Januar, 2010


28
Jan 10

Podcast 28.01.10

Malte und ich haben den ersten Podcast des Jahres gemacht. Schlecht gerechnet und grob gerundet knapp ein halbes Jahr nach Maltes letztem Podcast. In zwei Stunden reden wir über alles, sagen vieles und meinen noch mehr. Kurzer Themenüberblick: Lendenbrüche, Bücher schreiben, Sex und Porno, Tauschbörsen, Depressionen und Krieg. Aber schön: Es bleibt nichts davon hängen. Also leichter Hörgenuss zum einschlafen ohne Völlegefühl.

Mathias

 

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28
Jan 10

Das nordische Sonnenlicht: Das deutsche Reich besteht ewig

Rassisten: Was wäre die deutsche Humorproduktion ohne sie?
Selbstgemachte Rapvideos: Auch sie ein steter Quell des Vergnügens.

Kommt beides zusammen wie in diesem Fall eines jungen Rechten (Rangarmad ist lediglich der Youtube-User, der das Video ins Netz gestellt hat), dann ergibt das ein Stahlbad der Freude, man ist hin- und hergerissen zwischen dem dringenden Wunsch, sich das Zwerchfell in einer Notoperation herausnehmen zu lassen oder sich selbst, stellvertretend für alle Deutschen, einen Einlauf mit einem rostigen Rohr zu verpassen.
Hach. Man sollte allen Nazis ein Mikrofon geben, das wäre ein Endsieg des Fremdschämens.


27
Jan 10

Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz

Der Entwurf für einen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sorgt zur Zeit berechtigterweise für Empörung.

* Es werden sowohl Internet-Zugangs-Anbieter (Access-Provider, ISP) als auch Anbieter von Webspace (Hosting-Provider) mit den eigentlichen Inhalte-Anbietern gleich gesetzt. Sie werden als „Anbieter“ bezeichnet. Sie alle sind für die Inhalte ihrer Kunden verantwortlich.
(…)
* Generell werden alle Inhalte in Kategorien eingeteilt: ab 0 Jahre, ab 6 Jahre, ab 12 Jahre, ab 16 Jahre, ab 18 Jahre.
* Alle „Anbieter“ müssen sicherstellen, dass Kinder der entsprechenden Altersstufe jeweils ungeeignete Inhalte nicht wahrnehmen. Dafür sind mehrere (alternative) Maßnahmen vorgesehen:
o Es wird ein von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) zugelassenes Altersverifikationsverfahren genutzt.
o Inhalte werden nur zu bestimmten Uhrzeiten angeboten. (beispielsweise nur zwischen 22 und 6 Uhr, wenn ab 16 Jahre)
o Alle Inhalte werden mit einer entsprechenden Altersfreigabe gekennzeichnet.
* Die bestehenden Regelungen bezüglich schwer jugendgefährdenden Inhalten (das betrifft u.a. Hardcore-Pornographie usw.) bleiben natürlich in Kraft.

Für mein Buch habe ich mich in den vergangenen Monaten ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen Pornographie und Sexualität beschäftigt. Am Rande geht es dabei auch um die Auswirkungen von Pornographie auf Jugendliche. Ein paar der Erkenntnisse werde ich nun – grob verknappt, wir sind hier ja im Internet – zusammenfassen.

Es gibt erwartungsgesmäß eine Vielzahl von Meinungen zu dem Thema, alle Wissenschaftler aber, die mit real existierenden Jugendlichen tatsächlich Gespräche geführt haben, kommen übereinstimmend zu dem Schluss:
Die befürchteten Auswirkungen gibt es nicht.
1. Jugendliche wissen, dass Pornographie nicht die Realität wiedergibt.
2. Jugendliche finden weibliche Pornodarsteller “billig” und männliche Pornostars “lächerlich”, sie erfüllen also keine Vorbildfunktion.
3. Jugendliche konsumieren reichlich Pornographie, aber ein verändertes Sexualverhalten gibt es nicht. Selbst jene, die das gesamte Frühwerk Michaela Schaffraths mit den Händen nachkneten können, werden rot, wenn ihnen Katharina aus der Parallelklasse ein Zettelchen zusteckt.

Jugendliche onanieren seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte wie die Wahnsinnigen. Mädchen treten in den Club der großen Wixer erst ein paar Jahre später ein (übrigens ein Grund dafür, dass das erste Mal oft für beide so unersprießlich ist – der Junge ist gewöhnt daran, so schnell wie möglich abzuspritzen, damit niemand etwas mitbekommt, das Mädchen hat noch gar keine Ahnung, wie es zum Orgasmus kommt) und haben aus verschiedenen Gründen ein eher laues Interesse an Pornographie. Es gibt, verkürzt gesagt, wie eh und je eine Phase, in der die sexuelle Neugier und die sexuelle Kompetenz denkbar weit auseinander klaffen.
Früher griff man in dieser Phase zu Schafen, heute zu Pornographie.

Dennoch kommt es natürlich zu problematischem Sexualverhalten. Klaus Hurrelmann, Autor der Shell-Jugendstudie, sagt, dass in Deutschland der Anteil der Jugendlichen, die riskante Formen der Sexualität praktizieren, “im Promillebereich” liegt. Generell hat sich das Sexualverhalten der Jugendlichen nicht geändert, in den USA ist das Durchschnittsalter für das erste Mal sogar deutlich gestiegen. Wenn man aber einen der spektakuläreren Fälle anschaut, beispielsweise die Syphilis-Epidemie in Rocksdale County, bei der sich 200 Teenager zwischen 13 und 16 mit Syphilis infizierten, dann wird man sehen, dass nicht Pornographie das Problem ist, sondern emotionale Vernachlässigung.

Wenn man sich Sorgen machen möchte um unsere Kinder, dann muss man sich mit Phänomenen wie den folgenden auseinander setzen:

Alleinerziehende haben ein ungeheures Armutsrisiko. Sie haben die Wahl, ihre Kinder entweder in Armut aufwachsen zu lassen oder zu vernachlässigen.
9to5-Jobs sind zu 24/7-Jobs geworden.
Kinder erleben viel zu früh einen wahnsinnigen Karrieredruck und wachsen in der Angst auf, den Ansprüchen nicht zu genügen.
Kinder werden mit Geschenken und materiellen Zuwendungen dafür entschädigt, dass die Eltern zu wenig Zeit für sie haben.
Eltern sorgen sich, dass sie nicht mehr der beste Freund ihrer Kinder sein können, wenn sie ihnen Grenzen aufzeigen.

Wenn es ein Problem gibt mit der Jugend von heute, dann hat dieses Problem nichts mit Pornographie zu tun. Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz, Jugendliche brauchen mehr Aufmerksamkeit. Wenn aber die gesamte Mittelschicht gegen den Absturz in die Unterschicht kämpft, dann haben die Erwachsenen gar nicht mehr die Zeit, sich um die Kleinen zu kümmern.
Diese Probleme sind allerdings nur durch eine gesellschaftliche Neuausrichtung hinzubekommen. Als Politiker ist es da natürlich der etwas einfacherere Weg, die Verantwortung an Internet-Provider abzugeben.


15
Jan 10

Beschwerdechor in Tokio

Irgendwann einmal werden Außerirdische vor dem Brandenburger Tor landen und aussteigen. Sie werden wirklich seltsam aussehen und sich auch komisch verhalten, Fotos machen und schließlich sagen: “Es gibt auf dem Weg hier hin kaum gute Rastplätze, die Bordtoilette war verstopft, der Flug hatte eine halbe Stunde Verspätung, dabei will man ja bloß mal ein wenig Erholung, bei uns geht nämlich alles immer nur Zack-Zack, Stress bis zum Abwinken, Leistungsgesellschaft nennen sie das in den Talkshows, aber wir leisten und leisten und Gesellschaft haben wir kaum einmal, nur noch unsere Katze, aber die sagt: `Du könntest dir auch mal einen neuen Haarschnitt leisten, schau dich mal an, mein Gott, hättest du nicht eine blinde Katze aussuchen können?´. Außerdem könnten die echt Thrombosestrümpfe verteilen, acht Parsec sind ja nicht gerade um die Ecke.”

Wenn Sie sich auf dieses Ereignis vorzubereiten gedenken, schauen Sie sich dieses Video an.

via robinschnoeckelb.org


8
Jan 10

Wir raten den Titel des Buchs von Andrea Nahles

Lieblingslektorin: “Rate mal, wie das Buch von Andrea Nahles heißt.”
Ich: “Na, irgendwas mit Links.”
Lieblingslektorin: “Ja, das ist drin. Und was noch?”
Ich: “Dass sie eine Frau ist, wird sie nicht unerwähnt lassen.”
Lieblingslektorin: “Spukisch. Kennst du den Titel?”
Ich: “Nein, aber ist doch klar. Kommt modern drin vor?”
Lieblingslektorin: “Nein, modern nicht. Das sind einfach nur drei Worte.”
Ich: “Frau, GLÄUBIG, links.
Lieblinsglektorin: “Das hat dir der Teufel gesagt!”
Ich: “Ich habe einfach nur an das Grauenhafteste gedacht, was ich mir vorstellen konnte. Liegt man bei Andrea Nahles immer goldrichtig mit.”


7
Jan 10

Elisa

Wieder ins Bonfini, warum nicht einfach alles immer gleich machen? Elisa ist entzückend. So süß und normal. Alles ist normal bei ihr, das sagt sie auch so. Ihre Eltern haben normale Berufe, ihr Abi war normal (1,2!), sie findet sich normal hübsch und sie wichst ganz normal mit dem Duschkopf. Sie ist ganz normal unverkrampft und es ist ganz normal, dass ich sie wieder nach Hause fahre und sie fängt ganz normal an der Tür an, mich zu küssen, denn wir sind ja nicht fünfzehn, ist ja klar, wozu wir uns getroffen haben.
Als ich mit ihr schlafe, sehe ich etwas in ihr, das ich nach dem Orgasmus nicht mehr wiederfinde.

Ihre beknackte CD-Sammlung, ihre lächerlich ordentlich an der Wand aneinandergereihten Postkarten, die einzelnen Urlaubsgrüße im immer gleichen Abstand. Erstsemester ist sie, ihre Ordner sind mit Kleinmädchenschrift bemalt, die Klamotten für den nächsten Tag sind schon rausgelegt.
Als ich noch einmal mit ihr schlafe, verliebe ich mich für einen Moment in sie. Sie streckt ihre wunderschönen Arme nach hinten, ihre Brüste ragen empor, ihr Atem geht schnell und ihre Augen schimmern feucht. Sie drückt sich an mich und ich sage ihr, dass alles gut wird. Was auch immer.
Danach fragt sie, ob wir uns wiedersehen.
„Ist doch normal“, sage ich.
Bei einem Stürmer, der lange keinen Treffer mehr erzielt hat, sagt man, wenn er wieder das Tor getroffen hat (und die Situation ist ja nun offensichtlich vergleichbar): Der Knoten ist geplatzt. Leider ist das nur eine Sportreporterweisheit. Die Sportwissenschaft weiß längst, dass Sportreporterweisheiten nicht zutreffen. Die 45. Minute ist kein ungünstiger Zeitpunkt, ein Tor zu kassieren (es gibt keinen günstigen), der Heimvorteil verkehrt sich bei wichtigen Spielen in sein Gegenteil und Mannschaften haben keinen Lauf. Knoten platzen nicht. Man ist gut oder nicht. Eine Schwalbe macht noch keinen Elfer und einen Sommer erst recht nicht. Dabei ist es doch so heiß. Als ich aufwache, habe ich Elisas Geruch noch in der Nase. Ein guter Geruch. Sie hat mir eine SMS geschrieben.

„na, du. habe gerade ein video von einem hamster auf klaviertasten gesehen und musste an dich denken *g *“

Ich beschließe, sie zu überraschen. Was an Frauen unter vielem anderen so toll ist: Fast alle freuen sich über Blumen. Ich kaufe ihr welche. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Botschaft dieses Blumengeschenks überinterpretiert wird, aber ich habe schon meiner Mutter vom Weg aus der Schule zurück manchmal Blumen mitgebracht. Also klingele ich mit den Blumen hinter dem Rücken bei Elisa und sie freut sich, mich zu sehen, stellt die Blumen in eine Vase und sagt: „Aber du solltest da jetzt nichts überinterpretieren.“

Wir gehen einen Kaffee trinken und die nächsten zwei Stunden sind sehr angenehm. Sie ist eine von den selbstgenerierenden Erzählerinnen. Sie plappert unverdrossen vor sich her und wenn sie an das Ende eines Gesprächsfadens gelangt ist, knüpft sie einen neuen hinten dran. Wir reden über Diäten und Heidi Klum, Wasser, Fitness und YouTube-Videos. Es ist fantastisch unanstrengend.
Dann gehen wir wieder zu ihr und schlafen sehr freundlich miteinander.
Ich mag Elisa. In der nächsten Zeit sehe ich sie alle paar Tage. Manchmal albern wir nach dem Sex noch rum und machen uns Komplimente. Vielleicht ist sie etwas mehr verliebt in mich, als sie es sagt, vielleicht aber auch etwas weniger, als es den Anschein hat. Während wir miteinander schlafen wirkt sie sehr gerührt, aber vorher und nachher könnte ich auch ihr Bruder oder (mein Gott!) ihr Vater sein. Ich frage sie natürlich nicht, worüber sie so gerührt ist.

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