13
Feb 14

Romantik/Stubenfliegen

Zum Valentinstag zwei Kapitel aus Angezogen hast du mich mehr angezogen

Diamanten-Liebe: Mein Freund ist nicht romantisch

Mein neuer Freund ist furchtbar unromantisch. Mal ein Abend in einem schicken Restaurant oder so ein Kuschelwochenende in einem Wellness-Hotel – Fehlanzeige. Ich habe ihm schon gesagt, dass ich mich ohne Diamantring nicht verloben werde.
Steffi, 23

Im Jahr 1870 wurden am Oranje-Fluss in Südafrika riesige Diamantvorkommen entdeckt. Der weltweite Markt drohte zusammenzubrechen. Daher wurde ein Kartell gegründet, um das nun in Massen vorhandene Produkt rar zu halten. 1938 erlebte das Kartell während der amerikanischen Depression gewaltige Einbußen. Eine nie gesehene Werbekampagne wurde gestartet (A Diamond Is Forever – bei uns: Ein Diamant ist unvergänglich), um ein für allemal Diamanten mit Romantik zu verknüpfen. Junge Männer, die Verlobungsringe kauften, waren nicht nur die verlässlichsten Kunden, der Diamant war damit auch vom Markt. Wer verkauft schon einen Verlobungsring?

Mein Vater war kein Konsument. Er ging niemals shoppen, er hatte sein ganzes Leben lang keine Frisur, er nahm keine Wellnessangebote in Anspruch. Genuss war für ihn eine Tätigkeit. Er genoss es, zu arbeiten, am Zeichenbrett mit einer Rasierklinge Fehler auszumerzen, Steine aufzuschichten. Er arbeitete sogar Tennis, schwitzte sein Hemd durch, bis es tropfte und hängte es als Trophäe über die Dusche, und wenn er nieste, dann bebte das Haus.

Man Vater war ein Bauchmensch und wie alle Bauchmenschen sehr nüchtern. Nur Kopfmenschen können Fanatiker sein, der Bauch erregt sich nur in Maßen und verzeiht sehr rasch. Ich besitze ein schwarz-weißes Porträtfoto meines Vaters. Er hält den Kopf leicht geneigt, seine Augen wirken dunkler, als ich sie in Erinnerung habe. Auf die Rückseite schrieb er eine Notiz an meine Mutter. „20. 7. 1971 – Erinnere Dich, wenn Du das Bild betrachtest, an den Sommer und Herbst 1971. In Liebe, Dein Niels.“
Nicht etwa „an den Sommer“, nein: an den Sommer UND Herbst. Mein Vater stellte in Aussicht, was noch kommen würde, ein Herbst, an den meine Mutter sich in einer Ewigkeit noch erinnern könnte. Was mag geschehen sein, damals, drei Jahre vor meiner Geburt?

Was immer es war, es wirkt nach bis heute, in den Kindern, die sie aufzogen, in ihren Enkeln. Diese wenigen Worte, dieses vorsichtige Versprechen von Ewigkeit, sie sind mein Inbegriff von Romantik. Im Rahmen dessen, was man ist, so weit gehen, wie man kann. Und dann einen Schritt weiter.

Schmerzhafte Liebe: Ich habe keine Kraft mehr

Ich habe das Gefühl, mich nicht immer und immer wieder auf noch eine Beziehung einlassen zu können. Liebe tut mir nicht gut. Sollte ich es nicht einfach lassen?
Elske, 32

Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen haben in einem Kuhstall Videoaufnahmen von fast 9.000 Stubenfliegen ausgewertet. Diese Stubenfliegen sind bevorzugte Nahrung der Fransenfledermaus. Für die Fransenfledermaus, die sonst vor allem in bodennahen Waldschichten jagt, ist so ein Kuhstall natürlich ein Schlaraffenland, sollte man meinen, aber ganz so einfach ist es nicht; die Fransenfledermäuse sind nachtaktiv, die Stubenfliegen tagaktiv, und Fliegen, die sich nicht bewegen, sind auf dem rauen Untergrund der Stalldecke vom Ultraschall der Fledermäuse nicht zu orten.

Wenn jedoch Stubenfliegen Geschlechtsverkehr haben, schlagen die Männchen wild mit den Flügeln. Bei etwa fünf Prozent aller von den Forschern beobachteten Kopulationen wurden beide Fliegen, Männchen wie Weibchen, von einer Fransenfledermaus attackiert und in beinahe jedem Fall auch verschlungen. Beide. Die Forscher fassten ihr Ergebnis mit den Worten „Sex kills“ zusammen. Sex tötet.

Jochen Laabs dichtete in seinem „Isländischen Liebesgedicht“: „Ich bin der Bottich // du drin der Hering. // Und das Salz zwischen uns // ist die Liebe // die uns haltbar macht // und zerfrißt“.

Die Doppelnatur der Liebe macht uns unser Leben lang zu schaffen. Man braucht sie, aber sie richtet einen hin, sie reißt alle Widerstandskraft nieder, sie öffnet die Mauern zwischen uns und der Welt und lässt uns schutzlos zurück.

Liebe ist gefährlich – und was haben wir davon? Die französische Malerin Françoise Gilot antwortete im SZ-Magazin auf die Frage, ob sie es jemals bereut habe, mit Picasso gelebt zu haben, Reue sei pure Zeitverschwendung, sowieso sei es „viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen“. Außerdem werde dieser mittelmäßige Mensch einen ebenso zerstören, er brauche nur mehr Zeit dafür.

Pudding tut uns nicht gut, Rauchen tut uns nicht gut, Faulenzen nicht, Fleisch nicht, Liebe nicht. Eines davon ist unverzichtbar. Ralf König schrieb einmal, die mit dem HI-Virus verbundene Tragödie sei: Wäre es im Kaffee, würde man eben keinen Kaffee mehr trinken. Aber es trifft uns da, wo wir wild, töricht und am verletzlichsten sind.

Wenn eine Fliege sprechen könnte, wir würden sie verstehen: Sie bereut keinen Flügelschlag, keinen einzigen.


06
Feb 14

Vorverurteilt

Dieser Text erschien drei Monate vor Kachelmanns Freispruch. Durch woody Allens öffentliche Vorverurteilung in interessierten Kreisen ist er wieder aktuell. Er ruft darüber hinaus in Erinnerung, wie Alice Schwarzer sich damals verhalten hat.

Ich saß einmal im Zuschauerraum bei einem Vergewaltigungsprozess. Ich machte damals ein Praktikum im Aachener Sozialamt. Der Angeklagte war Sozialhilfeempfänger und der junge Beamte, dem ich zugeteilt war, war als Zeuge geladen. In dem Prozess ging es auch noch um Sozialhilfebetrug und Schwarzfahren, man handelte eben alles, was bei dem Mann so angefallen war, in einem Rutsch ab.
Der Angeklagte war ein schlaksiger, nervöser Typ, vielleicht 22 Jahre alt, mit einem ungepflegten Schnauz. Er hatte das Äußere und auch die Haltung eines Befehlsempfängers und doch wirkte er gefährlich wie ein in die Enge getriebener Hund.

Er sollte seine Exfreundin ans Bett gefesselt und dann oral, vaginal und anal vergewaltigt haben. Über den Prozesstag hinweg stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um eines dieser unglücklich miteinander verwobenen Paare handelte, bei dem der eine dem anderen zustößt wie eine Krankheit oder ein Unfall, und der andere es hinnimmt, weil er gerade sowieso nichts vorhatte mit seinem Leben. Mal hatte er ihr eine geknallt, mal hatte sie ihn zusammenschlagen lassen, mal hatte man sich zusammen betrunken, mal gegenseitig betrogen, mal einander benutzt, mal einander dann doch gebraucht.

Die beste Freundin der Frau wurde vom Richter befragt, ob sie von der Vergewaltigung erfahren habe. Ja, sagte die beste Freundin, sie habe da mal von gehört, auf der Toilette habe die Frau es erzählt. Ob sie das geglaubt habe, fragte der Richter. Die beste Freundin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“
Am Ende konnte er sie nicht so gefesselt haben, wie sie es beschrieben hatte, es gab nämlich kein Bettgestell, nur eine Matratze, und so kam er frei.
Am nächsten Tag kam er entsprechend gutgelaunt ins Sozialamt, das Devote war gewichen, er war jetzt König der Welt. Er sagte uns, wir sollten mal, wenn wir das nächste mal ausgingen, vor den Türstehern vom B9 seinen Namen nennen. Die würden sich einkacken.
Er sei nämlich ein Austicker. Vielleicht sähe er nicht stark aus, aber wenn er austicke, dann gebe es kein Zurück.

Er war ein Prachtexemplar von einem Menschen, man kann es nicht anders sagen. Während des Prozesses hatte ich beschlossen, niemals Richter werden zu wollen. Entweder eine Vergewaltigung unbestraft lassen oder einen Unschuldigen wegsperren. Anhand von Zeugenaussagen von Leuten, denen es gleichgültig war, ob ihre beste Freundin die Wahrheit sagte? Eine Welt beurteilen, in der Probleme sowieso mit den Fäusten geregelt wurden?

Der Prozess um Jörg Kachelmann ist anders. Hier sind alle Beteiligten höchst eloquent, niemandem ist irgendetwas gleichgültig. Man ist klug und nervenstark und schlägt einander nur mit Erlaubnis. Und doch blickt man wieder als Außenstehender darauf und kann nichts beurteilen.
Was man ja auch nicht muss.
Was man ja auch nicht sollte.

Es gibt eine Tatsache, über die berichten Medien nicht gerne, weil dann der ganze schöne Spannungsbogen, den man so mühselig seit über einem Jahr spannt, reißen würde.
Die Tatsache lautet: Jörg Kachelmann wird nicht verurteilt werden.

Als der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe der Haftbeschwerde Kachelmanns stattgab, begründete er das so, dass „die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage“ vorliege, bei der Nebenklägerin „Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten“, diese unzutreffende Angaben gemacht habe und eine „Selbstbeibringung“ der Verletzungen „nicht ausgeschlossen“ werden könne.

Zu einer anderen Einschätzung wird es nicht mehr kommen. Im Zweifel wird für den Angeklagten entschieden, Kachelmann wird also freigesprochen werden. Zu Recht.

Hier soll es also um etwas anderes gehen.

Um die Liebe, den Sex und die Zärtlichkeit. Fangen wir mit Letzterem an.

Es gibt diesen Clip auf Youtube, in dem Jörg Kachelmann während der Wetter-Moderation von der Studiokatze überrascht wird. Sie streicht mit zur Begrüßung gerecktem Schwanz um seine Beine und er nimmt sie in den Arm und moderiert weiter.
Der Clip, hochgeladen Anfang 2009, ist die reine Unschuld, Kachelmann ist noch bloß Kachelmann, eine Figur aus einer französischen Studentenkomödie, circa 1981, ein charmanter Taugenichts, hat was von einem Comiccharakter wie dem tollpatschigen Gaston, steht einfach vor der Kamera rum und streichelt eine Katze, na, hey, du auch hier, fehlt bloß noch ein Grashalm, auf dem er rumkauen könnte.
In den Kommentaren unter dem Video natürlich längst die Wirklichkeit. „Und so einer soll jemanden vergewaltigt haben?“, fragt sich ChickenWing601, während SteveCrank in die Tasten tourettiert: „Hurensohn , Sado maso fetischist !!! Vergewatliger Kinderrficker.“

Es ist wie meistens bei den großen Medienthemen: Es gibt wohl kaum jemanden, den wirklich interessiert, ob Kachelmann seine ehemalige Freundin nun vergewaltigt hat oder nicht.

„Huch? Aber es gibt doch etwas über vier Millionen Artikel, die sich mit der Frage beschäftigen, ob er es nun war oder nicht?“

Ja, es ist halt ein Gesprächsthema, etwas für den Small Talk, ein Pausenfüller. Vor kurzem brauchte ich ein neues Bild für den Personalausweis und während die Fotografin mich fotografierte, fing sie von Kachelmann an. Die, die am harmlosesten aussähen, erklärte sie mir, seien immer die schlimmsten. Ich versuchte, etwas böser zu schauen, um unverdächtig zu wirken.

Wir schauen ab und an rüber zu den beiden Betroffenen, die zwischen ihren Gutachtern, Anwälten und Mediencoaches eingeklemmt miteinander ringen um irgendeine Form von Wahrheit, die am Ende in die Akten eingeht und schließlich einen von beiden teuer zu stehen kommen wird, schauen also rüber und bilden uns ein, uns eine Meinung zu bilden, aber sie steht natürlich längst schon fest wie die von ChickenWing601 und SteveCrank.
Für die Meinung von SteveCrank zuständig sind Bild und Bunte, Alice Schwarzer und Focus.

„Die gewohnheitsmäßigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher von Gnaden ihrer Herrin Friede Springer…“. Das twitterte Jörg Kachelmann am 10. April zusammen mit einem Bild, das er von einem Paparazzo, der ihn verfolgte, geschossen hatte. Hier wird jemand, bei dem das Gericht keinen dringenden Tatverdacht sieht, zur Strecke gebracht. Jemand, dem von Seiten des Rechts seine Intimsphäre zugestanden wird.

Aber das Recht ist hilflos gegen das Geld der großen Verlage.

Für die Bild gilt vorgeblich das Diktum des Springer-Vorstandchefs Döpfner: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr im Aufzug nach unten.“ Was heißen soll: Wer mit uns Homestorys macht, um nach oben zu kommen, der bekommt uns auch nicht aus dem Wohnzimmer, wenn die Karriere schlingert und die Frau gerade die Koffer packt. Klingt fair, ist aber bloß Mafia-Logik: ein Quid pro Quo außerhalb des geltenden Rechts. „Wir beschützen Sie jetzt, bezahlen können Sie später.“
Kachelmann jedoch ist niemals mit Springer nach oben gefahren. Über sein Privatleben war vor seiner Verhaftung nichts bekannt, er galt im Allgemeinen als Wetter-Nerd, die Basler Zeitung fragte noch kurz nach der Verhaftung, ob Kachelmanns Privatleben überhaupt existiere. Stets habe er Nichtberufliches für sich behalten, seine Ehe sei „praktisch ein Geheimnis“ gewesen.

Kein Grund, ihn nicht zu vernichten.

„Was jetzt bei Kachelmann passiert, wird bald auf jeden zukommen“, sagt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann, „wenn auch mit einer kleineren Öffentlichkeit“. Seemann hofft dabei auf eine befreiende Wirkung: „Noch kann Schwarzer Kachelmann als Unmensch stilisieren, weil er BDSM praktiziert und sie ihn als Einzelfall ins Licht stellen kann. Eine über sich selbst informierte Gesellschaft jedoch wird gezwungen, ihre Toleranzkriterien an dem Einzelnen zu rejustieren.“

Seemanns Sicht auf die Welt ist eine hoffnungsfrohe: Irgendwann könnten wir tolerant werden. Die Realität heute für den Einzelnen ist anders. Aber behalten Sie ruhig im Kopf, was Seemann sagt: Das wird auf jeden zukommen.

Für die Nebenklägerin ist der Satz schon Realität, für die Exfreundinnen auch. Selbsternannte Kachelmann-Verteidiger, Brüder und Schwestern im Geiste von ChickenWing601, an vorderster Front eine Pensionärin aus der Schweiz, haben längst die Klarnamen ins Netz gestellt und hetzen in ihren Blogs gegen die Frauen. Die Verlage wiederum gingen so schlampig bei der Anonymisierung der Zeuginnen vor, dass man sie auch ohne Hilfe der Kachelmann-Fans ergooglen kann.
Und da steht dann ihr ganzes Leben vor einem. In alten Zeitungsberichten über ihre Aktivitäten, über Baumbesetzungen und Luftgitarreturniere.

Wir wissen, wer sie sind und was sie im Bett machen. Einfach so.

Von Anfang an wurde als sicher hingestellt, Kachelmanns Karriere sei nun – wie die von Andreas Türck – ruiniert. Dabei ist das Karriereende durch Enthüllungen alles andere als ein Naturgesetz. Hugh Grant, dessen Filmimage als schüchterner, leicht verschrobener und sexuell unbedrohlicher Mann mit Rehaugen heftig herausgefordert wurde durch den Umstand, dass er von der Polizei dabei erwischt wurde, wie er in einem Auto von einer Prostituierten fellationiert wurde, sagte gerade erst im Guardian, das Publikum gebe einen Scheiß auf das Image. „Ich wurde mit einer Hure verhaftet und sie sind immer noch in meine Filme gegangen. Die Leute interessiert nur, ob der Film unterhaltsam ist oder nicht.“

Nein, die Idee, es gäbe irgendwelche Zwangsläufigkeiten im Rahmen und in Folge eines moralischen Skandals, ist absurd. Der Zuschauer mag streng sein, aber konsequent ist er nicht.

Der Effekt der medialen Grenzüberschreitung ist ein anderer: Den Menschen wird ihr Ureigenstes genommen. Ein Huhn, wenn man es denn lässt, legt seine Eier gern in Abgeschiedenheit. Nicht, weil es in der Hühnercommunity verpönt wäre, Eier zu legen. Einfach so. Gefällt ihm halt besser.
Und ein Mensch zieht sich für den Geschlechtsverkehr zurück. Das ist in jeder menschlichen Gesellschaft so, das war in jeder menschlichen Gesellschaft, die es jemals gegeben hat, so: Der Mensch hatte eine Intimsphäre.

Jeder berührt schonmal Geschlechtsorgane mit dem Mund. Verfassungsrichter, Minister, Bischöfe, ebenso Verfassungsrichterinnen, Ministerinnen und Bischöfinnen.
Aber wir verhalten uns so, als täten wir es nicht. Ist eine menschliche Macke.
Das öffentliche Leben (und damit zunehmend: das Leben) ist ein moralisches Versteckspiel: Wer erwischt wird, muss büßen, die Strafe ist die Offenlegung aller eigentlich gar nicht schändlichen Taten.
Stünde morgen früh in der Bild-Zeitung „Günther Jauch hat Sex mit seiner Frau“, wir alle würden während der nächsten „Wer wird Millionär“-Folge betreten zu Boden blicken.

Es geht eben nicht um die Konsequenzen, die der Einbruch in die Privatsphäre für den Betroffenen hat, der Einbruch selbst ist das Verbrechen.

Denn ohne Intimsphäre keine Liebe.

„Aber was denn, was denn? Was heißt denn hier Liebe? Ist nicht Kachelmann ein haltloser Narzisst, dem Liebe völlig fremd ist?“
Woher haben Sie denn diese Information?
„Na, aus einem Nachrichtenmagazin!“

Der Focus zitierte aus dem Gutachten der Psychologin Luise Greuel, die Tat decke sich mit der Reaktion eines ausgeprägten Narzissten, der aufgrund einer Kränkung seiner Wut freien Lauf lässt.
Per Mail fragte ich Greuel, die eigentlich lediglich die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin zu begutachten hatte, ob es üblich sei, einen von ihr nicht untersuchten Angeklagten zu beurteilen. Ihre Assistentin schrieb mir daraufhin, „Frau Prof. Dr. Greuel“ werde „sich nicht zum Verfahren gegen J. Kachelmann gegenüber der Presse äußern. Bitte haben Sie dafür Verständnis und sehen von weiteren Anfragen ab.“

Diese Verweigerung Greuels für Klärung zu sorgen, passt zu diesem Fall: Jedes Gerücht kann gestreut, jede Mutmaßung rumgemeint werden. Jedes Käseblatt bietet psychologische Ferndiagnosen, jeder Mensch, der Kachelmann einmal eine Gurke verkauft hat, kann in der Zeitung ein psychologisches Gutachten über ihn verfassen. Aber Tatsachen? Ja, die gibt es, aber die sind langweilig und damit irgendwie doof. So ein Prozess ist schließlich lang und die einzig seriöse Meldung wäre: Viel wird nicht mehr passieren. Aber Medien sind ungeduldig wie kleine Kinder und grenzüberschreitend wie sehr nervige Eltern, die nicht mitbekommen haben, dass es einen Grund gibt, dass man ab und an das Zimmer abschließt. Störe ich? Ich bin von der größten deutschen Zeitung und möchte möglichst viele möglichst private Fotos von dir auf unserer Titelseite haben.

„Aber ist er nicht ein Narzisst? Immerhin ist die Frau Psychologin und haben nicht Bushman, Donacci, van Dijk und Baumeister (2003) durch drei Studien bestätigt, dass Narzissten eine höhere Neigung zur sexuellen Gewalt haben, wenn sie glauben, auf den Sex Anspruch zu haben, wenn es also erst eine Verbindung gibt und dann eine Zurückweisung?“

Wenn Sie ein kleines Kind haben, dann wissen Sie, wie es mit einem Narzissten ist: Kleine Kinder sind besitzergreifend, charmant, trauen sich alles zu, können fast nichts, würden für Aufmerksamkeit ohne zu zögern in die Steckdose pinkeln und drehen völlig durch, wenn man sie im Einkaufswagen am Schokoladenangebot vorbeifährt.
Das ist narzisstischer Zorn: Der Glaube, auf etwas Anspruch zu haben – und dann ohne Rücksicht auf Verluste auszurasten.

„Oh mein Gott! Aber GENAU DAS ist es doch!
Kachelmann glaubte aus der Vorgeschichte, er habe ein Anrecht dazu und deswegen hat er …! Stoppt die Maschinen, wir müssen es allen sagen: Wir haben das Schwein!“

Die Sache hat eben nur ein, zwei Haken: Wir haben keine Ahnung, ob Kachelmann ein Narzisst ist, es gibt auch überhaupt keine Möglichkeit, das sicher zu testen, weil es zwar einen Persönlichkeitstest (Narcisstic Personality Inventory) gibt, mit dessen Hilfe man narzisstische Eigenschaften abfragen kann, dieser aber nicht zum Ergebnis hat, dass man ab einer bestimmten Punktzahl Narzisst wäre. Narzissmus kann ausschließlich im Rahmen einer Behandlung diagnostiziert werden. Nicht jedoch dadurch, dass man mit der Ex spricht. Dann wäre jeder Narzisst. Der zweite Haken: Selbst wenn er ein Narzisst wäre, hätten wir keine Ahnung, ob er aus narzisstischem Zorn heraus gehandelt hat – wir wissen ja eben nicht, ob er überhaupt gehandelt hat (hier beißt sich der Hund in den Schwanz). Menschliches Verhalten ist schwerer vorherzusagen als das Wetter und Psychologie ist eben keine Mathematik.
Der Focus-Artikel mit dem Gutachten-Auszug ist nicht einfach nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, er ist nicht die Luft wert, die der Praktikant beim Abtippen der Gutachtenpassagen geatmet hat.
Und doch glaubt seitdem jeder, dem Nebensätze zu verwirrend sind, er wisse genau, was in Kachelmanns Psyche los sei.

„Aber ist Kachelmann nicht ein Schwein?
Das doch wenigstens?
Sagte nicht Schwarzer, „der Angeklagte“ lebe „in einem pathologisch anmutenden Gespinst aus Lügen“? Sagte sie nicht, damit verletze er die Menschenwürde der Frauen?
Reicht das nicht?“

In Deutschland verbietet § 30 Absatz 1 Satz 3 der Straßenverkehrsordnung „unnützes Hin- und Herfahren“. Fährt man beispielsweise ohne Notwendigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften eine Strecke mehrmals ab, kann das mit einem Bußgeld von 20 Euro bestraft werden.
Es ist dagegen völlig legal, jemandem das Herz zu brechen.

Gottseidank.

Die meiste Zeit der menschlichen Geschichte war Vergewaltigung nichts anderes als eine Art Eigentumsbeschädigung. Man gab dem Vater des Mädchens, das man geschändet hatte, ein paar Münzen, schlimmstenfalls musste man es, wie noch heute in ländlichen Gegenden der muslimischen Welt üblich, heiraten.
Knaben und Mädchen waren völlig schutzlos dem sexuellen Begehren ausgesetzt. Erst nach und nach sickerte im Lauf der Jahrtausende ins Bewusstsein zunächst der europäischen Gesellschaften, dass Kinder eine Schutzsphäre benötigen und es dauerte von da an noch einige hundert Jahre, bis Vergewaltigung nicht mehr einfach unsittlich war, sondern ein Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Nie gab es in einer menschlichen Kultur so wenige Vergewaltigungen, so wenig sexuelle Gewalt gegen Kinder. Was Frauen und Kinder schützt, ist nicht die individuelle Moral der Männer. Der Schutz besteht, weil wir unter der Herrschaft des Rechts leben. Unser Staat garantiert mit effektiven Mitteln die sexuelle Selbstbestimmung (die Aufklärungsquote bei Verbrechen gegen diese Selbstbestimmung liegt in Deutschland bei etwa 80%). Diese Idee der sexuellen Selbstbestimmung hat sich aus dem Gedanken der Menschenwürde entwickelt. Ebenso aus diesem Gedanken entstammt die Idee der unverletzlichen Privatsphäre.
Es ist ein Bärendienst der schlimmsten Sorte, wollte Schwarzer in Zusammenarbeit mit der Bild diese zivilisatorische Errungenschaft zurückdrehen und aus der absoluten Unverletzlichkeit der Intimsphäre eine Art Belohnung für Wohlverhalten machen. Gehen wir barbarisch um mit einem Mitglied, wird die Gesellschaft barbarischer. Und unter der Barbarei leiden letztlich immer die körperlich Schwächsten.
In einer Gesellschaft, in der Bild und Bunte die Regeln aufstellen, wäre die sexuelle Sicherheit des Einzelnen eher nicht größer.

Keine der betroffenen Frauen wird die Angelegenheit für sich angemessen deuten können, wenn sie sich daran festklammert, von einem quasidämonischen Erzschurken manipuliert worden zu sein. Nicht, weil er so maßlos geschickt wäre, wie immer wieder suggeriert wurde, waren sie ein Paar (und noch ein Paar und noch ein Paar). Sondern weil sie überhaupt keinen Instinkt dafür hatten, was eine Beziehung überhaupt sein kann.

Nun in eine Opferhaltung zu verfallen, wäre eine Sackgasse der Emanzipation. Eine Sackgasse, in die Schwarzer den Feminismus geführt hat. Dort, wo es Nähe gibt, kann es Verletzungen geben. Und die fügen sich Frauen und Männer in schöner Gleichberechtigung zu. Eine freie Gesellschaft verlangt auch etwas von einem.
Dass man weiß, was man will.
Dass man sagt, was man will.
Eine freie Gesellschaft versetzt einen aber auch in die Lage, für diese beiden schwierigen inneren Vorgänge überhaupt Worte zu finden. Aber wir sind eben völlig unaufgeklärt. Hilflos, spießig, betrügerisch, verklemmt, verlogen wie unsere Großeltern.
Wir haben heute, über vierzig Jahre nach der sexuellen Revolution, immer noch eine Sexualität, die Sieger und Verlierer produziert.
Weiter weg von freier Liebe waren wir lange nicht mehr. Da kann man sie noch so sehr an die Öffentlichkeit zerren.


11
Dez 13

Angezogen hast du mich mehr angezogen* *und andere Standardsituationen der Liebe

Seit etwas mehr als drei Jahren beantworte ich im Magazin der Berliner Zeitung Leserfragen zur Liebe.
Seit etwas mehr als drei Jahren glaubt jeder (und zwar ausnahmslos), der sich über mich erregt, er habe meinen wunden Punkt erwischt, wenn er auf meine Kolumne hinweist.
Was mich unbesiegbar fühlen lässt.
Denn was könnte schöner sein, als immer mal wieder über die Liebe nachzudenken?
In meinem Leben war Liebe wichtiger als Schulnoten, als mein Studienfach, als die Restaurants, in denen ich war, oder meine Reisen.
Die Kolumne war nie so angelegt, dass ich als Experte den Leuten sage, wo es langgeht. Liebe ist verdammt rätselhaft, weswegen es in den drei Jahren auch tatsächlich nicht langweilig geworden ist.
Warum ruft er nicht an? Warum schläft sie nicht mit mir? Soll ich mir die Schamhaare abrasieren?
Wer das banal findet, der kann zurück in den Keller und über Marx und das Universum nachdenken. Um dort herauszufinden, dass Marx und das Universum jeden Tag über die Liebe nachdenken.

Ausgedacht habe ich mir die Kolumne zusammen mit Anja Reich, einer wunderbaren Journalistin, die wesentlich mehr Spielraum gibt für Spinnereien, als es bei großen Zeitungen sonst üblich ist. Mittlerweile (Anja ist in New York) betreut die Kolumne Rudolf Nowotny, ein junger Redakteur, mit dem man über zehn Mails hinweg an Übersetzungen tüfteln kann.

In der kommenden Woche erscheint die Kolumne nun als Buch. Am 29.1. findet die Premierenlesung im Babylon statt.
Juliane Schindler und Stephanie Kratz von Kiepenheuer&Witsch sind mit unglaublicher Akribie noch einmal über alle Texte gegangen, wir haben zusammen ein paar Glättungen vorgenommen und eine Struktur in das gesamte Buch gebracht, so dass sich die Kolumnen nun ganz neu lesen.
Ich freue mich wie eine kleine Elfe mit Propeller im Hintern und bedanke mich bei allen, die sich mit ihren Fragen an mich gewandt haben.

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08
Nov 13

Eine gefälschte Liebe

Jakob war mit einer Frau zusammen, die es so nicht gibt. Für das SZ Magazin habe ich die Geschichte erzählt. Und obwohl ich mich bemüht habe, zu erklären, wie das geschehen konnte, wie es ihm gelang, auf sie hereinzufallen, was sie dazu trieb, die Geschichte immer weiter zu spinnen, ist es spannend, hier etwas mehr ins Detail zu gehen.
Die erste Frage ist natürlich, warum die beiden nicht etwa einfach geskypet haben. Da behalf sich Louisa meist schlicht mit Ausreden. Kamera kaputt, zu müde, sieht gerade nicht so gut aus, sie versteht das neue Gerät noch nicht.

Beim Lesen der Messages, die die beiden sich geschrieben haben, gibt es immer wieder Stellen, an denen man denkt: Jetzt muss Jakob es doch merken. Etwa als Louisa ihm erzählt, sie käme mit ihrem neuen iPad noch nicht zurecht, das alte sei in New York fünf Stockwerke heruntergefallen, deshalb habe sie es umtauschen müssen.

ist mir in ny aus der hand gerutscht und etwa 5 stockwerke durch treppenhaus gerauscht….
ich hörte immer klong, kong, klong… hahahaha

Wie zum Teufel soll ein Gerät auf die Weise fallen?

Jakob, der sich mit allem, was mit Technik zu tun hat, gut auskennt, weiß darüber hinaus sogar, dass Apple keine auf diese Art beschädigten Geräte umtauscht. „Das geht nicht sowas und ging noch nie!“, schreibt er.

Worauf sie antwortet:

und wie erklärst du dann, dass ich jetzt ein neues habe, nichts bezahlt habe und statt schwarz weiß?
also, eingeschweißt war das nicht, sondern irgendein überholtes… aber optisch halt neu warum sollte ich dir denn jetzt quatsch erzählen?

Tja. Warum sollte sie so einen Quatsch erzählen? Ich denke, dass diese Frage im Text hinreichend beantwortet wird. Was man gedruckt gar nicht recht darstellen kann, ist der ungeheure Aufwand, den die Fakerin betrieben hat. Sie stellte sich Jakob als äußerst generös dar, weshalb sie eine Charity erfand. Sie sagte aber nicht einfach “Übrigens, ich habe eine Charity, aber lass mich darüber nicht zu viele Worte verlieren. Sie schrieb beispielsweise diese Mail, in der sie die Gründungsgeschichte ihrer Charity erzählte.

Weihnachts-Charity

Alles fing an einem waaaaahnsinig langweiligen, trostlosen Tag in London an.
Samstag, 6. Dezember 2008.
Nikolaustag!
Kurz vor die Wohnungstür geschaut… Ok, der kleine Bruder hat vergessen meinen Stiefel mit Leckereien zu bestücken, von einem kleinen Geschenk sprechen wir mal lieber gar nicht. Ich könnte schwören, Mami hat ihm noch ‘ne Sms geschickt. Wieso bin ich gestern Nacht noch einmal um den Hyde Park gefahren, um ihm ein Geschenk vor die Tür zu stellen?! Ok, bei ihm stand kein Schuh… Trotzdem bin ich wohl die große, brave Schwester.

Ein Blick aus dem Fenster. Schöne weiße Stadtvillen, wohin man sieht… Es hilft nicht, um mich zu erheitern. Nebel… Hier und da etwas Schneematsch am Straßenrand. Dunkle Bäume… unheimlich. Überhaupt ist alles düster. Es ist 10 Uhr und es sieht schon wieder aus wie 18 Uhr. Total trostlos!

Shoppen? Fällt aus, ich hab alles!

Anja anrufen! Werde angemault, es wäre bei ihr 5 Uhr morgens! Okok… Hab nicht an die Zeitverschiebung zu NY gedacht. Neige vor Langeweile schon wieder dazu, meine guten Vorsätze für 2009 (wurde im Laufe der Zeit auf 2013 vertagt!) “Ich werde nicht mehr so planlos und chaotisch sein” über Bord zu werfen. Wie gut, dass ich noch ein paar Tage Zeit habe bis 2009, die endlos lange Liste am Kühlschrank auswendig zu lernen!

Sara anrufen. Zürich 11 Uhr!
“Was fällt Dir ein, am Samstag so früh anzurufen?! Ich hatte gestern Weihnachtsfeier!” Tut… Tut… Tut…
Jaja, ist ja gut… Wieder der gleiche Fehler! Nicht nachgedacht…

Hmmm?! Daniel an den vergessenen Nikolaus erinnern? Nö, noch so ein kurzes Gespräch? Kein Bock drauf.
Werde jetzt langsam schlauer und mein Gehirn kommt, nach anfänglichen Startschwierigkeiten am Morgen, auf Trab.

Wahnsinn! Ich kann mit Urlaub einfach nichts anfangen. Bis zum 12. Januar 2009. Zwangsurlaub! Vom Chef angeordnet, weil ich soviel gearbeitet habe. Erst am 20. Dezember geht’s zu Opa in die italienischen Berge. Lange Zeit noch. Was nun? Jetzt schon mal Koffer packen?
(…)
Jeden Tag kennt er bis heute neue Streiche. Allerdings gilt er jetzt nicht mehr als schwer erziehbar. Wir haben uns gegenseitig unsere Liebe erkauft. Ich darf ihn knuddeln, kuscheln und knutschen wann ICH will und er darf bei mir bleiben und seinen Schabernack treiben. Ein Abkommen sozusagen. Er ist ein Goldstück! Mittlerweile kennt er von der Welt fast soviel wie ich, er liebt seine Hundetasche, weil er weiß, dass er dann wieder irgendwo mit mir hinfliegt.

Die frische Luft tut gut. Und während ich den kleinen Racker beobachte, wie er einen Labrador ärgert, frage ich mich:

Was würde ich nur ohne ihn machen?Was wäre aus ihm geworden, wenn ich ihn nicht aus dem Tierheim geholt hätte?
Wäre er immer noch da?
Wäre ein anderer lieber Mensch ins Tierheim gefahren und hätte sich für diesen Frechdachs entschieden?

Habe das Bild noch vor mir, wie er da traurig neben einem leeren Freßnapf im Zwinger saß. Überall Dreck! Ein Loch war dieses Tierheim. Es stank, war dreckig… Total eklig. Erbärmlich. Naja, die haben halt kein Geld, um da…

Kein Geld… Kein Geld?

Gute Idee, ich fahre jetzt zu Papa!
Nein, nicht um um Geld zu betteln. Er kennt sich mit Baukosten aus.
Warte ich noch etwas, bis er in Ruhe gefrühstückt hat? Seine neue Freundin kann mich nicht leiden, vielleicht sollte ich sie milde stimmen, wenn ich da jetzt reinplatze… Ach was, einen Tee wird sie mir ja wohl auch machen können mit ihren 29 Jahren. Ja, richtig! Sagt nichts dazu!
Mehr als Frühstück bekommt die auch nicht hin. Das erste und letzte Dinner bei ihr war grobe Körperverletzung.
Egal, ich fahre jetzt los.

Ich bin nicht willkommen, das spüre ich schon beim Durchfahren des Gartentores. Sie ist noch dünner geworden, ich komme mir fett vor.
Dafür bin ich mit mir im Reinen, während sie chronisch unzufrieden und schlecht gelaunt ist. Also, besser keine Diät für mich!

Statt “Guten Morgen” kommt ein “Kannst Du sowas nicht mit ihm im Büro klären?”

Ich muss kurz überlegen. “Nein, das ist nicht möglich. Ich arbeite nämlich auch, im Gegensatz zu Dir, die es vorzieht das Geld anderer Leute zu verprassen, während ich für meine Birkin Bag hart gearbeitet habe!”
Ja, richtig, genau genommen, es beruht auf Gegenseitigkeit. Wir hassen uns! Herrlich, jetzt ist Ruhe und wir können uns den wichtigen Dingen des Lebens widmen.

Papa ist Feuer und Flamme von meiner Idee!
Ok, um das Tierheim wieder in Schuss zu bringen, benötigen wir etwa 50.000 Britische Pfund, wenn er die Handwerker stellt und einen großen Teil der Arbeitszeit spendet. Außerdem würde er auf seine Kosten einen zusätzlichen neuen Trakt bauen, damit die Tiere nicht mehr so zusammen gepfercht sind. Er machte eine Kostenaufstellung und noch am Abend verschicke ich die ersten E-Mails.

Wer von meinen Freunden hat Geld und davon zuviel? Ich weiß, so schrieb ich es natürlich nicht. Aber ähnlich.

Am Montag bin ich bei der Bank und richte ein neues Konto ein. Meine Spende ist die erste darauf und hoffe, dass sie schnell Zuwachs bekommt.

Am Dienstag ein Blick auf das Konto. Kein Pfund mehr drauf!

Am Mittwoch… Hm! Nix!

Nein, ich werde nicht bei meinen Freunden betteln. Die werden schon irgendwann merken, wie schlecht es sich mit einem harten Herz lebt!

Donnerstag traue ich mich schon nicht mehr nachzuschauen.
Hoffentlich bekomme ich wenigstens ein paar Zinsen.

Nachmittags ein geschäftlicher Termin mit einem meiner Models. Während wir so einen Vertrag ausarbeiten, muss ich plötzlich schmunzeln. “Ok, Anja, ich kenne Dein Bankkonto fast so gut wie meins. Ich ändere den Vertrag nur, wenn Du eine Spende locker machst!”

Seit dem Tag wuchs das Konto. Und wuchs. Und wuchs.

Jetzt hatte ich den Dreh offenbar raus! Traurig hatte ich jedoch im Hinterstübchen, wieviel Geld ich mir erpressen und wieviel Zeit und Arbeit ich investieren mußte, um die Leute wachzurütteln.

Am Freitag, den 19. Dezember 2008, einen Tag vor Abflug in meinen jetzt wohlverdienten Weihnachtsurlaub, schloss ich das Konto und ich konnte die frohe Mitteilung verfassen, dass wir das Geld für die Umbaumaßnahmen des Tierheims locker zusammen hatten.
Es war soviel, dass ich spontan beschloss, das übrige Geld in Massen an Kinderklamotten und Spielzeug zu stecken und diese Sachen ins Kinderheim bringen zu lassen. Außerdem organisierte ich einen Weihnachtsmann, der diese Sachen noch am Heiligabend dort verteilen sollte.

Ich wurde belohnt, mit einer Karte, wo einfach nur in großen Buchstaben DANKE stand und mit unzähligen gemalten Bildern der Kinder und Fotos, wie sie mit glänzenden Augen um den Weihnachtsmann sitzen, der spontan beschloss noch Weihnachtsgeschichten vorzulesen.
Wie sie Geschenke auspacken und die neuen Klamotten anprobieren. So rührend, dass ich ganz schön Pfützchen in den Augen hatte. Da bedarf es keinem Dankes-Schreiben der Kinderheim-Leitung. Das war Dank genug!

Ich verschickte Fotos mit einer Dankes-E-Mail an die edlen Spender und siehe da, ich bekam tatsächlich Antworten, ob wir das im nächsten Jahr wieder machen. Der Damm war gebrochen!

Was am 6. Dezember 2008 im mehr oder weniger privaten Rahmen begann, war im folgenden Jahr schon wesentlich organisierter, wurde zeitlich viel früher in Angriff genommen und weitete sich vom 2. November bis 23. Dezember 2009, von unserer Agentur in London über New York, nach Paris und Mailand aus.

Ich wollte, neben der Spendenaktion, ein Plätzchen Backen veranstalten. Was 2009 noch mit 4 Models und meiner Wenigkeit im Kinderheim stattfand, mußte aus Platzmangel 2010 ausgelagert werden. Aber wohin? Denn mittlerweile findet das Plätzchen Backen in allen Londoner Kinderheimen statt. Außerdem in NY, Paris und Mailand.

Einen herzlichen Dank somit an die Luxushotels Four Seasons Park Lane in London, Fairmont Hotel The Savoy in London (seit 2011), Hotel Mandarin Oriental in New York, Four Seasons George V in Paris und Four Seasons Hotel Milano, wo seit 2010 jährlich am 2. Adventswochenende sämtliche Bankett-Räume und Großküchen zum Plätzchen backen für die 4-8 jährigen kleinen Kinderheim Bewohner gesperrt sind. Mein größter Respekt gilt dem Personal, was mit Engelsgeduld stundenlang zu Hilfe ist und Bleche voller Plätzchen einsammelt und backen läßt. Dafür sorgt, dass die richtigen Plätzchen wieder beim richtigen Kind landen, beim Verzieren unterstützt, die Kekse zum Mitnehmen mit verpackt und und und… Außerdem mein großer Respekt an die Putzkolonne. Wer einmal mit kleinen Kindern Plätzchen gebacken hat, weiß wovon ich rede und wo danach überall Mehl, Teig und Zuckerguss klebt und wo man nach geraumer Zeit immer noch irgendwo kleine bunte Perlen, Pistazien- und Haselnuss-Stückchen, Schokostreusel und Sternchen findet. Ich bin selbst in London immer dabei und spreche von einem Ausnahmezustand, wenn ca. 80 Kinder backen!

Mein nächster Dank geht an die verschiedenen Theater und Musicals, die Sondervorstellungen geben für die 8-17 jährigen Kinder.

Harrods, welches immer ein Schlaraffenland an Kinderklamotten, Spielsachen und leckeren Weihnachtssüßigkeiten zur Verfügung stellt. DANKE, da möchte ich wieder Kind sein!

Puuuh, gar nicht so einfach so einen Text zu schreiben, ohne totaaaaal langweilig zu werden.

Ich versuche mich kürzer zu fassen, muss ja auch alles auf eine Doppelseite einer Zeitschrift passen, inkl. Fotos.

2009 kamen Spenden in Höhe von 321.000 GBP zusammen. Es wurde eine neue Küche im Kinderheim in London gebaut und das Bettenhaus wurde renoviert, außerdem eine Schule in Südafrika unterstützt. Vielleicht sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass unsere Spenden 1:1 ohne irgendwelche Abzüge auch wirklich verteilt werden.

2010 stieg unser Konto auf sage und schreibe 972.631 GBP, was mein Chef großzügig auf 1.000.000 GBP aufrundete.

Die Sache begann mir über den Kopf zu wachsen. Wohin mit dem Geld?

Papa konnte ich nicht mehr um Rat fragen. Er starb Anfang 2009 an einem Herzinfarkt. Mami’s Rat aus Zürich war irgendwie nicht so richtig hilfreich. Also Opa fragen, der sich irgendwann mal die Berufsbezeichnung “Geschäftsmann” verpasste. “Kind, Du hast den Verstand Deines Vaters und das Herz Deiner Mutter bekommen. Du wirst das schon richtig entscheiden.” Na, dann ist ja alles gut! Und nun? Nächtelang keinen Schlaf, wer konnte auch ahnen, dass meine Models plötzlich immer spendabler wurden.

Ich wollte das Geld nur für Kinder!!
Hatten meine Eltern, meinem Bruder und mir, nicht schon früh beigebracht, dass es nicht allen Kindern so gut geht wie uns?

Ich verteilte das Geld an 3 große Organisationen für Kinder, Kranke Kinder und die Forschung.

Der größte Fehler meines Lebens! Ja, auch das muss man lernen, sich mal einzugestehen. Denn ich hörte nichts! NICHTS!!! Außer einem Kontoauszug, wo besagte 3 Beträge abgingen und 3 Spendenbescheinigungen, die mich einen Dreck interessierten, hatte ich NICHTS!!

Ach, falsch, im November 2011 erhielt ich 3 Schreiben, wie es denn mit einer erneuten Spende aussehen würde.

Auf keinen Fall! Ich sehe ein, dass man jeden Penny in eine Forschung von schweren Krankheiten stecken sollte, aber hier hätte ich zumindest ein DANKE erwartet.

Das Ende 2011 kam in großen Schritten auf mich zu und diesmal überlegte ich mir vorher schon eventuelle Empfänger unserer Spenden. Man wird ja schlauer mit der Zeit. Sollte der Betrag auf meinem Konto dieses Jahr kleiner ausfallen, müßte man halt später Prioritäten setzen.

Allerdings ahnte ich schon, anhand der Anfragen auf den Fashion Weeks im Herbst, dass dieses Jahr alles übertreffen würde. Es hatte sich zu diversen Designern und Models anderer Agenturen herumgesprochen.

15.000.000 US Dollar!!!

Wir haben uns vorbehalten, diesen Betrag auf unserem Konto zu belassen. Für mich! (Kleiner Scherz!)
Nein, neben den Londoner Kinderheimen und dem Kinderkrankenhaus, die immer großzügige Spenden erhalten und die mir persönlich besonders am Herz liegen, haben wir uns bei verschiedenen Institutionen erkundigt, was für welchen Betrag gemacht werden kann/muss und hinterher Rechnungen beglichen. Ein großer Aufwand, jedoch sehr effektiv und unser 1:1 Prinzip trat wieder in Kraft.
Der größte Betrag ging jedoch an das Hadassah Medical Center in Jerusalem, eines der besten Forschungs- und Lehrkrankenhäuser der Welt. Meine Cousine Sara wird dort 2013 im Rahmen ihres Medizinstudiums ein halbjährliches Praktikum absolvieren. Dies sage ich jetzt mal so, damit man mir nicht wieder vorwerfen möge, ich hätte ihr das Praktikum erkauft.

Kommen wir zu 2012!!

Aus gesundheitlichen und privaten Gründen, mußte ich mich dieses Jahr leider aus dem Trubel etwas zurückziehen. Ich habe das Zepter bereits Mitte November an meine besten Freundinnen Anja, Camilla und Elisa übergeben. Ich denke, ich habe mich da richtig entschieden und in Anbetracht des Kontos, auf das ich soeben einen Blick werfen konnte, gibt der Erfolg mir recht! Ich muss sagen, ihr macht das noch besser als ich! Den heutigen Stand verrate ich euch nicht, aber es ist: DER ABSOLUTE WAHNSINN!!!!

ICH BIN STOLZ AUF EUCH!!!

Eure Loui

P.S. Sehr gern hätte ich alle Spender hier aufgeführt, aber dafür müßte eine bekannte Zeitschrift wohl noch eine 3. Seite sponsern….

Wer würde sich so etwas ausdenken?

Die Fälschung war alles andere als perfekt. Bilder von verschiedenen Frauen, das ganze Profil wirkte seltsam steril. Als ich es das erste Mal sah, dachte ich für einen Moment, Jakob hätte seine neue Freundin erfunden. Was Louisa aber perfekt beherrschte, das war das Umschalten von devot zu aggressiv. Mal redete sie ihm nach dem Mund, dann, beim kleinsten Anzeichen von Skepsis auf seiner Seite, wurde sie schneidend und brutal.
Pickup Artists lernen das in Kursen. Manche Leute lernen es in ihrer Kindheit. Es ist tatsächlich eine tieftraurige Geschichte. Jakob hat sie an einer Stelle fast das Leben gekostet*. Und die Frau hinter Louisa hat wohl schon lange keins mehr.

*Als Louisa ihn Weihnachten hängen ließ, war er so verzweifelt, dass er kurz darüber nachgedacht hat, Pillen zu schlucken, ich will das gar nciht dramatisieren, es war ein Moment.


07
Nov 13

Aufhören!

Vor etwa fünf Monaten habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich lag im Bett mit schwerem Schnupfen und ebenso schweren Gliedern, ich konnte sowieso nicht rauchen, also ergriff ich die Gelegenheit: Ich ließ es einfach bleiben. Ich hörte nicht so sehr auf wegen Lungenkrebs. Ob ich mit 75 an Krebs sterbe oder ein paar Jahre später an Alzheimer, das treibt mich nicht um, beides hat seine unschönen Seiten. Ich hörte auf, weil ich nicht mehr schmeckte, was ich aß. Und man kann ja nun sein Leben nicht in den Dienst der Lebensfreude stellen, wenn man nicht in der Lage ist, Mousse au Chocolat von Hackepeter zu unterscheiden.

Was den Schwierigkeitsgrad des Aufhörens angeht, gilt der Nikotinentzug als der Gewaltmarsch unter den Entzügen. Auf dieser Entzugsskala ist das Aufhören mit dem Nägelkauen ein Spaziergang an einem lauen Sommerabend, das Aufhören mit dem Heroin ein 5000 Meter-Lauf, das Aufhören mit einem Partner, der Tricks im Bett kann, liegt knapp darüber. Aber außer dem Alkoholentzug, bei dem man sterben kann (der Körper kann durch das Aufhören so in Panik geraten, dass das Herz sich aus Selbstschutz geradezu in die Luft sprengt), ist der Nikotinentzug also die Königsdisziplin des Aufhörens. Was zur Folge hat, dass man sich, wenn es mit dem Aufhören gut läuft, fühlt wie Leonardo diCaprio am Bug der „Titanic“.

Die ersten zwei Wochen lang hatte ich Magenschmerzen. Statt wie Leonardo diCaprio fühlte ich mich wie Ottmar Hitzfeld. Ich war reizbar, launisch und sexuell unentschlossen, ich bekam die Haut eines Pubertierenden und hustete, ich hustete, als hätte ich angefangen mit dem Rauchen. Recherchen bei Google ergaben, dass die Flimmerhärchen, die die Lunge reinigen, durch die Zigaretten abgebrannt worden waren und erst jetzt wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten. Ich rotzte also die Ergebnisse von sechzehn Jahren Rauchen Morgen für Morgen in das Waschbecken und fühlte mich nun nicht mehr wie Ottmar Hitzfeld, es ging mir eher wie Saddam Hussein in dem Moment, als der amerikanische Militärarzt seinen Rachen untersuchte.

Überdosis Kekse mit Schokoladenüberzug

Die Erinnerung an Zigaretten fühlte sich an wie eine verlorene Liebe. Ein Stich, eine nicht vergossene Träne, mein innerer Zustand war Rosamunde Pilcher im Endstadium, mir war nach Weinen zumute und nach einer Überdosis Keksen mit Schokoladenüberzug. Doch ich hielt durch. Und mit den Wochen setzte ein Wandel ein, wie ich ihn nicht für möglich gehalten hätte. Zuerst merkte ich, dass ich keine Kopfschmerzen mehr hatte. Ich merkte sogar jetzt erst, wie oft und wie heftig ich vorher Kopfschmerzen gehabt hatte. Die Schmerzen waren zu meinem normalen Kopfgefühl geworden. Und ich schlief besser ein, so gut schlief ich ein, dass ich zum ersten Mal seit meinem zehnten Lebensjahr vor Mitternacht einschlief, ich ruhte auf einmal acht statt fünf Stunden, ich war so frisch und lebendig wie eine Punica-Werbung. Das letzte Mal, als mein Körper solche Veränderungen durchmachte, sind mir Schamhaare gewachsen.

Das Aufhören ist das Schöpfen des kleinen Mannes, dachte ich. Wer wie ich nichts Neues schaffen kann, der erzwingt Wandel eben einfach durch Verzicht. Sollte sich das, was immer meine größte Schwäche gewesen war, als meine größte Stärke erweisen? So lange ich mich erinnern kann, war ich ein Quitter, ein Hinschmeißer: kein Durchhaltevermögen, nur bedingt abwehrbereit. Musikalische Früherziehung: frühzeitig abgebrochen. Blockflötenunterricht: geschmissen. Klavierunterricht: nie über Muzio Clementi hinausgekommen. Um nicht beim Schwimmunterricht in der Schule mitmachen zu müssen, bin ich zum Amtsarzt gegangen mit der Behauptung, eine Chlorallergie zu haben.

Der Amtsarzt wusste genau, was für ein Exemplar er da vor sich hatte, brummte aber bloß: „Aber wähl bitte nicht in der Oberstufe Schwimmen.“ Ich habe es sogar geschafft, mit Mathematik aufzuhören, obwohl der Kurs verpflichtend war, es war in diesem Fall allerdings nur eine innere Kündigung. Dass ich mit dem Jurastudium aufgehört habe, hat schließlich ermöglicht, dass ich Autor geworden bin. Aufhören kann ich richtig gut. Und es hat mir viel Freude gemacht. Gut, ich kann auf Abendveranstaltungen nicht lässig zum Klavier schlendern und Chopin spielen, aber das, was ich an Überredungskunst bei meinen Eltern aufwenden musste, um mit all dem aufhören zu können, war genug Training, um Chopin kompensieren zu können.

Zum ersten Mal seit der Zeit, als im Fernsehen noch „Die Pyramide“ lief, war ich eins mit dem Zeitgeist. Ich hatte Verzicht geübt und wurde reich belohnt. Um noch mehr eins zu werden, fuhr ich mit meiner Freundin an die Ostsee. Natürlich in ein Biohotel mit Sternen, so eine Art Manufaktumkatalog unter den Hotels. Tagsüber fuhren wir Rad, abends brachte uns der Kellner Grüße aus der Küche und erzählte, sein Heilpraktiker habe ihm gegen sein Burnout-Syndrom empfohlen, seine Wut in die Wellen zu schreien. Der Kellner war natürlich eigentlich Sommelier und aß manchmal Sand, um seine Geschmacksnerven zu trainieren, und ich hatte eine neugewonnene Lebenserwartung von etwa 90 Jahren. Ich war eine Prenzlbergmutti, hätte irgendwo Laub gelegen, ich wäre mit meinen Füßen durchgefahren und hätte es fliegen lassen.

Alle so gesund hier

Dann las ich in einem nachhaltigen Strandkorb das neue Buch von Michel Houellebecq. Der schreibt vom „theatralischen Ton, den die Ober in den mit einem Stern ausgezeichneten Restaurants annehmen, um die Zusammensetzung der „Amuse-Bouche“ und sonstiger „Grüße aus der Küche“ anzukündigen“, was die Hauptfigur an „sozialistische Priester“ erinnert, die eine „andächtige Messe“ wünschen. Es sei das „epikureische, friedliche, gepflegte Glück (…), das die westliche Gesellschaft den Angehörigen der Mittelschicht gegen Mitte ihres Lebens bietet“. Houellebecq, der Hund! Ich blätterte hektisch weiter – tatsächlich: Sex spielte keine Rolle mehr im neuen Houellebecq.

Ich schaute mich um: Alle so gesund hier, alle rotbäckig, gut verdienend, sie würden alle noch mindestens 60 Jahre leben, aber es würde sich anfühlen wie 600 Jahre. Maß halten! Ich war in der Hölle, betrieben mit Solarenergie. Alle hier hatten mit allem aufgehört, mit dem Rauchen, mit der Völlerei, mit dem Ehebruch, mit der lauten Musik, etwas Fleisch noch, ok, aber morgen nur Soja, Wein bloß ein Schluck. Und in der Nacht würden wir alle am Meer stehen und in die Wellen unsere Wut hineinschreien.

Das gute Brot, die gute Luft, das schöne Radfahren und unsere Rockstars sind „Wir sind Helden“. Der nächste Schritt ist unweigerlich die Askese. Auf Wiedersehen „The Bird“, wo ich den besten Burger der Stadt esse, das Rindfleisch so roh, dass die Hufe noch dranhängen, auf Wiedersehen Kater, der mich früher daran erinnerte, dass ich in der Nacht zuvor etwas richtig gemacht hatte, auf Wiedersehen Übertreibung, Ausschweifung. Nur noch eine ferne Erinnerung der heilende Moment, in dem man sich selber nicht mehr im Spiegel sehen kann. Jetzt sind alle im Reinen mit sich, das kann nicht gut gehen.

Wohin es führen kann, wenn eine Gesellschaft mit allem aufhört, was sie rücksichtslos, fordernd, laut und unappetitlich sein lässt, kann man bei den alten Römern studieren. Die hörten auf mit ihren Orgien, mit ihrer Sklavenhalterei, mit ihren Straßenstrichen und ihren Bordellen, in denen man sich vom Blutrausch der Arena erholen konnte, sie hörten auf, die größten Arschlöcher der damals bekannten Welt zu sein – und wurden Christen. Eine neue Welt erblühte, eine Welt der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, eine Welt der guten Werke, in der man den Armen die Füße wusch und in der Sklaven Päpste wurden, eine Welt, in der man ganz nah bei Gott war. Und weit davon entfernt, fließend Wasser zu haben.

Gutmenschen, Schlechtmenschen

Ja, seltsamerweise ging mit dem ganzen Schindluder, den die alten Römer getrieben hatten, auch die komplette Zivilisation den Bach runter. Die christlichen Glaubenskrieger waren zwar gut in Fundamentalismus, aber schlecht in Straßenbau, Architektur, Kunst, Schifffahrt, Hygiene, Geburtenkontrolle (na: da erst recht), sie konnten nicht dichten, nicht denken und eine Ars Amandi hat auch keiner von ihnen geschrieben. Sie hatten aufgehört. Mit allem. Die Christen waren im Grunde das, was man heute den Grünen vorwirft. Gutmenschen, die einen Tugendstaat errichteten, in dem insgesamt weniger los war als in Wuppertals Fußgängerzone an einem Mittwochabend um 21 Uhr. Nun lässt sich mit lauter Schlechtmenschen jedoch kein Staat machen und Gladiatorenspiele machen auch bloß Spaß, wenn die handelnden Akteure keine Familienmitglieder sind.

Der österreichische Kulturphilosoph Robert Pfaller schreibt in seinem neuen Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“: „Ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will, beginnt unweigerlich dem Tod zu gleichen“. Ich bat ihn, mir die Lage der Dinge zu erklären und er sagte, die heutigen Tugendwächter seien tatsächlich Christen, allerdings ohne es zu wissen. Dies habe mit den 1968 entstandenen Bewegungen zu tun, die alle auf ihre Art christlich gewesen seien. Da das Christentum eine „zutiefst ichbezogene, narzisstische Formierungskraft der Psyche“ sei, könne die Verinnerlichungsbewegung so massiv sein, dass sie sich selbst nicht mehr als religiöse Bewegung wahrnehme. Deshalb gebe es Christentum, das von sich selbst nicht wisse. Gibt es also eine kryptochristliche Erweckungsbewegung? Hoffen wir alle auf Wiedergeburt auf einem saubereren Planeten?

„Schöne neue Welt“

Während in „Schöne neue Welt“ sehr akkurat unsere Zivilisation beschrieben ist, wie sie sein wird, wenn wir weitermachen wie bisher, zeigt der 1993 entstandene Film „Demolition Man“ unsere Gesellschaft, wie sie sein könnte, wenn wir aufhörten. Nach Meinung des Internationalen Filmlexikons fehlt es dem Film an „einer halbwegs plausiblen Zukunftsvision“. Eine Kritik, die belegt, dass man beim Internationalen Filmlexikon noch nie von Jonathan Safran Foer, Tipper Gore oder auch von Tippers Mann Al gehört hat.

„Demolition Man“ zeigt eine Zukunft, in der vegetarisch gespeist wird, in der man nicht flucht und in der man dem Klima Wollsöckchen strickt, weil man es so gern hat. (Sex, das nur nebenbei, wird auch recht keusch und berührungslos praktiziert.) Jonathan Foer dürften Sie noch kennen von Ihrem letzten Versuch, keine Tiere mehr zu essen, er lebt ganz gut davon, genau das zu tun und darüber zu schreiben, der Verzicht auf Fleisch als Weg zum Wohlfühlen. Tipper Gore ist für die „Parental Advisory“-Aufkleber auf CDs verantwortlich, da sie die Familienwerte durch Rockmusik gefährdet sah. Und schließlich Al Gore: Der macht uns allen, indem er um die Welt fliegt, deutlich, dass wir durch das Fliegen das Klima beschädigen.

Er ist wie Superman, bloß ohne Privatleben, er ist unermüdlich im Einsatz für Thermometerstabilität und man möchte sich die sarkastischen Finger abhacken für jeden dieser Sätze: Denn schließlich sind wir es ja nicht mit unseren Gefrierkühltruhen und Erfrischungsgetränken, die unter dem Klimawandel am meisten leiden werden, sondern die Ärmsten der Armen. „Wenn ich fertig mit dir bin, sieht dein Loch aus wie Kotelett“, ist ein Auszug aus „Pimplegionär“ von Kool Savas, und ein Satz, den man nicht unbedingt auf dem iPod der achtjährigen Tochter hören möchte, und Tiere, ja mein Gott, die will doch kein Mensch ernsthaft in Transporten durch ganz Europa sehen, in denen ihnen bei lebendigem Leib die Knochen brechen, in denen sie halb wahnsinnig vor Durst dem Verrecken entgegenfiebern. Man will doch ein Huhn als Mitgeschöpf erleben, nicht als Chicken Wing mit süß-saurer Soße.

Die Erde pfeift auf Wälder

Foer und die Gores haben Recht. Man muss mit all dem aufhören, ich gebe bloß zu bedenken: Die Rouladen meiner Mutter, Jay-Z und Fahrten ins Grüne. Foer und die Gores haben Recht. Und sie sind die Pest. Ich fragte Robert Pfaller, wie ich mit meinem persönlichen Dilemma umgehen sollte: Wenn das Aufhören die Wangen doch so rosig macht, aber es mir gleichzeitig hochkommt, wenn ich noch eine einzige PETA-Anzeige sehe. „Nun, wenn es irgendjemandem besser geht, wenn er kein Fleisch isst, dann ist das ja völlig in Ordnung – dann soll er eben ruhig keines essen. Sich dabei aber auch noch einzubilden, dass man dadurch die Welt rettet, finde ich etwas vermessen.“

Was noch schlimmer ist als die andächtigen Aufhörer von meiner Art, sind die moralischen Unternehmer. Das sind die Leute, die professionell anderen Verhaltensnormen auferlegen wollen. Besessene Bekehrer. Zu den wenigen Tätigkeiten, die mehr Vergnügen bereiten als aufhören, gehört eben, andere zum Aufhören zu bewegen. Europa war einmal von Urwäldern bedeckt, die man nach und nach zu Häusern, Schiffen und Brennholz machte. Versuchen die Südamerikaner einen Zivilisationssprung, heißt es: Hört auf, die Lunge der Erde zu zerstören! Die Erde atmet entweder längst nur noch mit einem Lungenflügel, weil wir Europäer den anderen schon vor langem platt gemacht haben, oder die Erde pfeift auf Wälder – ich bin kein Wissenschaftler, nicht einmal besonders häufig im Wald –, aber die meisten Regenwaldretter haben eben auch keine Ahnung. Dafür ein astreines Gewissen. Und was macht man, wenn man ein gutes Gewissen hat? Man verbietet.

Und zwar alles, was sich bei drei noch nicht an einen Baum gebunden hat: Jugendliche dürfen nicht mehr auf die Sonnenbank, versteckte Fette müssen immer einen Personalausweis dabei haben und rauchen darf man in der Öffentlichkeit nur noch, wenn man mal Bundeskanzler war. Der normale deutsche Ordnungsamts-Irrsinn paart sich mit der Prüderie der amerikanischen Internetunternehmen (Apple und Youtube verbieten rigoros Abbildungen von Brustwarzen) und einem Zeitgeist, der merkwürdig geistlos alles als anstößig empfindet, was nicht von der Zeitschrift Ökotest oder Alice Schwarzer als unbedenklich empfohlen wird.

Steuern und Strafen für Dicksein

Rüdiger Suchsland schreibt auf heise.de, wir lebten „längst in einem moralischen Mullah-Regime der feministischen Taliban, die bald Kleidungs- und Gucknormen errichten werden.“ Und Claudius Seidl fügt in der FAZ hinzu, man habe sich ja „schon vom Rauchen und dem Trinken verabschiedet – und dass demnächst die Prostitution und die Pornographie dran sind, ist da nur konsequent.“

Als ich mich bei Robert Pfaller erkundigte, welche der kleinen Alltagssünden wohl als nächste verdrängt werden würden, antwortete er: „Es sind ja jetzt schon mehrere gleichzeitig: Jeglicher außereheliche Sex wird in die Nähe der Vergewaltigung gerückt, die Alkohollimits für Autofahrer werden ohne Grund heruntergesetzt, an Steuern und Strafen für Dicksein wird gearbeitet, ohne Extremsportart kommt man bei bestimmten Bewerbungsgesprächen nicht mehr weiter.“

Man denke nur daran, dass die Affäre des kalifornischen Gouverneurs Schwarzenegger mit seiner Haushälterin oft in einem Atemzug mit der Verhaftung Dominique Strauss-Kahns genannt wurde – in den Köpfen mancher Journalisten scheint Ehebruch tatsächlich ein Verbrechen zu sein. Peter Praschl schrieb im SZ-Magazin: „Man kann keinem Mann über den Weg trauen, keinem einzigen, möglicherweise steckt in ihm der Teufel, man sieht es ihm nicht an.“ Er stellte dort den Fußballer Franck Ribéry, der eine Prostituierte, die erst 17 war, aber – wie sie selbst beteuerte – über ihr Alter gelogen hatte, gebucht hatte, in eine Reihe mit Jörg Kachelmann, den er leichter Hand einfach mal vorverurteilte. Wie wir heute wissen, zu Unrecht. Pfaller sieht nicht die direkten Verbote als die größte Gefahr, sondern den „durch mangelnde Geselligkeit und durch Zerstörung öffentlicher Räume bedingten Verlust der Genussfähigkeit: Man wird uns gar nicht alles verbieten müssen, da wir, unfähig geworden, das meiste von selbst spontan als eklig, politisch fragwürdig, anstößig, unmoralisch und ungesund empfinden und ablehnen werden.“

Abbildungen der Realität

Die Journalistin Iris Radisch ließ jüngst zum zweiten Mal in der Zeit ihrer Abscheu über Pornographie freien Lauf (nachdem sie gerade erst ein paar Monate zuvor ein glühendes Plädoyer für den Vegetarismus gehalten hatte, in dem sie die Frage stellte – und natürlich verneinte – ob wir überhaupt Tiere essen dürften). Radisch sieht es als gegeben an, dass unter Schulkindern Gangbang-Videos verbreitet sind, wobei sie Gangbang mit „Massenvergewaltigung einer Frau“ übersetzt. Nun versteht man jedoch unter Gangbang etwas völlig anderes, nämlich Gruppensex, oder, wie Wikipedia es ausdrückt: Rudelbums. Ausgehend von ihrer Falschübersetzung kommt sie zu dem Schluss: „Schulkinder imitieren ,Gangbang‘-Vergewaltigungen.“ Wer eh Recht hat, der muss sich um die Wirklichkeit nicht mehr kümmern. Und: Wie imitiert man eigentlich eine Massenvergewaltigung? Spielt einer mehrere Rollen oder lassen alle die Hosen an?

Gegen mich, Liebeskolumnist und Ex-Zivi, ermittelte im vergangenen Jahr zwei Mal das Landeskriminalamt Berlin. Wegen Gewaltverherrlichung und Beschimpfung religiöser Bekenntnisse. Ich hatte in meinem Blog das Video einer Hexenverbrennung in Kenia gepostet und das Bild eines Kruzifixes, auf dem Jesus Christus mit phallusartigen Bauchmuskeln im Stil des Kreuzes von San Damiano dargestellt war. Beides waren nur Abbildungen der Realität, aber von der Wirklichkeit mag mancher sich eben einfach nicht mehr belästigen lassen.

Nun mögen die Leser dieser Zeitung meinen, die Herren Dichter und Denker würden wohl übertreiben und außerdem seien diese Sachen, Fleischkonsum, Rauchen und Porno, also, ja auch alle schlecht. Aber eine echte Verbotskultur macht ja nicht einfach so Halt bei den irgendwie noch nachvollziehbaren Sachen. Am Ende möchte eben jeder etwas verbieten, es gibt ja nicht nur Christen, sondern auch eine Menge Muslime, und schließlich darf niemand mehr irgendwas, was dem anderen hinter dessen geistigen Jägerzaun nicht in den Kram passt.

Das Böse wird aus der Welt herausgehalten

Was in Sachen Verbotskultur beispielsweise in den Köpfen junger Migranten rumspukt, ist zur Zeit sehr hübsch auf der Facebookseite des auch in Deutschland recht erfolgreichen österreichischen Rappers Nazar zu sehen. Der aus dem Iran stammende Musiker entschuldigt sich dort bei „seinen muslimischen Brüdern und Schwestern“ für eine Zeile aus dem Stück „Kein Morgen“. Es geht dort darum, dass Nazar tätowiert ist. Und das ist, so erklären die jungen Korankundler, die ihn zu Hunderten wütend angreifen, mit wachsender Ungeduld, verboten, weil man den Körper so zurückgeben muss, wie man ihn bekommen hat. Nazar selbst ist auch ein Anhänger von Verboten, er postet zusammen mit einigen zustimmenden Sätzen ein Video, in dem ein junger Politiker der SPÖ, also der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, das Verbot des kleinen Glücksspiels fordert. Das kleine Glücksspiel, das sind die Spielautomaten, und weil die die kleinen Leute ruinieren, soll man sie verbieten. Denn, so die schlagende Logik des jungen Mannes, wenn es sie nicht gäbe, hätte niemand ein Bedürfnis nach Glücksspiel. Das Böse wird aus der Welt herausgehalten durch Verbotsschilder, so denkt man sich das heute. Das hat zwar nicht einmal bei Adam und Eva geklappt, aber warum sollte man es nicht immer wieder versuchen?

Dass das Bedürfnis nach Rausch nur in der Welt sei wegen der Verfügbarkeit von Rauschmitteln, ist ein frommer Unsinn, der im Grunde nur an der Realität scheitert. Die Inuit, die in Ermangelung von Pflanzen Schwierigkeiten haben, an Rauschdrogen zu gelangen, essen tagelang nichts und schlafen wenig, um so ein kleines bisschen high zu werden. In Sibirien tauschte man ausgewachsene Rentiere gegen einen kümmerlichen Fliegenpilz und weil der Pilz gar so teuer war, trank man seinen eigenen Urin, um nochmal was von dem Rauschmittel zu haben.

Mit Stress klarkommen

Der Mensch mag ein wenig Exzess, nur wenn er langsam ältlich wird und finanziell ausgesorgt hat, dann wird er wie Harald Schmidt und interessiert sich bloß noch für seine Verdauung. John Lennon nannte „Rubber Soul“ das Cannabis-Album der Beatles, „Revolver“ das LSD-Album. Lady Gaga dagegen nimmt verschreibungspflichtige Medikamente, um mit dem Stress klar zu kommen. Hedonismus ist etwas für Hartz-IV-Empfänger, der Künstler von heute hat zwischen zwei Terminen gerade noch Zeit für biotische Ernährung und einen Arztbesuch. Ob man das an der Musik hört, werden erst spätere Generationen sagen können, ich habe einen Tipp bei meinem Buchmacher hinterlegt.

Wir verhalten uns wie nachdenkliche Arbeitsbienen. Den ganzen Tag schwirren wir umher und sammeln und putzen und halten Instand und schließen Lebensversicherungen ab und halten Termine ein und rufen zurück und buchen Waben und sagen Termine ab und ignorieren unser Handy nicht und nehmen einen Zweitjob an und helfen ehrenamtlich bei „Pollen für drohnenlose Larven e.V.“ und abends, da gönnen wir uns keinen Nektar, wegen der schlanken Linie. Wir sehen im Grunde längst aus wie Wespen.

Für den Einzelnen ist das Aufhören eine wichtige Übung. Wir als Gesellschaft sollten schleunigst aufhören mit dem Aufhören. Denn wie könnte ich stolz auf mich sein, mein Rauchen überwunden zu haben, wenn ich nie hätte anfangen dürfen?


08
Aug 13

Ein Vater

Gestern wurde ich im Zimmer, das zum Hof geht, von einem fürchterlichen Streit auf der Straße geweckt. Die Balkontür war offen, also stand ich auf, um sie zu schließen. Schon im Hofzimmer hatte ich nicht nur Gebrüll gehört, sondern einzelne Worte, ich konnte eine Frau ausmachen und einen Mann, jetzt, an der Tür stehend, verstand ich alles.
Ich trat auf den Balkon, um mir die Streitenden anzuschauen.
Sie waren deutlich jünger als ich gedacht hatte, vielleicht Mitte zwanzig. Sie sehr kräftig, nicht unbeweglich fett, eher wie ein Ringer. Schlagbereit sah sie aus.
Er ein dünnes Kerlchen, Baseballkappe, schlabberige Klamotten, aber keine Baggypants, eher einfach: Es gab für einen so dünnen Arsch keine Hosen.
Der Streit bestand im Wesentlichen aus wiederkehrenden Sequenzen, ich versuche, sie alle wiederzugeben.

1. “Immer belügst du mich!”
“Ich habe gestern gelogen, das stimmt, aber seitdem nicht mehr!”
“Na toll, seit beinahe 24 Stunden nicht gelogen!”

2. “Geh doch zu deiner Schlampe Jessi!”
“Ich war nur gestern bei Jessi, aber sonst ist da nichts!”

3. “Immer bist du weg!”
“Ich war nur einmal für 5 Tage nicht da!”

4. “Geh zu deiner schwangeren Schlampe!”
“Die ist nicht schwanger!”

5. “Dein Kind wirst du jedenfalls nicht mehr sehen!”
(Darauf sagte er nichts.)

6. “Geh halt wieder koksen!”
“Ich habe gestern aufgehört!”

Ich war erstaunt, dass er es sich leisten konnte zu koksen. Ich dachte an einen Dealer, den ich in Bonn gekannt hatte, der Freund einer Kommiltonin aus bester Bonner Familie. Der hatte das Speed mit Kopfschmerztabletten gestreckt. “Vom Speed bekommt man Kopfschmerzen, da ist das doch eine saubere Lösung”, hatte er gesagt. Kokain mit Kopfschmerztabletten, danach sah der junge Mann unter meinem Balkon also aus.
Nach zehn Minuten bekam ich das Gefühl, dass sich hier nichts mehr tun würde. Einmal hatte er versucht sie zu umarmen und sie hatte fürchterlich geschrien, aber anonsten brüllten sie nur in gleichbleibender Lautstärke, manchmal fiel er vor ihr auf die Knie und sie gab weiter vor, ihm nicht zu verzeihen.
Theoretisch könne er wohl irgendein Geld bekommen, wenn er die Therapie machen würde, sie glaubte, er habe auch so Zugang zu Geld, nicht alle Details habe ich verstanden.
Ich dachte, wie oft es einfach reicht, die Dinge nicht zu tun, von denen jeder versteht, dass sie nicht funktionieren.
Nicht lügen, nicht mit Jessi, der Schlampe schlafen, nicht koksen, nicht das Kind vernachlässigen, nicht einfach so verschwinden.
Die häufigste Ursache für Arschlochsein ist eine schwierige Kindheit und doch sagen Eltern einem diese Dinge ja meistens.
Wenn man Glück hat, leben sie einem das sogar vor: Nicht koksen, nicht mit Jessi schlafen, all das eben.
Und doch muss man es irgendwann selber merken, dass es nicht funktioniert.
Manchmal macht es Spaß mit Jessi, manchmal ist das Koks wirklich gut, aber immer landet man auf der Straße, auf den Knien, und weckt die Leute.
Die kräftige junge Frau wollte ihn nicht verlassen, der Weg weg von ihm lag offen vor ihr. Sie wollte, dass er kein Arschloch mehr ist. Sie wollte einen Vater für ihr Kind. Einen Moment dachte ich, ob ich nicht etwas sagen soll, so als Liebeskolumnist oder meinetwegen auch Mensch. Ich bin dann schlafen gegangen. Seit bald einem Tag hatte er da schon nicht gelogen. Vielleicht wird ja eine Serie draus.


26
Jul 13

Väter gegen Mütter

Ich bin seit knapp sechs Monaten Vater.
Die ersten Wochen mit dem neuen Menschen sind eine Zeit, die vermutlich nur andere Eltern nachvollziehen können. Aufregend, ermüdend, an die Grenzen treibend. Aber schön, wunderschön. Ursprünglich wollte ich die ersten zwei Monate nicht arbeiten und nur bei meiner Frau und dem Baby sein, aber dann kam das kleine Gemeinschaftsprodukt zwei Wochen früher als erwartet, einige Texte waren noch nicht fertig, ich musste also erst einmal weiterarbeiten. Es kamen neue Aufträge, die ich nicht absagen wollte, und auf einmal merkte ich, dass ich Geld viel wichtiger als zuvor fand. Ich war in einem Versorgermodus, ich fing eine Sache nach der anderen an, weil ich auf einmal das Bedürfnis nach einem satten Polster auf dem Konto hatte, ein Polster, das auch noch halten würde, wenn ich einmal krank wäre, ein Windelpolster, ein Fläschchenpolster, ein Medikamente- und Spielzeugpolster, ein Größerewohnungpolster.
Ich redete mit meinem alten Freund K. über diesen Versorgermodus. K. sagte, ich solle vorsichtig sein. Er fahre in diesem Modus seit 5 Jahren und sei mittlerweile „stresskastriert“. Im Bett laufe deswegen schon ewig nichts mehr. Dazu verachte ihn seine Frau, weil sie nur halbtags arbeite, während er ja unbedingt Karriere machen müsse, während sie bei den Kindern zu bleiben habe.
Eine Scheidung käme aber nicht infrage: Dann würde er seine beiden Töchter nie wieder sehen. Mütter würden doch immer das Sorgerecht bekommen.
Von solchen Dingen will ich im Moment eigentlich nichts wissen. Und erst recht nichts von Geschlechterkrieg und Kampf um das Kind. Und außerdem: Haben wir das nicht überwunden? Wenn es die für alle frischen Eltern düstere Bedrohung am Horizont schon gibt – dass man eines Tages keine Familie mehr ist – kann man dann nicht wenigstens darauf hoffen, dass das alles zivil über die Bühne geht?
Je mehr ich mich umhörte, desto klarer wurde mir: kann man nicht. Im Gegenteil, die Frauen und Männer rüsten auf im Kampf um das Kind, es wird, fein säuberlich getrennt nach Geschlechtern, in Lagern gekämpft. Es gibt nicht mehr nur die Vätervereine, die sich bereits seit 40 Jahren bemühen, die Rechte der Väter zu vertreten, sondern seit kurzem auch zum Beispiel den Verein „Mütterlobby“ für weibliche Scheidungskriegsopfer. Zweite, unschöne Erkenntnis: Die Weichen für diese traurigen Rosenkriege werden zu einer Zeit gestellt, zu der viele an Trennung noch gar nicht denken. In dem Moment nämlich, in dem wir in die Geschlechterrollenfalle tappen. Und das passiert den allermeisten Paaren. Weil, dritte Erkenntnis: Die Politik immer noch versagt, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in Familien- und Arbeitsleben zu unterstützen.

Natalie Bauer, die in Wirklichkeit anders heißt, wollte nach der Scheidung durchsetzen, dass ihre Kinder bei ihr wohnen und den Vater nur alle zwei Wochen sehen. Sie hatte gute Argumente auf ihrer Seite, denn es gilt im Sorgerechtsverfahren das Kontinuitätsprinzip, und Bauer hatte zum Zeitpunkt der Trennung fünf Jahre in Elternzeit verbracht, während ihr Mann Vollzeit weiter arbeitete. Meistens war er erst um neun Uhr abends daheim, die Kinder waren dann schon im Bett.
Im Sorgerechtsverfahren behauptete ihr Ex-Mann dann, sie habe ihn und die Kinder massiv geschlagen. Auf den Gedanken, das zu behaupten, habe ihn wohl ein Väterverein gebracht, glaubt Natalie Bauer, die sich inzwischen vom Verein „Mütterlobby“ beraten lässt.

Nur so sah ihr Ex-Mann wohl eine Chance, das Umgangsrecht zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Während die gemeinsame Sorge inzwischen Standard ist, ist die Frage des Umgangsrechts zurzeit das umstrittenste Thema zwischen organisierten Vätern und Müttern. Die Väter befürworten ein Modell, bei dem die Kinder jeweils für einige Tage bei der Mutter und dann beim Vater leben. Gängiger ist das Residenzmodell, bei dem das Kind einen Hauptaufenthaltsort hat. Das von den Vätern favorisierte Wechselmodell, inzwischen in den USA, Frankreich, Spanien und anderen Ländern gesetzlich verankert, scheint sich auch in Deutschland durchzusetzen.

Die Kinder sollen beide Eltern haben, klar, das klingt logisch. Aber warum erst nach der Scheidung? weiter bei der Berliner Zeitung


12
Jul 13

Mia und Roman schauen einen Porno

Sich gemeinsam einen Porno anzuschauen, wenn irgendetwas mit der Libido nicht so ist wie es sein sollte, liegt nahe. Naja: Eigentlich tut es das nicht, besonders dann nicht, wenn beide Partner nichts mit Porno am Hut haben und der weibliche Teil überzeugte Feministin ist.
Wie alles, was Roman irgendwann in seinem Leben tat, reifte der Entschluss zum Pornoschauen über lange Zeit. Durch diese lange Reifung waren Romans Handlungen, wenn sie denn dann irgendwann einmal geschahen, immer von erstaunlicher innerer Überzeugung getragen, wenn sie auch auf noch so abwegigen Überlegungen basierten.
Natürlich wusste er, dass es im Internet tonnenweise Pornographie gab. Aber er wusste nicht, wie er an die kommen sollte. Google-Suchen nach Porno, nackt, nackte Frauen, Geschlechtsverkehr, Schwanz und Vagina ergaben nichts, also nichts, was seinen Plänen entgegengekommen wäre. Auf Youporn, von dem er auch schon gehört hatte, gab es bloß viel zu kurze Clips in schlechter Qualität. Die Vorschaubilder sahen aus wie ein Vorbereitungskurs eines Anatomielehrgangs, manche auch wie Beweisfotos in einem Kriegsverbrecherprozess.
Also ging er in seine Videothek, schaute sich um, fragte den Verkäufer, und der Verkäufer sagte, Pornos hätten sie schon längst nicht mehr, die würden sich ja alle aus dem Internet besorgen. Er könne ja im Spezialladen mal schauen, bei Beate Uhse.
Statt einer Ansammlung von Perversen tummelten sich bei Beate Uhse hauptsächlich Teenager, Touristen und Pärchen. Roman fühlte sich trotzdem wie ein Perverser, schließlich war er weder Teenager noch Tourist, und hier eher doch ein einzelner Herr mittleren Alters, der zwischen Riesendildos und Muschipumpen nach Porno-DVDs Ausschau hielt.
Erstaunlich viele Leute schienen das Bedürfnis zu haben, ihre Großmutter zu beschlafen. „Blasen auf dem Zahnfleisch“ war eine Serie mit gleich 18 Teilen, „4 Fäuste in Oma Julia“ musste wohl ein Einzelexemplar sein. Auf den meisten Covern stand irgendwas mit Teenie. Teenietittchen. Teeniemösen. Teeniemäuler mit leckerer Ficksahne.
Die Teenies waren im Schnitt 26 Jahre alt und trugen Frisuren aus alten Mr.President-Videos auf. Die männlichen Darsteller hatten epilierte Eier und Hälse, die so breit waren wie der Kopf. Die Frauen auf den DVD-Hüllen schauten gelangweilt, während die Männer sie begatteten, die wiederum sahen dabei aus, als würden sie Gewichte stemmen. Es wirkte nicht, als würden die Produzenten bei der Auswahl auf die Männer achten und das war ein kritischer Punkt: Roman wollte sich ja durchaus als zuvorkommend erweisen, er dachte, dass so ein gemeinsam betrachteter Riesenschwanz vielleicht irgendwelche erfreulichen Sexualeffekte haben könne.
„Aber die sahen alle aus wie Türsteher“, sagte Roman, „manche hatten Kevin Kuranyi-Bärtchen, manche Bushido-Frisuren, manche Brustwarenpiercings, aber alle schauten, als würden sie lieber verhindern, dass einer reinkommt, als einen reinzustecken. Ich habe dann schließlich einen gefunden, wo der Hauptdarsteller ganz in Ordnung aussah, so ein trainierter Araber. Den Film habe ich dann also gekauft, leihen konnte man da nichts, naja, egal, dachte ich, wenn‘s was bringt.“
Roman war mit der genaueren Gestaltung der Abendplanung etwas überfordert, und Überforderung, das passierte ihm eigentlich nie. Aber ich wüsste jetzt auch nicht; für einen gemeinsamen Pornoabend, braucht man da Kerzen? Bereitet man Knabbereien vor oder isst man vorher lieber richtig? Macht man das Ganze völlig beiläufig oder trinkt man vorher noch ein Glas Wein? Oder verträgt sich mit „Der Ficksultan von Pornostan“ eher doch ein Bier?
Es gab dann also gedimmtes Licht, Bruschetta und Weißwein. Er musste Mia drei Mal rufen, ehe sie von ihrem Schreibtisch aufstand, sie setzte sich dann unter wenig Begeisterung verheißenden Geräuschen auf das Sofa, er startete den Player und hockte sich auf das vordere Drittel des Sessels. „Also dann“, sagte er.
Der Film fing in einer plüschigen Kulisse an. Der Araber vom Cover trug eine rote Bommelmütze und sah einer drallen Blondine beim Hinternwackeln zu.
„Wie findest du denn die?“, fragte Mia.
„Naja“, sagte Roman.
Jonathan hatte schon immer auf Frauen mit komplizierten Nasen und störrischen Brauen gestanden, Frauen wie aus seinen Romanen. Einmal hatte Mia ihn dabei gestört, wie er sich auf einen Flyer vom Ernst-Busch-Theater einen runtergeholt hatte.
Sie hatte das Gefühl gehabt, ihm nicht zu genügen, mit ihren weichen Zügen und ihren Kinderwimpern, die immer zu aufgeweckt klimperten, und unter denen hinweg sie nie so recht kühl schauen konnte. Deswegen war sie so lange bei ihm geblieben. Die Blonde in dem Film löste in ihr nicht dieses beklemmende Gefühl von damals aus.

„Und gefällt er dir?“, fragte Roman.
„Uh, gar nicht“, sagte Mia. „Dumm und brutal ist nicht so meins, aber das könntest du ja eigentlich wissen.“
Roman nippte an seinem Wein.

Recht unvermittelt hatte auf dem Bildschirm die Handlung begonnen. Die Frau lutschte an dem ziemlich beeindruckenden Geschlechtsorgan des Arabers rum, wobei sie sich immer wieder verschluckte, so dass ihr Speichel aus dem Mund rauslief. Ihre Augen tränten, die Schminke verlief und der Araber feuerte sie an. Schließlich zog er sie hoch und sagte: „So, jetzt gibt‘s was in die Schokohöhle.“

Mia sah nun aus, als würde sie gleich anfangen zu stricken.
Roman fühlte sich verantwortlich für das Programm. Er war jetzt wieder 11 Jahre alt. Links saß seine Mutter auf dem Ledersessel und beobachtete, ob sein Vater, der sich auf der Couch ausgebreitet hatte, auf die Brüste der Schauspielerin in der gerade laufenden Familienserie reagierte. Jedes Stückchen Haut wurde von ihr abfällig kommentiert, hatte eine große Brüste, dann war die an die Rolle gekommen, nur weil „sie mit ihrem Matschbusen gewackelt“ hatte, sah eine knabenhaft aus, „könnten die ja gleich zwei Jungs zeigen“. Roman hoffte immer, dass nichts passieren würde, dass alle schön angezogen blieben und sich totschießen würden nach einer Verfolgungsjagd, bloß nichts Nacktes, weil es dann immer so komisch ruhig wurde, bis seine Mutter dann sagte: „Na, das sieht der Papa gern.“

(Auszug aus Versiebt, Verkackt, Verheiratet)


13
Jun 13

Sie sind wahrscheinlich etwas hässlich

Die Schatten unter Ihren Augen werfen Schatten, und Sie wissen, dass Sie endgültig aussehen wie Ihre Mutter, wenn Sie morgens in den Badezimmerspiegel schauen und eine Erklärung für Ihre Morgenlatte stammeln. So ist das eben.
Denken Sie nicht so viel über Ihren Körper nach. Er ist nicht für Ihr Glück verantwortlich und viel ändern können Sie sowieso nicht.
Ihr Haar ist fettig, die Nase groß, die Zähne klein. Naja: Irgendwie müssen Sie halt aussehen. Und wer will schon große Zähne haben?
Schön ist, was nicht herausfällt aus dem Normalmaß, was unauffällig ist. Mit anderen Worten: Wenn Sie von flüchtigen Bekannten problemlos auf der Straße erkannt werden, sind Sie vermutlich ein bisschen hässlich.
Allerdings ist das kein Problem, denn Schönheit hat mit der Liebe nichts zu tun, es ist unmöglich, so hässlich zu sein, dass man nicht glücklich werden kann.
Attraktivitätsforscher hingegen sind sich gerade in diesem Punkt einig: Körperliche Attraktivität ist die wichtigste Regel der Anziehung.
Wenn Schönheit aber so wichtig ist: Warum sind wir dann nicht alle 1,90 Meter groß, duften, sind sportlich und symmetrisch? Schauen Sie sich Ihren Vater und Ihre Mutter an und beantworten Sie doch bitte anhand all dieser Studien: Wie um Gottes Willen haben die zueinander gefunden? Auch wenn sich die Wissenschaft um objektive Kriterien für Attraktivität bemüht, in der Regel hängt es davon ab, wen man fragt.
Die Leser der Bunten wählten Cosma Shiva Hagen auf Platz 1 ihrer Sexbombenliste, die der Bild Charlotte Engelhardt.
Es kommt aber auch darauf an, wann man fragt: 2003 ließ RTL die erotischste Frau Deutschlands küren, Siegerin wurde die DSDS-Finalistin Juliette Schoppmann. Sie war zu dem Zeitpunkt häufig im Fernsehen zu sehen und erschien den Zuschauern daher als besonders attraktiv.

Aber was ist denn nun schön? Vielleicht kann man unter Laborbedingungen eine Definition finden:
„Bei Frauengesichtern sind kindliche Merkmale wie große, rundliche Augen, eine große gewölbte Stirn, sowie kleine, kurze Ausprägungen von Nase und Kinn stark attraktivitätserhöhend.“
Das fanden Psychologen der Universität Regensburg heraus. Sie hatten 64 Frauengesichter fotografiert und diese dann am Computer vermischt und mit kindlichen Merkmalen versehen. Die Resultate ließen sie von Testpersonen beurteilen. Am attraktivsten wurden jene Gesichter eingeschätzt, denen eine hoher Kindchenanteil beigemischt worden war. Nach den Gesetzen der Biologie können solche Gesichter in der Realität allerdings nicht existieren, worauf die Regensburger Psychologen auch ausdrücklich hinweisen.
Was bedeutet das nun für uns, die wir in der Realität mit unseren äußerst realistischen Gesichtern umzugehen haben?
Gar nichts.
Aber unsere Gesichter sind meistens auch gar nicht das Problem, sie kennen wir ja aus dem Spiegel und was wir oft sehen, das finden wir auch hübsch. Unzufrieden sind wir mit unseren Körpern, die sehen wir zwar auch dauernd, aber Körper sind so unpersönlich und zu unserem großen Verdruss viel messbarer als Gesichter, so dass wir nur in eine BMI-Tabelle schauen müssen, um zu wissen: Mein Körper hat mich verraten.
Ökonomen der Universitäten Columbia und Alicante haben herausgefunden, dass zumindest Männer recht unbelastet futtern können. Sie müssen bloß mehr verdienen. In Fatter Attraction: Anthropometric and Socioeconomic Characteristics in the Marriage Market legen sie dar, dass 10 Kilo zusätzliches Gewicht durch ein Gehalt, das um 1 Prozent höher ist als das des schlankeren Konkurrenten, ausgeglichen werden können. Wenn also der eine Mann ein Gehalt von 3000 Euro hat, dann kann der andere mit nur 60 Euro, die er im Monat mehr verdient, zwanzig Kilo dicker sein, um genauso attraktiv gefunden zu werden.
Den Forschern zufolge spielt die physische Attraktivität von Frauen eine größere Rolle auf dem Heiratsmarkt als die der Männer. So kommt es, dass schwerere Frauen dreifach gestraft sind: mit einem Ehemann von niedrigerem sozioökonomischen und physischem Status (ärmer, schlechter ausgebildet und kleiner). Schwere Männer hingegen sind jedoch nur einfach gestraft: Ihre Ehefrauen erreichen ein niedrigeres Bildungsniveau. Kleine Frauen neigen dazu, Männer mit niedrigerem sozioökonomischen Status (schlechter ausgebildet und ärmer) zu heiraten. Kleine Männer hingegen müssen auf zweierlei Ebenen Abstriche machen: auf der physischen und der sozioökonomischen, denn ihre Ehefrauen sind schwerer und schlechter ausgebildet. Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass Männer und Frauen bei der Partnerwahl verschiedene Kriterien unterschiedlich stark gewichten: Männer legen mehr Wert auf den weiblichen Körper und weniger auf ihre ökonomischen Ressourcen – Frauen hingegen achten eher auf die Versorgungsfähigkeiten des Mannes und weniger auf dessen Aussehen.
Wie hat dann der winzige Lenny Kravitz die schöne Vanessa Paradis erobert; wie der zwergenhafte Tom Cruise die schlanke Katie Holmes? Ach ok, die sind ja reich. Aber wie konnten Kravitz und Cruise überhaupt erst so reich werden, wenn doch nur attraktive (also große!) Männer Erfolg haben? Alles so kompliziert mit den Regeln der Anziehung.
Wenn man aber nunmal ein kleiner Mann ist und zufällig kein Star, nicht singen kann und vor der Kamera ins Stottern gerät, was könnte man dann tun?

Otto Rehhagel, als Trainer Europameister mit Griechenland geworden, wurde einmal gefragt, warum er nur so große Spieler in der Abwehr aufstelle. „1,90 Meter kann man nicht trainieren“, sagte er, und wer würde ihm da widersprechen wollen. Ich meine: Europameister. Mit Griechenland!
Größe fällt also schon einmal weg.
Aber man könnte doch Pumps anziehen oder wie Sylvester Stallone besonders dicke Sohlen tragen oder mit einem kleinen Kasten herumlaufen wie Humphrey Bogart oder aber zu Stehpulttricks greifen wie Gerhard Schröder oder sich mit winzigen Tänzern umgeben wie Madonna?
Irgendwann jedoch kommt die Stunde der Wahrheit, irgendwann muss man die Schuhe ausziehen, man vergisst den Kasten, kommt hinter dem Stehpult hervor oder steht neben einem ausgewachsenen Menschen. Und dann sieht man erst recht klein aus.
Wenigstens der Sport bleibt doch den optisch Herausgeforderten, um ein paar naturgegebene Nachteile auszugleichen, nicht wahr?
Aber wofür?
Es führt zu nichts, sich mit seinem Aussehen zu beschäftigen. Ein niedriger Körperfettanteil macht nicht glücklich. Im Wesentlichen bleibt man eine Kreuzung zwischen seinen Eltern, da hilft alles nichts. Die Zeit, die man in Optikverbesserungsmaßnahmen steckt, würde man besser mit anderen Menschen verbringen. Denn Nähe macht attraktiver als Fettabsaugung.
Je mehr man sich mit seinem Körper beschäftigt, desto unzufriedener wird man – niemand fühlt sich so bleich wie der Solariums-Dauergast, niemand entdeckt so viele Schwachstellen an seinen Deltamuskeln wie der Bodybuilder, niemand fühlt sich so fett wie der Mensch auf Diät.

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Kapitel “Sie sehen aus!” aus Frauen und Männer passen nicht zusammen, auch nicht in der Mitte (Amazon-Link)


08
Apr 13

Der Hass auf die Herausragenden

Ein Promimagazin auf RTL. Einige Teenager warten vor einem Hotel auf Britney Spears. Deren Limousine rauscht an den Fans vorbei, für einen viel zu kurzen Moment ist der Star zu sehen in einem fliederfarbenen Umhang. Die Fans sind aufgelöst, eine der Gefassteren schnauft: „Nicht mal geguckt hat die! Ich hass’ die voll in ihrem lila Kleid.“

Ein harmloses Beispiel für den Hass auf die Herausragenden. Ein wütender Satz, in der Aufgeregtheit der Situation gesprochen. Aber der Hass hat durchaus Methode. Woher er kommt, versuche ich mit Hilfe von Robert Pfaller, Sigmund Freud, Richard Sennett und dem CEO von Beiersdorf zu klären.

Celebrity-Kultur: Der Preis des Ruhms