30
Jun 10

Ein großer Tag für die Demokratie

Heute abend lief auf RTL II ein Film, in dem Joe Pesci, behaftet mit einer Frisur, die Geert Wilders sich aufzutragen weigern würde, einen am Boden liegenden Michael Jackson trat, der sich darauf in einen riesigen Kampfroboter verwandelte. Zwischendurch tanzte ein kleiner Junge und man fragte sich, was Jackson wohl mit ihm in den Drehpausen gemacht hat. Wer nun glaubt, dies sei der Tiefpunkt des heutigen Fernsehprogramms gewesen, der hat die Liveübertragung der Wahl zum Bundespräsidenten nicht gesehen.
Im Lauf der Stunden wurde jedes Mitglied der Bundesversammlung befragt, dann wurde jeder herumstehende Journalist befragt und schließlich filmten sich die Kamerateams gegenseitig, während ZDF-Moderatoren Phoenix-Moderatoren befragten.
Fünf verschiedene Positionen waren dabei zu vernehmen.
Die FDP einigte sich früh darauf, nicht Schuld zu sein, denn in ihren Sitzungen habe es offene Aussprachen gegeben. Versagt habe die CDU.
Die SPD war der Meinung, die CDU könne stolz auf ihre Abweichler sein, schließlich zeige dies, wie eigenständig diese denken würden. Man müsse jetzt mal die Parteigrenzen hinter sich lassen. Versagt habe die Linkspartei.
Die Grünen fanden alles gut, aber die Linkspartei müsse sich jetzt mal entscheiden und den Schießbefehl zurücknehmen.
Die Linkspartei sagte, man hätte sie ja mal anrufen können, aber jetzt sei sie möppelig und sowieso seien alles Schlampen außer Mutti.
Die CDU war so entspannt wie Fabio Capello, als er nachts auf dem Hotelflur dem Schiedsrichter des Achtelfinalspiels begegnete und sagte generös, so sei eben Fußball oder auch Politik, Hauptsache niemand verletzt.

Die befragten Journalisten begaben sich auf die Metaebene und erklärten, die CDU könne von nun an nicht mehr behaupten, die SPD mache sich abhängig von der Linkspartei, weil sie ja nun auch abhängig von ihr sei, ruderten nach dem dritten Wahlgang aber ent- und geschlossen zurück und sagten: “Eh egal.”

Alle waren sich einig, dass es ein großer Tag für die Politik sei und ich habe mir aufrichtig gewünscht, irgendwo etwas LSD zu finden, denn dann hätte ich darüber wenigstens lachen können.


24
Jun 10

Content is King, Contentmaker is Depp

CTRL-Verlust, das Blog von mspro bei der FAZ, ist gesperrt worden.

Zunächst schien es nur um ungeklärte Bildrechte zu gehen, weshalb zunächst lediglich der aktuelle Artikel nicht mehr abrufbar war. Mspro hat dann den Artikel ohne die Bilder erneut online gestellt, woraufhin die Redaktion sich zu deutlicheren Maßnahmen gezwungen sah:
“Die Reaktion von FAZ.net darauf war die sofortige, komplette Sperrung und Verbannung des Blogs aus dem Redaktionssystem. Das Blog ist also nicht mehr aufrufbar.”

Da Mspro alle Verwertungsrechte an seinen Texten an die FAZ abgetreten hat (Artikel zum sogenannten Total Buyout hier), sind sie jetzt also verschollen.

Gerade erst hat Die Welt kompakt mit dem Ansinnen Aufmerksamkeit erregt, sich von Bloggern und anderen Onlinern kostenlos eine Ausgabe zimmern zu lassen. Die Geringschätzung gegenüber den Autoren ist allerdings mitnichten eine Sache der alten Medien. Marcus Jauer schrieb in dem Artikel “Deutsche Blogger” über den Carta-Gründer Robin Meyer-Lucht: “Die meisten Artikel drehen sich um die Themen Medien und Netz und stammen nicht von Robin Meyer-Lucht. Er sammelt sie von vierzig anderen Autoren ein, denen er pro Beitrag manchmal nur fünfzig Euro zahlt. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich als Journalist einen Namen zu machen, für den man als Berater Geld verlangen kann. Das ist so, als schreibe ein Theaterkritiker Rezensionen, um dem Intendanten später Ratschläge zu verkaufen, wie er eine bessere Spielzeit zustande bringt.”
Jauers Text hat einiges Aufsehen erregt wegen angeblich ungenauer Zitate, das eigentliche Kernproblem, das in “Deutsche Blogger” zur Sprache kam, wurde allerdings völlig übersehen: Die neue Medienelite behandelt die Contentlieferanten noch schlechter als die alte.
Mit diesen Vorbildern aus der Digitalen Bohème fällt es den Alten Medien natürlich leicht, die Umgangsformen im Netz zu übernehmen. “Wie? Mehr Geld? Dann geh doch zu Basic Thinking!”

Dem Vernehmen nach sollen die Bloggerhonorare bei der FAZ ordentlich sein. Mspro hat jetzt erfahren, was der Preis dafür ist.


22
Jun 10

Maschinen

Und hier. Ab 0.48.


21
Jun 10

I’m a Nerd


17
Jun 10

Nilzenburger: Das Instrument der Liebe

Instrument der Liebe by nilzenburger

“Hinter jeder Vuvuzela steckt ein Mensch – es könnte deine Mutter sein.”

Deine Mutter bläst Vuvuzelas im Stadion – das muss ich mal an Migrantenkindern versuchen.


14
Jun 10

Vorbei! Marsch!

Interessant. Ich war gestern direkt nach dem Spiel mit etwas anderem beschäftigt und konnte erst um fünf Uhr wieder ins Internet. Unterdessen hatte der Spiegel nicht etwa geschrieben, dass es einen Nazi-Skandal beim ZDF gegeben habe, sondern der Spiegel hatte einen Abschlussbericht verfasst über einen Nazi-Skandal, der zunächst eine Twitterempörungswelle, einen 11-Freunde-Artikel, ein Gegengutachten der ZDF-Redaktion, eine Facebookgruppenschwemme, die zu Selbstverbrennungen vor dem ZDF-Hauptquartier in Mainz aufforderte und schließlich eine Zerknrischungserklärung des Führungsoffiziers der Beschuldigten nach sich zog.
Katrin Müller-Hohenstein hatte gemutmaßt, dass Miroslav Klose nach seinem Tor einen “inneren Reichsparteitag” erlebt haben müsse. Wer Miroslav Klose kennt, der weiß, dass er nach dem Ermüdungsbad sein Quietscheentchen noch föhnt, ehe er sich selber verhüllt, er weint manchmal dabei. Dieser Mann erlebt keine “inneren Reichsparteitage”, dieser Mann zählt die Stunden, in denen er keinen riesigen Stein den Berg hoch tragen muss und man ihn mal in Ruhe lässt.
Aber es ging nicht um die Ungenauigkeit der Müller-Hohensteinsschen Formulierung. Nein, für einen Moment hatte sich gezeigt, dass das ZDF ein Haufen von junggebliebenen Altnazis und frühvergreisten Neofaschisten ist, die nur auf den richtigen Moment warten, ein viertes Reich auszurufen.
Irgendjemand hat einmal gesagt, der deutsche Antifaschismus werde umso entschlossener, je weiter das dritte Reich weg sei und ich wäre froh, wenn der gestern Nacht um fünf auch gesurft hätte, es wäre ihm ein innerer Fackelmarsch gewesen.
Auch mitten in der Nacht gibt es im deutschen Internet noch Menschen, die keine Lust auf Mob haben, verlässlich gehören dazu Stefan Niggemeier und Nilz Bokelberg.
Das ist sehr beruhigend und ich bin immer sehr froh um dieses Stück virtueller Nestwärme.
Übrigens ist mir Müller-Hohensteins Satz auch aufgefallen. Ich dachte “Ha, die redet ja wie meine (halb-pakistanische) Schwester.” (Ich denke in der Regel, wenn ich an meine Schwestern denke, nicht “halb-pakistanisch” hinzu, ich ergänze das nur als Alibi. Wenn es hinterher heißt, meine Schwestern seien braun, dann kann ich nur sagen: Allerdings sind sie das, ihr müsstet sie im Sommer sehen.)
In weiten Teilen meines Bekanntenkreises ist es üblich, jemanden, der mit irrationalem Eifer eine Sache verfolgt, als Lampen-, Hygiene-, Socken- oder Fernseh-Nazi zu bezeichnen. Meine Bekannten verharmlosen damit nicht etwa den Holocaust, ganz im Gegenteil. Genauso ist die Formulierung vom inneren Reichsparteitag eine Form der spöttischen Distanzierung vom Nazi-Jargon, die unter den real existierenden Schweinen einen Besuch der Gestapo nach sich gezogen hätte. Wer glaubt, Nazi-Humor habe sich durch seine Subtilität ausgezeichnet, der möge sich spaßeshalber einmal dieses Video anschauen.

Link: Schlechter Humor

Kommen wir zu etwas wichtigem. Es kam gestern Abend zu vereinzelten Hupkonzerten nach dem Spiel gegen Australien. Ungarn ist 1982 nach einem 10:1-Sieg gegen El Salvador noch ausgeschieden. Also: Tag, Abend und so. Das war wirklich ein Korso Praecox.

Und das Spiel? Das Spiel war schön. Kein Mensch kann wissen – das wird auf ewig eines der ungelösten Fußball-Rätsel bleiben -, ob die eine Mannschaft nur so berückend spielt, weil die andere sie lässt oder ob sie einfach zu stark ist. Fest steht, dass Australien nur hätte bestehen können, wenn sie das Spiel lange 0:0 gehalten hätten. Serbien und Ghana haben auch ansehnlich gespielt und das nächste Spiel ist immer das nächste. Vor den Reichsparteitag haben die Götter Blut, Schweiß und Dehnen gesetzt und im Falle von Miroslav Klose ein paar Tränen. Aber ich glaube, er hat gestern, so gegen fünf, auch einmal gelächelt. Ganz kurz, mehr so innerlich.


13
Jun 10

Nationale Ikonen, die erstaunliche Sachen mit ihren Händen machen

Gerade habe ich auf reddit diese Collage gefunden und ein kurzes Ziehen der Scham in meiner Stirn verspürt.

Aber dann dachte ich: Nun gut, wir haben eine Kanzlerin mit der Ausstrahlung einer autistischen Topfpflanze, die mit dem Umzug in neue Räumlichkeiten nicht recht zufrieden ist (überhaupt sollte die Topfpflanze Merkels Siegel zieren, schon wegen des doppelten “pfpf”), wir werden auf Betreiben dieser Topfpflanze bald einen Präsidenten haben, dem es gelingt, neben dieser Kanzlerin zu verblassen (was farbspektrumtechnisch lange als Ding der Unmöglichkeit betrachtet wurde), und Guido Westerwelle, in dessen Namen alles Wissenswerte über ihn schon drinsteckt, darf endlich die Politik machen, die er immer schon machen wollte. Aber es könnte schlimmer sein: Wir könnten Engländer sein.

Update:
In dem Zusammenhang fällt mir noch ein: So soll man bei einem Fernseher mit Equalizer die Vuvuzelas ausblenden können:

via


11
Jun 10

Die grauenhaftesten WM-Songs 2010

Jett Alinia – Finale

Eingängig wie ein Bandwurm, der in einer Fußgängerzone herumliegt und ein Schild vor sich stehen hat, auf dem steht: Bandwurm sucht Anus. Der Weg ist schon viel, aber dann doch nicht alles. Eigentlich zu belanglos, um richtig grauenhaft zu sein, gewinnt das Lied durch lautes Hören und intensive Konzentration ein erstaunliches Hirninfarktpotential.

Sanibonani – König Fußball

Ex-Pirat Aaron König ist mit seinem Label Weltburger verantwortlich für dieses sympathische Sommergerippe. Alleinunterhaltermusik von der Malle-Strandbar trifft auf Reime, die unentschlossen zwischen Ironie und Idiotie herumirren. “Gelobt sei König Fußball, unser Herr und Heiland”. Wird hier der Fußballwahn gegeißelt oder schmeckte der Selbstgebrannte heute seltsam bitter? Ich weiß es nicht, ich kann aber auch schlecht denken, während ich mir die Ohren zuhalte und alte Rammsteinlieder brülle.

Bushido feat. Kay One – Fackeln im Wind

“Die Mannschaft, sie steht wie Fackeln im Wind”. Während sich alle anderen Horrorstücke nicht verkneifen konnten, Ethno-Elemente aus der Obi-Abteilung für Parties mit südlichem Flair zu klauen, setzt Bushido ganz auf stampfende Größenwahnbeats für den Hobbywelteroberer von nebenan. Gröhl-Rap, der mich den Verdacht hegen lässt, bei meiner letzten Darmgrippe habe jemand ein Aufnahmegerät in meiner Toilette installiert. Man möchte sich die Haare an den Seiten rasieren, einen Schwulen verprügeln und sich dann endlich mal wieder ein Peeling gönnen.

Assos – Super Deutschland

“dieses lied wurde als spam gekennzeichnet”, schreibt der Youtube-User Yuckpulver. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Beruhigenderweise bleibt Deutschland Weltmeister in der Kategorie “Grauenhaftester WM-Song aller Zeiten” mit einem Klassiker.

Link: foltern mit grönemeyer


10
Jun 10

Längliches zur WM. In Kurzpassform.

Zwei Personalentscheidungen sind in den vergangenen Monaten mit größerer Leidenschaft diskutiert worden als die Debatten um Präsidentenamt, Sparpaket und Euro-Krise zusammen: Darf Kevin Kuranyi mit nach Südafrika und wer hütet das deutsche Tor? Es könnte kein deutlicheres Zeichen für die Totalboulevardisierung des Fußballs geben. Nicht die allgegenwärtigen WM-Brötchen, nicht die Beflaggung Kreuzberger Balkone, nicht einmal die zu erwartenden Hupkonzerte sind ein Problem, denn sie berühren nicht den Kernbereich des Fußballs. Das Problem ist, dass in diesem Kernbereich ein Vakuum herrscht. Das geistige Gefälle zwischen den Veröffentlichungen zum Turnier und tatsächlichem Durchblick ist in etwa so groß wie das zwischen dem Freak, der sich CDs mit Original Motorenlärm kauft, und einem Ingenieur bei Daimler.
Die deutsche Mannschaft hat nun schon seit Jahren einige Probleme, die nicht abzustellen scheinen:
1. Sie kann nicht mit einer Führung umgehen. Regelmäßig verliert das Team den Faden, wenn es das erste Tor geschossen hat. Weiterspielen oder halten, abwarten und auf Konter verlegen? Man kann es nicht sagen. Heraus kommt dann etwas wie bei den Qualifikationsspielen gegen Russland – die Mannschaft steht viel zu tief, es kommt zu Chancen im Minutentakt und das Ganze wird zum Glücksspiel.
2. Sie hat Probleme in der Balleroberung. Selbst zweitklassige Gegner können sich seelenruhig den Ball hin- und herschieben, sie werden dabei durchaus wohlwollend begleitet, von Bedrängen kann jedoch keine Rede sein.
3. Sie kann keine Standards.
4. Sie ist nicht eingespielt. Die Vorrunde der Bundesliga-Saison 2008/2009 hat am Beispiel von Hoffenheim gezeigt, was man mit unerfahrenen Spielern erreichen kann, wenn man sie über einen längeren Zeitraum als Team entwickelt. Aus einem ordentlichen Zweitliga-Team wurde für ein halbes Jahr eine Spitzenmannschaft. Löw hat auf diese Möglichkeit zugunsten einer nicht enden wollenden Konkurrenzsituation verzichtet. Nun hat man unerfahrene Spieler, die nicht einmal die Laufwege ihrer Nebenleute kennen.
5. Die Seite, auf der Lahm nicht spielt, ist nicht von einem Fachmann besetzt. Aber man kann ihn halt nicht klonen.

Das sind gravierende Probleme, die die Titelkandidaten nicht haben. Diese Punkte sind tatsächlich ein Thema, aber stattdessen lässt man lieber darüber abstimmen, ob ein Mittelstürmer, der zwar in guter Form ist, dessen Position aber von drei Spielern besser besetzt wird, mitgenommen werden soll.
Ebenso verhält es sich mit der Torwartposition: Statt sich frühzeitig für einen zu entscheiden und so die Möglichkeit zu geben, sich mit der Abwehr (die wiederum auch noch nicht feststeht) einzuspielen, hat man so getan, als hätte die Entscheidung zwischen Adler, Neuer, Wiese und Butt auch nur die geringste Bedeutung. Wäre das Gesicht des Torwarts gepixelt, keine zehn Leute in Deutschland könnten sagen, wer da gerade spielt. Alle vier sind gute Torhüter, wären sie Weltklasse, dann würden sie mehr Geld verdienen bei größeren Vereinen.

Was die Beurteilung der Qualität der einzelnen Spieler angeht: Auch da ist Fußballdeutschland ganz Boulevard. Jeder Spieler ist so gut wie sein letztes Spiel. Und wenn jemand wie Mario Gomez gleich ein ganzes Turnier versemmelt, dann kann er halt einpacken. Seitdem ich mich mit Fußball beschäftige, habe ich nicht eine solche Feindseligkeit gegenüber einem Spieler der eigenen Mannschaft erlebt (ausgenommen natürlich im Fall von Mario Balotelli bei Inter Mailand). Mario Gomez hat seine gesamte Karriere durch eine Trefferquote von 50% (122 Tore in 244 Spielen), er hat dabei gegen starke Gegner genauso getroffen (vier Tore in sieben Spielen gegen München, sieben in elf gegen Bremen) wie gegen schwache, also in der Regel tief stehende, er hat schon mit Stuttgart in der Champions-League Tore erzielt und in 14 Europa League-Spielen acht Mal getroffen. Selbst in einer Saison, in der es für ihn nicht lief, hat er zehn Tore geschossen. Lukas Podolski dagegen kommt bei einer vergleichbaren Anzahl von Spielen (226) auf gerade einmal 80 Treffer. Davon hat er 24 in seiner Zweitligasaison erzielt.
Aber Podolski ist ein Spieler eigener Art, seine Formamplitude schlägt noch heftiger aus als die von Miroslav Klose, weshalb er sich einer streng faktenorientierten Bewertung entzieht. Er ist eher ein linksfüßiges Maskottchen als ein klassischer Flügelstürmer, aber in einem Sport, der seine Marotten pflegt und in dem die meisten Spieler obskure Rituale vollziehen, um das Karma zu besänftigen, unverzichtbar. Aber wie unverzichtbar müsste da erst Gomez sein?

Ehe ich mich hier in Spielerdetails verliere: Wohl noch nie hat eine deutsche Mannschaft so viele technisch begabte Spieler bei einem Turnier gehabt. Beckenbauer wurde mit sechs Vorstoppern Weltmeister, der herausragende Spieler der Europameistermannschaft von 1996 war Dieter Eilts, nun zaubern Özil, Marin, Schweinsteiger, Khedira und Lahm. Das kann eigentlich gar nicht gut gehen, aber ich hatte selten so viel Freude an einer deutschen Mannschaft wie an den U21-Europameistern vom vergangenen Jahr. Das Team musste in Ermangelung begabten Sturmnachwuchses ohne Stürmer antreten, also nicht einmal einen kleinen Kevin durften sie mitnehmen. Sie hatten auch keinen Effenberg, keinen Frings und auch sonst keinen, der sie auf dem Platz zusammengebrüllt hat. Aber sie hatten eine klare Idee von technisch ausgereiftem Defensivfußball, der so skrupellos durchgezogen wurde, als spiele da Inter Mailand.
Das hat nichts mit dem taktisch zwittrigen Fußball des WM-Kaders zu tun, der daherkommt wie der FC Barcelona aber hinten doch nur Werder Bremen ist mit einer Prise Hertha, aber doch war dieses Team ein Versprechen. Man kann als Trainer nicht in die Vergangenheit reisen und selber für Nachwuchs sorgen, deshalb kann man Löw im Großen und Ganzen keinen Vorwurf machen. Er betreibt Mangelverwaltung, es blieb schon 2006 keine Zeit für das Standardtraining, weil das Team elementare Mängel in so vielen Bereichen hatte, dass man sich darauf konzentrieren musste. Angesichts der Spielerauswahl hat er grandiose Erfolge erzielt und das, obwohl die allermeisten Spiele fürchterlich waren. Wenn überhaupt, dann war immer nur eine Halbzeit gut, das letzte Mal neunzig Minuten überzeugt hat eine deutsche Mannschaft vermutlich bei der WM 1990 und selbst da wurde seit dem Achtelfinale kein Tor mehr aus dem Spiel heraus erzielt.
Erfreulicherweise muss man nicht gut spielen, um Weltmeister zu werden. Man muss nicht einmal ein einziges Spiel gewinnen, es reichen theoretisch drei Unentschieden in der Vorrunde und ansonsten gute Nerven beim Elfmeterschießen. Und da mache ich mir keine Sorgen.


07
Jun 10

Christian Wulff


Bild von Frauenfuss

Man kann vieles über Christian Wulff sagen: Dass man ihn nicht einmal wählen würde, wenn er als Milchbrötchen unter anderen Milchbrötchen beim Bäcker ausläge, weil die anderen Milchbrötchen alle irgendwie kerniger aussehen, dass er Familienwerte predigt und dann mit einer Frau durchbrennt, die gerade einmal so alt ist wie ich, also praktisch minderjährig ist, dass er zu der schlimmsten Sorte der Machtbesessenen zählt, nämlich der, die so tut, als sei sie nicht an Macht interessiert, dass er das Blindengeld gestrichen hat und die Bildungsausgaben gekürzt, dass er sowieso nicht nach Berlin will, weil das hieße “jedes Leben aufzugeben, jede Normalität, jede Privatheit”.
So Nebensächlichkeiten halt. Aber Folgendes ist tatsächlich beunruhigend:
Christian Wulff hatte als Jugendlicher ein Poster von Helmut Kohl in seinem Zimmer hängen.

Fakten aus der ZEIT

Mein Beitrag zu Wahlkampf für Gauck.