01
Mai 13

Piraten!

Mein in Japan lebender Freund Robin berichtet, wie er dort einen Internetanschluss bekommt:

Wir sind jetzt umgezogen und ich habe einen neuen Internetanschluss beantragt. 30 Minuten nachdem ich das Online-Formular ausgefuellt hatte, kam ein Anruf von dem Callcenter. Den konnte ich nicht beantworten, weil ich bei der Arbeit war, also habe ich spaeter die kostenfreie Nummer zurueckgerufen und der Dame meinen Namen gesagt, die wusste dann Bescheid und hat mir einen Termin fuer die Installation genannt. Der lag zwei Wochen in der Zukunft, also hat sie sich entschuldigt (haette sie aber auch, wenn es zwei Tage gewesen waeren).

Leider gibt es in meiner Gegend noch keine Gigabit-Leitungen, also muss ich mit 200 MB-Download (best effort) Vorlieb nehmen. Ich glaube, es kostet 4000 Yen im Monat. Fernsehanschluss und Telefon sind inbegriffen. Die Installation kostet ca. 30.000 Yen, wird uns aber in 24 Monatsraten zurueckgezahlt.

4000 Yen sind etwa 30 Euro im Monat, die Installation ist entsprechend mit etwa 230 Euro durchaus happig, ist aber eher eine Art Investitionsvorschuss, die man dem Unternehmen gewährt. Dazu muss man bedenken, dass Japan ein Hochlohnland ist. Vor dem Umzug hatte er übrigens 1 Gigabit/s.

Sascha Lobo schreibt in seiner Kolumne auf SpOn:

Die durchschnittliche Geschwindigkeit in Deutschland liegt bei 6 Mbit/s, mehr als 10 Mbit/s erreichen nur 8,8 Prozent der Anschlüsse.

Die Empörung der Nutzer hilft da wenig. Kerstin Hoffmann, die sich auf der Facebookseite von Vodafone über ihren Vertrag beschwert hat und zwar viele Likes bekam, aber nicht das, was sie wollte, schreibt dazu: “Immer mehr Fachleute legen nahe, dass es zwar noch keine belastbaren Untersuchungen gebe, dass aber wahrscheinlich die Auswirkungen der digitalen Empörungswellen weit geringer für die Firmen seien, als bisher allgemein orakelt wurde.”

Ich habe diese Erfahrung ebenfalls gemacht. Auch auf meinen Text hin hat sich bei Vodafone niemand gerührt.
Ich habe damals versucht, zu verstehen, warum es in Deutschland mit der Telekommunikation so schwierig ist. Ich habe die Geschichte der Unternehmen nachgezeichnet, die beinahe unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Callcenter-Agents beschrieben.

Aber irgendeinen spezifischen Grund muss es doch darüber hinaus geben, dass das Thema Internet von der deutschen Politik im Grunde nur als Bedrohungsszenario erwähnt wird. Das Internet ist hier zum einen etwas, das dem Bestehenden etwas wegnimmt: Dem Tatortschreiber seine Tantiemen, dem Buch seine Leser, den Zeitungen ihre Texte. Zum anderen wird es als reine Unterhaltungsmaschine wahrgenommen. Demzufolge wird man durch ein technisches Wunder, das einem Zugriff auf das Wissen der Menschheit ermöglicht, dümmer (“Digitale Demenz”).

Schon in den Achtzigern zeichnete sich eine spezifisch deutsche Technikangst ab. Die jüngste Partei des Landes wollte ein Zurück zur Natur. In diesem Gesamtkontext versteht man, wie wichtig die Piraten sein könnten. Hätten gewesen sein können, muss man wohl sagen.
“Darauf zu hoffen, dass der Markt diese Probleme reguliert, hieße darauf zu hoffen, dass die großen Tabakfirmen eine Zigarette erfinden, die Krebs heilt”, habe ich damals geschrieben. Man braucht die Politik. Wieder Sascha Lobo fordert dazu auf, die Blogger von Netzpolitik.org zu unterstützen. Ich denke, man kann sich da anschließen, aber ich will noch nicht ganz von den Piraten ablassen. Wenn die vielleicht mal einen Moment aufhören könnten, sich bei Twitter gegenseitig Vorwürfe zu machen, und sich wieder konzentrieren würden – es wäre wirklich fabelhaft.


26
Apr 13

Der Stalker von Mary Scherpe

Seit deutlich mehr als einem Jahr hat Mary Scherpe einen Stalker. Dieser Satz ist im Grunde richtig und doch fürchterlich falsch, weil es klingt, als sei der Stalker etwas, das in irgendeiner Weise zu ihr gehört. Es ist, als würde man sagen: Seit deutlich mehr als einem Jahr hat Mary Scherpe einen Hai. Sie wird belauert, irgendwo da draußen zieht jemand seine Kreise, dehnt sich aus, schränkt sie ein.
Es ist ein widerliches Verbrechen, die Tat eines Feiglings, eine andauernde Obszönität.
Beinahe jeden Tag muss sie zur Post, weil dort Päckchen liegen, die der Täter für sie bestellt hat. Beinahe jede Nacht kommen Kurzbotschaften auf ihr Handy, beinahe jeden Tag ruft jemand an und legt auf.
Sie ahnt, wer der Täter ist. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er den Preis für seine Tat zahlen wird.
Solange bloggt sie über ihre tägliche Verfolgung, die Versuche, sie zu erniedrigen.
Wo er sich nur selber erniedrigt. Eigentlich jeden Tag.
eigentlichjedentag.tumblr.com


18
Mrz 13

Sind Blogs geeignet für Kampagnen und Aktivismus?

Ich lese gerade, dass Teresa Buecker vom “feminist burnout” spricht. Das erinnerte mich daran, dass ich mich kürzlich gefragt habe, ob Bloggen als Kampagnenwerkzeug überhaupt taugt. Die erste Antwort ist natürlich: Aber klar, was könnte schneller und trotzdem bleibender sein?
Vergleicht man den Aufschlag, den Günter Wallraff mit seinen BILD-Büchern gemacht hat, mit dem des BILDblogs, oder den von Alice Schwarzers frühen Büchern mit dem der Mädchenmannschaft, dann stellt man fest, dass den Bloggern immer mal wieder der Vorwurf der Kleinteiligkeit gemacht wird, der Korinthenkackerei.
Eine Dokumentation des Arbeitsstils der BILD auf ein paar hundert Seiten ist natürlich etwas anderes als die Langzeitstudie, die das BILDblog macht, Großthesen wie die, dass in der Vagina gerade einmal so viele Nervenzellen seien wie im Dickdarm, lassen eher aufhorchen als ein Link zum Frauen*Barcamp in Iserlohn.
Aber gehen solche Monolithen in Blogform? Könnte man den einen, großen 200 Seiten langen Text schreiben, als pdf auf sein Blog klemmen und sagen: lest – das ist alles, was ich zu sagen habe?
Ich bewundere jeden, der beim täglichen Bloggen zu einem Thema nicht ausbrennt. Ich habe es mal mit Fußball gemacht, ich konnte bald keine Bälle mehr sehen.


02
Mrz 13

Wir verstehen das Internet nicht

“Die verstehen das Internet nicht.” Dieser Satz hat einst unseren Spott begründet und genährt. “Die”, das waren die langsamen und schwerfälligen Verlage, die zwei Euro für ihre Artikel wollten, die bornierte Politik, deren Repräsentanten ohne Umschweife einräumten, nicht einmal “einen Email” zu haben.
Wir, das waren die Blogger, die Leecher, die Auskenner, die Piraten.
Wir zogen frei und ungehindert durch die Weiten, wir teilten, wir veränderten, wir waren der Weltgeist, wir prägten eine Epoche.
Wir waren auf den Kopf gefallen.

Aber wir waren längst in Therapie, wir wussten es bloß noch nicht.
Wie in “Kampf der Häuptinge”, dem Asterix-Band, in dem Miraculix auf den Kopf fällt, war alles, was wir brauchten, ein weiterer Schlag auf den Kopf, um wieder klar zu sehen.
Wir wurden zu Zeugen eines epischen Ringens der alten Contentindustrie mit den neuen Giganten des Netzes. Amazon will Verleger werden, Google kopiert Bücher, Apple verkauft Lieder, die Inhaltemacher laufen hinterher.
Für uns im Zuschauerraum war es an der Zeit, den alten Satz zu rufen: “Die verstehen das Internet nicht!”


Epmd "you're customer" von cedric71

Je mehr aber das Internet Teil des Alltags wurde, desto mehr gewannen die Oberhand, die im Alltag die Hosen anhaben.
Und das waren nicht wir.
Mir zum Beispiel gehört kein Politiker.
Meine Leistung schützt niemand.

Nun ist das Leistungsschutzrecht nicht das Ende des Internets. Es markiert nur den Moment, in dem wir im Krankenhaus erwachen. Eine Schwester kommt herein, sie sieht aus wie eine CDU-Ministerin. Sie sagt, wir seien wieder gesund. Wir schauen aus dem Fenster, atmen vorsichtig, gewöhnen uns rasch an die sterile Krankenhausluft, wir lächeln der Schwester unbeholfen zu. Die Schwester zeigt auf unser Namensschild und sagt, dass sei ja der falsche Name. Wir schauen runter, dort steht “Saugbär” oder “nurfuerdich23″. Sie gibt uns ein neues Namensschildchen. “Das ist Ihr richtiger Name”, sagt sie. “Wir müssen doch wissen, wer Sie sind”.
Wir haben seit einer Ewigkeit nicht gesprochen, unseren Gedanken gelingt es kaum, sich zu sortieren. Wir öffnen den Mund.
Der erste Satz, den wir sprechen, wir hören ihn selbst kaum, so leise sagen wir ihn:
“Wir haben das Internet nicht verstanden.”


07
Feb 13

Sprache

Die ersten Konzentrationslager, die Deutsche errichteten, bauten sie für Afrikaner.
Es waren keine Vernichtungslager, sondern im Wortsinn Internierungslager. Und doch führten die Deutschen einen Vernichtungskrieg, im Zuge des Hereroaufstands wurden auch Frauen und Kinder in die Wüste getrieben, um sie dort verdursten zu lassen.
Wird gern getan, als sei das Unbehagen an bestimmten Begriffen einfach nur ein Erbe der amerikanischen Political Correctness, so haben Deutsche durchaus aus eigener Geschichte eine Verpflichtung zu sprachlicher Besonnenheit.
Ich habe hier schon vor einigen Jahren mehr dazu geschrieben.
Besonders irritierend an der derzeitigen Debatte ist, dass ein Verlag, der sich selbst dazu entschieden hat, verletzende Sprache zu ändern, in eine Zensurdebatte gerissen wird. Wäre es nicht gerade Zensur, einen Verlag mitsamt Autor dazu zu verpflichten, auf ewig werktreu zu sein?
Das vorweggenommen bin ich ein Anhänger der derben Sprache. Es käme mir nicht in den Sinn, wenn ich über die aktuelle Debatte spreche, vom N-Wort zu reden, so wenig es mir in den Sinn käme, das umstrittene Wort zu benutzen.
Entscheidet ein Künstler sich für eine bestimmte Sprache, neige ich immer dazu, ihm das Recht zu geben, diese zu benutzen. Und wie es im Moment aussieht, bestreitet ihm das auch niemand. Noch einmal: Nicht das Bundesgesundheitsamt hat die Kleine Hexe verändert, es war der Verlag selber.
Zuletzt vielleicht noch ein Hinweis: Wenn man in Elternforen Threads liest, in denen Eltern darüber schreiben, dass sie fürchten, ihr Kind könne das Downsyndrom haben, wird jedes Mal gesagt: Aber das wäre natürlich nicht schlimm, alle Kinder wären gleich wertvoll. Man könnte glauben, man infomiere sich nur mal eben, wie man Kinder mit Downsyndrom so aufzieht. In Wirklichkeit treiben fast alle Eltern, die auch nur den Verdacht haben, ihre Kinder könnten mit diesem Syndrom zur Welt kommen, die Kinder ab.
Entsprechend haben wir endlich eine weniger verletzende Sprache in den Medien etabliert. Aber Asylbewerber haben im Winter nicht genügend warme Kleider.
Es muss nach den Ursachen der Ablehnung, der Angst geforscht werden. Die Veränderung der Sprache ist nur ein winziger Schritt. Es geht um eine echte Bejahung von Unterschiedlichkeit.

*Der Text ist ein Notizzettel an mich selber für ein Radiointerview. Weil ich für einen Witz meine Großmutter bereits 1981 verkauft habe, brauche ich von Zeit zu Zeit ein Netz.


04
Feb 13

Gespräche über Schöpfung – Die Widerlegung der Vernunft

Mein Neugeborener hatte gelbliches Sekret im Augenwinkel. Da ich sowieso beim Kinderarzt war, fragte ich dort, was ich machen könne. Die Arzthelferin sagte, es gebe da etwas Homöopathisches. Ich sagte, damit sei mir leider nicht geholfen, da ich nicht daran glaube. Sie schaute mich fragend an. In der Apotheke fragte ich erneut, was ich machen könne. Ohne zu zögern ging die Apothekerin ans Regal, holte eine Packung, fing an, in die Kasse einzutippen. Was das sei, fragte ich. “Was ganz Tolles Homöopathisches.” Wieder sagte ich, das sei nichts für mich. Die Apothekerin sah mich offen feindselig an. Dann würden nur Antibiotika helfen. Die gebe es nur beim Arzt*. Die Hebamme ließ dann etwas “sehr Wirksames” bei uns zurück. Homöopathische Tropfen.
Warum eigentlich schlägt niemand vor, ich solle einen Fledermausflügel über seinem Auge verreiben? Weil die neue Unvernunft, wie ich sie seit gerade nenne, so nicht arbeitet. Sie ist mittelevidenzbasiert (“Bei mir hat es geholfen”), man kann sie klingen lassen wie Wissenschaft (“Wissenschaftler der Uni Solingen haben entdeckt, dass es besser hilft als Akkupunktur”) und sie würde sich selber nie als esoterisch bezeichnen (“Ich bin ja kein Esoteriker, aber hunderttausendfach verdünnte Stierhoden haben verhindert, dass ich an meiner Menstruation sterbe”).

Und so klingt das Alles für mich (fragt mich nicht, was in diesem Video zu sehen ist, aber es ist sehr, sehr komisch):

*Wenn allerdings homöopathische Mittel helfen, heißt das ja zwingend, dass Zuwarten hilft.


04
Feb 13

Günther Auch

Günther Jauch puts the Show in Talkshow, was man von Außen nicht glauben würde, denn nach internationalen Maßstäben sehen wir in der Figur Jauch keinen Showman, sondern den Filialleiter einer Raiffeisenbank. In Deutschland aber, dem Land der unbedrohlichen Stars, ist der Eintönige der König unter den Rindern. Neben Bause, Pflaume, Bohlen konnte der Sympath Jauch sich leichterhand den Ruf erarbeiten, anders zu sein: seriöser, klarer, bürgerlicher.
Er kann sich über Tapeten und Gebrauchtwagen unterhalten, er weiß, auf welchem Wochenmarkt es die besten Nudeln gibt, er kann zu subkulturellen Phänomenen eine freundliche Distanz schaffen, die gerade nicht zu offensichtlich ausgrenzt. Und dabei rede ich von Tätowierungen. Jauch macht seine Sache gut, wenn es um Unterhaltung geht.
Seine Polit-Talkshow erinnert an die Bemühungen eines Zweitligaspielers, bei einem Verein mitzuspielen, der in der Bundesliga Ambitionen hat. Am Anfang bemüht er sich noch, es reicht bei weitem nicht, also spielt er im Training nur noch seinen Stiefel runter. Spielt er dann doch mal, wird es unangenehm.

Nun ist die Jauchshow gar nicht mal viel schlechter als die anderen. Aber er sendet auf dem Königstermin nach dem Tatort, er ist der Star, der menschgewordenene Sonntagsermittler. Wir zeigen Ihnen jetzt einmal einen Film, damit Sie sehen, was wir für Sie gegooglet haben.
Wenn nun bei ihm gesendet wird, was bei allen gesendet wird, dann ist das so, als sähe der Tatort plötzlich aus wie Berlin Tag und Nacht.
Der Grundfehler aller Talkshows – sie würden sagen, es sei der Grundpfeiler – ist die Idee, alle Meinungen seien vertretbar und gleichberechtigt. (Fair! Not balanced! So sollte Politik gemacht werden bei Politiksendungen, wie man aus The Newsroom weiß.)
Alles ist sowohl als Jauch. Eine Psychologieprofessorin hat bei Maischberger genauso viel Redezeit wie Harald Glööckler, was schon wahnsinnig genug ist; bei Jauch dominiert ein Katholik, der Meinungen vertritt, die der Papst zwar hat, für die er sich aber schämt, während Frauen, die vergewaltigt wurden, verhältnismäßig wenig Redezeit bekamen, ich meine mich an Null zu erinnern.
Aber wir haben doch auch eine Grüne und auch einen, der sagt, es sei doch gar nicht so. Ja, aber auch einen Schlag ins Gesicht. Und nicht einen von der guten, erhellenden Sorte.
Der Redaktion scheint es nicht mehr zu gelingen, Jauch vorzubereiten. Er ist weniger tief im Thema als ein Fünfjähriger mit Internetanschluss es nach 5 Minuten wäre. Der Radikalkatholik sagt, Kardinal Meisner habe mitnichten die Abtreibungspille freigegeben (womit er recht hat, er hat lediglich eine Pille freigegeben, die ausschließlich die Befruchtung verhindert, nicht aber die Einnistung, was man für die vorhandenen Produkte nicht sagen kann), worauf Jauch immer und immer wieder in den Raum wirft, der Kardinal werde doch nicht über eine Pille reden, die es nicht gibt.
Leider machte nicht einmal einer einen naheliegenden Witz an der Stelle.
Wer schon einmal eine Schwangerschaft aus der Nähe verfolgt hat, der kann ermessen, was für eine unerträgliche Bürde dieser Zustand sein muss, wenn er nicht vollkommen erwünscht ist.
Das Recht auf Abtreibung ist eine der wichtigsten Errungenschaften einer freien Gesellschaft.
Dass ein Vertreter der alten Macht nicht einfach für einen Einspieler Gehör findet, sondern eine Diskussion dominieren kann (während das Publikum es tatsächlich nicht fassen konnte, was da auf der Bühne gesagt wurde), ist ein Versagen Jauchs, für das jener ambitionierte Zweitligaspieler, der sich nicht mehr recht Mühe gibt, aus dem Stadion geschmissen würde.
Jauch aber bleibt der König des Status Quo. Es sieht so aus, als würden heiße Eisen angefasst, in Wirklichkeit sorgt man durch die eingeladenen Gäste und größtmögliche Trainingsfaulheit dafür, dass alles bleibt, wie es ist. Dass Frauen, die vergewaltigt wurden, keine Hilfe bekommen von Krankenhäusern, die der Staat outsourcet an ein Unternehmen, dessen Ethik mittlerweile nur nach aus brutalsten Biologismen besteht. Dessen “Corporate Identity”, wie der Musterkatholik betonte, die Ablehnung von allem ist, was Menschen ausmacht. Die vom Heiligen Geist so weit entfernt ist wie Jauch von einer guten Sendung.


27
Jan 13

Simon Kowalewski möchte in einer malteweldingfreien Welt leben

Nachdem der Berliner Piratenabgeordnete Fabio Reinhardt mir eine reinhauen wollte, bin ich nun zum zweiten Mal Objekt der Gewaltfantasien aus dem Abgeordnetenhaus.
Simon Kowalewksi twitterte nachts von einer Party: “Wir wollen doch alle in dieser @maltewelding-freien Welt leben, in der alles OK ist.“
Von mehreren Twitterern zur Rede gestellt, erklärte er schließlich: “Mit „wir“ war nach meinem Verständnis die Menschheit gemeint und mit „@maltewelding“ ein Beispiel für subtilen Alltagssexismus” (zunächst war es noch Alltagsrassismus, aber: hey)

“Wir” sind die Menschheit und “maltewelding” nur ein Beispiel. Wenn man nur ein Beispiel ist, aber direkt mittels eines @ angesprochen wird, muss man wohl seinen Stellenwert so akzeptieren.
Früher nannte Franz Josef Strauß Autoren “Pinscher” heute wünscht man sie sich gleich aus der Welt.

Einer meiner Facebook-Freunde schrieb dazu: “Wer noch nie seinen eliminatorischen Hass an einem Holocaust-Gedenktag ausgedrückt hat, werfe den ersten Stein!”

Meine Kollegin Anne Lena Mösken hat in der Berliner Zeitung ein Porträt Kowalewskis geschrieben. Damals färbte er sich die Haare, um sein Anderssein zu demonstrieren. Nur die größten Spießer glauben tatsächlich, sich durch ihre Frisur absetzen zu können. Aus diesem Geist der Spießigkeit wächst in natürlicher Konsequenz der Wunsch, jene, die man als Gegener ausgemacht hat, würden gar nicht erst existieren.
Die Welt könnte so schön sein ohne die anderen.

Eine Bemerkung noch: Ich habe auf Facebook geschrieben, Kowalewksi lebe polyamor, sei aber Single. Dies hatte er so der Bildzeitung gesagt, beschwerte sich aber bitterlich bei mir über die “Falschaussage auf Facebook”.
In einem halben Jahr könne sich viel ändern. So möchte ich die Gelegenheit nutzen, Journalisten darauf hinzuweisen, dass Simon Kowalewski nun eine/viele FreundIn(nen) hat oder die Polyamorie nicht mehr praktiziert.
Man muss ja, wenn man über Politiker berichtet, die Prioritäten sauber setzen. Am Ende wünschen sie einem noch den Tod.


31
Dez 12

Was macht eigentlich so ein Staat?

Im Podcast mit Holger Klein erzähle ich von einer Nachhilfeschülerin, die ich gefragt habe, wo sie mit Staat in Berührung kommt. Ihr fiel nichts ein.
Wir reden davon, wie sehr man als werdende Eltern darauf angewiesen ist, dass der Staat Dinge regelt, die die (nachbarschaftliche oder familiäre) Gemeinschaft nicht mehr leisten kann.
Wir reden davon, dass Einsamkeit oder Kinderlosigkeit, Krankheit oder Alter kein individuelles Versagen darstellen, sondern Gegebenheiten sind, die nur gesellschaftlich abgefedert werden können.
Wenn nun Staat, um auf die Frage an die Schülerin zurückzukommen, einem also als Lehrerin gegenübertritt, als Kindergärtnerin, als Altenheim, in Form von Straßen und Bildungszentren und Der Sendung mit der Maus – warum dann diese Angst vor dem Staat? Natürlich: Der Staat ist GEZ und Finanzamt und eben auch schlechtes Fernsehen und schlechte Straßen und unzuverlässige Behörden und ungerechte Lehrer.
Aber ist das Prinzip, dass eine übergeordnete Instanz Dinge leistet, die privat nicht geleistet werden können, wirklich bedrohlich? Einschnürend? Wenn Mathias Richel von öffentlich-rechtlichen Netzstrukturen spricht, droht dann im nächsten Schritt ein Bundesfacebook?
In einem Nachfolgeartikel schreibt er ein paar Fakten auf, die zu denken geben sollten:

Interface Message Processor (Washington University in St. Louis); TCP/IP -> Stanford; World Wide Web – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); HTML/HTTP – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); Browser Mosaic – National Center for Supercomputing Applications; CSS – W3C am MIT; MP3 -> Fraunhofer-Institut

Der Boden, auf dem wir gehen, ist schon staatlich. Ups. Ist die mp3 also stalinistisch, höre ich Behördenmusik, weiß der Staat automatisch, mit wem ich chatte?

Meine Nachhilfeschülerin war 18, da darf man Staat für ein abstraktes Gebilde halten, das fernab von mir brazilesk Regeln aufstellt, die niemand versteht. Aber irgendwann sollte man das Fenster aufmachen und der Wirklichkeit hallo sagen.


29
Dez 12

Die Rückeroberung des öffentlichen Traumes

Mathias Richel schreibt über Wege, das Netz zurückzuerobern.
Sein Ansatz ist, eine öffentlich-rechtliche Netzstruktur aufzubauen. Jeder wäre dann Herr seiner eigenen Wolke. Wie im Himmel.

“Und wer soll das bezahlen?
Das ist das Einfache: Die Telkos.

Ich plädiere für eine Abgabe der Accessprovider pro Anschluss.
Und weil es so schön griffig ist: Der Netzeuro.

Pro Anschluss (IMHO z.Zt. ca. 55 Mio deutschlandweit) führen die Telkos 1€ der monatlichen Nutzerentgelte ab. Das ist ausreichend, um dieses Vorhaben zu finanzieren (55Mio mtl./660Mio jährlich) und niedrig genug, damit dieser Euro im Preiskampf nicht auf die Nutzer umgeschlagen werden kann.”

Als etwa 2006 die Frage aufkam, ob Blogs die großen Medienverlage verdrängen werden, konnten Blogger recht optimistisch auf die Zahlenentwicklung schauen. Die öffentliche Meinung, so sah es aus, wäre nicht mehr die Meinung einiger reicher weißer Männer (und Erbinnen), sondern die aller.

Geschehen ist etwas anderes. Burda verdient sein Geld mit Fressnapf.de, Axel Springer mit dem Bild-Shop und die meisten anderen mit gar nichts. Journalisten werden entlassen und müssen SEOs werden.

Immer wieder stellen die Nutzer von Reddit, dem sozialen Newsaggreagtor, fest, dass die Seite zu Advance Publications gehört, einer gigantischen Medienholding, zu der eine Zillion Zeitungen und Magazine gehören. (Und bleiben dennoch auf der Seite).
Ob man den New Yorker liest oder GQ oder die Vogue, ob man auf Reddit eine Anzeige klickt oder auf style.com oder arstechnica.com, immer geht der Erlös an Donald Newhouse und Familie.

Was hat also das Web2.0 bislang verändert? Das, was wie der Beginn eines Triumphzugs aussah, war in Wahrheit ein Rückzugsgefecht. Die reichen weißen Männer (und Erbinnen) haben bislang gewonnen. Uns bleibt das Liken.