06
Feb 14

Vorverurteilt

Dieser Text erschien drei Monate vor Kachelmanns Freispruch. Durch woody Allens öffentliche Vorverurteilung in interessierten Kreisen ist er wieder aktuell. Er ruft darüber hinaus in Erinnerung, wie Alice Schwarzer sich damals verhalten hat.

Ich saß einmal im Zuschauerraum bei einem Vergewaltigungsprozess. Ich machte damals ein Praktikum im Aachener Sozialamt. Der Angeklagte war Sozialhilfeempfänger und der junge Beamte, dem ich zugeteilt war, war als Zeuge geladen. In dem Prozess ging es auch noch um Sozialhilfebetrug und Schwarzfahren, man handelte eben alles, was bei dem Mann so angefallen war, in einem Rutsch ab.
Der Angeklagte war ein schlaksiger, nervöser Typ, vielleicht 22 Jahre alt, mit einem ungepflegten Schnauz. Er hatte das Äußere und auch die Haltung eines Befehlsempfängers und doch wirkte er gefährlich wie ein in die Enge getriebener Hund.

Er sollte seine Exfreundin ans Bett gefesselt und dann oral, vaginal und anal vergewaltigt haben. Über den Prozesstag hinweg stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um eines dieser unglücklich miteinander verwobenen Paare handelte, bei dem der eine dem anderen zustößt wie eine Krankheit oder ein Unfall, und der andere es hinnimmt, weil er gerade sowieso nichts vorhatte mit seinem Leben. Mal hatte er ihr eine geknallt, mal hatte sie ihn zusammenschlagen lassen, mal hatte man sich zusammen betrunken, mal gegenseitig betrogen, mal einander benutzt, mal einander dann doch gebraucht.

Die beste Freundin der Frau wurde vom Richter befragt, ob sie von der Vergewaltigung erfahren habe. Ja, sagte die beste Freundin, sie habe da mal von gehört, auf der Toilette habe die Frau es erzählt. Ob sie das geglaubt habe, fragte der Richter. Die beste Freundin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“
Am Ende konnte er sie nicht so gefesselt haben, wie sie es beschrieben hatte, es gab nämlich kein Bettgestell, nur eine Matratze, und so kam er frei.
Am nächsten Tag kam er entsprechend gutgelaunt ins Sozialamt, das Devote war gewichen, er war jetzt König der Welt. Er sagte uns, wir sollten mal, wenn wir das nächste mal ausgingen, vor den Türstehern vom B9 seinen Namen nennen. Die würden sich einkacken.
Er sei nämlich ein Austicker. Vielleicht sähe er nicht stark aus, aber wenn er austicke, dann gebe es kein Zurück.

Er war ein Prachtexemplar von einem Menschen, man kann es nicht anders sagen. Während des Prozesses hatte ich beschlossen, niemals Richter werden zu wollen. Entweder eine Vergewaltigung unbestraft lassen oder einen Unschuldigen wegsperren. Anhand von Zeugenaussagen von Leuten, denen es gleichgültig war, ob ihre beste Freundin die Wahrheit sagte? Eine Welt beurteilen, in der Probleme sowieso mit den Fäusten geregelt wurden?

Der Prozess um Jörg Kachelmann ist anders. Hier sind alle Beteiligten höchst eloquent, niemandem ist irgendetwas gleichgültig. Man ist klug und nervenstark und schlägt einander nur mit Erlaubnis. Und doch blickt man wieder als Außenstehender darauf und kann nichts beurteilen.
Was man ja auch nicht muss.
Was man ja auch nicht sollte.

Es gibt eine Tatsache, über die berichten Medien nicht gerne, weil dann der ganze schöne Spannungsbogen, den man so mühselig seit über einem Jahr spannt, reißen würde.
Die Tatsache lautet: Jörg Kachelmann wird nicht verurteilt werden.

Als der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe der Haftbeschwerde Kachelmanns stattgab, begründete er das so, dass „die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage“ vorliege, bei der Nebenklägerin „Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten“, diese unzutreffende Angaben gemacht habe und eine „Selbstbeibringung“ der Verletzungen „nicht ausgeschlossen“ werden könne.

Zu einer anderen Einschätzung wird es nicht mehr kommen. Im Zweifel wird für den Angeklagten entschieden, Kachelmann wird also freigesprochen werden. Zu Recht.

Hier soll es also um etwas anderes gehen.

Um die Liebe, den Sex und die Zärtlichkeit. Fangen wir mit Letzterem an.

Es gibt diesen Clip auf Youtube, in dem Jörg Kachelmann während der Wetter-Moderation von der Studiokatze überrascht wird. Sie streicht mit zur Begrüßung gerecktem Schwanz um seine Beine und er nimmt sie in den Arm und moderiert weiter.
Der Clip, hochgeladen Anfang 2009, ist die reine Unschuld, Kachelmann ist noch bloß Kachelmann, eine Figur aus einer französischen Studentenkomödie, circa 1981, ein charmanter Taugenichts, hat was von einem Comiccharakter wie dem tollpatschigen Gaston, steht einfach vor der Kamera rum und streichelt eine Katze, na, hey, du auch hier, fehlt bloß noch ein Grashalm, auf dem er rumkauen könnte.
In den Kommentaren unter dem Video natürlich längst die Wirklichkeit. „Und so einer soll jemanden vergewaltigt haben?“, fragt sich ChickenWing601, während SteveCrank in die Tasten tourettiert: „Hurensohn , Sado maso fetischist !!! Vergewatliger Kinderrficker.“

Es ist wie meistens bei den großen Medienthemen: Es gibt wohl kaum jemanden, den wirklich interessiert, ob Kachelmann seine ehemalige Freundin nun vergewaltigt hat oder nicht.

„Huch? Aber es gibt doch etwas über vier Millionen Artikel, die sich mit der Frage beschäftigen, ob er es nun war oder nicht?“

Ja, es ist halt ein Gesprächsthema, etwas für den Small Talk, ein Pausenfüller. Vor kurzem brauchte ich ein neues Bild für den Personalausweis und während die Fotografin mich fotografierte, fing sie von Kachelmann an. Die, die am harmlosesten aussähen, erklärte sie mir, seien immer die schlimmsten. Ich versuchte, etwas böser zu schauen, um unverdächtig zu wirken.

Wir schauen ab und an rüber zu den beiden Betroffenen, die zwischen ihren Gutachtern, Anwälten und Mediencoaches eingeklemmt miteinander ringen um irgendeine Form von Wahrheit, die am Ende in die Akten eingeht und schließlich einen von beiden teuer zu stehen kommen wird, schauen also rüber und bilden uns ein, uns eine Meinung zu bilden, aber sie steht natürlich längst schon fest wie die von ChickenWing601 und SteveCrank.
Für die Meinung von SteveCrank zuständig sind Bild und Bunte, Alice Schwarzer und Focus.

„Die gewohnheitsmäßigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher von Gnaden ihrer Herrin Friede Springer…“. Das twitterte Jörg Kachelmann am 10. April zusammen mit einem Bild, das er von einem Paparazzo, der ihn verfolgte, geschossen hatte. Hier wird jemand, bei dem das Gericht keinen dringenden Tatverdacht sieht, zur Strecke gebracht. Jemand, dem von Seiten des Rechts seine Intimsphäre zugestanden wird.

Aber das Recht ist hilflos gegen das Geld der großen Verlage.

Für die Bild gilt vorgeblich das Diktum des Springer-Vorstandchefs Döpfner: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr im Aufzug nach unten.“ Was heißen soll: Wer mit uns Homestorys macht, um nach oben zu kommen, der bekommt uns auch nicht aus dem Wohnzimmer, wenn die Karriere schlingert und die Frau gerade die Koffer packt. Klingt fair, ist aber bloß Mafia-Logik: ein Quid pro Quo außerhalb des geltenden Rechts. „Wir beschützen Sie jetzt, bezahlen können Sie später.“
Kachelmann jedoch ist niemals mit Springer nach oben gefahren. Über sein Privatleben war vor seiner Verhaftung nichts bekannt, er galt im Allgemeinen als Wetter-Nerd, die Basler Zeitung fragte noch kurz nach der Verhaftung, ob Kachelmanns Privatleben überhaupt existiere. Stets habe er Nichtberufliches für sich behalten, seine Ehe sei „praktisch ein Geheimnis“ gewesen.

Kein Grund, ihn nicht zu vernichten.

„Was jetzt bei Kachelmann passiert, wird bald auf jeden zukommen“, sagt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann, „wenn auch mit einer kleineren Öffentlichkeit“. Seemann hofft dabei auf eine befreiende Wirkung: „Noch kann Schwarzer Kachelmann als Unmensch stilisieren, weil er BDSM praktiziert und sie ihn als Einzelfall ins Licht stellen kann. Eine über sich selbst informierte Gesellschaft jedoch wird gezwungen, ihre Toleranzkriterien an dem Einzelnen zu rejustieren.“

Seemanns Sicht auf die Welt ist eine hoffnungsfrohe: Irgendwann könnten wir tolerant werden. Die Realität heute für den Einzelnen ist anders. Aber behalten Sie ruhig im Kopf, was Seemann sagt: Das wird auf jeden zukommen.

Für die Nebenklägerin ist der Satz schon Realität, für die Exfreundinnen auch. Selbsternannte Kachelmann-Verteidiger, Brüder und Schwestern im Geiste von ChickenWing601, an vorderster Front eine Pensionärin aus der Schweiz, haben längst die Klarnamen ins Netz gestellt und hetzen in ihren Blogs gegen die Frauen. Die Verlage wiederum gingen so schlampig bei der Anonymisierung der Zeuginnen vor, dass man sie auch ohne Hilfe der Kachelmann-Fans ergooglen kann.
Und da steht dann ihr ganzes Leben vor einem. In alten Zeitungsberichten über ihre Aktivitäten, über Baumbesetzungen und Luftgitarreturniere.

Wir wissen, wer sie sind und was sie im Bett machen. Einfach so.

Von Anfang an wurde als sicher hingestellt, Kachelmanns Karriere sei nun – wie die von Andreas Türck – ruiniert. Dabei ist das Karriereende durch Enthüllungen alles andere als ein Naturgesetz. Hugh Grant, dessen Filmimage als schüchterner, leicht verschrobener und sexuell unbedrohlicher Mann mit Rehaugen heftig herausgefordert wurde durch den Umstand, dass er von der Polizei dabei erwischt wurde, wie er in einem Auto von einer Prostituierten fellationiert wurde, sagte gerade erst im Guardian, das Publikum gebe einen Scheiß auf das Image. „Ich wurde mit einer Hure verhaftet und sie sind immer noch in meine Filme gegangen. Die Leute interessiert nur, ob der Film unterhaltsam ist oder nicht.“

Nein, die Idee, es gäbe irgendwelche Zwangsläufigkeiten im Rahmen und in Folge eines moralischen Skandals, ist absurd. Der Zuschauer mag streng sein, aber konsequent ist er nicht.

Der Effekt der medialen Grenzüberschreitung ist ein anderer: Den Menschen wird ihr Ureigenstes genommen. Ein Huhn, wenn man es denn lässt, legt seine Eier gern in Abgeschiedenheit. Nicht, weil es in der Hühnercommunity verpönt wäre, Eier zu legen. Einfach so. Gefällt ihm halt besser.
Und ein Mensch zieht sich für den Geschlechtsverkehr zurück. Das ist in jeder menschlichen Gesellschaft so, das war in jeder menschlichen Gesellschaft, die es jemals gegeben hat, so: Der Mensch hatte eine Intimsphäre.

Jeder berührt schonmal Geschlechtsorgane mit dem Mund. Verfassungsrichter, Minister, Bischöfe, ebenso Verfassungsrichterinnen, Ministerinnen und Bischöfinnen.
Aber wir verhalten uns so, als täten wir es nicht. Ist eine menschliche Macke.
Das öffentliche Leben (und damit zunehmend: das Leben) ist ein moralisches Versteckspiel: Wer erwischt wird, muss büßen, die Strafe ist die Offenlegung aller eigentlich gar nicht schändlichen Taten.
Stünde morgen früh in der Bild-Zeitung „Günther Jauch hat Sex mit seiner Frau“, wir alle würden während der nächsten „Wer wird Millionär“-Folge betreten zu Boden blicken.

Es geht eben nicht um die Konsequenzen, die der Einbruch in die Privatsphäre für den Betroffenen hat, der Einbruch selbst ist das Verbrechen.

Denn ohne Intimsphäre keine Liebe.

„Aber was denn, was denn? Was heißt denn hier Liebe? Ist nicht Kachelmann ein haltloser Narzisst, dem Liebe völlig fremd ist?“
Woher haben Sie denn diese Information?
„Na, aus einem Nachrichtenmagazin!“

Der Focus zitierte aus dem Gutachten der Psychologin Luise Greuel, die Tat decke sich mit der Reaktion eines ausgeprägten Narzissten, der aufgrund einer Kränkung seiner Wut freien Lauf lässt.
Per Mail fragte ich Greuel, die eigentlich lediglich die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin zu begutachten hatte, ob es üblich sei, einen von ihr nicht untersuchten Angeklagten zu beurteilen. Ihre Assistentin schrieb mir daraufhin, „Frau Prof. Dr. Greuel“ werde „sich nicht zum Verfahren gegen J. Kachelmann gegenüber der Presse äußern. Bitte haben Sie dafür Verständnis und sehen von weiteren Anfragen ab.“

Diese Verweigerung Greuels für Klärung zu sorgen, passt zu diesem Fall: Jedes Gerücht kann gestreut, jede Mutmaßung rumgemeint werden. Jedes Käseblatt bietet psychologische Ferndiagnosen, jeder Mensch, der Kachelmann einmal eine Gurke verkauft hat, kann in der Zeitung ein psychologisches Gutachten über ihn verfassen. Aber Tatsachen? Ja, die gibt es, aber die sind langweilig und damit irgendwie doof. So ein Prozess ist schließlich lang und die einzig seriöse Meldung wäre: Viel wird nicht mehr passieren. Aber Medien sind ungeduldig wie kleine Kinder und grenzüberschreitend wie sehr nervige Eltern, die nicht mitbekommen haben, dass es einen Grund gibt, dass man ab und an das Zimmer abschließt. Störe ich? Ich bin von der größten deutschen Zeitung und möchte möglichst viele möglichst private Fotos von dir auf unserer Titelseite haben.

„Aber ist er nicht ein Narzisst? Immerhin ist die Frau Psychologin und haben nicht Bushman, Donacci, van Dijk und Baumeister (2003) durch drei Studien bestätigt, dass Narzissten eine höhere Neigung zur sexuellen Gewalt haben, wenn sie glauben, auf den Sex Anspruch zu haben, wenn es also erst eine Verbindung gibt und dann eine Zurückweisung?“

Wenn Sie ein kleines Kind haben, dann wissen Sie, wie es mit einem Narzissten ist: Kleine Kinder sind besitzergreifend, charmant, trauen sich alles zu, können fast nichts, würden für Aufmerksamkeit ohne zu zögern in die Steckdose pinkeln und drehen völlig durch, wenn man sie im Einkaufswagen am Schokoladenangebot vorbeifährt.
Das ist narzisstischer Zorn: Der Glaube, auf etwas Anspruch zu haben – und dann ohne Rücksicht auf Verluste auszurasten.

„Oh mein Gott! Aber GENAU DAS ist es doch!
Kachelmann glaubte aus der Vorgeschichte, er habe ein Anrecht dazu und deswegen hat er …! Stoppt die Maschinen, wir müssen es allen sagen: Wir haben das Schwein!“

Die Sache hat eben nur ein, zwei Haken: Wir haben keine Ahnung, ob Kachelmann ein Narzisst ist, es gibt auch überhaupt keine Möglichkeit, das sicher zu testen, weil es zwar einen Persönlichkeitstest (Narcisstic Personality Inventory) gibt, mit dessen Hilfe man narzisstische Eigenschaften abfragen kann, dieser aber nicht zum Ergebnis hat, dass man ab einer bestimmten Punktzahl Narzisst wäre. Narzissmus kann ausschließlich im Rahmen einer Behandlung diagnostiziert werden. Nicht jedoch dadurch, dass man mit der Ex spricht. Dann wäre jeder Narzisst. Der zweite Haken: Selbst wenn er ein Narzisst wäre, hätten wir keine Ahnung, ob er aus narzisstischem Zorn heraus gehandelt hat – wir wissen ja eben nicht, ob er überhaupt gehandelt hat (hier beißt sich der Hund in den Schwanz). Menschliches Verhalten ist schwerer vorherzusagen als das Wetter und Psychologie ist eben keine Mathematik.
Der Focus-Artikel mit dem Gutachten-Auszug ist nicht einfach nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, er ist nicht die Luft wert, die der Praktikant beim Abtippen der Gutachtenpassagen geatmet hat.
Und doch glaubt seitdem jeder, dem Nebensätze zu verwirrend sind, er wisse genau, was in Kachelmanns Psyche los sei.

„Aber ist Kachelmann nicht ein Schwein?
Das doch wenigstens?
Sagte nicht Schwarzer, „der Angeklagte“ lebe „in einem pathologisch anmutenden Gespinst aus Lügen“? Sagte sie nicht, damit verletze er die Menschenwürde der Frauen?
Reicht das nicht?“

In Deutschland verbietet § 30 Absatz 1 Satz 3 der Straßenverkehrsordnung „unnützes Hin- und Herfahren“. Fährt man beispielsweise ohne Notwendigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften eine Strecke mehrmals ab, kann das mit einem Bußgeld von 20 Euro bestraft werden.
Es ist dagegen völlig legal, jemandem das Herz zu brechen.

Gottseidank.

Die meiste Zeit der menschlichen Geschichte war Vergewaltigung nichts anderes als eine Art Eigentumsbeschädigung. Man gab dem Vater des Mädchens, das man geschändet hatte, ein paar Münzen, schlimmstenfalls musste man es, wie noch heute in ländlichen Gegenden der muslimischen Welt üblich, heiraten.
Knaben und Mädchen waren völlig schutzlos dem sexuellen Begehren ausgesetzt. Erst nach und nach sickerte im Lauf der Jahrtausende ins Bewusstsein zunächst der europäischen Gesellschaften, dass Kinder eine Schutzsphäre benötigen und es dauerte von da an noch einige hundert Jahre, bis Vergewaltigung nicht mehr einfach unsittlich war, sondern ein Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Nie gab es in einer menschlichen Kultur so wenige Vergewaltigungen, so wenig sexuelle Gewalt gegen Kinder. Was Frauen und Kinder schützt, ist nicht die individuelle Moral der Männer. Der Schutz besteht, weil wir unter der Herrschaft des Rechts leben. Unser Staat garantiert mit effektiven Mitteln die sexuelle Selbstbestimmung (die Aufklärungsquote bei Verbrechen gegen diese Selbstbestimmung liegt in Deutschland bei etwa 80%). Diese Idee der sexuellen Selbstbestimmung hat sich aus dem Gedanken der Menschenwürde entwickelt. Ebenso aus diesem Gedanken entstammt die Idee der unverletzlichen Privatsphäre.
Es ist ein Bärendienst der schlimmsten Sorte, wollte Schwarzer in Zusammenarbeit mit der Bild diese zivilisatorische Errungenschaft zurückdrehen und aus der absoluten Unverletzlichkeit der Intimsphäre eine Art Belohnung für Wohlverhalten machen. Gehen wir barbarisch um mit einem Mitglied, wird die Gesellschaft barbarischer. Und unter der Barbarei leiden letztlich immer die körperlich Schwächsten.
In einer Gesellschaft, in der Bild und Bunte die Regeln aufstellen, wäre die sexuelle Sicherheit des Einzelnen eher nicht größer.

Keine der betroffenen Frauen wird die Angelegenheit für sich angemessen deuten können, wenn sie sich daran festklammert, von einem quasidämonischen Erzschurken manipuliert worden zu sein. Nicht, weil er so maßlos geschickt wäre, wie immer wieder suggeriert wurde, waren sie ein Paar (und noch ein Paar und noch ein Paar). Sondern weil sie überhaupt keinen Instinkt dafür hatten, was eine Beziehung überhaupt sein kann.

Nun in eine Opferhaltung zu verfallen, wäre eine Sackgasse der Emanzipation. Eine Sackgasse, in die Schwarzer den Feminismus geführt hat. Dort, wo es Nähe gibt, kann es Verletzungen geben. Und die fügen sich Frauen und Männer in schöner Gleichberechtigung zu. Eine freie Gesellschaft verlangt auch etwas von einem.
Dass man weiß, was man will.
Dass man sagt, was man will.
Eine freie Gesellschaft versetzt einen aber auch in die Lage, für diese beiden schwierigen inneren Vorgänge überhaupt Worte zu finden. Aber wir sind eben völlig unaufgeklärt. Hilflos, spießig, betrügerisch, verklemmt, verlogen wie unsere Großeltern.
Wir haben heute, über vierzig Jahre nach der sexuellen Revolution, immer noch eine Sexualität, die Sieger und Verlierer produziert.
Weiter weg von freier Liebe waren wir lange nicht mehr. Da kann man sie noch so sehr an die Öffentlichkeit zerren.


11
Dez 13

Angezogen hast du mich mehr angezogen* *und andere Standardsituationen der Liebe

Seit etwas mehr als drei Jahren beantworte ich im Magazin der Berliner Zeitung Leserfragen zur Liebe.
Seit etwas mehr als drei Jahren glaubt jeder (und zwar ausnahmslos), der sich über mich erregt, er habe meinen wunden Punkt erwischt, wenn er auf meine Kolumne hinweist.
Was mich unbesiegbar fühlen lässt.
Denn was könnte schöner sein, als immer mal wieder über die Liebe nachzudenken?
In meinem Leben war Liebe wichtiger als Schulnoten, als mein Studienfach, als die Restaurants, in denen ich war, oder meine Reisen.
Die Kolumne war nie so angelegt, dass ich als Experte den Leuten sage, wo es langgeht. Liebe ist verdammt rätselhaft, weswegen es in den drei Jahren auch tatsächlich nicht langweilig geworden ist.
Warum ruft er nicht an? Warum schläft sie nicht mit mir? Soll ich mir die Schamhaare abrasieren?
Wer das banal findet, der kann zurück in den Keller und über Marx und das Universum nachdenken. Um dort herauszufinden, dass Marx und das Universum jeden Tag über die Liebe nachdenken.

Ausgedacht habe ich mir die Kolumne zusammen mit Anja Reich, einer wunderbaren Journalistin, die wesentlich mehr Spielraum gibt für Spinnereien, als es bei großen Zeitungen sonst üblich ist. Mittlerweile (Anja ist in New York) betreut die Kolumne Rudolf Nowotny, ein junger Redakteur, mit dem man über zehn Mails hinweg an Übersetzungen tüfteln kann.

In der kommenden Woche erscheint die Kolumne nun als Buch. Am 29.1. findet die Premierenlesung im Babylon statt.
Juliane Schindler und Stephanie Kratz von Kiepenheuer&Witsch sind mit unglaublicher Akribie noch einmal über alle Texte gegangen, wir haben zusammen ein paar Glättungen vorgenommen und eine Struktur in das gesamte Buch gebracht, so dass sich die Kolumnen nun ganz neu lesen.
Ich freue mich wie eine kleine Elfe mit Propeller im Hintern und bedanke mich bei allen, die sich mit ihren Fragen an mich gewandt haben.

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08
Nov 13

Eine gefälschte Liebe

Jakob war mit einer Frau zusammen, die es so nicht gibt. Für das SZ Magazin habe ich die Geschichte erzählt. Und obwohl ich mich bemüht habe, zu erklären, wie das geschehen konnte, wie es ihm gelang, auf sie hereinzufallen, was sie dazu trieb, die Geschichte immer weiter zu spinnen, ist es spannend, hier etwas mehr ins Detail zu gehen.
Die erste Frage ist natürlich, warum die beiden nicht etwa einfach geskypet haben. Da behalf sich Louisa meist schlicht mit Ausreden. Kamera kaputt, zu müde, sieht gerade nicht so gut aus, sie versteht das neue Gerät noch nicht.

Beim Lesen der Messages, die die beiden sich geschrieben haben, gibt es immer wieder Stellen, an denen man denkt: Jetzt muss Jakob es doch merken. Etwa als Louisa ihm erzählt, sie käme mit ihrem neuen iPad noch nicht zurecht, das alte sei in New York fünf Stockwerke heruntergefallen, deshalb habe sie es umtauschen müssen.

ist mir in ny aus der hand gerutscht und etwa 5 stockwerke durch treppenhaus gerauscht….
ich hörte immer klong, kong, klong… hahahaha

Wie zum Teufel soll ein Gerät auf die Weise fallen?

Jakob, der sich mit allem, was mit Technik zu tun hat, gut auskennt, weiß darüber hinaus sogar, dass Apple keine auf diese Art beschädigten Geräte umtauscht. „Das geht nicht sowas und ging noch nie!“, schreibt er.

Worauf sie antwortet:

und wie erklärst du dann, dass ich jetzt ein neues habe, nichts bezahlt habe und statt schwarz weiß?
also, eingeschweißt war das nicht, sondern irgendein überholtes… aber optisch halt neu warum sollte ich dir denn jetzt quatsch erzählen?

Tja. Warum sollte sie so einen Quatsch erzählen? Ich denke, dass diese Frage im Text hinreichend beantwortet wird. Was man gedruckt gar nicht recht darstellen kann, ist der ungeheure Aufwand, den die Fakerin betrieben hat. Sie stellte sich Jakob als äußerst generös dar, weshalb sie eine Charity erfand. Sie sagte aber nicht einfach “Übrigens, ich habe eine Charity, aber lass mich darüber nicht zu viele Worte verlieren. Sie schrieb beispielsweise diese Mail, in der sie die Gründungsgeschichte ihrer Charity erzählte.

Weihnachts-Charity

Alles fing an einem waaaaahnsinig langweiligen, trostlosen Tag in London an.
Samstag, 6. Dezember 2008.
Nikolaustag!
Kurz vor die Wohnungstür geschaut… Ok, der kleine Bruder hat vergessen meinen Stiefel mit Leckereien zu bestücken, von einem kleinen Geschenk sprechen wir mal lieber gar nicht. Ich könnte schwören, Mami hat ihm noch ‘ne Sms geschickt. Wieso bin ich gestern Nacht noch einmal um den Hyde Park gefahren, um ihm ein Geschenk vor die Tür zu stellen?! Ok, bei ihm stand kein Schuh… Trotzdem bin ich wohl die große, brave Schwester.

Ein Blick aus dem Fenster. Schöne weiße Stadtvillen, wohin man sieht… Es hilft nicht, um mich zu erheitern. Nebel… Hier und da etwas Schneematsch am Straßenrand. Dunkle Bäume… unheimlich. Überhaupt ist alles düster. Es ist 10 Uhr und es sieht schon wieder aus wie 18 Uhr. Total trostlos!

Shoppen? Fällt aus, ich hab alles!

Anja anrufen! Werde angemault, es wäre bei ihr 5 Uhr morgens! Okok… Hab nicht an die Zeitverschiebung zu NY gedacht. Neige vor Langeweile schon wieder dazu, meine guten Vorsätze für 2009 (wurde im Laufe der Zeit auf 2013 vertagt!) “Ich werde nicht mehr so planlos und chaotisch sein” über Bord zu werfen. Wie gut, dass ich noch ein paar Tage Zeit habe bis 2009, die endlos lange Liste am Kühlschrank auswendig zu lernen!

Sara anrufen. Zürich 11 Uhr!
“Was fällt Dir ein, am Samstag so früh anzurufen?! Ich hatte gestern Weihnachtsfeier!” Tut… Tut… Tut…
Jaja, ist ja gut… Wieder der gleiche Fehler! Nicht nachgedacht…

Hmmm?! Daniel an den vergessenen Nikolaus erinnern? Nö, noch so ein kurzes Gespräch? Kein Bock drauf.
Werde jetzt langsam schlauer und mein Gehirn kommt, nach anfänglichen Startschwierigkeiten am Morgen, auf Trab.

Wahnsinn! Ich kann mit Urlaub einfach nichts anfangen. Bis zum 12. Januar 2009. Zwangsurlaub! Vom Chef angeordnet, weil ich soviel gearbeitet habe. Erst am 20. Dezember geht’s zu Opa in die italienischen Berge. Lange Zeit noch. Was nun? Jetzt schon mal Koffer packen?
(…)
Jeden Tag kennt er bis heute neue Streiche. Allerdings gilt er jetzt nicht mehr als schwer erziehbar. Wir haben uns gegenseitig unsere Liebe erkauft. Ich darf ihn knuddeln, kuscheln und knutschen wann ICH will und er darf bei mir bleiben und seinen Schabernack treiben. Ein Abkommen sozusagen. Er ist ein Goldstück! Mittlerweile kennt er von der Welt fast soviel wie ich, er liebt seine Hundetasche, weil er weiß, dass er dann wieder irgendwo mit mir hinfliegt.

Die frische Luft tut gut. Und während ich den kleinen Racker beobachte, wie er einen Labrador ärgert, frage ich mich:

Was würde ich nur ohne ihn machen?Was wäre aus ihm geworden, wenn ich ihn nicht aus dem Tierheim geholt hätte?
Wäre er immer noch da?
Wäre ein anderer lieber Mensch ins Tierheim gefahren und hätte sich für diesen Frechdachs entschieden?

Habe das Bild noch vor mir, wie er da traurig neben einem leeren Freßnapf im Zwinger saß. Überall Dreck! Ein Loch war dieses Tierheim. Es stank, war dreckig… Total eklig. Erbärmlich. Naja, die haben halt kein Geld, um da…

Kein Geld… Kein Geld?

Gute Idee, ich fahre jetzt zu Papa!
Nein, nicht um um Geld zu betteln. Er kennt sich mit Baukosten aus.
Warte ich noch etwas, bis er in Ruhe gefrühstückt hat? Seine neue Freundin kann mich nicht leiden, vielleicht sollte ich sie milde stimmen, wenn ich da jetzt reinplatze… Ach was, einen Tee wird sie mir ja wohl auch machen können mit ihren 29 Jahren. Ja, richtig! Sagt nichts dazu!
Mehr als Frühstück bekommt die auch nicht hin. Das erste und letzte Dinner bei ihr war grobe Körperverletzung.
Egal, ich fahre jetzt los.

Ich bin nicht willkommen, das spüre ich schon beim Durchfahren des Gartentores. Sie ist noch dünner geworden, ich komme mir fett vor.
Dafür bin ich mit mir im Reinen, während sie chronisch unzufrieden und schlecht gelaunt ist. Also, besser keine Diät für mich!

Statt “Guten Morgen” kommt ein “Kannst Du sowas nicht mit ihm im Büro klären?”

Ich muss kurz überlegen. “Nein, das ist nicht möglich. Ich arbeite nämlich auch, im Gegensatz zu Dir, die es vorzieht das Geld anderer Leute zu verprassen, während ich für meine Birkin Bag hart gearbeitet habe!”
Ja, richtig, genau genommen, es beruht auf Gegenseitigkeit. Wir hassen uns! Herrlich, jetzt ist Ruhe und wir können uns den wichtigen Dingen des Lebens widmen.

Papa ist Feuer und Flamme von meiner Idee!
Ok, um das Tierheim wieder in Schuss zu bringen, benötigen wir etwa 50.000 Britische Pfund, wenn er die Handwerker stellt und einen großen Teil der Arbeitszeit spendet. Außerdem würde er auf seine Kosten einen zusätzlichen neuen Trakt bauen, damit die Tiere nicht mehr so zusammen gepfercht sind. Er machte eine Kostenaufstellung und noch am Abend verschicke ich die ersten E-Mails.

Wer von meinen Freunden hat Geld und davon zuviel? Ich weiß, so schrieb ich es natürlich nicht. Aber ähnlich.

Am Montag bin ich bei der Bank und richte ein neues Konto ein. Meine Spende ist die erste darauf und hoffe, dass sie schnell Zuwachs bekommt.

Am Dienstag ein Blick auf das Konto. Kein Pfund mehr drauf!

Am Mittwoch… Hm! Nix!

Nein, ich werde nicht bei meinen Freunden betteln. Die werden schon irgendwann merken, wie schlecht es sich mit einem harten Herz lebt!

Donnerstag traue ich mich schon nicht mehr nachzuschauen.
Hoffentlich bekomme ich wenigstens ein paar Zinsen.

Nachmittags ein geschäftlicher Termin mit einem meiner Models. Während wir so einen Vertrag ausarbeiten, muss ich plötzlich schmunzeln. “Ok, Anja, ich kenne Dein Bankkonto fast so gut wie meins. Ich ändere den Vertrag nur, wenn Du eine Spende locker machst!”

Seit dem Tag wuchs das Konto. Und wuchs. Und wuchs.

Jetzt hatte ich den Dreh offenbar raus! Traurig hatte ich jedoch im Hinterstübchen, wieviel Geld ich mir erpressen und wieviel Zeit und Arbeit ich investieren mußte, um die Leute wachzurütteln.

Am Freitag, den 19. Dezember 2008, einen Tag vor Abflug in meinen jetzt wohlverdienten Weihnachtsurlaub, schloss ich das Konto und ich konnte die frohe Mitteilung verfassen, dass wir das Geld für die Umbaumaßnahmen des Tierheims locker zusammen hatten.
Es war soviel, dass ich spontan beschloss, das übrige Geld in Massen an Kinderklamotten und Spielzeug zu stecken und diese Sachen ins Kinderheim bringen zu lassen. Außerdem organisierte ich einen Weihnachtsmann, der diese Sachen noch am Heiligabend dort verteilen sollte.

Ich wurde belohnt, mit einer Karte, wo einfach nur in großen Buchstaben DANKE stand und mit unzähligen gemalten Bildern der Kinder und Fotos, wie sie mit glänzenden Augen um den Weihnachtsmann sitzen, der spontan beschloss noch Weihnachtsgeschichten vorzulesen.
Wie sie Geschenke auspacken und die neuen Klamotten anprobieren. So rührend, dass ich ganz schön Pfützchen in den Augen hatte. Da bedarf es keinem Dankes-Schreiben der Kinderheim-Leitung. Das war Dank genug!

Ich verschickte Fotos mit einer Dankes-E-Mail an die edlen Spender und siehe da, ich bekam tatsächlich Antworten, ob wir das im nächsten Jahr wieder machen. Der Damm war gebrochen!

Was am 6. Dezember 2008 im mehr oder weniger privaten Rahmen begann, war im folgenden Jahr schon wesentlich organisierter, wurde zeitlich viel früher in Angriff genommen und weitete sich vom 2. November bis 23. Dezember 2009, von unserer Agentur in London über New York, nach Paris und Mailand aus.

Ich wollte, neben der Spendenaktion, ein Plätzchen Backen veranstalten. Was 2009 noch mit 4 Models und meiner Wenigkeit im Kinderheim stattfand, mußte aus Platzmangel 2010 ausgelagert werden. Aber wohin? Denn mittlerweile findet das Plätzchen Backen in allen Londoner Kinderheimen statt. Außerdem in NY, Paris und Mailand.

Einen herzlichen Dank somit an die Luxushotels Four Seasons Park Lane in London, Fairmont Hotel The Savoy in London (seit 2011), Hotel Mandarin Oriental in New York, Four Seasons George V in Paris und Four Seasons Hotel Milano, wo seit 2010 jährlich am 2. Adventswochenende sämtliche Bankett-Räume und Großküchen zum Plätzchen backen für die 4-8 jährigen kleinen Kinderheim Bewohner gesperrt sind. Mein größter Respekt gilt dem Personal, was mit Engelsgeduld stundenlang zu Hilfe ist und Bleche voller Plätzchen einsammelt und backen läßt. Dafür sorgt, dass die richtigen Plätzchen wieder beim richtigen Kind landen, beim Verzieren unterstützt, die Kekse zum Mitnehmen mit verpackt und und und… Außerdem mein großer Respekt an die Putzkolonne. Wer einmal mit kleinen Kindern Plätzchen gebacken hat, weiß wovon ich rede und wo danach überall Mehl, Teig und Zuckerguss klebt und wo man nach geraumer Zeit immer noch irgendwo kleine bunte Perlen, Pistazien- und Haselnuss-Stückchen, Schokostreusel und Sternchen findet. Ich bin selbst in London immer dabei und spreche von einem Ausnahmezustand, wenn ca. 80 Kinder backen!

Mein nächster Dank geht an die verschiedenen Theater und Musicals, die Sondervorstellungen geben für die 8-17 jährigen Kinder.

Harrods, welches immer ein Schlaraffenland an Kinderklamotten, Spielsachen und leckeren Weihnachtssüßigkeiten zur Verfügung stellt. DANKE, da möchte ich wieder Kind sein!

Puuuh, gar nicht so einfach so einen Text zu schreiben, ohne totaaaaal langweilig zu werden.

Ich versuche mich kürzer zu fassen, muss ja auch alles auf eine Doppelseite einer Zeitschrift passen, inkl. Fotos.

2009 kamen Spenden in Höhe von 321.000 GBP zusammen. Es wurde eine neue Küche im Kinderheim in London gebaut und das Bettenhaus wurde renoviert, außerdem eine Schule in Südafrika unterstützt. Vielleicht sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass unsere Spenden 1:1 ohne irgendwelche Abzüge auch wirklich verteilt werden.

2010 stieg unser Konto auf sage und schreibe 972.631 GBP, was mein Chef großzügig auf 1.000.000 GBP aufrundete.

Die Sache begann mir über den Kopf zu wachsen. Wohin mit dem Geld?

Papa konnte ich nicht mehr um Rat fragen. Er starb Anfang 2009 an einem Herzinfarkt. Mami’s Rat aus Zürich war irgendwie nicht so richtig hilfreich. Also Opa fragen, der sich irgendwann mal die Berufsbezeichnung “Geschäftsmann” verpasste. “Kind, Du hast den Verstand Deines Vaters und das Herz Deiner Mutter bekommen. Du wirst das schon richtig entscheiden.” Na, dann ist ja alles gut! Und nun? Nächtelang keinen Schlaf, wer konnte auch ahnen, dass meine Models plötzlich immer spendabler wurden.

Ich wollte das Geld nur für Kinder!!
Hatten meine Eltern, meinem Bruder und mir, nicht schon früh beigebracht, dass es nicht allen Kindern so gut geht wie uns?

Ich verteilte das Geld an 3 große Organisationen für Kinder, Kranke Kinder und die Forschung.

Der größte Fehler meines Lebens! Ja, auch das muss man lernen, sich mal einzugestehen. Denn ich hörte nichts! NICHTS!!! Außer einem Kontoauszug, wo besagte 3 Beträge abgingen und 3 Spendenbescheinigungen, die mich einen Dreck interessierten, hatte ich NICHTS!!

Ach, falsch, im November 2011 erhielt ich 3 Schreiben, wie es denn mit einer erneuten Spende aussehen würde.

Auf keinen Fall! Ich sehe ein, dass man jeden Penny in eine Forschung von schweren Krankheiten stecken sollte, aber hier hätte ich zumindest ein DANKE erwartet.

Das Ende 2011 kam in großen Schritten auf mich zu und diesmal überlegte ich mir vorher schon eventuelle Empfänger unserer Spenden. Man wird ja schlauer mit der Zeit. Sollte der Betrag auf meinem Konto dieses Jahr kleiner ausfallen, müßte man halt später Prioritäten setzen.

Allerdings ahnte ich schon, anhand der Anfragen auf den Fashion Weeks im Herbst, dass dieses Jahr alles übertreffen würde. Es hatte sich zu diversen Designern und Models anderer Agenturen herumgesprochen.

15.000.000 US Dollar!!!

Wir haben uns vorbehalten, diesen Betrag auf unserem Konto zu belassen. Für mich! (Kleiner Scherz!)
Nein, neben den Londoner Kinderheimen und dem Kinderkrankenhaus, die immer großzügige Spenden erhalten und die mir persönlich besonders am Herz liegen, haben wir uns bei verschiedenen Institutionen erkundigt, was für welchen Betrag gemacht werden kann/muss und hinterher Rechnungen beglichen. Ein großer Aufwand, jedoch sehr effektiv und unser 1:1 Prinzip trat wieder in Kraft.
Der größte Betrag ging jedoch an das Hadassah Medical Center in Jerusalem, eines der besten Forschungs- und Lehrkrankenhäuser der Welt. Meine Cousine Sara wird dort 2013 im Rahmen ihres Medizinstudiums ein halbjährliches Praktikum absolvieren. Dies sage ich jetzt mal so, damit man mir nicht wieder vorwerfen möge, ich hätte ihr das Praktikum erkauft.

Kommen wir zu 2012!!

Aus gesundheitlichen und privaten Gründen, mußte ich mich dieses Jahr leider aus dem Trubel etwas zurückziehen. Ich habe das Zepter bereits Mitte November an meine besten Freundinnen Anja, Camilla und Elisa übergeben. Ich denke, ich habe mich da richtig entschieden und in Anbetracht des Kontos, auf das ich soeben einen Blick werfen konnte, gibt der Erfolg mir recht! Ich muss sagen, ihr macht das noch besser als ich! Den heutigen Stand verrate ich euch nicht, aber es ist: DER ABSOLUTE WAHNSINN!!!!

ICH BIN STOLZ AUF EUCH!!!

Eure Loui

P.S. Sehr gern hätte ich alle Spender hier aufgeführt, aber dafür müßte eine bekannte Zeitschrift wohl noch eine 3. Seite sponsern….

Wer würde sich so etwas ausdenken?

Die Fälschung war alles andere als perfekt. Bilder von verschiedenen Frauen, das ganze Profil wirkte seltsam steril. Als ich es das erste Mal sah, dachte ich für einen Moment, Jakob hätte seine neue Freundin erfunden. Was Louisa aber perfekt beherrschte, das war das Umschalten von devot zu aggressiv. Mal redete sie ihm nach dem Mund, dann, beim kleinsten Anzeichen von Skepsis auf seiner Seite, wurde sie schneidend und brutal.
Pickup Artists lernen das in Kursen. Manche Leute lernen es in ihrer Kindheit. Es ist tatsächlich eine tieftraurige Geschichte. Jakob hat sie an einer Stelle fast das Leben gekostet*. Und die Frau hinter Louisa hat wohl schon lange keins mehr.

*Als Louisa ihn Weihnachten hängen ließ, war er so verzweifelt, dass er kurz darüber nachgedacht hat, Pillen zu schlucken, ich will das gar nciht dramatisieren, es war ein Moment.


07
Nov 13

Aufhören!

Vor etwa fünf Monaten habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich lag im Bett mit schwerem Schnupfen und ebenso schweren Gliedern, ich konnte sowieso nicht rauchen, also ergriff ich die Gelegenheit: Ich ließ es einfach bleiben. Ich hörte nicht so sehr auf wegen Lungenkrebs. Ob ich mit 75 an Krebs sterbe oder ein paar Jahre später an Alzheimer, das treibt mich nicht um, beides hat seine unschönen Seiten. Ich hörte auf, weil ich nicht mehr schmeckte, was ich aß. Und man kann ja nun sein Leben nicht in den Dienst der Lebensfreude stellen, wenn man nicht in der Lage ist, Mousse au Chocolat von Hackepeter zu unterscheiden.

Was den Schwierigkeitsgrad des Aufhörens angeht, gilt der Nikotinentzug als der Gewaltmarsch unter den Entzügen. Auf dieser Entzugsskala ist das Aufhören mit dem Nägelkauen ein Spaziergang an einem lauen Sommerabend, das Aufhören mit dem Heroin ein 5000 Meter-Lauf, das Aufhören mit einem Partner, der Tricks im Bett kann, liegt knapp darüber. Aber außer dem Alkoholentzug, bei dem man sterben kann (der Körper kann durch das Aufhören so in Panik geraten, dass das Herz sich aus Selbstschutz geradezu in die Luft sprengt), ist der Nikotinentzug also die Königsdisziplin des Aufhörens. Was zur Folge hat, dass man sich, wenn es mit dem Aufhören gut läuft, fühlt wie Leonardo diCaprio am Bug der „Titanic“.

Die ersten zwei Wochen lang hatte ich Magenschmerzen. Statt wie Leonardo diCaprio fühlte ich mich wie Ottmar Hitzfeld. Ich war reizbar, launisch und sexuell unentschlossen, ich bekam die Haut eines Pubertierenden und hustete, ich hustete, als hätte ich angefangen mit dem Rauchen. Recherchen bei Google ergaben, dass die Flimmerhärchen, die die Lunge reinigen, durch die Zigaretten abgebrannt worden waren und erst jetzt wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten. Ich rotzte also die Ergebnisse von sechzehn Jahren Rauchen Morgen für Morgen in das Waschbecken und fühlte mich nun nicht mehr wie Ottmar Hitzfeld, es ging mir eher wie Saddam Hussein in dem Moment, als der amerikanische Militärarzt seinen Rachen untersuchte.

Überdosis Kekse mit Schokoladenüberzug

Die Erinnerung an Zigaretten fühlte sich an wie eine verlorene Liebe. Ein Stich, eine nicht vergossene Träne, mein innerer Zustand war Rosamunde Pilcher im Endstadium, mir war nach Weinen zumute und nach einer Überdosis Keksen mit Schokoladenüberzug. Doch ich hielt durch. Und mit den Wochen setzte ein Wandel ein, wie ich ihn nicht für möglich gehalten hätte. Zuerst merkte ich, dass ich keine Kopfschmerzen mehr hatte. Ich merkte sogar jetzt erst, wie oft und wie heftig ich vorher Kopfschmerzen gehabt hatte. Die Schmerzen waren zu meinem normalen Kopfgefühl geworden. Und ich schlief besser ein, so gut schlief ich ein, dass ich zum ersten Mal seit meinem zehnten Lebensjahr vor Mitternacht einschlief, ich ruhte auf einmal acht statt fünf Stunden, ich war so frisch und lebendig wie eine Punica-Werbung. Das letzte Mal, als mein Körper solche Veränderungen durchmachte, sind mir Schamhaare gewachsen.

Das Aufhören ist das Schöpfen des kleinen Mannes, dachte ich. Wer wie ich nichts Neues schaffen kann, der erzwingt Wandel eben einfach durch Verzicht. Sollte sich das, was immer meine größte Schwäche gewesen war, als meine größte Stärke erweisen? So lange ich mich erinnern kann, war ich ein Quitter, ein Hinschmeißer: kein Durchhaltevermögen, nur bedingt abwehrbereit. Musikalische Früherziehung: frühzeitig abgebrochen. Blockflötenunterricht: geschmissen. Klavierunterricht: nie über Muzio Clementi hinausgekommen. Um nicht beim Schwimmunterricht in der Schule mitmachen zu müssen, bin ich zum Amtsarzt gegangen mit der Behauptung, eine Chlorallergie zu haben.

Der Amtsarzt wusste genau, was für ein Exemplar er da vor sich hatte, brummte aber bloß: „Aber wähl bitte nicht in der Oberstufe Schwimmen.“ Ich habe es sogar geschafft, mit Mathematik aufzuhören, obwohl der Kurs verpflichtend war, es war in diesem Fall allerdings nur eine innere Kündigung. Dass ich mit dem Jurastudium aufgehört habe, hat schließlich ermöglicht, dass ich Autor geworden bin. Aufhören kann ich richtig gut. Und es hat mir viel Freude gemacht. Gut, ich kann auf Abendveranstaltungen nicht lässig zum Klavier schlendern und Chopin spielen, aber das, was ich an Überredungskunst bei meinen Eltern aufwenden musste, um mit all dem aufhören zu können, war genug Training, um Chopin kompensieren zu können.

Zum ersten Mal seit der Zeit, als im Fernsehen noch „Die Pyramide“ lief, war ich eins mit dem Zeitgeist. Ich hatte Verzicht geübt und wurde reich belohnt. Um noch mehr eins zu werden, fuhr ich mit meiner Freundin an die Ostsee. Natürlich in ein Biohotel mit Sternen, so eine Art Manufaktumkatalog unter den Hotels. Tagsüber fuhren wir Rad, abends brachte uns der Kellner Grüße aus der Küche und erzählte, sein Heilpraktiker habe ihm gegen sein Burnout-Syndrom empfohlen, seine Wut in die Wellen zu schreien. Der Kellner war natürlich eigentlich Sommelier und aß manchmal Sand, um seine Geschmacksnerven zu trainieren, und ich hatte eine neugewonnene Lebenserwartung von etwa 90 Jahren. Ich war eine Prenzlbergmutti, hätte irgendwo Laub gelegen, ich wäre mit meinen Füßen durchgefahren und hätte es fliegen lassen.

Alle so gesund hier

Dann las ich in einem nachhaltigen Strandkorb das neue Buch von Michel Houellebecq. Der schreibt vom „theatralischen Ton, den die Ober in den mit einem Stern ausgezeichneten Restaurants annehmen, um die Zusammensetzung der „Amuse-Bouche“ und sonstiger „Grüße aus der Küche“ anzukündigen“, was die Hauptfigur an „sozialistische Priester“ erinnert, die eine „andächtige Messe“ wünschen. Es sei das „epikureische, friedliche, gepflegte Glück (…), das die westliche Gesellschaft den Angehörigen der Mittelschicht gegen Mitte ihres Lebens bietet“. Houellebecq, der Hund! Ich blätterte hektisch weiter – tatsächlich: Sex spielte keine Rolle mehr im neuen Houellebecq.

Ich schaute mich um: Alle so gesund hier, alle rotbäckig, gut verdienend, sie würden alle noch mindestens 60 Jahre leben, aber es würde sich anfühlen wie 600 Jahre. Maß halten! Ich war in der Hölle, betrieben mit Solarenergie. Alle hier hatten mit allem aufgehört, mit dem Rauchen, mit der Völlerei, mit dem Ehebruch, mit der lauten Musik, etwas Fleisch noch, ok, aber morgen nur Soja, Wein bloß ein Schluck. Und in der Nacht würden wir alle am Meer stehen und in die Wellen unsere Wut hineinschreien.

Das gute Brot, die gute Luft, das schöne Radfahren und unsere Rockstars sind „Wir sind Helden“. Der nächste Schritt ist unweigerlich die Askese. Auf Wiedersehen „The Bird“, wo ich den besten Burger der Stadt esse, das Rindfleisch so roh, dass die Hufe noch dranhängen, auf Wiedersehen Kater, der mich früher daran erinnerte, dass ich in der Nacht zuvor etwas richtig gemacht hatte, auf Wiedersehen Übertreibung, Ausschweifung. Nur noch eine ferne Erinnerung der heilende Moment, in dem man sich selber nicht mehr im Spiegel sehen kann. Jetzt sind alle im Reinen mit sich, das kann nicht gut gehen.

Wohin es führen kann, wenn eine Gesellschaft mit allem aufhört, was sie rücksichtslos, fordernd, laut und unappetitlich sein lässt, kann man bei den alten Römern studieren. Die hörten auf mit ihren Orgien, mit ihrer Sklavenhalterei, mit ihren Straßenstrichen und ihren Bordellen, in denen man sich vom Blutrausch der Arena erholen konnte, sie hörten auf, die größten Arschlöcher der damals bekannten Welt zu sein – und wurden Christen. Eine neue Welt erblühte, eine Welt der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, eine Welt der guten Werke, in der man den Armen die Füße wusch und in der Sklaven Päpste wurden, eine Welt, in der man ganz nah bei Gott war. Und weit davon entfernt, fließend Wasser zu haben.

Gutmenschen, Schlechtmenschen

Ja, seltsamerweise ging mit dem ganzen Schindluder, den die alten Römer getrieben hatten, auch die komplette Zivilisation den Bach runter. Die christlichen Glaubenskrieger waren zwar gut in Fundamentalismus, aber schlecht in Straßenbau, Architektur, Kunst, Schifffahrt, Hygiene, Geburtenkontrolle (na: da erst recht), sie konnten nicht dichten, nicht denken und eine Ars Amandi hat auch keiner von ihnen geschrieben. Sie hatten aufgehört. Mit allem. Die Christen waren im Grunde das, was man heute den Grünen vorwirft. Gutmenschen, die einen Tugendstaat errichteten, in dem insgesamt weniger los war als in Wuppertals Fußgängerzone an einem Mittwochabend um 21 Uhr. Nun lässt sich mit lauter Schlechtmenschen jedoch kein Staat machen und Gladiatorenspiele machen auch bloß Spaß, wenn die handelnden Akteure keine Familienmitglieder sind.

Der österreichische Kulturphilosoph Robert Pfaller schreibt in seinem neuen Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“: „Ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will, beginnt unweigerlich dem Tod zu gleichen“. Ich bat ihn, mir die Lage der Dinge zu erklären und er sagte, die heutigen Tugendwächter seien tatsächlich Christen, allerdings ohne es zu wissen. Dies habe mit den 1968 entstandenen Bewegungen zu tun, die alle auf ihre Art christlich gewesen seien. Da das Christentum eine „zutiefst ichbezogene, narzisstische Formierungskraft der Psyche“ sei, könne die Verinnerlichungsbewegung so massiv sein, dass sie sich selbst nicht mehr als religiöse Bewegung wahrnehme. Deshalb gebe es Christentum, das von sich selbst nicht wisse. Gibt es also eine kryptochristliche Erweckungsbewegung? Hoffen wir alle auf Wiedergeburt auf einem saubereren Planeten?

„Schöne neue Welt“

Während in „Schöne neue Welt“ sehr akkurat unsere Zivilisation beschrieben ist, wie sie sein wird, wenn wir weitermachen wie bisher, zeigt der 1993 entstandene Film „Demolition Man“ unsere Gesellschaft, wie sie sein könnte, wenn wir aufhörten. Nach Meinung des Internationalen Filmlexikons fehlt es dem Film an „einer halbwegs plausiblen Zukunftsvision“. Eine Kritik, die belegt, dass man beim Internationalen Filmlexikon noch nie von Jonathan Safran Foer, Tipper Gore oder auch von Tippers Mann Al gehört hat.

„Demolition Man“ zeigt eine Zukunft, in der vegetarisch gespeist wird, in der man nicht flucht und in der man dem Klima Wollsöckchen strickt, weil man es so gern hat. (Sex, das nur nebenbei, wird auch recht keusch und berührungslos praktiziert.) Jonathan Foer dürften Sie noch kennen von Ihrem letzten Versuch, keine Tiere mehr zu essen, er lebt ganz gut davon, genau das zu tun und darüber zu schreiben, der Verzicht auf Fleisch als Weg zum Wohlfühlen. Tipper Gore ist für die „Parental Advisory“-Aufkleber auf CDs verantwortlich, da sie die Familienwerte durch Rockmusik gefährdet sah. Und schließlich Al Gore: Der macht uns allen, indem er um die Welt fliegt, deutlich, dass wir durch das Fliegen das Klima beschädigen.

Er ist wie Superman, bloß ohne Privatleben, er ist unermüdlich im Einsatz für Thermometerstabilität und man möchte sich die sarkastischen Finger abhacken für jeden dieser Sätze: Denn schließlich sind wir es ja nicht mit unseren Gefrierkühltruhen und Erfrischungsgetränken, die unter dem Klimawandel am meisten leiden werden, sondern die Ärmsten der Armen. „Wenn ich fertig mit dir bin, sieht dein Loch aus wie Kotelett“, ist ein Auszug aus „Pimplegionär“ von Kool Savas, und ein Satz, den man nicht unbedingt auf dem iPod der achtjährigen Tochter hören möchte, und Tiere, ja mein Gott, die will doch kein Mensch ernsthaft in Transporten durch ganz Europa sehen, in denen ihnen bei lebendigem Leib die Knochen brechen, in denen sie halb wahnsinnig vor Durst dem Verrecken entgegenfiebern. Man will doch ein Huhn als Mitgeschöpf erleben, nicht als Chicken Wing mit süß-saurer Soße.

Die Erde pfeift auf Wälder

Foer und die Gores haben Recht. Man muss mit all dem aufhören, ich gebe bloß zu bedenken: Die Rouladen meiner Mutter, Jay-Z und Fahrten ins Grüne. Foer und die Gores haben Recht. Und sie sind die Pest. Ich fragte Robert Pfaller, wie ich mit meinem persönlichen Dilemma umgehen sollte: Wenn das Aufhören die Wangen doch so rosig macht, aber es mir gleichzeitig hochkommt, wenn ich noch eine einzige PETA-Anzeige sehe. „Nun, wenn es irgendjemandem besser geht, wenn er kein Fleisch isst, dann ist das ja völlig in Ordnung – dann soll er eben ruhig keines essen. Sich dabei aber auch noch einzubilden, dass man dadurch die Welt rettet, finde ich etwas vermessen.“

Was noch schlimmer ist als die andächtigen Aufhörer von meiner Art, sind die moralischen Unternehmer. Das sind die Leute, die professionell anderen Verhaltensnormen auferlegen wollen. Besessene Bekehrer. Zu den wenigen Tätigkeiten, die mehr Vergnügen bereiten als aufhören, gehört eben, andere zum Aufhören zu bewegen. Europa war einmal von Urwäldern bedeckt, die man nach und nach zu Häusern, Schiffen und Brennholz machte. Versuchen die Südamerikaner einen Zivilisationssprung, heißt es: Hört auf, die Lunge der Erde zu zerstören! Die Erde atmet entweder längst nur noch mit einem Lungenflügel, weil wir Europäer den anderen schon vor langem platt gemacht haben, oder die Erde pfeift auf Wälder – ich bin kein Wissenschaftler, nicht einmal besonders häufig im Wald –, aber die meisten Regenwaldretter haben eben auch keine Ahnung. Dafür ein astreines Gewissen. Und was macht man, wenn man ein gutes Gewissen hat? Man verbietet.

Und zwar alles, was sich bei drei noch nicht an einen Baum gebunden hat: Jugendliche dürfen nicht mehr auf die Sonnenbank, versteckte Fette müssen immer einen Personalausweis dabei haben und rauchen darf man in der Öffentlichkeit nur noch, wenn man mal Bundeskanzler war. Der normale deutsche Ordnungsamts-Irrsinn paart sich mit der Prüderie der amerikanischen Internetunternehmen (Apple und Youtube verbieten rigoros Abbildungen von Brustwarzen) und einem Zeitgeist, der merkwürdig geistlos alles als anstößig empfindet, was nicht von der Zeitschrift Ökotest oder Alice Schwarzer als unbedenklich empfohlen wird.

Steuern und Strafen für Dicksein

Rüdiger Suchsland schreibt auf heise.de, wir lebten „längst in einem moralischen Mullah-Regime der feministischen Taliban, die bald Kleidungs- und Gucknormen errichten werden.“ Und Claudius Seidl fügt in der FAZ hinzu, man habe sich ja „schon vom Rauchen und dem Trinken verabschiedet – und dass demnächst die Prostitution und die Pornographie dran sind, ist da nur konsequent.“

Als ich mich bei Robert Pfaller erkundigte, welche der kleinen Alltagssünden wohl als nächste verdrängt werden würden, antwortete er: „Es sind ja jetzt schon mehrere gleichzeitig: Jeglicher außereheliche Sex wird in die Nähe der Vergewaltigung gerückt, die Alkohollimits für Autofahrer werden ohne Grund heruntergesetzt, an Steuern und Strafen für Dicksein wird gearbeitet, ohne Extremsportart kommt man bei bestimmten Bewerbungsgesprächen nicht mehr weiter.“

Man denke nur daran, dass die Affäre des kalifornischen Gouverneurs Schwarzenegger mit seiner Haushälterin oft in einem Atemzug mit der Verhaftung Dominique Strauss-Kahns genannt wurde – in den Köpfen mancher Journalisten scheint Ehebruch tatsächlich ein Verbrechen zu sein. Peter Praschl schrieb im SZ-Magazin: „Man kann keinem Mann über den Weg trauen, keinem einzigen, möglicherweise steckt in ihm der Teufel, man sieht es ihm nicht an.“ Er stellte dort den Fußballer Franck Ribéry, der eine Prostituierte, die erst 17 war, aber – wie sie selbst beteuerte – über ihr Alter gelogen hatte, gebucht hatte, in eine Reihe mit Jörg Kachelmann, den er leichter Hand einfach mal vorverurteilte. Wie wir heute wissen, zu Unrecht. Pfaller sieht nicht die direkten Verbote als die größte Gefahr, sondern den „durch mangelnde Geselligkeit und durch Zerstörung öffentlicher Räume bedingten Verlust der Genussfähigkeit: Man wird uns gar nicht alles verbieten müssen, da wir, unfähig geworden, das meiste von selbst spontan als eklig, politisch fragwürdig, anstößig, unmoralisch und ungesund empfinden und ablehnen werden.“

Abbildungen der Realität

Die Journalistin Iris Radisch ließ jüngst zum zweiten Mal in der Zeit ihrer Abscheu über Pornographie freien Lauf (nachdem sie gerade erst ein paar Monate zuvor ein glühendes Plädoyer für den Vegetarismus gehalten hatte, in dem sie die Frage stellte – und natürlich verneinte – ob wir überhaupt Tiere essen dürften). Radisch sieht es als gegeben an, dass unter Schulkindern Gangbang-Videos verbreitet sind, wobei sie Gangbang mit „Massenvergewaltigung einer Frau“ übersetzt. Nun versteht man jedoch unter Gangbang etwas völlig anderes, nämlich Gruppensex, oder, wie Wikipedia es ausdrückt: Rudelbums. Ausgehend von ihrer Falschübersetzung kommt sie zu dem Schluss: „Schulkinder imitieren ,Gangbang‘-Vergewaltigungen.“ Wer eh Recht hat, der muss sich um die Wirklichkeit nicht mehr kümmern. Und: Wie imitiert man eigentlich eine Massenvergewaltigung? Spielt einer mehrere Rollen oder lassen alle die Hosen an?

Gegen mich, Liebeskolumnist und Ex-Zivi, ermittelte im vergangenen Jahr zwei Mal das Landeskriminalamt Berlin. Wegen Gewaltverherrlichung und Beschimpfung religiöser Bekenntnisse. Ich hatte in meinem Blog das Video einer Hexenverbrennung in Kenia gepostet und das Bild eines Kruzifixes, auf dem Jesus Christus mit phallusartigen Bauchmuskeln im Stil des Kreuzes von San Damiano dargestellt war. Beides waren nur Abbildungen der Realität, aber von der Wirklichkeit mag mancher sich eben einfach nicht mehr belästigen lassen.

Nun mögen die Leser dieser Zeitung meinen, die Herren Dichter und Denker würden wohl übertreiben und außerdem seien diese Sachen, Fleischkonsum, Rauchen und Porno, also, ja auch alle schlecht. Aber eine echte Verbotskultur macht ja nicht einfach so Halt bei den irgendwie noch nachvollziehbaren Sachen. Am Ende möchte eben jeder etwas verbieten, es gibt ja nicht nur Christen, sondern auch eine Menge Muslime, und schließlich darf niemand mehr irgendwas, was dem anderen hinter dessen geistigen Jägerzaun nicht in den Kram passt.

Das Böse wird aus der Welt herausgehalten

Was in Sachen Verbotskultur beispielsweise in den Köpfen junger Migranten rumspukt, ist zur Zeit sehr hübsch auf der Facebookseite des auch in Deutschland recht erfolgreichen österreichischen Rappers Nazar zu sehen. Der aus dem Iran stammende Musiker entschuldigt sich dort bei „seinen muslimischen Brüdern und Schwestern“ für eine Zeile aus dem Stück „Kein Morgen“. Es geht dort darum, dass Nazar tätowiert ist. Und das ist, so erklären die jungen Korankundler, die ihn zu Hunderten wütend angreifen, mit wachsender Ungeduld, verboten, weil man den Körper so zurückgeben muss, wie man ihn bekommen hat. Nazar selbst ist auch ein Anhänger von Verboten, er postet zusammen mit einigen zustimmenden Sätzen ein Video, in dem ein junger Politiker der SPÖ, also der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, das Verbot des kleinen Glücksspiels fordert. Das kleine Glücksspiel, das sind die Spielautomaten, und weil die die kleinen Leute ruinieren, soll man sie verbieten. Denn, so die schlagende Logik des jungen Mannes, wenn es sie nicht gäbe, hätte niemand ein Bedürfnis nach Glücksspiel. Das Böse wird aus der Welt herausgehalten durch Verbotsschilder, so denkt man sich das heute. Das hat zwar nicht einmal bei Adam und Eva geklappt, aber warum sollte man es nicht immer wieder versuchen?

Dass das Bedürfnis nach Rausch nur in der Welt sei wegen der Verfügbarkeit von Rauschmitteln, ist ein frommer Unsinn, der im Grunde nur an der Realität scheitert. Die Inuit, die in Ermangelung von Pflanzen Schwierigkeiten haben, an Rauschdrogen zu gelangen, essen tagelang nichts und schlafen wenig, um so ein kleines bisschen high zu werden. In Sibirien tauschte man ausgewachsene Rentiere gegen einen kümmerlichen Fliegenpilz und weil der Pilz gar so teuer war, trank man seinen eigenen Urin, um nochmal was von dem Rauschmittel zu haben.

Mit Stress klarkommen

Der Mensch mag ein wenig Exzess, nur wenn er langsam ältlich wird und finanziell ausgesorgt hat, dann wird er wie Harald Schmidt und interessiert sich bloß noch für seine Verdauung. John Lennon nannte „Rubber Soul“ das Cannabis-Album der Beatles, „Revolver“ das LSD-Album. Lady Gaga dagegen nimmt verschreibungspflichtige Medikamente, um mit dem Stress klar zu kommen. Hedonismus ist etwas für Hartz-IV-Empfänger, der Künstler von heute hat zwischen zwei Terminen gerade noch Zeit für biotische Ernährung und einen Arztbesuch. Ob man das an der Musik hört, werden erst spätere Generationen sagen können, ich habe einen Tipp bei meinem Buchmacher hinterlegt.

Wir verhalten uns wie nachdenkliche Arbeitsbienen. Den ganzen Tag schwirren wir umher und sammeln und putzen und halten Instand und schließen Lebensversicherungen ab und halten Termine ein und rufen zurück und buchen Waben und sagen Termine ab und ignorieren unser Handy nicht und nehmen einen Zweitjob an und helfen ehrenamtlich bei „Pollen für drohnenlose Larven e.V.“ und abends, da gönnen wir uns keinen Nektar, wegen der schlanken Linie. Wir sehen im Grunde längst aus wie Wespen.

Für den Einzelnen ist das Aufhören eine wichtige Übung. Wir als Gesellschaft sollten schleunigst aufhören mit dem Aufhören. Denn wie könnte ich stolz auf mich sein, mein Rauchen überwunden zu haben, wenn ich nie hätte anfangen dürfen?


30
Aug 13

Jogi Löw

Jogi Löw ist das Microsoft Word unter den Trainern. Niemand kann mit ihm arbeiten, aber er ist eine Gegebenheit. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate hat er einen Spieler, der durchaus noch wichtig werden könnte für ihn, öffentlich ohne Not bloßgestellt. Erst watschte er den unermüdlichen Marcel Schmelzer ab, dann attestierte er Stefan Kießling, auf höchstem Niveau ginge diesem die Luft aus. Kießling verkündete nun, er werde unter Löw nicht mehr spielen (was weniger ein Rücktritt war als ein Konstatieren der Wirklichkeit), Schmelzer muss sich vorkommen wie ein Arbeitnehmer, dessen Stelle ausgeschrieben ist. Und so spielt er in der Nationalmannschaft auch.
Dass Fußball ein Mannschaftssport ist, gehört zu den gängigsten Tautologien dieses Sports, wird aber selten so deutlich wie bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft. Vergleicht man diese mit denen der beiden führenden deutschen Vereine, Bayern München und Borussia Dortmund, kann man kaum glauben, dass hier dieselben Spieler auf dem Platz stehen, verstärkt durch zwei Leistungsträger von Real Madrid.
Bei dem 4:4 gegen Schweden, einer Partie, bei der ein Insolvenzverwalter gut daran getan hätte, abzupfeifen, war nicht etwa eine B-Elf auf dem Platz.
Das war die Aufstellung:
Neuer – Boateng, Mertesacker, Badstuber, Lahm – Kroos, Schweinsteiger – Müller (ab 67. Götze), Özil, Reus (ab 88. Podolski) – Klose

Bis auf Mertesacker und Klose alles Spieler, die acht Monate später das Champions-League-Halbfinale unter sich ausmachen sollten. Sieben Spieler vom Alles-Gewinner Bayern München.
Sieben Spieler, die Teil einer Mannschaft waren, die Barcelona als bestes Team der Welt ablösten, spielten wie der SC Jülich 10, weil Schweden, das in keinem Match der Qualifikation besser war als eine ABBA-Revival-Band, mehr Druck im Mittelfeld machte.
Mehr Druck im Mittelfeld als Barcelona?

Es fehlt dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft an einer Holzigkeit, die die beiden Vereinsmannschaften auszeichnet. Und das liegt nicht daran, dass das DFB-Team keinen Martinez hätte oder keinen Subotic. Es liegt daran, dass ihr Verantwortlicher ein Ideologe ist.
Wie wurde Barcelona geschlagen? Durch Kopfbälle.
Wie wurde Deutschland von Spanien 2010 geschlagen? Durch einen Kopfball.
Natürlich: Der Siegtreffer von Dortmund gegen Malaga bestand aus dem Verzicht auf Taktik, auf einer Eingebung, einem Irrsinn. Tut den Langen vorne rein, Hummels bolzt Flanken nach vorn. Das klappt nur einmal von zehn, aber wenn es klappt, dann fühlt sich das an, wie Fußball unter Löw sich niemals anfühlt.
Unter Löw ist die Nationalmannschaft zu einem Bully-Team geworden: Kleine Gegner werden nun 6:1 (niemals zu Null, dafür reicht die Abwehrarbeit nicht einmal gegen Aserbaidschan) geschlagen statt früher 2:1, so dass man Pocher im Grunde ohne Unterbrechung spielen kann.
Aber wenn der Gegner auch mitmachen möchte, wird es unangenehm. Dann kann Schweden schon zu wuchtig sein und die Bullies laufen heulend zu Mama.
Paraguay? Griechenland? Das eine nur ein Testspiel, aber das andere Viertelfinale einer EM. Und Griechenland trifft zwei Mal. Die Mannschaft, so Lahm in diesem Jahr, wusste da schon, dass es gegen Italien so nicht reichen würde.
Und das ist der Grund, warum Löw nicht mehr Trainer sein darf. Die Mannschaft vertraut ihm nicht mehr. Traut ihm nicht, Lösungen zu haben von der Ersatzbank, traut ihm nicht, seine Ideologie in den Hintergrund zu stellen, traut ihm menschlich nicht.
Traut ihm keinen großen Sieg zu.
Schweinsteiger wies darauf hin, dass der Manschaftsgeist nicht gestimmt habe, die Spieler auf der Bank hätten nicht gejubelt. Es heißt, der Mannschaftsgeist komme mit dem Erfolg. Das mag wie eine Henne-Ei-Frage klingen, aber ein positives Sich-Aufschaukeln hat es unter Löw tatsächlich noch nicht gegeben. Und er selbst tötet die Stimmung zuversichtlich ab; woher soll man wissen, dass man selbst nicht der nächste ist, dem der Trainer öffentlich in den Rücken fällt?
Es lohnt sich, die beiden einzigen echten Löw-Erfolgspartien noch einmal anzuschauen.
Das 4:1 gegen England und das 4:0 gegen Argentinien.
Beim 4:1 fiel das 2:2 innerhalb von Minuten, mit einem Schiedsrichter wäre die Partie beinahe sicher gekippt.
Beim 4:0 profitierte das Team von einem frühen 1:0, Glück und Geschick in der Defensive (eine der wenigen Partien, bei der die Konzentration wirklich hoch war) und einem trainerlosen Argentinien.
Das 0:1 gegen Spanien war dann ein getarntes 0:10, seit diesem Spiel glaubt kein einziger deutscher Spieler mehr, jemals etwas zu gewinnen mit Löw, ein Glaube, der mit der EM Wissen wurde.
Löw ist kein guter Trainer, war nie ein guter Trainer und wird vermutlich nie einer sein.
Es fehlt ihm an Intelligenz. Es ist kein Zufall, dass die beiden besten Bundesligatrainer unfallfrei Interviews geben können. Auch Tuchel und Slomka sind kein Anlass, sich zu schämen. Bei Löw nur Floskeln.
Da nennt man Taktik halt Philosophie, das macht aus einem Grummler noch keinen Schopenhauer.
Bevor nun jemand einwendet, unter Löw werde so schön gespielt. Vier Tore zu kassieren von einer Mittelklassemannschaft, das ist kein schönes Spiel.
Unter Löw ist das Team wackelig, das ganze Spiel ist unausgegoren, man hat nie das Gefühl, die Spieler könnten ein Spiel nach Hause bringen.
Natürlich hat ein Nationaltrainer nicht die Möglichkeiten des Trainers einer Spitzenmannschaft. Niemand kann sicher sagen, ob Klopp, Heynckes, Tuchel oder Slomka ihre Erfolge übertragen könnten auf ein Team, dass sie nur alle paar Wochen sehen. Aber man kann sicher sagen, dass Löw nie etwas gewinnen wird.
Und ich würde mich so gerne irren.


28
Jul 13

Windelfernsehen

Natürlich bin ich nicht die Zielgruppe eines Dramas mit Ruth Maria Kubitschek. Aber andererseits: Wer ist denn die Zielgruppe? Tote?
Man muss sich gewahr werden, dass in einem großen Land sehr viele Menschen sterben. Da der Fernseher ein Drittel des Tages läuft, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass Leute vor dem Fernseher sterben. Dort sitzen sie dann, vergessen von ihren Enkeln, angenagt von ihren Katzen, und schauen Ruth Maria Kubitschek.
Die ARD an einem Freitagabend, sie macht Fernsehen nach der Altenheimregel: Laufenlassen. Es wird gesendet für die, die nicht mehr abschalten können.
Zum Beispiel also mich, der ich am Ende eines langen, heißen Tages dachte: Ich bin jetzt in der Grimmepreis-Jury, schau ich doch mal Fernsehen.
Irgendwann gegen neun Uhr geriet ich dann in “Der Fluss des Lebens”, geschrieben von Ruth Maria Kubitschek, in der Hauptrolle: Ruth Maria Kubitschek.
Ruth Maria Kubitschek war schon vor 30 Jahren genauso alt wie heute, eine Leistung, die ich uneingeschränkt bewundere. Wenn man nun 30 Jahre lang 80 ist, bleiben, vermutlich hat das die Natur so gewollt, Dinge auf der Strecke. Die Fähigkeit, ein Buch zu schreiben. Die Fähigkeit, eine Rolle auszufüllen.
Nach dem ersten Schock, den die mit einer Urlaubskamera gefilmten Bilder auslösten, machte ich mir einen Spaß daraus, mir vorzustellen, Kubitschek sei dement und man filme sie, wie Steve Martin es in Bowfinger mit Eddie Murphy macht, heimlich, um aus dem gesammelten Material einen Film zu produzieren. Ruth Maria Kubitschek nestelt an Pflanzen (ich hoffte an dieser Stelle sehr, sie würde in den Busch fäkalieren), Ruth Maria Kubitschek schaut in die Leere des Raums, Ruth Maria Kubitschek schaut glasig.
Ihre Stimme war synchronisiert, manche mögen einwerfen, sie sei synchronisiert von Kubitschek selbst, ich möchte mir da kein Urteil erlauben. Es machte im Grunde keinen großen Unterschied. Lassen Sie mich kurz eine Szene nachzeichnen, um zu verdeutlichen, warum nicht. Ein Mann, der aussieht wie Peter Gauweiler, hält mit Ruth Maria Kubitschek am Straßenrand. Dort befinden sich ein Kreuz und Kerzen, sowie einige Trümmerreste eines Wagens. “Wie konnte das geschehen?”, fragt Ruth Maria Kubitschek und Peter Gauweiler antwortet, der Fahrer sei immer schnell unterwegs gewesen, vielleicht habe er die Kurve zu spät gesehen, vielleicht habe er es eilig gehabt, vielleicht habe er einem Tier ausweichen müssen. “Vielleicht werden wir es nie erfahren”. sagt Gauweiler. Man möchte ihm zustimmen. Gut möglich, dass man das nie erfahren wird.
Ruth Maria Kubitschek greift nun in die Autoreste. Sie zieht ein Bremslicht hervor, worauf ein Flugzeug sehr tief über die Szene fliegt, ihre Hand sich um das Bremslicht verkrampft und zu bluten beginnt. Die Kamera zoomt auf die blutende Hand und Gauweiler informiert Ruth Maria Kubitschek: “Sie bluten ja.”
Ruth Maria Kubitschek weint nun zum Himmel hoch und schreit “Warum?”, worauf Gauweiler etwas genervt schaut, vielleicht projiziere ich da nur, aber man sieht ihm wirklich an, dass er das gerade schon einmal erklärt hat. Zu schnell, eilig, Mauer, Tier. Bum, man weiß es nicht genau. Tot halt.
Die beiden Toten, Ruth Maria Kubitscheks Tochter und ihr Schwiegersohn, haben zwei Kinder hinterlassen.
Beide spielen vermutlich Dreijährige, die Darsteller sind aber zehn oder zwölf. Der Junge spielt die ganze Zeit an seinem Rüssel rum. Dazu muss man wissen: Die Kinder sind natürlich traumatisiert, da es aber offenbar keine Kinderschauspieler gibt in Deutschland, können die beiden Grinsebacken das nicht spielen. Also haben die beiden, kurz vor der Pubertät, in jeder Szene Stofftiere in der Hand, an denen sie manisch herumdrehen, der Junge einen Elefanten, dessen Rüssel er malträtiert, dass Freud ein Buch darüber geschrieben hätte über Sublimierung ohne Sublimes.
All das: Das Werk von Profis. Da waren echte Kameraleute, echte Caster, echte Caterer, ein echter Regisseur mit beschäftigt. Es gab echte Meetings, in denen real existierende Menschen die Dialoge abgenommen haben, in denen sich Leute gefreut haben, jetzt endlich über die passenden Darsteller zu verfügen.
Der Köder, heißt es, muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Aber ein Angler, der so einen Köder verwendet, der lässt doch selbst längst laufen.


10
Jun 13

Die erschreckendsten Hits der 90er

Während viele der schlechtesten Hits der 80er in ihrem Dilettantismus auch etwas Rührendes hatten, fehlt dieser Auswahl der schlechtesten Hits der 90er auch nur der kleinste Funken Inspiration und Leidenschaft.
Die Hits der 80er hatten kein Hirn, die Hits der 90er kein Hirn und kein Herz. Continue reading →


15
Mai 13

Telekom: Werdet zu Tropfen.

183 Millionen Euro hat die Telekom (Ihre Verbindung. Wir gestalten.) im vergangenen Jahr für Werbung ausgegeben. Allein 30 Millionen kassiert der FC Bayern vom ehemaligen Staatsunternehmen. Schwer, gegen diese Propaganda-Power anzukommen.
Umso schwerer, wenn es darum geht, sperrige Begriffe wie Netzneutralität einer Masse von Menschen nahe zu bringen. Also versuchen wir nun, mit Werbung dagegen zu halten.
Mailt die Motive an Eure Eltern, Eure Großeltern, Eure Geschwister. Um die Netzneutralität zu erhalten brauchen wir die Hilfe derer, die noch gar nicht wissen, warum sie wichtig ist.
Die Telekom ist geboren im Shitstorm, geformt von ihr: Wir brauchen keinen Sturm, wir brauchen ein Meer. Wasser bricht auch noch den stursten Stein. Werdet zu Tropfen.

Mathias Richel mit den Hintergründen
echtesnetz.de


02
Mai 13

Kanalratten von Maxim Biller

Maxim Biller hat ein fantastisches Stück geschrieben, es heißt Kanalratten. Jeder, der es liest, findet es großartig. Aber niemand will es spielen. Für Die literarische Welt habe ich über Kanalratten geschrieben.
Und ich habe versucht, (mir) zu erklären, warum niemand es spielt.

Biller kann Hollywood, und das ist viel, das ist ein Riesenglück. Das deutsche Theater dagegen bleibt doch bei aller Schreierei stumm. Der sprichwörtliche Oberstudienrat kann heute auf jedem beschlagnahmten Schülerhandy mehr Spermalachen und Kinderleichen sehen als in einem Jahr im deutschen Theater. Auf dem Handy ist es Schmutz, hier ist es Kultur. Er nimmt es achselzuckend hin, zwei Stunden lang angeschrien zu werden, er kann ein Piccolöchen auf seine Toleranz trinken und dann ist es wieder egal, was er da gerade gesehen hat.

In einer Sportwagenwerbung habe ich gerade erst gelernt, dass es, will man sich von Schafen absetzen, nicht reicht, bunte Wolle zu tragen. Man muss ein Wolf sein. Maxim Biller ist ein Wolf, und die Schafe an den deutschen Theatern merken, dass er nicht ist wie sie. Und selbst wenn sie es nicht merken sollten: Er hat es immer wieder betont.

Zu Wolf unter Schafen geht es hier.


08
Apr 13

Der Hass auf die Herausragenden

Ein Promimagazin auf RTL. Einige Teenager warten vor einem Hotel auf Britney Spears. Deren Limousine rauscht an den Fans vorbei, für einen viel zu kurzen Moment ist der Star zu sehen in einem fliederfarbenen Umhang. Die Fans sind aufgelöst, eine der Gefassteren schnauft: „Nicht mal geguckt hat die! Ich hass’ die voll in ihrem lila Kleid.“

Ein harmloses Beispiel für den Hass auf die Herausragenden. Ein wütender Satz, in der Aufgeregtheit der Situation gesprochen. Aber der Hass hat durchaus Methode. Woher er kommt, versuche ich mit Hilfe von Robert Pfaller, Sigmund Freud, Richard Sennett und dem CEO von Beiersdorf zu klären.

Celebrity-Kultur: Der Preis des Ruhms