27
Nov 11

Maxim Biller: Berlin Girl

Berlin Girl by maximbiller


18
Nov 11

Gefühlte Zeit: 1929

Ich bin meistens ratlos. Sollte man als Kolumnist nicht sein, aber gerade den jüngeren Lesern kann ich versichern: Ratlosigkeit nimmt mit dem Alter zu (außer bei Helmut Schmidt).
Ein Ratlosigkeitsgipfel ist bei mir in diesem Jahr erreicht. Ich verstehe die Finanzkrise nicht, ich habe keine Ahnung, was die europäischen Staaten da tun sollten, ich verstehe Anonymous nicht und ich hoffe immer wieder kurz, Occupy zu verstehen, aber dann ist der Moment der Erkenntnis und des Verstehens auch schon wieder vorbei.
Ich verstehe braunen Terror nicht. Es gibt Psychopathen, in Ordnung, aber dass Psychopathen Anhänger haben, erschließt sich mir nicht. Ich finde auch tatsächlich den Gedanken schwierig, dass jemand Bilder von Auschwitz sieht und mit denen auf der sicheren Seite des Zauns sympathisiert. Ich verstehe aber auch nicht, was ein Verfassungsschutz so macht.
Das Wesen der Demokratie ist ja nun einmal Transparenz und Mehrheitsentscheidung, nicht Geheimnis und klandestine Autorität.
Wenn jemand aus Gründen der Tarnung den Nazi gibt – ab wann ist er einer geworden?
Und warum eigentlich fällt es so schwer, um Menschen zu trauern, deren Großeltern nicht zusammen mit unseren Großeltern eines dieser Konzentrationslager betrieben haben? Es gehe nicht um Gesten der Anteilnahme, sagt die baden-württembergische Integrationsministerin im Interview mit Spiegel Online. Geht es nicht bei Trauer immer genau darum?
Manchmal möchte man gar nicht nach vorne schauen.
Ich jedenfalls möchte das nicht. Ich würde gern kurz mal stehenbleiben und mich sortieren.


18
Nov 11

Freitagstexter 18.11.2011

UPDATE

Erster ist Stilhaeschen mit Primatdetektiv

Nachdem Textundblog meinen Kommentar ausgezeichnet hat, richte ich nun in dieser Woche den Freitagstexter aus.

Ich bin also gespannt auf eure Textideen zu diesem Bild von Eiko Fried.

Evolution von Eiko Fried


17
Nov 11

Analog/Digital 1973 – 2011

Kraftwerk – Tanzmusik (1973)

Tom Fire – Brainwash


13
Nov 11

Wenn Terror keinen Schrecken verbreitet

Man muss sich das einen Moment vorstellen: Der Vater, der Mann, der Bruder, der Freund wird ermordet. Und dann gibt es niemanden, der das getan hat. Es gibt keinen Grund, keine Erklärung. Es ist eine Gottverlassenheit, die über den Verlust selbst noch hinaus geht.
Nun, da die Morde geklärt sind, fehlt immer noch der Täter. Der ist tot. Es gibt vermutlich so etwas wie eine Motivlage, aber Grund und Erklärung – die gibt es nicht. Neun Menschen sind ermordet worden, sind aus dem Leben ihrer Familien gerissen worden, einfach so. Aus Hass.
Und wir haben nichts gemerkt. Wir wussten von dem Hass, aber wir haben ihn nicht recht ernst genommen. Wir haben uns für die Nazis geschämt, wir haben uns von ihnen distanziert, aber wir haben nicht begriffen, dass sie unsere Feinde sind.
Was uns vor einigem bewahrt hat.
Man muss sich das einen Moment vorstellen: Der Staat nimmt eine Terrorserie wahr, die aus dem Nichts kommt, er sieht eine Bedrohung, die er nicht kommen sieht. Er weiß nur, dass die Täter deutsche Terroristen sind. Wie wäre das Innenministerium damit umgegangen? Die vergangenen zehn Jahre war jeder verdächtig, der Muslim war, besonders verdächtig waren unauffällige Muslime. Wären nun besonders unauffällige Deutsche verdächtig gewesen?
Dieser Terror blieb ohne Schrecken, weil wir ihn nicht wahrgenommen haben. Das totale Versagen unserer Sicherheitsbehörden, die an Mittäterschaft grenzende Unbedarftheit der Ermittler – unser Segen.
So wurde das Leiden privatisiert, das Leben ging weiter.
Terror braucht Presse. Jetzt, da sie da ist, werden wir was erleben.


09
Nov 11

Der Urpaul

Ich träume von einem Schwimmbad. Ich trage Verantwortung, vielleicht bin ich Bademeister, eher aber noch Sportlehrer. Geschrei setzt ein. Ein gesichtsloser Schüler skandalisiert, dass ein anderer Jod unter der Dusche verwendet hat. Ein Dritter meldet sich zu Wort und sagt, das Medikament, das er nehmen müsse, vertrage sich nicht mit Jod.
Ich lasse mir den Beipackzettel zeigen. Auf dem Beipackzettel ist das Bild einer Großmutter gedruckt. Diese Großmutter ist der einzige Fall einer Gegenanzeige. Sie hatte Jod und das Medikament im Mund gemischt, woraufhin Funken aus ihrem Mund schlugen.
Zutiefst vernünftig vermittele ich daraufhin, lobe den Ankläger für seine Aufmerksamkeit und tadele sanft seine denunziatorische Seite.
Als ich aufwache, erinnere ich mich außerdem daran, dass ich Herzen heilen konnte, indem sich Menschen in mich verlieben.
Greta ist schon aufgestanden. Ich rufe nach ihr, sie ist nicht da. Mein Hals ist trocken und mein Kopf schwirrt. Ich versuche den Traum zu deuten. Gelingt mir nicht.
Ich hole mir ein Glas Wasser aus der Küche und lege mich wieder ins Bett, greife nach meinem Laptop und fange an, meine Mails zu beantworten. Herzen heilen, indem andere sich in mich verlieben. Ich stehe wieder auf, rufe Greta an, aber sie geht nicht an ihr Handy.

Ich surfe ein paar Minuten, dann drücke ich auf Wahlwiederholung. Ich bin so furchtbar lästig. Sie geht nicht dran. Ich rufe Kirsa an. Mailbox. Ich spreche nicht drauf. Mache ein paar Liegestütze, fasse meine Langhantel ins Auge, lasse sie aber unberührt liegen.
Dann setze ich mich wieder aufs Bett und surfe weiter, finde nichts Interessantes. Kann mich nicht entscheiden zwischen den drei Büchern, die ich gerade lese, Fleisch ist mein Gemüse, Sternstunden der Bedeutungslosigkeit und Unentschlossen. Ich nehme alle drei mit zum Sofa, lege sie ab, mache mir Tee und einen Toast mit Erdbeermarmelade.
Ich fange mit Unentschlossen an, kann mich aber nicht konzentrieren.
Meine alte Freundin Anna erlöst mich aus meiner Grübelei.
„Nur noch neun Stunden, dann sitze ich endlich vor dem Fernseher“, freut sie sich.
„Ich mache doch diese Progressive Muskelrelaxation“, antworte ich. „Zum Ende der Übungen soll man sich ein Ruhebild vorstellen. Bei mir ist das: Paul im Pool, toter Mann spielend, um mich herum nur Blau und Licht und das gedämpfte Geräusch spielender Kinder. Bei dir wäre das: Anna vor dem Fernseher mit einer Flasche Wein.“
„Das siehst du ganz richtig. Das ist mein kopfeigener Bildschirmschoner.“
„Kopfeigener Bildschirmschoner ist gut. Das muss ich mir aufschreiben. Ich bekomme von den Lesern sowieso nur Applaus für Sachen, die in Wirklichkeit du gesagt hast. Moment.“
Ich suche mein Moleskine und schreibe Kopfeigener Bildschirmschoner (Ruhebild = doof vor dem Fernseher sitzen) hinein.
„Da muss ich dich gleich mal was fragen. Was heißt wohl: Thomas K, kann ich nicht mehr lesen, irgendetwas mit sch, also Thomas Kasch oder Karsch, dann in Klammern berüchtigtes KZ ungleich Vier-Sterne-KZ?“
„Da hat beim letzten Mal, als ich bei dir war, so eine Fernsehnase von einem berüchtigten KZ gesprochen und du hast dich gefragt, was wohl das Gegenstück dazu wäre.“
„Du bist großartig, danke! Ich schaue überhaupt nur noch Fernsehen, um Energie fürs Bloggen zu bekommen. Eine Stunde Anne Will gibt genug Hass für ein halbes Jahr.“
„Ich finde Fernsehen toll.“
„Du bist halt eher so der Lean-Back-Typ.“
„Ja, nee, ist klar.“
„Will sagen: du lehnst dich beim Medienkonsum gern zurück. Computer ist dagegen ein Lean-Forward-Medium. Ist Medienidiotensprache.“
„Danke, dass du mich einweihst. Weswegen ich aber eigentlich anrufe; der Dehag war heute wieder so unglaublich wahnsinnig unterwegs. Der stand eben vor der Toilette und hat jeden, der vorbei kam, dafür verantwortlich gemacht, dass kein Klopapier da war.“
„Was Rückschlüsse auf die Reinheit seines Rektums zu diesem Zeitpunkt zuließ.“
„Jaha, oh, ich muss aufhören, bis später.“
„Mach es…“. Schon aufgelegt.
Ich rufe mal wieder Greta an. Nichts. Bei Kirsa kann ich nicht erneut anrufen, so nah stehen wir uns noch nicht.
Also dusche ich und gehe ins Rubens zum Frühstück.

Ich nehme ein Sultanfrühstück zu mir. Frisch gepresster Orangensaft ist das Beste, was man im Mund haben kann. Endlich entspanne ich etwas. Dann kommt aus den Lautsprechern Grace Kelly und die Entspannung ist wieder weg.

Diesen Ausschnitt habe ich in den Tiefen meines Rechners gefunden. Er stammt aus der ersten Version der Geschichten um Paul und ist etwa von 2008. Zunächst sollte Paul zwischen Greta, seiner vollkommenen Freundin, und Kirsa, einem Mädchen, das nur er gut findet, stehen. Nach und nach ist der Fokus dann in Richtung Trennung von Greta gerutscht. Um die Zeit nach der Trennung ging es dann in einer Reihe von Geschichten, die ich ab 2009 hier im Blog veröffentlicht habe.
Eine erneute Transformation erlebt Paul, der zunächst ein Anwalt war, der sich zum Unmut Gretas als Blogger versuchte, und dessen Geschichte in Zeitlupe erzählte wurde, in meinem nächsten Buch.


04
Nov 11

Surfen auf Tränen

Was passiert, wenn man Kindern ihre Süßigkeit wegfrisst? Exakt. (Mit einem Gastauftritt des erwachsensten kleinen Jungen der Welt zum Ende des Videos.)

Und wie bringt man Erwachsene zum Weinen? So: http://www.spd-engenhahn.de/

Hier noch das komplette Video des erwachsensten kleinen Jungen der Welt (via Jannis):