29
Apr 09

Wissenschaftlich erwiesen: Wer das Internet nutzt, der hat kein Leben

Das Internet ist nur die Ersatzbefriedigung dafür, dass man tatsächlich keine Aufgaben und keine verlässlichen Beziehungen hat. Wer sich im realen Leben nicht in einer vertrauten Gemeinschaft entfalten kann, der versucht es eben in einer virtuellen Welt. Übrigens ist die einzige Beziehungsform zwischen Menschen, in der beide Partner das Gefühl haben, eng verbunden zu sein und gleichzeitig frei wachsen zu dürfen, die Liebe. In einer immer liebloser werdenden Welt brauchen die Menschen immer mehr Ersatzbefriedigung.

Das sagt der Neurobiologe Gerald Hüther in der Süddeutschen Zeitung. Er erläutert weiter, “dass Menschen, die sich im realen Leben in Beziehungen geborgen fühlen und Herausforderungen annehmen” das Internet lediglich als Informationsmedium nutzen.

Unterhaltung braucht jemand, dem etwas fehlt. Eine Gesellschaft, die immer mehr junge Leute unter Bedingungen aufzieht, die frustrieren und unbefriedigte Bedürfnisse erzeugen, produziert die besten Kunden für elektronische Medien.

Welche Gesellschaftsform in der Geschichte der Menschheit hat junge Leute nicht frustriert und in ihnen nicht unbefriedigte Bedürfnisse erzeugt? Legt nicht schon Höhlenmalerei Zeugnis ab über die frustrierte felltragende Jugend, die sich lieber scharfe Rundungen auf Felswänden anschaute, als selbst in die nächstgelegene Höhle zu ziehen und sich ein Weib an den Haaren in den eigenen Bau zu ziehen?
War Jagdzauber nicht bloß eine schale Ersatzbefriedigung für echte Büffel?

Ist am Winnetouleser ein zufriedener Skalpierer verloren gegangen?
War Ovid ein vereinsamter Onanist, sind die Bayreuthpilgerer auf heimlicher Suche nach echtem Drachentöten?

Und ist Neurobiologie nicht fad, wenn man auch in trauter Runde gemeinsam ein schönes Hirn essen könnte?


29
Apr 09

1984

Manchmal stelle ich mir vor, wie es gewesen wäre, wenn in meiner Kindheit Sondereinsatzkommandos mein Zimmer gestürmt hätten, um Leerkassetten zu beschlagnahmen.
1984, da war ich 10 und saß Samstag für Samstag vor dem Radio, um die Schlagerrallye mit Wolfgang Roth aufzunehmen. Manchmal spielte Roth rare Maxi-Versionen von Depeche-Mode-Hits und redete auch nur ganz wenig rein.
Wenn er bei “The Sun always shines on TV” in das unendliche Ende hineinsagte: “Die Platte mit dem unendlichen Ende” und ich den Satz auf meinem Sony-Walkman somit einige hundert Mal anhören konnte, dann wurden die Worte auf seltsame Art mit der Zeit Teil der Musik. Viele Lieder höre ich bis heute im inneren Ohr mit Roths Stimme.

1984 war auch das Orwell-Jahr und deshalb las ich etwas zu früh von einer stalinistischen Utopie, in der jeder bei jedem Schritt, den er tat, überwacht wurde von wohlmeinenden Kulturbewahrern.
Das war sehr fern von meiner mollig warmen Kindheitshöhle mit Roths beruhigender Stimme.

Für mich im Nachhinein bestürzend, dass niemand mich angezeigt hat. Ich war schließlich daran beteiligt, unsere Kultur zu zerstören.
Depeche Mode müssen heute noch touren und konnten sich zwischenzeitlich sogar kaum noch Heroin leisten, von a-ha gar nicht zu reden und was macht eigentlich Mike Oldfield? Ist der schon verhungert?
Und erst die ganzen kleineren Projekte, deren Karriere ich zerstört habe: The Art of Noise, OMD, ELO – den jungen Grönemeyer habe ich im Alleingang ausgelöscht.
Spätestens als ich eine Anlage von Universum hatte mit High-Speed-Dubbing war ich eine kriminelle Organisation. Ich konnte Klassenkameraden Kassetten zusammenstellen, ich war eine Ein-Mann-Piratenbucht, Genesis hörten meinetwegen auf, Phil Collins stellte gar sein Wachstum ein, INXS fehlte die Luft zum Atmen, denn ich kopierte und vervielfältigte, die Klangqualität wurde besser, Dolby, Chrombänder, die Klassenkameraden kopierten nun manchmal sogar ihre Schallplatten und so wurde aus einem Namenstagsgeschenk (Chartbreaker Super Hits) zwanzig Kassetten und Mick Jagger und David Bowie sahen wirklich schlecht aus.

Hätte man mich bloß überwacht.


29
Apr 09

Eine schüchterne Anmerkung zur Schweinegrippe, will sagen: Mexiko-Grippe

Ich bin – wie vielleicht manche wissen – kein Arzt, dafür jedoch Teilzeit-Hypochonder. Ein Hypochonder jener Art, der selten zum Arzt geht, sich dafür aber oft und gerne ein wenig fürchtet und im Pschyrembel blättert.
Nun wird im Zusammenhang mit der Mexiko-Grippe wie bei jeder Winter-Influenza auf die Pandemie von 1918, die sogenannte Spanische Grippe, verwiesen.
Deren außergewöhnlich hohe Opferzahlen wiederum wurden jedoch in seriöseren Artikeln auch durch ein mit der Grippe zusammtreffendes, weltgeschichtlich nicht ganz unbedeutendes Ereignis begründet: Zuvor hatte der erste Weltkrieg stattgefunden.

Wenn nun im Wikipedia-Artikel zur Spanischen Grippe ausführlich darüber spekuliert wird, warum die Spanische Grippe eine W-Kurve statt einer U-Kurve hatte (eine U-Kurve bezeichnet die typische Alterskurve derer, die von einer Influenza am stärksten betroffen sind, also Kinder und Greise, während bei der W-Kurve ein Anstieg der Todesopfer bei den 20-40jährigen zu verzeichnen ist), dann ist es schon erstaunlich, dass dabei ignoriert wird, dass eben 20-40jährige gerade besonders ausgezehrt waren – sie hatten schließlich eben erst bis zu vier Jahre an der Front verbracht (Zivilisten waren von ersten Weltkrieg deutlich weniger betroffen als vom zweiten).

Wenn man auch mittlerweile weiß, dass das Virus von 18/19 besonders aggressiv war, so kann man die Opferzahlen von damals schwerlich für heute prognostizieren, wo ein Virus auf eine wohlgenährte Gesellschaft mit weichen Betten, warmen Kakaos und sauberem Wasser trifft.

Ebenso verwundert mich die allgemeine Verwunderung darüber, dass in Mexiko mehr Menschen an dem Virus sterben als in den USA. Wenn ich mich recht erinnere, dann wandern Menschen aus Mexiko in die USA unter Einsatz ihres Lebens ein, weil Mexiko unter anderem an einem eklatanten Mangel an Wohlgenährtheit, weichen Betten, warmen Kakaos und sauberem Wasser leidet.

Aber es wäre vermutlich etwas zu kompliziert, darauf hinzuweisen, dass uns eher eine Wiederholung der Winter-Influenza (Brisbane-Virus) erwartet als ein Massensterben.


27
Apr 09

Bei der CDU wird darüber diskutiert, wie man Homosexualität heilen kann

Wird ein Thema mit einem moderationswidrigen Beitrag eröffnet, löschen wir das ganze Thema. Gleiches gilt, wenn moderationswidrige Beiträge in einem Thema überhand nehmen.

So steht es in den Moderationsregeln im Forum der CDU.

Dieser Beitrag, der seit dem 22.4. im Forum der CDU steht, gilt offensichtlich nicht als moderationswidrig*:

cdu

Die Anzeichen verdichten sich immer mehr, daß Homosexualität nicht etwa eine gleichberechtigte sexuelle Orientierung zur Heterosexualität ist, sondern eine Desorientierung, die vielfältige Ursachen hat. So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, daß Homosexualität, ganz entgegen veröffentlichter Ansichten, eben doch eine psychische Erkrankung sein könnte, die unter bestimmten Voraussetzungen heilbar ist.

Der Verfasser Jochen Trebmann ist ein leidenschaftlicher Kommentierer bei PI. Und ich weiß nur zu gut, wie schwer diese freizeitreichen Abendlandsbewahrer aus den Kommentarspalten loszukriegen sind.
Aber ein ganzer Beitrag? In einem Forum, das vorgibt, streng moderiert zu werden? Zu Beginn eines Wahlkampfs, der auch im Netz geführt werden soll?
Da sollte die CDU vielleicht noch einmal in sich gehen.

*Update
Die Moderatoren haben den Beitrag mittlerweile (nach 5 Tagen) gelöscht.
via Don Dahlmann


27
Apr 09

Meine Mutter wird neuer Trainer des FC Bayern München

Presseberichten zufolge wird meine Mutter neuer Trainer in München.
Wie schon bei ihren Engagements in Duisburg, Madrid und Dingenskirchen wird sie darauf bestehen “Trainer!” genannt zu werden, denn die weibliche in-Endung empfindet sie als verniedlichende Kuschelei. Unvergessen, wie sie Rolf Töpperwien in der Saison 85/86 nach dem verlorenen Spiel gegen Bayer Uerdingen einen Kinnhaken verpasste, als er ihr die Tür aufhielt.
Meine Mutter ist ein sogenannter harter Hund, verfügt jedoch nicht über einen sogenannten weichen Kern.
Wer erinnert sich nicht mit einem sanften Schauder der Nostalgie, wie sie nach der Winterpause 77/78 Klaus Fischer eigenbeinig aus dem Strafraum grätschte, als der den Anschlusstreffer auf dem Schlappen hatte.
Sie musste damals acht Spieltage auf der Tribüne verbringen und verfasste in dieser Zeit ihre Memoiren unter dem Titel “Stalingrad”.
Nach der Wende 89/90 zog sie sich aus der Bundesliga zurück. Nie abreißende Gerüchte über Stasi-Verstrickungen verfolgten sie bis nach Lissabon und Istanbul, wo sie nach ihren 9 deutschen Meistertiteln ebenfalls große Erfolge feierte.
Dass sie nun ausgerechnet in München anheuert, dem Ort, von dem aus Mitte der 90er die zu ihrem Rauswurf bei Barcelona führenden Glenbuterol-Gerüchte gestreut worden waren, erstaunt die Fachwelt.
Von Spielschulden ist die Rede, aber ich kenne meine Mutter. Ihr Leitsatz “Stahl wird nicht alt, Stahl wird an der Spitze breiter. Und darum geht es doch” war sozusagen mein Wiegenlied.
Assistenztrainer wird übrigens Hänschen Rosenthal, der einzige Mann, über den meine Mutter lachen kann.


26
Apr 09

Berlin bleibt der Ethik verpflichtet

Für Pro Reli hat es nicht gereicht. Nach Auszählung von 99,7 Prozent der abgegebenen Stimmen votierten laut Landeswahlleiter Andreas Schmidt von Puskás uneinholbare 51,3 Prozent der Teilnehmer am Volksentscheid mit “Nein” und damit gegen ein Wahlpflichtfach Religion.

Jetzt wohne ich noch ein bisschen lieber hier.


26
Apr 09

Tote soll man ruhen lassen

Foto: seabird

Foto: seabird


24
Apr 09

Netzsperren – Auf Phantomjagd mit einem Staubsauger

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch einen Gesetzentwurf zur Sperrung von Kinderporno-Webseiten verabschiedet. «Ja», denkt man sich, «warum denn erst jetzt, das klingt doch nach einer guten Sache?»

Aber wie so oft bei dieser Regierung steckt die Tücke im Detail (die Abwrackprämie ist fantastisch, zerstört aber den Gebrauchtwagenmarkt, die Klimabilanz und den Haushalt – ein anderes Regierungshandeln fällt mir im Moment nicht ein, wahrscheinlich hat man sich im Vermittlungsausschuss zu oft auf Unentschieden geeinigt). Wobei das Detail beim aktuellen Entwurf ist, dass er irgendwo zwischen schwachsinnig und gefährlich oszilliert.

Weiter in der Netzeitung


23
Apr 09

Beyonce singt. Wie ein Turnschuh, dessen Sohle langsam, ganz langsam, abgerissen wird.

Wenn man ein Haustier seiner Wahl in siedendes Fett taucht und ihm dann ein Mikro überreicht, dann klingt das zwar nicht wie Beyonce, aber ich habe jetzt hoffentlich Ihre Aufmerksamkeit.
Nein, Beyonce ist vermutlich eine ganz normale Außerirdische, die irgendeine Botschaft loswerden will.
Globale Vernichtung, Bitte um Anruf zu Hause, schwer zu sagen, da kein Mensch sich diese Aufnahmen zwecks Entschlüsselung noch einmal anhören kann.

Na gut, einmal noch im Ernst: Beyonces Mikro hat während eines Playback-Auftritts aufgenommen und die Aufnahme ist ins Internet gesickert. Ist anderen auch schon passiert, aber hier sind tatsächlich zwei Fliegen absichtlich so lange gegen die Fensterscheiben geflogen, bis sie zerplatzt sind.

Danke an uiuiuiuiui!

(Angeblich ein Hoax, aber ich halte das für eine Schutzbehauptung der US-Regierung. Area 51!)


22
Apr 09

Warum ich beim Verfassungsschutz arbeite

Ursula von der Leyen instrumentalisiert die Sorge und Unaufgeklärtheit der Wähler, um an den Urnen zu triumphieren.
In den Särgen liegen deswegen nicht weniger Kinderkörper, keine Kinderseele wird gerettet – es handelt sich um ein derart widerwärtiges Polit-Placebo, dass es nicht übertrieben ist, wenn man sagt: Diese Politikerin passt nicht in eine Demokratie.
Entweder lässt sie sich von ihren Mitarbeitern einreden, ihre Maßnahmen könnten erfolgreich sein – dann ist sie dumm.
Oder sie weiß, dass sie im Wahlkampf ist – dann ist sie bösartig.
Vielleicht aber ist es sogar so, wie in Foren, Blogs und mittlerweile sogar in meinem Bekanntenkreis geunkt wird: Dass die Internetsperren nur ein Testballon sind für weitere Deliktfelder und für immer weitere Kontrolle über das Verhalten der Bürger – dann wäre “bösartig” ein viel zu schwaches Wort.

Wir haben alle zugeschaut, als Flughafenpersonal plötzlich entfernt wurde – ohne dass die, denen gekündigt wurde, den Grund für die Entfernung hätten erfahren dürfen: Denn es waren Geheimdienstinformationen, die sie belasteten.
Nun gut, haben wir gedacht, ich arbeite nicht auf einem Flughafen. Außerdem trifft es sowieso nur Leute, die mal auf Stalinisten-Demos waren oder in Moscheen, in denen Hetzreden gehalten werden – will man solche Leute ernsthaft in die Nähe von Flugzeugen lassen?
Früher durfte ein Kommunist keine Post verteilen – hat das der Demokratie geschadet?

Wenn jetzt Wohnungen durchsucht werden, weil Leute auf irgendwelchen Seiten waren, von denen kein Mensch wissen darf, was dort zu sehen gewesen wäre – es handelt sich bei den Listen schließlich um Ermittlungsergebnisse oder um Konferenzfürze oder eher allgemeines Zeugs, dann denken wir: “Aber die Kinder!”
Denn irgendwas werden sie ja schon gemacht haben.

Demokratie wirkt: sie lässt einen alt werden und dick und fröhlich, man muss keine Sorge haben, verhaftet zu werden und Strom und Wasser kommen aus spukischen Einrichtungen in den Wänden.
Kommen aus spukischen Einrichtungen in den Wänden zu unserer Sicherheit Überwachungskameras – dann ist es ein wenig schwer, sich so richtig demokratisch zu fühlen.

Aber bei mir könnt ihr natürlich das Badezimmer überwachen, nicht, dass ich am Ende noch mein Kind bade in einem altertümlichen Anfall körperlich gezeigter Zuneigung.

Ursula von den Leyen trifft die Demokratie an ihrer empfindlichsten Stelle: Sie packt sie an der Sorge um ihre Kinder.
Wer widerspricht, ist verdächtig (in der Facebookgruppe gegen die Sperren sind fast ausschließlich Männer – das hat vermutlich etwas zu bedeuten), eine Dimension, die es nicht einmal beim Kampf gegen den Terror gab. Selbst der paranoideste BKAler käme nicht auf die Idee, dass ein lebensfrohes, immer mal wieder alkoholisiertes Kerlchen wie ich sich in die Luft sprengen würde für ein paar Jungfrauen.
Aber was ich auf dem Rechner habe – die Polizei weiß nichts von meiner Leidenschaft für Großmütter und homoerotischen Huckepack-Sex, es wäre aus Ermittlersicht völlig in Ordnung, meinen Rechner mal genauer zu überprüfen. Der Verdacht auf den Besitz von Kinderpornographie rechtfertigt Überwachungsmaßnahmen, die man vor ein paar Jahren bei Tony Soprano nicht hätte durchführen dürfen.
Von jetzt an wird dieser Verdacht nicht mehr benötigt. Vielleicht reicht schon ein Klick auf Wikileaks, damit man Besuch bekommt.

Die Verfassung ist nur Papier, sie muss mit Geist gefüllt werden.
Deshalb bin ich heute dem Verfassungsschutz beigetreten. Eine geheime Organisation, man kann nur in Gedanken Mitglied werden.