20
Dez 15

Weihnachten allein

„Mit Allein-Weihnachten-Feiern ist es wie mit einer Erektion“, hatte Mark bei unserem Telefonat zwei Tage zuvor gesagt. „Wenn man nachdenkt, wird man weich.“
Ich hatte gelacht und nichts erwidert, Mark war eben nicht nur mein bester Freund, sondern auch ein Sprücheklopfer. Ich würde es schon aushalten. War doch im Grunde ein Tag wie alle anderen auch.
Aber nun saß ich da, auf meinem hässlichen Sofa von Wohnwelt Pallen, das aus meinem Jugendzimmer in Bonn stammte und mich seit vier Umzügen begleitete, allein an Weihnachten, und der Gedanke an Marks Witz setzte die Spirale des Weichwerdens in Gang.
Weihnachten allein.
„Puh“, sagte ich leise. Es war etwa 15 Uhr, in drei Stunden wäre normalerweise Bescherung, wenigstens war das in den vergangenen dreißig Jahren so gewesen. Die Sonne sollte eigentlich noch scheinen, aber obwohl alle Lampen brannten, blieb meine Wohnung dunkel.
Ich war erst drei Monate zuvor aus Bonn nach Berlin gezogen. In Bonn gab es keine Hinterhöfe, also auch keine Wohnungen, in die nie Sonnenlicht vordrang. Seit Wochen hatte ich die Wohnung nur für Einkäufe verlassen, der Winter hatte früh begonnen und war hart. Die meiste Zeit lebte ich ohne Licht. Meine Haut hatte die Farbe von Fliegenlarven angenommen.
2005 war ein ereignisreiches Jahr gewesen. Die USA hatten die Suche nach Massenvernichtungswaffen im eroberten Irak aufgegeben, die Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit war gegründet worden, die PDS benannte sich in Die Linkspartei um, Bundeskanzler Schröder stellte die Vertrauensfrage und wurde bald darauf von Angela Merkel abgelöst, es gab Terroranschläge von Togo bis Nepal. Und meine Mutter starb.
Mein Vater war schon lange tot, meine Geschwister hatten ihre eigenen Familien samt Kindern und Schwiegereltern.
Mit Felicitas war ich noch nicht lange genug zusammen, um mit ihr Weihnachten zu feiern. Vielleicht war ich auch gar nicht mit ihr zusammen, wir hatten das noch nicht festgelegt. Sie hatte sehr vorsichtig angeboten, mit ihr und ihrer Familie im Schwarzwald die Feiertage zu verbringen, in einem nicht zu Ende gesprochenen, halb weggenuschelten Nebensatz, aber es war klar, dass sie es nur gesagt hatte, damit ich ablehnen konnte.
Ich blies die Backen auf, merkte jedoch noch rechtzeitig, dass ich im Begriff war, mir Mut zuzupfeifen, und ließ die Luft lautlos entweichen.
„Das bedeutet doch nichts“, sagte ich mir, aber etwas in mir sagte, da habe ich wohl nicht richtig aufgepasst. Alles bedeute etwas und allein Weihnachten zu feiern, hieße eben, dass man eine arme einsame Sau ist.
„Ich habe es mir schließlich selbst ausgesucht“, dachte ich, während ich ins Bad ging.
„Du bist also am allerliebsten unter allen denkbaren Möglichkeiten an Weihnachten allein?“
Ich ignorierte den Gedanken, klappte den Klodeckel runter und setzte mich auf die kalte Brille.
„Am allerallerliebsten?“
Wenn etwas in einem nagt, was nagt da eigentlich?
Ich zog ab und schaute in den Badezimmerspiegel.
Meine Wangen waren eingefallen. Seit Wochen hatte ich nur aufreissbare Sachen gegessen. Tütensuppe, Tiefkühlfrühlingsrollen, Miracoli. Schien eine gute Diät zu sein. „Sollte man mal der Brigitte-Redaktion vorschlagen“, dachte ich. „Einsamkeit bis zum Erbrechen?“, fragte der Quälgeist zurück. „Nein, ich meine: Extrageschmackloses Essen konsumieren bis man …“. Ich dachte den Gedanken nicht zuende.

Ich schlurfte zurück zum Sofa. Es hatte genau das Muster des Stoffs, mit dem die Sitze in japanischen Kleinwagen überzogen sind. Die Ritzen waren voller Krümel, die sowieso schon scheußlichen Farben waren verblasst wie bei schlechten Tätowierungen, es war so hässlich, dass kein normaler Mann in meinem Alter es sich ins Wohnzimmer gestellt hätte. Kein Mann mit Selbstrepekt zumindest. Aber das alte Sofa war unglaublich bequem. In Jahrzehnten hatte es sich exakt meinem Körper angepasst oder mein Körper sich ihm, es hatte an den richtigen Stellen Dellen, es war weich im Rücken und unnachgiebig am Kopf. Konnte ich nicht einfach hier sitzen, Kekse essen, ein Buch lesen oder Fernsehen schauen, vielleicht ein paar Liegestütze machen (hahaha) und dann schlafen? Ich war nicht einmal im Ansatz gläubig. Christi Geburt konnte mir doch egal sein.
Aber Mark hatte recht gehabt.
Ich überlegte, Kerzen anzuzünden, aber ich fand keine. Die meisten Kisten waren noch nicht ausgepackt. Felicitas meinte, die Wohnung sei charakterlos, sie spiegele mich nicht ausreichend wider. Ich konnte ihr nicht widersprechen, aber vielleicht gab es da auch gar nichts widerzuspiegeln.
Ich könnte mein altes Pulp-Fiction-Poster aufhängen. Aber spiegelte mich das noch wider? Es wäre eine Aussage, ich könnte mich labeln. Aber wäre das ein gutes Label? Das letzte Mal hatte ich Pulp Fiction 2000 gesehen und nach der Hälfte ausgeschaltet. Ich steckte das Poster wieder in eine der Kisten.
Ich machte mir eine Flasche Wein auf. Er schmeckte säuerlich, ein 4-Euro-Supermarkt-Wein, doch schon nach ein paar Schlucken ging es mir etwas besser. Mir war der Gedanke gekommen, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn ich Weihnachten nicht nur mit meinen Eltern und meinen Geschwistern verbringen würde, sondern wirklich mit der ganzen Sippe Welding/van de Lore.
Wir waren meistens in der Kernfamilie unter uns geblieben. Mama, Papa, Kinder. Meine große Schwester Katharina, meine kleine Schwester Sophie (die 8 Jahre älter ist als ich, aber eben jünger als Katharina), mein großer irrer Bruder Sven und ich. Der irre Sven war schon lange nicht mehr dabei gewesen, er war so eine Art Topmanager, nur hieß das jetzt anders, das Wort war noch englischer als Topmanager, Chief Executive Technology Deranged Retard oder so, deshalb hatte er nie Zeit, auch an Weihnachten nicht, aber in Wirklichkeit hat er uns bloß gehasst.
Naja, „gehasst“ ist so ein großes Wort, eher: verabscheut. Oder: sich vor uns geekelt. Eher so etwas eben, wo man sich angewidert abwendet, weniger so ein Gefühl, dass man jetzt extra noch einmal hingeht, um alles kaputtzumachen.

Mein Vater hatte ein halbes Dutzend Geschwister, es gab eine Garnison von Großtanten und kriegsversehrten Großonkels, bei mir war nicht nur die Familie Patchwork, sondern selbst die einzelnen Verwandten. (Achja, Amputiertenwitze, auch lange nicht mehr gehört, mit gedämpfter Stimme vorgetragen von meinem Vater, nicht jeder fand die so komisch wie meine Tante Mathilde.) Meine Eltern waren beide schon vorher verheiratet, den irren Sven hatte mein Vater mit einer Frau gezeugt, von der es nur ein vergilbtes Foto von etwa 1960 gab, auf dem sie aussah wie heute rumänische Prostituierte aussehen und damals Filmstars.
Meine Mutter und mein Vater hatten sorgfältig darauf geachtet, dass es niemals größere Familienzusammenkünfte gab. Sie waren sich völlig einig, dass der baltische Teil der Familie, also seiner, nie auf den westfälischen treffen durfte. Und auf keinen Fall durften die früheren Fehltritte der beiden in Erscheinung treten, also Elvira nicht und auch nicht der Vater meiner großen Schwester, ein schwedischer Reeder, der aussah wie Robert Redford und sprach wie Wendelin von Wum&Wendelin. Der war, obwohl absolut nicht verwandt, ähnlich irre wie der irre Sven.
Svens Mutter hatte ich daher nie gesehen, mein Vater hatte aber auch sowieso schon lange bevor er meine Mutter kennenlernte keinen Kontakt mehr zu ihr. Katharinas Vater sah ich manchmal, wenn er Katharina in den Sommerferien abholte und in seinen Volvo packte.
Er hieß Eric und ging in seiner Freizeit gerne angeln, was recht normal klingt. Allerdings ging er angeln an Seen, in denen es überhaupt keine angelbaren Fische gab. Er saß da stunden- und tagelang rum, wurde immer schwedisch-depressiver, bis ihm unvermeidlich jemand sagte: „Guter Mann, hier gibt es nichts zu angeln“, worauf Eric völlig ausrastete, seine Angelausrüstung demolierte und ab und an den Überbringer der schlechten Nachricht in den See reinwarf.
Ich habe vergessen zu erwähnen, dass es jedes Jahr dieselben Seen waren. Meine Mutter hatte mal mit einem befreundeten Psychiater darüber gesprochen, aber der Mann war kein Schwede und konnte ihr nicht weiterhelfen.
Bei genauerer Überlegung fällt mir auf: Es kann sein, dass die Geschichte Quatsch ist. Vielleicht hat Eric einmal an so einem See gesessen und tatsächlich den Überbringer der schlechten Botschaft in den See geworfen. Meine Mutter neigte dazu, Leute, die sie nicht mochte, richtig ausdauernd zu hassen und wirklich kein gutes Haar an ihnen zu lassen.
Die Filmstar-Mutter von Sven hieß bei meiner Mutter immer nur „Die Hure mit den Matschbrüsten“. Die Brüste waren Schuld daran gewesen, dass mein Vater ein Kind mit Elvira bekommen hatte, obwohl er sie kaum gekannt hatte.
„Elvira! Als hätten die Eltern schon gewusst, dass sie eine Hure wird.“ Das sagte meine Mutter so lange ich sie kannte jedes Mal, wenn jemand den Namen erwähnte. Meistens war sie es, die ihn erwähnte.
Mein Vater, schwer beeindruckt von dem Ausmaß, das die Eifersucht meiner Mutter schon wegen einer Frau annehmen konnte, die es vor ihr gegeben hatte, hatte immer alles getan, um schon den Anschein von Interesse an anderen Frauen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Saß ich mit ihm allein vor dem Fernseher und es deutete sich eine Sexszene an, machte er den Fernseher aus oder schaltete um. Nur für den Fall, dass meine Mutter reingekommen wäre. Mein Vater hatte mit der Zeit einen Instinkt für Sexszenen entwickelt, wie ihn sonst vermutlich nur leidenschaftliche Pornographen haben.

Waren die Familienmitglieder einzeln schon anstrengend, wären sie im Rudel eine Katastrophe. Ich trank rasch weiter. „Weihnachten mit der ganzen Sippe“, wärmte ich mich an dem Gedanken, „heilige Scheiße“.“ Ich war im Stadium drei der Einsamkeitsspirale: Selbstgespräche.
Ich goss mehr Wein nach und ging zu meinem iMac. „Viel Elektronik“, dachte ich. Ich klappte das Macbook auf, das vor dem iMac stand, machte einen Doppelklick auf das Skype-Icon und öffnete gleich darauf den Browser. Viel Elektronik. Niemand bei Skype, keine neuen Mails.
Natürlich, war ja Weihnachten.
Ich hätte gerne Felicitas angerufen. Aber ich fürchtete mich davor, dass ein Übermaß an Idylle durch den Hörer wahrnehmbar wäre. Weihnachten im Schwarzwald. Felicitas hatte noch alle vier Großeltern, Omi und Opi waren die Eltern von Felicitas‘ Vater, Oma und Opa die von Felicitas‘ Mutter, Omi und Opi waren genauso wie Oma und Opa immer nur miteinander verheiratet gewesen.
Felicitas‘ Familie sah auf den Fotos, die bei ihr in der Wohnung hingen, furchtbar altmodisch glücklich und gesund aus. Im Hintergrund war immer ein riesiger BMW zu sehen, so als gehörte er genauso zur Familie wie der riesige Hund. Felicitas‘ Wohnung spiegelte genau ihren Charakter wider. Sie war aufgeräumt und mutig, die verschiedenen Stile (ich kenne mich da nicht so aus, was für Stile das waren, könnte ich nicht sagen) hätten eigentlich gar nicht passen dürfen, aber es war dann trotz der Unterschiede der Epochen und Wasweißichs ganz harmonisch. So war sie. Ganz klar und eigen, aber nicht abstoßend eigen, sondern einnehmend.
Wenn ich Felicitas jetzt angerufen hätte, dann hätte ich am anderen Ende bestimmt eine Kuckucksuhr gehört oder eine Mama, die rufen würde „Die Plätzchen sind fertig“, und dann hätte ich ihr gesagt, dass ich nur ihretwegen nach Berlin gezogen war.
Ich wurde dauernd gefragt, warum ich denn nach Berlin gezogen bin. Weil es in Berlin ja keine Arbeit gibt. Ich sagte dann, ich sei wegen Berlin nach Berlin gezogen, Metropole, Kultur, Clubs.
Aber ich hatte eben Felicitas kennengelernt und dann bin ich halt „zufällig“ nach Berlin gezogen. Ich hatte Angst, dass sie das gemerkt hatte. Dass sie mich für einen Irren hielt, für einen Stalker.
Aber war ja nicht so, dass mich noch viel in Bonn gehalten hätte außer meinen alten Kifferkumpels und Mark.
Am 22. Dezember hatte ich Mark beinahe angefleht, mich in Berlin über Weihnachten zu besuchen. Aber er konnte nicht, er hatte noch Eltern. Er sagte, ich solle doch kommen, ich könne bei ihm pennen, na klar, Heiligabend könnte ich mit einer meiner Schwestern verbringen oder mit Schlappe, Ufo und Mümmes, die waren alle Scheidungskinder (dreißigjährige Scheidungskinder) und würden schön einen dampfen, er würde dann später dazustoßen.
Aber ich konnte nicht nach Bonn. Da war der Friedhof.

Ich wählte die Nummer meiner ältesten Schwester. Katharina hatte wie immer ihr Handy nicht an. Wegen der Strahlen.
Katharina hatte vor allem Angst, aber am meisten vor Strahlen. Ansonsten hatte sie keine weiteren Eigenschaften, sie lebte mit ihrem eigenschaftslosen Mann und zwei eigenschaftslosen Kindern in einem bald abbezahlten Haus. Ich glaube, sie sah mich ähnlich wie ich sie, sie betrachtete mich schon mein Leben lang ohne die geringste Neugier. Wenn sie aus Schweden zurückkam nach den Sommerferien, und ich sie fragte, wie es gewesen war, sagte sie: „Gut“, ohne dass sie dabei ruppig geklungen hätte. Sie fragte nie, was ich erlebt hatte, aber ich war ja auch bloß zuhause gewesen.

Der irre Sven würde sein Handy natürlich anhaben, der telefonierte bestimmt auch in der Sauna, aber der konnte mir gestohlen bleiben. Nach der Beerdigung hatte er mich angeschrien, ich würde nach Gras stinken, was ich mir denken würde, selbst bei der Beerdigung meiner eigenen Mutter bekifft zu sein, wo ich das bloß her hätte, so hätten mich Mama und Papa nicht erzogen. Ich dachte: „Wer erzieht jemanden auch schon zum Kiffen?“, sagte aber nichts, sonst hätte er mich wahrscheinlich wie früher in den Schwitzkasten genommen bis ich kotze. Seine fette Frau hatte daneben gestanden und die ganze Zeit gegrinst, als hätte sie selber eine Familienpackung Haschischkekse gefressen.

Irgendwo musste ich doch noch Gras haben. Ich kramte durch ein paar Schubladen, fühlte an den Kanten der Küchenschränke entlang, steckte meine Finger tief in die zugekrümelten Ritzen des Sofas, durchsuchte schließlich meine Jacken. In meinem Parka stieß ich auf eine kleine Plastiktüte mit einer ganz ordentlichen Menge. Vielleicht ein Gramm Gras und drei Gramm Haschisch.

Die Wirkung von Cannabis richtet sich wie die Wirkung jeder Droge nicht allein nach dem Wirkstoffgehalt. Ebenso entscheidend ist das so genannte Setting. Wie ist die psychische Verfasstheit, ist die Umgebung vertraut oder fremd, ist man hungrig oder satt?
Von der gleichzeitigen Einnahme verschiedener Drogen ist dringend abzuraten.
Gegessen hatte ich im Laufe des Tages bloß zwei Snickers, die Wohnung wirkte feindselig, ich hatte die Flasche Wein mittlerweile zu zwei Dritteln geleert (während der Suche hatte ich weiter getrunken) und psychisch ging es mir so naja. Aber man sucht ja sein Zeugs nicht, um es dann aus Vernunftgründen nicht zu rauchen, man ist doch kein Sozialdemokrat.
Ich drehte mir einen riesigen Riesenjoint, schließlich war Weihnachten.
Mit solchen Teilen hatten wir in Bonn mit fünf, sechs Mann einen ganzen Videoabend mit drei DVDs bestritten, bei dem wir garantiert alle Filme am nächsten Morgen vergessen hatten.
Bevor ich anfing zu rauchen, schnappte ich mir den Laptop und klickte auf das neue Album von Ratatat.
Einen Monat zuvor war Youtube an den Start gegangen. Ich könnte alberne Videos schauen bis Silvester und hätte nicht einmal ein Tausendstel von dem gesehen, was mir zur Verfügung stand. War es nicht Unsinn, sich allein zu fühlen, wenn man doch praktisch an den Weltgeist angeschlossen war? Zu den fröhlich-nostalgischen Klängen von Ratatats Tropicana schaute ich einem dicken Jungen dabei zu, wie er mit einem Laserschwert eine Vollpfosten-Choreographie hinlegte. Als er fertig war, drückte ich auf Replay.
Es schien mir, als könne ich das THC durch meine Lunge ziehen sehen, jedes Molekül griff sich ein Luftbläschen und ritt auf ihm durch meinen Körper, der lustige Stoff füllte meinen Magen aus und machte meine Arme schwerelos, die Beine weich, entknöcherte den Rücken und blies zum Generalangriff auf das Gehirn. Das Gehirn, Stolz der Evolution, Krone der Erschöpfung.
Letztlich sehr, sehr weich. Der Strand kann sich nicht gegen die Wellen wehren.
Ich fragte mich kurz, ob man ohnmächtig sein könne, wenn man sich fragt, ob man ohnmächtig ist, dann fragte ich mich das nicht mehr.

Meine Tanten Jörd, Frigg und Idun bildeten einen Abwehrriegel um das Süßigkeitentischchen im Bescherungszimmer herum. „Du verdirbst dir den Appetit“, sagten ihre Blicke.
Ich wollte mit Jerry Seinfeld antworten: „You can‘t overeat, you can‘t oversleep.“ Appetit, das weiß doch eigentlich jeder, der über Zugang zu Nahrung verfügt (gerade an Weihnachten soll man ja Sub-Sahara-Afrika nicht vergessen, also kann man an dieser Stelle kurz innehalten), ist das, was man sich wirklich nie verdirbt. Der kommt immer wieder. Aber meine Tanten sahen einfach nicht aus wie Leute, denen man mit cleveren Sitcomsprüchen aus den 90ern kommen konnte.
Die Schwestern meines Vaters hatten nicht nur alle Namen wie aus Normannensagen, sie redeten auch noch weniger als mein Schwager Ralph und trugen die grauen langen Haare hinten zu einem strengen Zopf gebunden. Alle drei. Sie trugen auch alle Islandpullis. Immer.
Weil sie die Dinger so fabelhaft fanden, bekam ich als Kind zu jedem Fest von ihnen einen Islandpulli geschenkt. Islandpullis sind angeblich aus Schafswolle. Das muss dann wohl das Kratzschaf sein.
Ich habe jedesmal geweint, wenn ich einen Islandpulli anziehen musste, aber wenigstens für ein Dankeschönfoto hatte ich mich hineinzuzwängen, ich schaute dann lieb, während meine Kinderhaut anfing zu bluten von der Kratzschafwolle und sobald meine Mutter fertiggeknipst hatte, schlüpfte ich wieder in einen Nikki.

Ich hatte als Kind immer Angst vor Jörd, Frigg und Idun gehabt. Weil mein Vater jedes Mal zuviel zu tun hatte, wenn sie zu Besuch waren, saßen sie einfach irgendwo schweigend rum, ließen das Licht aus und erschreckten einen zu Tode, wenn man zufällig in genau den Raum latschte, wo sie saßen mit ihren grauen langen Haaren. Im Dunklen. Die hätte ich wirklich nie mehr sehen müssen, wenn es nach mir gegangen wäre.
Ich schreckte auf. Die Snickers rumorten in meinem Magen. Ich hatte Kopfschmerzen, aber ich fühlte meinen Kopf nicht. „Alkohol hilft gegen Kiffer-Paras“, hatte mein fetter Dealer Spitz immer gesagt. Ich trank den restlichen Wein in einem langen Schluck und sackte wieder zusammen.

Ich starrte sehnsüchtig auf die Schokoladenweihnachtsmänner, die von Jörd, Frigg und Idun gesichert wurden. Mein etwas rattenhaft aussehender Neffe Gustav sagte mir, ich solle nicht so viel Schokolade fressen. Das Palmöl, das dabei verwendet werde, sei für den Tod von Orang Utans verantwortlich. Ich schaute ihn an. Er trug einen Islandpulli. „Kratzig, nicht?“, fragte ich, aber er ließ sich nicht mit Small Talk korrumpieren.
„Mit jedem Schokoriegel frisst du einem Menschenaffen die Nahrung weg. Du nimmst einem traurigen Affenbaby die Mama. Aber lass es dir ruhig schmecken, ist ja das Fest der Liebe, nicht?“

Gustavs Vater Ralph ist mein Cousin. Also: Mein Schwager ist mein Cousin. Er ist der Mann meiner Schwester Sophie. Wenn ich diese einfache Wahrheit ausspreche, sagen die meisten Leute: Aber das ist doch verboten! Was natürlich albern ist, denn ich werde ja gerade noch wissen, mit wem meine Schwester verheiratet ist. Und wer einmal vor einem deutschen Standesbeamten geheiratet hat, der weiß, dass man den über Verwandtschaftsverhältnisse nicht so leicht täuschen kann. Die Heirat zwischen Cousin und Cousine ist in Deutschland erlaubt.
Trotzdem beobachtete unsere Familie Gustav, den Sohn der beiden, mit Vorsicht, hatte er doch – obgleich gänzlich legal – eine doppelte Ladung weldingscher Gene abbekommen. Ein doppelter Welding, da waren wir uns einig, das war schon ein Dreiviertel Autist.
Mit meiner Schwester und mit Ralph konnten wir unsere Sorge nicht teilen, sie hätten es verständlicherweise als Affront aufgefasst, was es nicht sein sollte, denn sie waren ohne Zweifel ein schönes Paar, auch wenn sie viel zu jung gewesen war zum Heiraten. Beide waren auf diese sehr spezielle Weise mürrisch, wie es nur Menschen sein können, die ein reines Gewissen haben.
Und das hatten sie ganz zurecht. Während des jugoslawischen Bürgerkriegs hatten sie eine bosnische Flüchtlingsfamilie aufgenommen, sie benutzten praktisch keine Chemie, sie hatten jedes Recht, schlecht gelaunt zu schauen.
Als Ralph das erste Mal in meinem Jugendzimmer stand, hatte er gesagt: „Viel Elektronik.“ Ralph sprach eigentlich nie und wie bei jedem Schweiger dachte man auch bei Ralph, dass das Wenige, was er sagte, wertvoller sei als das, was beispielsweise ich den ganzen Tag vor mich hinplapperte. Ich selbst dachte das auf jeden Fall. Ich schaute also schuldbewusst auf meinen CD-Player von Harman Kardon, auf meinen Kopfhörer von Sennheiser, die zwei Kassettendecks von Teac und den schlanken, aber leistungsstarken Verstärker, der ebenfalls von Teac war, und fühlte mich wie Smog. „Ja“, sagte ich. Ralph nickte, was bei ihm aussah wie ein Kopfschütteln.
Gustav stand in der Pubertät vor einem Problem, das heute viele Kinder haben, wenn sie sich auflehnen wollen. Wie soll man sich von antiautoritären Eltern, die für die Schwulenehe und laute Musik sind, absetzen?
Eine zeitlang kokettierte er mit rechter Symbolik, trug einen Wehrmachtsschnitt wie heutige Fußballer, stand stramm, wenn die Hymne lief. Aber bald kam er auf eine bessere Idee. Er überholte seine Eltern links.
Ich gab ihm Recht, was auch sonst. „Keine Schokolade mehr von nun an!“, verkündete ich. Ich fragte ihn, ob der denn noch Fleisch esse. „Na klar, und außerdem vergewaltige ich Kinder.“ Das sei ja nicht ganz dieselbe Liga, sagte ich, worauf er entgegnete, sein bester Freund habe darauf hingewiesen, dass die Kinder danach immerhin weiterlebten, während die kleinen Schweine am Spieß gedreht würden.
Er sehe da aber schon noch Unterschiede.
„Kannst du denn dann überhaupt mit uns am Tisch sitzen, wenn wir den Fisch essen?“, fragte ich. „Hilft ja nichts, wegzuschauen“, sagte er. „Ich bin nicht nur Mahner, sondern auch …“.
Ein greller Schrei unterbrach uns. Ich roch für einen Moment nur Haarspray, Parfum und etwas schwer zu Benennendes, dann wurde ich an etwas Weiches gedrückt, ich spürte Schminke, die sich an meinen Wangen verrieb. Elvira.
„Die kleine Bruder von meine Sohn“, sagte sie als singe sie eine bescheuerte Operette. „Dann du bist ja wie meine Kind!“ Noch einmal wurde ich an das Weiche gedrückt.

Ich schlug wieder die Augen auf. War das hier die Wirklichkeit? Der dunkle Raum, die Kisten? Es war alles so völlig real gewesen. Ich roch buchstäblich noch Elvira an mir. War das luzides Träumen? Fieber? Ich fühlte meine Stirn. Schwer zu sagen.
In meinem ersten Lesebuch hatte die Geschichte von Peter, der Fieber hatte, gestanden. „Peter muss schwitzen“, sagte der Doktor.
Ein Bild war zu sehen mit Peter, der eine Mütze trug und die Bettdecke bis zu den Ohren hochgezogen hatte. „Malte muss schwitzen“, dachte ich. Ich drehte alle Heizkörper auf die höchste Stufe. Dunkel war die Wohnung, aber über Wärmedämmung konnte man nicht klagen. Ich hatte noch nie höher als auf 3 stellen müssen. Aber mit Fieber ist das nunmal was anderes. Ich zog mir zwei Pullis, Mantel, Handschuhe, Mütze und einen Schal an. Mir war trotzdem eiskalt. Vorsichtshalber zündete ich mir den Riesenjoint noch einmal an.

Das Esszimmer. Der gewaltige Tisch, an dem wir früher zu sechst gesessen hatten, war jetzt noch gewaltiger. Zwanzig, dreißig Leute saßen hier, ständig kamen neue aus der Küche hinzu. Meine Schwägerin Gabriele, der Landwal, die Frau vom irren Sven, hatte mit jedem Kind zwanzig Kilo zugenommen und nach der Geburt nur fünf verloren. Sie konnte sich nicht mehr geradeaus bewegen, es sah aus, als würde Moby Dick im Pimp Roll marschieren, diesem Zuhältergang, den man aus Rapvideos kennt. Sie schob ein Bein nach vorne und drehte dann den Rest ihres Körpers hinterher, man sah immer auch die Seite ihres Hinterns, wenn sie auf einen zuging.

Eric, Katharinas Vater, spielte mit seinem Volvo-Schlüssel und sah ihr anerkennend auf das allgegenwärtige Hinterteil. Da, wo er herkam, konnte man von so etwas über Monate ein ganzes Dorf ernähren, schien er zu denken.
Der irre Sven redete unablässig in sein Handy hinein, Katharina schaute, als halte er eine Vogelspinne an sein Ohr. In einer kurzen Gesprächspause zischte sie, ob er sich gar nicht klar mache, dass er sie zu einer Passivtelefoniererin mache. Er schaute sie herablassend an und wählte erneut.
Ich saß gegenüber von Gustav, direkt neben Tante Mathilde.
Heute würde man wohl sagen, Tante Mathilde sei polyamor. Sie lebte seit 40 Jahren mit zwei Männern zusammen, Onkel Gernot und Onkel Albert. Das hatte man mir als Kind immer so erklärt: „Onkel Gernot ist ein Freund, der bei den beiden wohnt“ (verheiratet war sie mit Onkel Albert). Dann hatte man irgendwann aufgehört es mir zu erklären. Richtig verstanden hatte ich es aber nie.

Onkel Albert, also Mathildes Mann, war ein ewiger Kommunist. Ein supernetter Menschenfreund, der unter Leuten gerne mal die Gitarre rausholte und Lieder von Hannes Wader klampfte. Also wirklich kaum zu ertragen. Einmal hatte er die „Arschkriecher-Ballade“ gesungen und bei der Zeile „Warum sind wir beide denn so hässlich und die andern nicht?“ mich so komisch angeschaut. Ich war gerade ziemlich in der Pubertät. Seitdem war er mir unheimlich. Er hatte eine Leber, die sein Hemd wie einen Fußball spannte. Gernot, mit dem er vermutlich seine Frau teilte, war sein Saufkumpan.
Gernot hatte brutale Schweinsäuglein und immer so eine Körperhaltung, als würde er einem gleich eine donnern. Außerdem machte er dauernd irgendwelche Sprüche. Also eigentlich nur. Ich hatte ihn, wenn ich mir das recht überlege, nie einen selbstformulierten Satz sagen hören.
Immer bloß: „Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils“, wenn er weitersaufen wollte. Oder „Chapeau“, wenn Schalke ein Tor geschossen hatte. Oder „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, wenn er mal wieder besoffen etwas umgerannt hatte.

Mein Neffe Gustav sagte zu Tante Mathilde, er fände es geil, dass sie sich von den Zwängen der heteronormativen RZB gelöst habe.
Das Einzige, was sie gehört hatte, war „geil“, ein Wort, von dem sie zwar wusste, dass es heute ständig und für alles verwendet wurde, das sie aber dennoch nicht an einem Heiligabend hören wollte.
Sie starrte mit unbewegter Miene geradeaus. Ihr Kinn, sonst in einem 45-Grad-Winkel direkt mit dem Halsansatz verbunden, streckte sich nach vorne, so dass man Sorge haben musste, die ganze fragile Kinn-Hals-Haut-Konstruktion würde gleich reißen.
Genau so hatte ich sie in Erinnerung, drohend vor mir stehend mit ihrem Eberkopf. Ich war bei ihr mit meiner Mutter zu Besuch und war frech gewesen. Sie sagte: „Du kommst zu den Hunden in den Zwinger.“ In dem Zwinger, vor dem wir standen, tobten zwei blutrünstige Schäferhunde. Ich sagte, meine Mutter würde mich beschützen, worauf Onkel Albert sagte: „Die stecken wir mit rein.“
Das war das erste Mal in meinem Leben, dass meine Mutter mir nicht allmächtig und beschützend vorgekommen ist. Die Erwachsenen lachten, aber mir war, als hätte ich ein Gespenst gesehen.

Weil Tante Mathilde nicht reagierte, ergänzte Gustav: „RZB ist die romantische Zweierbeziehung. Der Horror.“
Seine Mutter sagte „Gustav“, Gustav sagte „Ja, Sophie?“, worauf seine Mutter sagte, sie wolle da jetzt nicht drüber diskutieren.
Der irre Sven murmelte laut genug, dass es jeder hören konnte „Ach? Einmal willst du nicht diskutieren.“

Mühsam hob ich die Augenlider. Sobald ich etwas sah, verschwamm alles. Ich schloss die Augen wieder. Blind tastete ich nach dem Joint, suchte mit den Fingern das Feuerzeug und rauchte weiter.

Bevor es zum Streit kam, floh ich in die Küche. Onkel Albert, der alte Kommunist, stand am Kühlschrank. „Streit?“, fragte er und zeigte mit dem Kopf Richtung Esszimmer, aus dem nun Gebrüll zu hören war.
Ich zuckte mit den Schultern.
Onkel Albert sagte, so sei es eben mit der buckligen Verwandtschaft, worauf mein Neffe Gustav, der aus dem Nichts aufgetaucht war, sein Salattellerchen abstellte, ernst durchatmete und sagte, dieser Begriff sei ableistisch.
„Bitte wasistisch?“, fragte Onkel Albert mit der ihm eigenen Fähigkeit zum echten Verwundertsein.
„Ableistisch“, wiederholte Gustav. „A. B. L. E. I.S.T.I.S.C.H. Du sagst es, als sei es schlecht, einen Buckel zu haben. Dabei sind Ablebodies nur ein Konstrukt. Eine Norm, die dir vom heteronormativen/transphoben/ableistischen Meinungskartell aufgedrückt wird.“
„Interessant“, sagte Onkel Albert.
„Hühnerkacke“, sagte Tante Klara. Alle in der Küche Stehenden schauten bestürzt erst auf Tante Klaras riesigen Buckel und dann auf ihr nagelneues Hörgerät. „Jungchen, wenn du glaubst, behindert sei man nicht, behindert werde man, dann ehrt dich das, zeigt aber auch, dass du noch nie versucht hast, mit so einem vermaledeiten Teil auf dem Rücken zu schlafen. Seit 80 Jahre kauere ich auf der Matratze wie ein Embryo, habe Schmerzen an Stellen, die andere Leute nicht mal haben, und das einzig Positive, was ich meinem Buckel zu verdanken habe, ist, dass mich die Russen nie angerührt haben.“

Tante Klara! Mein Rücken fühlte sich taub an. Ich hatte auf der Weinflasche gelegen. Ich konnte aber meinen Rücken nicht reiben. Mir war immer noch schwindelig. Ich rollte mir noch ein Tütchen. Mit Handschuhen und Fieber eine ganz schöne Leistung. Tante Klara. Die war bestimmt schon 15 Jahre tot. Und bestimmt nochmal 15 Jahre vor ihrem Tod hatte sie auf einer Pflegestation gelegen. Ich hatte noch nie einen Menschen so lange nicht sterben sehen. Sie hatte einen fürchterlichen Schlaganfall gehabt, jeder war sicher, sie würde sofort sterben. Sie erholte sich nie, starb aber einfach nicht.
Für immer Pflegestufe 2.
Ich hatte immer das Gefühl gehabt, für ihren Schlaganfall verantwortlich zu sein, mittlerweile konnte ich nicht mehr sagen, ob da was dran war. Jedenfalls hatte ich sie ins Krankenhaus gebracht und in dem Krankenhaus hatte sie dann einen Schlaganfall.
Es sollte ein Familienfoto gemacht werden, Tante Klara hatte mich festgehalten, ich war vielleicht vier oder fünf Jahre damals und war plötzlich nach vorne gesprungen, meine arme bucklige Tante brach sich das Knie, der Feiertag war zuende, die Tante kam ins Krankenhaus und darin schließlich um, 15 Jahre später.

Der Schweiß tropfte mir von der Stirn. Ich bekam Angst zu dehydrieren. Wer nahm auch Medizintipps aus uralten Grundschulbüchern an? Ich zog die Handschuhe aus, die Mütze, den Schal und schließlich alles. Selbst nackt war es noch warm.

Ich vermisste den Karpfen meiner Mutter. Ich ging zum Kühlschrank.
Wenigstens daran hätte ich denken können. Ich war noch kein Einsamkeitsprofi. War das ein Trost? Ich riss mir ein paar Spaghetti auf, konnte mich aber nicht darauf konzentrieren, Wasser in den Topf zu lassen. Dafür fand ich ein Fläschchen Wodka. Ich trank ein paar Schlucke und legte mich wieder auf das Sofa. Meine Augen fühlten sich an wie Steine.

Mein Schwager Ralph, der Schweiger, schrie den irren Sven an. Er sagte dabei mehr als ich ihn bei allen Treffen zusammen hatte sagen hören, er schrie mehrmals hintereinander „Gewaltstruktur“, später schrie er noch einige Mal „Das ist strukturelle Gewalt, strukturelle Gewalt ist das, das ist eine Struktur von Gewalt!“, während Gustav wie ein Sportreporter kommentierte: „Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“

Onkel Albert griff zu seiner Gitarre und spielte energisch:
„Wenn wir uns einmal wiedersehn`
wenn du nach vielen Jahren
erst ein Gesicht bekommen hast …“
Sophies Vater Eric legte sanft die Hand auf Onkel Alberts Gitarre und sagte mit seiner Wendelinstimme „Bitte, ich will das hören“, worauf Sophie die Augen verdrehte. Dann hielt sie inne, als habe sie eine Idee gehabt, huschte zu Svens Platz und versenkte sein Handy in der Suppenschüssel.

Ralph näherte sich unterdessen Sven so sehr, dass sich ihre Nasenspitzen kurz berührten.
Elvira deutete einen Ohmachtsanfall an, aber meine Tanten Jörd, Frigg und Idun zwangen sie stehen zu bleiben. Sie ordnete entsetzt über so viel nordische Härte ihr Weiches.

Gustav sprach nun schneller: „Es geht um die Skandalisierung herrschender Verhältnisse, Diskreditierung ihrer Repräsentation und Agenten und Rechtfertigung von Widerstand gegen diese Verhältnisse. Um es kurz zu sagen: Würde Ralph Sven jetzt eins auf die Fresse geben, dann wäre das gerechtfertigt.“
Er schaute sich triumphierend um und bekam von Onkel Gernot eine geschallert.
„Für die Male, die ich nicht gesehen habe“, sagte Onkel Gernot zufrieden.
Mir fiel auf, dass meine Eltern nicht da waren.

Kurz war es so still, dass man den Karpfen Schuppen verlieren hören konnte. Dann setzte Applaus ein. Der Applaus wurde immer lauter, mein Trommelfell fing an zu surren, ein Ringen setzte ein, das ohrenbetäubend war.

Ich schlug die Augen auf.
Die Türklingel.
Ich zog mich hoch, die Klingel hörte nicht auf zu ringen.
Sicher das Müttergenesungswerk oder der Verein der Kriegsblinden.
Ich legte mich wieder hin.
Das Klingeln hörte auf.

Das Telefon fing an zu klingeln.
Ich ließ den Anrufbeantworter drangehen.
„Wo steckst du denn? Sag bloß nicht, du bist doch zu deiner Schwester gefahren! Fuck, jetzt bin ich extra hier und war sicher, ich würde dich überraschen. Also freudig überraschen. Oder willst du mich gar nicht sehen? Malte?“
Felicitas. Sie legte auf.
Manchmal sterben Menschen, die kurz vor dem Erfrieren standen, weil man ihnen warme Suppe gibt. Das kalte Blut aus den Extremitäten schießt sofort ins Herz. Man darf nicht zu schnell aufwärmen.
Ich rannte los.
An der nächsten großen Kreuzung, Gneisenau/Ecke Mehringdamm, erwischte ich Felicitas.
Sie starrte mich an.
Erst als ich vor ihr stand, merkte ich, dass ich zitterte. Ich war nackt. Ich wünschte, ich würde aufwachen. Die wenigen Autos, die noch unterwegs waren, hupten begeistert im Vorüberfahren.
Felicitas sagte, dass es schön sei, mich zu sehen. Und gleich so viel von mir.
Ich war hin und hergerissen zwischen Freude und Erschrockensein. Sie sagte, ihr sei klar geworden, dass sie den ganzen Irrsinn nicht aushalten würde. Sie redete sehr schnell. Ihre Großeltern, die miteinander seit Jahren nichts mehr anfangen könnten, und allesamt nur noch von dem Ehrgeiz am Leben gehalten würden, den jeweils anderen zu überleben. Ihren Vater, der glauben würde, seine Mutter wüsste nichts von seinen Affären, und ihre Mutter, die nur noch mit Tafil über die Runden kam. Ich versuchte zu nicken, zitterte aber bloß heftiger. Felicitas wollte mir ihren Mantel umlegen, aber ich wollte nicht, dass sie friert. Stattdessen nahm ich ihre Tasche, bedeckte meine Blößen und rannte los. „Komm!“, rief ich. Sie rannte mit.
Jedenfalls bekam ich zu diesem Weihnachten 2005 eine neue Freundin und eine höllische Erkältung.
Weihnachten allein macht einen eben ziemlich weich.