06
Feb 14

Vorverurteilt

Dieser Text erschien drei Monate vor Kachelmanns Freispruch. Durch woody Allens öffentliche Vorverurteilung in interessierten Kreisen ist er wieder aktuell. Er ruft darüber hinaus in Erinnerung, wie Alice Schwarzer sich damals verhalten hat.

Ich saß einmal im Zuschauerraum bei einem Vergewaltigungsprozess. Ich machte damals ein Praktikum im Aachener Sozialamt. Der Angeklagte war Sozialhilfeempfänger und der junge Beamte, dem ich zugeteilt war, war als Zeuge geladen. In dem Prozess ging es auch noch um Sozialhilfebetrug und Schwarzfahren, man handelte eben alles, was bei dem Mann so angefallen war, in einem Rutsch ab.
Der Angeklagte war ein schlaksiger, nervöser Typ, vielleicht 22 Jahre alt, mit einem ungepflegten Schnauz. Er hatte das Äußere und auch die Haltung eines Befehlsempfängers und doch wirkte er gefährlich wie ein in die Enge getriebener Hund.

Er sollte seine Exfreundin ans Bett gefesselt und dann oral, vaginal und anal vergewaltigt haben. Über den Prozesstag hinweg stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um eines dieser unglücklich miteinander verwobenen Paare handelte, bei dem der eine dem anderen zustößt wie eine Krankheit oder ein Unfall, und der andere es hinnimmt, weil er gerade sowieso nichts vorhatte mit seinem Leben. Mal hatte er ihr eine geknallt, mal hatte sie ihn zusammenschlagen lassen, mal hatte man sich zusammen betrunken, mal gegenseitig betrogen, mal einander benutzt, mal einander dann doch gebraucht.

Die beste Freundin der Frau wurde vom Richter befragt, ob sie von der Vergewaltigung erfahren habe. Ja, sagte die beste Freundin, sie habe da mal von gehört, auf der Toilette habe die Frau es erzählt. Ob sie das geglaubt habe, fragte der Richter. Die beste Freundin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“
Am Ende konnte er sie nicht so gefesselt haben, wie sie es beschrieben hatte, es gab nämlich kein Bettgestell, nur eine Matratze, und so kam er frei.
Am nächsten Tag kam er entsprechend gutgelaunt ins Sozialamt, das Devote war gewichen, er war jetzt König der Welt. Er sagte uns, wir sollten mal, wenn wir das nächste mal ausgingen, vor den Türstehern vom B9 seinen Namen nennen. Die würden sich einkacken.
Er sei nämlich ein Austicker. Vielleicht sähe er nicht stark aus, aber wenn er austicke, dann gebe es kein Zurück.

Er war ein Prachtexemplar von einem Menschen, man kann es nicht anders sagen. Während des Prozesses hatte ich beschlossen, niemals Richter werden zu wollen. Entweder eine Vergewaltigung unbestraft lassen oder einen Unschuldigen wegsperren. Anhand von Zeugenaussagen von Leuten, denen es gleichgültig war, ob ihre beste Freundin die Wahrheit sagte? Eine Welt beurteilen, in der Probleme sowieso mit den Fäusten geregelt wurden?

Der Prozess um Jörg Kachelmann ist anders. Hier sind alle Beteiligten höchst eloquent, niemandem ist irgendetwas gleichgültig. Man ist klug und nervenstark und schlägt einander nur mit Erlaubnis. Und doch blickt man wieder als Außenstehender darauf und kann nichts beurteilen.
Was man ja auch nicht muss.
Was man ja auch nicht sollte.

Es gibt eine Tatsache, über die berichten Medien nicht gerne, weil dann der ganze schöne Spannungsbogen, den man so mühselig seit über einem Jahr spannt, reißen würde.
Die Tatsache lautet: Jörg Kachelmann wird nicht verurteilt werden.

Als der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe der Haftbeschwerde Kachelmanns stattgab, begründete er das so, dass „die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage“ vorliege, bei der Nebenklägerin „Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten“, diese unzutreffende Angaben gemacht habe und eine „Selbstbeibringung“ der Verletzungen „nicht ausgeschlossen“ werden könne.

Zu einer anderen Einschätzung wird es nicht mehr kommen. Im Zweifel wird für den Angeklagten entschieden, Kachelmann wird also freigesprochen werden. Zu Recht.

Hier soll es also um etwas anderes gehen.

Um die Liebe, den Sex und die Zärtlichkeit. Fangen wir mit Letzterem an.

Es gibt diesen Clip auf Youtube, in dem Jörg Kachelmann während der Wetter-Moderation von der Studiokatze überrascht wird. Sie streicht mit zur Begrüßung gerecktem Schwanz um seine Beine und er nimmt sie in den Arm und moderiert weiter.
Der Clip, hochgeladen Anfang 2009, ist die reine Unschuld, Kachelmann ist noch bloß Kachelmann, eine Figur aus einer französischen Studentenkomödie, circa 1981, ein charmanter Taugenichts, hat was von einem Comiccharakter wie dem tollpatschigen Gaston, steht einfach vor der Kamera rum und streichelt eine Katze, na, hey, du auch hier, fehlt bloß noch ein Grashalm, auf dem er rumkauen könnte.
In den Kommentaren unter dem Video natürlich längst die Wirklichkeit. „Und so einer soll jemanden vergewaltigt haben?“, fragt sich ChickenWing601, während SteveCrank in die Tasten tourettiert: „Hurensohn , Sado maso fetischist !!! Vergewatliger Kinderrficker.“

Es ist wie meistens bei den großen Medienthemen: Es gibt wohl kaum jemanden, den wirklich interessiert, ob Kachelmann seine ehemalige Freundin nun vergewaltigt hat oder nicht.

„Huch? Aber es gibt doch etwas über vier Millionen Artikel, die sich mit der Frage beschäftigen, ob er es nun war oder nicht?“

Ja, es ist halt ein Gesprächsthema, etwas für den Small Talk, ein Pausenfüller. Vor kurzem brauchte ich ein neues Bild für den Personalausweis und während die Fotografin mich fotografierte, fing sie von Kachelmann an. Die, die am harmlosesten aussähen, erklärte sie mir, seien immer die schlimmsten. Ich versuchte, etwas böser zu schauen, um unverdächtig zu wirken.

Wir schauen ab und an rüber zu den beiden Betroffenen, die zwischen ihren Gutachtern, Anwälten und Mediencoaches eingeklemmt miteinander ringen um irgendeine Form von Wahrheit, die am Ende in die Akten eingeht und schließlich einen von beiden teuer zu stehen kommen wird, schauen also rüber und bilden uns ein, uns eine Meinung zu bilden, aber sie steht natürlich längst schon fest wie die von ChickenWing601 und SteveCrank.
Für die Meinung von SteveCrank zuständig sind Bild und Bunte, Alice Schwarzer und Focus.

„Die gewohnheitsmäßigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher von Gnaden ihrer Herrin Friede Springer…“. Das twitterte Jörg Kachelmann am 10. April zusammen mit einem Bild, das er von einem Paparazzo, der ihn verfolgte, geschossen hatte. Hier wird jemand, bei dem das Gericht keinen dringenden Tatverdacht sieht, zur Strecke gebracht. Jemand, dem von Seiten des Rechts seine Intimsphäre zugestanden wird.

Aber das Recht ist hilflos gegen das Geld der großen Verlage.

Für die Bild gilt vorgeblich das Diktum des Springer-Vorstandchefs Döpfner: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr im Aufzug nach unten.“ Was heißen soll: Wer mit uns Homestorys macht, um nach oben zu kommen, der bekommt uns auch nicht aus dem Wohnzimmer, wenn die Karriere schlingert und die Frau gerade die Koffer packt. Klingt fair, ist aber bloß Mafia-Logik: ein Quid pro Quo außerhalb des geltenden Rechts. „Wir beschützen Sie jetzt, bezahlen können Sie später.“
Kachelmann jedoch ist niemals mit Springer nach oben gefahren. Über sein Privatleben war vor seiner Verhaftung nichts bekannt, er galt im Allgemeinen als Wetter-Nerd, die Basler Zeitung fragte noch kurz nach der Verhaftung, ob Kachelmanns Privatleben überhaupt existiere. Stets habe er Nichtberufliches für sich behalten, seine Ehe sei „praktisch ein Geheimnis“ gewesen.

Kein Grund, ihn nicht zu vernichten.

„Was jetzt bei Kachelmann passiert, wird bald auf jeden zukommen“, sagt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann, „wenn auch mit einer kleineren Öffentlichkeit“. Seemann hofft dabei auf eine befreiende Wirkung: „Noch kann Schwarzer Kachelmann als Unmensch stilisieren, weil er BDSM praktiziert und sie ihn als Einzelfall ins Licht stellen kann. Eine über sich selbst informierte Gesellschaft jedoch wird gezwungen, ihre Toleranzkriterien an dem Einzelnen zu rejustieren.“

Seemanns Sicht auf die Welt ist eine hoffnungsfrohe: Irgendwann könnten wir tolerant werden. Die Realität heute für den Einzelnen ist anders. Aber behalten Sie ruhig im Kopf, was Seemann sagt: Das wird auf jeden zukommen.

Für die Nebenklägerin ist der Satz schon Realität, für die Exfreundinnen auch. Selbsternannte Kachelmann-Verteidiger, Brüder und Schwestern im Geiste von ChickenWing601, an vorderster Front eine Pensionärin aus der Schweiz, haben längst die Klarnamen ins Netz gestellt und hetzen in ihren Blogs gegen die Frauen. Die Verlage wiederum gingen so schlampig bei der Anonymisierung der Zeuginnen vor, dass man sie auch ohne Hilfe der Kachelmann-Fans ergooglen kann.
Und da steht dann ihr ganzes Leben vor einem. In alten Zeitungsberichten über ihre Aktivitäten, über Baumbesetzungen und Luftgitarreturniere.

Wir wissen, wer sie sind und was sie im Bett machen. Einfach so.

Von Anfang an wurde als sicher hingestellt, Kachelmanns Karriere sei nun – wie die von Andreas Türck – ruiniert. Dabei ist das Karriereende durch Enthüllungen alles andere als ein Naturgesetz. Hugh Grant, dessen Filmimage als schüchterner, leicht verschrobener und sexuell unbedrohlicher Mann mit Rehaugen heftig herausgefordert wurde durch den Umstand, dass er von der Polizei dabei erwischt wurde, wie er in einem Auto von einer Prostituierten fellationiert wurde, sagte gerade erst im Guardian, das Publikum gebe einen Scheiß auf das Image. „Ich wurde mit einer Hure verhaftet und sie sind immer noch in meine Filme gegangen. Die Leute interessiert nur, ob der Film unterhaltsam ist oder nicht.“

Nein, die Idee, es gäbe irgendwelche Zwangsläufigkeiten im Rahmen und in Folge eines moralischen Skandals, ist absurd. Der Zuschauer mag streng sein, aber konsequent ist er nicht.

Der Effekt der medialen Grenzüberschreitung ist ein anderer: Den Menschen wird ihr Ureigenstes genommen. Ein Huhn, wenn man es denn lässt, legt seine Eier gern in Abgeschiedenheit. Nicht, weil es in der Hühnercommunity verpönt wäre, Eier zu legen. Einfach so. Gefällt ihm halt besser.
Und ein Mensch zieht sich für den Geschlechtsverkehr zurück. Das ist in jeder menschlichen Gesellschaft so, das war in jeder menschlichen Gesellschaft, die es jemals gegeben hat, so: Der Mensch hatte eine Intimsphäre.

Jeder berührt schonmal Geschlechtsorgane mit dem Mund. Verfassungsrichter, Minister, Bischöfe, ebenso Verfassungsrichterinnen, Ministerinnen und Bischöfinnen.
Aber wir verhalten uns so, als täten wir es nicht. Ist eine menschliche Macke.
Das öffentliche Leben (und damit zunehmend: das Leben) ist ein moralisches Versteckspiel: Wer erwischt wird, muss büßen, die Strafe ist die Offenlegung aller eigentlich gar nicht schändlichen Taten.
Stünde morgen früh in der Bild-Zeitung „Günther Jauch hat Sex mit seiner Frau“, wir alle würden während der nächsten „Wer wird Millionär“-Folge betreten zu Boden blicken.

Es geht eben nicht um die Konsequenzen, die der Einbruch in die Privatsphäre für den Betroffenen hat, der Einbruch selbst ist das Verbrechen.

Denn ohne Intimsphäre keine Liebe.

„Aber was denn, was denn? Was heißt denn hier Liebe? Ist nicht Kachelmann ein haltloser Narzisst, dem Liebe völlig fremd ist?“
Woher haben Sie denn diese Information?
„Na, aus einem Nachrichtenmagazin!“

Der Focus zitierte aus dem Gutachten der Psychologin Luise Greuel, die Tat decke sich mit der Reaktion eines ausgeprägten Narzissten, der aufgrund einer Kränkung seiner Wut freien Lauf lässt.
Per Mail fragte ich Greuel, die eigentlich lediglich die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin zu begutachten hatte, ob es üblich sei, einen von ihr nicht untersuchten Angeklagten zu beurteilen. Ihre Assistentin schrieb mir daraufhin, „Frau Prof. Dr. Greuel“ werde „sich nicht zum Verfahren gegen J. Kachelmann gegenüber der Presse äußern. Bitte haben Sie dafür Verständnis und sehen von weiteren Anfragen ab.“

Diese Verweigerung Greuels für Klärung zu sorgen, passt zu diesem Fall: Jedes Gerücht kann gestreut, jede Mutmaßung rumgemeint werden. Jedes Käseblatt bietet psychologische Ferndiagnosen, jeder Mensch, der Kachelmann einmal eine Gurke verkauft hat, kann in der Zeitung ein psychologisches Gutachten über ihn verfassen. Aber Tatsachen? Ja, die gibt es, aber die sind langweilig und damit irgendwie doof. So ein Prozess ist schließlich lang und die einzig seriöse Meldung wäre: Viel wird nicht mehr passieren. Aber Medien sind ungeduldig wie kleine Kinder und grenzüberschreitend wie sehr nervige Eltern, die nicht mitbekommen haben, dass es einen Grund gibt, dass man ab und an das Zimmer abschließt. Störe ich? Ich bin von der größten deutschen Zeitung und möchte möglichst viele möglichst private Fotos von dir auf unserer Titelseite haben.

„Aber ist er nicht ein Narzisst? Immerhin ist die Frau Psychologin und haben nicht Bushman, Donacci, van Dijk und Baumeister (2003) durch drei Studien bestätigt, dass Narzissten eine höhere Neigung zur sexuellen Gewalt haben, wenn sie glauben, auf den Sex Anspruch zu haben, wenn es also erst eine Verbindung gibt und dann eine Zurückweisung?“

Wenn Sie ein kleines Kind haben, dann wissen Sie, wie es mit einem Narzissten ist: Kleine Kinder sind besitzergreifend, charmant, trauen sich alles zu, können fast nichts, würden für Aufmerksamkeit ohne zu zögern in die Steckdose pinkeln und drehen völlig durch, wenn man sie im Einkaufswagen am Schokoladenangebot vorbeifährt.
Das ist narzisstischer Zorn: Der Glaube, auf etwas Anspruch zu haben – und dann ohne Rücksicht auf Verluste auszurasten.

„Oh mein Gott! Aber GENAU DAS ist es doch!
Kachelmann glaubte aus der Vorgeschichte, er habe ein Anrecht dazu und deswegen hat er …! Stoppt die Maschinen, wir müssen es allen sagen: Wir haben das Schwein!“

Die Sache hat eben nur ein, zwei Haken: Wir haben keine Ahnung, ob Kachelmann ein Narzisst ist, es gibt auch überhaupt keine Möglichkeit, das sicher zu testen, weil es zwar einen Persönlichkeitstest (Narcisstic Personality Inventory) gibt, mit dessen Hilfe man narzisstische Eigenschaften abfragen kann, dieser aber nicht zum Ergebnis hat, dass man ab einer bestimmten Punktzahl Narzisst wäre. Narzissmus kann ausschließlich im Rahmen einer Behandlung diagnostiziert werden. Nicht jedoch dadurch, dass man mit der Ex spricht. Dann wäre jeder Narzisst. Der zweite Haken: Selbst wenn er ein Narzisst wäre, hätten wir keine Ahnung, ob er aus narzisstischem Zorn heraus gehandelt hat – wir wissen ja eben nicht, ob er überhaupt gehandelt hat (hier beißt sich der Hund in den Schwanz). Menschliches Verhalten ist schwerer vorherzusagen als das Wetter und Psychologie ist eben keine Mathematik.
Der Focus-Artikel mit dem Gutachten-Auszug ist nicht einfach nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, er ist nicht die Luft wert, die der Praktikant beim Abtippen der Gutachtenpassagen geatmet hat.
Und doch glaubt seitdem jeder, dem Nebensätze zu verwirrend sind, er wisse genau, was in Kachelmanns Psyche los sei.

„Aber ist Kachelmann nicht ein Schwein?
Das doch wenigstens?
Sagte nicht Schwarzer, „der Angeklagte“ lebe „in einem pathologisch anmutenden Gespinst aus Lügen“? Sagte sie nicht, damit verletze er die Menschenwürde der Frauen?
Reicht das nicht?“

In Deutschland verbietet § 30 Absatz 1 Satz 3 der Straßenverkehrsordnung „unnützes Hin- und Herfahren“. Fährt man beispielsweise ohne Notwendigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften eine Strecke mehrmals ab, kann das mit einem Bußgeld von 20 Euro bestraft werden.
Es ist dagegen völlig legal, jemandem das Herz zu brechen.

Gottseidank.

Die meiste Zeit der menschlichen Geschichte war Vergewaltigung nichts anderes als eine Art Eigentumsbeschädigung. Man gab dem Vater des Mädchens, das man geschändet hatte, ein paar Münzen, schlimmstenfalls musste man es, wie noch heute in ländlichen Gegenden der muslimischen Welt üblich, heiraten.
Knaben und Mädchen waren völlig schutzlos dem sexuellen Begehren ausgesetzt. Erst nach und nach sickerte im Lauf der Jahrtausende ins Bewusstsein zunächst der europäischen Gesellschaften, dass Kinder eine Schutzsphäre benötigen und es dauerte von da an noch einige hundert Jahre, bis Vergewaltigung nicht mehr einfach unsittlich war, sondern ein Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Nie gab es in einer menschlichen Kultur so wenige Vergewaltigungen, so wenig sexuelle Gewalt gegen Kinder. Was Frauen und Kinder schützt, ist nicht die individuelle Moral der Männer. Der Schutz besteht, weil wir unter der Herrschaft des Rechts leben. Unser Staat garantiert mit effektiven Mitteln die sexuelle Selbstbestimmung (die Aufklärungsquote bei Verbrechen gegen diese Selbstbestimmung liegt in Deutschland bei etwa 80%). Diese Idee der sexuellen Selbstbestimmung hat sich aus dem Gedanken der Menschenwürde entwickelt. Ebenso aus diesem Gedanken entstammt die Idee der unverletzlichen Privatsphäre.
Es ist ein Bärendienst der schlimmsten Sorte, wollte Schwarzer in Zusammenarbeit mit der Bild diese zivilisatorische Errungenschaft zurückdrehen und aus der absoluten Unverletzlichkeit der Intimsphäre eine Art Belohnung für Wohlverhalten machen. Gehen wir barbarisch um mit einem Mitglied, wird die Gesellschaft barbarischer. Und unter der Barbarei leiden letztlich immer die körperlich Schwächsten.
In einer Gesellschaft, in der Bild und Bunte die Regeln aufstellen, wäre die sexuelle Sicherheit des Einzelnen eher nicht größer.

Keine der betroffenen Frauen wird die Angelegenheit für sich angemessen deuten können, wenn sie sich daran festklammert, von einem quasidämonischen Erzschurken manipuliert worden zu sein. Nicht, weil er so maßlos geschickt wäre, wie immer wieder suggeriert wurde, waren sie ein Paar (und noch ein Paar und noch ein Paar). Sondern weil sie überhaupt keinen Instinkt dafür hatten, was eine Beziehung überhaupt sein kann.

Nun in eine Opferhaltung zu verfallen, wäre eine Sackgasse der Emanzipation. Eine Sackgasse, in die Schwarzer den Feminismus geführt hat. Dort, wo es Nähe gibt, kann es Verletzungen geben. Und die fügen sich Frauen und Männer in schöner Gleichberechtigung zu. Eine freie Gesellschaft verlangt auch etwas von einem.
Dass man weiß, was man will.
Dass man sagt, was man will.
Eine freie Gesellschaft versetzt einen aber auch in die Lage, für diese beiden schwierigen inneren Vorgänge überhaupt Worte zu finden. Aber wir sind eben völlig unaufgeklärt. Hilflos, spießig, betrügerisch, verklemmt, verlogen wie unsere Großeltern.
Wir haben heute, über vierzig Jahre nach der sexuellen Revolution, immer noch eine Sexualität, die Sieger und Verlierer produziert.
Weiter weg von freier Liebe waren wir lange nicht mehr. Da kann man sie noch so sehr an die Öffentlichkeit zerren.