28
Jun 07

Der Celebrity-Sextape-Führer

„Hast du etwa die Kamera an?“ – „Ich möchte eine Erinnerung an dich haben.“ – „Aber ich bin doch da.“ – „Wenn wir alt sind, können wir sehen, wie schön wir mal waren.“ – „Und wenn wir uns trennen?“ – „Dann bekommst du das Video. Versprochen.“

Rob Lowe war einer der strahlendsten Jungsterne am Hollywood-Firmament, bis ein Sextape, das ihn beim Verkehr mit einer Minderjährigen zeigte, sein Licht dimmte. Der Teil des Tapes, in dem man ihn mit einem weiteren Mann und einem Model sehen konnte, kam in den Handel. Heute gehören Sextapes zu jeder gut gepflegten Zelebritäten-Biographie dazu. Durch das Dickicht der Superstar-, Supererben-, Eurovison-Song-Contest-Teilnehmer-, R´n´B-Schluchzer- und Supermodelsextapes blickt der Konsument nur noch schwerlich durch. Da helfe ich doch gern. Continue reading →


14
Jun 07

Kurze Ode an eine Frau mit Giftzähnen

Meine Lieblingslektorin saß gestern in der Bahn. Ihr gegenüber ein älterer Mann, der sich scheinbar anlasslos erregte. Was war geschehen?

Ein junger Mann hatte die Spitze seiner Füße auf die Sitzbank gelegt. Oberdaszuhauseauchwokommenwirdennwenndasjederwasersichüberhaupt. Kennt man ja. Der jüngere Mann, offensichtlich der deutschen Sprache nicht in ihrer vollen Pracht mächtig, verstand nicht sofort und zog seine Füße daher erst auf die wütenden Gesten des Alten hin zurück.

Dieses sich über einen Zeitraum von mehreren Sekunden erstreckende Zögern machte den Empörten zum Rasenden. „Ihr verdammten Ausländer glaubt wohl, euch alles rausnehmen zu können.“ Der Angesprochene lächelte verlegen zurück. Beschwichtigend wirkte das nicht. „Und grins nicht auch noch so frech, warte nur, bald werfen wir euch eh alle raus.“

Da wies meine Lieblingslektorin den Tobsüchtigen mit dem Blick einer Königskobra beim Verschlingen einer toten Ratte darauf hin, dass er dies aufgrund seines fortgeschrittenen Alters wohl nicht mehr erleben werde.

Und jetzt wisst ihr auch, warum sie meine Lieblingslektorin ist.


10
Jun 07

Star Wars

Es war einmal in ferner Zukunft auf einem Spielplatz in Aachen-Laurensberg. Ich war zehn Jahre alt und spielte mit meinen Freunden das EM-Finale von 1984 zwischen Portugal und Frankreich nach. Recht unvermittelt fing mein Freund Markus Hahnemann, genannt Hähnchen, in einer Verschnaufpause an, von Han Solo und seinem Rasenden Falken zu erzählen. Ich verstand zunächst nicht einmal Bahnhof, aber Darth Vader, Obi Wan-Kenobi, Jabba, Boba Fett, diese raunenden Namen klangen dunkel und geheimnisvoll.

Dann holte Hähnchen eine Figur aus seiner Hosentasche. Es ist ja bekannt, dass Jungenhosentaschen ergiebigere Fundgruben sind als das Tal der Könige und Angkor Wat zusammen genommen, aber diese Figur hatte auf mich eine Wirkung wie blutende Hände auf einen eingefleischten Jesusfreak. Eine strahlend weiße Rüstung mit einem schwarzen Sehschlitz, ein riesiges schwarzes Maschinengewehr. Vergiss Batman! Zorro ist für Mädchen! Spiderman, Superman? Crossdresser! Ein Sturmtruppler, bereit für seinen Einsatz auf Hoth, dem Eisplaneten. So eine Figur wollte ich auch haben, musste ich haben, mein kindliches Herz entfaltete erstaunliche Gier.

Ich bettelte meine Eltern in die Spielwarenhandlung Förster und sie werden kaum weniger aufgeregt gewesen sein als ich, spätestens nachdem sie einen Blick auf die Preisschilder geworfen hatten. Eine Figur kostete 7 Mark und 99 Pfennige, was dem Gegenwert von 79,9 Sauerstangen entsprach. Eine umwerfende Summe. Und über all den wunderbaren Figuren, den Kopfgeldjägern und X-Wing-Fighter-Piloten thronte das Schönste, was ich je gesehen hatte, seitdem ich mich in Becky Thatcher, die Freundin von Tom Sawyer, verliebt hatte: Der Rasende Falke, schnellstes Raumschiff der Galaxis. Ich berührte es. Meine Mutter murmelte entsetzt: “160 Mark. Für einen Haufen Plastik.”

Ich bot an, bis Weihnachten nichts mehr zu essen, schließlich waren es nur noch sechs Monate, nur einen Zwieback ab und an und etwas Wasser, ich würde auch ganz brav sein und den Müll nicht nur runterbringen, sondern bis zum Morgen, wenn die Müllabfuhr käme, auf ihn aufpassen, ich würde den Garten von Wühlmäusen befreien und meinen Schwestern Gedichte unter das Kopfkissen legen. Bitte! Meine Eltern dachten nicht im Traum dran. Da fing mein Kinn bedenklich an zu zittern und wenn es eins gab, was mein Vater nicht ertragen konnte, dann war es, seinen Jungen weinen zu sehen. “Also, bis Weihnachten lässt sich da bestimmt etwas machen”, räusperte er sich, denn drohende Tränen bei mir ließen auch seine Stimme schnell brüchig werden.

Den Rasenden Falken bekam ich dann tatsächlich zu Weihnachten. Und meine Figurensammlung vervollständigte sich nach und nach. Nun konnte ich also Darth Vader mit Chewbacca ringen lassen. Aber den Film hatte ich noch nicht gesehen. Genauer gesagt: Ich hatte alle drei Filme noch nicht gesehen und daran ließ sich auch nichts ändern.

Wir besaßen keinen Videorecorder, die 3 Fernsehsender zeigten Hollywoodfilme frühestens 10 Jahre nach der Premiere und im Kino waren die Werke alle schon gelaufen. Diaspora.

Also kaufte ich mir zunächst die Bücher zu den Filmen. Das Buch zum Film ist die niedrigste Gattung der Literatur. Unglückliche Lohnschreiber suchen Worte für Filmszenen und finden nur Phrasen. Aber für mich waren diese Bücher das Wort Gottes, aufgeschrieben von seinen Propheten. Ich lernte sie auswendig, nein, wie ein Talmudschüler verinnerlichte ich die Worte. Und Bilder gab es in den Büchern! Bilder von so großer Schönheit, dass ich an ihnen riechen musste.

Aber bei aller Freude war es letztlich nur Trockenschwimmen, so dass ich weiter – mit zunehmender Verzweiflung – Ausschau hielt nach dem wahren Lucas. Und tatsächlich hatte die Macht eines Tages ein Einsehen mit mir: Der Eden-Palast zeigte einige Wochen lang Filmklassiker. Casablanca, Der Pate, Die Reifeprüfung – und Die Rückkehr der Jedi-Ritter.

Ich schleppte meinen Vater mit mir ins Kino. Drei, vier Tage lief die Werbung, nein, ich wollte kein Eis und dann: Tamm Tammtammtamm Tamm TammTamm Tamm Tammtamm! Nach gängigen Maßstäben war der Film kein guter Film. Er war nicht spannend, er war humorbefreit und er spiegelte keine menschlichen Emotionen wieder. Harrison Ford soll während des Drehs zu George Lucas gesagt haben: “Du kannst diese Dialoge schreiben, aber wir können sie nicht sprechen.” Selbst einem Kind blieb nicht verborgen, dass da etwas hakte. So wie es in der sixtinischen Kapelle von Figuren wimmelt, die wie Malfehler aussehen – man werfe nur einen Blick auf die Frauen mit Bodybuilderarmen – waren die Dialoge nicht allein hölzern, sie waren aus härterem Plastik als meine Figurensammlung. Und wie in der Sixtinischen Kapelle ist das alles völlig egal, man steht mit offenem Mund da und ist bereit zu glauben.

Jahre später hatte mein Vater noch immer keine Worte gefunden für Jabba the Hutt. Er wurde zum Familenmythos. “Du isst wie Jabba” löste “Samuel M!” ab (als ich ein noch viel kleineres Kind war, hatte mir mein Vater eine Geschichte von einem Jungen und einem Leoparden vorgelesen, in der es hieß: “Samuel M., du hast gegessen und getrunken wie ein Schwein.” Mein Vater liebte kunstbezogene Stilkritik an meinem Essverhalten).

So etwas hatte es früher nicht gegeben. Und man musste die Menschen von früher ernsthaft bedauern deshalb. Abends versuchte ich dann lange, meinen Lichtschalter aus der Ferne auszuknipsen. Hat nicht geklappt. Zu ungeduldig ich war.

Nun sieht es im Rückblick so aus, als sei Star Wars von Anfang an Mainstream gewesen. George Lucas erzählt von den Schlangen vor den Kinos, die mehrere Blocks lang waren (Blockbuster!), Star Wars (der erste Film, jetzt Episode 4) hat sieben Oscars gewonnen. Aber ich war mit meiner Leidenschaft Außenseiter. Wie geht das zusammen?

Der real existierende Mainstream im Aachen der achtziger Jahre war friedensbewegt, katholisch, ökologisch abbaubar und hat sein Brot selbst gebacken. Ein Film, der Krieg im Titel trägt, der mit Merchandising Sturmgewehre in die Kinderzimmer brachte, dessen Dialoge entweder aus außerirdischem Kauderwelsch bestanden oder aus der Aufforderung, seine Gefühle zu erforschen, der kam an wie Die satanischen Verse in einer Koranschule.

Und dann auch noch dieses Plastikspielzeug! PVC, Kriegsverherrlichung statt wertvoller kleiner Filme, dänischer Low-Budget-Produktionen, die mehr Botschaften transportierten als der UN-Generalsekretär. Das war zuviel.

Verschärfend kam für mich hinzu, dass meine Klasse beinahe ausschließlich aus Mädchen bestand. Und keine von ihnen hatte die Haare an der Seite aufgerollt.

In anderen Worten: Ich war allein wie Darth Vader bei der Pediküre. Aber ich ahnte schon damals (nach ausgiebiger Erforschung meiner Gefühle), dass da draußen noch mehrere von meiner Sorte sein mussten. Ich hatte nicht ganz unrecht.