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Malte Welding http://www.malte-welding.com Mon, 06 Apr 2015 08:19:14 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.9.1 Bin ich vergewaltigt worden? http://www.malte-welding.com/2015/04/06/bin-ich-vergewaltigt-worden/ http://www.malte-welding.com/2015/04/06/bin-ich-vergewaltigt-worden/#comments Mon, 06 Apr 2015 08:19:14 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3671 Zwei Leute haben Sex, obwohl der eine „Nein“ gesagt hat. Dabei handelt es sich um eine Vergewaltigung, das ist doch klar. Das sagt mein Rechtsempfinden, das soll so jetzt Gesetz werden. Die nicht-einvernehmliche sexuelle Handlung soll strafbar werden.
Das hieße, dass ich in meinem Leben von zwei Frauen vergewaltigt worden bin.

Den ersten Sex gegen meinen Willen hatte ich, als ich 18 war. Sie war eine 36jährige Nachbarin. Ich wohnte in der Schloß-Rahe-Straße, sie in der Schloßpark-Straße, ich kannte vorher ihren Namen nicht. Eines Tages fing sie an, mich zu grüßen, wenn ich von der Schule heimkam, irgendwann sprach sie mich an und stellte sich vor, ein paar Wochen später hielt sie mit ihrem Wagen an der Bushaltestelle und brachte mich zur Schule.
Sie schlug vor, dass wir doch einmal zusammen Essen gehen könnten.
Ich fand sie wahnsinnig anziehend, also ging ich darauf ein.
Während des Essens ließ die Anziehung ziemlich nach. Irgendetwas war daneben, sie war zu begeistert von mir, nicht spielerisch, sondern obsessiv und so sehr sie körperlich attraktiv war, so sehr fehlte bei mir irgendein Funke von Verliebtheit.
Trotzdem nahm ich sie mit nach Hause.
Meine Eltern schliefen schon. Sie waren es gewohnt, dass ich Freundinnen mit nach Hause brachte, aber es war klar, dass zumindest meine Mutter eine Augenbraue hochziehen würde, wenn sie auf einmal einer Frau im Flur begegnen würde, die doppelt so alt war wie ich, und die sie auch noch zumindest vom Sehen her kannte.
Also war ich recht nervös, bat sie, ruhig zu sein, und brachte sie auf mein Zimmer.

Vielleicht wollte ich schauen, wie weit es geht. Ich erinnere mich nicht mehr, wie es anfing, ich weiß nur noch, dass es nicht mit einem Kuss begann, denn wir küssten uns nicht. Ihre Bewegungen waren ungeheuer hektisch, vielleicht sollten sie leidenschaftlich sein, sie war viel zu laut, was mich zusätzlich nervös machte. Bald waren wir nackt und sie sagte „Ich will dich ganz spüren.“ Das ist ein Detail, an das ich mich noch ganz genau erinnere.

„Ich will dich ganz spüren.“ Das ist diese Art von Satz, die man vielleicht in Ordnung findet, wenn man gerade selbst völlig hingerissen ist, die sich aber unter einer fürchterlich fremden Frau, der man so fern ist, wie man nur jemandem sein kann, schauderhaft anhört.

Ich weiß noch, wie sehr ich sie nicht ganz spüren wollte. Was ich sagte, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht, dass mir das zu schnell ginge, ich lieber warten wolle. Ich weiß sehr genau, dass ich deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, nicht mit ihr schlafen zu wollen, weil sie danach sagte: „Und du hast noch gesagt, du willst nicht.“

Sie hatte trotz meiner Weigerung einfach weitergemacht, sich an mir gerieben, bis ich in ihr steckte, sie mich ganz spürte. Sie wurde immer lauter, ich dachte an meine Eltern nebenan, wir küssten uns immer noch nicht und ich glaube, sie kratzte mich. Von einem Kondom war natürlich auch keine Rede.
Als es vorbei war, war es noch nicht vorbei, weil sie mir nun einen Finger in den Hintern schob.

Immerhin war es tröstlich, dass sie bald darauf ging und meine Eltern nichts merkten.
Einige Tage später bekam ich von ihr einen Brief, in dem sie schrieb, wie schön es gewesen sei. Wie zärtlich ich sie geküsst habe. Bei diesem Satz habe ich mich fast übergeben.
Konnte sie nicht gemerkt haben, dass wir uns nicht ein einziges Mal geküsst hatten?

Das zweite Mal, als eine Frau gegen meinen Willen mit mir schlief, war deutlich schlimmer.

Ich war 22 oder 23. Sie war eine meiner besten Freundinnen. Und der letzte Mensch, mit dem ich gerne geschlafen hätte.
Einige Wochen zuvor hatte ich das erste Mal LSD probiert. Der Freund, mit dem ich es genommen hatte, war irgendwann ins Bett gegangen und ich hatte festgestellt, dass es keinen Spaß macht, allein auf einer Droge zu sein, deren Wirkung nicht enden will.

Nun hatten meine Freundin und ich Speed gezogen, auch das war das erste Mal für mich. Wir müssen wohl unterwegs gewesen sein und gingen dann noch zu mir. Wir hatten oft Nächte miteinander verbracht, allein oder mit anderen Freunden. Spät in der Nacht lagen wir auf dem Bett und schauten vermutlich eine Talkshow-Wiederholung, als sie anfing, sich mir in sexueller Absicht zu nähern. Ich erinnere mich nicht mehr, ob sie sich an mich gekuschelt hat oder ob sie sofort ausgesprochen hat, was sie wollte.
Ich weiß nur noch, dass ich mich darauf eingelassen habe zu erklären, warum ich es nicht wollte, was ich im Nachhinein als meinen größten Fehler identifizierte. Ich sagte also, ich wolle unsere Freundschaft nicht gefährden, was gelogen war, denn ich wollte einfach nur nicht mit ihr schlafen, weil ich sie körperlich abstoßen fand.
Sie sagte, sie habe schon oft mit Freunden geschlafen und noch nie sei dadurch eine Freundschaft problematisch geworden. Als ich mich dennoch weigerte, war sie beleidigt und drohte, nun nach Hause zu fahren.
Das war für mich nach den Erfahrung, allein auf LSD zu sein, eine Horrorvorstellung. Ich hätte alles getan, damit sie mich nicht allein lässt. Und das tat ich auch.
Ich steckte all meine verbliebene Konzentrationsfähigkeit in den Aufbau einer Erektion. Hätte ich keine Erektion hinbekommen, wäre sie vermutlich auch gefahren, also zwang ich mich, nur in ihre Augen zu schauen, weil ihre Augen das einzige waren, das mich körperlich nicht anwiderte.
Als es endlich vorbei war, wollte sie nochmal, rollte ihren schwitzenden Körper auf mich und rieb sich an mir. Aber ich stellte mich tot.
Ein Freund erzählte mir, bei ihm habe sie es auch versucht. Er hat sich von Anfang an tot gestellt, hatte so getan, als schliefe er, und sie hatte von ihm abgelassen.
Ich wusste von Dutzenden Männern, die halb besinnungslos besoffen mit ihr geschlafen hatten und sich nun schämten. Sie war etwas, das man sich nach dem dritten Bier gestand. „Die? Ja, Ich auch. Aber erzähl’s keinem.“
Ich fühlte mich beschmutzt. Ich hatte das Gefühl, nie mehr sagen zu können, dass ich irgendwelche Maßstäbe oder Ansprüche hatte. Ich hatte mit ihr geschlafen und jeden Respekt vor mir verloren.

So überfordert ich mich bei meiner Nachbarin gefühlt hatte, so sehr sie meinen Willen ignoriert hatte, so konnte ich die Geschichte doch für mich noch irgendwie auch positiv deuten. Bei meiner Freundin war kein Raum dafür. Ich schämte mich, ich ekelte mich vor mir selbst.

Haben mich diese beiden Frauen nun vergewaltigt?
Aus ihrer Sicht habe ich erst gezögert und mich dann doch dazu entschlossen, mit ihnen zu schlafen. Die Zwänge, die ich in beiden Situationen empfunden habe, waren innere. Sie haben mich nicht bedroht, erpresst oder gar mit körperlicher Gewalt gezwungen.
Sie haben gegen meinen Willen mit mir geschlafen, aber für sie muss es gewirkt haben, als hätte ich mich umentschieden. Denn warum hätte ich sonst mit ihnen geschlafen?

Ich hatte auch nie das Gefühl, dass sie bestraft werden müssten. Sie hatten mich beschämt und in eine ungeheuer unangenehme Situation gebracht, aber für mich hatte das nicht den Unrechtsgehalt einer Vergewaltigung. Ich hätte gehen können, es wäre mir nichts objektiv Schlechtes widerfahren, hätte ich meine Weigerung aufrecht erhalten.

Eine Vergewaltigung ist erst nach 20 Jahren verjährt. Bis vor drei Jahren hätte ich also meine Nachbarin anzeigen können.
Wir hätten vor Gericht gesessen, beide zwei völlig andere Menschen, ich ein erwachsener Mann, sie eine 56jährige Frau, und hätten Zeugnis abgelegt über unsere inneren Vorgänge. Vielleicht hätte sie den Brief vorgelegt, den ich ihr als Antwort geschrieben hatte. Ich habe darin geschrieben, dass wir uns nicht mehr sehen können. Von Vergewaltigung stand da nichts.

Meine Freundin aus dem Studium ist heute Anwältin. Ihre Erinnerungen an die Nacht werden andere sein als meine. Wir waren danach weiterhin befreundet.

Ohne einen erwiesenen Vorsatz kann es keine Verurteilung wegen Vergewaltigung geben.
Es ist grauenhaft, überall juristische Laien zu lesen, die aus ideologischen Gründen „Strafbarkeitslücken“ sehen. Eine Vergewaltigung sollten Männer wie Frauen, Linke wie Rechte, gleichermaßen verurteilen. Wenn sie bewiesen ist, wenn einem Täter also nachgewiesen wurde, dass er wissentlich einen anderen gezwungen hat, mit ihm zu schlafen.

Natürlich hätten beide nicht mit mir schlafen dürfen. Ich bin absolut dafür, dass vom anderen ein enthusiastisches Ja kommen muss, damit man Sex hat.

Das Strafrecht ist bei aller Ausgefeiltheit ein zu grobes Instrument, als dass man mit ihm alle Abirrungen des Lebens geraderücken könnte. Und auch gerechter Zorn kann ungerecht werden.

Die sexuelle Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Ich bezweifele, dass sie besser geschützt wird, wenn man den Begriff der Vergewaltigung verwässert. Aber vielleicht irre ich mich.

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Ist die Pharmaindustrie noch zeitgemäß? http://www.malte-welding.com/2015/02/08/ist-die-pharmaindustrie-noch-zeitgemaess/ http://www.malte-welding.com/2015/02/08/ist-die-pharmaindustrie-noch-zeitgemaess/#comments Sun, 08 Feb 2015 07:00:58 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3658 Die Marktwirtschaft ist großartig, wenn es um die Verteilung von Konsumartikeln geht. Ist die Frage: “Welches System bringt am zuverlässigsten Tütensuppen, Hygieneartikel, Südfrüchte, Automobile (nicht zu vergessen: Fernreisen, Fernseher… aber lassen wir das) an den erfreuten Verbraucher, lautet die Antwort aus Millionen Kehlen inklusiver meiner: “Die Marktwirtschaft, am besten die soziale!”
Ob die Marktwirtschaft für Medikamente dasselbe leisten kann, bezweifele ich.

Das Ziel eines börsennotierten Unternehmens ist nicht die Heilung von Krankheiten. Die Pharmaunternehmen streben nach Blockbustern. Und zu Blockbustern kann man Medikamente nicht da machen, wo sie benötigt werden. Die häufigste Todesursache weltweit sind Atemwegserkrankungen. Allein vier Millionen Kinder sterben Jahr für Jahr daran. Das umsatzstärkste Medikament der Welt ist jedoch Liptor, ein Mittel, das den Cholesterinspiegel senken soll. Nun ist es für einen Konzern, der seine Aktionäre zufriedenstellen will, wenn auch nicht löblich, so doch rational, die Kinder der dritten Welt ihrem Schicksal zu überlassen und sich um die Menschen zu kümmern, die ihre Kassen füllen. Tatsächlich sind Herz-Kreislauf-Krankheiten die häufigste Todesursache in der westlichen Welt. Aber der Ursachenzusammenhang von Cholesterin und Herz-Kreislauf-Krankheiten ist keineswegs bewiesen, auch wenn er von den Pharmaunternehmen mit von ihnen finanzierten Studien und von ihnen gesponsorten gemeinnützigen Vereinen herbeigeredet wird. Den größten Umsatz erzielt die Pharmaindustrie also mit einem Medikament, von dem nicht bewiesen ist, ob es hilft. Aber wie das so ist, wenn man eine Goldader ergefunden hat: Der Ärger lässt nicht lange auf sich warten. Deutsche Steuerfahnder ermitteln wegen vermuteter Unregelmäßigkeiten bei der Umsatzsteuer. Und zwei ehemalige Anwender des Medikaments Lipitor haben Klagen eingereicht, weil sie unter Gedächtnisstörungen und anderen gesundheitlichen Problemen wegen der Einnahme des Blutfettsenkers litten. Ihnen zufolge hatte Pfizer es versäumt, Ärzte über diese Nebenwirkungen zu informieren. Nun, an alles kann man aber auch nicht denken. Ärgerlich für Pfizer ist auch, dass sein Arthritis-Medikament Bextra vom Markt genommen werden musste, weil die möglicherweise lebensbedrohlichen Nebenwirkungen den erhofften Nutzen überstiegen.

“Vom Markt genommen” heißt allerdings lediglich, dass das Medikament in den USA und in Europa nicht mehr verkauft werden darf. In so einem Fall erinnert man sich gern wieder an andere Märkte. Nicht an die in der dritten Welt, die sind ja uninteressant und haben in diesem Fall Glück damit. Medikamente, die im Westen verboten sind, werden in Schwellenländer verkauft. Das klingt absurd, ist aber bestens belegt. Nur einige Beispiele aus dem obigen Link, die Lektüre der gesamten PDF-Broschüre ist dringend zu empfehlen:
In Pakistan verkaufte die Firma Merck bis 2004 das Schmerzmittel Dolo-Neurobion, das den Wirkstoff Metamizol enthält. Metamizol- Kombinationspräparate sind in Deutschland seit 1987 verboten, weil Metamizol lebensgefährliche Blutbildveränderungen hervorrufen kann. Mir ist nicht bekannt, ob deutsches Blut anders reagiert als pakistanisches. Aber sicher ist: Wer den pakistanischen Heller nicht ehrt, ist des Aktionärsdollars nicht wert.
Aventis bot den Lipidsenker Lesterol in Brasilien bis 2004 an, obwohl bekannt war, dass der enthaltene Wirkstoff Probucol schwere Herz-Rhythmusstörungen auslösen kann. In den USA wurde es schon 1998 vom Markt genommen.

Es ist müßig, alle Verfehlungen von Pharmaunternehmen aufzuzählen. Schon in den siebziger Jahren wurde im Spiegel bemängelt, dass es beispielsweise gegen Viruserkrankungen und Pilze kaum dauerhaft wirksame Medikamente und vor allem: keine vielversprechenden neuen Wirkstoffe gebe. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Strategie der Pharmaunternehmen war damals bereits absehbar. Sie würden versuchen, für bekannte Wirkstoffe neue Anwendungsgebiete zu finden. Der Innovationsmangel ist greifbar: Von 2500 Neuzulassungsanträgen beim Bundesamt für Arzneimittel betreffen nur 10 – 20 therapeutische Innovationen. Alle anderen Möchtegern-Medikamente sind Me-Too-Präparate. Daher weht also der Wind, wenn plötzlich verbreitet wird, Aspirin könne einem Herzinfarkt vorbeugen.
Was sich als trügerische Hoffnung erweist.

Es geht nicht um einzelne Skandale, Fehler können passieren. Der Fehler liegt darin, dass die Interessenlage der Unternehmen sich nicht nur nicht mit der der Patienten deckt – sie läuft ihr diametral entgegen. Denn nur ein kranker Patient ist ein guter Patient. Dafür werden Krankheiten erfunden, vom Damenbart über die Hyperhidrose bis zur Osteoporose, Medikamente entwickelt, wie im Fall von HIV, die man möglichst ein Leben lang nehmen muss. Und kritische Stimmen werden gezielt mundtot gemacht, indem man Werbeaufträge nach Wohlverhalten verteilt.

Ich habe keine Lösung für die Frage: Wer soll uns mit Medikamenten versorgen, wenn nicht die Pharmakonzerne? Alles staatlicher Gesundheitsforschung überlassen? Bei unserer Haushaltslage? Möglicherweise sollte man eine zusätzliche unabhängige Kontrollinstanz einrichten. Bis das geschehen ist hilft wohl nur: gesund bleiben und sich keine Krankheiten aufquatschen lassen, Beipackzettel nachgooglen und Bettruhe. Viel Bettruhe.

(Ich habe diesen alten Artikel, den ich 2006 geschrieben habe, noch einmal hervorgekramt, nachdem ich bei Lars Fischer darüber gelesen habe, warum es so wenige neue Antibiotika gibt – er kommt auch zu dem Schluss, man müsse vielleicht über öffentlich-rechtliche Wirkstoffentwicklung nachdenken – und die Süddeutsche den Pharmakritiker Peter C. Gøtzsche mit der Aussage zitiert, die Pharmaindustrie sei “schlimmer als die Mafia.)

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Zu alt, zu jung, zu homosexuell, zu ledig und zu arm http://www.malte-welding.com/2015/01/05/zu-alt-zu-jung-zu-homosexuell-zu-ledig-und-zu-arm/ http://www.malte-welding.com/2015/01/05/zu-alt-zu-jung-zu-homosexuell-zu-ledig-und-zu-arm/#comments Mon, 05 Jan 2015 20:20:42 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3652 Ein gekürzter Auszug aus Seid fruchtbar und beschwert euch (Amazonlink, kann jetzt bestellt werden):

1996 erstellte das »Fritz Beske Institut für Gesundheits-System- Forschung Kiel« ein Gutachten mit dem Titel: »Belastungen der gesetzlichen Krankenversicherung durch Fremdleistungen. Analyse und Lösungsvorschläge«. Das entscheidende Argument, das von Beskes Gutachten in die Debatte eingeführt wurde: Es handele sich bei der künstlichen Befruchtung um eine »versicherungsfremde« Leistung, also nicht um eine medizinische.

Diese Idee des greisen Politikberaters (Beske begann 1946 sein Medizinstudium, 1955 trat er in die CDU ein) breitete sich aus wie ein Virus. Zunächst griff die Politik Beskes Idee begierig auf, später folgte die Rechtsprechung.

Orte von ähnlicher Größe wie die Stadt Fehmarn oder die Gemeinde Velen – gezielt zur Nichtexistenz verurteilt in einer Zeit, in der jeder Politiker Stein und Bein schwört, alles für Familien zu tun. In einer Zeit, in der jedes Jahr weniger Kinder zur Welt kommen.

Das ist Kein-Kind-Politik.
Mit der vorgeschobenen Begründung des Kindeswohls.
Und aus dem tatsächlichen Grund der Kostenersparnis.
Aber wie sah es mit der Kostenersparnis tatsächlich aus?
2008 stellte der Abgeordnete Frank Spieth von der Partei Die Linke diese Frage an die Regierung: »Wie hoch sind die Einsparungen, die durch die Leistungskürzungen im Rahmen des GKV-Moder- nisierungsgesetzes bei der künstlichen Befruchtung (§ 27a SGB V) realisiert werden konnten?«

Und das ist die Antwort der Parlamentarischen Staatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD): »Die Ausgaben für Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung werden in der Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung nicht gesondert erfasst. Das im GMG genannte Einsparvolumen von 0,1 Mrd. Euro jährlich basiert auf einer Grobschätzung. Da auch die Anzahl betroffener Paare und die Häufigkeit der Inanspruchnahme und Behandlungsversuche nicht bekannt ist, lässt sich die tatsächliche Höhe erzielter Einsparungen nicht ermitteln.«

Ach so? Man weiß gar nicht, wie viel man gespart hat? Es kommt vor, dass man sich als Autor wünscht, man würde gerade an einer Satire arbeiten, aber wir befinden uns in der Wirklichkeit.

Doch nehmen wir mal an, diese »Grobschätzung«, derentwegen etwa 9.000 sehnlichst gewünschte Kinder nicht zur Welt kamen (und das Jahr für Jahr, laut der Initiative »Wunschkinder – Zukunft für Deutschland« könnten in Deutschland »bis zum Jahr 2050 rein rechnerisch ungefähr 850.000 Kinder mehr zur Welt« kommen, gäbe es wie in Dänemark IVF-Behandlungen komplett von den Kassen erstattet und andere Auswahlkriterien), wäre zutreffend – was sind eigentlich 100 Millionen so für eine Bundesregierung?

100 Millionen Euro, das ist zum Beispiel die Summe, die die Regierung während der Finanzkrise für externe Berater ausge- geben hat. Banker, die sie dabei berieten, Banken zu retten. Ja, wirklich, keine Satire. Dafür aber auch nicht lustig.

Privater Luxus?

2009 nahm das Bundesverfassungsgericht die Klage eines Ehepaars nicht zur Entscheidung an. Es führte aus: »Es ist verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden, medizinische Maßnahmen zur Herbeiführung einer Schwangerschaft nicht als Behandlung einer Krankheit anzusehen und sie als eigenständigen, nicht krankheitsbedingten Versicherungsfall zu behandeln. Der Begriff der Krankheit, der die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung auslöst, kann nicht durch Auslegung dahin- gehend erweitert werden, dass er den Wunsch nach einer erfolgreichen Familienplanung in einer Ehe umfasst. [...] In Bezug auf Maßnahmen der künstlichen Befruchtung besteht keine staatliche Verpflichtung des Gesetzgebers, die Entstehung einer Familie mit den Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung zu fördern. Es handelt sich vielmehr um eine in seinem Ermessen stehende Leistung, die nicht medizinisch für eine Therapie notwendig ist, sondern die Wünsche eines Versicherten für seine individuelle Lebensgestaltung betrifft.«

Beskes Saat war aufgegangen. Auf einmal klingt es, als hätten sich die Kläger gewünscht, XXL-Brüste auf den Rücken transplantiert zu bekommen. Menschenrecht? Pustekuchen. Wunsch nach einer »erfolgreichen Familienplanung«, »individuelle Lebensgestaltung«, Haus, Boot, Kinder. Ein privater Luxus, den man sich gönnen mag oder eben nicht.

Vielleicht kann ein Verfassungsrichter, der 12.500 Euro monatlich verdient, der dazu auch noch Familienzuschläge bekommt, wirklich nicht erfassen, was es für Menschen bedeutet, sich eine notwendige medizinische Anwendung nicht leisten zu können.

Vor allem aber weicht die Einschätzung der Karlsruher Richter erheblich von der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab. Die sieht Unfruchtbarkeit nämlich durchaus als Krankheit an. Dies wurde 2009 noch einmal deutlich betont. Im Glossar der WHO heißt es nun, Infertilität sei eine Krankheit des reproduktiven Systems.

William Gibbons, Präsident der American Society for Reproductive Medicine (ASRM) begrüßte diese Klarstellung: »Zu lange Zeit mussten jene, die unter Unfruchtbarkeit leiden, erleben, dass ihre Kondition kleingeredet oder ignoriert wurde. Versicherungen zahlen nicht, Regierungen stecken nicht genug in die Forschung und infolgedessen leiden die Patienten. Wir hoffen, dass diese internationale Klarstellung, dass Unfruchtbarkeit tatsächlich eine Krankheit ist, bedeuten wird, dass sie nun auch behandelt wird wie eine Krankheit.«

Die Hoffnung stirbt zuletzt, vorher sterben aber noch viele kleine Hoffnungen. Nämlich die der deutschen Unfruchtbaren.

Gott mag keine Kinder

2011 urteilte der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg auf Klage eines österreichischen Paares, es sei rechtens, dass der österreichische Staat Samen- und Eizellspenden durch Dritte verbiete. Die Zeit erläuterte: »Die Entscheidung ist auch für Deutschland bedeutsam, denn auch hier darf man mit fremden Samen ein Kind zeugen, mit einer fremden Eizelle aber nicht. Nun haben die Straßburger Richter in der nächsten Instanz das Urteil kassiert – auch wenn die Eizellspende in fast allen anderen Ländern Europas erlaubt ist.«

Und wer musste dazu natürlich wieder etwas sagen? Klar: Ein unverheirateter kinderloser Mann von jugendlichen 76 Jahren. »Das Urteil stellt das Wohl des Kindes in den Vordergrund. Es verhindert so eine Auflösung der Integrität der Familie durch Entkopplung von Mutter und Kindesidentität«, kommentierte der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erz- bischof Robert Zollitsch, das Urteil. Die Richter hätten ein »deutliches Signal gegen eine Verzweckung des Menschen« gesetzt.«

Man könnte sich wohl kaum jemanden ausdenken, der weniger befugt wäre, etwas zu dem Kinderwunsch von Menschen zu sagen als jemand, der partnerschaftliche Liebe nicht kennt, der nie erlebt hat, wie mit der Zeit der Wunsch danach wächst, gemeinsam Leben zu zeugen. Und doch finden diese denkbar ungeeignetsten Kommentatoren Gehör. Sie sitzen in Talkshows, sie sitzen im Ethikrat, sie sitzen zu Tisch mit Ministerpräsidenten und Kanzlern.

Verzweckung des Menschen? Wer wird hier verzweckt? Ein Ei? Oder werden nicht eher verzweifelte Menschen zum Spielball einer Gesinnungslobby?

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff war bekanntlich vor Kurzem ebenfalls der Meinung, etwas zu dem Thema Fruchtbarkeitsbehandlungen zu sagen zu haben. »Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei [...] aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht da- bei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.«

Lewitscharoff, zum Zeitpunkt ihrer Rede 60 und kinderlos, erntete viel Kritik für diese Sätze, sie sprach von Halbmenschen und Leibhöhlen, und das war der liberalen Öffentlichkeit dann doch zu viel Feindseligkeit. Aber der Tenor ihrer Rede ist nichts anderes als der Geist, aus dem unsere Gesetze sind. Im oben er- wähnten Koalitionsvertrag heißt es zum Beispiel: »Die Leihmut- terschaft lehnen wir ab, da sie mit der Würde des Menschen unvereinbar ist.« Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer spricht auf ihrer Homepage von einem »vertraglich gesicherten Kinderhandel«.

Natürlich: Einwände gegen Leihmutterschaft sind ernst zu nehmen. Man will keinen Organhandel, man will keinen Gebärmutterleasingservice, das hat natürlich eine andere argumentative Kraft als Lewitscharoffs Geraune, aber man wäre erstaunt, wie häufig bei dem Thema künstliche Befruchtung Frankenstein- Szenarien im Kopf des Lesers evoziert werden, indem ethisch umstrittene Verfahren wie die Leihmutterschaft von den ideologisch motivierten Kritikern aufs Infamste gegen völlig harmlose in Stellung gebracht werden.

Lesben bekommen extra behinderte Kinder, ein Kind hat fünf Eltern, wo kommen wir denn da hin, Machbarkeitswahn, Frankenstein – und auf einmal sind Menschen, die sich lieben, aber keine Kinder bekommen können wegen Hodenkrebs, Follikelreifungsstörungen, Hyperandrogenämie, perniziöser Anämie, Endometriose oder einer der vielen, vielen anderen Ursachen, egoistische Monster, die ihr widerliches Selbst auf Kosten eines unschuldigen Kindes befriedigen.

Das ist keine wirre Mindermeinung einzelner Bischöfe, das ist die offizielle Haltung der katholischen Kirche. In der Verlautbarung des apostolischen Stuhls Nr. 183 verkündete die Kongregation für die Glaubenslehre (bis 1965 bekannt als Inquisition): »Der Wunsch nach einem Kind kann nicht seine ›Produktion‹ rechtfertigen.« Es lewitscharofft also ganz gewaltig bei der Glaubenskongregation.

Aber wie sieht es abseits des großen Geraunes aus, in dem Raum, den wir Nicht-Literaten und Nicht-Bischöfe Wirklichkeit nennen? Susan Golombok, Psychologieprofessorin an der Universität von Cambridge, fasst einige Studien zur Bindung zwischen Kindern, die durch Eizellspenden hervorgegangen sind, und ihren Familien in dem Aufsatz »Neue Familienformen« zusammen. Anhaltspunkte für psychische Schwierigkeiten fanden sich nicht. Für keine einzige Form der künstlichen Befruchtung fand sich ein Anhaltspunkt, der zu irgendwelchen Befürchtungen Anlass geben könnte. Diese Befürchtungen übrigens waren etwa, Eltern könnten mit ihren Wunschkindern überemotional sein.

Und tatsächlich stellte Golombok in ihrer eigenen Studie »European Study of Assisted Reproduction Families« fest, dass »IVF-Mütter«, also Mütter, deren Kinder durch Reagenzglasbefruchtung gezeugt worden waren, »ihren Kindern mit mehr Wärme begegneten, emotional stärker engagiert waren, mehr interagierten und ihre elterliche Rolle als weniger belastend darstellten als Mütter, deren Kinder spontan gezeugt worden waren.«

Auch die Väter waren »stärker mit ihren Kindern befasst« und berichteten »von einem vergleichsweise geringeren Maß an Stress« als Väter, die durch Sex Nachwuchs gezeugt hatten.

Überraschung: Eltern, die solche Strapazen wie eine IVF auf sich nehmen, um Kinder in die Welt zu setzen, freuen sich tatsächlich mehr als jene, die einfach nach einer Party besoffen waren. Fast fragt man sich, warum ungeschützter Geschlechtsverkehr überhaupt noch legal ist, aber ich will ja keine Fantasien beim Gesetzgeber wecken.

Ist es so schwer zu verstehen, dass Menschen, die einen Wunsch nach Fortpflanzung haben, darin unterstützt werden sollen? Weil dieser Wunsch schon alles ist, was man braucht, weil in diesem Wunsch eben schon das Maß an elterlicher Liebe steckt, was viele Kinder in der Welt nie erfahren?

Man muss sich das wirklich mehrfach sagen: Der Gesetzgeber, Lewitscharoff, all die, die über die grauhaarigen Mütter am Kollwitzplatz lästern, denen wäre lieber, dass diese geliebten und behüteten Kinder nicht existierten, weil sie ein unbestimmtes Ge- fühl der Abscheu haben. Diese Abscheu nennt man dann Sorge ums Kindeswohl, aber: Den Kindern geht es bombig. Es ist die- selbe Abscheu, die die Homo-Ehe verhindert oder gar die Adop- tion durch schwule oder lesbische Paare. Studien helfen da nicht weiter, die Leute müssen selbst ihre Vorurteile überprüfen. Ist ein Kind besser als kein Kind, oder nicht?

Humankapital

Ich habe übrigens den Reproduktionsmediziner Krause gefragt, ob denn ältere Patienten nach der Gesetzesänderung von 2003 überhaupt noch behandelt werden dürfen. Er antwortete: »Die Tatsache, dass die gesetzlichen Krankenkassen diese Behandlung nicht bezahlen, heißt nicht, dass sie nicht durchgeführt werden darf. Gesetzlich Versicherte müssen dann allerdings die Kosten selber tragen. Bei den privaten Krankenkassen gilt üblicherweise erst eine Altersgrenze ab 43 bzw. 44 Jahre bei der Ehefrau.«

Wenn du also Geld hast, ist das Kindeswohl nicht gar so wichtig. Wäre der Gesetzgeber – so falsch es immer noch wäre – wirklich davon überzeugt, dass ältere Eltern dem Kindeswohl schaden – würde er dann nicht künstliche Befruchtungen für Ältere verbieten? Ist die Idee am Ende nicht eher: Wer es sich nicht leisten kann, sein Kind künstlich zu bekommen, der kann es auch nicht versorgen, also lohnt sich das Kind nicht?

Wer darin eine Parallele zur sozialen Diskriminierung durch das Elterngeld sieht, der sieht ganz richtig. Auch der Staat hat Wunschkinder. Kinder reicher Eltern wünscht er sich. Der Trend geht auch im Sozialen hin zur Selektion. Es gibt gesellschaftliche Wunschkinder und dann die, die besser niemals geboren werden sollten. Kinder von Armen, Kinder von Fremden.

Susanne Schultz, Mitarbeiterin des Vereins »Gen-ethisches Netzwerk« (GeN), schreibt auf der Homepage von GeN, es werde nicht etwa ein allgemeines Bevölkerungswachstum angestrebt, sondern ein Wachstum »innerhalb der sozialen Schichten, deren Nachwuchs als besonders wertvolles ›Humankapital‹ ein- geschätzt wird«.

Die Tafel »Wie wir unseren Wohlstand sichern« in einer Ausstellung zum »Jahr der demografischen Chance«, zu dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Jahr 2013 ausgerufen hatte, zeigt an, worum es geht: »Die ökonomischen Folgen des demografischen Wandels sind beherrschbar«, heißt es dort. Zu den wichtigen Weichenstellungen gehörten »die Steigerung der Erwerbsquote von Frauen, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit«, und nicht »zuletzt müssen die Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen angepasst« werden. Susanne Schultz fasst das so zusammen: »Es geht um eine möglichst effiziente Bewirtschaftung des Menschenmaterials.«

Das ist der wahre Horror. Mehr Arbeit, höhere Abgaben, für die immer weniger werdenden Familien erst recht keine Zeit mehr. Müsste es nicht heißen »Wie ihr unseren Wohlstand sichert«? Die 85-Jährigen, die in Zukunft bei McDonald’s arbeiten, bis der Leichenwagen kommt, deren Wohlstand kann ja wohl nicht gemeint sein. Hier macht ein Ministerium ganz offiziell Politik gegen die Interessen der Menschen – denn die wollen ja mehr Zeit für ihre Kinder, nicht für ihren Chef.

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Von schlechten Eltern http://www.malte-welding.com/2014/12/26/von-schlechten-eltern/ http://www.malte-welding.com/2014/12/26/von-schlechten-eltern/#comments Fri, 26 Dec 2014 18:26:33 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3648 Hier ist ein Vorabdruck aus Seid fruchtbar und beschwert euch. Das Buch erscheint am 8. Januar.

“Irgendwann weiß jeder: Ja, die Leute geben dir ein Like bei Facebook, wenn du postest, dass du ein Kind bekommst, aber eigentlich streichen sie dich in dem Moment aus ihrem Adressbuch. Weil du jetzt einer von denen bist. Von den Kinderwagenschiebern, den dauernd kranken Kitakinder-Müttern, von denen, die nur noch über ihre Blagen reden, die Sachen wie „Pekip“ sagen und „Elterndienst“, die Milchflecke an der Brust haben, hoffentlich ist es überhaupt Milch, und wo wir gerade dabei sind: Isst das hässliche Kind da drüben gerade tatsächlich Sand?”
Weiter in der Berliner Zeitung.

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Sekundenschaf – Dumm für einen Augenblick http://www.malte-welding.com/2014/09/29/sekundenschaf-dumm-fuer-einen-augenblick/ http://www.malte-welding.com/2014/09/29/sekundenschaf-dumm-fuer-einen-augenblick/#comments Mon, 29 Sep 2014 07:10:16 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3636

Ich habe mal, da ging ich noch zur Schule, gegen 18 Uhr in Hannover am Bahnhof gestanden und gedacht: „Sieh mal einer an, in Stuttgart ist es schon 23.30″, weil ein Schild die Ankunftszeit angegeben hat.

(Was man vielleicht zu Beginn sagen sollte: Sekundenschaf ist ein Wort ohne L. Genau wie Rotor oder Horst. Zur Zeit häufen sich die Bekennerschreiben, in denen Leute darlegen, wie lange sie schon Sekundenschlaf lesen. Das ist absolut nachvollziehbar. Wer sieht schon auf das Schaf, das überall neben dem Wort abgebildet ist, oder achtet auf einen leicht gelallten Buchstaben wie L?)

Vor zehn Tagen ist sekundenschaf.de gestartet. Sieben Jahre zuvor habe ich auf Spreeblick das erste Mal ein Sekundenschaf gepostet. Damals ging es mir wie Leuten, die ein Déjà-vu haben, aber nicht wissen, dass das eine allgemein bekannte Sache ist. Es zeigte sich, dass viele Leute außerordentlich dämliche Gedanken haben, die so dämlich sind, das man es selbst merkt. Was sehr beruhigend ist. Seltsamerweise gab es dafür bis 2007 in der an sehr spezifischen Worten nicht armen deutschen Sprache kein eigenes Wort. Es gibt den Blackout, die Fehlleistung, den Versprecher, den Aussetzer, die Idiotie, die große Dummheit, die kleine Dummheit, selbst das Stoibern hat seinen Weg in den Duden gefunden, aber nur Sekundenschaf umfasst das, was hier gemeint ist.

Sonntag morgens Sirenenlärm und ich denke: „Wer legt denn um die Uhrzeit Feuer?“

Erst als ich diesen Auftritt von Louis CK sah, fiel mir wieder einmal auf, dass das Phänomen bekannt ist, aber nicht benannt.

Hier der Link direkt zum Sekundenschaf

Der Clip wird auf Youtube Dumb Thoughts genannt, aber damit könnte man ja auch das Programm der AfD bezeichnen. Es geht schon sehr spezifisch um Ideen, Gedanken, leider auch oft Worte, die man sofort bereut. Ich habe das leise Gefühl, dass das Gehirn sich selbst schützt, indem es die Erinnerung an diese Sekundenschafe löscht. Wann immer ich jemanden gefragt habe, ob er nicht ein Sekundenschaf für mich habe, war die Antwort: “Ja, kann sein, dass ich das kenne. Aber ich erinnere mich an keins.”

Sekundenschafe kann man nicht erfragen, man kann sie nur sammeln. Was ich zunächst auf Facebook machte und nun auf dieser Homepage. Radioeins hilft auch beim Sammeln und sendet jeden Freitag einige Sekundenschafe.

Seitdem ich darauf achte, fällt mir auf, wie oft ich diese Sekundenschafe habe. Radioeins sagt übrigens “Sekundenschaf sein”, was ich für eine ebenso plausible Redewendung halte. Dass ich so oft von Augenblicksdummheit erfasst bin, kann natürlich auch an meinem Kind liegen. Wo einst Geist war, ist jetzt Grütze. Betroffene werden es kennen.
Weshalb auch gar nicht so wenige Schafe kindbezogen sind.

Meine Frau sitzt mit unserem Baby in der Badewanne. Der Kleine sitzt vor ihr und tatscht auf ihren Bauch, dann drückt er einen Finger in ihren Bauchnabel. Sie schaut ihn gerührt an. „Da hast du mal drangehangen”, sagt sie.

Dieses Schafesammeln ist jedenfalls ein großes Vergnügen, auch wenn man sich manchmal fragt, wie wir eigentlich eine Zivilisation zustande gebracht haben. Ihr macht mir eine große Freude, wenn ihr mitsammelt.

(Noch etwas zum Schluss: Obwohl ich den Begriff für mich ziemlich klar definiert habe, sind auf sekundenschaf.de einige schwarze Schafe versammelt. Also Verleser, Verdenker, Vergreifer. Manche von ihnen lasse ich im Namen der Artenvielfalt drin, wenn sie halt lustig sind.)

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Geschichte einer Liebe http://www.malte-welding.com/2014/07/16/geschichte-einer-liebe/ http://www.malte-welding.com/2014/07/16/geschichte-einer-liebe/#comments Wed, 16 Jul 2014 07:34:35 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3632 Meine Frau hat kein Spiel dieser Weltmeisterschaft gesehen. Meine Eltern und meine Schwestern haben sich bei der ersten Weltmeisterschaft, die ich erlebt habe, auch nicht dafür interessiert.
Ich saß damals allein vor dem Fernseher und sah, wie das kleine Belgien, das Land, in dem ich geboren bin, den Weltmeister Argentinien schlug. 1:0, man kann sich das Spiel heute auf Youtube anschauen, Belgien hatte keine Chance, die aber nutzte sie, um es mit Otto Waalkes zu sagen.
Seitdem hat mich dieses Spiel begeistert, ein Spiel, das seine Momente der Schönheit hat, das aber davon lebt, das es der Kampf zweier Stämme ist. Das davon lebt, dass man mit einem dieser Stämme fiebert.
Die Bundesligasaison 82/83 war die erste Spielzeit, die ich – nun also Fußballexperte – mitverfolgte. Der Stamm, mit dem ich fieberte, war immer der kleinere. Also war ich für Karlsruhe, wenn es gegen Stuttgart spielte. Für Bochum, wenn es gegen den HSV ging.
Am ersten Spieltag überwand Uwe Reinders den neuen Torhüter des FC Bayern, den belgischen Nationaltorwart Jean-Marie Pfaff, mit einem Einwurf.
Es geschah immer etwas Unerwartetes, der HSV, damals unbesiegbar, bekam im Münchner Olympiastadion einen Elfmeter in letzter Minute, der unfehlbare Kaltz trat an – und vergab.
Nach der EM 1984 spielten wir auf dem Schulhof Franzosen, wir waren Platini und Giresse, 86 spielte niemand Maradonna, denn niemand konnte auch nur so tun als sei er Diego Armando. Der Mann hieß wie eine Eissorte und spielte ein anderes Spiel, einer gegen Elf, im Endspiel waren es die Deutschen, die ihm nicht gewachsen waren, damals waren sie Belgien, sie waren der Stamm, der nicht gewinnen konnte, aber alles wagte. Nichts gewann.
Außer meiner Zuneigung.
Vielleicht hatte meine Liebesgeschichte mit der deutschen Nationalmannschaft auch begonnen, als Uli Stielike weinend zusammenbrach und Toni Schumacher ihm sagte: “Den nächsten halte ich”, 1:3 hatte es schon gestanden, 3:3 ging es aus im Halbfinale gegen Frankreich, das letzte Tor ein Fallrückzieher, den ich die nächsten Monate nachzustellen versuchte.
Im Stadion von Alemannia Aachen war ich nur selten, damals waren Stadien kein Ort für Kinder und auch keiner für Frauen, es waren dort überhaupt nur wenige Zuschauer, 3000 beim Spiel gegen den SC Freiburg, meinem ersten Spiel ohne Bildschirm dazwischen, so viele gehen heute in der vierten Liga zu einer Partie.
Diese 3000 waren dort, um zu wüten und sich zu prügeln, es war eine fremde Welt, aber nicht eine, die ich kennenlernen wollte.
Also schaute ich weiter vor dem Fernseher, sah das Bremen der Achtzigerjahre, die kontrollierte Offensive des Otto Rehagel, sah Rabah Madjer 1987 die Europapokalträume des FC Bayern München per Hacke zerstören, sah in Italien den Elfmeter von Andreas Brehme im dritten Endspiel, das ich gesehen hatte, jedes Mal war Deutschland dabei, es schien mir ein Naturgesetz, dass die Deutschen weit kommen und dann verlieren, auf einmal stimmte das nicht mehr.
Dann stimmte es 1992 wieder doch, die Dänen gewannen, mein Vater, auf einmal doch interessiert, war für Dänemark, weil sein Großvater Däne war, überhaupt schauten immer mehr Menschen mit mir, Fußball wurde immer größer, das Privatfernsehen machte mit Beckmann eine große Show daraus, die beinahe amtliche Sportschau wurde durch eine Quizsendung mit ein paar Fußballbildern ersetzt, meine Liebe litt.
Bis heute kann ich keine Vorberichterstattung ertragen, ich schalte ein, wenn das Spiel angepfiffen wird oder schon läuft, mich interessieren nicht die Gedanken der Experten und die Hymnen, nicht die Paraden davor. Nur der Ball, das Grün und das Tor. Einer muss verlieren, einer gewinnen, wenn das Tor auf der falschen Seite fällt, dann geht die Welt unter für einen Moment, das Herz sackt zwischen die Beine, fällt es auf der richtigen, dann stimmt alles. Das ist dann Glück. Eine Sekunde, zwei Sekunden.
Mir ist nichts dadurch genommen, dass jetzt Millionen in ihren Farben vor riesgien Leindwänden schauen. Sie sehen alle dieses Spiel, das immer besser – nicht immer schöner – geworden ist, was sie davor oder danach machen, ist mir egal.
Ich sehe es nicht mit Sorge, dass sie sich ihre Nationalfarben auf die Wangen pinseln. Es sind zwei Stämme, die dort spielen.
Meine Frau wäre für Italien.

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Die NSA kennt den Titel dieses Beitrags ehe ihr ihn kennt http://www.malte-welding.com/2014/06/05/die-nsa-kennt-den-titel-dieses-beitrags-ehe-ihr-ihn-kennt/ http://www.malte-welding.com/2014/06/05/die-nsa-kennt-den-titel-dieses-beitrags-ehe-ihr-ihn-kennt/#comments Thu, 05 Jun 2014 08:53:37 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3624 Michael S. Rogers ist ungefähr 1959 oder 1960 geboren. Er weiß alles über uns, doch wir wissen nicht einmal sein genaues Geburtsdatum.
Aber Michael S. Rogers ist kein Schattenmann. Er ist der Chef der NSA und das ist kein Geheimnis. Er wird in dem Video unten von US-Senator Ted Cruz befragt, alles ist transparent, nichts düster und bedrohlich. Die totale Überachung ist ein demokratisch kontrollierter Aktenvorgang.

Das Unheimliche der Überwachung besteht heute in ihrer Nicht-Heimlichkeit. Ja, wir werden alle überwacht, nichts bleibt mehr für uns, jeder Chat mit der Ehefrau, jedes Gespräch mit dem Onkologen, jedes Hintergrundgespräch, jede Vertraulichkeit mit Freunden steht in der Öffentlichkeit. Vor Michael S. Rogers sind wir alle nackt. Achso. Achso?

Und übrigens beginnt Schulunterricht um 8:00, obwohl jeder, der sich damit beschäftigt hat, weiß, dass dieser frühe Beginn eine Tortur für Kinder ist.

Politik hat nicht viel mit Abwägung der Tatsachen zu tun, nicht einmal mit Empörung oder Lobbyismus. Politik ist die Verwaltung der Gegebenen durch Menschen, die auch mal aufs Klo müssen. Mir fällt kein einziges Politikfeld ein, in dem es einen radikalen Wandel zum Besseren aufgrund einer Vernunftentscheidung gegeben hätte. Die Reformen in der Familienpolitik in der sozialliberalen Koalition der 70er mögen als ein Gegenbeispiel herhalten. Aber Atomwende? Schulreform? Schwulenehe? In der Politik gibt es keine Revolution, nur Evolution. Und eine Abschaffung der Überwachung wäre eine Revolution.

Überwachung ist eine Gegegebenheit wie der Schulbeginn um 8:00. Sie ist unvernünftig, sie ist schädlich, sie greift in unser Leben ein und wir hassen sie. Aber sie ist da. Und die Einzigen, die etwas ändern könnten, sagen, sie könnten nichts ändern, sie sähen ja auch das Problem, aber man müsse auch bedenken dass.

Wer passt morgens auf die Kinder der Pendler auf, die schon um 6:00 das Haus verlassen müssen? Wer schützt uns vor Terroranschlägen? Muss man ja auch mal so sehen. Ein Mann wie Obama, eine Frau wie Merkel, die haben viel zu tun, die müssen sich um Tierschutz kümmern und um Richterpensionen, die müssen Presseinterviews geben und mit dem Ehepartner darüber sprechen, was wohl im Alter wird. Und dann sollen sie auch noch die Überwachung abschaffen. Aber sie sind doch dafür verantwortlich?

Naja: Keiner der heute handelnden Politiker hat das Geschehen in Marsch gesetzt.
Wie man in der Befragung des NSA-Chefs Rogers durch den republikanischen Senator Cruz sehen kann, lautet die Fragestellung innerhalb unserer politischen Wirklichkeit nicht: Ist es in Ordnung, Bürger zu überwachen oder nicht? Sie lautet: Ist es eine effektive Methode, Terroranschläge zu verhindern?

Senator Ted Cruz bezweifelt das, viele werden ihm zustimmen, die Methode ist sogar erwiesenermaßen nicht effektiv, aber der Wunsch, nur Bad Guys zu überwachen und damit Anschläge zu verhindern, wird von der Gegenseite, also der Wirklichkeitsverwaltung, als naiv abgetan. Der Praktiker weiß, dass das Böse unauffällig sein kann, ja, es war eben gerade die Lektion aus 9/11, dass auf einmal unbescholtene Muslime in den Fokus gerieten. Denn wer nicht einmal ein Knöllchen für zu schnelles Fahren bekommt, der führt vielleicht etwas im Schilde. Es war der Wechsel von Zero Tolerance zu Totaler Verdacht. Jeder, der im Umkreis einer ermordeten jungen Frau wohnt, wird zum DNS-Test gebeten, jeder könnte Flüssigsprengstoff in ein Flugzeug schmuggeln wollen.

Der Wunsch, Gedankenverbrechen zu verhindern, da zu sein, ehe etwas geschieht – der steckt in uns. Möchte ich, dass pädophile Straftäter, die in KiTas arbeiten, gefunden werden, nachdem sie ein Verbrechen begangen haben oder bevor? Natürlich wünsche auch ich mir, auf den Boden der Seele jedes Erziehers, der mit meinem Sohn zu tun hat, schauen zu können.

Und natürlich wehre ich mich gegen diesen Gedanken, ich vertraue auf das Glück und das Gute. Aber welcher Innenminister bliebe im Amt, der sagte “Ich habe gehofft, es würde keine Terroranschläge, keine Amokläufe und Banküberfälle mehr geben”?

Wir haben Angst. Immer schon gehabt. Aber seit wir etwas verhindern können, wollen wir es auch tun. In Prenzlauer Berg fahren Kinder Rollschuh mit Sicherheitshelmen. Meine Frau ist angeschrien worden, weil sie das Kind in der Manduka hatte auf dem Fahrrad. Wir haben gegoogelt und gesehen: Die Frau, die geschrien hat, hat Recht. Es ist gefährlicher ohne Fahrradsitz.

Wir werden alt, wir sterben nicht früh, wenn alles gut geht. Und deswegen haben wir Angst, dass etwas nicht gutgehen könnte. Unser Leben ist etwas wert, viel mehr als vor 100 Jahren, als ein Kind an Durchfall einfach so starb. Vor 50 Jahren durfte ein Kind durch die halbe Stadt allein zu Fuß gehen, heute darf es noch bis an die Straßenecke. Aber die Großeltern, die damals so frei waren, haben heute Angst um ihre Enkel. Weil wir so viel wissen. Weil wir es doch verhindern können.

Früher starb man an Durchfall und zog in den Krieg, hoffend, als Erster zu schießen oder ehrenvoll zu sterben. Heute hofft man darauf, den Gegner per Drohne zu töten ehe er weiß, dass er unser Gegner ist.

Die NSA ist nicht wie die Stasi. Die NSA liegt im Geist der Zeit. Wir bekommen sie nicht weg. Wir müssen sie über Jahrzehnte wegdenken.

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Romantik/Stubenfliegen http://www.malte-welding.com/2014/02/13/romantikstubenfliegen/ http://www.malte-welding.com/2014/02/13/romantikstubenfliegen/#comments Thu, 13 Feb 2014 17:01:56 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3603 Zum Valentinstag zwei Kapitel aus Angezogen hast du mich mehr angezogen

Diamanten-Liebe: Mein Freund ist nicht romantisch

Mein neuer Freund ist furchtbar unromantisch. Mal ein Abend in einem schicken Restaurant oder so ein Kuschelwochenende in einem Wellness-Hotel – Fehlanzeige. Ich habe ihm schon gesagt, dass ich mich ohne Diamantring nicht verloben werde.
Steffi, 23

Im Jahr 1870 wurden am Oranje-Fluss in Südafrika riesige Diamantvorkommen entdeckt. Der weltweite Markt drohte zusammenzubrechen. Daher wurde ein Kartell gegründet, um das nun in Massen vorhandene Produkt rar zu halten. 1938 erlebte das Kartell während der amerikanischen Depression gewaltige Einbußen. Eine nie gesehene Werbekampagne wurde gestartet (A Diamond Is Forever – bei uns: Ein Diamant ist unvergänglich), um ein für allemal Diamanten mit Romantik zu verknüpfen. Junge Männer, die Verlobungsringe kauften, waren nicht nur die verlässlichsten Kunden, der Diamant war damit auch vom Markt. Wer verkauft schon einen Verlobungsring?

Mein Vater war kein Konsument. Er ging niemals shoppen, er hatte sein ganzes Leben lang keine Frisur, er nahm keine Wellnessangebote in Anspruch. Genuss war für ihn eine Tätigkeit. Er genoss es, zu arbeiten, am Zeichenbrett mit einer Rasierklinge Fehler auszumerzen, Steine aufzuschichten. Er arbeitete sogar Tennis, schwitzte sein Hemd durch, bis es tropfte und hängte es als Trophäe über die Dusche, und wenn er nieste, dann bebte das Haus.

Man Vater war ein Bauchmensch und wie alle Bauchmenschen sehr nüchtern. Nur Kopfmenschen können Fanatiker sein, der Bauch erregt sich nur in Maßen und verzeiht sehr rasch. Ich besitze ein schwarz-weißes Porträtfoto meines Vaters. Er hält den Kopf leicht geneigt, seine Augen wirken dunkler, als ich sie in Erinnerung habe. Auf die Rückseite schrieb er eine Notiz an meine Mutter. „20. 7. 1971 – Erinnere Dich, wenn Du das Bild betrachtest, an den Sommer und Herbst 1971. In Liebe, Dein Niels.“
Nicht etwa „an den Sommer“, nein: an den Sommer UND Herbst. Mein Vater stellte in Aussicht, was noch kommen würde, ein Herbst, an den meine Mutter sich in einer Ewigkeit noch erinnern könnte. Was mag geschehen sein, damals, drei Jahre vor meiner Geburt?

Was immer es war, es wirkt nach bis heute, in den Kindern, die sie aufzogen, in ihren Enkeln. Diese wenigen Worte, dieses vorsichtige Versprechen von Ewigkeit, sie sind mein Inbegriff von Romantik. Im Rahmen dessen, was man ist, so weit gehen, wie man kann. Und dann einen Schritt weiter.

Schmerzhafte Liebe: Ich habe keine Kraft mehr

Ich habe das Gefühl, mich nicht immer und immer wieder auf noch eine Beziehung einlassen zu können. Liebe tut mir nicht gut. Sollte ich es nicht einfach lassen?
Elske, 32

Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen haben in einem Kuhstall Videoaufnahmen von fast 9.000 Stubenfliegen ausgewertet. Diese Stubenfliegen sind bevorzugte Nahrung der Fransenfledermaus. Für die Fransenfledermaus, die sonst vor allem in bodennahen Waldschichten jagt, ist so ein Kuhstall natürlich ein Schlaraffenland, sollte man meinen, aber ganz so einfach ist es nicht; die Fransenfledermäuse sind nachtaktiv, die Stubenfliegen tagaktiv, und Fliegen, die sich nicht bewegen, sind auf dem rauen Untergrund der Stalldecke vom Ultraschall der Fledermäuse nicht zu orten.

Wenn jedoch Stubenfliegen Geschlechtsverkehr haben, schlagen die Männchen wild mit den Flügeln. Bei etwa fünf Prozent aller von den Forschern beobachteten Kopulationen wurden beide Fliegen, Männchen wie Weibchen, von einer Fransenfledermaus attackiert und in beinahe jedem Fall auch verschlungen. Beide. Die Forscher fassten ihr Ergebnis mit den Worten „Sex kills“ zusammen. Sex tötet.

Jochen Laabs dichtete in seinem „Isländischen Liebesgedicht“: „Ich bin der Bottich // du drin der Hering. // Und das Salz zwischen uns // ist die Liebe // die uns haltbar macht // und zerfrißt“.

Die Doppelnatur der Liebe macht uns unser Leben lang zu schaffen. Man braucht sie, aber sie richtet einen hin, sie reißt alle Widerstandskraft nieder, sie öffnet die Mauern zwischen uns und der Welt und lässt uns schutzlos zurück.

Liebe ist gefährlich – und was haben wir davon? Die französische Malerin Françoise Gilot antwortete im SZ-Magazin auf die Frage, ob sie es jemals bereut habe, mit Picasso gelebt zu haben, Reue sei pure Zeitverschwendung, sowieso sei es „viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen“. Außerdem werde dieser mittelmäßige Mensch einen ebenso zerstören, er brauche nur mehr Zeit dafür.

Pudding tut uns nicht gut, Rauchen tut uns nicht gut, Faulenzen nicht, Fleisch nicht, Liebe nicht. Eines davon ist unverzichtbar. Ralf König schrieb einmal, die mit dem HI-Virus verbundene Tragödie sei: Wäre es im Kaffee, würde man eben keinen Kaffee mehr trinken. Aber es trifft uns da, wo wir wild, töricht und am verletzlichsten sind.

Wenn eine Fliege sprechen könnte, wir würden sie verstehen: Sie bereut keinen Flügelschlag, keinen einzigen.

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Vorverurteilt http://www.malte-welding.com/2014/02/06/vorverurteilt/ http://www.malte-welding.com/2014/02/06/vorverurteilt/#comments Thu, 06 Feb 2014 17:16:10 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3601 Dieser Text erschien drei Monate vor Kachelmanns Freispruch. Durch woody Allens öffentliche Vorverurteilung in interessierten Kreisen ist er wieder aktuell. Er ruft darüber hinaus in Erinnerung, wie Alice Schwarzer sich damals verhalten hat.

Ich saß einmal im Zuschauerraum bei einem Vergewaltigungsprozess. Ich machte damals ein Praktikum im Aachener Sozialamt. Der Angeklagte war Sozialhilfeempfänger und der junge Beamte, dem ich zugeteilt war, war als Zeuge geladen. In dem Prozess ging es auch noch um Sozialhilfebetrug und Schwarzfahren, man handelte eben alles, was bei dem Mann so angefallen war, in einem Rutsch ab.
Der Angeklagte war ein schlaksiger, nervöser Typ, vielleicht 22 Jahre alt, mit einem ungepflegten Schnauz. Er hatte das Äußere und auch die Haltung eines Befehlsempfängers und doch wirkte er gefährlich wie ein in die Enge getriebener Hund.

Er sollte seine Exfreundin ans Bett gefesselt und dann oral, vaginal und anal vergewaltigt haben. Über den Prozesstag hinweg stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um eines dieser unglücklich miteinander verwobenen Paare handelte, bei dem der eine dem anderen zustößt wie eine Krankheit oder ein Unfall, und der andere es hinnimmt, weil er gerade sowieso nichts vorhatte mit seinem Leben. Mal hatte er ihr eine geknallt, mal hatte sie ihn zusammenschlagen lassen, mal hatte man sich zusammen betrunken, mal gegenseitig betrogen, mal einander benutzt, mal einander dann doch gebraucht.

Die beste Freundin der Frau wurde vom Richter befragt, ob sie von der Vergewaltigung erfahren habe. Ja, sagte die beste Freundin, sie habe da mal von gehört, auf der Toilette habe die Frau es erzählt. Ob sie das geglaubt habe, fragte der Richter. Die beste Freundin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“
Am Ende konnte er sie nicht so gefesselt haben, wie sie es beschrieben hatte, es gab nämlich kein Bettgestell, nur eine Matratze, und so kam er frei.
Am nächsten Tag kam er entsprechend gutgelaunt ins Sozialamt, das Devote war gewichen, er war jetzt König der Welt. Er sagte uns, wir sollten mal, wenn wir das nächste mal ausgingen, vor den Türstehern vom B9 seinen Namen nennen. Die würden sich einkacken.
Er sei nämlich ein Austicker. Vielleicht sähe er nicht stark aus, aber wenn er austicke, dann gebe es kein Zurück.

Er war ein Prachtexemplar von einem Menschen, man kann es nicht anders sagen. Während des Prozesses hatte ich beschlossen, niemals Richter werden zu wollen. Entweder eine Vergewaltigung unbestraft lassen oder einen Unschuldigen wegsperren. Anhand von Zeugenaussagen von Leuten, denen es gleichgültig war, ob ihre beste Freundin die Wahrheit sagte? Eine Welt beurteilen, in der Probleme sowieso mit den Fäusten geregelt wurden?

Der Prozess um Jörg Kachelmann ist anders. Hier sind alle Beteiligten höchst eloquent, niemandem ist irgendetwas gleichgültig. Man ist klug und nervenstark und schlägt einander nur mit Erlaubnis. Und doch blickt man wieder als Außenstehender darauf und kann nichts beurteilen.
Was man ja auch nicht muss.
Was man ja auch nicht sollte.

Es gibt eine Tatsache, über die berichten Medien nicht gerne, weil dann der ganze schöne Spannungsbogen, den man so mühselig seit über einem Jahr spannt, reißen würde.
Die Tatsache lautet: Jörg Kachelmann wird nicht verurteilt werden.

Als der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe der Haftbeschwerde Kachelmanns stattgab, begründete er das so, dass „die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage“ vorliege, bei der Nebenklägerin „Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten“, diese unzutreffende Angaben gemacht habe und eine „Selbstbeibringung“ der Verletzungen „nicht ausgeschlossen“ werden könne.

Zu einer anderen Einschätzung wird es nicht mehr kommen. Im Zweifel wird für den Angeklagten entschieden, Kachelmann wird also freigesprochen werden. Zu Recht.

Hier soll es also um etwas anderes gehen.

Um die Liebe, den Sex und die Zärtlichkeit. Fangen wir mit Letzterem an.

Es gibt diesen Clip auf Youtube, in dem Jörg Kachelmann während der Wetter-Moderation von der Studiokatze überrascht wird. Sie streicht mit zur Begrüßung gerecktem Schwanz um seine Beine und er nimmt sie in den Arm und moderiert weiter.
Der Clip, hochgeladen Anfang 2009, ist die reine Unschuld, Kachelmann ist noch bloß Kachelmann, eine Figur aus einer französischen Studentenkomödie, circa 1981, ein charmanter Taugenichts, hat was von einem Comiccharakter wie dem tollpatschigen Gaston, steht einfach vor der Kamera rum und streichelt eine Katze, na, hey, du auch hier, fehlt bloß noch ein Grashalm, auf dem er rumkauen könnte.
In den Kommentaren unter dem Video natürlich längst die Wirklichkeit. „Und so einer soll jemanden vergewaltigt haben?“, fragt sich ChickenWing601, während SteveCrank in die Tasten tourettiert: „Hurensohn , Sado maso fetischist !!! Vergewatliger Kinderrficker.“

Es ist wie meistens bei den großen Medienthemen: Es gibt wohl kaum jemanden, den wirklich interessiert, ob Kachelmann seine ehemalige Freundin nun vergewaltigt hat oder nicht.

„Huch? Aber es gibt doch etwas über vier Millionen Artikel, die sich mit der Frage beschäftigen, ob er es nun war oder nicht?“

Ja, es ist halt ein Gesprächsthema, etwas für den Small Talk, ein Pausenfüller. Vor kurzem brauchte ich ein neues Bild für den Personalausweis und während die Fotografin mich fotografierte, fing sie von Kachelmann an. Die, die am harmlosesten aussähen, erklärte sie mir, seien immer die schlimmsten. Ich versuchte, etwas böser zu schauen, um unverdächtig zu wirken.

Wir schauen ab und an rüber zu den beiden Betroffenen, die zwischen ihren Gutachtern, Anwälten und Mediencoaches eingeklemmt miteinander ringen um irgendeine Form von Wahrheit, die am Ende in die Akten eingeht und schließlich einen von beiden teuer zu stehen kommen wird, schauen also rüber und bilden uns ein, uns eine Meinung zu bilden, aber sie steht natürlich längst schon fest wie die von ChickenWing601 und SteveCrank.
Für die Meinung von SteveCrank zuständig sind Bild und Bunte, Alice Schwarzer und Focus.

„Die gewohnheitsmäßigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher von Gnaden ihrer Herrin Friede Springer…“. Das twitterte Jörg Kachelmann am 10. April zusammen mit einem Bild, das er von einem Paparazzo, der ihn verfolgte, geschossen hatte. Hier wird jemand, bei dem das Gericht keinen dringenden Tatverdacht sieht, zur Strecke gebracht. Jemand, dem von Seiten des Rechts seine Intimsphäre zugestanden wird.

Aber das Recht ist hilflos gegen das Geld der großen Verlage.

Für die Bild gilt vorgeblich das Diktum des Springer-Vorstandchefs Döpfner: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr im Aufzug nach unten.“ Was heißen soll: Wer mit uns Homestorys macht, um nach oben zu kommen, der bekommt uns auch nicht aus dem Wohnzimmer, wenn die Karriere schlingert und die Frau gerade die Koffer packt. Klingt fair, ist aber bloß Mafia-Logik: ein Quid pro Quo außerhalb des geltenden Rechts. „Wir beschützen Sie jetzt, bezahlen können Sie später.“
Kachelmann jedoch ist niemals mit Springer nach oben gefahren. Über sein Privatleben war vor seiner Verhaftung nichts bekannt, er galt im Allgemeinen als Wetter-Nerd, die Basler Zeitung fragte noch kurz nach der Verhaftung, ob Kachelmanns Privatleben überhaupt existiere. Stets habe er Nichtberufliches für sich behalten, seine Ehe sei „praktisch ein Geheimnis“ gewesen.

Kein Grund, ihn nicht zu vernichten.

„Was jetzt bei Kachelmann passiert, wird bald auf jeden zukommen“, sagt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann, „wenn auch mit einer kleineren Öffentlichkeit“. Seemann hofft dabei auf eine befreiende Wirkung: „Noch kann Schwarzer Kachelmann als Unmensch stilisieren, weil er BDSM praktiziert und sie ihn als Einzelfall ins Licht stellen kann. Eine über sich selbst informierte Gesellschaft jedoch wird gezwungen, ihre Toleranzkriterien an dem Einzelnen zu rejustieren.“

Seemanns Sicht auf die Welt ist eine hoffnungsfrohe: Irgendwann könnten wir tolerant werden. Die Realität heute für den Einzelnen ist anders. Aber behalten Sie ruhig im Kopf, was Seemann sagt: Das wird auf jeden zukommen.

Für die Nebenklägerin ist der Satz schon Realität, für die Exfreundinnen auch. Selbsternannte Kachelmann-Verteidiger, Brüder und Schwestern im Geiste von ChickenWing601, an vorderster Front eine Pensionärin aus der Schweiz, haben längst die Klarnamen ins Netz gestellt und hetzen in ihren Blogs gegen die Frauen. Die Verlage wiederum gingen so schlampig bei der Anonymisierung der Zeuginnen vor, dass man sie auch ohne Hilfe der Kachelmann-Fans ergooglen kann.
Und da steht dann ihr ganzes Leben vor einem. In alten Zeitungsberichten über ihre Aktivitäten, über Baumbesetzungen und Luftgitarreturniere.

Wir wissen, wer sie sind und was sie im Bett machen. Einfach so.

Von Anfang an wurde als sicher hingestellt, Kachelmanns Karriere sei nun – wie die von Andreas Türck – ruiniert. Dabei ist das Karriereende durch Enthüllungen alles andere als ein Naturgesetz. Hugh Grant, dessen Filmimage als schüchterner, leicht verschrobener und sexuell unbedrohlicher Mann mit Rehaugen heftig herausgefordert wurde durch den Umstand, dass er von der Polizei dabei erwischt wurde, wie er in einem Auto von einer Prostituierten fellationiert wurde, sagte gerade erst im Guardian, das Publikum gebe einen Scheiß auf das Image. „Ich wurde mit einer Hure verhaftet und sie sind immer noch in meine Filme gegangen. Die Leute interessiert nur, ob der Film unterhaltsam ist oder nicht.“

Nein, die Idee, es gäbe irgendwelche Zwangsläufigkeiten im Rahmen und in Folge eines moralischen Skandals, ist absurd. Der Zuschauer mag streng sein, aber konsequent ist er nicht.

Der Effekt der medialen Grenzüberschreitung ist ein anderer: Den Menschen wird ihr Ureigenstes genommen. Ein Huhn, wenn man es denn lässt, legt seine Eier gern in Abgeschiedenheit. Nicht, weil es in der Hühnercommunity verpönt wäre, Eier zu legen. Einfach so. Gefällt ihm halt besser.
Und ein Mensch zieht sich für den Geschlechtsverkehr zurück. Das ist in jeder menschlichen Gesellschaft so, das war in jeder menschlichen Gesellschaft, die es jemals gegeben hat, so: Der Mensch hatte eine Intimsphäre.

Jeder berührt schonmal Geschlechtsorgane mit dem Mund. Verfassungsrichter, Minister, Bischöfe, ebenso Verfassungsrichterinnen, Ministerinnen und Bischöfinnen.
Aber wir verhalten uns so, als täten wir es nicht. Ist eine menschliche Macke.
Das öffentliche Leben (und damit zunehmend: das Leben) ist ein moralisches Versteckspiel: Wer erwischt wird, muss büßen, die Strafe ist die Offenlegung aller eigentlich gar nicht schändlichen Taten.
Stünde morgen früh in der Bild-Zeitung „Günther Jauch hat Sex mit seiner Frau“, wir alle würden während der nächsten „Wer wird Millionär“-Folge betreten zu Boden blicken.

Es geht eben nicht um die Konsequenzen, die der Einbruch in die Privatsphäre für den Betroffenen hat, der Einbruch selbst ist das Verbrechen.

Denn ohne Intimsphäre keine Liebe.

„Aber was denn, was denn? Was heißt denn hier Liebe? Ist nicht Kachelmann ein haltloser Narzisst, dem Liebe völlig fremd ist?“
Woher haben Sie denn diese Information?
„Na, aus einem Nachrichtenmagazin!“

Der Focus zitierte aus dem Gutachten der Psychologin Luise Greuel, die Tat decke sich mit der Reaktion eines ausgeprägten Narzissten, der aufgrund einer Kränkung seiner Wut freien Lauf lässt.
Per Mail fragte ich Greuel, die eigentlich lediglich die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin zu begutachten hatte, ob es üblich sei, einen von ihr nicht untersuchten Angeklagten zu beurteilen. Ihre Assistentin schrieb mir daraufhin, „Frau Prof. Dr. Greuel“ werde „sich nicht zum Verfahren gegen J. Kachelmann gegenüber der Presse äußern. Bitte haben Sie dafür Verständnis und sehen von weiteren Anfragen ab.“

Diese Verweigerung Greuels für Klärung zu sorgen, passt zu diesem Fall: Jedes Gerücht kann gestreut, jede Mutmaßung rumgemeint werden. Jedes Käseblatt bietet psychologische Ferndiagnosen, jeder Mensch, der Kachelmann einmal eine Gurke verkauft hat, kann in der Zeitung ein psychologisches Gutachten über ihn verfassen. Aber Tatsachen? Ja, die gibt es, aber die sind langweilig und damit irgendwie doof. So ein Prozess ist schließlich lang und die einzig seriöse Meldung wäre: Viel wird nicht mehr passieren. Aber Medien sind ungeduldig wie kleine Kinder und grenzüberschreitend wie sehr nervige Eltern, die nicht mitbekommen haben, dass es einen Grund gibt, dass man ab und an das Zimmer abschließt. Störe ich? Ich bin von der größten deutschen Zeitung und möchte möglichst viele möglichst private Fotos von dir auf unserer Titelseite haben.

„Aber ist er nicht ein Narzisst? Immerhin ist die Frau Psychologin und haben nicht Bushman, Donacci, van Dijk und Baumeister (2003) durch drei Studien bestätigt, dass Narzissten eine höhere Neigung zur sexuellen Gewalt haben, wenn sie glauben, auf den Sex Anspruch zu haben, wenn es also erst eine Verbindung gibt und dann eine Zurückweisung?“

Wenn Sie ein kleines Kind haben, dann wissen Sie, wie es mit einem Narzissten ist: Kleine Kinder sind besitzergreifend, charmant, trauen sich alles zu, können fast nichts, würden für Aufmerksamkeit ohne zu zögern in die Steckdose pinkeln und drehen völlig durch, wenn man sie im Einkaufswagen am Schokoladenangebot vorbeifährt.
Das ist narzisstischer Zorn: Der Glaube, auf etwas Anspruch zu haben – und dann ohne Rücksicht auf Verluste auszurasten.

„Oh mein Gott! Aber GENAU DAS ist es doch!
Kachelmann glaubte aus der Vorgeschichte, er habe ein Anrecht dazu und deswegen hat er …! Stoppt die Maschinen, wir müssen es allen sagen: Wir haben das Schwein!“

Die Sache hat eben nur ein, zwei Haken: Wir haben keine Ahnung, ob Kachelmann ein Narzisst ist, es gibt auch überhaupt keine Möglichkeit, das sicher zu testen, weil es zwar einen Persönlichkeitstest (Narcisstic Personality Inventory) gibt, mit dessen Hilfe man narzisstische Eigenschaften abfragen kann, dieser aber nicht zum Ergebnis hat, dass man ab einer bestimmten Punktzahl Narzisst wäre. Narzissmus kann ausschließlich im Rahmen einer Behandlung diagnostiziert werden. Nicht jedoch dadurch, dass man mit der Ex spricht. Dann wäre jeder Narzisst. Der zweite Haken: Selbst wenn er ein Narzisst wäre, hätten wir keine Ahnung, ob er aus narzisstischem Zorn heraus gehandelt hat – wir wissen ja eben nicht, ob er überhaupt gehandelt hat (hier beißt sich der Hund in den Schwanz). Menschliches Verhalten ist schwerer vorherzusagen als das Wetter und Psychologie ist eben keine Mathematik.
Der Focus-Artikel mit dem Gutachten-Auszug ist nicht einfach nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, er ist nicht die Luft wert, die der Praktikant beim Abtippen der Gutachtenpassagen geatmet hat.
Und doch glaubt seitdem jeder, dem Nebensätze zu verwirrend sind, er wisse genau, was in Kachelmanns Psyche los sei.

„Aber ist Kachelmann nicht ein Schwein?
Das doch wenigstens?
Sagte nicht Schwarzer, „der Angeklagte“ lebe „in einem pathologisch anmutenden Gespinst aus Lügen“? Sagte sie nicht, damit verletze er die Menschenwürde der Frauen?
Reicht das nicht?“

In Deutschland verbietet § 30 Absatz 1 Satz 3 der Straßenverkehrsordnung „unnützes Hin- und Herfahren“. Fährt man beispielsweise ohne Notwendigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften eine Strecke mehrmals ab, kann das mit einem Bußgeld von 20 Euro bestraft werden.
Es ist dagegen völlig legal, jemandem das Herz zu brechen.

Gottseidank.

Die meiste Zeit der menschlichen Geschichte war Vergewaltigung nichts anderes als eine Art Eigentumsbeschädigung. Man gab dem Vater des Mädchens, das man geschändet hatte, ein paar Münzen, schlimmstenfalls musste man es, wie noch heute in ländlichen Gegenden der muslimischen Welt üblich, heiraten.
Knaben und Mädchen waren völlig schutzlos dem sexuellen Begehren ausgesetzt. Erst nach und nach sickerte im Lauf der Jahrtausende ins Bewusstsein zunächst der europäischen Gesellschaften, dass Kinder eine Schutzsphäre benötigen und es dauerte von da an noch einige hundert Jahre, bis Vergewaltigung nicht mehr einfach unsittlich war, sondern ein Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Nie gab es in einer menschlichen Kultur so wenige Vergewaltigungen, so wenig sexuelle Gewalt gegen Kinder. Was Frauen und Kinder schützt, ist nicht die individuelle Moral der Männer. Der Schutz besteht, weil wir unter der Herrschaft des Rechts leben. Unser Staat garantiert mit effektiven Mitteln die sexuelle Selbstbestimmung (die Aufklärungsquote bei Verbrechen gegen diese Selbstbestimmung liegt in Deutschland bei etwa 80%). Diese Idee der sexuellen Selbstbestimmung hat sich aus dem Gedanken der Menschenwürde entwickelt. Ebenso aus diesem Gedanken entstammt die Idee der unverletzlichen Privatsphäre.
Es ist ein Bärendienst der schlimmsten Sorte, wollte Schwarzer in Zusammenarbeit mit der Bild diese zivilisatorische Errungenschaft zurückdrehen und aus der absoluten Unverletzlichkeit der Intimsphäre eine Art Belohnung für Wohlverhalten machen. Gehen wir barbarisch um mit einem Mitglied, wird die Gesellschaft barbarischer. Und unter der Barbarei leiden letztlich immer die körperlich Schwächsten.
In einer Gesellschaft, in der Bild und Bunte die Regeln aufstellen, wäre die sexuelle Sicherheit des Einzelnen eher nicht größer.

Keine der betroffenen Frauen wird die Angelegenheit für sich angemessen deuten können, wenn sie sich daran festklammert, von einem quasidämonischen Erzschurken manipuliert worden zu sein. Nicht, weil er so maßlos geschickt wäre, wie immer wieder suggeriert wurde, waren sie ein Paar (und noch ein Paar und noch ein Paar). Sondern weil sie überhaupt keinen Instinkt dafür hatten, was eine Beziehung überhaupt sein kann.

Nun in eine Opferhaltung zu verfallen, wäre eine Sackgasse der Emanzipation. Eine Sackgasse, in die Schwarzer den Feminismus geführt hat. Dort, wo es Nähe gibt, kann es Verletzungen geben. Und die fügen sich Frauen und Männer in schöner Gleichberechtigung zu. Eine freie Gesellschaft verlangt auch etwas von einem.
Dass man weiß, was man will.
Dass man sagt, was man will.
Eine freie Gesellschaft versetzt einen aber auch in die Lage, für diese beiden schwierigen inneren Vorgänge überhaupt Worte zu finden. Aber wir sind eben völlig unaufgeklärt. Hilflos, spießig, betrügerisch, verklemmt, verlogen wie unsere Großeltern.
Wir haben heute, über vierzig Jahre nach der sexuellen Revolution, immer noch eine Sexualität, die Sieger und Verlierer produziert.
Weiter weg von freier Liebe waren wir lange nicht mehr. Da kann man sie noch so sehr an die Öffentlichkeit zerren.

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Angezogen hast du mich mehr angezogen* *und andere Standardsituationen der Liebe http://www.malte-welding.com/2013/12/11/angezogen-hast-du-mich-mehr-angezogen-und-andere-standardsituationen-der-liebe/ http://www.malte-welding.com/2013/12/11/angezogen-hast-du-mich-mehr-angezogen-und-andere-standardsituationen-der-liebe/#comments Wed, 11 Dec 2013 16:05:00 +0000 http://www.malte-welding.com/?p=3593 Seit etwas mehr als drei Jahren beantworte ich im Magazin der Berliner Zeitung Leserfragen zur Liebe.
Seit etwas mehr als drei Jahren glaubt jeder (und zwar ausnahmslos), der sich über mich erregt, er habe meinen wunden Punkt erwischt, wenn er auf meine Kolumne hinweist.
Was mich unbesiegbar fühlen lässt.
Denn was könnte schöner sein, als immer mal wieder über die Liebe nachzudenken?
In meinem Leben war Liebe wichtiger als Schulnoten, als mein Studienfach, als die Restaurants, in denen ich war, oder meine Reisen.
Die Kolumne war nie so angelegt, dass ich als Experte den Leuten sage, wo es langgeht. Liebe ist verdammt rätselhaft, weswegen es in den drei Jahren auch tatsächlich nicht langweilig geworden ist.
Warum ruft er nicht an? Warum schläft sie nicht mit mir? Soll ich mir die Schamhaare abrasieren?
Wer das banal findet, der kann zurück in den Keller und über Marx und das Universum nachdenken. Um dort herauszufinden, dass Marx und das Universum jeden Tag über die Liebe nachdenken.

Ausgedacht habe ich mir die Kolumne zusammen mit Anja Reich, einer wunderbaren Journalistin, die wesentlich mehr Spielraum gibt für Spinnereien, als es bei großen Zeitungen sonst üblich ist. Mittlerweile (Anja ist in New York) betreut die Kolumne Rudolf Nowotny, ein junger Redakteur, mit dem man über zehn Mails hinweg an Übersetzungen tüfteln kann.

In der kommenden Woche erscheint die Kolumne nun als Buch. Am 29.1. findet die Premierenlesung im Babylon statt.
Juliane Schindler und Stephanie Kratz von Kiepenheuer&Witsch sind mit unglaublicher Akribie noch einmal über alle Texte gegangen, wir haben zusammen ein paar Glättungen vorgenommen und eine Struktur in das gesamte Buch gebracht, so dass sich die Kolumnen nun ganz neu lesen.
Ich freue mich wie eine kleine Elfe mit Propeller im Hintern und bedanke mich bei allen, die sich mit ihren Fragen an mich gewandt haben.

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