dargestellt war. Beides waren nur Abbildungen der Realität, aber von der Wirklichkeit mag mancher sich eben einfach nicht mehr belästigen lassen.

Nun mögen die Leser dieser Zeitung meinen, die Herren Dichter und Denker würden wohl übertreiben und außerdem seien diese Sachen, Fleischkonsum, Rauchen und Porno, also, ja auch alle schlecht. Aber eine echte Verbotskultur macht ja nicht einfach so Halt bei den irgendwie noch nachvollziehbaren Sachen. Am Ende möchte eben jeder etwas verbieten, es gibt ja nicht nur Christen, sondern auch eine Menge Muslime, und schließlich darf niemand mehr irgendwas, was dem anderen hinter dessen geistigen Jägerzaun nicht in den Kram passt.

Das Böse wird aus der Welt herausgehalten

Was in Sachen Verbotskultur beispielsweise in den Köpfen junger Migranten rumspukt, ist zur Zeit sehr hübsch auf der Facebookseite des auch in Deutschland recht erfolgreichen österreichischen Rappers Nazar zu sehen. Der aus dem Iran stammende Musiker entschuldigt sich dort bei „seinen muslimischen Brüdern und Schwestern“ für eine Zeile aus dem Stück „Kein Morgen“. Es geht dort darum, dass Nazar tätowiert ist. Und das ist, so erklären die jungen Korankundler, die ihn zu Hunderten wütend angreifen, mit wachsender Ungeduld, verboten, weil man den Körper so zurückgeben muss, wie man ihn bekommen hat. Nazar selbst ist auch ein Anhänger von Verboten, er postet zusammen mit einigen zustimmenden Sätzen ein Video, in dem ein junger Politiker der SPÖ, also der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, das Verbot des kleinen Glücksspiels fordert. Das kleine Glücksspiel, das sind die Spielautomaten, und weil die die kleinen Leute ruinieren, soll man sie verbieten. Denn, so die schlagende Logik des jungen Mannes, wenn es sie nicht gäbe, hätte niemand ein Bedürfnis nach Glücksspiel. Das Böse wird aus der Welt herausgehalten durch Verbotsschilder, so denkt man sich das heute. Das hat zwar nicht einmal bei Adam und Eva geklappt, aber warum sollte man es nicht immer wieder versuchen?

Dass das Bedürfnis nach Rausch nur in der Welt sei wegen der Verfügbarkeit von Rauschmitteln, ist ein frommer Unsinn, der im Grunde nur an der Realität scheitert. Die Inuit, die in Ermangelung von Pflanzen Schwierigkeiten haben, an Rauschdrogen zu gelangen, essen tagelang nichts und schlafen wenig, um so ein kleines bisschen high zu werden. In Sibirien tauschte man ausgewachsene Rentiere gegen einen kümmerlichen Fliegenpilz und weil der Pilz gar so teuer war, trank man seinen eigenen Urin, um nochmal was von dem Rauschmittel zu haben.

Mit Stress klarkommen

Der Mensch mag ein wenig Exzess, nur wenn er langsam ältlich wird und finanziell ausgesorgt hat, dann wird er wie Harald Schmidt und interessiert sich bloß noch für seine Verdauung. John Lennon nannte „Rubber Soul“ das Cannabis-Album der Beatles, „Revolver“ das LSD-Album. Lady Gaga dagegen nimmt verschreibungspflichtige Medikamente, um mit dem Stress klar zu kommen. Hedonismus ist etwas für Hartz-IV-Empfänger, der Künstler von heute hat zwischen zwei Terminen gerade noch Zeit für biotische Ernährung und einen Arztbesuch. Ob man das an der Musik hört, werden erst spätere Generationen sagen können, ich habe einen Tipp bei meinem Buchmacher hinterlegt.

Wir verhalten uns wie nachdenkliche Arbeitsbienen. Den ganzen Tag schwirren wir umher und sammeln und putzen und halten Instand und schließen Lebensversicherungen ab und halten Termine ein und rufen zurück und buchen Waben und sagen Termine ab und ignorieren unser Handy nicht und nehmen einen Zweitjob an und helfen ehrenamtlich bei „Pollen für drohnenlose Larven e.V.“ und abends, da gönnen wir uns keinen Nektar, wegen der schlanken Linie. Wir sehen im Grunde längst aus wie Wespen.

Für den Einzelnen ist das Aufhören eine wichtige Übung. Wir als Gesellschaft sollten schleunigst aufhören mit dem Aufhören. Denn wie könnte ich stolz auf mich sein, mein Rauchen überwunden zu haben, wenn ich nie hätte anfangen dürfen?


26
Jul 13

Väter gegen Mütter

Ich bin seit knapp sechs Monaten Vater.
Die ersten Wochen mit dem neuen Menschen sind eine Zeit, die vermutlich nur andere Eltern nachvollziehen können. Aufregend, ermüdend, an die Grenzen treibend. Aber schön, wunderschön. Ursprünglich wollte ich die ersten zwei Monate nicht arbeiten und nur bei meiner Frau und dem Baby sein, aber dann kam das kleine Gemeinschaftsprodukt zwei Wochen früher als erwartet, einige Texte waren noch nicht fertig, ich musste also erst einmal weiterarbeiten. Es kamen neue Aufträge, die ich nicht absagen wollte, und auf einmal merkte ich, dass ich Geld viel wichtiger als zuvor fand. Ich war in einem Versorgermodus, ich fing eine Sache nach der anderen an, weil ich auf einmal das Bedürfnis nach einem satten Polster auf dem Konto hatte, ein Polster, das auch noch halten würde, wenn ich einmal krank wäre, ein Windelpolster, ein Fläschchenpolster, ein Medikamente- und Spielzeugpolster, ein Größerewohnungpolster.
Ich redete mit meinem alten Freund K. über diesen Versorgermodus. K. sagte, ich solle vorsichtig sein. Er fahre in diesem Modus seit 5 Jahren und sei mittlerweile „stresskastriert“. Im Bett laufe deswegen schon ewig nichts mehr. Dazu verachte ihn seine Frau, weil sie nur halbtags arbeite, während er ja unbedingt Karriere machen müsse, während sie bei den Kindern zu bleiben habe.
Eine Scheidung käme aber nicht infrage: Dann würde er seine beiden Töchter nie wieder sehen. Mütter würden doch immer das Sorgerecht bekommen.
Von solchen Dingen will ich im Moment eigentlich nichts wissen. Und erst recht nichts von Geschlechterkrieg und Kampf um das Kind. Und außerdem: Haben wir das nicht überwunden? Wenn es die für alle frischen Eltern düstere Bedrohung am Horizont schon gibt – dass man eines Tages keine Familie mehr ist – kann man dann nicht wenigstens darauf hoffen, dass das alles zivil über die Bühne geht?
Je mehr ich mich umhörte, desto klarer wurde mir: kann man nicht. Im Gegenteil, die Frauen und Männer rüsten auf im Kampf um das Kind, es wird, fein säuberlich getrennt nach Geschlechtern, in Lagern gekämpft. Es gibt nicht mehr nur die Vätervereine, die sich bereits seit 40 Jahren bemühen, die Rechte der Väter zu vertreten, sondern seit kurzem auch zum Beispiel den Verein „Mütterlobby“ für weibliche Scheidungskriegsopfer. Zweite, unschöne Erkenntnis: Die Weichen für diese traurigen Rosenkriege werden zu einer Zeit gestellt, zu der viele an Trennung noch gar nicht denken. In dem Moment nämlich, in dem wir in die Geschlechterrollenfalle tappen. Und das passiert den allermeisten Paaren. Weil, dritte Erkenntnis: Die Politik immer noch versagt, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in Familien- und Arbeitsleben zu unterstützen.

Natalie Bauer, die in Wirklichkeit anders heißt, wollte nach der Scheidung durchsetzen, dass ihre Kinder bei ihr wohnen und den Vater nur alle zwei Wochen sehen. Sie hatte gute Argumente auf ihrer Seite, denn es gilt im Sorgerechtsverfahren das Kontinuitätsprinzip, und Bauer hatte zum Zeitpunkt der Trennung fünf Jahre in Elternzeit verbracht, während ihr Mann Vollzeit weiter arbeitete. Meistens war er erst um neun Uhr abends daheim, die Kinder waren dann schon im Bett.
Im Sorgerechtsverfahren behauptete ihr Ex-Mann dann, sie habe ihn und die Kinder massiv geschlagen. Auf den Gedanken, das zu behaupten, habe ihn wohl ein Väterverein gebracht, glaubt Natalie Bauer, die sich inzwischen vom Verein „Mütterlobby“ beraten lässt.

Nur so sah ihr Ex-Mann wohl eine Chance, das Umgangsrecht zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Während die gemeinsame Sorge inzwischen Standard ist, ist die Frage des Umgangsrechts zurzeit das umstrittenste Thema zwischen organisierten Vätern und Müttern. Die Väter befürworten ein Modell, bei dem die Kinder jeweils für einige Tage bei der Mutter und dann beim Vater leben. Gängiger ist das Residenzmodell, bei dem das Kind einen Hauptaufenthaltsort hat. Das von den Vätern favorisierte Wechselmodell, inzwischen in den USA, Frankreich, Spanien und anderen Ländern gesetzlich verankert, scheint sich auch in Deutschland durchzusetzen.

Die Kinder sollen beide Eltern haben, klar, das klingt logisch. Aber warum erst nach der Scheidung? weiter bei der Berliner Zeitung


18
Jun 13

Mr President: Tear down these headphones!

Sehr geehrter Herr Präsident, einer Ihrer zahlreichen inoffiziellen Ehrentitel ist “Führer der freien Welt”.
Es gab in der Geschichte der Menschheit zahlreiche Führer der Welt. Von Alexander über Nero bis zu Dschingis Khan und Napoleon formten Männer die Geschichte, die ihre Völker in Ketten legten.
Einzig die amerikanischen Präsidenten konnten für sich in Anspruch nehmen, Völker zu befreien.
Noch heute gilt der Tag der deutschen Niederlage im zweiten Weltkrieg als Tag der Befreiung.
Mr President, als Sie gegen Ihren Vorgänger antraten, war die Begeisterung in Deutschland, ja in der ganzen Welt, so groß, dass man Sie vermutlich zum Kanzler, zum Prime Minister, Generalsekretär der Kommunistischen Partei, wahrscheinlich sogar zum Ministerpräsidenten Bayerns gewählt hätte.
Die ganze Welt hat auf Sie geschaut. Sie waren ein moralisches Versprechen.
Viele amerikanische Präsidenten hatten ihren Teil dazu getan, das Bild vom Führer der freien Welt zu beschädigen.
Japanische Amerikaner waren interniert, linke Intellektuelle auf schwarze Listen gesetzt, junge Menschen in immer fragwürdigere Kriege getrieben worden. Doch immer blieb da dieses Versprechen von Freiheit, der Glanz der Miss Liberty, der über das ganze Land strahlte.
1989 waren Sie noch ein junger Mann. Damals endete die Zeit einer Macht, die einer Ihrer Vorgänger als Evil Empire bezeichnet hat. Die Menschen in Deutschland lagen sich in den Armen. Es war nicht einfach nur die Freude darüber, wieder vereint zu sein. Es war das unfassbare Glück zu sehen, dass Menschen nicht überwacht werden können, dass die Freiheit siegen kann.
Die Stasi öffnete Briefe, sie verwanzte Wohnungen, sie zwang Freunde, Freunde zu bespitzeln, Ehepartner schwärzten einander an.
Es war wie wir heute wissen, kein Imperium des Bösen, sondern eine recht normale Diktatur.
Wenn nun Ihre Geheimdienste jede Nachricht, die wir einander zukommen lassen, jedes Foto unserer Kinder, jeden Liebesschwur und jeden Wutaubruch, speichern, archivieren, lagern, um ihn eines fernen Tages möglicherweise gegen uns zu verwenden, dann nutzen Sie dies nicht, um uns zu unterdrücken.
Sie wollen uns schützen.
Sie rauben uns unsere Würde, um uns zu schützen.
Was ist die Würde vieler gegen das Leben einiger?
Alles.
Das Wesen der Würde besteht darin, nicht aufwiegbar zu sein. Es widerstrebt menschlicher Ethik, den einen zu opfern, damit viele leben können. Die Jungfrau, die dem Drachen geopfert wird: Das war ein barbarischer Akt.
Was dann erst die Opferung unser aller Würde?
Mr President, reissen Sie die Kopfhörer herunter, seien Sie der Führer der freien Welt, nicht bloß ein weiterer Herrscher.


15
Mai 13

Telekom: Werdet zu Tropfen.

183 Millionen Euro hat die Telekom (Ihre Verbindung. Wir gestalten.) im vergangenen Jahr für Werbung ausgegeben. Allein 30 Millionen kassiert der FC Bayern vom ehemaligen Staatsunternehmen. Schwer, gegen diese Propaganda-Power anzukommen.
Umso schwerer, wenn es darum geht, sperrige Begriffe wie Netzneutralität einer Masse von Menschen nahe zu bringen. Also versuchen wir nun, mit Werbung dagegen zu halten.
Mailt die Motive an Eure Eltern, Eure Großeltern, Eure Geschwister. Um die Netzneutralität zu erhalten brauchen wir die Hilfe derer, die noch gar nicht wissen, warum sie wichtig ist.
Die Telekom ist geboren im Shitstorm, geformt von ihr: Wir brauchen keinen Sturm, wir brauchen ein Meer. Wasser bricht auch noch den stursten Stein. Werdet zu Tropfen.

Mathias Richel mit den Hintergründen
echtesnetz.de


01
Mai 13

Piraten!

Mein in Japan lebender Freund Robin berichtet, wie er dort einen Internetanschluss bekommt:

Wir sind jetzt umgezogen und ich habe einen neuen Internetanschluss beantragt. 30 Minuten nachdem ich das Online-Formular ausgefuellt hatte, kam ein Anruf von dem Callcenter. Den konnte ich nicht beantworten, weil ich bei der Arbeit war, also habe ich spaeter die kostenfreie Nummer zurueckgerufen und der Dame meinen Namen gesagt, die wusste dann Bescheid und hat mir einen Termin fuer die Installation genannt. Der lag zwei Wochen in der Zukunft, also hat sie sich entschuldigt (haette sie aber auch, wenn es zwei Tage gewesen waeren).

Leider gibt es in meiner Gegend noch keine Gigabit-Leitungen, also muss ich mit 200 MB-Download (best effort) Vorlieb nehmen. Ich glaube, es kostet 4000 Yen im Monat. Fernsehanschluss und Telefon sind inbegriffen. Die Installation kostet ca. 30.000 Yen, wird uns aber in 24 Monatsraten zurueckgezahlt.

4000 Yen sind etwa 30 Euro im Monat, die Installation ist entsprechend mit etwa 230 Euro durchaus happig, ist aber eher eine Art Investitionsvorschuss, die man dem Unternehmen gewährt. Dazu muss man bedenken, dass Japan ein Hochlohnland ist. Vor dem Umzug hatte er übrigens 1 Gigabit/s.

Sascha Lobo schreibt in seiner Kolumne auf SpOn:

Die durchschnittliche Geschwindigkeit in Deutschland liegt bei 6 Mbit/s, mehr als 10 Mbit/s erreichen nur 8,8 Prozent der Anschlüsse.

Die Empörung der Nutzer hilft da wenig. Kerstin Hoffmann, die sich auf der Facebookseite von Vodafone über ihren Vertrag beschwert hat und zwar viele Likes bekam, aber nicht das, was sie wollte, schreibt dazu: “Immer mehr Fachleute legen nahe, dass es zwar noch keine belastbaren Untersuchungen gebe, dass aber wahrscheinlich die Auswirkungen der digitalen Empörungswellen weit geringer für die Firmen seien, als bisher allgemein orakelt wurde.”

Ich habe diese Erfahrung ebenfalls gemacht. Auch auf meinen Text hin hat sich bei Vodafone niemand gerührt.
Ich habe damals versucht, zu verstehen, warum es in Deutschland mit der Telekommunikation so schwierig ist. Ich habe die Geschichte der Unternehmen nachgezeichnet, die beinahe unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Callcenter-Agents beschrieben.

Aber irgendeinen spezifischen Grund muss es doch darüber hinaus geben, dass das Thema Internet von der deutschen Politik im Grunde nur als Bedrohungsszenario erwähnt wird. Das Internet ist hier zum einen etwas, das dem Bestehenden etwas wegnimmt: Dem Tatortschreiber seine Tantiemen, dem Buch seine Leser, den Zeitungen ihre Texte. Zum anderen wird es als reine Unterhaltungsmaschine wahrgenommen. Demzufolge wird man durch ein technisches Wunder, das einem Zugriff auf das Wissen der Menschheit ermöglicht, dümmer (“Digitale Demenz”).

Schon in den Achtzigern zeichnete sich eine spezifisch deutsche Technikangst ab. Die jüngste Partei des Landes wollte ein Zurück zur Natur. In diesem Gesamtkontext versteht man, wie wichtig die Piraten sein könnten. Hätten gewesen sein können, muss man wohl sagen.
“Darauf zu hoffen, dass der Markt diese Probleme reguliert, hieße darauf zu hoffen, dass die großen Tabakfirmen eine Zigarette erfinden, die Krebs heilt”, habe ich damals geschrieben. Man braucht die Politik. Wieder Sascha Lobo fordert dazu auf, die Blogger von Netzpolitik.org zu unterstützen. Ich denke, man kann sich da anschließen, aber ich will noch nicht ganz von den Piraten ablassen. Wenn die vielleicht mal einen Moment aufhören könnten, sich bei Twitter gegenseitig Vorwürfe zu machen, und sich wieder konzentrieren würden – es wäre wirklich fabelhaft.


18
Mrz 13

Sind Blogs geeignet für Kampagnen und Aktivismus?

Ich lese gerade, dass Teresa Buecker vom “feminist burnout” spricht. Das erinnerte mich daran, dass ich mich kürzlich gefragt habe, ob Bloggen als Kampagnenwerkzeug überhaupt taugt. Die erste Antwort ist natürlich: Aber klar, was könnte schneller und trotzdem bleibender sein?
Vergleicht man den Aufschlag, den Günter Wallraff mit seinen BILD-Büchern gemacht hat, mit dem des BILDblogs, oder den von Alice Schwarzers frühen Büchern mit dem der Mädchenmannschaft, dann stellt man fest, dass den Bloggern immer mal wieder der Vorwurf der Kleinteiligkeit gemacht wird, der Korinthenkackerei.
Eine Dokumentation des Arbeitsstils der BILD auf ein paar hundert Seiten ist natürlich etwas anderes als die Langzeitstudie, die das BILDblog macht, Großthesen wie die, dass in der Vagina gerade einmal so viele Nervenzellen seien wie im Dickdarm, lassen eher aufhorchen als ein Link zum Frauen*Barcamp in Iserlohn.
Aber gehen solche Monolithen in Blogform? Könnte man den einen, großen 200 Seiten langen Text schreiben, als pdf auf sein Blog klemmen und sagen: lest – das ist alles, was ich zu sagen habe?
Ich bewundere jeden, der beim täglichen Bloggen zu einem Thema nicht ausbrennt. Ich habe es mal mit Fußball gemacht, ich konnte bald keine Bälle mehr sehen.


09
Mrz 13

„Frau, die Milch kocht über“ – Frauen sind die Packesel der Emanzipation

„Frau, die Milch kocht über!“ Es muss irgendwann Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein. Unser Nachbar Herr Fröhlich saß in der Küche, bemerkte, dass die Milch auf die Herdplatte schäumte und tat, was zu tun war. Er rief seine Frau. Die eilte sogleich aus dem Waschkeller herbei und rettete die Milch. Mein Vater war Zeuge dieser Szene und zusammen mit dem uralten Bilderwitz aus der Funk Uhr, in dem ein Mann zu seiner Frau, die schwer beladen vom Einkaufen kommt, sagt: „Schatz, was trägst du denn so schwer, geh doch zwei Mal“, gehörte dieser Ausruf von da an zum Familienrepertoire.

„Frau, die Milch kocht über!“ kam damals schon aus einer anderen, längst untergegangenen Welt, einer Welt, in der Männer daheim Drohnen waren und Frauen Arbeitsbienen. Eine Welt, an die wir heute erst recht nur noch sehr ferne Erinnerungen haben, nicht wahr?
„Deutschland gehört neben Irland, Griechenland, Luxemburg, Australien, Spanien und Italien zu den Ländern, in denen sich die Erwerbsbeteiligung der Väter mit mehreren betreuungsbedürftigen Kindern von der der Mütter besonders stark unterscheidet.“
Dieser etwas komplizierte Satz findet sich auf der Homepage des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Er bedeutet: Sobald es in einer Ehe Kinder gibt, bleibt die Frau zu Hause und der Mann arbeitet.

Können Männer eigentlich Kinder und Karriere unter einen Hut bringen? Diese Frage wird nie gestellt und zwar zu Recht, denn für Männer existiert diese Problematik nicht. Eine Studie aus der Schweiz kommt zu dem Ergebnis, dass 90,1 Prozent aller männlichen Führungskräfte verheiratet sind, aber nur 41 Prozent der Frauen. Die Emanzipation der Frau hat bisher hauptsächlich für Männer Verbesserungen gebracht: Frauen kümmern sich nun nicht mehr bloß um Haushalt und Kindererziehung, darüber hinaus verdient die Frau jetzt auch noch Geld.
Schon seit einigen Jahren wird bei manchen Entwicklungsprojekten in Drittweltländern Geld nur noch an Frauen ausgezahlt, weil diese das Geld für ihre Familien verwenden, während Männer dazu neigen, es für sich selbst auszugeben.
In Deutschland käme natürlich niemand auf den Gedanken, Sozialhilfe für Familien an die Frauen auszuzahlen, denn deutsche Männer sind ja vollständig emanzipiert.
Oder?
Renate Schmidt, Ministerin für „Gedöns“ unter Gerhard Schröder, sagte, „die Angst vor dem feuchten Textil, ob Windel, Wäsche oder Wischlappen“ sei „bei Männern ungebrochen“.
Zwei Minuten täglich wenden Männer für das Wäschewaschen auf (pdf). Zwei Minuten an der Waschmaschine müssten einem als Mann eigentlich genauso peinlich sein wie zwei Minuten beim Sex.
Denn am Sex scheitern Ehen in der Regel nicht. Karriere der Frau (68 Prozent), Haushalt (67 Prozent) und Beruf vs. Privatleben (50 Prozent) sind nach einer Allensbach-Studie die größten Konfliktfelder zwischen Männern und Frauen. Sexualität nennen nur knapp 30 Prozent als Problem (vermutlich, weil sie sich daran nicht mehr erinnern).
Zwei Minuten brauche ich alleine schon, um an der Waschmaschine den Feinwaschgang zu finden. Ich bin selber erstaunt, denn wenn mir meine Freundin mit ihrer freundlichen Pädagoginnenstimme, die sie benutzt, wenn sie merkt, dass ich gerade wieder einmal drei Jahre alt geworden bin, erklärt, wie es geht, dann sehe auch ich: Den Feinwaschgang kann ich da einstellen, wo auf der Maschine Feinwäsche draufsteht. Aber in der Hitze des Gefechts trübt sich mir oft der Blick.
Es verlangt mir schon übermenschliche Kräfte ab, zu entscheiden, mit welchen anderen Farben zusammen ein hellblaues Hemd gewaschen wird. Auch als Mann, der in einem gentrifizierten Viertel lebt, in dem sogar die
Rindersteaks, die ich beim Biometzger kaufe, in nicht-geschlechtsdiskriminierenden Ställen von veganen Lesbierinnen großgezogen wurden, mache ich eben nicht alles richtig.

Katja, eine Bekannte, die Genderakrobatik oder so studiert, fragte meine Freundin und mich einmal, wer denn bei uns die Pille bezahle. „Ich hole die Pille in der Apotheke ab, wenn ich sowieso da bin, und bei dieser Gelegenheit“, setzte meine Freundin an, und wurde von einem Aufschrei meiner feministischen Bekannten unterbrochen.
„Aha! Das ist nämlich so typisch. Ich habe gerade erst an der Uni eine Umfrage gemacht, und es ist nämlich immer so: Männer scheren sich nicht um Verhütung. Wer bezahlt, ist da ein ganz klares Indiz.“ Ich war zutiefst beschämt. Meine Freundin stotterte etwas von:
„Schon okay“, und zählte ein paar Sachen auf, die ich bezahle und von denen sie auch profitiert, aber Katja ließ Ausflüchte nicht gelten: „Nein, nein, nein. Wenn ich schon Hormone schlucken muss, dann MUSS der Mann die Dinger selber abholen und bezahlen. Alles andere ist Sexismus.“
Ich fühlte mich, als hätte sie gerade meinen Ku- Klux-Klan-Mitgliedsausweis entdeckt.
Reicht es nicht, irgendwie nett zu sein, einkaufen zu gehen, zu spülen, zu schnipseln, Bereitschaft zu signalisieren, eines fernen Tages Windeln zu wechseln, das Bad zu reinigen, bei der Magisterarbeit zu helfen und andere Frauen zu ignorieren oder ist man als Mann im Grunde immer ein notdürftig rasierter Taliban?

Abends habe ich mir dann zur Beschwichtigung ein Schuljungenkostüm und tolle Wäsche drunter angezogen und mich lasziv durch die Wohnung bewegt.
Scheiß Emanzipation.
Früher waren die Dinge klarer. Gott hielt nicht viel vom weiblichen Geschlecht und deswegen sagte er zu Eva, der Stellvertreterin aller Frauen: „Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.“
Man hatte mit der Erbsünde eine praktische Begründung dafür, warum Frauen immer den Abwasch machen mussten.

Heute machen Frauen immer noch den Abwasch, aber kaum jemand glaubt, dass das etwas mit Eva, Adam und der Schlange zu tun hat. Man glaubt stattdessen, das sei halt in den Genen festgeschrieben.
In „Der falsch vermessene Mensch“ erzählt Stephen Jay Gould, wie den alten Griechen die natürliche Ordnung erklärt worden ist. Denen, „welche geschickt sind zu herrschen“, zitiert er Platon, wurde „Gold bei ihrer Geburt beigemischt, weshalb sie denn die köstlichesten sind, den Gehilfen aber Silber, Eisen hingegen und Erz den Ackerbauern und übrigen Arbeitern.“
Später maß man Schädelgrößen, um zu belegen, dass die Weißen eine überlegene Rasse sind. Immer nahm man das, was gerade der neueste Stand der Wissenschaft war, damit man nach allen Regeln der Kunst einen Beweis dafür fabrizieren konnte, dass alles schon immer so gewollt war, wie es ist. Die aktuelle Ordung ist immer die natürliche Ordnung.
Ganz gleichgültig, wie außerordentlich wahnsinnig diese Ordnung auch ist.
Bei den Sambia, einem kriegerischen Stamm in Papua-Neuguinea, leben die Jungen bis zum zehnten Lebensjahr bei ihren Müttern, getrennt von ihren Vätern, die unter sich in Männerhäusern leben.
Dann werden sie in brutalen Initiationsriten blutig geschlagen, müssen tagelang im Wald leben und wenn sie das überstehen, dann kommen sie ins Männerhaus, wo sie gezwungen werden, die Junggesellen zu fellationieren.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Tag für Tag müssen die kleinen Jungen die Älteren oral befriedigen und – das ist besonders wichtig – den Samen trinken.
Denn durch den männlichen Samen werden die Jungen zu Männern. Blut ist in der Vorstellung der Sambia weiblich, weswegen die Sambia-Männer höllische Angst vor menstruierenden Frauen haben; sie könnten durch das Blut ja feminisiert werden.
Der Unterschied zwischen Männern und Frauen: Mal liegt er im Blut und im Sperma, mal in der Erbsünde begründet, Biologisten sehen ihn in den Hormonen und Genen.
Man kann nicht mit letzter Sicherheit entscheiden, ob Männer und Frauen von Geburt an unterschiedlich sind. Es gibt feststellbare statistische Unterschiede in Verhaltensweisen und Vorlieben, die für die einzelne Person nichts aussagen, aber nun einmal so sind wie sie sind. Es ist dabei gleichgültig, ob sie von Natur aus gegeben sind oder durch die deutlich unterschiedliche Erziehung, nur Leute, die davon leben, dass diese Debatte weiter läuft, halten das für relevant.

Lassen Sie uns also der Einfachheit halber so tun, als seien alle sich einig, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten im Leben haben sollten wie Männer. Und da wird es leider offensichtlich, dass die bisherigen Bemühungen um Chancengleichheit in eine Sackgasse geführt haben.

Schon zum „Jahr der Frau“ 1975 schrieb der Spiegel, dass Mädchen deutlich bessere Schulnoten als Jungs hätten und die Männer vermutlich abgehängt werden würden.
Dieselben Sorgen um die armen Männer werden heute geäußert, als hätten nicht die vergangenen 35 Jahre gezeigt, dass bessere Noten für die Frauen nicht mit einem besseren beruflichen Fortkommen einhergehen. Für eine Karriere braucht man Eigenschaften, die Frauen nicht anerzogen werden und man braucht einen Partner, der einen unterstützt.
Es verhält sich in der Welt der Wirtschaft so, als würde ein Mann beim Hundertmeterlauf der Frauen teilnehmen. Die Regeln sind so gemacht, dass sie Männern nutzen, sie sind von Männern gemacht und Männer bestimmen die
Teilnahmeberechtigung. Wie soll man da als Frau in den Wettbewerb treten können?

Clay Shirky, Professor für Neue Medien an der New York University, erzählt in seinem Blog von einem früheren Studenten, der ihn um ein Empfehlungsschreiben bat. Shirky ließ den Studenten das Schreiben aus Bequemlichkeit selbst aufsetzen, musste es dann aber erheblich dämpfen, da die Begeisterung des Studenten von sich selbst dermaßen überzogen war, dass es klang, als habe nicht ein Mensch, sondern eine PR-Agentur die Empfehlung verfasst.

Selbst mit den von Shirky vorgenommenen Abmilderungen war es das beste Empfehlungsschreiben, das er je abgegeben hatte. Mit einer solchen Empfehlung in der Tasche hat der größenwahnsinnige Student nun natürlich die besten Voraussetzungen für eine steile Karriere. Eine Karriere, die Frauen verwehrt bleibt, so Shirky, weil sie schlecht darin seien, sich wie „selbstdarstellerische Narzissten, anti-soziale Besessene und aufgeblasene Aufschneider” zu verhalten. Man bräuchte neue Spielregeln für ein Miteinander, man bräuchte eine Gesellschaft, in der nicht der, der am lautesten Alphamännchen spielt, sich durchsetzt.

Auf das Spielerische kommt es übrigens auch in anderer Hinsicht an: Es kann sehr schön sein, zeremoniell Rollen einzunehmen, Türen aufzuhalten, in Mäntel zu helfen, die Kinokarten zu bezahlen. Dr. Rainer Ehrlinger, der Ethikratgeber des SZ-Magazins, wurde von einem Mann gefragt, ob er richtig handelte, als er unter Berufung auf die Geschlechtergleichheit einer Bekannten die Hilfe beim Aufpumpen ihres Fahrradreifens verweigert habe.
Genau richtig, befand der Ethikexperte, Klischees aufrecht zu erhalten sei schließlich ein Übel und sowieso könne die Frau ruhig selber pumpen. Wie gut muss es ein geschlechtergerechter Mann haben! Er kann auf Frauenparkplätzen sein Auto parken, muss sein Geld nicht in Blumen investieren, kann zuerst aus einem brennenden Gebäude sprinten und wenn sein Schiff von einem Eisberg gerammt wird, ist es völlig in Ordnung,
Frauen und Kinder aus den Rettungsboten zu schubsen. Hey, schließlich wollen die doch auch wählen gehen und Mathe studieren!

Es wird fürchterlich anstrengend und unschön, wenn man nichts mehr tun darf, was mit einem Gechlechterklischee verbunden ist. Das habe ich bei der Schnittchenaffäre gemerkt. Bereits von zwei Bekannten ist meine Freundin dabei erwischt worden, dass sie mir ein Brot macht. Das ist ein echter Skandal, nur noch einen Schritt davon entfernt, sich die Schürze umzubinden und zu Mutter Beimer zu werden.
Diese Brote sind ein Verrat, eine Zementierung längst hinter uns geglaubter Traditionen, der Dolchstoß in den Rücken einer jeden berufstätigen Frau. „Der kann sich doch wohl selber ein Brot schmieren!“ Natürlich kann ich das. Genauso, wie meine Freundin sich selber Wasser in ihre Flasche füllen kann. Aber ich fülle ihre Flasche auf, damit sie sitzen bleiben kann. Nicht, weil sie keine Beine hätte, sondern weil es um winzige Gesten geht in einer Beziehung. Weil das Wasser besser schmeckt, wenn es einfach so neben dir steht und du nicht aufstehen musst. Weil ich dein Mann bin und dein Durst mein Feind.

Schnittchen sind im Schnitt kein Problem, das Problem ist die Wirklichkeit. Und die steht eben spätestens dann im Türrahmen, wenn ein Kind zur Welt kommt.
Wenn ein berufstätiges Paar ein Kind bekommt, steht die Frau vor folgendem Problem: Sie verdient im Schnitt 25 Prozent weniger als der Mann; hinzu kommt, dass der Mann auch dann nicht im Haushalt mitarbeitet, wenn die Frau berufstätig ist.
Die „neuen Väter“ bleiben ein urbaner Mythos.
Die Frau kann sich also ausrechnen, wie viel Zeit er mit den Kindern verbringen wird. Die Frau hat demnach die Wahl zwischen einem Dreifachjob, also Hausarbeit, Kindererziehung und Beruf zu dreiviertel der Bezüge des Mannes – oder sie bleibt zu Hause und lernt das Gesamtwerk Benjamin Blümchens kennen.

Und Halbtagsstellen?
Die sollten doch wohl eher Halbgeldstellen heißen, denn gerade höhere Positionen werden nicht gerne aufgeteilt – wo bliebe sonst auch der Spaß bei Machtspielen? – aber die Hälfte bezahlen ist schon ganz in Ordnung.

Langweilt es Sie, wenn Skandinavien dauernd als Vorbild hingestellt wird? Dann müssen Sie da jetzt durch: Schweden verhält sich beim Thema Emanzipation zu Deutschland wie Deutschland sich beim Erfinden von immer schnelleren Autos zu Burkina Faso verhält.
1974 hat Schweden das Elterngeld eingeführt, zu dieser Zeit wurden Männer in Deutschland noch angestaunt, wenn sie einen Kinderwagen vor sich herschoben und ihre Frau nicht schlugen.
In der New York Times („In Sweden, the Men can have it All“) wird die schwedische Europaministerin mit der hübschen Aussage zitiert, „Machos mit Dinosaurierwerten“ würden es nicht mehr in die Attraktivitäts-Top-10-Listen schwedischer Frauenmagazine schaffen. Was darauf hindeutet, dass man zwei Geschlechter benötigt für einen Wandel: Männer, die ihren Daseinszweck nicht mehr in einer 80-Stunden-Woche sehen und Frauen, die bei der Auswahl auf die weichen Faktoren achten wie „Hört mir zu“, „Geht einkaufen“, „Ist kein Arschloch“.

Väter, die sich eine Auszeit für ihre Kinder nehmen, sind in Schweden so üblich geworden, dass Frauen keine finanziellen Einbußen mehr hinnehmen müssen. Denn ob ein Unternehmen nun eine Frau oder einen Mann einstellt: Beide würden im Fall einer Geburt der Firma für einige Zeit fehlen.
Weil Männer ihre Vorstellung vom Mannsein längst mit dem Anschnallen eines Babybjörn überein bringen und Frauen nicht mehr zu Hause unter Windelbergen verwahrlosen und abhängig vom Taschengeld sind, sinkt sogar die Scheidungsrate. Die Liebe ist auf dem Weg der Besserung bei den Schweden.

Einer der Gründe dafür dass Frauen weniger verdienen, liegt darin, dass sie nach der Geburt eines Kindes häufiger zu Hause bleiben, was nach männlicher Logik bedeutet, dass Frauen selber schuld daran sind, wenn sie weniger verdienen. Ohne Bezahlung zwei Jobs oder bei geringer Entlohnung drei, das ist die Wahl, die Frauen haben.
Und damit bleiben sie die Packesel der Emanzipation.
Aber stürzen sich Frauen nicht sehenden Auges in die Unmündigkeit, weil sie einfach nichts studieren, was Geld und Karriere verspricht? Warum studieren so viele Frauen Floristik, Solalalogie, Saunatuchkunde und Vasenhinundherschieberei? Ich weiß es nicht.

Ich weiß bloß: Wenn sie einen Männerstudiengang belegen, wird es auch nicht leichter (wenn übrigens viele Frauen ein Männerstudium absolvieren, dann sinkt es im Ansehen und die Entlohnung in den Tätigkeitsfeldern sinkt, weil: siehe oben).
Meine große Schwester hat Maschinenbau studiert, ein Fach, von dem man damals, sie fing 1984 an, recht unverhohlen sagte, eine Frau habe da keine Chance. Und schreiben nicht Allan und Barbara Pease („Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“) Buch um Buch darüber, dass Frauen eben kein mathematisches Verständnis haben und räumliches schon gar nicht? Meine Schwester war eine von drei Studentinnen unter 1000 Männern in ihrem Studienjahrgang. Kam sie in den Hörsaal, wurde gejohlt und hatte sie einen Rock an, dann ließ man sie absichtlich über die Bänke klettern. Als sie mit einem Kommilitonen zusammen ein Projekt vorstellte, fragte der Professor anzüglich grinsend: „Was haben Sie denn dafür getan?“

Aber meine Schwester ist aus besonderem Material geschnitzt, aus echtem Ingenieursmaterial eben, und sie machte sich hervorragend. Sie veröffentlichte ein, nein: DAS Buch über Kunststoffrecycling, promovierte Summa cum Laude und holte Millionen an Geldern aus der Industrie an die Uni. Vielleicht würden Allan und Barbara Pease ja
sagen, das sei kein Wunder, schließlich sei sie als Frau eben besonders geschickt im Umgang mit Menschen – vielleicht würden sie auch einfach mal den Mund halten.
Wenn mir meine Schwester die Integralrechnung mit einem Beispiel, das ich sofort verstand, erklärt hat, während es mein Mathelehrer gar nicht erst versuchte, habe ich nie gedacht: „Klar kann sie das erklären, sie ist halt eine Frau.“
Ich dachte einfach immer, dass meine Schwester der klügste Mensch weit und breit sei.
Meine Schwester schickte sich also an, die Welt des Maschinenbaus aus den Angeln zu heben, dann bekam sie zwei Kinder und blieb daheim. Das ist, als hätte Josef Ackermann seine Karriere aufgegeben, um auf Spielplätzen rumzusitzen. Meine Schwester hatte den Ehrgeiz, den Intellekt und die akademischen Weihen, die man braucht für eine Karriere.

Aber sie wollte bei ihren Kindern sein. Es ging nicht um Geld, das war reichlich vorhanden, es wäre weder schwierig noch zu teuer gewesen, die Kinder von jemand anderem betreuen zu lassen.
Ich fand diese Entscheidung skandalös. Was für eine Verschwendung geistigen Potenzials. Genaue Kenntnis der Dramen in der 1b der Luise-Hensel-Grundschule anstelle von Revolutionen in der Kunstofftechnik?

Aber heute denke ich: Welcher Mann hätte diese gewaltigen Eier, seine Karriere einfach abzublasen? Die Geschichte meiner Schwester ist nicht symbolisch zu verstehen. Sie bedeutet nicht, dass Frauen eben einen
Brutinstinkt haben. Die Geschichte steht ganz allein für sich selbst als Geschichte einer emanzipierten Frau, die ihren eigenen Kopf hat. Schade bloß, dass so wenige Männer über ihren Kopf verfügen (wobei die meisten Frauen nicht auf spülende Daheimbleiber stehen, aber das ist eine andere Geschichte).

Jeder halbwegs emanzipierten Frau wird meine Schwester jetzt als blöde Glucke erscheinen, denn das ist ein Naturgesetz: Eine Frau kann sich nur falsch entscheiden. Die einen machen aus dem Recht auf Erwerbsarbeit eine Pflicht und wer gerne bei seinen Kindern bleiben möchte, ist eine Verräterin. Für die anderen ist jede kinderlose Frau, die Karriere macht, eine frigide Fregatte.
Dieses Naturgesetz gilt ausnahmslos für jede Frau.
Eine Frau begibt sich mit der Geburt ihres Kindes nicht einfach in ein Dilemma, sie begibt sich ins tiefe Tal der Dilemmata, dort, wo niemals die Sonne scheint und man nur noch vor sich hinstolpert.

In diesem tiefen Tal ist die Frau dann unzufrieden. „The Paradox of declining female happiness“ heißt eine Studie von Justin Wolfers und Betsey Stevenson. Frauen werden seit Jahrzehnten immer unglücklicher. Das hat Auswirkungen. Denn die Frauen versuchen natürlich, aus ihrem Unglück herauszukommen. Der beliebteste Fluchtweg ist die Scheidung. Dem statistischen Bundesamt zufolge werden 57 Prozent der Scheidungen von Frauen beantragt, „im Vergleich zu 36 Prozent bei den Männern. 7 Prozent entfallen auf gemeinsame Antragstellungen.“

Der Neuanfang führt auch für den Mann zu einem ganz neuen Leben – der Pädagoge Martin R. Textor kennt die Probleme, die mit der Scheidung auf Männer zukommen: „Da ihnen das Kochen Probleme bereitet, verschlechtert sich ihre Ernährung. Auch essen sie unregelmäßig und nehmen häufig Mahlzeiten am Imbissstand oder in Restaurants zu sich.“
Das Kochen bereitet den Männern Probleme.
Ich schreibe den Satz gleich noch einmal hin, weil er so hübsch ist.
Das Kochen bereitet den Männern Probleme.
Ich lasse Sie jetzt mit diesem Satz in zweifacher Ausführung alleine.

(Der Text ist ein Ausschnitt aus meinem Buch “Frauen und Männer passen nicht zusammen – Auch nicht in er Mitte” und ist zum Erscheinen 2010 in der Berliner Zeitung veröffentlicht worden. Angesichts dieser Statistik schien mir eine Wiederveröffentlichung sinnvoll. In der Redaktion hieß es übrigens damals, das sei doch ein Thema aus den Achtzigerjahren.)


30
Jan 13

Von der Freiheit

Eine Szene in jeder Bar an jedem Abend in jeder deutschen Großstadt. Der erste Schritt ist schwierig. Hat sie Interesse? Oder ist sie bloß höflich? Warte ich schon viel zu lange? Oder gehe ich besser?
Seitdem offiziell beide Geschlechter den ersten Schritt machen dürfen, kann ein Date sich schnell anfühlen wie das Gefangenendilemma. Man kann nicht wissen, was der andere will, wer sich festlegt, verliert erst die Optionen und dann sein Gesicht.

Derweil in einer Parallelwelt, die mit unserer zunächst einmal nichts zu tun hat. Deutschland sucht den Superstar.
Die Kamera saugt sich an dem Ausschnitt der Kandidatin fest, Juror Mateo, Sänger der Band Culcha Candela, fragt:
„Sind die echt?“
Die Kandidatin ist sichtlich irritiert.
„Was?“, fragt sie.
„Die Haare.“
„Keine Extensions, alles echt.“
„Und der Busen?“
„Ja, der ist echt.“
„Schön.“

Die Stimme aus dem Off erklärt mit der RTL-typischen Brachialironie: „Da achtet die Jury natürlich nur so genau drauf, weil die Oberweite ja ein wichtiger Resonanzkörper beim Singen ist.“

Die rein männliche Jury sitzt und glotzt.
Während junge Frauen beim Umziehen gezeigt werden (im Vorbereitungsraum ist eine Überwachungskamera installiert), sagt Dieter Bohlen, das internationale Zeichen für „riesige Brüste“ gestikulierend: „Die kann ja irgendwie als Kölner Dom mit ihren Glocken auftreten.“ Eine Montage tanzender Brüste, dazu fragt Tom Kaulitz: „Das magste auch richtig gern?“ Bohlen antwortet: „Besser als so’n Bügelbrett.“ „Ja, das stimmt.“

Zu der gesungenen Zeile „I just wanna make you sweat“ eröffnet wieder Mateo einer Kandidatin:
„Ich finde dein Dekolleté wunderschön. Ich würde mich da total gerne reinlegen.“

Nina Pauer müsste ihre helle Freude an dem kahlköpfigen Mittdreißiger Mateo haben. Vor einem Jahr landete die ZEIT-Autorin mit ihrem Text „Die Schmerzensmänner“ einen Klick-Hit. Das halbe deutschsprachige Netz diskutierte über introvertierte Jungs, die nicht mehr baggern können. „Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund“, schrieb Pauer über den jungen Mann von heute.
Nichts mehr in ihm erinnert an die Machos von früher. Er ist „gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik.“ Das Problem beginne, „wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte“. Dann blockiert der junge Mann. Stattdessen nur viele ängstliche Fragen im Kopf.

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