Der Liebestöter


16
Feb 10

Paul im Puff

„In den Puff? Ist das auch ein hochironischer Akt, Sexsklavinnen durch Konsum zu befreien?“
„Käse, du hast natürlich falsche Vorstellungen. Das sind Fair-Trade-Huren, das ist der Bioladen unter den Puffs. Von einer Frau geführt, die Hälfte sind Studentinnen, du kannst auf der Seite nachlesen, welchen Anteil der Laden behält, die können absagen, wie sie wollen. Alles super.“
„Aber das hast du doch echt nicht nötig.“
„Siehst du, auch da hast du falsche Vorstellungen. Das hat nichts mit „nötig haben“ zu tun. Puff ist Wellness, kein Lügen, kein Gebagger, kein Gemurkse an deinem Schwanz, die wissen, was sie tun, glaub mir, das wissen sie sehr genau.“
Ich habe nichts gegen Puffs. Also nicht aus ideologischen Gründen. In Coupling heißt es, Stripbars seien der Albtraum eines Mannes, „Porno der dich ansieht“. Der Autor von Coupling ist der einzige Mensch, der mich versteht. Zum ersten Mal heute spüre ich meinen Schwanz nicht.
„Ok, ich komme mit, aber erst muss ich noch Elisa anrufen.“
„Klar, du Baggerkönig, ich mach mich noch untenrum frisch.“

Wir fahren durch endlose Tunnel und kommen in einem Stadtteil wieder heraus, in dem ich noch nie war. Könnte auch Lima oder Göteborg sein. Ich fühle mich kurz sehr alt und dann wie ein Kind, das aus einem schrecklichen Traum erwacht ist. Wir steigen aus dem Wagen. Bei dem Puff steht nicht etwa Puff draußen an der Tür, sondern der Name einer Werbeagentur. Ein ganz normales Wohnhaus. Auf Matzes Klingeln hin geht der Summer und wir steigen die Treppen hoch in den dritten Stock. Eine überhaupt nicht puffmutterige Frau Mitte Dreißig im Rollkragenpulli steht am Türeingang und lässt uns freundlich lächelnd herein. Sie führt uns in ein Zimmer und bittet um einen Moment Geduld. Kann sie haben, das Gras hat mich geduldig wie eine indische Kuh gemacht.
Sieht das hier scheiße aus. Wenn Jeff Koons ein blinder Innenarchitekt wäre, würde er Wohnungen so einrichten. Grellbunte Aktzeichnungen, verspielte goldene Vasen und griechisch-chinesische Skulpturen. Ansonsten alles rot. Rote Tapeten, rote Glitzerstoffe, rote Kissen auf dem abartigen roten Riesenbett. Es läuft leise Bumsmusik.
Die freundliche Frau kommt wieder rein und fragt, was wir wünschen.
„Nichts Ausgefallenes, wie gewohnt, nur sehen, wer da ist“, sagt Matze.
Die Frau zählt ein paar schlecht ausgedachte Künstlernamen auf (Venus, Vanessa, Aphro, Chantalle, so die Liga) und Matze sagt: „Super, dann schick die doch mal rein.“
„Wollt ihr die gemeinsam buchen?“
Matze schaut mich fragend an und ich sage: „Um Gottes Willen.“
Dann vergehen ein paar Minuten, in denen ich meine wahnsinnig kalten Hände anstarre und schließlich kommt eine riesenbusige Greisin mit mal hübsch gewesenem Gesicht und klugen Augen herein.
Sie lächelt, gibt uns die Hand, sagt ihren Namen und geht wieder raus. Dann reißt eine junge Ultrabraune ungestüm die Tür auf, zuppelt an ihrer Lack-Korsage, lacht laut, gibt uns die Hand, Namen und raus. Dann drei wirklich Hübsche mit kleinen Fehlern. Die eine hat Plastiktitten, die andere hässlichen Nagellack und die dritte nicht den geringsten Hinweis auf Brüste. Bis jetzt alles Deutsche. Die nächste ist eine riesige Afrikanerin, die akzentfrei ihren Namen sagt, mir zuzwinkert und dann ihren unwahrscheinlichen Hintern herausträgt. Dann eine mit Perücke, eine mit Doppel-D-Hängebusen, eine mit braunem Lippenstift und Rastalöckchen und endlich zwei, die wirklich Studentinnen sein könnten, lustigerweise Soziologiestudentinnen.
Dann haben wir alle gesehen, es hat höchstens zwei Minuten gedauert. Alle hatten unglaublich hohe Schuhe an mit Plateausohlen, bis auf zwei mit Over-Knee-Stiefeln. Der Raum riecht jetzt nach Calvin-Klein-Nightflight-Gabriela-Sabatini und nassem Hund. Wahrscheinlich tragen alle Curious von Britney Spears.
„Ich kann mich gar nicht entscheiden“, sagt Matze. „Mona bläst mit Unterdruck, Arabella schreit beim Ficken als ginge die Welt unter und Cindy hat die schönsten Titten, die man sich vorstellen kann. Aber vielleicht probiere ich mal was Neues.“
Ich kann mich auch nicht entscheiden, aber aus anderen Gründen. Ich könnte was essen.
Jetzt kommt wieder die Eingangsfrau rein und fragt, für wen wir uns entschieden hätten.
„Wie immer schwierig“, sagt Matze. „Ich würde gern Cecilia nehmen.“
Beide schauen mich an.
„Ich will ja nicht unhöflich sein.“ Das ist jetzt aber unangenehm.
„Aber für mich war.“ Wie sagt man das denn?
„Also keine, also ich weiß nicht.“
„Gar kein Problem.“ Matze erlöst mich. „Wartest du dann unten auf mich?“
„Wie lange denn?“
„Ich buche erstmal eine Stunde.“
„Ok.“
Ich lasse mich rausführen. Ein paar Häuser weiter ist ein Sonnenstudio. Na dann. Ich lasse mich 20 Minuten färben und denke an Greta. Ich versuche sie mir in Plateauschuhen und Bräunungscreme mit Nuttenlächeln vorzustellen.
Als die Sonnenbank anfängt zu piepen, krieche ich hervor, wische mir den Schweiß vom Rücken und schaue in den Spiegel. Ich sehe traurig aus.
Draußen geht das Leben weiter und ich fühle mich wie jemand, der Hiroshima erlebt hat und jetzt auf einer Tagung von E.ON sitzt und sich von den Wundern der Atomkraft erzählen lassen muss.
Alle sehen so glücklich aus, so gesund und zukunftsorientiert, so gelassen und naturbraun und selbst die Rentner tragen heute ihre Milchzähne spazieren. Ich rauche zwei, drei Zigaretten, starre in ein paar Schaufenster. Die Zeit steht still, kein schöner Tag. Das einzig Revolutionäre an mir ist mein Magen. Der dreht sich, Säure sprudelt in meine Speiseröhre. Ich kotze den Rauch in einen Hauseingang und lasse mich von einer Rentnerin anbrüllen, ob ich das zuhause auch so mache, „Ich habe kein Zuhause“, murmele ich. Ich gehe zurück zum Puff.

Vor dem Eingang wartet Matze auf mich.
Er sieht entspannt aus.
„Jetzt fahren wir nach Hause und du schreibst was Tolles.“

Matze zögert nie. Er ist gedanklich so viel schneller als ich, er ist visionärer, skrupelloser, positiver.
Er ist Intelligenz ohne Angst.
Hillary Clinton hat mal zur Verteidigung von Bills Blow-Job-Eskapaden gesagt, Selbstzweifel seien die Kehrseite von Intelligenz. Aber Hilary Clinton kennt Matze König nicht.

Nachts träume ich, dass sich mein Schwanz in eine riesige Warze verwandelt. Meine Mutter kommt in Plateauschuhen herein und sagt, ich hätte Germanistik studieren sollen, dann hätte ich auch meinen über alles geliebten Schwanz noch. Ich schlage nach ihr, aber dann nimmt mich Greta in den Arm und sagt, das sei alles nur ein böser Traum.

Meine Träume sind so uninspiriert, dass mich jeder Psychologe rauswerfen würde.


7
Jan 10

Elisa

Wieder ins Bonfini, warum nicht einfach alles immer gleich machen? Elisa ist entzückend. So süß und normal. Alles ist normal bei ihr, das sagt sie auch so. Ihre Eltern haben normale Berufe, ihr Abi war normal (1,2!), sie findet sich normal hübsch und sie wichst ganz normal mit dem Duschkopf. Sie ist ganz normal unverkrampft und es ist ganz normal, dass ich sie wieder nach Hause fahre und sie fängt ganz normal an der Tür an, mich zu küssen, denn wir sind ja nicht fünfzehn, ist ja klar, wozu wir uns getroffen haben.
Als ich mit ihr schlafe, sehe ich etwas in ihr, das ich nach dem Orgasmus nicht mehr wiederfinde.

Ihre beknackte CD-Sammlung, ihre lächerlich ordentlich an der Wand aneinandergereihten Postkarten, die einzelnen Urlaubsgrüße im immer gleichen Abstand. Erstsemester ist sie, ihre Ordner sind mit Kleinmädchenschrift bemalt, die Klamotten für den nächsten Tag sind schon rausgelegt.
Als ich noch einmal mit ihr schlafe, verliebe ich mich für einen Moment in sie. Sie streckt ihre wunderschönen Arme nach hinten, ihre Brüste ragen empor, ihr Atem geht schnell und ihre Augen schimmern feucht. Sie drückt sich an mich und ich sage ihr, dass alles gut wird. Was auch immer.
Danach fragt sie, ob wir uns wiedersehen.
„Ist doch normal“, sage ich.
Bei einem Stürmer, der lange keinen Treffer mehr erzielt hat, sagt man, wenn er wieder das Tor getroffen hat (und die Situation ist ja nun offensichtlich vergleichbar): Der Knoten ist geplatzt. Leider ist das nur eine Sportreporterweisheit. Die Sportwissenschaft weiß längst, dass Sportreporterweisheiten nicht zutreffen. Die 45. Minute ist kein ungünstiger Zeitpunkt, ein Tor zu kassieren (es gibt keinen günstigen), der Heimvorteil verkehrt sich bei wichtigen Spielen in sein Gegenteil und Mannschaften haben keinen Lauf. Knoten platzen nicht. Man ist gut oder nicht. Eine Schwalbe macht noch keinen Elfer und einen Sommer erst recht nicht. Dabei ist es doch so heiß. Als ich aufwache, habe ich Elisas Geruch noch in der Nase. Ein guter Geruch. Sie hat mir eine SMS geschrieben.

„na, du. habe gerade ein video von einem hamster auf klaviertasten gesehen und musste an dich denken *g *“

Ich beschließe, sie zu überraschen. Was an Frauen unter vielem anderen so toll ist: Fast alle freuen sich über Blumen. Ich kaufe ihr welche. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Botschaft dieses Blumengeschenks überinterpretiert wird, aber ich habe schon meiner Mutter vom Weg aus der Schule zurück manchmal Blumen mitgebracht. Also klingele ich mit den Blumen hinter dem Rücken bei Elisa und sie freut sich, mich zu sehen, stellt die Blumen in eine Vase und sagt: „Aber du solltest da jetzt nichts überinterpretieren.“

Wir gehen einen Kaffee trinken und die nächsten zwei Stunden sind sehr angenehm. Sie ist eine von den selbstgenerierenden Erzählerinnen. Sie plappert unverdrossen vor sich her und wenn sie an das Ende eines Gesprächsfadens gelangt ist, knüpft sie einen neuen hinten dran. Wir reden über Diäten und Heidi Klum, Wasser, Fitness und YouTube-Videos. Es ist fantastisch unanstrengend.
Dann gehen wir wieder zu ihr und schlafen sehr freundlich miteinander.
Ich mag Elisa. In der nächsten Zeit sehe ich sie alle paar Tage. Manchmal albern wir nach dem Sex noch rum und machen uns Komplimente. Vielleicht ist sie etwas mehr verliebt in mich, als sie es sagt, vielleicht aber auch etwas weniger, als es den Anschein hat. Während wir miteinander schlafen wirkt sie sehr gerührt, aber vorher und nachher könnte ich auch ihr Bruder oder (mein Gott!) ihr Vater sein. Ich frage sie natürlich nicht, worüber sie so gerührt ist.

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11
Aug 09

Eine Welt geht unter

Meine Mutter sucht nach Worten, ich höre an ihrem Atmen, um was es geht. Schließlich sagt sie:
„Papa ist gestorben.“
Danach redet sie weiter und ich sage auch etwas und dann verabschieden wir uns und ich kann nicht weinen.
Mit jedem Menschen stirbt eine ganze Welt, heißt es. Wenn ich die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik richtig verstehe, gibt sie diesem Satz recht. Aber was verstehe ich schon von Physik.
Ich versuche, seine Welt nachzuzeichnen, aber alles ist bereits verblasst.
Er hat in Oxford studiert, an einem Wochenende 1969 in London meine Mutter kennen gelernt, nie hat er geswingt, immer war er ernst und tief, im Grunde hatte er meiner Mutter, der Weltmeisterin des letzten Wortes, nie etwas entgegenzusetzen, aber den Kalten Krieg, den sie mit jedem Liebhaber zuvor ausgefochten hatte, den konnte er kämpfen, da war seine Eiszapfenfamilie ihm ein gutes Terrorcamp gewesen. Seine im Krieg verstummte Mutter, sein verängstigter, brutaler Vater, die erschossenen großen Brüder: Sie alle hatten ihn vorbereitet auf eine Frau, die Liebe für eine Erfindung der Männer hielt, die sich nie von ihm beschützen ließ, die ihn manchmal wochenlang nicht anrief. Woher er wusste, dass sie ihn dann eben doch liebte?
Er wusste es nicht, sagte er. Er wollte es.
Und sowieso: “Liebe ist nur ein Wort.”
Kinder sind eine Tatsache.
Sein Wille geschehe.
Mir zwang er seinen Willen nie auf, ich durfte studieren, was ich wollte und ich durfte überhaupt: alles. Sonst wurde auf den Baustellen, die er verantwortete, kein Stein getragen, ohne dass er den Transportweg abgesegnet hätte.

Aber das sind alles Klischees, die verstummte Mutter, der brutale Vater. Verstummt weshalb? Brutal inwiefern? Was hast du gedacht, als deine Brüder erschossen wurden? Wer hat dich getröstet? Wer hat sie überhaupt erschossen? Oder sind sie einfach gefallen? Als seien sie damals einfach umgefallen wie Plastiksoldaten, seine Brüder mit den leuchtend weißen Zähnen auf den uralten Fotos.

Was hast du gedacht, als du Mama zum ersten Mal gesehen hast? Das hat er mir genauestens erzählt, aber ich war gerade erst in der Grundschule. Im Bad standen wir, morgen für morgen, ich bewunderte seinen dicken Schwanz und seine mächtigen Eier, er seifte mich mit Rasierschaum ein und ich durfte mich klingenlos abschaben. Dabei erzählte er mir Geschichten, tausende Geschichten, von Oxford, von Bern 1954, von seinem ersten Haus, von seiner ersten Prügelei.
Alles weg.
Von seinen Frauen vor meiner Mutter niemals ein Wort.

Ich rufe Anna an.
Niemand geht ans Telefon.
Bei Jakob niemand zuhause.
Andreas geht auch nicht dran.
Greta.
Ich zögere, dann wähle ich ihre Nummer.

„Du hast Nerven.“
„Greta, mein Vater ist gestorben.“
„Oh nein.“
Sie fängt an zu weinen.
„Aber Paul, mein armer kleiner, was… Wie kann das denn… Er war doch so.“
„Zuletzt nicht mehr so sehr.“
„Soll ich vorbei kommen?“
„Also wenn.“
„Ich bin gleich bei dir.“

Sie kommt eine halbe Stunde später und nach fünf Minuten schlafen wir miteinander und nach einer Viertelstunde liegen wir Arm in Arm auf dem Bett und sie weint.
Dann putzt sie ihre Nase wie ein untröstliches Kind und sagt:
„Aber Paul. Das ändert jetzt nichts.“
„Natürlich nicht.“
Was sollte schon noch etwas ändern?
Spät in der Nacht zieht sie sich wieder an.
Während wir miteinander schliefen, hat sie mich ganz fest gehalten und ich habe sie ganz fest gehalten und wir wussten beide, dass wir uns keinen Halt mehr geben konnten.

Dann liege ich noch lange wach und schließlich träume ich, dass ich meinem Vater sagen muss, dass er tot ist, aber er will nicht zuhören und als ich es ihm schließlich doch sage, schaut er mich an und sagt: „Aber warum sagst du denn sowas? Von dir hätte ich das am wenigsten erwartet.“

Am nächsten Morgen ruft Elisa an.
Ich erzähle ihr, was passiert ist und dass ich jetzt allein sein müsse.
Sie sagt, das würde sie verstehen und dass es ihr leid tue und dass sie ihn gern kennen gelernt hätte.
Wann denn die Beerdigung sei.
„Ich sage dir Bescheid.“
Den Rest des Tages starre ich aus dem Fenster, in den Fernseher, auf meine Hände.
Abends rufe ich meine Mutter an.
Sie klingt wieder wie sie, teilt mir mit, dass die Beerdigung in drei Tagen stattfinden wird, das Beerdigungsinstitut wird sich um alles kümmern, nein, sie kommt zurecht, es reiche, wenn ich pünktlich sei.


9
Aug 09

Wenn zwei sich daten, freut sich der Dritte

Pünktlich um Acht stehe ich vor ihrer Tür. Die kirschhaarige Freundin öffnet.
„Hallo Paul, hast du es gut gefunden? Ich bin schon fertig, wir können gleich los.“
Wie am Ende von „Die üblichen Verdächtigen“ fügt sich mit einem Mal das Geschehen zu einem Bild des Schreckens. „Die ist nicht blond.“ Ich beginne zu begreifen. Adrian! Dieser hirntote Superintellektuelle hat unter völliger Ausblendung menschlicher Geschmacksempfindungen das falsche Mädchen angesprochen. „Die ist nicht blond.“ Dieser hypochondrische Ein-Mann-Karnevalszug ist seinem eigenen sadomasochistischen Geschmack gefolgt und hat mir ein Date mit der bizarren Freundin arrangiert. Eine Frau wie Mascha. Ich schaue auf die goldenen Sandaletten der Kirschhaarigen. Riesige Knochenfüße mit rosa Nagellack. Blut ist im Schuh. Ich wanke voran.

Wir fahren zum Bonfini. Ich bestelle Filet mit Zeugs und Cola, sie einen unaussprechlichen Salat und Weißwein. Ich frage nach ihrem Studium und sie antwortet irgendetwas Einstudiertes. Aus Verzweiflung schneide ich das Thema Beziehungen an. In dem Joint war doch etwas zu viel und mein Magen knurrt. Mir ist unglaublich heiß, ich bin völlig unterzuckert und einen Moment kokettiere ich mit dem Gedanken, einfach rauszurennen. Während sie über ihren Exfreund redet oder den besten Freund des Exfreundes oder dessen Hund (ich komme mit den Namen durcheinander, weil alle auf i enden, Timmi, Charli, Tommi, Doofi), starre ich fasziniert auf ihre winzige Uhr, an deren Seiten sommerbesprosster Handgelenkspeck hochquillt.
Als das Essen endlich da ist, führe ich einen Blitzkrieg gegen die Beilagen und habe dann nur noch ein riesiges Stück Fleisch vor mir. Wir loben das Essen und als sie sagt, dass sie seit BSE kein Fleisch mehr isst, verabschiede ich mich aufs Klo.

Erfreulicherweise lebe ich nicht in einer Soap oder in einem Film mit Heinz Rühmann, deshalb muss ich hier die Verwechslungskomödie nicht auf die Spitze treiben. Ich kann Claudia einfach sagen, dass sie die Falsche ist, eine Höflichkeitsfloskel hinterherschieben, mein Bedauern ausdrücken, wir lachen ein bisschen, gute Miene. Und dann hätte ich gern noch die Nummer der Richtigen. Ich schwitze biblisch. Ich gehe zurück zum Tisch, lächle, setze mich und sage: „Es ist mir wahnsinnig unangenehm, das jetzt zu sagen und wahrscheinlich hätte ich das sofort, also. Adrian hätte deine Freundin nach ihrer Nummer fragen sollen. Aber offensichtlich hast du ihm so gut gefallen, dass er sich gar nicht vorstellen konnte, dass ich die andere meine.“
Claudia guckt ausdruckslos.
„Es tut mir wirklich leid, ich mein: Du bist natürlich großartig, aber deine Freundin, die, also.“
„Da bin ich aber erleichtert.“
„Oh. Ja?“
„Du meinst, ich habe Adrian Stein gut gefallen?“
„Also du bist – 100% sein Typ. Deshalb sitzen wir ja hier.“ Ich schiebe aus alter Gewohnheit ein dümmliches Lachen hinterher.
„Und ich war schon ganz bedröppelt, dass er mich anspricht und dann für seinen Freund nach der Nummer fragt. Hallo? Ich. Vergöttere. Adrian. Stein. Und dann sowas.“
Na sowas.
„Ja aber, aber das ist doch wunderbar!“, rufe ich etwas zu enthusiastisch.
„Ich kann da gern mal etwas ausmachen zwischen euch. Also Quatsch, ich bin ja kein Datedoktor – ich gebe dir einfach seine Nummer.“ Datedoktor?
„Neee, gib du ihm meine. Ich rufe doch nicht irgendwelche Männer an.“ Sie lacht.
„Aber Adrian Stein! Der größtanzunehmende Poet unter den deutschen Neorealisten.“
„Iieh, wer hat denn das gesagt?“
„Stand im SZ-Feuilleton über ihn.“
„Adrian Stein ist einfach so echt.“
Ja. Echt blind.
Das Dessert verläuft dann recht entspannt. Wenn sie sich nicht auf einem Date wähnt, ist Claudia eine nette Gesprächspartnerin, sie erzählt lustige Geschichten vom Koterbrechen, während ich meine Mousse au Chocolat löffele und verspricht, mich lobend bei Elisa, so heißt das Lacoste-Mädchen, zu erwähnen. Dann schreibt sie mir Elisas Nummer auf.
Ich fahre sie nach Hause und spreche auf Adrians Mailbox, ob er nicht vielleicht noch viel kranker ist, als er es selber für möglich hält, sage aber noch „halb so schlimm, du hast ein Date“, damit es nicht so böse klingt.
In meinem Bett rolle ich mir noch einen Joint und denke über das „Da bin ich ja erleichtert“ nach.
Erleichtert, dass ich nicht an ihr interessiert bin. Da habe ich ja grandiose Aussichten bei ihrer besten Freundin.
Ich blättere in einem Exemplar von Matzes „Der Sexualmarkt“. Die Bücher fliegen hier überall rum. Ja, da steht, dass ich verloren bin:
Auf dem Sexualmarkt gilt das Matthäusprinzip. Wer hat, dem wird gegeben. Das ist natürlich äußerst ungerecht, aber ein unverrückbares Prinzip. Wenn man also verlassen worden ist, dann sollte man das nicht an die große Glocke hängen. Trost findet man nicht in Mitleid, sondern in Bewunderung. Man hat sich grundsätzlich einvernehmlich getrennt. Sagt zwar jeder, aber kaum jemand macht sich die Mühe, einer Lüge auf den Grund zu gehen.

„Meine Freundin hat sich vor Kurzem von mir getrennt“, habe ich in eine sich bedrohlich ausdehnende Gesprächspause hinein gesagt. Vor dem Essen, im diabetischen Delirium. Sogar meine Unfähigkeit, mir selber eine echte, aus gängigen Zutaten bestehende Mahlzeit zuzubereiten, habe ich erwähnt. Aus mir sprach der Hunger.
Ich bin im Eimer. Schlimmer: Ich bin der Spatz in der Hand. Wenn Sie Adrian Stein, Schriftsteller, nicht bekommen, können Sie sich immer noch mit Paul Klinghofer, Internettagebuchschreiber, treffen.
Auf meinem Laptop entdecke ich eine alte Staffel Doktor House. House entdeckt bei einem minderjährigen Top-Model, das von seinem Vater gefickt wird (der Vater ist unschuldig, das Model war die Verführerin), einen Tumor in den unterentwickelten Hoden (das Model hat ein Y-Chromosom, aber unglaublich viel Östrogen).
Immer noch beschämt schlafe ich ein. Ich träume, dass ich vor einem Apparat mit Wählscheibe sitze. Ich muss Greta, die bei einem Kongress in Kuala Lumpur ist, anrufen. Sie soll mir etwas zu essen mitbringen. Die Nummer besteht aus 27 Ziffern, ich drehe und drehe, aber jedesmal verwähle ich mich in den Zwanzigern. Von hinten tritt Oskar Ulmenthal an mich heran. Auf dem Planeten, von dem er stammt, gibt es ein Problem mit der großen Traummaschine. Weil die Träume nicht mehr gut sind, sind die Eier der Außerirdischen zu weich. Ich entdecke, dass es nicht an der Traummaschine liegt, sondern an einem Enzym, das ihnen wegen Mangelernährung fehlt. Zur Belohnung gibt Oskar Ulmenthal mir ein Handy, mit dem ich Greta erreichen kann. Die Tasten sind mit Hieroglyphen gekennzeichnet, die ich nicht verstehe. Ich drücke nach dem Zufallsprinzip, bis ich endlich bei der malaiischen Telefonauskunft bin. Meine Mutter fragt, ob ich eigentlich wisse, wie spät es ist und sagt dann: „Bei dem Wetter ins Solarium, also von mir hast du das nicht.“


5
Aug 09

Paul geht in Führung

„Hast du Lust, gleich Tennis zu spielen?“
„Klar, hab momentan nichts zu tun.“
Momentan. Haha.
Wir verabreden uns bei TCW Sports. Mit 15 war ich mal Vereinsmeister in dem Tennisclub, den mein Vater gegründet hat. Na gut: In meiner Altersklasse. Waren nicht so viele in meinem Alter in dem Verein.
Adrian tritt tatsächlich in weißen Klamotten an. Mir fällt ein, dass Woody Allen in Annie Hall auch Tennis spielt. Passt zu ihm genauso wenig wie zu Adrian. Ich leihe mir einen Schläger, Adrian fachsimpelt mit dem Mann hinter der Theke über Bespannungshärten und aktuelle Tennisspielerinnen, deren Namen ich mir nie merken kann, weil ich sie mit denen aktueller Supermodels durcheinanderbringe.
Weil unser Platz noch nicht frei ist, stehen wir eine Weile nebeneinander. Adrian fragt, wie ich zurecht komme. Gut komme ich zurecht, sage ich.
„Die Wohnungssuche ist nervig.“ Continue reading →


23
Jul 09

Paul bekommt die Welt erklärt und versteht beinahe Werbung

Am nächsten Tag versuche ich Vitamine zu bekommen. Zwei Drittel der Artikel im Kaisers sind Süßigkeiten. Morgens halb zehn, die zarteste Versuchung, das schmeckt so italienisch flott, der erste Bär, der backen kann, take a Break, einmal gepoppt, niemals gestoppt, quadratisch, praktisch, gut, yesyesyesyesyes, die Extra-Portion Milch, und Erwachsene ebenso, enjoy!, Fruchtalarm, prickelt fruchtiger, die wahrscheinlich längste Praline, guten Freunden gibt man, I hate Sex … in the Bedroom, kleine Torte statt vieler Worte, bringt verbrauchte Energie sofort zurück, die kleinen Unwiderstehlichen, Spaß ist, was ihr draus macht, kann man teilen, muss man aber nicht, und der Hunger ist gegessen, was wirklich zählt ist klar, natürlich nasch’ ich, alles lecker, oder was?
Der Rest ist ungenießbar.
Die drei Hochglanzapfelsorten strahlen um die Wette, das Fleisch hat nie gelebt und kostet weniger als ein Schokoriegel, das Erdbeerjoghurt ist rotgefärbter Zucker, das Brot braungefärbter, die Gewürzgürckchen sehen aus wie Marsmännchenpimmel und passen daher gut zu den tiefgekühlten Eskimogliedchen, die als Cevapcici-Darsteller unterwegs sind. Mir ist flau.

Ich nehme eine Packung Miracoli und gehe in die Apotheke. Apotheken sind schon lange keine Pharmazieläden mehr. Sie sind Wellnesstempel. Ich decke mich mit Aspirin, Silikonohrstöpseln, Meersalz, ph-neutralem Duschgel, Vitamin-D-Kapseln, Vitamin-C-Lutschbonbons, Teebaumöl, Baldrian und Anti-Aging-Creme ein. Schon mit dem Bezahlen fühle ich mich besser.

Ich gehe nach Hause, suche den Zettel mit Elisas Nummer raus und setze mich erst noch einmal aufs Klo. Selbst dort fällt mir kein guter erster Satz ein. Ohne zu irgendetwas gekommen zu sein, ziehe ich ab und renne in Matze. Ich spreche ihn auf die Stelle aus seinem Buch an und er sagt, dass die ihm misslungen sei, zu unternehmensberatermäßig, zu Tschakka. Ich solle mir keinen Kopf machen, ich doch nicht, hey! Fehlt nur noch das „Kopf hoch! Ohren steif halten!“.
„Bei der nächsten Auflage fliegt das raus, man sollte natürlich nicht lügen. Ehrlichkeit ist das neue Schwarz.“
„Hallo, ich bin Paul, nutze gern den Saugreflex von Kälbern, habe einen Zwergenpenis aber einen riesigen sexuellen Appetit, Stinkefüße und Rheumahoden seitdem ich 12 bin und mein Medienberater sagt, Ehrlichkeit sei das neue Schwarz. Was ist denn das neue Hirn?“
„Google natürlich“, sagt Matze kopfschüttelnd.

Ich erzähle Matze von dem Honda-Angebot.
„Neenee, das ist der falsche Weg.“ Er zieht mich in die Küche.
„Wir müssen uns von den Konzernen dafür bezahlen lassen, dass wir sie ficken. Als du geschrieben hast, dass die Nestlé-Manager, die das Wasser privatisieren wollen, die Pharmamanager, die nicht an Malaria forschen und ihre Medikamente, die hier verboten sind, in die dritte Welt verscherbeln, die Colatypen, die den Indern das Wasser abgraben gute Familienväter sind, nette Gesprächspartner und kompetente Beisitzer im Elternrat der Schulen ihrer Kinder, mehr Menschenleben am Tag auslöschen als Osama bin Laden in seiner Karriere – darüber hätte ich gern ein fettes Werbebanner gesehen.“
„Wo ist der Unterschied? Danone-Granini-Nutella-Trinkgenuss und dazu spielt Kurt Cobain.“
„Aber wir sind viel radikaler als Kurt Cobain. Weil wir intelligenter sind.“ Matze macht eine Coke Zero auf.
„In dem, was du da gerade machst, wird doch das ganze Dilemma deutlich. Du empörst dich über Cola und dann nimmst du einen langen Schluck von der extra für Männer konzipierten Cola Light.“
„Ja, aber wir wissen das. Weißt du, wie die französische Revolution angefangen hat?“
„Sturm auf die Bastille?“
„Nein, viel früher. Mit der Enzyklopädie. Mit Diderot. Das gesamte Wissen der damaligen Zeit versammelt und verfügbar für die Massen. Wissen sprengt Königshäuser, Wissen wirft alles um. Die Wikipedia wird von 20-Jährigen geschrieben. 20-Jährige sammeln das Wissen unserer Zeit und machen es Menschen in der ganzen Welt verfügbar. Wir sind der dritte Stand, wir sind die Bruchstelle dieses Systems. Wir sind gut ausgebildet und genauso klug wie die Eliten und wir wissen genau, was sie treiben. Wir sind gefährlich, wir zünden keine Autos an, wir stellen die Guillotinen auf. Bildlich gesprochen, wir sind ja nett. Genauso nett wie die Pharmamanager.“

„Wer das schon alles geglaubt hat.“
„Jetzt ist es aber technisch möglich. Bis jetzt ging es immer nur darum, ob ein paar wenige die Produktionsmittel in der Hand haben oder der Staat. BILD oder Prawda. Jetzt kann jeder produzieren. Erst Worte, dann irgendwann alles, was er braucht. 3D-Drucker! Creative Commons auf das Coca-Cola-Rezept! Open-Source-Autobau! Das hast du doch alles schon geschrieben.“

“Matze, ich bin ein Hoffnarr. Ich ändere nichts, man lässt mich doch nur reden, weil ich nichts zu sagen habe.“

„Du spinnst. Die ganzen netten Manager, die leiden doch selbst wie die Tiere. Deswegen lassen die sich doch alle von Dominas verprügeln. Die wollen, dass du sie peitschst, die wollen geläutert werden, die wollen rein und gut sein. Wir müssen ihnen sagen, wie sie es machen sollen. Du hast geschrieben, dass Börsenkurse gewissenloser als Nazis wären. Die wollen da alle raus, die wollen auch glückliche Kinder in Afrika sehen.“

Was interessiert mich Afrika, ich fühle mich wie Eddie Murphy in „Nur 48 Stunden“. Ich habe das Gefühl, den ganzen Tag einen stehen zu haben.
Als hätte Matze meine Gedanken gelesen, sagt er: „Komm, wir gehen in den Puff.“


12
Jul 09

Niemand versteht Paul

Vorher

Als ich wieder wach bin, telefoniere ich mit Anna und erzähle von meinem bevorstehenden Date.
Sie fragt, ob ich mich seelisch wieder dazu in der Lage sähe.
„Ich weiß nicht, was dich dazu verleitet zu glauben, ich hätte eine Seele.“
„Mhm, du kannst nicht einmal Aktenzeichen XY schauen, weil es dir zu brutal ist, bei Ice Age 2 hast du verstohlen in deinem Auge rumgewischt…“
„Da hätte auch Stalin in seinem Auge rumgewischt.“
„ … und in „Wir brauchen ein größeres Boot“ hast du Sachen geschrieben, da hätte Claudia Roth dich ausgelacht. Ihr Zeuge, Herr Kollege.“
„Ich verstehe den Zusammenhang trotzdem nicht. Als Kind habe ich mir unter Seele übrigens einen Maiskolben mit Flügelchen vorgestellt.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob du mit der Situation richtig umgehst. Wir haben nicht einmal über Greta gesprochen seit deinem LSD-Nahtod-Erlebnis.“
„Bei Beigbeder habe ich kürzlich von einer Near-Life-Experience gelesen, das trifft es wohl eher.“
„Mhm.“ Anna will sich nicht mehr ablenken lassen. Also muss ich ausholen.
„Darf ich ausholen? Schau, du weißt, dass es mir ein großes Vergnügen ist, darüber nachzudenken, warum koreanische Einzelhandelskaufleute mit Vorliebe für Sonderangebote plötzlich nicht mehr anrufen, warum Goldschmiede verschweigen, dass sie verheiratet sind oder warum man einem ergasiophoben Iren nicht vermitteln kann, dass man seine Anwesenheit nicht erträgt – aber: Gleichzeitig muss auch klar sein, dass man damit nur völlig notdürftig etwas erklärt, von dem die Betroffenen selbst nicht wissen, warum es in ihnen so entschieden wurde. Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Hirn.“
Anna hat angefangen zu rauchen. Normalerweise bedeutet das, dass sie ganz und gar nicht einer Meinung mit mir ist, sich aber verbietet, mir sofort zu widersprechen. Ich kann also fortfahren.
„Wenn man Neglectpatienten…“
„Wem?“
„Das sind Menschen mit einer halbseitigen Hirnschädigung, die einen Teil ihrer Umwelt nicht mehr richtig wahrnehmen und daher vernachlässigen. Wenn man denen nun ein obszönes Bild zeigt – und zwar genau vor das Auge hält, dessen Informationen zwar gerade noch wahrgenommen werden, aber nicht mehr ins Bewusstsein dringen, dann lachen sie, wie jeder Mensch.“
„Es ist also menschlich nachvollziehbar, über Harald Schmidt zu lachen?“
„Menschlich nachvollziehbar, sozial unerwünscht.“
„Und das Video von diesem Formel1-Typen, der KZ gespielt hat im SM-Puff?“
„Das fand jeder komisch. Aber weiter. Die lachen dann also. Wenn man sie aber fragt, warum sie gelacht haben, dann erfindet die gesunde Gehirnhälfte eine Geschichte, weil sie ja nicht weiß, warum gelacht wird, gleichzeitig ihren Körper aber nicht dumm dastehen lassen will. Und dieses Geschichtenerfinden findet ständig statt. Jeder Mensch ist Philosoph, jeder interpretiert ständig nicht nur seine Umwelt, sondern seine eigenen Handlungen. Man hat durch soziologische Studien und riesige Fragebögen herausgefunden, dass Jäger einfach wahnsinnig gerne hinter Tieren herjagen. Alle Begründungen – Hege des Wildbestandes, Liebe zur Natur und so weiter – sind alles nur Interpretationsleistungen ihrer Gehirnhälfte. Ich verwechsel ja immer links und rechts: also entweder der linken oder der rechten. Und nagel mich nicht fest, was die Negelctpatienten angeht, vielleicht hatten die auch eine andere Hirnschädigung.“
„Nagel mich nicht fest ist übrigens ein Jesus-Zitat.“
„Anna, darüber wurde zum letzten Mal auf dem buddhistischen Weltkongress 1957 gelacht.“
Anna macht ein Marge-Simpson-Geräusch.
„Du redest also nicht über Greta, weil du einen Hirnschaden hast?“
„Greta will nicht mehr mit mir zusammen leben. Selbst wenn ich sie selber fragen würde – und sie redet nicht mit mir, du erinnerst dich vielleicht – und sie nicht lügen würde, was sie selbstverständlich tun würde, denn wer sagt in Beziehungsbeendigungsgesprächen schon die Wahrheit, könnte sie nur interpretieren, was in ihrem Hirn entschieden wurde. In ihrem determinierten Gehirn, das aufgrund von Vorprägungen gar nicht anders entscheiden konnte. Ich bin doch nicht wahnsinnig und denke darüber nach.“
Anna hat die Zigarette fertig geraucht.
„Du zu sein ist vermutlich kaum auszuhalten.“
„Man gewöhnt sich ja an alles.“
„Dein Vorhaben ist jetzt also, blind so weiter zu machen?“
Ich habe mittlerweile den Rest eines Joints, der noch im Aschenbecher lag, weitergeraucht.
„Ich stelle mir das Leben so vor: Man kommt auf eine Bühne und muss das Publikum unterhalten. Man weiß aber nicht, welches Stück gespielt wird und hat dementsprechend auch keinen Text. Also fängt man an zu spielen und schaut, wie das Publikum reagiert. Lacht es, macht man das, was man gerade gemacht hat, nochmal oder zumindest so etwas ähnliches. Warum das Publikum lacht, ist im Grunde egal. Darüber kann man nachdenken, wenn man abgetreten ist.“
„Also, um in deinem vulgärplatonischen Bild zu bleiben: nach dem Tod?“
„Ja. Ich hoffe, dass man mit Würmern im Schädel klarer denkt. Sag mir lieber, was ich heute anziehen soll.“
„Eine rote Unterhose. Passt gut zu deinem kleinen grünen Schwanz.“
Ich lache.
„Obszönitäten wirken immer“, sagt Anna zufrieden. Sie muss weiter arbeiten.


4
Jul 09

Freud vs Paul 2:0

„Bea hat wieder nach dir gefragt. Ich habe gesagt, dass ich auch nicht mitbekomme, was du da jetzt machst. Ich habe ihr gesagt, sie könne ja deine Homepage lesen, dann würde sie vielleicht etwas von ihrem Bruder erfahren.“ Meine Mutter kann ihre Stimmbänder runzeln. Weil ich angetrunken bin und sentimental, raffe ich mich zu einer Frage auf:
„Wie kommt es eigentlich, dass ich alles, was ich als Kind gemacht habe, mit Papa verbinde und nichts mit dir? Er hat doch noch mehr gearbeitet als du. Wenn das überhaupt möglich ist.“
„Hast du eine Psychotherapie angefangen?“
„Warum fragst du?“
„Weil diese Quacksalber, bei denen es zu einem Medizinstudium nicht gereicht hat, immer jedes Versagen auf die Mutter schieben. Aber ich kann dir das gerne beantworten.“ Meine Mutter zögert. Dann sagt sie mit kräftiger Stimme, eine Spur zu laut: „Weil dein Vater eben auch ein totaler Macho ist. Bei der Geburt von Franziska, als ich ihm das zweite Mal ein Mädchen geboren hatte, schaute er mich an, als wolle er sagen: Und? Wo ist jetzt mein Sohn? Als er mich dann gegen jede Vernunft, entschuldige mein Lieber, aber das war es eben: unvernünftig, zu einem dritten Kind überredet hatte, haben wir uns fast scheiden lassen wegen der Frage, ob wir vor der Geburt das Geschlecht wissen wollen. Er hätte, wenn dabei rausgekommen wäre, dass es wieder bloß ein Mädchen wird, mich wahrscheinlich gedrängt, dass ich abtreibe.
Als es dann ein kleiner Paul war, ist er mit dir im Triumphzug durch den Tennisclub marschiert, hat Fotos von dir rumgezeigt, wusste, welche Impfungen wann benötigt werden, war neidisch, dass ich dich säugen konnte. Er hatte auch keine Zeit, aber er hat dann nachts nachgearbeitet, wenn er tagsüber stundenlang Tennis mit dir gespielt hat. Er hat sich für dich aufgeopfert wie ein Pinguinmännchen. Hätte ich das auch noch tun sollen?“
Mir fällt keine intelligente Antwort ein. Ich habe auch diesen Pinguinfilm nicht gesehen.
Also sage ich: „Ja.“
„Natürlich, ich vergaß. Man lernt in diesen Therapien ja, die nächsten Verwandten mit ihren Versäumnissen zu konfrontieren. Hätte ich einen Therapeuten, würde ich dich fragen: Was macht die Arbeit?“
Ich bin in keiner Therapie. Ich brauche auch nicht einen Therapeuten, ich brauche ein Team von Spezialisten, das sich mir rund um die Uhr widmet.

Nach dem Telefonat umarme ich von hinten Greta, die an ihrem Schreibtisch sitzt und hoffe, dass sie jetzt anfängt, über meine Mutter zu lästern. Aber sie sagt: „Ich muss das noch bis morgen fertig machen. Hast du nichts zu tun?“


29
Mai 09

Rückwärts immer, vorwärts nimmer

Vorher

Dem kleinen Jungen Paul war nachts schlecht gewesen, dann hatte er Durst gehabt, dann war ihm wieder schlecht. Nicht, dass mich das geweckt hätte, schlafen konnte ich sowieso noch nicht, weil die Stand-By-Schaltungen aller Wohnzimmergeräte so hell waren. Naja: Nicht nur deswegen.
Ich malte mir aus, wie ich Greta am Telefon von der Notwendigkeit eines Treffens überzeugen würde, schlummerte bei dieser Vorstellung kurz ein und stand sofort wieder senkrecht auf meiner Matratze, als ich mich daran erinnerte, wo Greta gewesen war: bei einem Anderen.
Ich griff um 5:30 Uhr zu meinem Handy und smste:
„Wer?“

Als ich dann tatsächlich mit Kopfschmerzen und verkrampftem Rücken eingeschlafen war, hüpfte der kleine Junge Paul auf meinen Bauch und sagte: „Hallo.“ Continue reading →


16
Mai 09

Pauls Untergang

Ich könnte mir wenigstens einen runterholen. Wichsen auf LSD. Hey!
Im fünften Anlauf schaffte ich es, den Computer anzumachen und mir ein Girls Gone Wild-Video runterzuladen.
Im Idealfall hätte das jetzt virtueller Sex sein können, das honigfarbene Haar der Spring-Break-Mädchen hätte geduftet, ihre Schokoladenhaut sich zart an meinen Bauch geschmiegt, ihr Lachen wie ein Gebirgsbach geplätschert.
Stattdessen sah ich allzu klar, dass es sich nicht um High-School-Absolventinnen handelte, die aus Freude an der Nacktheit ihre Brüste entblößten.
Ich sah White Trash, drittklassige Pornodarstellerinnen, die für Girl-Girl-Szenen deutlich weniger Geld bekommen als für Doppel-Penetrationen, weshalb die Herstellung der Girls Gone Wild-Serie so billig ist.
Mein Schwanz blieb weich, ich drehte an ihm herum, aber alles, was ich sah, waren orangefarbene Fingernägel und billiger Schmuck, kleine Schmetterlingspiercings in solarierten Bauchnäbeln, Knasttattoos und dumme Augen.
Ich versuchte es mit den Russinnen von Grigori Galitsin. Es regte sich etwas. Die seelenlose Erdenschwere der russischen Nacktheitsschule lag meinem nach Halt suchenden Angsthirn näher als die kreischende Fröhlichkeit der Amerikaner.
Ewigkeiten vertiefte ich mich in Achselhöhlen tadschikischer Ballerinen, war verzaubert von den dichten Schamhaaren einer Kasachin, die in der Rubrik Hobbys Violine, Schachspiel und Taekwondo angegeben hatte, sah butterblonden Zwillingen bei Tanzübungen zu und ejakulierte schließlich im hohen Bogen beim Anblick eines Ladebalkens.
Ich hatte es geschafft, beim Onanieren zu früh zu kommen.
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