Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wuchs eine Generation mit so vielen Western heran wie die Jugend der Siebzigerjahre. In beinahe jedem Haushalt stand ein Fernseher, der am späten Nachmittag „Western von Gestern“ zeigte, dann „Zorro“ und am Abend irgendetwas mit John Wayne oder Pierre Briece. Spielzeugläden wandelten sich zu Cowboybedarfseinrichtungen, kleine Jungs steckten die 36 Silberplättchen aus Plastik in ihre Original-Silberbüchse oder deklarierten einen mittelgroßen Ast zum Bärentöter um, lasen bis zur Geisterstunde Karl May und schlichen sich mit bedeckten Augen (denn im Mondenschein reflektiert das Weiß des Augapfels das Licht!) lautlos an feindliche Lager an. Und doch hat diese Generation fast überhaupt keine Kuhhüter hervorgebracht.
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Kultur
11
Aug 10
Wofür das Netz nichts kann
22
Jul 10
Schwuchtel
Seit einigen Wochen ist “Louie”, die neue Serie von Louis CK angelaufen. Nachdem seine erste HBO-Serie “Lucky Louie” nette Momente hatte, aber insgesamt trotz gesunden Masturbationshumors erstaunlich altbacken daherkam, ist “Louie” ein sofortiger Klassiker.
Das Leben ist in “Louie” eine alte Drecksau mit Mundgeruch, ein Date endet immer im Elend (selbst wenn es gut läuft, lebt man ein paar Jahrzehnte miteinander und dann STIRBT einer der beiden!) und die sonstigen Umstände, meist in Gestalt anderer Menschen, sind auch eher beklagenswert. Und dann versucht man auch noch, kein allzu großes Arschloch zu sein, na wie soll das denn klappen?
Von drei Berufsgruppen wünsche ich mir, dass sie den folgenden Ausschnitt aus der zweiten Folge anschauen, in Seminaren nacherzählen, memorieren, stenographieren und darüber diskutieren: deutsche Rapper, deutsche Berufsempörte und deutsche Comedians. Unser aller Leben könnte danach ein etwas kleinerer Drecksack sein. Aber Hoffnung, heißt es ja, die ist es, die dich wirklich tötet.
24
Jun 10
Content is King, Contentmaker is Depp
CTRL-Verlust, das Blog von mspro bei der FAZ, ist gesperrt worden.
Zunächst schien es nur um ungeklärte Bildrechte zu gehen, weshalb zunächst lediglich der aktuelle Artikel nicht mehr abrufbar war. Mspro hat dann den Artikel ohne die Bilder erneut online gestellt, woraufhin die Redaktion sich zu deutlicheren Maßnahmen gezwungen sah:
“Die Reaktion von FAZ.net darauf war die sofortige, komplette Sperrung und Verbannung des Blogs aus dem Redaktionssystem. Das Blog ist also nicht mehr aufrufbar.”
Da Mspro alle Verwertungsrechte an seinen Texten an die FAZ abgetreten hat (Artikel zum sogenannten Total Buyout hier), sind sie jetzt also verschollen.
Gerade erst hat Die Welt kompakt mit dem Ansinnen Aufmerksamkeit erregt, sich von Bloggern und anderen Onlinern kostenlos eine Ausgabe zimmern zu lassen. Die Geringschätzung gegenüber den Autoren ist allerdings mitnichten eine Sache der alten Medien. Marcus Jauer schrieb in dem Artikel “Deutsche Blogger” über den Carta-Gründer Robin Meyer-Lucht: “Die meisten Artikel drehen sich um die Themen Medien und Netz und stammen nicht von Robin Meyer-Lucht. Er sammelt sie von vierzig anderen Autoren ein, denen er pro Beitrag manchmal nur fünfzig Euro zahlt. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich als Journalist einen Namen zu machen, für den man als Berater Geld verlangen kann. Das ist so, als schreibe ein Theaterkritiker Rezensionen, um dem Intendanten später Ratschläge zu verkaufen, wie er eine bessere Spielzeit zustande bringt.”
Jauers Text hat einiges Aufsehen erregt wegen angeblich ungenauer Zitate, das eigentliche Kernproblem, das in “Deutsche Blogger” zur Sprache kam, wurde allerdings völlig übersehen: Die neue Medienelite behandelt die Contentlieferanten noch schlechter als die alte.
Mit diesen Vorbildern aus der Digitalen Bohème fällt es den Alten Medien natürlich leicht, die Umgangsformen im Netz zu übernehmen. “Wie? Mehr Geld? Dann geh doch zu Basic Thinking!”
Dem Vernehmen nach sollen die Bloggerhonorare bei der FAZ ordentlich sein. Mspro hat jetzt erfahren, was der Preis dafür ist.
17
Jun 10
Nilzenburger: Das Instrument der Liebe
Instrument der Liebe by nilzenburger
“Hinter jeder Vuvuzela steckt ein Mensch – es könnte deine Mutter sein.”
Deine Mutter bläst Vuvuzelas im Stadion – das muss ich mal an Migrantenkindern versuchen.
14
Jun 10
Vorbei! Marsch!
Interessant. Ich war gestern direkt nach dem Spiel mit etwas anderem beschäftigt und konnte erst um fünf Uhr wieder ins Internet. Unterdessen hatte der Spiegel nicht etwa geschrieben, dass es einen Nazi-Skandal beim ZDF gegeben habe, sondern der Spiegel hatte einen Abschlussbericht verfasst über einen Nazi-Skandal, der zunächst eine Twitterempörungswelle, einen 11-Freunde-Artikel, ein Gegengutachten der ZDF-Redaktion, eine Facebookgruppenschwemme, die zu Selbstverbrennungen vor dem ZDF-Hauptquartier in Mainz aufforderte und schließlich eine Zerknrischungserklärung des Führungsoffiziers der Beschuldigten nach sich zog.
Katrin Müller-Hohenstein hatte gemutmaßt, dass Miroslav Klose nach seinem Tor einen “inneren Reichsparteitag” erlebt haben müsse. Wer Miroslav Klose kennt, der weiß, dass er nach dem Ermüdungsbad sein Quietscheentchen noch föhnt, ehe er sich selber verhüllt, er weint manchmal dabei. Dieser Mann erlebt keine “inneren Reichsparteitage”, dieser Mann zählt die Stunden, in denen er keinen riesigen Stein den Berg hoch tragen muss und man ihn mal in Ruhe lässt.
Aber es ging nicht um die Ungenauigkeit der Müller-Hohensteinsschen Formulierung. Nein, für einen Moment hatte sich gezeigt, dass das ZDF ein Haufen von junggebliebenen Altnazis und frühvergreisten Neofaschisten ist, die nur auf den richtigen Moment warten, ein viertes Reich auszurufen.
Irgendjemand hat einmal gesagt, der deutsche Antifaschismus werde umso entschlossener, je weiter das dritte Reich weg sei und ich wäre froh, wenn der gestern Nacht um fünf auch gesurft hätte, es wäre ihm ein innerer Fackelmarsch gewesen.
Auch mitten in der Nacht gibt es im deutschen Internet noch Menschen, die keine Lust auf Mob haben, verlässlich gehören dazu Stefan Niggemeier und Nilz Bokelberg.
Das ist sehr beruhigend und ich bin immer sehr froh um dieses Stück virtueller Nestwärme.
Übrigens ist mir Müller-Hohensteins Satz auch aufgefallen. Ich dachte “Ha, die redet ja wie meine (halb-pakistanische) Schwester.” (Ich denke in der Regel, wenn ich an meine Schwestern denke, nicht “halb-pakistanisch” hinzu, ich ergänze das nur als Alibi. Wenn es hinterher heißt, meine Schwestern seien braun, dann kann ich nur sagen: Allerdings sind sie das, ihr müsstet sie im Sommer sehen.)
In weiten Teilen meines Bekanntenkreises ist es üblich, jemanden, der mit irrationalem Eifer eine Sache verfolgt, als Lampen-, Hygiene-, Socken- oder Fernseh-Nazi zu bezeichnen. Meine Bekannten verharmlosen damit nicht etwa den Holocaust, ganz im Gegenteil. Genauso ist die Formulierung vom inneren Reichsparteitag eine Form der spöttischen Distanzierung vom Nazi-Jargon, die unter den real existierenden Schweinen einen Besuch der Gestapo nach sich gezogen hätte. Wer glaubt, Nazi-Humor habe sich durch seine Subtilität ausgezeichnet, der möge sich spaßeshalber einmal dieses Video anschauen.
Kommen wir zu etwas wichtigem. Es kam gestern Abend zu vereinzelten Hupkonzerten nach dem Spiel gegen Australien. Ungarn ist 1982 nach einem 10:1-Sieg gegen El Salvador noch ausgeschieden. Also: Tag, Abend und so. Das war wirklich ein Korso Praecox.
Und das Spiel? Das Spiel war schön. Kein Mensch kann wissen – das wird auf ewig eines der ungelösten Fußball-Rätsel bleiben -, ob die eine Mannschaft nur so berückend spielt, weil die andere sie lässt oder ob sie einfach zu stark ist. Fest steht, dass Australien nur hätte bestehen können, wenn sie das Spiel lange 0:0 gehalten hätten. Serbien und Ghana haben auch ansehnlich gespielt und das nächste Spiel ist immer das nächste. Vor den Reichsparteitag haben die Götter Blut, Schweiß und Dehnen gesetzt und im Falle von Miroslav Klose ein paar Tränen. Aber ich glaube, er hat gestern, so gegen fünf, auch einmal gelächelt. Ganz kurz, mehr so innerlich.
11
Jun 10
Die grauenhaftesten WM-Songs 2010
Jett Alinia – Finale
Eingängig wie ein Bandwurm, der in einer Fußgängerzone herumliegt und ein Schild vor sich stehen hat, auf dem steht: Bandwurm sucht Anus. Der Weg ist schon viel, aber dann doch nicht alles. Eigentlich zu belanglos, um richtig grauenhaft zu sein, gewinnt das Lied durch lautes Hören und intensive Konzentration ein erstaunliches Hirninfarktpotential.
Sanibonani – König Fußball
Ex-Pirat Aaron König ist mit seinem Label Weltburger verantwortlich für dieses sympathische Sommergerippe. Alleinunterhaltermusik von der Malle-Strandbar trifft auf Reime, die unentschlossen zwischen Ironie und Idiotie herumirren. “Gelobt sei König Fußball, unser Herr und Heiland”. Wird hier der Fußballwahn gegeißelt oder schmeckte der Selbstgebrannte heute seltsam bitter? Ich weiß es nicht, ich kann aber auch schlecht denken, während ich mir die Ohren zuhalte und alte Rammsteinlieder brülle.
Bushido feat. Kay One – Fackeln im Wind
“Die Mannschaft, sie steht wie Fackeln im Wind”. Während sich alle anderen Horrorstücke nicht verkneifen konnten, Ethno-Elemente aus der Obi-Abteilung für Parties mit südlichem Flair zu klauen, setzt Bushido ganz auf stampfende Größenwahnbeats für den Hobbywelteroberer von nebenan. Gröhl-Rap, der mich den Verdacht hegen lässt, bei meiner letzten Darmgrippe habe jemand ein Aufnahmegerät in meiner Toilette installiert. Man möchte sich die Haare an den Seiten rasieren, einen Schwulen verprügeln und sich dann endlich mal wieder ein Peeling gönnen.
Assos – Super Deutschland
“dieses lied wurde als spam gekennzeichnet”, schreibt der Youtube-User Yuckpulver. Mehr gibt es nicht zu sagen.
Beruhigenderweise bleibt Deutschland Weltmeister in der Kategorie “Grauenhaftester WM-Song aller Zeiten” mit einem Klassiker.
15
Mrz 10
Das Evolutionsbaby sagt: Kein Scheiß
Auch eine mögliche Lehre aus dem, was zur Zeit rauskommt: Kindern grundsätzlich nicht so viel Unsinn erzählen.
„Susi Neunmalklug erklärt die Evolution” ist im vergangenen Jahr erschienen.
3
Mrz 10
Jeder kann Hegemann
Meine brunzdoofe Putzfrau weckt mich mit ihrem Geseier. Dauernd redet sie mit sich selbst, in irgendeiner vokalarmen Ostsprache. Seit wann gibt es eigentlich Polen? Seitdem die Russen Schweine ficken.
Ich habe eine Arachnoidalzyste in meinem Schädel, aber das Ding an meinem Arsch interessiert mich brennender. Gelegentlich wird in Boulevardzeitungen oder Internetforen der „Geheimtipp“ verbreitet, „Hämorrhoidencreme“ sei hilfreich gegen Gesichtsfalten oder Schwellungen der Augenlider. Tatsächlich sind die meisten Hämorrhoidencremes aufgrund der darin enthaltenen örtlichen Betäubungsmittel wie Lidocain oder Entzündungshemmer wie Kortison für diesen Zweck völlig ungeeignet oder sogar schädlich.
Ich drehe noch durch. Ich denke auf einmal nur noch ans Kiffen, ich stelle mir einen Eimer vor, sehe den Dampf in die Colaflasche steigen, ich könnte Gras fressen wie eine Lorant-Elf und gleichzeitig ist mir scheißegal, was ich als Nächstes nehme, obwohl sich das Zwerchfell bereits bei dem Gedanken an etwas anderes als Kakao selbst zu strangulieren beginnt. Mein Zwerchfell würde sich den tödlichen Witz selbst erzählen, nur um mich blöd dastehen zu lassen. Ha. Ich gehe zu Desdemona, die wirklich so heißt, weil ihr Vater einfach schwachsinnig ist, die schon wieder anfängt zu flennen, und beiße sie in den Hals, und währenddessen wird mir klar, dass ich definitiv zu schwach bin, um mich gegen all die Nähe aufzulehnen. Zu Tocotronic, zu Westbam. Continue reading →