Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz

Der Entwurf für einen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sorgt zur Zeit berechtigterweise für Empörung.

* Es werden sowohl Internet-Zugangs-Anbieter (Access-Provider, ISP) als auch Anbieter von Webspace (Hosting-Provider) mit den eigentlichen Inhalte-Anbietern gleich gesetzt. Sie werden als „Anbieter“ bezeichnet. Sie alle sind für die Inhalte ihrer Kunden verantwortlich.
(…)
* Generell werden alle Inhalte in Kategorien eingeteilt: ab 0 Jahre, ab 6 Jahre, ab 12 Jahre, ab 16 Jahre, ab 18 Jahre.
* Alle „Anbieter“ müssen sicherstellen, dass Kinder der entsprechenden Altersstufe jeweils ungeeignete Inhalte nicht wahrnehmen. Dafür sind mehrere (alternative) Maßnahmen vorgesehen:
o Es wird ein von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) zugelassenes Altersverifikationsverfahren genutzt.
o Inhalte werden nur zu bestimmten Uhrzeiten angeboten. (beispielsweise nur zwischen 22 und 6 Uhr, wenn ab 16 Jahre)
o Alle Inhalte werden mit einer entsprechenden Altersfreigabe gekennzeichnet.
* Die bestehenden Regelungen bezüglich schwer jugendgefährdenden Inhalten (das betrifft u.a. Hardcore-Pornographie usw.) bleiben natürlich in Kraft.

Für mein Buch habe ich mich in den vergangenen Monaten ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen Pornographie und Sexualität beschäftigt. Am Rande geht es dabei auch um die Auswirkungen von Pornographie auf Jugendliche. Ein paar der Erkenntnisse werde ich nun – grob verknappt, wir sind hier ja im Internet – zusammenfassen.

Es gibt erwartungsgesmäß eine Vielzahl von Meinungen zu dem Thema, alle Wissenschaftler aber, die mit real existierenden Jugendlichen tatsächlich Gespräche geführt haben, kommen übereinstimmend zu dem Schluss:
Die befürchteten Auswirkungen gibt es nicht.
1. Jugendliche wissen, dass Pornographie nicht die Realität wiedergibt.
2. Jugendliche finden weibliche Pornodarsteller „billig“ und männliche Pornostars „lächerlich“, sie erfüllen also keine Vorbildfunktion.
3. Jugendliche konsumieren reichlich Pornographie, aber ein verändertes Sexualverhalten gibt es nicht. Selbst jene, die das gesamte Frühwerk Michaela Schaffraths mit den Händen nachkneten können, werden rot, wenn ihnen Katharina aus der Parallelklasse ein Zettelchen zusteckt.

Jugendliche onanieren seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte wie die Wahnsinnigen. Mädchen treten in den Club der großen Wixer erst ein paar Jahre später ein (übrigens ein Grund dafür, dass das erste Mal oft für beide so unersprießlich ist – der Junge ist gewöhnt daran, so schnell wie möglich abzuspritzen, damit niemand etwas mitbekommt, das Mädchen hat noch gar keine Ahnung, wie es zum Orgasmus kommt) und haben aus verschiedenen Gründen ein eher laues Interesse an Pornographie. Es gibt, verkürzt gesagt, wie eh und je eine Phase, in der die sexuelle Neugier und die sexuelle Kompetenz denkbar weit auseinander klaffen.
Früher griff man in dieser Phase zu Schafen, heute zu Pornographie.

Dennoch kommt es natürlich zu problematischem Sexualverhalten. Klaus Hurrelmann, Autor der Shell-Jugendstudie, sagt, dass in Deutschland der Anteil der Jugendlichen, die riskante Formen der Sexualität praktizieren, „im Promillebereich“ liegt. Generell hat sich das Sexualverhalten der Jugendlichen nicht geändert, in den USA ist das Durchschnittsalter für das erste Mal sogar deutlich gestiegen. Wenn man aber einen der spektakuläreren Fälle anschaut, beispielsweise die Syphilis-Epidemie in Rocksdale County, bei der sich 200 Teenager zwischen 13 und 16 mit Syphilis infizierten, dann wird man sehen, dass nicht Pornographie das Problem ist, sondern emotionale Vernachlässigung.

Wenn man sich Sorgen machen möchte um unsere Kinder, dann muss man sich mit Phänomenen wie den folgenden auseinander setzen:

Alleinerziehende haben ein ungeheures Armutsrisiko. Sie haben die Wahl, ihre Kinder entweder in Armut aufwachsen zu lassen oder zu vernachlässigen.
9to5-Jobs sind zu 24/7-Jobs geworden.
Kinder erleben viel zu früh einen wahnsinnigen Karrieredruck und wachsen in der Angst auf, den Ansprüchen nicht zu genügen.
Kinder werden mit Geschenken und materiellen Zuwendungen dafür entschädigt, dass die Eltern zu wenig Zeit für sie haben.
Eltern sorgen sich, dass sie nicht mehr der beste Freund ihrer Kinder sein können, wenn sie ihnen Grenzen aufzeigen.

Wenn es ein Problem gibt mit der Jugend von heute, dann hat dieses Problem nichts mit Pornographie zu tun. Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz, Jugendliche brauchen mehr Aufmerksamkeit. Wenn aber die gesamte Mittelschicht gegen den Absturz in die Unterschicht kämpft, dann haben die Erwachsenen gar nicht mehr die Zeit, sich um die Kleinen zu kümmern.
Diese Probleme sind allerdings nur durch eine gesellschaftliche Neuausrichtung hinzubekommen. Als Politiker ist es da natürlich der etwas einfacherere Weg, die Verantwortung an Internet-Provider abzugeben.

31 comments

  1. „Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz, Jugendliche brauchen mehr Aufmerksamkeit.“

    Danke dafür, dass du es aufgeschrieben hast.
    Trotzdem deprimierend, dass man es aufschreiben muss. Selbstverständlichkeiten sind nicht mehr selbstverständlich. Und genau an dieser Stelle ist der berühmte „Knackpunkt“

  2. Treffer, versenkt. Spiegelt genau meine Ansichten wieder.

  3. Sehr richtig. Nicht nur das über die Jugendlichen, sondern auch über den Knackpunkt: Dieser Entwurf ist vollkommener Schwachsinn ohne jeglichen Bezug zu auch nur irgendeiner Realität. Inhalte im Netz von 22-6h anbieten als Schutzmaßnahme. Ne, is klar.

    Mir unverständlich: Wenn die Leute, die am Entwurf arbeiten, schon selber offensichtlich inkompetent sind, wieso fragen sie nicht einfach jemanden, der einen Hauch von Ahnung hat?

  4. „Generell hat sich das Sexualverhalten der Jugendlichen nicht geändert, in den USA ist das Durchschnittsalter für das erste Mal sogar deutlich gesunken.“ – Wie bitte?

  5. Martin Wilhelm Leidig

    @Clemens Gleich:
    Weil sie dazu merken und zugeben müßten, dass sie inkompetent sind. _Die_ halten sich aber für Fachleute (für alles, was das angeht) oder wollen zumindest den Anschein bewahren. Schau Dir doch nur mal an, wen die da so für kompetente Kriegs-, Sozial- und Familienminister halten: alles drei Nasen, die ausschließlich durch Beziehungen, aber nicht durch irgend eine Art fachlicher Kompetenz an ihre Posten gekommen sind (es sei denn, man rechnet «Grinsen» und «öffentlich Blödsinn erzählen» als Politiker-Kompetenzen).

  6. Vielleicht liegt das nur daran, dass ich keine Ahnung habe, aber der Sprung von „Generell hat sich das Sexualverhalten der Jugendlichen nicht geändert“ zu „Diese Probleme sind allerdings nur durch eine gesellschaftliche Neuausrichtung hinzubekommen.“ hat mich ein bisschen überrascht.
    Steht denn fest, dass sich das Verhalten von Jugendlichen in anderen Bereichen zum Schlechteren verändert hat, oder wie meinst du das?

  7. > Selbst jene, die das gesamte Frühwerk Michaela Schaffraths mit den Händen nachkneten können, werden rot, wenn ihnen Katharina aus der Parallelklasse ein Zettelchen zusteckt.

    In Zeiten von Handies und Facebook etc werden noch Zettelchen ausgetauscht?

  8. @ Clemens Gleich:

    >Mir unverständlich: Wenn die Leute, die am Entwurf arbeiten, schon selber offensichtlich inkompetent sind, wieso fragen sie nicht einfach jemanden, der einen Hauch von Ahnung hat?

    Das nennt man den „Dunning-Kruger-Effekt“. Inkompetente Menschen haben die Tendenz, ihre Kompetenz falsch – nämlich zu hoch – einzuschätzen. Sie sind nicht kompetent, aber sie glauben, es zu sein, und das reicht ihnen.

  9. @ henteaser: Da musste ich auch stutzen.

    @ Markus: Ja, natürlich, fix den letzten Tweet ausgedruckt und weitergereicht.
    Im Ernst: Natürlich werden auch heutzutage noch Zettelchen ausgetauscht! Es ist dann eben doch etwas anderes, das handgeschriebene Zettelchen mit Herzchen statt i-Tüpfelchen einmal quer durchs Klassenzimmer zum Objekt der Begierde zu bugsieren, ohne dass es unterwegs irgendwo stecken bleibt oder schon jeder Dritte den Inhalt kennt. Und ist es dann angekommen, beschränkst du dich schmunzelnd auf die Rolle des Beobachters – Wenn’s denn gut geht.
    Das kann dir kein soziales Netzwerk und keine noch so aufwändige SMS ersetzen.

  10. @Muriel
    Du hast recht, das muss ich mal näher erklären.
    Das Einstiegsalter ist im Schnitt heute höher als vor zehn Jahren, trotzdem gibt es mehr Teenagerschwangerschaften. Manche amerikanischen Journalisten und Wissenschaftler bringen das auf die Formel: Weniger Sex, aber dümmerer Sex.
    Dieser dümmere Sex hat seine Ursachen unter anderem in den „Abstinence only“-Programmen, aber eben auch in den beschriebenen Zuständen. Das, was damals die Ärzte und Psychologen in Rockdale beunruhigt hat, war, dass es kein Unterschichtsphänomen war, das zu der Krankheitswelle geführt hat. Betroffen waren bürgerliche Kinder aus Familien, die sich sehr um die schulischen Leistungen gekümmert haben, die sogar teilweise extra dorthin gezogen waren, um ihren Kindern die besten Aussichten zu sichern. Aus dieser Perspektive lassen sich besorgniserregende Prognosen ableiten, die sich allerdings noch nicht in einem allgemein veränderten Sexualverhalten niederschlagen.

  11. @henteaser
    Da wird das erläutert. Und gleichzeitig steht da auch, warum du erstaunt bist.
    http://www.nytimes.com/2009/01/27/health/27well.html

  12. @ Malte:

    Na ja.
    Wenn ich einmal davon absehe, dass ich das Wörtchen „generell“ in diesem Zusammenhang als recht wagemutig empfinde und darüber hinaus der Meinung bin, dass es sehr wohl eine Veränderung im jungendlichen Sexualverhalten darstellt, wenn sich das Durchschnittsalter beim ersten Mal verschiebt (egal ob nun nach oben oder unten): In dem von dir verlinkten Artikel heißt es wörtlich „The reality is that in many ways, today’s teenagers are more conservative about sex than previous generations.“ Das Ganze wird dann durch eine Vielzahl statistischer Werte belegt, die ich mir hier aufzuführen spare, die in der Summe aber grob zusammengefasst ausdrücken sollen, dass heutzutage weniger Jugendliche als früher (i.e. 1995) bis zu ihrem 17ten Lebensjahr Sex hatten. Nur: Wenn das alles so stimmt, dann ist das Durchschnittsalter beim ersten Mal nicht etwa gesunken, wie du schreibst, sondern gestiegen. Was die Aussage doch ziemlich verkehrt. ;)
    Vielleicht steh ich ja aber auch bloß aufem Schlauch…

  13. Entschuldige, da habe ich einen Fehler gemacht: Gestiegen muss es heißen.

  14. So und jetzt weiter (wie unangenehm!): In Deutschland ist das Einstiegsalter stabil. Vielleicht sind hier etwas zu viele Erkenntnis auf zu dichtem Platz zusammengefasst, aber es lässt sich festhalten: Das Sexualverhalten hat sich nicht dergestalt verändert, wie man es erwarten würde, wenn diejenigen recht hätten, die befürchten, Pornographie würde die Jugen dverderben.

  15. @Markus
    Ich kann da nur Vermutungen anstellen, denke aber: ja!

  16. Mich hat Pornographie soweit ich weiß nicht geschädigt (17J).
    Im Internet stößt man auf das was man sucht und wird nicht mit dem konfrontiert, was man nicht sehen möchte.

  17. @Hugo: Benutzt du dasselbe Internet wie ich? Ich hätte sonst gerne auch deins, bitte.

  18. @Muriel
    Bei gmail kommt praktisch kein Spam durch. Ansonsten sehe ich Teaserbildchen im Grunde nur am Rande bei Imagehosts und auf manchen Torrentseiten.
    Wo denn sonst noch? Frage ich ernsthaft, weil es ja oft behauptet wird. Vielleicht gibt es ja tatsächlich viele Netze:)

  19. Sehr schöner Artikel, der die Situation im Moment gut zusammenfasst und auch meinen Gedankengängen entspricht.

    Das Problem ist einfach, das die Themen der Jugend wie immer nicht beachtet werden. Vielfach können die Elten sich einfach nicht mehr um ihre Kinder kümmern, weil sie dauernd damit beschäftigt sind Essen auf den Tisch zu bringen oder selbst keine Perspektive für ihr Leben mehr sehen.

    Nur diese Bedingungen anzupacken und zu ändern kostet Geld. Verbote und Gesetze sind dagegen eher günstig zu haben ;)

  20. Wieder exakt das selbe Phänomen: Die Gesellschaft leistet sich einen Wissenschaftssektor, nur um dessen Erkenntnisse dann konsequent zu ignorieren oder sich nur jede Studien herauszusuchen, die einem grade passen. Politische Entscheidungen scheinen derzeit nur auf Bauchgefühl zu basieren… ganz egal ob Banken, Terrorismus oder Umweltschutz.

  21. Hmm, also ich denke mal, dass man pauschalen Maßnahmen, wie diesen neuerlichen Internetriegeln, nicht mit pauschalen Gegenbehauptungen kommen sollte. Denn (wenn wir mal davon absehen, dass das auch pauschal ist) damit segnet man ja ab, dass die Angelegenheit derart (oder durch „Studien“) behandelbar ist.

    Und das ist sie eben nicht. Wenn ich mir auf den Schirm hole, dass Unsereins sich in den frühen 90er Jahren die TV Spielfilm kaufte, und als erstes mittig die Seiten mit den 1,5×2,5cm großen Abildungen unbekleideter Damen aus den 70ern aufschlug, dann ist das etwas Grundverschiedenes mit den heutigen nachmittäglichen Verabredungen von Teenies, um sich YouPorn reinzuziehen.

    Damals so wenig wie heute wird kaum direkt umgesetzt, was man mal gesehen oder gedacht hat. So gesehen, hat man vielleicht das jeweils andere Geschlecht von diversen Peinlichkeiten verschont.

    Was allerdings die Beeinträchtigung von Jugendlichen durch online Verfügbares betrifft, darf man durchaus die Frage stellen, inwiefern man diesem entgegenkommt. Schließlich gibt es genug Fälle, in denen die Familie versagt, in denen die Familie nichts merkt oder nichts ausrichten kann. Einen frühen Zugang zu Online-Pornographie finde ich jetzt nicht so ein Must-have, weiss aber auch nicht um diverse Folgen.

    Politisch eingeführte Tabus sind wohl wieder Allmachtsphantasien konservativer Politiker, was die Problematik an sich noch nicht behebt. Diese ist aber vornehmlich kultureller Natur und nicht rechtlicher.

    Und irgendwie sind diese kleinen Nackedeifotos aus der TV Spielfilm ja auch wieder verschwunden.

  22. malte – ein wunderbarer text über so was kaum wunderbares. und vor allem und für alle: Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz, Jugendliche brauchen mehr Aufmerksamkeit. that’s ist, und eben am ende ja auch für die elenden 24to7-Erwachsenen …

  23. In den Forderungen stimme ich vollkommen überein. Aber: Bei dem Teil, was angeblich die herausbekommen haben, die „mit real existierenden Jugendlichen tatsächlich Gespräche geführt haben“, hätte ich fast aufgehört zu lesen. Wie Pornos vor 20 Jahren ausgesehen haben, weiß ich leider nicht. Dafür aber weiß ich, dass Pornos auch dann die Vorstellung junger Menschen (insbes. Männer, aber nicht nur) beeinflussen, wenn diese behaupten, sie wüssten, dass die Realität anders aussehe. Dass die politisch diskutierten Maßnahmen keine Lösung sind – in dem Punkt stimme ich vollkommen überein. Aber wir können nicht verschweigen, dass die Pornoindustrie viel Mist produziert, der Menschen(und besonders Frauen-)verachtend und realitätsfern ist und leider trotzdem großen Einfluss auf die Vorstellungen, Hoffnungen und Ängste vieler Menschen hat. Allerdings haben diese Darstellungen bei weitem nicht nur auf Jugendliche Einfluss. Und genau das ist einer der Punkte in dem ich Malte unterstütze: Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz sondern mehr Aufmerksamkeit. Und ehrliche Aufmerksamkeit heißt auch, offen über alles zu reden und nicht, Systeme aufzubauen, um Dinge im Netz (und sonstwo oder -wie) zu verbieten.

  24. @Federica
    Der Sexualwissenschaftler Gunther Schmidt sagt dazu:
    „Die Pornographie-Debatte operiert mit Annahmen, die ich für unzulässig halte. Ich meine damit die Negierung des Unterschiedes zwischen Phantasie und Realität. Zu behaupten, das, was man in der Pornographie sehe, wolle man auch tatsächlich machen, also Pornographie sei die Theorie und Vergewaltigung die Praxis, geht nicht an. Gewalttätige Akte, die in der Phantasie gewünscht oder auch begangen werden, stellen in der Realität oft den reinsten Horror für die Betroffenen dar. Nur ein Beispiele dafür sind Vergewaltigungsphantasien von Frauen. Es wäre Irrsinn zu glauben, diese Frauen wünschten sich eine Vergewaltigung. Nein – indem sie den Schrecken eines solchen Gewaltaktes in ihre Phantasie und damit in die eigene Hand nehmen, bannen sie ihn gleichzeitig. Mit der Pornographie sind auch lustvoll erlebte aggressive Sexualphantasien in Verruf gekommen; sie werden zunehmend tabuisiert.“
    http://www.lukesch.ch/Text96_04.htm

    Das ist der Punkt. Die Jugendlichen können Fantasie und Wirklichkeit voneinander unterscheiden.

    Du sagst: „Dafür aber weiß ich, dass Pornos auch dann die Vorstellung junger Menschen (insbes. Männer, aber nicht nur) beeinflussen, wenn diese behaupten, sie wüssten, dass die Realität anders aussehe.“
    Woher willst du das wissen? Mit der selben Berechtigung könntest du sagen: Ich weiß, dass Computerspiele Menschen gewalttätiger machen, ob die Probanden nun sagen, sie fühlten sich beeinflusst oder nicht.

    Die Unterscheidung zwischen kulturellem Produkt und Realität ist eine der Grundlagen unserer Kultur. Akzeptiert man sie nicht, kann man weder Othello noch den Kaufmann von Venedig aufführen, man kann James Bond-Filme nicht mehr zeigen und auch den Tatort nicht. Jede Darstellung von Gewalt, jede politisch unkorrekte, spielerisch eingenommene Haltung, wäre in der Kultur nicht mehr möglich.

  25. wieso ist eine syphillis epidemie ein zeichen von mangelnder zuwendung? eigentlich deutet sie eher auf das gegenteil hin:)

    trotzdem hinkt das beispiel, da der schutz dagegen kondom heist und der verweis auf die emotionale vernachlässigung suggeriert, dass nur menschen die darunter leiden sich sexuell ausleben.

    und dabei hatte der artikel so vielversprechend angefangen…

  26. In Rocksdale – das hätte ich wohl ausführen müssen – sind zum Teil 13jährige Mädchen von drei Jungs auf einmal beschlafen worden (anal, oral, vaginal, das wurde dann Sandwich genannt). Manche sahen es als einzigen Ausweg, mit anderen Mädchen rumzumachen, weil sie so das Geschehen unter Kontrolle hatten.

    Zwischen „sich sexuell ausleben“ und mitmachen, weil man nicht weiß, wie man es verhindern kann, besteht schon noch ein Unterschied.

  27. Schöner Text.
    Was die Pornographisierung des Internets angeht verstehe ich diese Hysterie auch nicht. Vom Emailspam mal abgesehen (der fast zu 100% eh vom Spamfilter kassiert wird) werde ich damit im Internet viel weniger drangsaliert, als mit den Sozialhilfepornos der nächtlichen Werbeunterbrechungen. Ein Besuch bei spiegel.de ist wesentlich Jugendfreier als der Konsum von Spiegel-TV.

  28. @Malte: Pardon, war eine Weile nicht mehr hier. (Warum kann man hier die Kommentare nicht per Mail abonnieren? Das käme Grenzdementen wie mir sehr entgegen.)
    Ich dachte weniger an Spam in Mails, sondern eher an Google-Suchergebnisse. Konkreter dachte ich daran, dass man kaum einen noch so harmlosen Suchbegriff eingeben kann, ohne dass einem irgendeine ausgesprochen abwegige sexuelle Praxis oder ein abscheuliches Bild von schimmeligen Füßen oder sowas angeboten wird.
    Ich weiß, auch da gibt es Filter und alles mögliche, aber mein Kommentar war offen gesagt auch nicht ganz ernst gemeint. Trotzdem stehe ich zu der Behauptung, dass ein Internet, in dem man wirklich „nicht mit dem konfrontiert wird, was man nicht sehen möchte“ für mich bis auf Weiteres eine Wunschvorstellung bleibt.

  29. Der lokale Jugendschutz wird eh umgangen – durch Seiten aus anderen Ländern oder eben durch torrents. Zur Not über eine Verteilung unter den Schülern, eine Festplatte mit 500 GB sollte genug Material fassen können und ist klein und billig.

    Das Interesse ist vorhanden, aufhalten kann man es nicht, ob man in Deutschland schärfer wird mit den Regelungen oder nicht

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