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Jul 14

Geschichte einer Liebe

Meine Frau hat kein Spiel dieser Weltmeisterschaft gesehen. Meine Eltern und meine Schwestern haben sich bei der ersten Weltmeisterschaft, die ich erlebt habe, auch nicht dafür interessiert.
Ich saß damals allein vor dem Fernseher und sah, wie das kleine Belgien, das Land, in dem ich geboren bin, den Weltmeister Argentinien schlug. 1:0, man kann sich das Spiel heute auf Youtube anschauen, Belgien hatte keine Chance, die aber nutzte sie, um es mit Otto Waalkes zu sagen.
Seitdem hat mich dieses Spiel begeistert, ein Spiel, das seine Momente der Schönheit hat, das aber davon lebt, das es der Kampf zweier Stämme ist. Das davon lebt, dass man mit einem dieser Stämme fiebert.
Die Bundesligasaison 82/83 war die erste Spielzeit, die ich – nun also Fußballexperte – mitverfolgte. Der Stamm, mit dem ich fieberte, war immer der kleinere. Also war ich für Karlsruhe, wenn es gegen Stuttgart spielte. Für Bochum, wenn es gegen den HSV ging.
Am ersten Spieltag überwand Uwe Reinders den neuen Torhüter des FC Bayern, den belgischen Nationaltorwart Jean-Marie Pfaff, mit einem Einwurf.
Es geschah immer etwas Unerwartetes, der HSV, damals unbesiegbar, bekam im Münchner Olympiastadion einen Elfmeter in letzter Minute, der unfehlbare Kaltz trat an – und vergab.
Nach der EM 1984 spielten wir auf dem Schulhof Franzosen, wir waren Platini und Giresse, 86 spielte niemand Maradonna, denn niemand konnte auch nur so tun als sei er Diego Armando. Der Mann hieß wie eine Eissorte und spielte ein anderes Spiel, einer gegen Elf, im Endspiel waren es die Deutschen, die ihm nicht gewachsen waren, damals waren sie Belgien, sie waren der Stamm, der nicht gewinnen konnte, aber alles wagte. Nichts gewann.
Außer meiner Zuneigung.
Vielleicht hatte meine Liebesgeschichte mit der deutschen Nationalmannschaft auch begonnen, als Uli Stielike weinend zusammenbrach und Toni Schumacher ihm sagte: “Den nächsten halte ich”, 1:3 hatte es schon gestanden, 3:3 ging es aus im Halbfinale gegen Frankreich, das letzte Tor ein Fallrückzieher, den ich die nächsten Monate nachzustellen versuchte.
Im Stadion von Alemannia Aachen war ich nur selten, damals waren Stadien kein Ort für Kinder und auch keiner für Frauen, es waren dort überhaupt nur wenige Zuschauer, 3000 beim Spiel gegen den SC Freiburg, meinem ersten Spiel ohne Bildschirm dazwischen, so viele gehen heute in der vierten Liga zu einer Partie.
Diese 3000 waren dort, um zu wüten und sich zu prügeln, es war eine fremde Welt, aber nicht eine, die ich kennenlernen wollte.
Also schaute ich weiter vor dem Fernseher, sah das Bremen der Achtzigerjahre, die kontrollierte Offensive des Otto Rehagel, sah Rabah Madjer 1987 die Europapokalträume des FC Bayern München per Hacke zerstören, sah in Italien den Elfmeter von Andreas Brehme im dritten Endspiel, das ich gesehen hatte, jedes Mal war Deutschland dabei, es schien mir ein Naturgesetz, dass die Deutschen weit kommen und dann verlieren, auf einmal stimmte das nicht mehr.
Dann stimmte es 1992 wieder doch, die Dänen gewannen, mein Vater, auf einmal doch interessiert, war für Dänemark, weil sein Großvater Däne war, überhaupt schauten immer mehr Menschen mit mir, Fußball wurde immer größer, das Privatfernsehen machte mit Beckmann eine große Show daraus, die beinahe amtliche Sportschau wurde durch eine Quizsendung mit ein paar Fußballbildern ersetzt, meine Liebe litt.
Bis heute kann ich keine Vorberichterstattung ertragen, ich schalte ein, wenn das Spiel angepfiffen wird oder schon läuft, mich interessieren nicht die Gedanken der Experten und die Hymnen, nicht die Paraden davor. Nur der Ball, das Grün und das Tor. Einer muss verlieren, einer gewinnen, wenn das Tor auf der falschen Seite fällt, dann geht die Welt unter für einen Moment, das Herz sackt zwischen die Beine, fällt es auf der richtigen, dann stimmt alles. Das ist dann Glück. Eine Sekunde, zwei Sekunden.
Mir ist nichts dadurch genommen, dass jetzt Millionen in ihren Farben vor riesgien Leindwänden schauen. Sie sehen alle dieses Spiel, das immer besser – nicht immer schöner – geworden ist, was sie davor oder danach machen, ist mir egal.
Ich sehe es nicht mit Sorge, dass sie sich ihre Nationalfarben auf die Wangen pinseln. Es sind zwei Stämme, die dort spielen.
Meine Frau wäre für Italien.