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Mrz 10

Ein Arsch für die Ewigkeit

Meine Träume interessieren mich sehr. Nicht, weil sie so ausgeklügelt wären, sie müssen allesamt nicht einmal gedeutet werden – wenn ich mich vor einer Prüfung fürchte, dann träume ich nicht von Schlangen, ich träume, dass ich in einer Prüfung sitze, wenn ich verliebt bin, dann träume ich nicht, dass ich fliege, sondern die Frau, in die ich verliebt bin, beugt sich über mich und ich räkel mich behaglich (seltsamerweise verknüpfe ich Sex immer mit Behaglichkeit, aber das ist eine andere Geschichte). Träume beeinflussen einfach die ersten Stunden meines Tages. Früher, als ich noch komplett wahnsinnig war, wusste ich gar nicht, wie ich mit einem Mädchen umgehen sollte, wenn es mich gerade äußerst rückstandslos verlassen hatte und nun neben mir lag und lächelte. Gerade noch hatte ich ihr Gesicht boshaft verzerrt gesehen und wurde nun dieses Bild nicht los. Einmal träumte ich, es war in den frühen 90ern, eine Ex-Freundin habe bei Arabella Kiesbauer erzählt, ich sei sensationell schlecht im Bett. Zu meinem Unglück war gerade Sommerloch und so wurde ich zum Titelthema im Spiegel: “Wie schlecht kann ein Mann im Bett heute noch sein?” Ich wurde zum Skandal, Friedmann empörte sich, Däubler-Gmelin forderte meinen Rücktritt und ich versuchte mit meinen bescheidenen Mitteln, das Gerücht zu streuen, ich hätte meine Ejakulation im Griff. Nur Helmut Kohl weigerte sich, etwas zu dem “Unsinn” zu sagen.
Meine freudianischste Traumphase hatte ich während des Studiums, als ich gar nichts mehr tat. Zu dieser Zeit verpasste ich Nacht für Nacht einen Zug und mich beschlich das Gefühl, der Zug sei für mich abgefahren. Bis ich merkte, dass meine neue Wohnung in der Nähe einer Bahnstrecke lag und die Geräusche tagsüber bloß von der Fernstraße überdeckt wurden. Gestern Nacht hat ein großer schwarzer schwuler Mann mir seine Liebe gestanden und ich sagte, dass sich schon ewig kein Schwuler mehr in mich verliebt habe, ich sei zu alt und haarig und dann fügte ich rasch hinzu, dass ich natürlich nicht glaube, dass alle Schwulen sich nach den gleichen Kriterien verlieben. Als ich aufwachte, fragte ich mich, ob ich überhaupt noch als Ich träume oder nicht schon längst als Larry David. White fucking guilt.
Heute Nacht nun sagte ich zu einem alten Schulfreund: “Wenn man stirbt, was bleibt als Erinnerung? Einschulung, erste Liebe, erste Droge, Abi, Studium, Heirat – wenn man Glück hat. Hat man aber Pech, dann geht man in die Ewigkeit ein mit dem Bild im Kopf, dass Jörn Wuttke einem mit seinem fetten Arsch auf dem Gesicht herumrutscht. Viel bleibt nicht, aber es könnte schlimmer sein.”
Meinen Träumen bleibt nichts hinzuzufügen.