05
Feb 09

Die ersten Stunden allein

Die 5-Minuten-Strecke dauert eine halbe Stunde, weil ich die Fähigkeit eingebüßt habe, links abzubiegen. Ich fahre so lange, bis ich etwas wiedererkenne.
Natürlich finde ich zunächst keinen Parkplatz, alle Lücken sind zu klein und zurren sich in meinem LSD-getrübten Blick noch mehr zusammen. Schließlich stelle ich den Wagen unter ein Parkverbotsschild. Ich muss so weit gehen, dass ich den Wagen auch hätte stehen lassen können. Don’t drug and drive.

Auf dem Bürgersteig hüpft ein Rabe vor mir weg. Ich erinnere mich an meine Deutschlehrerin Frau Morgengrauen, die mir für eine Analyse von Homo Faber eine Vier gegeben hat, weil ich in der Gegend herumstehende Raben nicht als Hinweis auf den Tod des Mädchens gedeutet habe. Das Mädchen starb 200 Seiten später. Ich habe das immer gehasst am Deutschunterricht: Warum soll der Autor nicht eine Landschaft beschreiben, in der nun einmal zufällig Raben enthalten sind?
Überhaupt Analyse: Ich sitze 150 Jahre nachdem ein hungerleidender Schreiber eine Auftragsarbeit übernächtigt zusammengeschmiert hat in einem nach Kreide und Angstschweiß riechenden Klassenzimmer und muss erklären, warum er Gefühl auf Gewühl gereimt hat. Weil ihm nichts besseres einfiel, weil er müde war und das Kind gequengelt hat und die Hämorrhoiden juckten und weil er sich nicht vorstellen konnte, dass den Scheiß, den er da in seiner kaum leserlichen Klaue zu Papier bringt, jemals jemand lesen wird. Honorar kassieren, Text vergessen, das dachte er sich vermutlich.

Dieser Gedankengang war der erste klare, seitdem ich den ersten Pilz verspeist hatte. Ich schaue in den Außenspiegel eines Nissan Micra. Meine Pupillen sind immer noch groß wie die von Mickey Mouse. Ein junger Mann, der – Synapsenstreich oder Zufall? – genauso aussieht wie ich vor acht Jahren, verscheucht mich von seinem Wagen.
Ratlos stolpere ich von ihm weg, drehe mich noch einmal um, aber er sitzt schon im Micra und ich kann ihn nicht mehr genau genug erkennen. Doppelgängersichtung ist ein sicheres Anzeichen für einen bevorstehenden epileptischen Anfall. Der käme mir jetzt gerade recht.
Dann müsste Greta. Dann würde Greta doch. Dann hätte Greta doch die verdammte Pflicht. Lieben müsste sie mich zuckendes Häuflein Elend dann bis an das Ende ihrer Tage. Bis an das Ende überhaupt aller Tage würde ich dann krampfgeplagt neben meiner sonnenweichen Greta aufwachen, in ihr warmes Gesicht schauen und dankbar sein und glücklich und einen sattgelben Strahl in meine Pampers pinkeln.
Ich stehe ein paar Minuten einfach so auf dem Gehweg und bin froh in einer Stadt zu leben, in der Irre nicht auffallen. Ich atme vorsichtig und möglichst regelmäßig, immer auch mit dem Bauch, ich bin mein eigener Yoga-Kurs.
Endlich fühle ich mich bereit weiterzugehen und stehe kurz darauf vor dem Haus, in dem Jakob wohnt. Auf dem Klingelschild steht J., M. und P. Frentz. Ich drücke die Klingel und um garantiert gehört zu werden und nebenbei ebenso garantiert völlig wahnsinnig zu wirken, drücke ich sofort nochmal. Ich schwitze und dampfe, der Türöffner surrt nervensprengend lange nicht, ich klingele dringlicher und dann noch einmal. Je sonne. Personne. Je resonne. Re-Personne. Ich summe diese Nabokov-Zeile bis sie in den beruhigenden Klang des Öffners, der ja immerhin Nachtruhe und Tröstung verheißt, übergeht.