Am nächsten Tag versuche ich Vitamine zu bekommen. Zwei Drittel der Artikel im Kaisers sind Süßigkeiten. Morgens halb zehn, die zarteste Versuchung, das schmeckt so italienisch flott, der erste Bär, der backen kann, take a Break, einmal gepoppt, niemals gestoppt, quadratisch, praktisch, gut, yesyesyesyesyes, die Extra-Portion Milch, und Erwachsene ebenso, enjoy!, Fruchtalarm, prickelt fruchtiger, die wahrscheinlich längste Praline, guten Freunden gibt man, I hate Sex … in the Bedroom, kleine Torte statt vieler Worte, bringt verbrauchte Energie sofort zurück, die kleinen Unwiderstehlichen, Spaß ist, was ihr draus macht, kann man teilen, muss man aber nicht, und der Hunger ist gegessen, was wirklich zählt ist klar, natürlich nasch’ ich, alles lecker, oder was?
Der Rest ist ungenießbar.
Die drei Hochglanzapfelsorten strahlen um die Wette, das Fleisch hat nie gelebt und kostet weniger als ein Schokoriegel, das Erdbeerjoghurt ist rotgefärbter Zucker, das Brot braungefärbter, die Gewürzgürckchen sehen aus wie Marsmännchenpimmel und passen daher gut zu den tiefgekühlten Eskimogliedchen, die als Cevapcici-Darsteller unterwegs sind. Mir ist flau.
Ich nehme eine Packung Miracoli und gehe in die Apotheke. Apotheken sind schon lange keine Pharmazieläden mehr. Sie sind Wellnesstempel. Ich decke mich mit Aspirin, Silikonohrstöpseln, Meersalz, ph-neutralem Duschgel, Vitamin-D-Kapseln, Vitamin-C-Lutschbonbons, Teebaumöl, Baldrian und Anti-Aging-Creme ein. Schon mit dem Bezahlen fühle ich mich besser.
Ich gehe nach Hause, suche den Zettel mit Elisas Nummer raus und setze mich erst noch einmal aufs Klo. Selbst dort fällt mir kein guter erster Satz ein. Ohne zu irgendetwas gekommen zu sein, ziehe ich ab und renne in Matze. Ich spreche ihn auf die Stelle aus seinem Buch an und er sagt, dass die ihm misslungen sei, zu unternehmensberatermäßig, zu Tschakka. Ich solle mir keinen Kopf machen, ich doch nicht, hey! Fehlt nur noch das „Kopf hoch! Ohren steif halten!“.
„Bei der nächsten Auflage fliegt das raus, man sollte natürlich nicht lügen. Ehrlichkeit ist das neue Schwarz.“
„Hallo, ich bin Paul, nutze gern den Saugreflex von Kälbern, habe einen Zwergenpenis aber einen riesigen sexuellen Appetit, Stinkefüße und Rheumahoden seitdem ich 12 bin und mein Medienberater sagt, Ehrlichkeit sei das neue Schwarz. Was ist denn das neue Hirn?“
„Google natürlich“, sagt Matze kopfschüttelnd.
Ich erzähle Matze von dem Honda-Angebot.
„Neenee, das ist der falsche Weg.“ Er zieht mich in die Küche.
„Wir müssen uns von den Konzernen dafür bezahlen lassen, dass wir sie ficken. Als du geschrieben hast, dass die Nestlé-Manager, die das Wasser privatisieren wollen, die Pharmamanager, die nicht an Malaria forschen und ihre Medikamente, die hier verboten sind, in die dritte Welt verscherbeln, die Colatypen, die den Indern das Wasser abgraben gute Familienväter sind, nette Gesprächspartner und kompetente Beisitzer im Elternrat der Schulen ihrer Kinder, mehr Menschenleben am Tag auslöschen als Osama bin Laden in seiner Karriere – darüber hätte ich gern ein fettes Werbebanner gesehen.“
„Wo ist der Unterschied? Danone-Granini-Nutella-Trinkgenuss und dazu spielt Kurt Cobain.“
„Aber wir sind viel radikaler als Kurt Cobain. Weil wir intelligenter sind.“ Matze macht eine Coke Zero auf.
„In dem, was du da gerade machst, wird doch das ganze Dilemma deutlich. Du empörst dich über Cola und dann nimmst du einen langen Schluck von der extra für Männer konzipierten Cola Light.“
„Ja, aber wir wissen das. Weißt du, wie die französische Revolution angefangen hat?“
„Sturm auf die Bastille?“
„Nein, viel früher. Mit der Enzyklopädie. Mit Diderot. Das gesamte Wissen der damaligen Zeit versammelt und verfügbar für die Massen. Wissen sprengt Königshäuser, Wissen wirft alles um. Die Wikipedia wird von 20-Jährigen geschrieben. 20-Jährige sammeln das Wissen unserer Zeit und machen es Menschen in der ganzen Welt verfügbar. Wir sind der dritte Stand, wir sind die Bruchstelle dieses Systems. Wir sind gut ausgebildet und genauso klug wie die Eliten und wir wissen genau, was sie treiben. Wir sind gefährlich, wir zünden keine Autos an, wir stellen die Guillotinen auf. Bildlich gesprochen, wir sind ja nett. Genauso nett wie die Pharmamanager.“
„Wer das schon alles geglaubt hat.“
„Jetzt ist es aber technisch möglich. Bis jetzt ging es immer nur darum, ob ein paar wenige die Produktionsmittel in der Hand haben oder der Staat. BILD oder Prawda. Jetzt kann jeder produzieren. Erst Worte, dann irgendwann alles, was er braucht. 3D-Drucker! Creative Commons auf das Coca-Cola-Rezept! Open-Source-Autobau! Das hast du doch alles schon geschrieben.“
“Matze, ich bin ein Hoffnarr. Ich ändere nichts, man lässt mich doch nur reden, weil ich nichts zu sagen habe.“
„Du spinnst. Die ganzen netten Manager, die leiden doch selbst wie die Tiere. Deswegen lassen die sich doch alle von Dominas verprügeln. Die wollen, dass du sie peitschst, die wollen geläutert werden, die wollen rein und gut sein. Wir müssen ihnen sagen, wie sie es machen sollen. Du hast geschrieben, dass Börsenkurse gewissenloser als Nazis wären. Die wollen da alle raus, die wollen auch glückliche Kinder in Afrika sehen.“
Was interessiert mich Afrika, ich fühle mich wie Eddie Murphy in „Nur 48 Stunden“. Ich habe das Gefühl, den ganzen Tag einen stehen zu haben.
Als hätte Matze meine Gedanken gelesen, sagt er: „Komm, wir gehen in den Puff.“