Die Schatten unter Ihren Augen werfen Schatten, und Sie wissen, dass Sie endgültig aussehen wie Ihre Mutter, wenn Sie morgens in den Badezimmerspiegel schauen und eine Erklärung für Ihre Morgenlatte stammeln. So ist das eben.
Denken Sie nicht so viel über Ihren Körper nach. Er ist nicht für Ihr Glück verantwortlich und viel ändern können Sie sowieso nicht.
Ihr Haar ist fettig, die Nase groß, die Zähne klein. Naja: Irgendwie müssen Sie halt aussehen. Und wer will schon große Zähne haben?
Schön ist, was nicht herausfällt aus dem Normalmaß, was unauffällig ist. Mit anderen Worten: Wenn Sie von flüchtigen Bekannten problemlos auf der Straße erkannt werden, sind Sie vermutlich ein bisschen hässlich.
Allerdings ist das kein Problem, denn Schönheit hat mit der Liebe nichts zu tun, es ist unmöglich, so hässlich zu sein, dass man nicht glücklich werden kann.
Attraktivitätsforscher hingegen sind sich gerade in diesem Punkt einig: Körperliche Attraktivität ist die wichtigste Regel der Anziehung.
Wenn Schönheit aber so wichtig ist: Warum sind wir dann nicht alle 1,90 Meter groß, duften, sind sportlich und symmetrisch? Schauen Sie sich Ihren Vater und Ihre Mutter an und beantworten Sie doch bitte anhand all dieser Studien: Wie um Gottes Willen haben die zueinander gefunden? Auch wenn sich die Wissenschaft um objektive Kriterien für Attraktivität bemüht, in der Regel hängt es davon ab, wen man fragt.
Die Leser der Bunten wählten Cosma Shiva Hagen auf Platz 1 ihrer Sexbombenliste, die der Bild Charlotte Engelhardt.
Es kommt aber auch darauf an, wann man fragt: 2003 ließ RTL die erotischste Frau Deutschlands küren, Siegerin wurde die DSDS-Finalistin Juliette Schoppmann. Sie war zu dem Zeitpunkt häufig im Fernsehen zu sehen und erschien den Zuschauern daher als besonders attraktiv.
Aber was ist denn nun schön? Vielleicht kann man unter Laborbedingungen eine Definition finden:
„Bei Frauengesichtern sind kindliche Merkmale wie große, rundliche Augen, eine große gewölbte Stirn, sowie kleine, kurze Ausprägungen von Nase und Kinn stark attraktivitätserhöhend.“
Das fanden Psychologen der Universität Regensburg heraus. Sie hatten 64 Frauengesichter fotografiert und diese dann am Computer vermischt und mit kindlichen Merkmalen versehen. Die Resultate ließen sie von Testpersonen beurteilen. Am attraktivsten wurden jene Gesichter eingeschätzt, denen eine hoher Kindchenanteil beigemischt worden war. Nach den Gesetzen der Biologie können solche Gesichter in der Realität allerdings nicht existieren, worauf die Regensburger Psychologen auch ausdrücklich hinweisen.
Was bedeutet das nun für uns, die wir in der Realität mit unseren äußerst realistischen Gesichtern umzugehen haben?
Gar nichts.
Aber unsere Gesichter sind meistens auch gar nicht das Problem, sie kennen wir ja aus dem Spiegel und was wir oft sehen, das finden wir auch hübsch. Unzufrieden sind wir mit unseren Körpern, die sehen wir zwar auch dauernd, aber Körper sind so unpersönlich und zu unserem großen Verdruss viel messbarer als Gesichter, so dass wir nur in eine BMI-Tabelle schauen müssen, um zu wissen: Mein Körper hat mich verraten.
Ökonomen der Universitäten Columbia und Alicante haben herausgefunden, dass zumindest Männer recht unbelastet futtern können. Sie müssen bloß mehr verdienen. In Fatter Attraction: Anthropometric and Socioeconomic Characteristics in the Marriage Market legen sie dar, dass 10 Kilo zusätzliches Gewicht durch ein Gehalt, das um 1 Prozent höher ist als das des schlankeren Konkurrenten, ausgeglichen werden können. Wenn also der eine Mann ein Gehalt von 3000 Euro hat, dann kann der andere mit nur 60 Euro, die er im Monat mehr verdient, zwanzig Kilo dicker sein, um genauso attraktiv gefunden zu werden.
Den Forschern zufolge spielt die physische Attraktivität von Frauen eine größere Rolle auf dem Heiratsmarkt als die der Männer. So kommt es, dass schwerere Frauen dreifach gestraft sind: mit einem Ehemann von niedrigerem sozioökonomischen und physischem Status (ärmer, schlechter ausgebildet und kleiner). Schwere Männer hingegen sind jedoch nur einfach gestraft: Ihre Ehefrauen erreichen ein niedrigeres Bildungsniveau. Kleine Frauen neigen dazu, Männer mit niedrigerem sozioökonomischen Status (schlechter ausgebildet und ärmer) zu heiraten. Kleine Männer hingegen müssen auf zweierlei Ebenen Abstriche machen: auf der physischen und der sozioökonomischen, denn ihre Ehefrauen sind schwerer und schlechter ausgebildet. Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass Männer und Frauen bei der Partnerwahl verschiedene Kriterien unterschiedlich stark gewichten: Männer legen mehr Wert auf den weiblichen Körper und weniger auf ihre ökonomischen Ressourcen – Frauen hingegen achten eher auf die Versorgungsfähigkeiten des Mannes und weniger auf dessen Aussehen.
Wie hat dann der winzige Lenny Kravitz die schöne Vanessa Paradis erobert; wie der zwergenhafte Tom Cruise die schlanke Katie Holmes? Ach ok, die sind ja reich. Aber wie konnten Kravitz und Cruise überhaupt erst so reich werden, wenn doch nur attraktive (also große!) Männer Erfolg haben? Alles so kompliziert mit den Regeln der Anziehung.
Wenn man aber nunmal ein kleiner Mann ist und zufällig kein Star, nicht singen kann und vor der Kamera ins Stottern gerät, was könnte man dann tun?
Otto Rehhagel, als Trainer Europameister mit Griechenland geworden, wurde einmal gefragt, warum er nur so große Spieler in der Abwehr aufstelle. „1,90 Meter kann man nicht trainieren“, sagte er, und wer würde ihm da widersprechen wollen. Ich meine: Europameister. Mit Griechenland!
Größe fällt also schon einmal weg.
Aber man könnte doch Pumps anziehen oder wie Sylvester Stallone besonders dicke Sohlen tragen oder mit einem kleinen Kasten herumlaufen wie Humphrey Bogart oder aber zu Stehpulttricks greifen wie Gerhard Schröder oder sich mit winzigen Tänzern umgeben wie Madonna?
Irgendwann jedoch kommt die Stunde der Wahrheit, irgendwann muss man die Schuhe ausziehen, man vergisst den Kasten, kommt hinter dem Stehpult hervor oder steht neben einem ausgewachsenen Menschen. Und dann sieht man erst recht klein aus.
Wenigstens der Sport bleibt doch den optisch Herausgeforderten, um ein paar naturgegebene Nachteile auszugleichen, nicht wahr?
Aber wofür?
Es führt zu nichts, sich mit seinem Aussehen zu beschäftigen. Ein niedriger Körperfettanteil macht nicht glücklich. Im Wesentlichen bleibt man eine Kreuzung zwischen seinen Eltern, da hilft alles nichts. Die Zeit, die man in Optikverbesserungsmaßnahmen steckt, würde man besser mit anderen Menschen verbringen. Denn Nähe macht attraktiver als Fettabsaugung.
Je mehr man sich mit seinem Körper beschäftigt, desto unzufriedener wird man – niemand fühlt sich so bleich wie der Solariums-Dauergast, niemand entdeckt so viele Schwachstellen an seinen Deltamuskeln wie der Bodybuilder, niemand fühlt sich so fett wie der Mensch auf Diät.
Ein Promimagazin auf RTL. Einige Teenager warten vor einem Hotel auf Britney Spears. Deren Limousine rauscht an den Fans vorbei, für einen viel zu kurzen Moment ist der Star zu sehen in einem fliederfarbenen Umhang. Die Fans sind aufgelöst, eine der Gefassteren schnauft: „Nicht mal geguckt hat die! Ich hass’ die voll in ihrem lila Kleid.“
Ein harmloses Beispiel für den Hass auf die Herausragenden. Ein wütender Satz, in der Aufgeregtheit der Situation gesprochen. Aber der Hass hat durchaus Methode. Woher er kommt, versuche ich mit Hilfe von Robert Pfaller, Sigmund Freud, Richard Sennett und dem CEO von Beiersdorf zu klären.
„Frau, die Milch kocht über!“ Es muss irgendwann Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein. Unser Nachbar Herr Fröhlich saß in der Küche, bemerkte, dass die Milch auf die Herdplatte schäumte und tat, was zu tun war. Er rief seine Frau. Die eilte sogleich aus dem Waschkeller herbei und rettete die Milch. Mein Vater war Zeuge dieser Szene und zusammen mit dem uralten Bilderwitz aus der Funk Uhr, in dem ein Mann zu seiner Frau, die schwer beladen vom Einkaufen kommt, sagt: „Schatz, was trägst du denn so schwer, geh doch zwei Mal“, gehörte dieser Ausruf von da an zum Familienrepertoire.
„Frau, die Milch kocht über!“ kam damals schon aus einer anderen, längst untergegangenen Welt, einer Welt, in der Männer daheim Drohnen waren und Frauen Arbeitsbienen. Eine Welt, an die wir heute erst recht nur noch sehr ferne Erinnerungen haben, nicht wahr?
„Deutschland gehört neben Irland, Griechenland, Luxemburg, Australien, Spanien und Italien zu den Ländern, in denen sich die Erwerbsbeteiligung der Väter mit mehreren betreuungsbedürftigen Kindern von der der Mütter besonders stark unterscheidet.“
Dieser etwas komplizierte Satz findet sich auf der Homepage des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Er bedeutet: Sobald es in einer Ehe Kinder gibt, bleibt die Frau zu Hause und der Mann arbeitet.
Können Männer eigentlich Kinder und Karriere unter einen Hut bringen? Diese Frage wird nie gestellt und zwar zu Recht, denn für Männer existiert diese Problematik nicht. Eine Studie aus der Schweiz kommt zu dem Ergebnis, dass 90,1 Prozent aller männlichen Führungskräfte verheiratet sind, aber nur 41 Prozent der Frauen. Die Emanzipation der Frau hat bisher hauptsächlich für Männer Verbesserungen gebracht: Frauen kümmern sich nun nicht mehr bloß um Haushalt und Kindererziehung, darüber hinaus verdient die Frau jetzt auch noch Geld.
Schon seit einigen Jahren wird bei manchen Entwicklungsprojekten in Drittweltländern Geld nur noch an Frauen ausgezahlt, weil diese das Geld für ihre Familien verwenden, während Männer dazu neigen, es für sich selbst auszugeben.
In Deutschland käme natürlich niemand auf den Gedanken, Sozialhilfe für Familien an die Frauen auszuzahlen, denn deutsche Männer sind ja vollständig emanzipiert.
Oder?
Renate Schmidt, Ministerin für „Gedöns“ unter Gerhard Schröder, sagte, „die Angst vor dem feuchten Textil, ob Windel, Wäsche oder Wischlappen“ sei „bei Männern ungebrochen“.
Zwei Minuten täglich wenden Männer für das Wäschewaschen auf (pdf). Zwei Minuten an der Waschmaschine müssten einem als Mann eigentlich genauso peinlich sein wie zwei Minuten beim Sex.
Denn am Sex scheitern Ehen in der Regel nicht. Karriere der Frau (68 Prozent), Haushalt (67 Prozent) und Beruf vs. Privatleben (50 Prozent) sind nach einer Allensbach-Studie die größten Konfliktfelder zwischen Männern und Frauen. Sexualität nennen nur knapp 30 Prozent als Problem (vermutlich, weil sie sich daran nicht mehr erinnern).
Zwei Minuten brauche ich alleine schon, um an der Waschmaschine den Feinwaschgang zu finden. Ich bin selber erstaunt, denn wenn mir meine Freundin mit ihrer freundlichen Pädagoginnenstimme, die sie benutzt, wenn sie merkt, dass ich gerade wieder einmal drei Jahre alt geworden bin, erklärt, wie es geht, dann sehe auch ich: Den Feinwaschgang kann ich da einstellen, wo auf der Maschine Feinwäsche draufsteht. Aber in der Hitze des Gefechts trübt sich mir oft der Blick.
Es verlangt mir schon übermenschliche Kräfte ab, zu entscheiden, mit welchen anderen Farben zusammen ein hellblaues Hemd gewaschen wird. Auch als Mann, der in einem gentrifizierten Viertel lebt, in dem sogar die
Rindersteaks, die ich beim Biometzger kaufe, in nicht-geschlechtsdiskriminierenden Ställen von veganen Lesbierinnen großgezogen wurden, mache ich eben nicht alles richtig.
Katja, eine Bekannte, die Genderakrobatik oder so studiert, fragte meine Freundin und mich einmal, wer denn bei uns die Pille bezahle. „Ich hole die Pille in der Apotheke ab, wenn ich sowieso da bin, und bei dieser Gelegenheit“, setzte meine Freundin an, und wurde von einem Aufschrei meiner feministischen Bekannten unterbrochen.
„Aha! Das ist nämlich so typisch. Ich habe gerade erst an der Uni eine Umfrage gemacht, und es ist nämlich immer so: Männer scheren sich nicht um Verhütung. Wer bezahlt, ist da ein ganz klares Indiz.“ Ich war zutiefst beschämt. Meine Freundin stotterte etwas von:
„Schon okay“, und zählte ein paar Sachen auf, die ich bezahle und von denen sie auch profitiert, aber Katja ließ Ausflüchte nicht gelten: „Nein, nein, nein. Wenn ich schon Hormone schlucken muss, dann MUSS der Mann die Dinger selber abholen und bezahlen. Alles andere ist Sexismus.“
Ich fühlte mich, als hätte sie gerade meinen Ku- Klux-Klan-Mitgliedsausweis entdeckt.
Reicht es nicht, irgendwie nett zu sein, einkaufen zu gehen, zu spülen, zu schnipseln, Bereitschaft zu signalisieren, eines fernen Tages Windeln zu wechseln, das Bad zu reinigen, bei der Magisterarbeit zu helfen und andere Frauen zu ignorieren oder ist man als Mann im Grunde immer ein notdürftig rasierter Taliban?
Abends habe ich mir dann zur Beschwichtigung ein Schuljungenkostüm und tolle Wäsche drunter angezogen und mich lasziv durch die Wohnung bewegt.
Scheiß Emanzipation.
Früher waren die Dinge klarer. Gott hielt nicht viel vom weiblichen Geschlecht und deswegen sagte er zu Eva, der Stellvertreterin aller Frauen: „Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.“
Man hatte mit der Erbsünde eine praktische Begründung dafür, warum Frauen immer den Abwasch machen mussten.
Heute machen Frauen immer noch den Abwasch, aber kaum jemand glaubt, dass das etwas mit Eva, Adam und der Schlange zu tun hat. Man glaubt stattdessen, das sei halt in den Genen festgeschrieben.
In „Der falsch vermessene Mensch“ erzählt Stephen Jay Gould, wie den alten Griechen die natürliche Ordnung erklärt worden ist. Denen, „welche geschickt sind zu herrschen“, zitiert er Platon, wurde „Gold bei ihrer Geburt beigemischt, weshalb sie denn die köstlichesten sind, den Gehilfen aber Silber, Eisen hingegen und Erz den Ackerbauern und übrigen Arbeitern.“
Später maß man Schädelgrößen, um zu belegen, dass die Weißen eine überlegene Rasse sind. Immer nahm man das, was gerade der neueste Stand der Wissenschaft war, damit man nach allen Regeln der Kunst einen Beweis dafür fabrizieren konnte, dass alles schon immer so gewollt war, wie es ist. Die aktuelle Ordung ist immer die natürliche Ordnung.
Ganz gleichgültig, wie außerordentlich wahnsinnig diese Ordnung auch ist.
Bei den Sambia, einem kriegerischen Stamm in Papua-Neuguinea, leben die Jungen bis zum zehnten Lebensjahr bei ihren Müttern, getrennt von ihren Vätern, die unter sich in Männerhäusern leben.
Dann werden sie in brutalen Initiationsriten blutig geschlagen, müssen tagelang im Wald leben und wenn sie das überstehen, dann kommen sie ins Männerhaus, wo sie gezwungen werden, die Junggesellen zu fellationieren.
Ja, Sie haben richtig gelesen: Tag für Tag müssen die kleinen Jungen die Älteren oral befriedigen und – das ist besonders wichtig – den Samen trinken.
Denn durch den männlichen Samen werden die Jungen zu Männern. Blut ist in der Vorstellung der Sambia weiblich, weswegen die Sambia-Männer höllische Angst vor menstruierenden Frauen haben; sie könnten durch das Blut ja feminisiert werden.
Der Unterschied zwischen Männern und Frauen: Mal liegt er im Blut und im Sperma, mal in der Erbsünde begründet, Biologisten sehen ihn in den Hormonen und Genen.
Man kann nicht mit letzter Sicherheit entscheiden, ob Männer und Frauen von Geburt an unterschiedlich sind. Es gibt feststellbare statistische Unterschiede in Verhaltensweisen und Vorlieben, die für die einzelne Person nichts aussagen, aber nun einmal so sind wie sie sind. Es ist dabei gleichgültig, ob sie von Natur aus gegeben sind oder durch die deutlich unterschiedliche Erziehung, nur Leute, die davon leben, dass diese Debatte weiter läuft, halten das für relevant.
Lassen Sie uns also der Einfachheit halber so tun, als seien alle sich einig, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten im Leben haben sollten wie Männer. Und da wird es leider offensichtlich, dass die bisherigen Bemühungen um Chancengleichheit in eine Sackgasse geführt haben.
Schon zum „Jahr der Frau“ 1975 schrieb der Spiegel, dass Mädchen deutlich bessere Schulnoten als Jungs hätten und die Männer vermutlich abgehängt werden würden.
Dieselben Sorgen um die armen Männer werden heute geäußert, als hätten nicht die vergangenen 35 Jahre gezeigt, dass bessere Noten für die Frauen nicht mit einem besseren beruflichen Fortkommen einhergehen. Für eine Karriere braucht man Eigenschaften, die Frauen nicht anerzogen werden und man braucht einen Partner, der einen unterstützt.
Es verhält sich in der Welt der Wirtschaft so, als würde ein Mann beim Hundertmeterlauf der Frauen teilnehmen. Die Regeln sind so gemacht, dass sie Männern nutzen, sie sind von Männern gemacht und Männer bestimmen die
Teilnahmeberechtigung. Wie soll man da als Frau in den Wettbewerb treten können?
Clay Shirky, Professor für Neue Medien an der New York University, erzählt in seinem Blog von einem früheren Studenten, der ihn um ein Empfehlungsschreiben bat. Shirky ließ den Studenten das Schreiben aus Bequemlichkeit selbst aufsetzen, musste es dann aber erheblich dämpfen, da die Begeisterung des Studenten von sich selbst dermaßen überzogen war, dass es klang, als habe nicht ein Mensch, sondern eine PR-Agentur die Empfehlung verfasst.
Selbst mit den von Shirky vorgenommenen Abmilderungen war es das beste Empfehlungsschreiben, das er je abgegeben hatte. Mit einer solchen Empfehlung in der Tasche hat der größenwahnsinnige Student nun natürlich die besten Voraussetzungen für eine steile Karriere. Eine Karriere, die Frauen verwehrt bleibt, so Shirky, weil sie schlecht darin seien, sich wie „selbstdarstellerische Narzissten, anti-soziale Besessene und aufgeblasene Aufschneider” zu verhalten. Man bräuchte neue Spielregeln für ein Miteinander, man bräuchte eine Gesellschaft, in der nicht der, der am lautesten Alphamännchen spielt, sich durchsetzt.
Auf das Spielerische kommt es übrigens auch in anderer Hinsicht an: Es kann sehr schön sein, zeremoniell Rollen einzunehmen, Türen aufzuhalten, in Mäntel zu helfen, die Kinokarten zu bezahlen. Dr. Rainer Ehrlinger, der Ethikratgeber des SZ-Magazins, wurde von einem Mann gefragt, ob er richtig handelte, als er unter Berufung auf die Geschlechtergleichheit einer Bekannten die Hilfe beim Aufpumpen ihres Fahrradreifens verweigert habe.
Genau richtig, befand der Ethikexperte, Klischees aufrecht zu erhalten sei schließlich ein Übel und sowieso könne die Frau ruhig selber pumpen. Wie gut muss es ein geschlechtergerechter Mann haben! Er kann auf Frauenparkplätzen sein Auto parken, muss sein Geld nicht in Blumen investieren, kann zuerst aus einem brennenden Gebäude sprinten und wenn sein Schiff von einem Eisberg gerammt wird, ist es völlig in Ordnung,
Frauen und Kinder aus den Rettungsboten zu schubsen. Hey, schließlich wollen die doch auch wählen gehen und Mathe studieren!
Es wird fürchterlich anstrengend und unschön, wenn man nichts mehr tun darf, was mit einem Gechlechterklischee verbunden ist. Das habe ich bei der Schnittchenaffäre gemerkt. Bereits von zwei Bekannten ist meine Freundin dabei erwischt worden, dass sie mir ein Brot macht. Das ist ein echter Skandal, nur noch einen Schritt davon entfernt, sich die Schürze umzubinden und zu Mutter Beimer zu werden.
Diese Brote sind ein Verrat, eine Zementierung längst hinter uns geglaubter Traditionen, der Dolchstoß in den Rücken einer jeden berufstätigen Frau. „Der kann sich doch wohl selber ein Brot schmieren!“ Natürlich kann ich das. Genauso, wie meine Freundin sich selber Wasser in ihre Flasche füllen kann. Aber ich fülle ihre Flasche auf, damit sie sitzen bleiben kann. Nicht, weil sie keine Beine hätte, sondern weil es um winzige Gesten geht in einer Beziehung. Weil das Wasser besser schmeckt, wenn es einfach so neben dir steht und du nicht aufstehen musst. Weil ich dein Mann bin und dein Durst mein Feind.
Schnittchen sind im Schnitt kein Problem, das Problem ist die Wirklichkeit. Und die steht eben spätestens dann im Türrahmen, wenn ein Kind zur Welt kommt.
Wenn ein berufstätiges Paar ein Kind bekommt, steht die Frau vor folgendem Problem: Sie verdient im Schnitt 25 Prozent weniger als der Mann; hinzu kommt, dass der Mann auch dann nicht im Haushalt mitarbeitet, wenn die Frau berufstätig ist.
Die „neuen Väter“ bleiben ein urbaner Mythos.
Die Frau kann sich also ausrechnen, wie viel Zeit er mit den Kindern verbringen wird. Die Frau hat demnach die Wahl zwischen einem Dreifachjob, also Hausarbeit, Kindererziehung und Beruf zu dreiviertel der Bezüge des Mannes – oder sie bleibt zu Hause und lernt das Gesamtwerk Benjamin Blümchens kennen.
Und Halbtagsstellen?
Die sollten doch wohl eher Halbgeldstellen heißen, denn gerade höhere Positionen werden nicht gerne aufgeteilt – wo bliebe sonst auch der Spaß bei Machtspielen? – aber die Hälfte bezahlen ist schon ganz in Ordnung.
Langweilt es Sie, wenn Skandinavien dauernd als Vorbild hingestellt wird? Dann müssen Sie da jetzt durch: Schweden verhält sich beim Thema Emanzipation zu Deutschland wie Deutschland sich beim Erfinden von immer schnelleren Autos zu Burkina Faso verhält.
1974 hat Schweden das Elterngeld eingeführt, zu dieser Zeit wurden Männer in Deutschland noch angestaunt, wenn sie einen Kinderwagen vor sich herschoben und ihre Frau nicht schlugen.
In der New York Times („In Sweden, the Men can have it All“) wird die schwedische Europaministerin mit der hübschen Aussage zitiert, „Machos mit Dinosaurierwerten“ würden es nicht mehr in die Attraktivitäts-Top-10-Listen schwedischer Frauenmagazine schaffen. Was darauf hindeutet, dass man zwei Geschlechter benötigt für einen Wandel: Männer, die ihren Daseinszweck nicht mehr in einer 80-Stunden-Woche sehen und Frauen, die bei der Auswahl auf die weichen Faktoren achten wie „Hört mir zu“, „Geht einkaufen“, „Ist kein Arschloch“.
Väter, die sich eine Auszeit für ihre Kinder nehmen, sind in Schweden so üblich geworden, dass Frauen keine finanziellen Einbußen mehr hinnehmen müssen. Denn ob ein Unternehmen nun eine Frau oder einen Mann einstellt: Beide würden im Fall einer Geburt der Firma für einige Zeit fehlen.
Weil Männer ihre Vorstellung vom Mannsein längst mit dem Anschnallen eines Babybjörn überein bringen und Frauen nicht mehr zu Hause unter Windelbergen verwahrlosen und abhängig vom Taschengeld sind, sinkt sogar die Scheidungsrate. Die Liebe ist auf dem Weg der Besserung bei den Schweden.
Einer der Gründe dafür dass Frauen weniger verdienen, liegt darin, dass sie nach der Geburt eines Kindes häufiger zu Hause bleiben, was nach männlicher Logik bedeutet, dass Frauen selber schuld daran sind, wenn sie weniger verdienen. Ohne Bezahlung zwei Jobs oder bei geringer Entlohnung drei, das ist die Wahl, die Frauen haben.
Und damit bleiben sie die Packesel der Emanzipation.
Aber stürzen sich Frauen nicht sehenden Auges in die Unmündigkeit, weil sie einfach nichts studieren, was Geld und Karriere verspricht? Warum studieren so viele Frauen Floristik, Solalalogie, Saunatuchkunde und Vasenhinundherschieberei? Ich weiß es nicht.
Ich weiß bloß: Wenn sie einen Männerstudiengang belegen, wird es auch nicht leichter (wenn übrigens viele Frauen ein Männerstudium absolvieren, dann sinkt es im Ansehen und die Entlohnung in den Tätigkeitsfeldern sinkt, weil: siehe oben).
Meine große Schwester hat Maschinenbau studiert, ein Fach, von dem man damals, sie fing 1984 an, recht unverhohlen sagte, eine Frau habe da keine Chance. Und schreiben nicht Allan und Barbara Pease („Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“) Buch um Buch darüber, dass Frauen eben kein mathematisches Verständnis haben und räumliches schon gar nicht? Meine Schwester war eine von drei Studentinnen unter 1000 Männern in ihrem Studienjahrgang. Kam sie in den Hörsaal, wurde gejohlt und hatte sie einen Rock an, dann ließ man sie absichtlich über die Bänke klettern. Als sie mit einem Kommilitonen zusammen ein Projekt vorstellte, fragte der Professor anzüglich grinsend: „Was haben Sie denn dafür getan?“
Aber meine Schwester ist aus besonderem Material geschnitzt, aus echtem Ingenieursmaterial eben, und sie machte sich hervorragend. Sie veröffentlichte ein, nein: DAS Buch über Kunststoffrecycling, promovierte Summa cum Laude und holte Millionen an Geldern aus der Industrie an die Uni. Vielleicht würden Allan und Barbara Pease ja
sagen, das sei kein Wunder, schließlich sei sie als Frau eben besonders geschickt im Umgang mit Menschen – vielleicht würden sie auch einfach mal den Mund halten.
Wenn mir meine Schwester die Integralrechnung mit einem Beispiel, das ich sofort verstand, erklärt hat, während es mein Mathelehrer gar nicht erst versuchte, habe ich nie gedacht: „Klar kann sie das erklären, sie ist halt eine Frau.“
Ich dachte einfach immer, dass meine Schwester der klügste Mensch weit und breit sei.
Meine Schwester schickte sich also an, die Welt des Maschinenbaus aus den Angeln zu heben, dann bekam sie zwei Kinder und blieb daheim. Das ist, als hätte Josef Ackermann seine Karriere aufgegeben, um auf Spielplätzen rumzusitzen. Meine Schwester hatte den Ehrgeiz, den Intellekt und die akademischen Weihen, die man braucht für eine Karriere.
Aber sie wollte bei ihren Kindern sein. Es ging nicht um Geld, das war reichlich vorhanden, es wäre weder schwierig noch zu teuer gewesen, die Kinder von jemand anderem betreuen zu lassen.
Ich fand diese Entscheidung skandalös. Was für eine Verschwendung geistigen Potenzials. Genaue Kenntnis der Dramen in der 1b der Luise-Hensel-Grundschule anstelle von Revolutionen in der Kunstofftechnik?
Aber heute denke ich: Welcher Mann hätte diese gewaltigen Eier, seine Karriere einfach abzublasen? Die Geschichte meiner Schwester ist nicht symbolisch zu verstehen. Sie bedeutet nicht, dass Frauen eben einen
Brutinstinkt haben. Die Geschichte steht ganz allein für sich selbst als Geschichte einer emanzipierten Frau, die ihren eigenen Kopf hat. Schade bloß, dass so wenige Männer über ihren Kopf verfügen (wobei die meisten Frauen nicht auf spülende Daheimbleiber stehen, aber das ist eine andere Geschichte).
Jeder halbwegs emanzipierten Frau wird meine Schwester jetzt als blöde Glucke erscheinen, denn das ist ein Naturgesetz: Eine Frau kann sich nur falsch entscheiden. Die einen machen aus dem Recht auf Erwerbsarbeit eine Pflicht und wer gerne bei seinen Kindern bleiben möchte, ist eine Verräterin. Für die anderen ist jede kinderlose Frau, die Karriere macht, eine frigide Fregatte.
Dieses Naturgesetz gilt ausnahmslos für jede Frau.
Eine Frau begibt sich mit der Geburt ihres Kindes nicht einfach in ein Dilemma, sie begibt sich ins tiefe Tal der Dilemmata, dort, wo niemals die Sonne scheint und man nur noch vor sich hinstolpert.
In diesem tiefen Tal ist die Frau dann unzufrieden. „The Paradox of declining female happiness“ heißt eine Studie von Justin Wolfers und Betsey Stevenson. Frauen werden seit Jahrzehnten immer unglücklicher. Das hat Auswirkungen. Denn die Frauen versuchen natürlich, aus ihrem Unglück herauszukommen. Der beliebteste Fluchtweg ist die Scheidung. Dem statistischen Bundesamt zufolge werden 57 Prozent der Scheidungen von Frauen beantragt, „im Vergleich zu 36 Prozent bei den Männern. 7 Prozent entfallen auf gemeinsame Antragstellungen.“
Der Neuanfang führt auch für den Mann zu einem ganz neuen Leben – der Pädagoge Martin R. Textor kennt die Probleme, die mit der Scheidung auf Männer zukommen: „Da ihnen das Kochen Probleme bereitet, verschlechtert sich ihre Ernährung. Auch essen sie unregelmäßig und nehmen häufig Mahlzeiten am Imbissstand oder in Restaurants zu sich.“
Das Kochen bereitet den Männern Probleme.
Ich schreibe den Satz gleich noch einmal hin, weil er so hübsch ist.
Das Kochen bereitet den Männern Probleme.
Ich lasse Sie jetzt mit diesem Satz in zweifacher Ausführung alleine.
(Der Text ist ein Ausschnitt aus meinem Buch “Frauen und Männer passen nicht zusammen – Auch nicht in er Mitte” und ist zum Erscheinen 2010 in der Berliner Zeitung veröffentlicht worden. Angesichts dieser Statistik schien mir eine Wiederveröffentlichung sinnvoll. In der Redaktion hieß es übrigens damals, das sei doch ein Thema aus den Achtzigerjahren.)
Dieser Artikel ist sinnlos. Sie müssen ihn nicht lesen. Er wird nichts ändern an dem Problem, um das es hier geht.
Er ist wie das Brüllen des Säuglings einer tauben Mutter nach Nahrung. Ein instinktiver Schmerzensschrei, der ungehört verhallen wird.
Ich habe während der Recherchen von Menschen gelesen, die dem Wahnsinn nahe waren, von Menschen, die Aktionen im Internet gestartet haben, von Tobsuchtsanfällen, Drohungen, Verwünschungen. Es wurden jahrelange Verhandlungen mit Interessenverbänden geführt, Konferenzen abgehalten, es gab Gerichtsprozesse, Fernsehreihen, die sich damit beschäftigt haben, Bücher. Nichts hat sich geändert. Es ist eher schlechter geworden.
Die Konzerne beherrschen leidlich Routinen. Sie sind nicht vorbereitet darauf, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Unvorhergesehen bedeutet etwa: Ein Gerät geht kaputt, die Wohnung hat mehr als einen Raum, jemand zieht um.
Ist es also Unsinn, eine Narretei, in Deutschland umziehen und trotzdem einen Telefonanschluss behalten zu wollen?
Fast grauenhaft empfand ich meine Situtation nach meinem Umzug von Schöneberg nach Prenzlauer Berg. Das sind zwei Orte, die sich, Sie werden lachen, in derselben Stadt befinden, in Berlin, Weltstadt mit Herz, arm, aber flughafenlos, man ist hier Kummer gewohnt.
Vier Wochen vor dem Umzug meldete ich mich bei Vodafone, ich wollte von der Telekom wechseln. Jeder, dem ich von meinen Wechselabsichten erzählte, hatte gesagt, das könne nicht gut gehen, aber ich beantragte debn Wechsel und fragte die Vertriebs-Dame im Callcenter, ob ein Monat Vorlauf denn reiche, um beim Einzug sofort über einen Anschluss zu verfügen. „Das ist überhaupt kein Problem“, sagte sie. Ich zog also vier Wochen später um, blieb aber ohne Telefon und Internet.
Die Vodafone-Callcenter-Agents, die ich alle paar Tage anflehte, mir Zugang zu verschaffen, konnten mir keine Hoffnung machen. Ein paar Wochen könne das schon dauern, vielleicht einige Monate. Ich verbrachte Ewigkeiten in Warteschlangen, die Gespräche waren schnell vorbei. Da könne man nichts machen.
Erstaunlich war, dass man das Gefühl hatte, es mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun zu haben. Nicht nur war alles, was vor Vertragsabschluss besprochen worden war, nun ganz anders, vor allem hatte der Ton sich vollständig geändert. Wurde im Vertrieb zunächst gesäuselt und geflötet, wurde ich nun im Amtsdeutsch abgebürstet.
Der schöpferische Umgang der Vertriebsleute mit der Wirklichkeit wird im Internet recht ungeniert „Betrug“ genannt. Abertausende Nutzer klagen in Foren darüber, die mächtigen Konzernen hätten sie über den Tisch gezogen.
Ich wandte mich, auf einem o2-Surfstick mit wenigen kb/s durch das Netz dümpelnd, auf dem Facebookprofil Vodafones an die dortigen Mitarbeiter. Ich schrieb, schon deutlich schlecht gelaunt:
„Vor 5 Wochen habe ich bei Vodafone einen Anschluss bestellt, seitdem werde ich vertröstet. Ist Vodafone ein DDR-Unternehmen?“
Wenige Stunden später schon kam eine Antwort.
„Hallo Malte, wenn Du bei Vodafone einen DSL-/Festnetzanschluss bestellen möchtest, so ist dies nur über unsere Kundenbetreuung oder vor Ort in einem Shop möglich.“
Angeduzt und verhöhnt fragte ich Freunde um Rat. Alle sagten, dass alle Konzerne so seien. Man habe mich gewarnt. Jetzt könne ich nur warten.
Die Menschen in früheren Zeiten haben eine Menge Fehler gemacht. Doch einer sticht besonders hervor. Sie bauten, um sich zu schützen, dicke Mauern. Obwohl es doch eine wesentlich effektivere Methode gegeben hätte: Sie hätten ihre Narren im Umland verteilen können, so dass vagabundierende Feinde unweigerlich genau diese Narren hätten nach dem Weg fragen müssen.
Überall wären diese Feinde gelandet, aber nicht an ihrem Ziel.
Die menschliche kulturelle Entwicklung hat von den Mauern von Ur bis heute sechstausend Jahre benötigt, bis sich endlich eine neue Methode etabliert hat.
Diesen Narrenverteidigungswall nennt man eben Callcenter.
„Internet macht Kunden mächtiger“, titelte 2010 Der Tagesspiegel, „Der Kunde ist ein Kaiser – Die neue Macht des Verbrauchers“ im Dezember 2012 die FAZ. Einen Monat zuvor sah die Wirtschaftswoche gar „Das Zeitalter der Verbraucher“ angebrochen.
Angebrochen ist eigentlich nur mein Nervenkostüm. Was ist da los? Wie kann es sein, dass riesige Unernehmen sich verhalten wie die Hütchenspieler und gleichzeitig der Glaube um sich greift, der Verbaucher habe immer mehr Macht?
Der Wirtschaftswoche zufolge liege die neue Kraft in der „exponentiellen Wirkung der Verbrauchermeinung“. Sei diese Kraft entfaltet, entstehe „ein Sturm der Entrüstung, den man heute Shitstorm nennt.“
Ja, der berühmte Shitstorm, den Unternehmen angeblich so fürchten. Der Bösewicht Bane sagt in „The Dark Knight Rises“ zu Batman, dieser möge glauben, die Dunkelheit sei sein Verbündeter. Doch er, Bane, sei geboren in der Dunkelheit, geformt von ihr.
So wenig Bane die Dunkelheit fürchtet, so wenig fürchten Telekom, o2, Vodafone und Konsorten den Shitstorm. Sie sind geboren im Shitstorm, geformt von ihm.
Woche für Woche sendete RTL in „Wie bitte?“ von 1992 sieben Jahre lang den schlimmsten Unsinn, den die Telekom verbrochen hatte, ohne Ergebnis.
Egal, was gespielt, gesendet, geschrieben wurde, alles blieb gleich. 1993 berichtete der Focus von einer Journalistin, die nach vierwöchigem Urlaub eine Rechnung über 800 DM vorfand. Weil sie wusste, dass niemand telefoniert haben konnte, verweigerte sie die Zahlung, worauf die Telekom den Anschluss sperrte. Neue Rechnungen wurden dennoch geschrieben, schließlich verfügte die Telekom, die Frau werde nie wieder einen Anschluss bekommen.
Der damalige Telekom-Chef Helmut Ricke, Vater des späteren Telekom-Chefs Kai-Uwe Ricke, war sich bewusst, dass sein Konzern beim Kundenkontakt eine Schwäche hatte.
Und nun folgt ein Zitat aus dem 20 Jahre alten Focus, bei dem man, wenn man zartbesaitet ist, möglicherweise etwas traurig wird: „Die Gewähr für Kundenfreundlichkeit, besseren Service und höhere Gewinne sieht Ricke, wie auch die Bundesregierung, in einer privatwirtschaftlichen Rechtsform für die Telekom: Aus der staatlichen Behörde soll eine Aktiengesellschaft werden.“
Springen wir von 1993, also zwei Jahre vor der Privatisierung, einer Zeit also, als ein Staatskonzern, betrieben von bornierten Beamten, seine Kunden quälte, in das Jahr 2012.
Im Juni des vergangenen Jahrs zieht Dominik Schwarz von Berlin nach Zürich. Er kündigt daher seinen Telefonanschluss bei der Telekom. Einen Monat später ruft ihn eine Rückgewinnungsbeauftragte an. Er fragt, noch im Stadium der Unschuld, ob er dies als Kündigungsbestätigung sehen könne. Sie bejaht das und ruft Schwartz von nun an beinahe täglich an, um ihn zurückzugewinnen.
Im August kommt die Augustrechnung der Telekom. Das freundliche Twitterteam von Telekom_hilft verspricht Hilfe.
Eine Woche später fragt Schwarz nach und erfährt, dass die Kündigung erst zum Februar 2014 möglich sei.
Es sei allerdings möglich, gegen Zahlung einer Ablösesumme von 250 Euro frühzeitig aus dem Vertrag auszusteigen.
Etwa zur gleichen Zeit versucht der Berlin Story Verlag, einen schnellen Internetanschluss von der Telekom zu bekommen. Nachdem der Verlag bereits 2011 siebzehn (!) schriftliche Anträge eingereicht und etwa neunzig (!) Mails geschrieben hatte, um einen Telefonschluss zu beantragen, war man sich bewusst, dass das etwas dauern könnte.
Tatsächlich schien es lange ein Ding der Unmöglichkeit zu bleiben.
Erst als der Verlagschef nach einem Jahr des stillen Kampfes auf dem verlagseigenen Blog über seine Don-Quixiotiaden schrieb, hatte eine höhere Stelle erbarmen.
Innerhalb kürzester Zeit teilten 38.000 Menschen seine Geschichte auf Facebook (mittlerweile sind es 48.000) und tatsächlich meldete sich die Telekom, entließ ihn aus dem Vertrag, und verzichtete großzügig auf die Ablösesumme.
Haben Schwarz und der Berlin Story Verlag nun ihre neue Macht bewiesen? Weil sie die Möglichkeit nutzten, eine Öffentlichkeit zu schaffen, die groß genug war, dass sie nach sechs respektive zwölf Monaten Abnutzungskrieg tatsächlich das bekamen, was man eigentlich durch ein (in Zahlen 1) Telefonat für erledigt hätte halten müssen?
Triumphe sehen anders aus.
Kann es dauerhaft ein probates Mittel sein, öffentlich um Hilfe zu rufen? Ist der Fall gar zu peinlich, regulieren die Konzerne den Schaden, aber als Angst vor dem Shitstorm lässt sich das nicht deuten: Sie ändern schließlich nichts an der Struktur. Der nächste Dominik Schwarz muss schon ein Video drehen, das wenigstens ein paar hunderttausend Menschen sehen, um dieselbe Aufmerksamkeit zu erzeugen. Soll man sich denn mit Benzin übergießen, damit man einen Anschluss bekommt?
Nun kann man glauben, dies seien Extremfälle, Aberrationen, die angesichts der schieren Masse an Bearbeitungsfällen einfach vorkommen müssen.
Aber das hier sind zwar Fälle, bei denen es vielleicht überdurchschnittlich lang gedauert hat, aber das grundätzliche Muster der totalen Ignoranz auf Seiten des Konzerns, der irritierenden Informationspolitik, der schildbürgerhaften Regelungen: das ist der Standard.
Ich war so ein Standardfall. Als es nach zehn Wochen endlich einen Termin mit einem Telekomtechniker gab, fragte ich, wo denn der Router bliebe. Den habe man an die alte Anschrift gesendet. Schließlich hätte ich dort gewohnt, als ich den Anschluss in Auftrag gegeben hatte.
Ich hatte seitdem einem halben Dutzend Callcenter-Agents meine neue Adresse diktiert. Sie alle hatten vorgegeben zu schreiben, fragten beflissen Buchstaben nach („L wie Ludwigsburg?“), keiner hatte die Adresse geändert.
Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten: 1. Der Mensch am anderen Ende der Leitung kann helfen (die Stiftung Warentest testete 2011 die Hotlines der Telekommunikationsanbieter: in gerade einmal 34% der Fälle wurde den Testern tatsächlich geholfen). 2. Er kann nicht helfen und sagt das. 3. Er behauptet, helfen zu können, hat aber keine Ahnung. Fall 2 ist ärgerlich, Fall 3 verheerend.
Ich versuchte, herauszufinden, warum die Dinge sind wie sie sind. Warum niemand einem helfen, niemand Entscheidungen treffen kann. Warum man sich als Kunde vorkommt, als sei man in ein Live-Rollenspiel geraten, das von Kafka konzipiert wurde.
Michael Bobrowski, Referent für Telekommunikation beim Bundesverband der Verbraucherzentrale, sagte mir, kundenfreundliche Behandlung stünde mit harten internen Vertriebsvorgaben in Konkurrenz.
2007 wollte der Verband zusammen mit den Unternehmen einen „Leitfaden für eine verbraucherfreundliche Kundenbetreuung“ erstellen. Doch neben der Telekom ließen sich kaum Unternehmen auf die Einhaltung der Regeln verpflichten.
Stattdessen wird Geld in Werbung gebuttert, um mehr Kunden zu ziehen, die man nicht zufriedenstellen kann. Alleine 30 Millionen Euro gibt die Telekom für Werbung auf den Trikots von Bayern München aus, Vodafone gehört zu den größten Anzeigenkunden im Internet.
Als ich versuche, bei den Unternehmen selbst etwas über die Missstände zu erfahren, werfen die mit PR-Projektilen auf mich.
1&1 etwa schickt mir die gleichen Wortbaukastensätze, mit denen auch die wütenden Kunden auf ihrer Facebookseite beschwichtigt werden. Standardisiert wird erklärt, die Telekom sei Schuld.
In Foren wird vermutet, dass die Telekom ihren Mitbewerbern sogar absichtlich Schaden zufügt, indem sie ihre Techniker zurückhält. Was von den Bonnern – durchaus glaubhaft – bestritten wird.
Dieses Schwarze-Peter-Spiel kann für die Kunden zur Katastrophe werden. Eine Gelsenkirchenerin wollte mit ihrem Partner – ausgerechnet – ein Callcenter gründen.
Sie bekam jedoch keinen Telefonanschluss.
Vodafone verwies auf die Telekom, an der es sei, die vereinbarten Technikertermine einzuhalten, die Telekom zuckte, so das ein magentafarbener Riese kann, mit den Schultern und beschied ihrerseits, zwischen ihr und der Frau bestehe kein Vertrag. Der Frau ist ein Schaden von 30000 Euro entstanden.
Vielleicht lässt sich die Ursache in der Struktur der Unternehmen finden. So sagte schließlich René Obermann, der scheidende Telekom-Vorstandsvorsitzende, in einer Rede an der Universität Düsseldorf: „Wir kamen aus dem Monopol (…) Kundenfreundlichkeit hieß vor allem, dass der Kunde freundlich zu sein hatte.“
Wenn die Telekom aus dem Monopol kam und heute noch daran zu tragen hat – woher kommen ihre Mitbewerber?
Vor der Antwort eine kurze Warnung: Wenn man glaubt, der Bürgerkrieg in Mali sei unübersichtlich mit seinen vier verschiedenen Rebellengruppen, dann sollte man sich vielleicht besser nicht mit Telekommunikationskonzernen beschäftigen, sondern stattdessen mal wieder ein Buch lesen, vielleicht Ulysses oder den Mann ohne Eigenschaften, vergleichsweise leichte Kost.
Bei o2 hat man es mit der deutschen Tochter des ehemaligen spanischen Staatsunternehmens Telefonica zu tun, bei E-Plus mit der deutschen Tochter des ehemaligen niederländischen Staatsunternehmens Koninklijke PTT Nederland, nur Vodafone ist, da in Großbritannien die Privatisierung schon in den 80ern erfolgte, historisch ein Abkömmling des größten britischen Herstellers von Militärkommunikationsmitteln Racal Electronics (die deutsche Tochter ist Nachfolger von Mannesmann Mobilfunk).
Die Trägheit und die Kundenverachtung haben die Unternehmen also allesamt in der DNS, es weht der Geist der längst überkommenen Deutschland AG, in der riesige, unbewegliche Unternehmen, beherrscht von wenigen alten Männern, ihre Reviere untereinander verteilt hatten. Doch etwas kommt hinzu, das neu ist: ein überdrehter Turbokapitalismus, bei dem die Angestellten als Mitarbeiter der einen Firma ins Bett gehen und bei einer anderen Firma erwachen, bei dem Identifikation mit seinem Arbeitgeber so überkommen und weit weg scheint wie Minnegesang und Keuschheitsgürtel.
So wurde etwa HanseNet, gegründet als Telekommikationsableger der HEW (Hamburgische Electricitäts-Werke, heute zu Vattenfall gehörend), im Jahr 2000 zu 80% vom Mailänder Start Up e.biscom übernommen und 2003 an die Telekom Italia, den ehemaligen italienischen Staatskonzern, weitergereicht. Nachdem die Italiener vier Jahre später Teile von AOL Deutschland übernommen hatten, wurde HanseNet mit dem Neuerwerb verschmolzen.
Nach T-Online war Hansenet nun der zweitgrößte Internetprovider Deutschlands. Zusammen mit o2 stieg der neue Riese in den Mobilfunk ein. o2 war seinerseits aus Viag Interkom hervorgegangen, einem Mobilfunkunternehmen, das von Viag, dem heutigen E.on, der BT Group (dem 1984 privatisierten britischen ehemaligen Staatsunternehmen) und der Telenor, dem damaligen norwegischen Monopolisten, 1997 geschaffen worden war. 2005 ging o2 von den Briten zu den Spaniern von Telefonica, 2010 verkaufte die italienische Telekom HanseNet an Telefonica, den spanischen ehemaligen Staatskonzern, und HanseNet wurde Teil von o2.
Testfragen: Mit wie vielen Unternehmen durfte sich ein Angestellter, der bei Viag Interkom angeheuert hatte, seitdem identifizieren und welche Sprache spricht man in der Firmenzentrale von AOL Deutschland?
Bei der Telekom war das Chaos hausgemacht. Nach Ron Sommers Vier-Säulen-Strategie, die zum Ziel hatte, vier verschiedene Konzernbereiche einzeln an die Börse zu bringen, wurde von seinen Erben munter reintegriert, verschoben, neu zusammengesetzt, als sei die Telekom ein gigantischer Legobausatz.
Das Hin und Her an der Unternehmensspitze setzte sich im mittleren Management fort. Alle zwei Jahre gaben sich Helikopter-Manager die Klinke in die Hand. Sie landeten mit großem Getöse, wirbelten Staub auf und starteten senkrecht nach oben.
Bis heute ist es nicht gelungen, den Callcenter-Agents der Telekom eine nutzerfreundliche EDV zur Verfügung zu stellen, die Teams sind zu groß, die Maßnahmen der Manager nicht auf die Telekom-Wirklichkeit abgestimmt.
Einmal sollen alle Agents Generalisten sein, dann wieder Spezialisten.
Die Callcenter gelten den Managern als nicht wettbewerbsfähig. Sie sind zu teuer, weil man mit zwangsversetzten Altmitarbeitern, etwa ehemaligen Fernmeldetechnikern, die nach Tarif bezahlt werden, die Callcenter bestückt. Und billig ist das neue Schwarz.
Nun könnte man sagen, dass der Kunde selber schuld sei. Indem er sich zielgerichtet immer für das billigste Angebot entscheidet, jagt er die Konzerne in einen ruinösen Dumpingwettbewerb, den nur der gewinnen kann, der rigoros alle Kostenfaktoren ausmerzt. Da ist auch etwas dran. Aber der Kunde hat zwar eine Unzahl von Angeboten, jedoch keine Wahl.
Kaufe ich etwa Kleidung oder Möbel, so kann ich – verfüge ich über die finanziellen Möglichkeiten – wählen, ob ich in einem kleinen von einem Enthusiasten geführten Laden ein zeitloses Produkt von hoher Qualität kaufe oder in einer Kette schnell vergänglichen Ramsch, von dem ich weiß, dass er nicht allzu lange halten wird, aber der ein Zehntel des Premiumprodukts kostet.
In der Telekommunikationswelt sind die Produkte dagegen homogen, Vodafone-DSL und o2-DSL unterscheiden sich so wenig wie Shell-Benzin und Aral-Benzin. Gebe ich mehr Geld aus, bin ich auf einen Marketingtrick reingefallen.
Es gibt keine Premiumprodukte, alleiniges Merkmal ist der Preis. Und egal, was in Antrittsreden von neuen Vorständen erzählt wird: Hohe Gewinne durch niedrige Preise sind das alleinige Unternehmensziel.
Das einzige Problem bei diesem Ziel ist der Kunde. Aber gegen den hat man eine brilliante Abwehrstrategie. Eben den Narrenverteidigungswall namens Callcenter.
Es sitzen dort bei der Telekom also unmotivierte, chronisch erschöpfte, übermüdete Menschen vor Computern, deren Software einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit fordert. Kein Wunder eigentlich, dass die dem Kunden nicht helfen können.
Natürlich sind sie keine Narren, sie haben nur oft gerade von der Materie, die sie beackern sollen, keine Ahnung. Für Fortbildung ist kein Geld da.
Und doch sind diese Telekom-Mitarbeiter laut Stiftung Warentest die besten. Immerhin verdienen sie auch ordentlich, können Pausen machen, haben Recht auf Urlaub.
Die Konkurrenz arbeitet dagegen gerne mit Zeitarbeitern, die sie in 5-Stunden-Schichten gnadenlos verheizen, 7 Euro verdienen die pro Stunde, jeder zwölfte muss zusätzlich noch Hartz IV bekommen, die Verweildauer im Unternehmen ist kurz, die Bezahlung miserabel.
Das Telekom-Management aber ist unzufrieden: Die Kundenzufriedenheit ist zu teuer. Wo es geht, wird outgesourcet. Nach einem Übergangsjahr, in dem der Lohn weitergezahlt werden muss, wird dann der Lohn gedrückt.
Deutlicher kann ein Unternehmen kaum zeigen, dass Service ihm egal ist.
Besonders die strukturschwachen Bundesländer, also gerade die ostdeutschen und Berlin, aber auch das Saarland und Nordrhein-Westfalen, fördern die Ansiedlung von Callcentern mit Millionensummen. Läuft die Förderung aus, schließen die Callcenter.
Fördergeldtourismus nennt man das.
Eine Branche, die hunderte von Millionen für Werbung ausgibt, bekommt Jahr vor Jahr mehrere Zehnmillionen von sowieso schon klammen Bundesländern, um Jobs zu schaffen, die zum Teil durch Hartz IV mitfinanziert werden müssen.
Vodafone und o2, E-Plus und die Telekom, alle vier Giganten geben Callcenter und Logistik an den Outsourcing-Dienstleister Arvato ab. Der gehört Bertelsmann. Da ist sie wieder, die Deutschland AG.
Gibt sich auch die Bertelsmann-Chefin und Milliardärin Liz Mohn gern als Philantropin, merken die, die am anderen Ende der Bertelsmannnahrungskette stehen, wenig davon.1050 Euro Brutto verdient ein neuer Callcenter-Agent bei Arvato, wenn er 42 Stunden in der Woche arbeitet, der Job ist so strapaziös und die Fluktuation so hoch, dass 300 Euro Prämie gezahlt werden, wenn ein Mitarbeiter einen anderen wirbt, der es wenigstens sechs Monate erträgt.
Obermann sagte, es sei eine große Herausforderung, die Mitarbeiterzahlen zu senken und dabei kundenfreundlicher zu werden. Eine Herausforderung, an der er, was er nicht sagte, wie alle vor ihm gescheitert ist.
Gerichte werden lahmgelegt, Verbraucherzentralen können sich um nichts anderes mehr kümmern, Werte wurden vernichtet, Kunden in den Wahnsinn getrieben. Die Bilanz der Privatisierung ist, dass der Kapitalismus da, wo er keine Fesseln mehr trägt, am selben Punkt anlangt, wo der Kommunismus längst war: Bald wartet man auf seinen Anschluss so lange wie in der DDR auf den Trabant. Es wird Macht angehäuft und Planvorgaben werden erfüllt, aber Mensch und Produkt finden nicht mehr zusammen. Der Kunde ist zuletzt eine verzichtbare Variable, seine Unterschrift wird noch benötigt, nicht aber seine Zufriedenheit.
Darauf zu hoffen, dass der Markt diese Probleme reguliert, hieße darauf zu hoffen, dass die großen Tabakfirmen eine Zigarette erfinden, die Krebs heilt.
Darf ich diesen Moment der Aufmerksamkeit dazu nutzen, Vodafone zu bitten, mir die zugesagte DSL-Geschwindigkeit zu verschaffen?
Der Text ist am 16. Februar im Magazin der Berliner Zeitung erschienen und ebenfalls über die App der Berliner Zeitung erhältlich.
Eine Szene in jeder Bar an jedem Abend in jeder deutschen Großstadt. Der erste Schritt ist schwierig. Hat sie Interesse? Oder ist sie bloß höflich? Warte ich schon viel zu lange? Oder gehe ich besser?
Seitdem offiziell beide Geschlechter den ersten Schritt machen dürfen, kann ein Date sich schnell anfühlen wie das Gefangenendilemma. Man kann nicht wissen, was der andere will, wer sich festlegt, verliert erst die Optionen und dann sein Gesicht.
Derweil in einer Parallelwelt, die mit unserer zunächst einmal nichts zu tun hat. Deutschland sucht den Superstar.
Die Kamera saugt sich an dem Ausschnitt der Kandidatin fest, Juror Mateo, Sänger der Band Culcha Candela, fragt:
„Sind die echt?“
Die Kandidatin ist sichtlich irritiert.
„Was?“, fragt sie.
„Die Haare.“
„Keine Extensions, alles echt.“
„Und der Busen?“
„Ja, der ist echt.“
„Schön.“
Die Stimme aus dem Off erklärt mit der RTL-typischen Brachialironie: „Da achtet die Jury natürlich nur so genau drauf, weil die Oberweite ja ein wichtiger Resonanzkörper beim Singen ist.“
Die rein männliche Jury sitzt und glotzt.
Während junge Frauen beim Umziehen gezeigt werden (im Vorbereitungsraum ist eine Überwachungskamera installiert), sagt Dieter Bohlen, das internationale Zeichen für „riesige Brüste“ gestikulierend: „Die kann ja irgendwie als Kölner Dom mit ihren Glocken auftreten.“ Eine Montage tanzender Brüste, dazu fragt Tom Kaulitz: „Das magste auch richtig gern?“ Bohlen antwortet: „Besser als so’n Bügelbrett.“ „Ja, das stimmt.“
Zu der gesungenen Zeile „I just wanna make you sweat“ eröffnet wieder Mateo einer Kandidatin:
„Ich finde dein Dekolleté wunderschön. Ich würde mich da total gerne reinlegen.“
Nina Pauer müsste ihre helle Freude an dem kahlköpfigen Mittdreißiger Mateo haben. Vor einem Jahr landete die ZEIT-Autorin mit ihrem Text „Die Schmerzensmänner“ einen Klick-Hit. Das halbe deutschsprachige Netz diskutierte über introvertierte Jungs, die nicht mehr baggern können. „Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund“, schrieb Pauer über den jungen Mann von heute.
Nichts mehr in ihm erinnert an die Machos von früher. Er ist „gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik.“ Das Problem beginne, „wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte“. Dann blockiert der junge Mann. Stattdessen nur viele ängstliche Fragen im Kopf.
Meine Frau schreibt ihre Doktorarbeit und ist schwanger. Sie ist Stipendiatin und arbeitet daher unter paradiesischen Bedingungen am Exzellenzcluster der FU Berlin. Weil sie schwanger ist, bekommt sie ein Jahr länger Geld für ihre Forschung.
Das ist ohne Frage ein Zeichen für eine fantastische Entwicklung, meine Frau hat unter diesen paradiesischen Bedingungen beinahe so gute Möglichkeiten wie ein Mann.
Warum nur beinahe? Keiner ihrer Kollegen wird jemals schwanger sein.
Die Schwangerschaft meiner Frau verläuft verhältnismäßig erträglich. Rund um die Uhr schlecht war ihr nur in den ersten Monaten und Luft bekommt sie eigentlich immer genug, es sei denn, sie bewegt sich oder redet.
Aber es gibt natürlich auch andere Schwangerschaften. Es können durch den Hormonmix Depressionen aufkommen oder Diabetes, der Blutdruck kann lebensbedrohlich ansteigen oder sich eine Autoimmunerkrankung entwickeln, Blutarmut gehört für einen großen Teil der Frauen zu den Begleitumständen.
Und so trennen sich hier für gewöhnlich die Karrierepfade von Frauen und Männern, spätestens aber mit dem zweiten Kind.
51% aller Studierenden sind weiblich, der Anteil der Frauen an der Professorenschaft beträgt dagegen gerade einmal 17%. Und bis zu 90% der Professoren haben Kinder, aber nur 5% der Professorinnen.
Doch eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, heißt es, man kann arbeiten bis kurz vor der Geburt, heißt es, man muss sich eben durchbeißen, heißt es. Sind Frauen Weicheier?
Doch genau darum kann doch Gleichberechtigung nur gehen: Dass es nicht nur die körperlich und geistig härtesten und stärksten Frauen nach oben schaffen.
Genau wie noch den größten Waschlappen unter den Männern eine Karriere gelingen kann.
Wäre Josef Ackermann gut damit zurecht gekommen, dass ihm drei Monate lang schon übel ist, wenn er an Essen denken muss, er gleichzeitig aber immer Hunger hat?
Hat sich Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, dadurch qualifiziert, dass er Verhandlungen auch dann knallhart führen kann, wenn ihm beim Reden die Luft wegbleibt, weil seine eben noch winzige Gebärmutter auf Medizinballgröße wächst und dabei alle Organe, auch die wichtigen, einfach zur Seite drückt?
Auf einmal heult ein sonst so nüchterner Mensch los, weil die Bahn schon weg ist – könnte ein Mann mit einem hundertfach erhöhten Östrogenspiegel besser umgehen?
Musste Martin Winterkorn (VW) alle fünf Minuten auf die Toilette rennen, und hat ihm sein Chef Ferdinand Piech, der zwölf Kinder hat, dann gesagt, es sei alles nur eine Frage der Organisation?
Hat, wo wir gerade bei Piech sind, Ferdinand Piech seine zwölf Kinder eigentlich alle gesäugt?
In hunderten von Büchern und zehntausenden von Internetseiten wird Frauen gesagt, dass sie ihr Kind möglichst lange stillen müssen. Es droht Autismus, psychische Verwahrlosung, Anfälligkeit für Allergien, plötzlicher Kindstod.
Auf der Seite netmoms.de heißt es, dass durch das Säugen „das Kind die Fähigkeit erhält, lebenshungrig, durchhaltefähig, fleißig und initiativreich zu werden“. Zwar sei es besser, sein Kind mit der Flasche zu füttern, als es verhungern zu lassen, aber der Schaden, den man dem Kind zufügen könne, solle einem bewusst sein.
Wer sein Kind nicht stillt, der könnte es genauso gut einem Rudel Hyänen anvertrauen und es vorher mit Currysauce einreiben.
Wie haben sich also die deutschen Vorstände und Politheroen entschieden in dieser zur Ethikfrage aufgeblasenen Alltagsentscheidung?
Und wie lange sind sie bei ihren Kindern geblieben nach der Geburt?
Ein halbes Jahr, ein ganzes? Oder ein Leben lang?
Wenn man also stillen soll bis nichts mehr kommt, und eine Schwangerschaft einen unter Umständen für Monate lahm legt: Ist dann ein zusätzliches Jahr tatsächlich so paradiesisch?
Aber muss meine Frau auch unbedingt während ihrer Doktorarbeit schwanger werden? Und konnten nicht die Trümmerfrauen als alleinerziehende Mütter wie nebenbei ein ganzes Land aufbauen? Ist man nicht einfach selber Schuld?
Die Entscheidung, ob man ein Kind möchte oder nicht, gilt als freiwillig, weshalb man, so das nie geäußerte Argument, in einer freien Gesellschaft eben die Konsequenzen zu tragen habe.
So scheinen die meisten zu denken. Als ich für diesen Text mit meinen Bekannten darüber gesprochen habe, was der Staat tun müsste, damit sie mehr Kinder bekommen, war die Antwort häufig: „Was soll denn der Staat damit zu tun haben?“
Die U-Bahn-Station in der 36sten Straße in Brooklyn, New York, verfügt über eine Treppe, in der eine Stufe ein paar Zentimeter höher ist als die anderen. In einem Video des Filmemachers Dean Peterson auf dem Portal vimeo.com ist zu sehen, dass jeder U-Bahn-Nutzer an dieser Stufe stolpert. Sieht man jedoch einen Einzelnen an dieser Stufe stolpern, denkt man, er habe sich eben dämlich angestellt. Ebenso wie der Einzelne denken wird, es sei sein Fehler, dass er stolpert.
Jeder Einzelne hat in Deutschland individuelle Schwierigkeiten, ein Kind zu bekommen und großzuziehen, jeder mag sich selbst die Schuld geben. Aber die deutsche Geburtenkrise ist eine Hausgeburt. Es versagt das ganze Land, der Staat, die Gesellschaft. Manche Stufen sind einfach zu hoch. Allein durch individuelles Versagen lässt sich das rasante Schrumpfen Deutschlands schließlich nicht erklären. Bis zum Jahr 2060 wird Deutschland etwa eine DDR verloren haben, 17 Millionen Menschen. Die Weltbevölkerung jedoch wächst jedes Jahr um 80 Millionen, also um ein Deutschland.
Ich kann nicht beurteilen, ob die deutsche Entwicklung angesichts der globalen Zustände nicht ein Segen ist, mich interessiert die Zukunft auch nicht viel mehr als sie die deutschen Politiker interessiert.
Aber ich sehe die Gegenwart. Denn es gibt den demographischen Wandel eben nicht erst seit gestern – die Auswirkungen sind längst greifbar. Man muss gar nicht in die Zukunft schauen, um sich zu gruseln.
Deutschland ist jetzt schon das drittälteste Land der Welt nach Japan und Monaco, der durchschnittliche Niederländer ist drei Jahre jünger, der durchschnittliche Amerikaner sechs, der durchschnittliche Chinese sogar zehn Jahre.
Der Dramatiker Heiner Müller sagte, es habe „mit dem Lebensgefühl“ zu tun, „wenn die Geburtenrate sinkt: ein Volk, das sterben will.“ Gleichzeitig wolle das Volk „nichts abgeben. Dafür ist die Bundesrepublik exemplarisch. Man will hierzulande alles Bier trinken, und wenn man selbst kein Bier mehr trinken kann, soll es keines mehr geben.”
Es liegt ein Grauschleier über dem Land. Warum glaubt kein anderes westliches Land so wenig an die Zukunft?
In der deutschen Seele, sollte es sie geben, gäbe es gleich zwei Urverunsicherungen: den ersten und den zweiten Dreißgjährigen Krieg. 1618-1648 und 1914-1945 haben die Empfindung hinterlassen, dass das Beste, was passieren kann, ist, dass alles bleibt wie es ist.
Kann diese Sehnsucht nach Nichtveränderung so weit gehen, dass schon die Fortpflanzung zuviel des Neuen ist?
Oder klingt „Geburtenpolitik“ schon zu sehr nach nationalsozialistischem Mutterkreuz und Lebensborn? Lange galt Kinderkriegen als reaktionär, aber das scheint vorbei, Kinder sind durchaus wieder beliebt unter Jüngeren.
Wie kann es also so schwer sein, in einem der reichsten Länder nicht nur der Erde, sondern der Geschichte, die Entscheidung zu treffen, Kinder zu bekommen?
Die allermeisten meiner Bekannten sind zwischen Mitte Zwanzig und Anfang Vierzig, also im Reproduktionsalter. Einige wenige haben früh entschieden, keine Kinder bekommen zu wollen, noch weniger haben schon mit Anfang Zwanzig ein Kind bekommen, ansonsten gilt: Wer in seinen frühen Zwanzigern oder auch mit Mitte Zwanzig eine stabile Beziehung etabliert, die auch mit Dreißig noch anhält, bekommt mit diesem Partner in der Regel mit Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig ein Kind.
Bei den meisten bleibt es bei diesem einen Kind, manche bekommen noch ein zweites, zwei Familien kenne ich mit drei Kindern, ich kenne privat keinen einzigen Menschen, der vier Kinder hat.
Aber was, wenn man nicht das Glück hat, in seinen Zwanzigern eine stabile Beziehung etabliert zu haben?
Man ist dreißig, seit ein paar Monaten Single, seit ein paar Jahren oder Monaten im Beruf. Man lernt jemanden kennen. Soll man sofort Kinder bekommen? Schließlich sind es nur noch wenige Jahre, bis die natürliche Fruchtbarkeit zu sinken beginnt?
Oder soll man etwas warten, bis die Beziehung sicherer ist? Ein nervenraubendes Dilemma.
Wenn man sich aber nach drei, vier Jahren trennt ohne Kinder bekommen zu haben, dann muss der nächste Partner schon der sein, mit dem man Kinder bekommt, spätestens aber der übernächste.
Manche haben Pech und bleiben ungewollt kinderlos, manche schaffen es noch so gerade und bekommen ein Kind.
Mein Bekanntenkreis spiegelt also ziemlich genau die demographische Situation: Viele Spätgebärende, einige Kinderlose, keine Familien mit vielen Kindern.
Die Kinderlosigkeit der einen wird nicht durch Kinderreichtum von anderen ausgeglichen.
Bisher war von Geld noch gar nicht die Rede. Erste Voraussetzung für die Allermeisten ist zunächst eine stabile Beziehung. Also tatsächlich: Was soll der Staat tun? Der Staat kann schließlich nicht den passenden Partner besorgen.
Der Staat selbst weiß es besser. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schreibt: „In der ehemaligen DDR sank das Geburtenniveau zunächst bis Mitte der 1970er Jahre ebenfalls (Anmerkung: wie in Westdeutschland) stark ab. Der danach folgende Wiederanstieg war vor allem durch familienpolitische Maßnahmen verursacht, die ein Vorziehen bzw. Nachholen von Geburten bewirkten.“
Und er kennt auch die zahlreichen Studien, aus denen hervorgeht, wie erfolgreich eine gezielt geburtenfördernde Politik sein kann.
Vielleicht passiert in Deutschland politisch ja etwas, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man mit so geburtenschwachen Jahrgängen nie wieder Fußballweltmeister wird. Das Leben in einer überalterten Gesellschaft bedeutet bereits jetzt: Rentenmisere, Pflegenotstand und in den Albumcharts stehen für immer uralte Schlagerbarden wie die 3 Amigos.
Man sollte also meinen, dass dem Land daran gelegen ist, wieder jünger zu werden, wieder eine Zukunft zu bekommen. Aber die deutsche Politik sorgt dafür, dass die Menschen keine Kinder bekommen.
Dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zufolge könnten in Deutschland „bis zum Jahr 2050 rein rechnerisch ungefähr 850.000 Kinder mehr zur Welt“ kommen, würden wie in Dänemark drei In-Vitro-Fertilisationen, also Reagenzglasbefruchtungen, von den Kassen erstattet. Unter der rot-grünen Regierung Schroeder wurden in Deutschland den Paaren mit Kinderwunsch die Hälfte der Kosten aufgebürdet, was im Folgejahr die Zahl der Behandlungen halbierte.
Darüber hinaus werden Kinder davor bewahrt, alte Eltern, homosexuelle Eltern, unverheiratete Eltern zu haben. Für keine dieser Gruppen steht die Fortpflanzungstechnologie zur Verfügung.
So dringend ist der Wunsch des Gesetzgebers, die Kinder davor zu schützen, dass er sie lieber gar nicht erst zur Welt kommen lässt.
Ist Nichtexistenz besser als zwei sich liebende Mamas zu haben?
Immer mehr Menschen werden alt, also gibt es immer mehr künstliche Hüftgelenke und Herzschrittmacher. Man sagt den Leuten nicht: „Na, dann benutzt eure Hüften und eure Herzen halt weniger“, man entwickelt eine medizinische Lösung.
Medizinische Hilfe für Unfruchtbare aber wird nicht nüchtern betrachtet als Notwendigkeit unserer Zeit. Soll man stattdessen eben mit 18 Kinder bekommen.
Wenn der Staat also nichts tun will, ist es Zeit für gute Ratschläge. So sagt also etwa die Spiegel-Autorin Claudia Voigt den Leserinnen, sie sollten eben einfach sehr viel früher Kinder bekommen. Wie kommt es, dass über Fortpflanzung nachgedacht wird, als würden Menschen sich durch Parthenogenese verbreiten, durch Jungfrauengeburt wie die Blattläuse?
Warum bleibt alles an den Frauen hängen?
Das Lieblingsspiel der Politik ist Teilen und Herrschen. Also wird die Bevölkerung in vermeintliche Interessengruppen aufgeteilt. Frauen gegen Männer. Heteros gegen Homosexuelle (angeblich soll schon die reine Existenz von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften auf Kosten der Familien gehen, so etwa die CDU-Abgeordnete Katherina Reiche) oder Kinderlose gegen Familien (wobei dann die vermeintlich egoistischen Kinderlosen zu einem Ablasshandel gezwungen werden sollen, man denke nur an die von jungen CDU-Abgeordneten geforderte Sonderabgabe).
Die gerade einmal 20.000 eingetragenen Lebensgemeinschaften sprengen also den Bundesetat. Sind Schwule Griechenland?
Man kann nicht die Kinderlosen als Egoisten darstellen, die den altruistischen Familien alles wegfressen. Es ist eine Maßgabe der Freiheit, sowohl die Entscheidung für Kinderlosigkeit treffen zu können als auch für eine Großfamilie. Hat aber niemand mehr viele Kinder außer ein paar Milliardären und ein paar Sozialhilfeempfängern, dann ist das eben auch ein Freiheitsproblem.
Vielleicht will ich gar nicht die Freiheit, auf der Autobahn 200 fahren zu dürfen, sondern die Freiheit, 5 Kinder aufziehen zu können?
Frauen und Männer sitzen gemeinsam in der Tinte. Seitdem es akzeptiert ist, dass Frauen arbeiten, ist es auch notwendig geworden, dass beide arbeiten – immer weniger Einzelne können noch drei Menschen ausreichend versorgen.
Kinder sind erst dann ein echtes Armutsrisiko, wenn sie in kleinen Horden auftreten (mit dem dritten Kind steigt die Gefahr, zu verarmen), weil es dann beinahe unmöglich ist, dass beide arbeiten, noch zuverlässiger treiben sie nur in die Armut, wenn der Erziehende alleine ist.
Sowohl die Entscheidung, nicht fünf Kinder zu bekommen, als auch die Entscheidung, mit der ersten Geburt zu warten, bis man sich des Partners sicherer ist, sind also vollkommen rational.
Nicht arm sein zu wollen, das ist keine egoistische Überlegung, das ist ein Menschenbedürfnis.
Wer wartet, wer nach dem zweiten Kind aufhört mit der Fortpflanzung, der spiegelt mit seiner angeblich individuellen Entscheidung einfach nur die Gegebenheiten. Jeder stolpert an der Babyschwelle.
Jahr für Jahr gebären die Frauen in Deutschland zweieinhalb Monate später zum ersten Mal. Die Angst wird größer.
Aber die Sicherheit kann nicht allein in der Liebe gefunden werden. Beziehungen können sich heute eben lösen, egal wie lange man sie testet. Mehr Sicherheit kann nur der Staat geben – nicht durch Partnervermittlung, sondern durch eine gezielte kinderfreundliche Politik.
Die amerikanische Denkfabrik RAND Corporation kam in ihrer für die Europäische Kommission erstellten Analyse „Low Fertility and Population Ageing“ zu dem Ergebnis, dass nationale Maßnahmen unter den richtigen Umständen erfolgreich sein können, das Altern der Bevölkerung und seine Konsequenzen umzukehren, aber keine Einzelmaßnahme sei ein Erfolgsgarant. Es könne indirekte Einflüsse von Maßnahmen geben, die dazu geeignet sind, auf breiter Ebene soziale und ökonomische Bedingungen zu verbessern, da aber Bevölkerungspolitik wenigstens eine Generation brauche, um sich zu bewähren, sei sie politisch unattraktiv.
Hier wird sozialer Wohnungsbau gekappt, die Lehrmittelfreiheit abgeschafft, Studiengebühren eingeführt. Es wird wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, Kinder unbezahlbar zu machen.
In Frankreich, das wissen selbst meine Bekannten, da gibt es Krippenplätze. Und ja, das wäre schon ganz schön, wenn es die hier auch geben würde. Und nein, man versteht nicht so ganz, warum es so schwer ist, hier welche anzubieten.
Dabei ist es ganz einfach: Die Politik tut nichts für eine familienfreundliche Gesetzgebung, weil es eben zu lange dauert. Die ganzen alten Frauen und Männer, die uns regieren, sind schon lange tot und damit unwählbar, wenn die Maßnahmen greifen würden.
In Frankreich aber, da gibt es eben nicht nur Krippenplätze. Es gibt in Frankreich mehr als 30 verschiedene Maßnahmen. Bedarfsorientierte Leistungen, Steuerentlastungen, Gemeindewohnungen, günstige Hypotheken für kinderreiche Familien, verbilligte Tickets für öffentliche Verkehrsmittel, man muss nicht Zuhause bleiben, man muss nicht verheiratet sein, Krippen und Kindertagesstätten werden gefördert. Vor allem aber gibt es diese Politik bereits seit 60 Jahren, es herrscht große Einigkeit über die Notwendigkeit, die Bevölkerung kann sich darauf verlassen.
Frankreich hat natürlich keine paradiesischen Zustände. Nicht alle Maßnahmen greifen. Aber die Politik hat schon früh erkannt, dass sie Alleinerziehende und Kinderreiche nicht allein lassen darf.
Politik müsste also auch in Deutschland einige Faktoren berücksichtigen.
Die Menschen wollen nicht arm werden.
Sie wollen in ihren Entscheidungen nicht limitiert werden.
Sie wollen ihren Berufen nachgehen können.
Diese Faktoren sind natürlich eng miteinander verwoben, man kann am Ende sagen: Die Menschen können nicht all ihre Zeit auf Kinder verwenden.
Es gibt in Deutschland keine Mehrgenerationenhaushalte mehr. Das haben sich nicht die derzeitig in Deutschland lebenden Generationen aus Hedonismus einfallen lassen, Deutschland ist eben eine der ältesten Industrienationen, die Landflucht und Vereinzelung begann hier schon vor mehr als 150 Jahren (weshalb es in Deutschland auch keine bedeutenden regionalen Küchen gibt, aber das ist eine andere Geschichte).
Was also in anderen Ländern die Familie leistet, die Entlastung der Eltern durch Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen, Neffen, Nichten in Form von Mitpflege, Babysitten, Nachhilfe, durch Rat und Tat also, das leistet hier, wenn es nicht der Staat tut, niemand. Die Eltern müssen also entweder in die Lage versetzt werden, ihre Kinder irgendwo abgeben zu können, oder man muss seine Kinder mit zur Arbeit nehmen dürfen.
Glücklich die, die gesunde Eltern haben, die in derselben Stadt wohnen, die haben wenigstens ab und an jemanden, der auf das Kind aufpasst. Die anderen sind auf Krippenplätze angewiesen oder geben für Babysitter, die sie Brutto bezahlen, mehr Geld aus, als sie Netto verdienen.
Zum letzten Mal in derselben Stadt wie meine Eltern habe ich mit 20 gewohnt, meine Frau mit 19, meine Eltern sind tot, die meiner Frau geschieden, unsere Geschwister wohnen in verschiedenen Städten: Es gibt keine Verwandten, die mal eben einspringen könnten. Freunde aber, sagen die Bekannten, die Kinder haben, fragt man eher nicht. Am Ende wird Kinderarmut vererbt, wobei der Begriff verwirrend ist, denn arm sind ja die Kinderreichen.
Lassen Sie mich nun offen sprechen, als säße ich bei Markus Lanz auf der Couch: Das Aussterben der Deutschen bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Ich pflanze mich nicht fort, um Deutschland zu retten.
Und doch bekomme ich jetzt ein Kind. Mit 38 Jahren, einige Jahre später als der Durchschnitt, werde ich nun Vater. Ich kann mir sagen lassen, ich hätte viel eher ein Kind bekommen sollen, ich kann mir sagen lassen, ich hätte nicht so einen unsicheren Beruf auswählen sollen. Aber ich bin nicht der einzige, der stolpert, was auch immer ich falsch gemacht habe.
Wer also hilft mir?
Nicht alles, was gut gemeint ist, taugt. Elterngeld? Wie soll ich als Selbständiger meine Arbeit so lange ruhen lassen? Soll ich einen Freund bitten, meine Kolumne zu übernehmen? Und 65% des Nettogehalts? Zahle ich auch nur noch 65% Miete?
Im uns anerzogenen Einzelkämpfermodus kommen wir gar nicht auf die Idee, der Staat könne irgendetwas für uns tun.
Aber Kinder dürfen nicht ein individueller Glücksfall sein, den man erleben kann, wenn die Eltern und Großeltern genug Geld haben, die Liebe groß genug ist, und man gerade zwischen zwei Jobs Zeit hat. Kinder zu bekommen muss normal werden. Ist es aber nicht. Um das wieder hinzubekommen bedarf es einer – darf man nationale Anstrengung sagen? – bedarf eines Projekts, das größer ist als der Plan, zum Mond zu fliegen. (So scheint es wenigstens, wenn man Kristina Schröder gehört hat, wie sie die Länder anbettelt, wenigstens den zusätzlichen finanziellen Bedarf für das Einrichten von Krippen an den Bund zu melden.)
Ich bin kein Politiker und muss nicht sagen, woher ich das Geld nehmen will. Offenbar sind Krippen und Kindergärtnerinnen ja ungleich teurer als Bankenrettungen. Ich kann fordern. Und gerade das wird von meiner wohlerzogenen, als egoistisch geltenden Generation zu wenig getan. Glaubt man gar nicht. Es geht den jüngeren Generationen in Deutschland so wie den Untertanen in feudalen Staaten: Sie müssen den allmächtigen Alten eine Veränderung abringen, die diese nicht wollen.
Liebe Oma, dein Enkel hat kein Geld für Kinder. Nein, tausend Euro reichen nicht.
Ich habe den Beruf gewechselt. Ich bin jetzt Wohnungssuchender in Berlin.
Der Startschuss für meine neue Tätigkeit fiel, als meine Vermieterin mir durch ihren Anwalt mitteilte, sie wolle in meiner Wohnung von nun an Bilder malen.
Meine Frau und ich suchen also nach Wohnungen, die unserer bisherigen gleichen, und machen einige Termine in Berliner Innenstadtvierteln aus.
Bei den ersten Besichtigungen sind wir noch naive Amateure, wir glauben, es werde reichen, die Selbstauskunft auszufüllen und seinen Personalausweis vorzulegen.
„Haben Sie denn keine personalisierte Bewerbung?“, fragt die Maklerin.
„Wo ich dann schreibe, warum ich besonders gut zu der Wohnung passe?“, frage ich zurück. „Ja, was denn sonst?“, antwortet sie.
Sie deutet auf den unübersehbar schwangeren Bauch meiner Frau und verdreht die Augen. „Für Familien ist die Wohnung doch ausdrücklich nicht geeignet.“
„Konzipiert wurde das Maklerrecht als einseitiges sogenanntes „Glücksgeschäft”, weiß die Wikipedia. Der Makler wird nur im Erfolgsfall bezahlt, nicht für seine Leistung. Er wird aber auch bezahlt, wenn er gar nicht für die Vermittlung verantwortlich ist. „Nach dem Gesetz muss ein mit der Verkaufsvermittlung einer Immobilie beauftragter Makler nichts tun.“ Schmerzlich wird mir bewusst, dass ich den falschen Beruf ergriffen habe
In der nächsten Wohnung zeige ich auf den Holzboden, der einmal feuerwehrautorot gewesen sein könnte zu einer Zeit, als es noch keine Feuerwehrautos gab. Jetzt ist er bräunlich und voller weißer Farbflecken. „Was passiert noch mit dem Boden?“, frage ich. „Mit dem Boden passiert nichts“, sagt der Makler erstaunlich bestimmt. Wir könnten das ja renovieren, allerdings sei der Vertrag auf zwei Jahre befristet.
Wenige Termine später stehen wir in einer recht hübschen, recht kleinen Wohnung. Irgendetwas fehlt. Mir ist es nicht gleich klar, ich frage meine Frau, ob sie auch so eine Verstimmung bemerke, aber meine Frau merkt seit vier Wohnungen nichts mehr. Sie ist für Krisensituationen nicht gemacht, denke ich.
Endlich erlöst mich die Maklerin. „Man muss vielleicht darauf hinweisen, dass die Wohnung immer dunkel bleibt.“ Sie löscht die Taschenlampe und weist auf das gegenüberliegende Hochhaus. Nun gut, ich bin schließlich keine Pflanze, ohne Licht könnte ich wohl leben.
Die Maklerin blättert in meinen Dokumenten: „Woher sollen wir denn wissen, ob Sie im nächsten Jahr noch genug verdienen?“, fragt sie. Ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht.
Pudding tut uns nicht gut, Rauchen tut uns nicht gut, Faulenzen nicht, Fleisch nicht, Liebe nicht. Eines davon ist unverzichtbar. Ralf König schrieb einmal, die mit dem HI-Virus verbundene Tragödie sei: Wäre es im Kaffee, würde man eben keinen Kaffee mehr trinken. Aber es trifft uns da, wo wir wild, töricht und am verletzlichsten sind.
Es fing gar nicht so schlecht an mit mir und den Ärzten. Beim Augenarzt sah ich so gut, dass ich ein Bonbon bekam, ich sah sogar so gut, dass ich meiner kurzsichtigen Mutter die Buchstaben vorsagen konnte, ich flüsterte ihr die richtigen Antworten ins Ohr, damit sie sich nicht blamierte.
Meine Abwertung durch Ärzte begann mit einem Paukenschlag. Meine gerade noch so vorbildlichen Zähnchen wurden in eine Klammer gepresst, der Kiefer hieß es, sei zu eng.
Wenn der Arzt etwas „zu“ findet, zu eng, zu klein, zu groß, zu erhaben, zu dunkel, dann hat er in der Regel diesen entschlossen zwischen Ernst und Umbekümmertheit schwankenden Ton, der dem Patienten signalisiert: Sie könnten daran sterben, aber Gottseidank gibt es ja mich. Außerdem schwingt in diesem Ton natürlich mit: Früher wäre so etwas wie Sie einfach ausgemendelt worden, aber jetzt gibt es eben Krankenkassen.
Lange Zeit hatte ich den Ehrgeiz, die Prüfungen der Ärzte zu bestehen, bei keinem Bluttest durchzufallen, ja sogar das „Aaa“ im „Sagen Sie jetzt einmal Aaaa“ versuchte ich möglichst laut und vollendet zu sprechen.
Und doch: Einen weiteren Tiefpunkt erreichte meine Patientenkarriere, als meine Zahnärztin, eine ältere Dame mit einem ehrfurchtgebietenden Bariton und nur leicht zitternden Händen, meine Zunge für zu groß befand (und das in einem zu engen Kiefer!). Wenig später fand sie auch noch erste Spuren von Karies, und ich gestand mit weit aufgerissenem Mund Eisteetrinken nach Mitternacht. Mit meiner riesigen, gierigen Zunge habe ich ihn runtergeschleckt, ja genau, ich habe es eigentlich gar nicht verdient, noch behandelt zu werden.
Hermann erklärte einem jungen Pfleger mit unnatürlich schwarzem Haar, dass die Wechselkurse zur Zeit einfach unannehmbar seien. Fast schien es, als würde der junge Mann wirklich interessiert zuhören, dabei wartete er natürlich nur darauf, dass Hermann endlich – wie nannten sie es hier? – Stuhlgang hätte.
Der Pfleger lächelte Gertrud unbeholfen zu, er mochte ein hübscher Kerl sein, das gefärbte Haar stand ihm zwar nicht gut, aber er hatte ein freundliches Gesicht mit ehrlichen Augen. Nur sah hier seine Haut fahl aus, der Tod und der viele Stuhlgang bekamen ihm nicht. Er war hässlich wie das ganze Heim. Es roch nach Desinfektionsmitteln und billigem Kaffee. Die Tür zum Baderaum stand natürlich offen, alle Türen standen hier immer offen. Dabei war Hermann doch immer so ein privater Mensch gewesen.
Hermann richtete sich nun auf. „Und was den Dollar angeht, also das ist ja ….“. Er stand gebückt mit dem Rücken zur Toilette, die Hose an den Knöcheln, er schwankte leicht und fixierte etwas in seiner Hand, das nur er sah. „Ich krieg das nicht weg.“ Er zupfte konzentriert an seiner Hand herum.
„Das war dann wohl nichts“, sagte der Pfleger. Er ging in die Hocke, um Hermann die Hose hochzuziehen und Hermann trat nach ihm, wie in Zeitlupe. „Hören Sie mal, das geht doch nicht, was Sie da, es ist doch immer das gleiche mit euch Zöllnern.“
Dann quetschte Hermann einen dicken braunen Haufen vor die Füße des Pflegers.
„Das ist doch eigentlich ganz schön“, sagte Hermann zu seiner Hand, der Pfleger sagte zu Gertrud, er müsse ihn jetzt leider erst abduschen und Gertrud dachte daran, wie reinlich Hermann immer gewesen war. Fast schon etwas zwanghaft. Er hatte es ihr übel genommen, dass sie ihn in dieses Heim gesteckt hatte, er erkannte sie seitdem nicht mehr. Ihre Töchter hatten es auch nicht verstanden, aber wie viele Nächte kann man wach bleiben, um einen tobenden, weinenden, ängstlichen Mann zu beruhigen? Manchmal glaubte sie, sie würde noch vor ihm sterben, er war immer noch so stark, sein Blutdruck der eines jungen Mannes, hatte Doktor Klemp gesagt.
Irgendwo hatte sie mal gelesen, Alzheimer sei nicht, wenn jemand seine Brille vergisst, Alzheimer sei, wenn jemand nicht mehr weiß, wozu man eine Brille benutzt. Gertrud wusste nicht mehr, ob es schleichend angefangen hatte oder ganz plötzlich, aber als sie es merkte, bekam sie nie wieder ihren Hermann zurück.
Es blieb so wenig übrig von sechzig Jahren. Abends saß sie jetzt oft vor dem Fernseher und es fiel ihr schwer, sich an mehr als die Hochzeit, das erste Kind und das zweite Kind zu erinnern, selbst die Geburt des Dritten musste irgendwo zwischen Spülen, Kochen und kleinen Sekretärinnenaufgaben, die sie zwischendurch für Hermann erledigte, verloren gegangen sein.
Sie war schon alt und ernst gewesen, als alle anderen noch jung waren. Wie lange sie schon alt war! Kein einziges Farbfoto gab es, auf dem sie jung aussah. Sie stand auf und nahm ein an den Rändern angegilbtes Fotoalbum in die Hand. Das Weizenfeld war Maisgelb gewesen, auf dem Foto war es Weiß. „Warum ist es denn maisgelb, es müsste doch weizengold sein?“, hatte sie Hermann gefragt und er hatte geantwortet, Liebe mache eben blind. Das war Hermanns Liebeserklärung gewesen. Eigentlich hatte er damit nur erklärt, dass er wusste, dass sie ihn liebt, aber sie hatte ihn schon verstanden. Sie hätten noch warten müssen, aber damals haben sie zum ersten Mal miteinander geschlafen, auf Hermann war Verlass. Sie hatten manchmal darüber gesprochen, ob die Lust wohl im Alter einfach verschwinde und Hermann hatte gesagt, das könne man nur hoffen, es sei doch furchtbar, wenn man immer noch wolle, aber der Körper mache nicht mehr mit, wie Gefängnis müsse das sein. Die Lust war dann tatsächlich ganz friedlich weggedämmert, wie Kinder hatten sie zuletzt gelebt, dachte Gertrud, wie Kinder, die sich sehr liebten, bis das eine verrückt wurde.
Hermann saß jetzt auf dem Bett und weinte. Sie konnte ihn nicht trösten. Der Pfleger zog Hermann eine riesige blaue Windel über die Beine, drehte ihn dann geschickt auf den Rücken, wogegen Hermann nur halbherzig protestierte: „Aber Sie wissen schon, dass das so nicht geht?“ Der Pfleger klebte den Klettverschluss der Windel zu und drehte sich zu Gertrud um. „Das sollte jetzt für den Rest des Tages halten.“
Sie trat ans Bett, Hermann lag dort immer noch wie ein Maikäfer, die Beine angewinkelt in der Luft, sie berührte sein Knie und er nahm ihre Hand. „Trudchen“, sagte er mit fester Stimme, „denk dir nichts, das geht vorbei. So eine Windel ist doch immer nur temporär.“
Gertrud rückte ihre Brille zurecht, strich mit ihrem Zeigefinger über Hermanns rauen Handrücken, räusperte sich und sagte, sie sei doch ganz schick, die Windel. Hermann richtete sich etwas auf, sein Gesicht war jetzt ganz nah bei ihrem, und sagte: „Liebe macht eben blind, Trudchen.“
Ganz vorsichtig zog der Pfleger die Tür zu.