11
Sep 13

Homosexualität ist Neuland

Es kommt vor, dass homosexuelle Menschen auch für die Wissenschaft ein dunkler Kontinent bleiben. Ich habe von einer Studie gelesen, in der monogam lebende schwule Männer erforscht werden sollten. Aber man fand keine.
Nun kenne ich zufällig ein schwules Paar, das seit zwanzig Jahren zusammenlebt, aber ich habe auch einen weiten Monogamitätsbegriff: Wer ein Paar bleibt, ist monogam, da bin ich sehr klassisch.
Interessant ist ja nicht, wo jemand kommt, sondern wo jemand bleibt.
Dieses Paar also, dieses völlig unhassbare Paar, das möchte keine Kinder adoptieren. Denn das vergisst man in der dann doch wieder sehr bedrückenden Debatte um das Adoptionsrecht homosexueller Paare rasch: Adoption ist eine riesige Herausforderung. Es ist wie “Drei Männer und ein Baby”, nur ist das Baby vielleicht vier Jahre alt und verhaltensauffällig, sieht auch nach genauestem Hinschauen kein Stück aus wie eines der Elternteile, und selbst wenn man heterosexuell ist wie die Fußballbundesliga der Herren, ist die Erschaffung einer Familie ohne genetische Verwandtschaft ein Kunststück.
Aber sie gelingt, Menschen sind adaptionsfähig. Und machen wir uns nichts vor: Katzen sind mit uns auch nicht so irre verwandt.
Kommen wir zurück zum Neuland Homosexualität: Wir wissen nicht, wie homosexuelle Menschen sich fortpflanzen. Wir wissen nicht, wie ihr Paarverhalten ist. Wir beginnen zu begreifen, dass wir sie irgendwann mitmeinen müssen, wenn wir “Wir” sagen, denn vielleicht, also vermutlich, also doch ganz bestimmt, teilen sie unsere Werte.
So sagt es sogar die Kanzlerin.
Aber Kinder adoptieren, das dürfen nur Heteros.
Auch denen wird es nicht leicht gemacht, obwohl sie im Grunde auch ziemliches Neuland sind. Dass die heterosexuelle Frau masturbiert, weiß man erst seit einer Generation, warum sie einen Orgasmus hat, da ist man nicht so sicher. Es ist Mehrheitsmeinung, dass heterosexuelle Männer mehr Sex haben als heterosexuelle Frauen, aber es bleibt ein Rätsel, mit wem sie diesen Sex haben. Man geht mittlerweile davon aus, dass 50% einander fremdgehen, aber da man nie weiß, welche 50%, kann man daraus eine ganze Film- und Musikindustrie, die sich um sexuelle Treue dreht, machen und sogar noch zwei, drei Religionen fallen ab.
Kinder haben übrigens immer seltener genetisch etwas gemeinsam mit dem Mann, mit dem sie als Vater zusammenleben, aber das nur nebenbei.
Bei Heteros heißt das Patchwork.
Kommt das mal bei Homosexuellen vor, dann heißt das Regenbogenfamilie, zumindest in liberalen Magazinen.
Wenn aber ein Paar nun zusammen ein Kind haben möchte, auf diese komplizierte Weise, wenn es sich für diesen denkbar steinigen Weg entscheidet, dann müsste man schon sehr gute Gründe haben, ihm das zu verweigern.
Schließlich erweisen sich Tag für Tag Swinger und Fremdgeher und Freier und Pornogucker als hervorragende Eltern.
Ihr kennt die Pointe: Kanzlerin Merkel braucht gar keine Argumente. Sie verweist auf das Kindeswohl, aber es geht um das Wählerwohl.
Sie zu wählen ist Kreuzchen gewordenes Ressentiment.

Mit der Liebe ist es wie mit Gott: Man kann nicht ein wenig an sie glauben.


02
Sep 13

kleines-scheusal.de war das Projekt einer PR-Agentur

Die mit dem Grimmepreis ausgezeichnete Jasna Strick hat auf der Open Mind-Konferenz in Kassel einen Vortrag über Hate Speech gehalten.
Im Rahmen dieses Vortrags wurden Tweets gezeigt, die Beschimpfungen und Drohungen enthielten. Einer dieses Tweets stammte vom Account @ochdomino. Die dort Twitternde, eine junge Frau, betrieb zudem ein Blog namens kleines-scheusal.de. @ochdomino wurde nach dem Vortrag Stricks (angeblich) ebenfalls bedroht.
Innerhalb der Piratenpartei wurde sehr kontrovers diskutiert, ob der Vortrag weiterhin im Netz bleiben könne.
kleines-scheusal.de ging offline, der Vortrag tauchte auf Youtube wieder auf, die Geschichte wurde gedeutet als Beleg dafür, dass Feministinnen und Piraten die wahren Hater seien.
Diese Umdeutung fand von maskulistischer Seite statt, fand aber auch Gehör in den Reihen derjenigen Piraten, denen ihre Partei zu sehr von feminstischem Gedankengut geprägt worden ist. In etwa also die Frontlinien der alten Postgender-Debatte.
kleines-scheusal wiederum war innerhalb weniger Monate zu einer Galionsfigur des deutschen Maskulismus geworden. Endlich zog der Vorwurf nicht mehr, Kritik am Feminismus käme nur von privilegierten weißen Männern, Geschlechterkriegsverlierern und Zuvielunterhaltszahlern. Hier war eine junge Frau, die sich auf zahlreichen Fotos auffallend in Szene setzte, gläubige Jüdin.
Glaubwürdiger konnte man den Antifeminismus kaum vertreten.
Tatsächlich existiert die junge Frau hinter kleines-scheusal.de nicht.
Die Bilder zeigen ein polnisches Model, die Texte stammen aus einer PR-Agentur.
Nachdem ich am Samstag auf Twitter darauf hingewiesen hatte, dass die Bilder ein polnisches Model zeigen, wurde ich als feministischer Verschwörungstheoretiker bezeichnet.
Zahlreiche Twitterer legten ihre Hand für die Echtheit @ochdominos ins Feuer. Sie hätten mit ihr geredet, niemand betreibe so einen Aufwand.
Nun habe ich mich für einen Text, der demnächst im SZ Magazin erscheint, sehr ausführlich mit Fakes beschäftigt.
Genau diese beiden Reaktionen sind dabei typisch: Man glaubt zum einen, man würde jemanden kennen, weil man mit ihm chattet. Zum anderen glaubt man, niemand betreibe so einen Aufwand.
Das mag naiv sein, aber es ist nachvollziehbar. Ich habe großartige Menschen auf Fakes hereinfallen sehen.
Die Motive für den großen Aufwand wurden mir heute per Mail von dem Betreiber des Blogs kleines-scheusal.de offenbart.
Es handelte sich demnach um ein PR-Projekt.
Da zumindest das Model wirklich unschuldig ist an der Geschichte, bitte ich darum, ihren Namen nicht weiter zu verbreiten.
Und wenn auch der Betreiber mit dieser Nummer (gerade mit dem vorgeblichen Judentum) nicht mehr zu meinen Lieblingsmenschen werden wird, werde ich ihn ebenfalls hier nicht outen.
Er schließt seine Mail folgendermaßen: “Es ist niemand zu Schaden gekommen; wenn man von dem verletzten Selbstwertgefühl der “Masku-Ecke” absieht, die sehr leichtgläubig auf eine Autorin hereingefallen ist, die ihnen absichtlich “nach dem Mund” geschrieben hat.”
Ich werde mir jedenfalls ein paar Tweets vom Wochenende ausdrucken, nachhäkeln und übers Bett hängen. Es war wie immer sehr lustig mit euch Trollen.

NACHTRAG:
Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass nicht die Rede davon sein könne, dass “niemand zu Schaden gekommen” sei. Noch am Wochenende wurde eine Feministin bedrängt, sie müsse den Selbstmord @ochdominos verhindern. Man kann sich vorstellen, was so eine Verantwortung auslöst. Zahllose Hassmails wurden aufgrund der om13-Kontroverse gegen Feministinnen gerichtet. Da wurde also ganz schön gezündelt, um ein paar Klicks zu generieren.

NACHTRAG 2:
Hier also die Mail:

Sehr geehrter Herr Welding,

nun haben Sie mich fast erwischt. Da Ihre öffentlichen Behauptungen trotzdem noch immer weit neben der Wahrheit liegen, möchte ich Ihnen die mühevolle Recherche sparen und den Schleier lüften.

Das “Kleine Scheusal” ist ein Projekt meiner Agentur, in dem es darum ging, einen Blog zu erstellen, der binnen eines Jahres eine möglichst hohe Leserzahl erreicht. Zweck dieses Blogs wäre letztlich der Vertrieb von Illustrationen gewesen; u.A. auch von und mit (…), die sich durch ihre Mitarbeit in unserer Agentur als “Gesicht” dazu bereit erklärte den Blog zu bebildern. Texte, sowie der Twitter Account, wurden von einer anderen Mitarbeiterin geführt. Es sollte der Eindruck entstehen, dass der Blog sich mit kritischen Themen ebenso auseinander setzt, wie den Übergang zu “Fashion und Fotografie”, respektive Illustration. (…) sorgte also “nur” für wirksame Bilder, während meine andere Mitarbeiterin sehr zielgerichtet auf aktuelle Themen einstieg. Mit Erfolg: Im Zuge von Aufschrei und anderen Themen erreichte der Blog bis zu 2000 Visitors täglich; und das ist ganz “ordentlich” für einen “privaten” Blog. Die Authentizität und “Echtheit” des Twitter Accounts war dadurch gegeben, dass meine Mitarbeiterin den Twitter Account, getragen durch den Erfolg, wie einen persönlichen Account handhabte. Wenn dort also stand, sie stünde betrunken an einer Bushaltestelle, dann war das durchaus “echt”. Dies gilt gleichfalls für Emotionen oder Empörung zu verschiedenen Themen.

Die Trennung von Autorin und “Gesicht” fand statt, um beide Personen zu schützen. Der Blog einer “jungen Frau” zieht in der Form Aufmerksamkeiten an sich, die etwas an der Zielgruppe vorbei laufen. Somit war es sehr praktisch, dass (…) in Polen aus dem Schußfeld möglicher Verehrer ist, und gleichfalls die Autorin hier nicht erkannt werden würde.

Der Hype und die Empörung um OM13 war so nicht geplant, da zuviel Aufmerksamkeit das Projekt vorzeitig beenden würde. Sie haben die FB Webseite(n) von (…) relativ leicht gefunden. Das galt es natürlich zu verhindern.

Trotzdem war das plakative Zitieren einer “theoretisch” echten Person auf diesem Vortrag nicht in Ordnung. Ich kenne Ihre Meinung dazu nicht aber wir sind uns hier einig. Gleichfalls verurteilen wir das “Hinterhergraben” und öffentliche Diffamieren einer “theoretischen” Privatperson. Das Kleine-Scheusal ist eine geplatzte PR-Aktion. Die nun stattfindende Verfolgung auf Twitter und das hämische öffentlich-machen immer mehr Details geht jedoch über dieses Maß weit hinaus. Das Gleiche gilt, bitte nehmen Sie das nicht persönlich, für die Art und Weise, wie Sie sich Informationen verschaffen wollten. Da Sie in diesem Moment wohl auch unser “Geschäftsgebahren” verurteilen, sehe ich uns damit als quitt.

Fazit: (…) hat mit dem Blog nichts zu tun. Meine “Familienverhältnisse” und Familienstammbaum ebenso wenig. Gleichfalls ist die namentliche Benennung der Mitarbeiterin für den Sachverhalt unwichtig. Ich trage die alleinige Verantwortung für dieses “Projekt”, da der Auftrag im Rahmen meiner Agentur stattfand. Es ist niemand zu Schaden gekommen; wenn man von dem verletzten Selbstwertgefühl der “Masku-Ecke” absieht, die sehr leichtgläubig auf eine Autorin hereingefallen ist, die ihnen absichtlich “nach dem Mund” geschrieben hat.

Sie können nun also in die Hände klatschen und die Nachricht verbreiten alle wären einem “dumm gelaufenen PR-Projekt” aufgesessen. Ich möchte Sie dennoch bitten, sich weiteren Spekulationen zu enthalten und mir, sofern gewünscht, nur Fragen zu stellen, die dem Sachverhalt dienen und nicht etwa in private Familienverhältnisse schwenken. Denn Privates hat mit Geschäft nichts zu tun; und um Geschäft ging es bei diesem Projekt.


08
Aug 13

Ein Vater

Gestern wurde ich im Zimmer, das zum Hof geht, von einem fürchterlichen Streit auf der Straße geweckt. Die Balkontür war offen, also stand ich auf, um sie zu schließen. Schon im Hofzimmer hatte ich nicht nur Gebrüll gehört, sondern einzelne Worte, ich konnte eine Frau ausmachen und einen Mann, jetzt, an der Tür stehend, verstand ich alles.
Ich trat auf den Balkon, um mir die Streitenden anzuschauen.
Sie waren deutlich jünger als ich gedacht hatte, vielleicht Mitte zwanzig. Sie sehr kräftig, nicht unbeweglich fett, eher wie ein Ringer. Schlagbereit sah sie aus.
Er ein dünnes Kerlchen, Baseballkappe, schlabberige Klamotten, aber keine Baggypants, eher einfach: Es gab für einen so dünnen Arsch keine Hosen.
Der Streit bestand im Wesentlichen aus wiederkehrenden Sequenzen, ich versuche, sie alle wiederzugeben.

1. “Immer belügst du mich!”
“Ich habe gestern gelogen, das stimmt, aber seitdem nicht mehr!”
“Na toll, seit beinahe 24 Stunden nicht gelogen!”

2. “Geh doch zu deiner Schlampe Jessi!”
“Ich war nur gestern bei Jessi, aber sonst ist da nichts!”

3. “Immer bist du weg!”
“Ich war nur einmal für 5 Tage nicht da!”

4. “Geh zu deiner schwangeren Schlampe!”
“Die ist nicht schwanger!”

5. “Dein Kind wirst du jedenfalls nicht mehr sehen!”
(Darauf sagte er nichts.)

6. “Geh halt wieder koksen!”
“Ich habe gestern aufgehört!”

Ich war erstaunt, dass er es sich leisten konnte zu koksen. Ich dachte an einen Dealer, den ich in Bonn gekannt hatte, der Freund einer Kommiltonin aus bester Bonner Familie. Der hatte das Speed mit Kopfschmerztabletten gestreckt. “Vom Speed bekommt man Kopfschmerzen, da ist das doch eine saubere Lösung”, hatte er gesagt. Kokain mit Kopfschmerztabletten, danach sah der junge Mann unter meinem Balkon also aus.
Nach zehn Minuten bekam ich das Gefühl, dass sich hier nichts mehr tun würde. Einmal hatte er versucht sie zu umarmen und sie hatte fürchterlich geschrien, aber anonsten brüllten sie nur in gleichbleibender Lautstärke, manchmal fiel er vor ihr auf die Knie und sie gab weiter vor, ihm nicht zu verzeihen.
Theoretisch könne er wohl irgendein Geld bekommen, wenn er die Therapie machen würde, sie glaubte, er habe auch so Zugang zu Geld, nicht alle Details habe ich verstanden.
Ich dachte, wie oft es einfach reicht, die Dinge nicht zu tun, von denen jeder versteht, dass sie nicht funktionieren.
Nicht lügen, nicht mit Jessi, der Schlampe schlafen, nicht koksen, nicht das Kind vernachlässigen, nicht einfach so verschwinden.
Die häufigste Ursache für Arschlochsein ist eine schwierige Kindheit und doch sagen Eltern einem diese Dinge ja meistens.
Wenn man Glück hat, leben sie einem das sogar vor: Nicht koksen, nicht mit Jessi schlafen, all das eben.
Und doch muss man es irgendwann selber merken, dass es nicht funktioniert.
Manchmal macht es Spaß mit Jessi, manchmal ist das Koks wirklich gut, aber immer landet man auf der Straße, auf den Knien, und weckt die Leute.
Die kräftige junge Frau wollte ihn nicht verlassen, der Weg weg von ihm lag offen vor ihr. Sie wollte, dass er kein Arschloch mehr ist. Sie wollte einen Vater für ihr Kind. Einen Moment dachte ich, ob ich nicht etwas sagen soll, so als Liebeskolumnist oder meinetwegen auch Mensch. Ich bin dann schlafen gegangen. Seit bald einem Tag hatte er da schon nicht gelogen. Vielleicht wird ja eine Serie draus.


28
Jul 13

Windelfernsehen

Natürlich bin ich nicht die Zielgruppe eines Dramas mit Ruth Maria Kubitschek. Aber andererseits: Wer ist denn die Zielgruppe? Tote?
Man muss sich gewahr werden, dass in einem großen Land sehr viele Menschen sterben. Da der Fernseher ein Drittel des Tages läuft, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass Leute vor dem Fernseher sterben. Dort sitzen sie dann, vergessen von ihren Enkeln, angenagt von ihren Katzen, und schauen Ruth Maria Kubitschek.
Die ARD an einem Freitagabend, sie macht Fernsehen nach der Altenheimregel: Laufenlassen. Es wird gesendet für die, die nicht mehr abschalten können.
Zum Beispiel also mich, der ich am Ende eines langen, heißen Tages dachte: Ich bin jetzt in der Grimmepreis-Jury, schau ich doch mal Fernsehen.
Irgendwann gegen neun Uhr geriet ich dann in “Der Fluss des Lebens”, geschrieben von Ruth Maria Kubitschek, in der Hauptrolle: Ruth Maria Kubitschek.
Ruth Maria Kubitschek war schon vor 30 Jahren genauso alt wie heute, eine Leistung, die ich uneingeschränkt bewundere. Wenn man nun 30 Jahre lang 80 ist, bleiben, vermutlich hat das die Natur so gewollt, Dinge auf der Strecke. Die Fähigkeit, ein Buch zu schreiben. Die Fähigkeit, eine Rolle auszufüllen.
Nach dem ersten Schock, den die mit einer Urlaubskamera gefilmten Bilder auslösten, machte ich mir einen Spaß daraus, mir vorzustellen, Kubitschek sei dement und man filme sie, wie Steve Martin es in Bowfinger mit Eddie Murphy macht, heimlich, um aus dem gesammelten Material einen Film zu produzieren. Ruth Maria Kubitschek nestelt an Pflanzen (ich hoffte an dieser Stelle sehr, sie würde in den Busch fäkalieren), Ruth Maria Kubitschek schaut in die Leere des Raums, Ruth Maria Kubitschek schaut glasig.
Ihre Stimme war synchronisiert, manche mögen einwerfen, sie sei synchronisiert von Kubitschek selbst, ich möchte mir da kein Urteil erlauben. Es machte im Grunde keinen großen Unterschied. Lassen Sie mich kurz eine Szene nachzeichnen, um zu verdeutlichen, warum nicht. Ein Mann, der aussieht wie Peter Gauweiler, hält mit Ruth Maria Kubitschek am Straßenrand. Dort befinden sich ein Kreuz und Kerzen, sowie einige Trümmerreste eines Wagens. “Wie konnte das geschehen?”, fragt Ruth Maria Kubitschek und Peter Gauweiler antwortet, der Fahrer sei immer schnell unterwegs gewesen, vielleicht habe er die Kurve zu spät gesehen, vielleicht habe er es eilig gehabt, vielleicht habe er einem Tier ausweichen müssen. “Vielleicht werden wir es nie erfahren”. sagt Gauweiler. Man möchte ihm zustimmen. Gut möglich, dass man das nie erfahren wird.
Ruth Maria Kubitschek greift nun in die Autoreste. Sie zieht ein Bremslicht hervor, worauf ein Flugzeug sehr tief über die Szene fliegt, ihre Hand sich um das Bremslicht verkrampft und zu bluten beginnt. Die Kamera zoomt auf die blutende Hand und Gauweiler informiert Ruth Maria Kubitschek: “Sie bluten ja.”
Ruth Maria Kubitschek weint nun zum Himmel hoch und schreit “Warum?”, worauf Gauweiler etwas genervt schaut, vielleicht projiziere ich da nur, aber man sieht ihm wirklich an, dass er das gerade schon einmal erklärt hat. Zu schnell, eilig, Mauer, Tier. Bum, man weiß es nicht genau. Tot halt.
Die beiden Toten, Ruth Maria Kubitscheks Tochter und ihr Schwiegersohn, haben zwei Kinder hinterlassen.
Beide spielen vermutlich Dreijährige, die Darsteller sind aber zehn oder zwölf. Der Junge spielt die ganze Zeit an seinem Rüssel rum. Dazu muss man wissen: Die Kinder sind natürlich traumatisiert, da es aber offenbar keine Kinderschauspieler gibt in Deutschland, können die beiden Grinsebacken das nicht spielen. Also haben die beiden, kurz vor der Pubertät, in jeder Szene Stofftiere in der Hand, an denen sie manisch herumdrehen, der Junge einen Elefanten, dessen Rüssel er malträtiert, dass Freud ein Buch darüber geschrieben hätte über Sublimierung ohne Sublimes.
All das: Das Werk von Profis. Da waren echte Kameraleute, echte Caster, echte Caterer, ein echter Regisseur mit beschäftigt. Es gab echte Meetings, in denen real existierende Menschen die Dialoge abgenommen haben, in denen sich Leute gefreut haben, jetzt endlich über die passenden Darsteller zu verfügen.
Der Köder, heißt es, muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Aber ein Angler, der so einen Köder verwendet, der lässt doch selbst längst laufen.


01
Mai 13

Piraten!

Mein in Japan lebender Freund Robin berichtet, wie er dort einen Internetanschluss bekommt:

Wir sind jetzt umgezogen und ich habe einen neuen Internetanschluss beantragt. 30 Minuten nachdem ich das Online-Formular ausgefuellt hatte, kam ein Anruf von dem Callcenter. Den konnte ich nicht beantworten, weil ich bei der Arbeit war, also habe ich spaeter die kostenfreie Nummer zurueckgerufen und der Dame meinen Namen gesagt, die wusste dann Bescheid und hat mir einen Termin fuer die Installation genannt. Der lag zwei Wochen in der Zukunft, also hat sie sich entschuldigt (haette sie aber auch, wenn es zwei Tage gewesen waeren).

Leider gibt es in meiner Gegend noch keine Gigabit-Leitungen, also muss ich mit 200 MB-Download (best effort) Vorlieb nehmen. Ich glaube, es kostet 4000 Yen im Monat. Fernsehanschluss und Telefon sind inbegriffen. Die Installation kostet ca. 30.000 Yen, wird uns aber in 24 Monatsraten zurueckgezahlt.

4000 Yen sind etwa 30 Euro im Monat, die Installation ist entsprechend mit etwa 230 Euro durchaus happig, ist aber eher eine Art Investitionsvorschuss, die man dem Unternehmen gewährt. Dazu muss man bedenken, dass Japan ein Hochlohnland ist. Vor dem Umzug hatte er übrigens 1 Gigabit/s.

Sascha Lobo schreibt in seiner Kolumne auf SpOn:

Die durchschnittliche Geschwindigkeit in Deutschland liegt bei 6 Mbit/s, mehr als 10 Mbit/s erreichen nur 8,8 Prozent der Anschlüsse.

Die Empörung der Nutzer hilft da wenig. Kerstin Hoffmann, die sich auf der Facebookseite von Vodafone über ihren Vertrag beschwert hat und zwar viele Likes bekam, aber nicht das, was sie wollte, schreibt dazu: “Immer mehr Fachleute legen nahe, dass es zwar noch keine belastbaren Untersuchungen gebe, dass aber wahrscheinlich die Auswirkungen der digitalen Empörungswellen weit geringer für die Firmen seien, als bisher allgemein orakelt wurde.”

Ich habe diese Erfahrung ebenfalls gemacht. Auch auf meinen Text hin hat sich bei Vodafone niemand gerührt.
Ich habe damals versucht, zu verstehen, warum es in Deutschland mit der Telekommunikation so schwierig ist. Ich habe die Geschichte der Unternehmen nachgezeichnet, die beinahe unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Callcenter-Agents beschrieben.

Aber irgendeinen spezifischen Grund muss es doch darüber hinaus geben, dass das Thema Internet von der deutschen Politik im Grunde nur als Bedrohungsszenario erwähnt wird. Das Internet ist hier zum einen etwas, das dem Bestehenden etwas wegnimmt: Dem Tatortschreiber seine Tantiemen, dem Buch seine Leser, den Zeitungen ihre Texte. Zum anderen wird es als reine Unterhaltungsmaschine wahrgenommen. Demzufolge wird man durch ein technisches Wunder, das einem Zugriff auf das Wissen der Menschheit ermöglicht, dümmer (“Digitale Demenz”).

Schon in den Achtzigern zeichnete sich eine spezifisch deutsche Technikangst ab. Die jüngste Partei des Landes wollte ein Zurück zur Natur. In diesem Gesamtkontext versteht man, wie wichtig die Piraten sein könnten. Hätten gewesen sein können, muss man wohl sagen.
“Darauf zu hoffen, dass der Markt diese Probleme reguliert, hieße darauf zu hoffen, dass die großen Tabakfirmen eine Zigarette erfinden, die Krebs heilt”, habe ich damals geschrieben. Man braucht die Politik. Wieder Sascha Lobo fordert dazu auf, die Blogger von Netzpolitik.org zu unterstützen. Ich denke, man kann sich da anschließen, aber ich will noch nicht ganz von den Piraten ablassen. Wenn die vielleicht mal einen Moment aufhören könnten, sich bei Twitter gegenseitig Vorwürfe zu machen, und sich wieder konzentrieren würden – es wäre wirklich fabelhaft.


26
Apr 13

Der Stalker von Mary Scherpe

Seit deutlich mehr als einem Jahr hat Mary Scherpe einen Stalker. Dieser Satz ist im Grunde richtig und doch fürchterlich falsch, weil es klingt, als sei der Stalker etwas, das in irgendeiner Weise zu ihr gehört. Es ist, als würde man sagen: Seit deutlich mehr als einem Jahr hat Mary Scherpe einen Hai. Sie wird belauert, irgendwo da draußen zieht jemand seine Kreise, dehnt sich aus, schränkt sie ein.
Es ist ein widerliches Verbrechen, die Tat eines Feiglings, eine andauernde Obszönität.
Beinahe jeden Tag muss sie zur Post, weil dort Päckchen liegen, die der Täter für sie bestellt hat. Beinahe jede Nacht kommen Kurzbotschaften auf ihr Handy, beinahe jeden Tag ruft jemand an und legt auf.
Sie ahnt, wer der Täter ist. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er den Preis für seine Tat zahlen wird.
Solange bloggt sie über ihre tägliche Verfolgung, die Versuche, sie zu erniedrigen.
Wo er sich nur selber erniedrigt. Eigentlich jeden Tag.
eigentlichjedentag.tumblr.com


18
Mrz 13

Sind Blogs geeignet für Kampagnen und Aktivismus?

Ich lese gerade, dass Teresa Buecker vom “feminist burnout” spricht. Das erinnerte mich daran, dass ich mich kürzlich gefragt habe, ob Bloggen als Kampagnenwerkzeug überhaupt taugt. Die erste Antwort ist natürlich: Aber klar, was könnte schneller und trotzdem bleibender sein?
Vergleicht man den Aufschlag, den Günter Wallraff mit seinen BILD-Büchern gemacht hat, mit dem des BILDblogs, oder den von Alice Schwarzers frühen Büchern mit dem der Mädchenmannschaft, dann stellt man fest, dass den Bloggern immer mal wieder der Vorwurf der Kleinteiligkeit gemacht wird, der Korinthenkackerei.
Eine Dokumentation des Arbeitsstils der BILD auf ein paar hundert Seiten ist natürlich etwas anderes als die Langzeitstudie, die das BILDblog macht, Großthesen wie die, dass in der Vagina gerade einmal so viele Nervenzellen seien wie im Dickdarm, lassen eher aufhorchen als ein Link zum Frauen*Barcamp in Iserlohn.
Aber gehen solche Monolithen in Blogform? Könnte man den einen, großen 200 Seiten langen Text schreiben, als pdf auf sein Blog klemmen und sagen: lest – das ist alles, was ich zu sagen habe?
Ich bewundere jeden, der beim täglichen Bloggen zu einem Thema nicht ausbrennt. Ich habe es mal mit Fußball gemacht, ich konnte bald keine Bälle mehr sehen.


02
Mrz 13

Wir verstehen das Internet nicht

“Die verstehen das Internet nicht.” Dieser Satz hat einst unseren Spott begründet und genährt. “Die”, das waren die langsamen und schwerfälligen Verlage, die zwei Euro für ihre Artikel wollten, die bornierte Politik, deren Repräsentanten ohne Umschweife einräumten, nicht einmal “einen Email” zu haben.
Wir, das waren die Blogger, die Leecher, die Auskenner, die Piraten.
Wir zogen frei und ungehindert durch die Weiten, wir teilten, wir veränderten, wir waren der Weltgeist, wir prägten eine Epoche.
Wir waren auf den Kopf gefallen.

Aber wir waren längst in Therapie, wir wussten es bloß noch nicht.
Wie in “Kampf der Häuptinge”, dem Asterix-Band, in dem Miraculix auf den Kopf fällt, war alles, was wir brauchten, ein weiterer Schlag auf den Kopf, um wieder klar zu sehen.
Wir wurden zu Zeugen eines epischen Ringens der alten Contentindustrie mit den neuen Giganten des Netzes. Amazon will Verleger werden, Google kopiert Bücher, Apple verkauft Lieder, die Inhaltemacher laufen hinterher.
Für uns im Zuschauerraum war es an der Zeit, den alten Satz zu rufen: “Die verstehen das Internet nicht!”


Epmd "you're customer" von cedric71

Je mehr aber das Internet Teil des Alltags wurde, desto mehr gewannen die Oberhand, die im Alltag die Hosen anhaben.
Und das waren nicht wir.
Mir zum Beispiel gehört kein Politiker.
Meine Leistung schützt niemand.

Nun ist das Leistungsschutzrecht nicht das Ende des Internets. Es markiert nur den Moment, in dem wir im Krankenhaus erwachen. Eine Schwester kommt herein, sie sieht aus wie eine CDU-Ministerin. Sie sagt, wir seien wieder gesund. Wir schauen aus dem Fenster, atmen vorsichtig, gewöhnen uns rasch an die sterile Krankenhausluft, wir lächeln der Schwester unbeholfen zu. Die Schwester zeigt auf unser Namensschild und sagt, dass sei ja der falsche Name. Wir schauen runter, dort steht “Saugbär” oder “nurfuerdich23″. Sie gibt uns ein neues Namensschildchen. “Das ist Ihr richtiger Name”, sagt sie. “Wir müssen doch wissen, wer Sie sind”.
Wir haben seit einer Ewigkeit nicht gesprochen, unseren Gedanken gelingt es kaum, sich zu sortieren. Wir öffnen den Mund.
Der erste Satz, den wir sprechen, wir hören ihn selbst kaum, so leise sagen wir ihn:
“Wir haben das Internet nicht verstanden.”


07
Feb 13

Sprache

Die ersten Konzentrationslager, die Deutsche errichteten, bauten sie für Afrikaner.
Es waren keine Vernichtungslager, sondern im Wortsinn Internierungslager. Und doch führten die Deutschen einen Vernichtungskrieg, im Zuge des Hereroaufstands wurden auch Frauen und Kinder in die Wüste getrieben, um sie dort verdursten zu lassen.
Wird gern getan, als sei das Unbehagen an bestimmten Begriffen einfach nur ein Erbe der amerikanischen Political Correctness, so haben Deutsche durchaus aus eigener Geschichte eine Verpflichtung zu sprachlicher Besonnenheit.
Ich habe hier schon vor einigen Jahren mehr dazu geschrieben.
Besonders irritierend an der derzeitigen Debatte ist, dass ein Verlag, der sich selbst dazu entschieden hat, verletzende Sprache zu ändern, in eine Zensurdebatte gerissen wird. Wäre es nicht gerade Zensur, einen Verlag mitsamt Autor dazu zu verpflichten, auf ewig werktreu zu sein?
Das vorweggenommen bin ich ein Anhänger der derben Sprache. Es käme mir nicht in den Sinn, wenn ich über die aktuelle Debatte spreche, vom N-Wort zu reden, so wenig es mir in den Sinn käme, das umstrittene Wort zu benutzen.
Entscheidet ein Künstler sich für eine bestimmte Sprache, neige ich immer dazu, ihm das Recht zu geben, diese zu benutzen. Und wie es im Moment aussieht, bestreitet ihm das auch niemand. Noch einmal: Nicht das Bundesgesundheitsamt hat die Kleine Hexe verändert, es war der Verlag selber.
Zuletzt vielleicht noch ein Hinweis: Wenn man in Elternforen Threads liest, in denen Eltern darüber schreiben, dass sie fürchten, ihr Kind könne das Downsyndrom haben, wird jedes Mal gesagt: Aber das wäre natürlich nicht schlimm, alle Kinder wären gleich wertvoll. Man könnte glauben, man infomiere sich nur mal eben, wie man Kinder mit Downsyndrom so aufzieht. In Wirklichkeit treiben fast alle Eltern, die auch nur den Verdacht haben, ihre Kinder könnten mit diesem Syndrom zur Welt kommen, die Kinder ab.
Entsprechend haben wir endlich eine weniger verletzende Sprache in den Medien etabliert. Aber Asylbewerber haben im Winter nicht genügend warme Kleider.
Es muss nach den Ursachen der Ablehnung, der Angst geforscht werden. Die Veränderung der Sprache ist nur ein winziger Schritt. Es geht um eine echte Bejahung von Unterschiedlichkeit.

*Der Text ist ein Notizzettel an mich selber für ein Radiointerview. Weil ich für einen Witz meine Großmutter bereits 1981 verkauft habe, brauche ich von Zeit zu Zeit ein Netz.


04
Feb 13

Gespräche über Schöpfung – Die Widerlegung der Vernunft

Mein Neugeborener hatte gelbliches Sekret im Augenwinkel. Da ich sowieso beim Kinderarzt war, fragte ich dort, was ich machen könne. Die Arzthelferin sagte, es gebe da etwas Homöopathisches. Ich sagte, damit sei mir leider nicht geholfen, da ich nicht daran glaube. Sie schaute mich fragend an. In der Apotheke fragte ich erneut, was ich machen könne. Ohne zu zögern ging die Apothekerin ans Regal, holte eine Packung, fing an, in die Kasse einzutippen. Was das sei, fragte ich. “Was ganz Tolles Homöopathisches.” Wieder sagte ich, das sei nichts für mich. Die Apothekerin sah mich offen feindselig an. Dann würden nur Antibiotika helfen. Die gebe es nur beim Arzt*. Die Hebamme ließ dann etwas “sehr Wirksames” bei uns zurück. Homöopathische Tropfen.
Warum eigentlich schlägt niemand vor, ich solle einen Fledermausflügel über seinem Auge verreiben? Weil die neue Unvernunft, wie ich sie seit gerade nenne, so nicht arbeitet. Sie ist mittelevidenzbasiert (“Bei mir hat es geholfen”), man kann sie klingen lassen wie Wissenschaft (“Wissenschaftler der Uni Solingen haben entdeckt, dass es besser hilft als Akkupunktur”) und sie würde sich selber nie als esoterisch bezeichnen (“Ich bin ja kein Esoteriker, aber hunderttausendfach verdünnte Stierhoden haben verhindert, dass ich an meiner Menstruation sterbe”).

Und so klingt das Alles für mich (fragt mich nicht, was in diesem Video zu sehen ist, aber es ist sehr, sehr komisch):

*Wenn allerdings homöopathische Mittel helfen, heißt das ja zwingend, dass Zuwarten hilft.