02
Mrz 13

Wir verstehen das Internet nicht

“Die verstehen das Internet nicht.” Dieser Satz hat einst unseren Spott begründet und genährt. “Die”, das waren die langsamen und schwerfälligen Verlage, die zwei Euro für ihre Artikel wollten, die bornierte Politik, deren Repräsentanten ohne Umschweife einräumten, nicht einmal “einen Email” zu haben.
Wir, das waren die Blogger, die Leecher, die Auskenner, die Piraten.
Wir zogen frei und ungehindert durch die Weiten, wir teilten, wir veränderten, wir waren der Weltgeist, wir prägten eine Epoche.
Wir waren auf den Kopf gefallen.

Aber wir waren längst in Therapie, wir wussten es bloß noch nicht.
Wie in “Kampf der Häuptinge”, dem Asterix-Band, in dem Miraculix auf den Kopf fällt, war alles, was wir brauchten, ein weiterer Schlag auf den Kopf, um wieder klar zu sehen.
Wir wurden zu Zeugen eines epischen Ringens der alten Contentindustrie mit den neuen Giganten des Netzes. Amazon will Verleger werden, Google kopiert Bücher, Apple verkauft Lieder, die Inhaltemacher laufen hinterher.
Für uns im Zuschauerraum war es an der Zeit, den alten Satz zu rufen: “Die verstehen das Internet nicht!”


Epmd "you're customer" von cedric71

Je mehr aber das Internet Teil des Alltags wurde, desto mehr gewannen die Oberhand, die im Alltag die Hosen anhaben.
Und das waren nicht wir.
Mir zum Beispiel gehört kein Politiker.
Meine Leistung schützt niemand.

Nun ist das Leistungsschutzrecht nicht das Ende des Internets. Es markiert nur den Moment, in dem wir im Krankenhaus erwachen. Eine Schwester kommt herein, sie sieht aus wie eine CDU-Ministerin. Sie sagt, wir seien wieder gesund. Wir schauen aus dem Fenster, atmen vorsichtig, gewöhnen uns rasch an die sterile Krankenhausluft, wir lächeln der Schwester unbeholfen zu. Die Schwester zeigt auf unser Namensschild und sagt, dass sei ja der falsche Name. Wir schauen runter, dort steht “Saugbär” oder “nurfuerdich23″. Sie gibt uns ein neues Namensschildchen. “Das ist Ihr richtiger Name”, sagt sie. “Wir müssen doch wissen, wer Sie sind”.
Wir haben seit einer Ewigkeit nicht gesprochen, unseren Gedanken gelingt es kaum, sich zu sortieren. Wir öffnen den Mund.
Der erste Satz, den wir sprechen, wir hören ihn selbst kaum, so leise sagen wir ihn:
“Wir haben das Internet nicht verstanden.”


07
Feb 13

Sprache

Die ersten Konzentrationslager, die Deutsche errichteten, bauten sie für Afrikaner.
Es waren keine Vernichtungslager, sondern im Wortsinn Internierungslager. Und doch führten die Deutschen einen Vernichtungskrieg, im Zuge des Hereroaufstands wurden auch Frauen und Kinder in die Wüste getrieben, um sie dort verdursten zu lassen.
Wird gern getan, als sei das Unbehagen an bestimmten Begriffen einfach nur ein Erbe der amerikanischen Political Correctness, so haben Deutsche durchaus aus eigener Geschichte eine Verpflichtung zu sprachlicher Besonnenheit.
Ich habe hier schon vor einigen Jahren mehr dazu geschrieben.
Besonders irritierend an der derzeitigen Debatte ist, dass ein Verlag, der sich selbst dazu entschieden hat, verletzende Sprache zu ändern, in eine Zensurdebatte gerissen wird. Wäre es nicht gerade Zensur, einen Verlag mitsamt Autor dazu zu verpflichten, auf ewig werktreu zu sein?
Das vorweggenommen bin ich ein Anhänger der derben Sprache. Es käme mir nicht in den Sinn, wenn ich über die aktuelle Debatte spreche, vom N-Wort zu reden, so wenig es mir in den Sinn käme, das umstrittene Wort zu benutzen.
Entscheidet ein Künstler sich für eine bestimmte Sprache, neige ich immer dazu, ihm das Recht zu geben, diese zu benutzen. Und wie es im Moment aussieht, bestreitet ihm das auch niemand. Noch einmal: Nicht das Bundesgesundheitsamt hat die Kleine Hexe verändert, es war der Verlag selber.
Zuletzt vielleicht noch ein Hinweis: Wenn man in Elternforen Threads liest, in denen Eltern darüber schreiben, dass sie fürchten, ihr Kind könne das Downsyndrom haben, wird jedes Mal gesagt: Aber das wäre natürlich nicht schlimm, alle Kinder wären gleich wertvoll. Man könnte glauben, man infomiere sich nur mal eben, wie man Kinder mit Downsyndrom so aufzieht. In Wirklichkeit treiben fast alle Eltern, die auch nur den Verdacht haben, ihre Kinder könnten mit diesem Syndrom zur Welt kommen, die Kinder ab.
Entsprechend haben wir endlich eine weniger verletzende Sprache in den Medien etabliert. Aber Asylbewerber haben im Winter nicht genügend warme Kleider.
Es muss nach den Ursachen der Ablehnung, der Angst geforscht werden. Die Veränderung der Sprache ist nur ein winziger Schritt. Es geht um eine echte Bejahung von Unterschiedlichkeit.

*Der Text ist ein Notizzettel an mich selber für ein Radiointerview. Weil ich für einen Witz meine Großmutter bereits 1981 verkauft habe, brauche ich von Zeit zu Zeit ein Netz.


04
Feb 13

Gespräche über Schöpfung – Die Widerlegung der Vernunft

Mein Neugeborener hatte gelbliches Sekret im Augenwinkel. Da ich sowieso beim Kinderarzt war, fragte ich dort, was ich machen könne. Die Arzthelferin sagte, es gebe da etwas Homöopathisches. Ich sagte, damit sei mir leider nicht geholfen, da ich nicht daran glaube. Sie schaute mich fragend an. In der Apotheke fragte ich erneut, was ich machen könne. Ohne zu zögern ging die Apothekerin ans Regal, holte eine Packung, fing an, in die Kasse einzutippen. Was das sei, fragte ich. “Was ganz Tolles Homöopathisches.” Wieder sagte ich, das sei nichts für mich. Die Apothekerin sah mich offen feindselig an. Dann würden nur Antibiotika helfen. Die gebe es nur beim Arzt*. Die Hebamme ließ dann etwas “sehr Wirksames” bei uns zurück. Homöopathische Tropfen.
Warum eigentlich schlägt niemand vor, ich solle einen Fledermausflügel über seinem Auge verreiben? Weil die neue Unvernunft, wie ich sie seit gerade nenne, so nicht arbeitet. Sie ist mittelevidenzbasiert (“Bei mir hat es geholfen”), man kann sie klingen lassen wie Wissenschaft (“Wissenschaftler der Uni Solingen haben entdeckt, dass es besser hilft als Akkupunktur”) und sie würde sich selber nie als esoterisch bezeichnen (“Ich bin ja kein Esoteriker, aber hunderttausendfach verdünnte Stierhoden haben verhindert, dass ich an meiner Menstruation sterbe”).

Und so klingt das Alles für mich (fragt mich nicht, was in diesem Video zu sehen ist, aber es ist sehr, sehr komisch):

*Wenn allerdings homöopathische Mittel helfen, heißt das ja zwingend, dass Zuwarten hilft.


30
Jan 13

Von der Freiheit

Eine Szene in jeder Bar an jedem Abend in jeder deutschen Großstadt. Der erste Schritt ist schwierig. Hat sie Interesse? Oder ist sie bloß höflich? Warte ich schon viel zu lange? Oder gehe ich besser?
Seitdem offiziell beide Geschlechter den ersten Schritt machen dürfen, kann ein Date sich schnell anfühlen wie das Gefangenendilemma. Man kann nicht wissen, was der andere will, wer sich festlegt, verliert erst die Optionen und dann sein Gesicht.

Derweil in einer Parallelwelt, die mit unserer zunächst einmal nichts zu tun hat. Deutschland sucht den Superstar.
Die Kamera saugt sich an dem Ausschnitt der Kandidatin fest, Juror Mateo, Sänger der Band Culcha Candela, fragt:
„Sind die echt?“
Die Kandidatin ist sichtlich irritiert.
„Was?“, fragt sie.
„Die Haare.“
„Keine Extensions, alles echt.“
„Und der Busen?“
„Ja, der ist echt.“
„Schön.“

Die Stimme aus dem Off erklärt mit der RTL-typischen Brachialironie: „Da achtet die Jury natürlich nur so genau drauf, weil die Oberweite ja ein wichtiger Resonanzkörper beim Singen ist.“

Die rein männliche Jury sitzt und glotzt.
Während junge Frauen beim Umziehen gezeigt werden (im Vorbereitungsraum ist eine Überwachungskamera installiert), sagt Dieter Bohlen, das internationale Zeichen für „riesige Brüste“ gestikulierend: „Die kann ja irgendwie als Kölner Dom mit ihren Glocken auftreten.“ Eine Montage tanzender Brüste, dazu fragt Tom Kaulitz: „Das magste auch richtig gern?“ Bohlen antwortet: „Besser als so’n Bügelbrett.“ „Ja, das stimmt.“

Zu der gesungenen Zeile „I just wanna make you sweat“ eröffnet wieder Mateo einer Kandidatin:
„Ich finde dein Dekolleté wunderschön. Ich würde mich da total gerne reinlegen.“

Nina Pauer müsste ihre helle Freude an dem kahlköpfigen Mittdreißiger Mateo haben. Vor einem Jahr landete die ZEIT-Autorin mit ihrem Text „Die Schmerzensmänner“ einen Klick-Hit. Das halbe deutschsprachige Netz diskutierte über introvertierte Jungs, die nicht mehr baggern können. „Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund“, schrieb Pauer über den jungen Mann von heute.
Nichts mehr in ihm erinnert an die Machos von früher. Er ist „gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik.“ Das Problem beginne, „wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte“. Dann blockiert der junge Mann. Stattdessen nur viele ängstliche Fragen im Kopf.

Weiterlesen in der Berliner Zeitung


31
Dez 12

Was macht eigentlich so ein Staat?

Im Podcast mit Holger Klein erzähle ich von einer Nachhilfeschülerin, die ich gefragt habe, wo sie mit Staat in Berührung kommt. Ihr fiel nichts ein.
Wir reden davon, wie sehr man als werdende Eltern darauf angewiesen ist, dass der Staat Dinge regelt, die die (nachbarschaftliche oder familiäre) Gemeinschaft nicht mehr leisten kann.
Wir reden davon, dass Einsamkeit oder Kinderlosigkeit, Krankheit oder Alter kein individuelles Versagen darstellen, sondern Gegebenheiten sind, die nur gesellschaftlich abgefedert werden können.
Wenn nun Staat, um auf die Frage an die Schülerin zurückzukommen, einem also als Lehrerin gegenübertritt, als Kindergärtnerin, als Altenheim, in Form von Straßen und Bildungszentren und Der Sendung mit der Maus – warum dann diese Angst vor dem Staat? Natürlich: Der Staat ist GEZ und Finanzamt und eben auch schlechtes Fernsehen und schlechte Straßen und unzuverlässige Behörden und ungerechte Lehrer.
Aber ist das Prinzip, dass eine übergeordnete Instanz Dinge leistet, die privat nicht geleistet werden können, wirklich bedrohlich? Einschnürend? Wenn Mathias Richel von öffentlich-rechtlichen Netzstrukturen spricht, droht dann im nächsten Schritt ein Bundesfacebook?
In einem Nachfolgeartikel schreibt er ein paar Fakten auf, die zu denken geben sollten:

Interface Message Processor (Washington University in St. Louis); TCP/IP -> Stanford; World Wide Web – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); HTML/HTTP – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); Browser Mosaic – National Center for Supercomputing Applications; CSS – W3C am MIT; MP3 -> Fraunhofer-Institut

Der Boden, auf dem wir gehen, ist schon staatlich. Ups. Ist die mp3 also stalinistisch, höre ich Behördenmusik, weiß der Staat automatisch, mit wem ich chatte?

Meine Nachhilfeschülerin war 18, da darf man Staat für ein abstraktes Gebilde halten, das fernab von mir brazilesk Regeln aufstellt, die niemand versteht. Aber irgendwann sollte man das Fenster aufmachen und der Wirklichkeit hallo sagen.


15
Okt 12

Sind Frauen Weicheier?

Meine Frau schreibt ihre Doktorarbeit und ist schwanger. Sie ist Stipendiatin und arbeitet daher unter paradiesischen Bedingungen am Exzellenzcluster der FU Berlin. Weil sie schwanger ist, bekommt sie ein Jahr länger Geld für ihre Forschung.
Das ist ohne Frage ein Zeichen für eine fantastische Entwicklung, meine Frau hat unter diesen paradiesischen Bedingungen beinahe so gute Möglichkeiten wie ein Mann.
Warum nur beinahe? Keiner ihrer Kollegen wird jemals schwanger sein.

Die Schwangerschaft meiner Frau verläuft verhältnismäßig erträglich. Rund um die Uhr schlecht war ihr nur in den ersten Monaten und Luft bekommt sie eigentlich immer genug, es sei denn, sie bewegt sich oder redet.
Aber es gibt natürlich auch andere Schwangerschaften. Es können durch den Hormonmix Depressionen aufkommen oder Diabetes, der Blutdruck kann lebensbedrohlich ansteigen oder sich eine Autoimmunerkrankung entwickeln, Blutarmut gehört für einen großen Teil der Frauen zu den Begleitumständen.
Und so trennen sich hier für gewöhnlich die Karrierepfade von Frauen und Männern, spätestens aber mit dem zweiten Kind.
51% aller Studierenden sind weiblich, der Anteil der Frauen an der Professorenschaft beträgt dagegen gerade einmal 17%. Und bis zu 90% der Professoren haben Kinder, aber nur 5% der Professorinnen.
Doch eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, heißt es, man kann arbeiten bis kurz vor der Geburt, heißt es, man muss sich eben durchbeißen, heißt es. Sind Frauen Weicheier?
Doch genau darum kann doch Gleichberechtigung nur gehen: Dass es nicht nur die körperlich und geistig härtesten und stärksten Frauen nach oben schaffen.
Genau wie noch den größten Waschlappen unter den Männern eine Karriere gelingen kann.
Wäre Josef Ackermann gut damit zurecht gekommen, dass ihm drei Monate lang schon übel ist, wenn er an Essen denken muss, er gleichzeitig aber immer Hunger hat?
Hat sich Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, dadurch qualifiziert, dass er Verhandlungen auch dann knallhart führen kann, wenn ihm beim Reden die Luft wegbleibt, weil seine eben noch winzige Gebärmutter auf Medizinballgröße wächst und dabei alle Organe, auch die wichtigen, einfach zur Seite drückt?

Auf einmal heult ein sonst so nüchterner Mensch los, weil die Bahn schon weg ist – könnte ein Mann mit einem hundertfach erhöhten Östrogenspiegel besser umgehen?
Musste Martin Winterkorn (VW) alle fünf Minuten auf die Toilette rennen, und hat ihm sein Chef Ferdinand Piech, der zwölf Kinder hat, dann gesagt, es sei alles nur eine Frage der Organisation?
Hat, wo wir gerade bei Piech sind, Ferdinand Piech seine zwölf Kinder eigentlich alle gesäugt?

In hunderten von Büchern und zehntausenden von Internetseiten wird Frauen gesagt, dass sie ihr Kind möglichst lange stillen müssen. Es droht Autismus, psychische Verwahrlosung, Anfälligkeit für Allergien, plötzlicher Kindstod.
Auf der Seite netmoms.de heißt es, dass durch das Säugen „das Kind die Fähigkeit erhält, lebenshungrig, durchhaltefähig, fleißig und initiativreich zu werden“. Zwar sei es besser, sein Kind mit der Flasche zu füttern, als es verhungern zu lassen, aber der Schaden, den man dem Kind zufügen könne, solle einem bewusst sein.
Wer sein Kind nicht stillt, der könnte es genauso gut einem Rudel Hyänen anvertrauen und es vorher mit Currysauce einreiben.
Wie haben sich also die deutschen Vorstände und Politheroen entschieden in dieser zur Ethikfrage aufgeblasenen Alltagsentscheidung?
Und wie lange sind sie bei ihren Kindern geblieben nach der Geburt?
Ein halbes Jahr, ein ganzes? Oder ein Leben lang?

Wenn man also stillen soll bis nichts mehr kommt, und eine Schwangerschaft einen unter Umständen für Monate lahm legt: Ist dann ein zusätzliches Jahr tatsächlich so paradiesisch?
Aber muss meine Frau auch unbedingt während ihrer Doktorarbeit schwanger werden? Und konnten nicht die Trümmerfrauen als alleinerziehende Mütter wie nebenbei ein ganzes Land aufbauen? Ist man nicht einfach selber Schuld?
Die Entscheidung, ob man ein Kind möchte oder nicht, gilt als freiwillig, weshalb man, so das nie geäußerte Argument, in einer freien Gesellschaft eben die Konsequenzen zu tragen habe.
So scheinen die meisten zu denken. Als ich für diesen Text mit meinen Bekannten darüber gesprochen habe, was der Staat tun müsste, damit sie mehr Kinder bekommen, war die Antwort häufig: „Was soll denn der Staat damit zu tun haben?“

New York City Subway Stairs from Dean Peterson on Vimeo.

Die U-Bahn-Station in der 36sten Straße in Brooklyn, New York, verfügt über eine Treppe, in der eine Stufe ein paar Zentimeter höher ist als die anderen. In einem Video des Filmemachers Dean Peterson auf dem Portal vimeo.com ist zu sehen, dass jeder U-Bahn-Nutzer an dieser Stufe stolpert. Sieht man jedoch einen Einzelnen an dieser Stufe stolpern, denkt man, er habe sich eben dämlich angestellt. Ebenso wie der Einzelne denken wird, es sei sein Fehler, dass er stolpert.

Jeder Einzelne hat in Deutschland individuelle Schwierigkeiten, ein Kind zu bekommen und großzuziehen, jeder mag sich selbst die Schuld geben. Aber die deutsche Geburtenkrise ist eine Hausgeburt. Es versagt das ganze Land, der Staat, die Gesellschaft. Manche Stufen sind einfach zu hoch. Allein durch individuelles Versagen lässt sich das rasante Schrumpfen Deutschlands schließlich nicht erklären. Bis zum Jahr 2060 wird Deutschland etwa eine DDR verloren haben, 17 Millionen Menschen. Die Weltbevölkerung jedoch wächst jedes Jahr um 80 Millionen, also um ein Deutschland.
Ich kann nicht beurteilen, ob die deutsche Entwicklung angesichts der globalen Zustände nicht ein Segen ist, mich interessiert die Zukunft auch nicht viel mehr als sie die deutschen Politiker interessiert.
Aber ich sehe die Gegenwart. Denn es gibt den demographischen Wandel eben nicht erst seit gestern – die Auswirkungen sind längst greifbar. Man muss gar nicht in die Zukunft schauen, um sich zu gruseln.
Deutschland ist jetzt schon das drittälteste Land der Welt nach Japan und Monaco, der durchschnittliche Niederländer ist drei Jahre jünger, der durchschnittliche Amerikaner sechs, der durchschnittliche Chinese sogar zehn Jahre.

Der Dramatiker Heiner Müller sagte, es habe „mit dem Lebensgefühl“ zu tun, „wenn die Geburtenrate sinkt: ein Volk, das sterben will.“ Gleichzeitig wolle das Volk „nichts abgeben. Dafür ist die Bundesrepublik exemplarisch. Man will hierzulande alles Bier trinken, und wenn man selbst kein Bier mehr trinken kann, soll es keines mehr geben.”

Es liegt ein Grauschleier über dem Land. Warum glaubt kein anderes westliches Land so wenig an die Zukunft?
In der deutschen Seele, sollte es sie geben, gäbe es gleich zwei Urverunsicherungen: den ersten und den zweiten Dreißgjährigen Krieg. 1618-1648 und 1914-1945 haben die Empfindung hinterlassen, dass das Beste, was passieren kann, ist, dass alles bleibt wie es ist.
Kann diese Sehnsucht nach Nichtveränderung so weit gehen, dass schon die Fortpflanzung zuviel des Neuen ist?
Oder klingt „Geburtenpolitik“ schon zu sehr nach nationalsozialistischem Mutterkreuz und Lebensborn? Lange galt Kinderkriegen als reaktionär, aber das scheint vorbei, Kinder sind durchaus wieder beliebt unter Jüngeren.

Wie kann es also so schwer sein, in einem der reichsten Länder nicht nur der Erde, sondern der Geschichte, die Entscheidung zu treffen, Kinder zu bekommen?
Die allermeisten meiner Bekannten sind zwischen Mitte Zwanzig und Anfang Vierzig, also im Reproduktionsalter. Einige wenige haben früh entschieden, keine Kinder bekommen zu wollen, noch weniger haben schon mit Anfang Zwanzig ein Kind bekommen, ansonsten gilt: Wer in seinen frühen Zwanzigern oder auch mit Mitte Zwanzig eine stabile Beziehung etabliert, die auch mit Dreißig noch anhält, bekommt mit diesem Partner in der Regel mit Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig ein Kind.
Bei den meisten bleibt es bei diesem einen Kind, manche bekommen noch ein zweites, zwei Familien kenne ich mit drei Kindern, ich kenne privat keinen einzigen Menschen, der vier Kinder hat.
Aber was, wenn man nicht das Glück hat, in seinen Zwanzigern eine stabile Beziehung etabliert zu haben?
Man ist dreißig, seit ein paar Monaten Single, seit ein paar Jahren oder Monaten im Beruf. Man lernt jemanden kennen. Soll man sofort Kinder bekommen? Schließlich sind es nur noch wenige Jahre, bis die natürliche Fruchtbarkeit zu sinken beginnt?
Oder soll man etwas warten, bis die Beziehung sicherer ist? Ein nervenraubendes Dilemma.
Wenn man sich aber nach drei, vier Jahren trennt ohne Kinder bekommen zu haben, dann muss der nächste Partner schon der sein, mit dem man Kinder bekommt, spätestens aber der übernächste.
Manche haben Pech und bleiben ungewollt kinderlos, manche schaffen es noch so gerade und bekommen ein Kind.
Mein Bekanntenkreis spiegelt also ziemlich genau die demographische Situation: Viele Spätgebärende, einige Kinderlose, keine Familien mit vielen Kindern.
Die Kinderlosigkeit der einen wird nicht durch Kinderreichtum von anderen ausgeglichen.

Bisher war von Geld noch gar nicht die Rede. Erste Voraussetzung für die Allermeisten ist zunächst eine stabile Beziehung. Also tatsächlich: Was soll der Staat tun? Der Staat kann schließlich nicht den passenden Partner besorgen.

Der Staat selbst weiß es besser. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schreibt: „In der ehemaligen DDR sank das Geburtenniveau zunächst bis Mitte der 1970er Jahre ebenfalls (Anmerkung: wie in Westdeutschland) stark ab. Der danach folgende Wiederanstieg war vor allem durch familienpolitische Maßnahmen verursacht, die ein Vorziehen bzw. Nachholen von Geburten bewirkten.“

Und er kennt auch die zahlreichen Studien, aus denen hervorgeht, wie erfolgreich eine gezielt geburtenfördernde Politik sein kann.
Vielleicht passiert in Deutschland politisch ja etwas, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man mit so geburtenschwachen Jahrgängen nie wieder Fußballweltmeister wird. Das Leben in einer überalterten Gesellschaft bedeutet bereits jetzt: Rentenmisere, Pflegenotstand und in den Albumcharts stehen für immer uralte Schlagerbarden wie die 3 Amigos.
Man sollte also meinen, dass dem Land daran gelegen ist, wieder jünger zu werden, wieder eine Zukunft zu bekommen. Aber die deutsche Politik sorgt dafür, dass die Menschen keine Kinder bekommen.

Dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zufolge könnten in Deutschland „bis zum Jahr 2050 rein rechnerisch ungefähr 850.000 Kinder mehr zur Welt“ kommen, würden wie in Dänemark drei In-Vitro-Fertilisationen, also Reagenzglasbefruchtungen, von den Kassen erstattet. Unter der rot-grünen Regierung Schroeder wurden in Deutschland den Paaren mit Kinderwunsch die Hälfte der Kosten aufgebürdet, was im Folgejahr die Zahl der Behandlungen halbierte.
Darüber hinaus werden Kinder davor bewahrt, alte Eltern, homosexuelle Eltern, unverheiratete Eltern zu haben. Für keine dieser Gruppen steht die Fortpflanzungstechnologie zur Verfügung.
So dringend ist der Wunsch des Gesetzgebers, die Kinder davor zu schützen, dass er sie lieber gar nicht erst zur Welt kommen lässt.
Ist Nichtexistenz besser als zwei sich liebende Mamas zu haben?

Immer mehr Menschen werden alt, also gibt es immer mehr künstliche Hüftgelenke und Herzschrittmacher. Man sagt den Leuten nicht: „Na, dann benutzt eure Hüften und eure Herzen halt weniger“, man entwickelt eine medizinische Lösung.
Medizinische Hilfe für Unfruchtbare aber wird nicht nüchtern betrachtet als Notwendigkeit unserer Zeit. Soll man stattdessen eben mit 18 Kinder bekommen.

Wenn der Staat also nichts tun will, ist es Zeit für gute Ratschläge. So sagt also etwa die Spiegel-Autorin Claudia Voigt den Leserinnen, sie sollten eben einfach sehr viel früher Kinder bekommen. Wie kommt es, dass über Fortpflanzung nachgedacht wird, als würden Menschen sich durch Parthenogenese verbreiten, durch Jungfrauengeburt wie die Blattläuse?
Warum bleibt alles an den Frauen hängen?

Das Lieblingsspiel der Politik ist Teilen und Herrschen. Also wird die Bevölkerung in vermeintliche Interessengruppen aufgeteilt. Frauen gegen Männer. Heteros gegen Homosexuelle (angeblich soll schon die reine Existenz von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften auf Kosten der Familien gehen, so etwa die CDU-Abgeordnete Katherina Reiche) oder Kinderlose gegen Familien (wobei dann die vermeintlich egoistischen Kinderlosen zu einem Ablasshandel gezwungen werden sollen, man denke nur an die von jungen CDU-Abgeordneten geforderte Sonderabgabe).

Die gerade einmal 20.000 eingetragenen Lebensgemeinschaften sprengen also den Bundesetat. Sind Schwule Griechenland?
Man kann nicht die Kinderlosen als Egoisten darstellen, die den altruistischen Familien alles wegfressen. Es ist eine Maßgabe der Freiheit, sowohl die Entscheidung für Kinderlosigkeit treffen zu können als auch für eine Großfamilie. Hat aber niemand mehr viele Kinder außer ein paar Milliardären und ein paar Sozialhilfeempfängern, dann ist das eben auch ein Freiheitsproblem.
Vielleicht will ich gar nicht die Freiheit, auf der Autobahn 200 fahren zu dürfen, sondern die Freiheit, 5 Kinder aufziehen zu können?
Frauen und Männer sitzen gemeinsam in der Tinte. Seitdem es akzeptiert ist, dass Frauen arbeiten, ist es auch notwendig geworden, dass beide arbeiten – immer weniger Einzelne können noch drei Menschen ausreichend versorgen.
Kinder sind erst dann ein echtes Armutsrisiko, wenn sie in kleinen Horden auftreten (mit dem dritten Kind steigt die Gefahr, zu verarmen), weil es dann beinahe unmöglich ist, dass beide arbeiten, noch zuverlässiger treiben sie nur in die Armut, wenn der Erziehende alleine ist.
Sowohl die Entscheidung, nicht fünf Kinder zu bekommen, als auch die Entscheidung, mit der ersten Geburt zu warten, bis man sich des Partners sicherer ist, sind also vollkommen rational.
Nicht arm sein zu wollen, das ist keine egoistische Überlegung, das ist ein Menschenbedürfnis.
Wer wartet, wer nach dem zweiten Kind aufhört mit der Fortpflanzung, der spiegelt mit seiner angeblich individuellen Entscheidung einfach nur die Gegebenheiten. Jeder stolpert an der Babyschwelle.
Jahr für Jahr gebären die Frauen in Deutschland zweieinhalb Monate später zum ersten Mal. Die Angst wird größer.
Aber die Sicherheit kann nicht allein in der Liebe gefunden werden. Beziehungen können sich heute eben lösen, egal wie lange man sie testet. Mehr Sicherheit kann nur der Staat geben – nicht durch Partnervermittlung, sondern durch eine gezielte kinderfreundliche Politik.

Die amerikanische Denkfabrik RAND Corporation kam in ihrer für die Europäische Kommission erstellten Analyse „Low Fertility and Population Ageing“ zu dem Ergebnis, dass nationale Maßnahmen unter den richtigen Umständen erfolgreich sein können, das Altern der Bevölkerung und seine Konsequenzen umzukehren, aber keine Einzelmaßnahme sei ein Erfolgsgarant. Es könne indirekte Einflüsse von Maßnahmen geben, die dazu geeignet sind, auf breiter Ebene soziale und ökonomische Bedingungen zu verbessern, da aber Bevölkerungspolitik wenigstens eine Generation brauche, um sich zu bewähren, sei sie politisch unattraktiv.

Hier wird sozialer Wohnungsbau gekappt, die Lehrmittelfreiheit abgeschafft, Studiengebühren eingeführt. Es wird wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, Kinder unbezahlbar zu machen.

In Frankreich, das wissen selbst meine Bekannten, da gibt es Krippenplätze. Und ja, das wäre schon ganz schön, wenn es die hier auch geben würde. Und nein, man versteht nicht so ganz, warum es so schwer ist, hier welche anzubieten.
Dabei ist es ganz einfach: Die Politik tut nichts für eine familienfreundliche Gesetzgebung, weil es eben zu lange dauert. Die ganzen alten Frauen und Männer, die uns regieren, sind schon lange tot und damit unwählbar, wenn die Maßnahmen greifen würden.

In Frankreich aber, da gibt es eben nicht nur Krippenplätze. Es gibt in Frankreich mehr als 30 verschiedene Maßnahmen. Bedarfsorientierte Leistungen, Steuerentlastungen, Gemeindewohnungen, günstige Hypotheken für kinderreiche Familien, verbilligte Tickets für öffentliche Verkehrsmittel, man muss nicht Zuhause bleiben, man muss nicht verheiratet sein, Krippen und Kindertagesstätten werden gefördert. Vor allem aber gibt es diese Politik bereits seit 60 Jahren, es herrscht große Einigkeit über die Notwendigkeit, die Bevölkerung kann sich darauf verlassen.

Frankreich hat natürlich keine paradiesischen Zustände. Nicht alle Maßnahmen greifen. Aber die Politik hat schon früh erkannt, dass sie Alleinerziehende und Kinderreiche nicht allein lassen darf.

Politik müsste also auch in Deutschland einige Faktoren berücksichtigen.
Die Menschen wollen nicht arm werden.
Sie wollen in ihren Entscheidungen nicht limitiert werden.
Sie wollen ihren Berufen nachgehen können.
Diese Faktoren sind natürlich eng miteinander verwoben, man kann am Ende sagen: Die Menschen können nicht all ihre Zeit auf Kinder verwenden.
Es gibt in Deutschland keine Mehrgenerationenhaushalte mehr. Das haben sich nicht die derzeitig in Deutschland lebenden Generationen aus Hedonismus einfallen lassen, Deutschland ist eben eine der ältesten Industrienationen, die Landflucht und Vereinzelung begann hier schon vor mehr als 150 Jahren (weshalb es in Deutschland auch keine bedeutenden regionalen Küchen gibt, aber das ist eine andere Geschichte).
Was also in anderen Ländern die Familie leistet, die Entlastung der Eltern durch Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen, Neffen, Nichten in Form von Mitpflege, Babysitten, Nachhilfe, durch Rat und Tat also, das leistet hier, wenn es nicht der Staat tut, niemand. Die Eltern müssen also entweder in die Lage versetzt werden, ihre Kinder irgendwo abgeben zu können, oder man muss seine Kinder mit zur Arbeit nehmen dürfen.
Glücklich die, die gesunde Eltern haben, die in derselben Stadt wohnen, die haben wenigstens ab und an jemanden, der auf das Kind aufpasst. Die anderen sind auf Krippenplätze angewiesen oder geben für Babysitter, die sie Brutto bezahlen, mehr Geld aus, als sie Netto verdienen.

Zum letzten Mal in derselben Stadt wie meine Eltern habe ich mit 20 gewohnt, meine Frau mit 19, meine Eltern sind tot, die meiner Frau geschieden, unsere Geschwister wohnen in verschiedenen Städten: Es gibt keine Verwandten, die mal eben einspringen könnten. Freunde aber, sagen die Bekannten, die Kinder haben, fragt man eher nicht. Am Ende wird Kinderarmut vererbt, wobei der Begriff verwirrend ist, denn arm sind ja die Kinderreichen.

Lassen Sie mich nun offen sprechen, als säße ich bei Markus Lanz auf der Couch: Das Aussterben der Deutschen bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Ich pflanze mich nicht fort, um Deutschland zu retten.
Und doch bekomme ich jetzt ein Kind. Mit 38 Jahren, einige Jahre später als der Durchschnitt, werde ich nun Vater. Ich kann mir sagen lassen, ich hätte viel eher ein Kind bekommen sollen, ich kann mir sagen lassen, ich hätte nicht so einen unsicheren Beruf auswählen sollen. Aber ich bin nicht der einzige, der stolpert, was auch immer ich falsch gemacht habe.
Wer also hilft mir?

Nicht alles, was gut gemeint ist, taugt. Elterngeld? Wie soll ich als Selbständiger meine Arbeit so lange ruhen lassen? Soll ich einen Freund bitten, meine Kolumne zu übernehmen? Und 65% des Nettogehalts? Zahle ich auch nur noch 65% Miete?

Im uns anerzogenen Einzelkämpfermodus kommen wir gar nicht auf die Idee, der Staat könne irgendetwas für uns tun.
Aber Kinder dürfen nicht ein individueller Glücksfall sein, den man erleben kann, wenn die Eltern und Großeltern genug Geld haben, die Liebe groß genug ist, und man gerade zwischen zwei Jobs Zeit hat. Kinder zu bekommen muss normal werden. Ist es aber nicht. Um das wieder hinzubekommen bedarf es einer – darf man nationale Anstrengung sagen? – bedarf eines Projekts, das größer ist als der Plan, zum Mond zu fliegen. (So scheint es wenigstens, wenn man Kristina Schröder gehört hat, wie sie die Länder anbettelt, wenigstens den zusätzlichen finanziellen Bedarf für das Einrichten von Krippen an den Bund zu melden.)

Ich bin kein Politiker und muss nicht sagen, woher ich das Geld nehmen will. Offenbar sind Krippen und Kindergärtnerinnen ja ungleich teurer als Bankenrettungen. Ich kann fordern. Und gerade das wird von meiner wohlerzogenen, als egoistisch geltenden Generation zu wenig getan. Glaubt man gar nicht. Es geht den jüngeren Generationen in Deutschland so wie den Untertanen in feudalen Staaten: Sie müssen den allmächtigen Alten eine Veränderung abringen, die diese nicht wollen.
Liebe Oma, dein Enkel hat kein Geld für Kinder. Nein, tausend Euro reichen nicht.

(Der Text ist in der Berliner Zeitung erschienen)


19
Sep 12

Malakoff Kowalski – KiLL YOUR BABiES

Malakoff Kowalski »KiLL YOUR BABiES – Filmscore For An Unknown Picture« from Malakoff Kowalski on Vimeo.

Malakoff Kowalski hat alle Systeme runtergefahren. Er musiziert mit dem, was nach einem Atomkrieg übriggeblieben ist, Musik für einen nie gedrehten Film.
Verstimmte Klaviersaiten werden wie nebenbei angeschlagen, irgendwo dreht sich ein Cello zwischen den Beinen eines einbeinigen Matrosen, gleich gibt es ein Duell im Nebel.
Machen wir uns nichts vor: Malakoff Kowalski macht jetzt ernste Musik. Und ist unterhaltsamer als je zuvor.


17
Sep 12

Bettina Wulff und das Netz der Gerüchte

Das Gerücht, das dieser Tage über das Internet verbreitet wird, geht so: Jeder kann dort alles über jeden behaupten, man bekommt Gerüchte, die dort niedergeschrieben werden, niemals wieder aus der Welt.
Bettina Wulff versucht, das Gerücht, sie habe als Prostituierte gearbeitet, aus dem Internet zu verbannen. Sie mahnt daher Blogger, die das Gerücht verbreitet haben, ab, und zieht sogar gegen Google zu Felde, das mit seiner Autocomplete-Funktion (wer einen Namen eingibt, bekommt häufige Suchanfragen anderer Nutzer angeboten) bei Eingabe des Namens „Bettina Wulff“ unter anderem „Escort“ und „Prostituierte“ vorschlug und so zur Bekanntmachung des Gerüchts beigetragen hat.
Ich habe in meinem privaten Blog im Januar dieses Jahres im Bezug auf Bettina Wulff erwähnt, dass eine kleine technische Neuerung (eben die Autovervollständigung von Suchanfragen) eine neue Form von Erklärungsdruck aufbaut. Philipp Lahm hatte sich diesem Erklärungsdruck gebeugt und in seinem Buch ausdrücklich erklärt, er sei nicht schwul.
Ich habe diesen Artikel mittlerweile gelöscht, denn es ist so: Verlage haben Justiziare, die sich bei Rechtsstreitigkeiten kümmern, Blogger haben nur sich selbst.
2006 verlangte Veronica Ferres von einem Blogger 10.000 Euro, weil der sich abfällig über sie geäußert hatte; der Blogger kam schließlich damit davon, Ferres‘ Anwaltskosten, die 1500 Euro betrugen, zu übernehmen.
1500 Euro können für Hobbyautoren recht schmerzhaft sein, und so ist die deutsche Bloglandschaft im internationalen Vergleich recht zahm. Kaum jemand kann es sich, zeitlich oder finanziell, leisten vor Gericht zu gehen, und so setzt sich in der Regel der Finanzkräftigere durch mit seiner Rechtssicht.
Nun hatte ich gar nichts Anstößiges geschrieben, sogar darauf hingewiesen, dass die Ursprünge dieses Gerüchts in den dunkelsten Ecken des deutschsprachigen Internets lägen, aber ich bin da nicht anders als andere Blogger; ehe man einen Rechtsstreit riskiert, löscht man lieber.
Auch deutsche Forenbetreiber, die für ihre Mitgleider haften, werden nicht zulassen, dass dort Verleumdungen veröffentlicht werden.
Im Zweifel ist das deutschsprachige Internet leichter zu deckeln als die deutsche Presse.
Die meisten werden jedoch das Gerücht über Bettina Wulff gar nicht bei Google entdeckt haben, sondern jemand verbreitete es im privaten Gespräch. Diesen Promiklatsch gab es schon immer.
Richard Gere, so geht eine der bekannteren Klatschgeschichten, die schon zu meinen Schulzeiten kursierte, soll eines Tages in der Notaufnahme gelandet sein, weil er einen Hamster, andere Quellen sprechen von einer Rennmaus, im Anus gehabt habe. Es soll, so die Erklärung, unter schwulen Männern ein verbreitetes Sexspiel sein, sich gegenseitig Nagetiere in den Darm zu schieben. Das ist natürlich genauso Unsinn wie die ganze Gere-Geschichte, doch bis heute bietet einem Google in der Autovervollständigung den Begriff „Hamster“ an, wenn man nach Richard Gere sucht.
Man stößt dann auf Seiten, die sich der Aufgabe stellen, so genannte Urbane Legenden aufzuklären. Diese Aufklärung hatte man zu meinen Schulzeiten noch nicht, Geres Verhältnis zu dem Hamster blieb damals tatsächlich ein nicht aus der Welt zu schaffendes Gerücht, jeder dachte daran, wenn Gere Julia Roberts küsste. (Also: Hoffentlich dachte jeder daran, dann ist Pretty Woman nämlich ein viel komischerer Film.)
Auch im Fall Wulff konnte man durch Google das Gerücht schnell falsifizieren: Es gab keine Bilder, es gab keine Augenzeugenberichte, nur Hörensagen.
„Papier ist geduldig“, sagte meine Mutter, wenn ich auf etwas verwies, das ich in der Zeitung gelesen hatte. Vielleicht hatte der Journalist etwas erfunden oder etwas falsch verstanden.
Im Internet wurde die „Papier ist geduldig“-Regel erweitert. Nun heißt es: „Nichts ist wahr, ehe es nicht hieb- und stichfest bewiesen wurde.“
Pics or it didn‘t happen – Bilder, oder es ist nicht geschehen. Und wenn Bilder als Beweis geliefert werden, dann machen sich in den Foren und Imageboards die Photoshopexperten über die Beweisbilder her und weisen verlässlich Manipulationen nach.
Gerüchte lassen sich heute besser als je zuvor durch Tatsachen aus der Welt schaffen oder durch eine überzeugende Gegenrede. Wenigstens jeder Verständige wird dem Nachvollziehbaren eher glauben als dem Hörensagen.
Aber es kann ja nicht sein, dass jeder ständig gezwungen ist, sich zu jedem Unsinn zu äußern und die Hosen runterzulassen.
Dazu muss man darauf hinweisen, dass es generell um den Schutz der Privatheit nicht so schlecht bestellt ist im Netz. Wer Daten von Unbekannten postet, gilt rasch als Stalker. Selbst auf 4chan, einer der wohl anarchischsten Seiten im Netz, gilt die Regel: „Postet keine persönlichen Informationen“.
So gut wie vogelfrei ist – nicht in deutschen Blogs, aber dort, wo tatsächlich anonym geschrieben werden kann – die Prominenz.

Mächtige oder Prominente können Tatsachen über sich schlechter denn je unterdrücken. Sei es Bob Geldofs Tochter Peaches, über die ein junger Mann, der mit ihr einen heroinsatten One Night Stand hatte, auf dem Social News Aggregator Reddit ausführlich schrieb, samt Nacktfotos, der nackte Prinz Harry oder die zahlreichen Stars, deren Handys gehackt und auf Nacktfotos durchsucht wurden.
Dort haben Informationen eine Macht bekommen, die unser Leben radikal verändern wird (denn wenn es dauerhaft normal ist, dass bestimmte Mitglieder der Gesellschaft keine Privatsphäre haben, wird das irgendwann für alle normal).
Man kann sich daher verschiedene Zukunftsszenarien vorstellen: 1. Jeder weiß alles über jeden und deshalb sind alle etwas freier als heute, weil jeder zu Toleranz gezwungen ist. 2. Jeder weiß alles über jeden und deshalb gibt es einen enormen Anpassungsdruck. Oder 3. Informationen werden rigide gedeckelt, Persönlichkeitsrechte zulasten von Informationsrechten ausgedehnt, das ganze einst so wilde Netz immer stärker reglementiert.
Meine Meinung zum Schutz der Privatsphäre im Internet ist ganz eindeutig: Es hängt davon ab, ob ein Sextape von Christina Hendricks oder von mir kursiert.
Wir sind eben alle neugierig und ehrpusselig und auf unsere Privatsphäre bedacht und invasiv.
Das Internet ist nicht das Fernsehen und auch kein elektronisches Buch oder eine digitale Zeitung, das Internet ist – nach und nach – die Sichtbarmachung der Gedanken aller Menschen mit Anschluss. Es ist so dumm, brillant, brutal und liebevoll wie die Gesamtheit aller Beteiligten
Die Gedanken sind frei, auch die Unmoralischen, könnte man sagen, meist überwiegt das Gute, könnte man sagen, aber wenn man zufällig selber gerade im Fokus dieser Gedankenmaschine steht, dann kann das sehr unangenehm sein.
Bilder sind fast nicht wegzubekommen, es sei denn, sie zeigten Kinderpornographie (die wird von Googlemitarbeitern rund um die Uhr aus dem Index aussortiert), denn Bilder sind Tatsachen und damit eine harte Währung. Irgendwann in den Nullerjahren erlangte eine junge Frau eine für sie bedrückende Internetbekanntheit durch Fotos, die sie mit einem Mann beim Sex zeigten, die Fotos waren mit ihrem Namen und ihrer Heimatstadt markiert, schließlich kam die junge Frau nicht umhin, ihren Namen zu ändern, um nicht für den Rest ihres Lebens mit diesem einen Akt konfrontiert zu werden.

Auch die Bilder von Mario Götzes Erektion, im Sommerurlaub von einem Paparazzi geschossen, werden nicht verschwinden, dazu befinden sie sich auf zu vielen Festplatten, es gibt sie in deutschen Foren, in belgischen Nachrichtentickern, auf amerikanischen Sportseiten.
Beide Beispiele zeigen, wie übergriffig das Netz tatsächlich sein kann, ein Spanner, ein Eindringling, neugierig wie wir alle in unseren am wenigsten stolzen Stunden sind.
Weggeklagt bekommt man das nicht.
Es müssten stattdessen alle Menschen dazu kommen, nicht hinzuschauen, wenn sie einen Fußballer mit Erektion sehen. Das ist eine harte mentale Übung.
Wie aber jetzt praktisch mit einem Fall wie Wulff umgehen? Sagt man: In Ordnung, Ehrrühriges darf nicht in den Googleindex – dürfte Google denn auch jetzt nicht darauf hinweisen, dass Bettina Wulff mit Gerüchten zum Thema Prostitution konfroniert war?
Zum Abschluss etwas Beruhigendes für unsere politische Klasse: Ein Politiker stürzt nicht über Gerüchte, sondern über Details. Rudolf Scharping wurde, anders als man sich heute erinnert, nicht entlassen, weil es peinliche Fotos von ihm im Swimmingpool gab, sondern weil er sich einen Einkauf von Moritz Hunzinger bezahlen ließ. Der Druck wuchs jedoch nicht allein durch diese Tatsache, über die Hans Leyendecker auf der Medienseite der SZ berichtete, sondern erst, als der Stern schrieb, die Socken, die Scharping sich kaufen ließ, hätten 35 Mark pro Paar gekostet. Im Internet heißt es mittlerweile, es seien 350 Euro gewesen; so oder so befand die Öffentlichkeit, dass ein Soze nicht so teure Socken tragen dürfte und senkte den Daumen.
Und so ist auch Christian Wulff nicht über die Gerüchte gestürzt, sondern über die Nähe zu reichen Freunden, auch hier erdrückten am Ende die Details die letzten Reste von Sympathie.
Was die Käuflichkeit von Körpern angeht, da ist man heute vergleichsweise tolerant, der Verdacht von politischer Käuflichkeit, der tötet. Das Problem der Mächtigen sind nicht Gerüchte, sondern Tatsachen.

(Der Artikel ist in der Berliner Zeitung erschienen)


11
Sep 12

Dietrich Brüggemann: Americanorama

Der Regisseur Dietrich Brüggemann ist zur Zeit in den USA. Und was sind die USA? Riesig.
Also macht er die Fotos in Breitwand und zeigt sie auf americanorama.
“Panoramafotografie nicht als Landscape-Porn, sondern mit Portaitcharakter und Momentaufnahmen.” Sagt er. Und lügt nicht.


03
Sep 12

Die dicken, dummen Kinder

Gestern Abend saß bei Günther Jauch die geistige Mittelschicht des Landes zusammen und redete wie immer den Untergang des Abendlands herbei, dieses Mal war das Internet der Verursacher.
Auf einmal war es wie bei 4chan, wenn ein neues Mem entsteht: alle sagten dasselbe, immer etwas höhnischer, immer etwas wissender. Das Mem hieß: die dicken, dummen Kinder. Die dicken, dummen Kinder können nicht Ball spielen, die dicken, dummen Kinder sind mit Wissen überfordert, die dicken, dummen Kinder sind mit Greifen überfordert, und können also nicht – hier macht man eine Geste mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass etwas Bedeutsames kommt: BE-greifen.
Wer sind die dicken, dummen Kinder?
Nicht unsere, nicht wir.
Die Kinder der geistigen Mittelschicht betreiben im Schnitt zweieinhalb Sportarten, beherrschen ein Instrument zu einem Drittel, führen souverän ihr eigenes Konto und schalten von selber den Fernseher aus, um ein Rudel Möhren jagen zu gehen. Sie sind hart wie Macstahl, zäh wie Terrence Malick-Filme und flink wie Geldströme, sie können auch morgen noch kraftvoll zubeißen und wenn ihnen der Sinn nach einer Statistik steht, die ihnen nutzt, dann wissen sie, wo sie die herbekommen.
Nachdem alle Armen in Deutschland gewogen wurden, weiß man nun, dass sie mehr wiegen als die oben erwähnten Teilzeitleistungssportler, und doof – na doof sind sie ja nun auf jeden Fall, sonst wären sie ja nicht arm.
Das Leben, liebe Petra Gester, lieber Manfred Spitzer, liebe Biedermeierer und Biedermeiererinnen, das Leben ist ein Marathonlauf. Viele Eigenschaften sind an verschiedenen Stationen dieses Laufs gefragt: Die Eigenschaft, Kinder abzustempeln, als dick, als doof, als hoffnungslos, gehört sie dazu?