19
Sep 12

Malakoff Kowalski – KiLL YOUR BABiES

Malakoff Kowalski »KiLL YOUR BABiES – Filmscore For An Unknown Picture« from Malakoff Kowalski on Vimeo.

Malakoff Kowalski hat alle Systeme runtergefahren. Er musiziert mit dem, was nach einem Atomkrieg übriggeblieben ist, Musik für einen nie gedrehten Film.
Verstimmte Klaviersaiten werden wie nebenbei angeschlagen, irgendwo dreht sich ein Cello zwischen den Beinen eines einbeinigen Matrosen, gleich gibt es ein Duell im Nebel.
Machen wir uns nichts vor: Malakoff Kowalski macht jetzt ernste Musik. Und ist unterhaltsamer als je zuvor.


17
Sep 12

Bettina Wulff und das Netz der Gerüchte

Das Gerücht, das dieser Tage über das Internet verbreitet wird, geht so: Jeder kann dort alles über jeden behaupten, man bekommt Gerüchte, die dort niedergeschrieben werden, niemals wieder aus der Welt.
Bettina Wulff versucht, das Gerücht, sie habe als Prostituierte gearbeitet, aus dem Internet zu verbannen. Sie mahnt daher Blogger, die das Gerücht verbreitet haben, ab, und zieht sogar gegen Google zu Felde, das mit seiner Autocomplete-Funktion (wer einen Namen eingibt, bekommt häufige Suchanfragen anderer Nutzer angeboten) bei Eingabe des Namens „Bettina Wulff“ unter anderem „Escort“ und „Prostituierte“ vorschlug und so zur Bekanntmachung des Gerüchts beigetragen hat.
Ich habe in meinem privaten Blog im Januar dieses Jahres im Bezug auf Bettina Wulff erwähnt, dass eine kleine technische Neuerung (eben die Autovervollständigung von Suchanfragen) eine neue Form von Erklärungsdruck aufbaut. Philipp Lahm hatte sich diesem Erklärungsdruck gebeugt und in seinem Buch ausdrücklich erklärt, er sei nicht schwul.
Ich habe diesen Artikel mittlerweile gelöscht, denn es ist so: Verlage haben Justiziare, die sich bei Rechtsstreitigkeiten kümmern, Blogger haben nur sich selbst.
2006 verlangte Veronica Ferres von einem Blogger 10.000 Euro, weil der sich abfällig über sie geäußert hatte; der Blogger kam schließlich damit davon, Ferres‘ Anwaltskosten, die 1500 Euro betrugen, zu übernehmen.
1500 Euro können für Hobbyautoren recht schmerzhaft sein, und so ist die deutsche Bloglandschaft im internationalen Vergleich recht zahm. Kaum jemand kann es sich, zeitlich oder finanziell, leisten vor Gericht zu gehen, und so setzt sich in der Regel der Finanzkräftigere durch mit seiner Rechtssicht.
Nun hatte ich gar nichts Anstößiges geschrieben, sogar darauf hingewiesen, dass die Ursprünge dieses Gerüchts in den dunkelsten Ecken des deutschsprachigen Internets lägen, aber ich bin da nicht anders als andere Blogger; ehe man einen Rechtsstreit riskiert, löscht man lieber.
Auch deutsche Forenbetreiber, die für ihre Mitgleider haften, werden nicht zulassen, dass dort Verleumdungen veröffentlicht werden.
Im Zweifel ist das deutschsprachige Internet leichter zu deckeln als die deutsche Presse.
Die meisten werden jedoch das Gerücht über Bettina Wulff gar nicht bei Google entdeckt haben, sondern jemand verbreitete es im privaten Gespräch. Diesen Promiklatsch gab es schon immer.
Richard Gere, so geht eine der bekannteren Klatschgeschichten, die schon zu meinen Schulzeiten kursierte, soll eines Tages in der Notaufnahme gelandet sein, weil er einen Hamster, andere Quellen sprechen von einer Rennmaus, im Anus gehabt habe. Es soll, so die Erklärung, unter schwulen Männern ein verbreitetes Sexspiel sein, sich gegenseitig Nagetiere in den Darm zu schieben. Das ist natürlich genauso Unsinn wie die ganze Gere-Geschichte, doch bis heute bietet einem Google in der Autovervollständigung den Begriff „Hamster“ an, wenn man nach Richard Gere sucht.
Man stößt dann auf Seiten, die sich der Aufgabe stellen, so genannte Urbane Legenden aufzuklären. Diese Aufklärung hatte man zu meinen Schulzeiten noch nicht, Geres Verhältnis zu dem Hamster blieb damals tatsächlich ein nicht aus der Welt zu schaffendes Gerücht, jeder dachte daran, wenn Gere Julia Roberts küsste. (Also: Hoffentlich dachte jeder daran, dann ist Pretty Woman nämlich ein viel komischerer Film.)
Auch im Fall Wulff konnte man durch Google das Gerücht schnell falsifizieren: Es gab keine Bilder, es gab keine Augenzeugenberichte, nur Hörensagen.
„Papier ist geduldig“, sagte meine Mutter, wenn ich auf etwas verwies, das ich in der Zeitung gelesen hatte. Vielleicht hatte der Journalist etwas erfunden oder etwas falsch verstanden.
Im Internet wurde die „Papier ist geduldig“-Regel erweitert. Nun heißt es: „Nichts ist wahr, ehe es nicht hieb- und stichfest bewiesen wurde.“
Pics or it didn‘t happen – Bilder, oder es ist nicht geschehen. Und wenn Bilder als Beweis geliefert werden, dann machen sich in den Foren und Imageboards die Photoshopexperten über die Beweisbilder her und weisen verlässlich Manipulationen nach.
Gerüchte lassen sich heute besser als je zuvor durch Tatsachen aus der Welt schaffen oder durch eine überzeugende Gegenrede. Wenigstens jeder Verständige wird dem Nachvollziehbaren eher glauben als dem Hörensagen.
Aber es kann ja nicht sein, dass jeder ständig gezwungen ist, sich zu jedem Unsinn zu äußern und die Hosen runterzulassen.
Dazu muss man darauf hinweisen, dass es generell um den Schutz der Privatheit nicht so schlecht bestellt ist im Netz. Wer Daten von Unbekannten postet, gilt rasch als Stalker. Selbst auf 4chan, einer der wohl anarchischsten Seiten im Netz, gilt die Regel: „Postet keine persönlichen Informationen“.
So gut wie vogelfrei ist – nicht in deutschen Blogs, aber dort, wo tatsächlich anonym geschrieben werden kann – die Prominenz.

Mächtige oder Prominente können Tatsachen über sich schlechter denn je unterdrücken. Sei es Bob Geldofs Tochter Peaches, über die ein junger Mann, der mit ihr einen heroinsatten One Night Stand hatte, auf dem Social News Aggregator Reddit ausführlich schrieb, samt Nacktfotos, der nackte Prinz Harry oder die zahlreichen Stars, deren Handys gehackt und auf Nacktfotos durchsucht wurden.
Dort haben Informationen eine Macht bekommen, die unser Leben radikal verändern wird (denn wenn es dauerhaft normal ist, dass bestimmte Mitglieder der Gesellschaft keine Privatsphäre haben, wird das irgendwann für alle normal).
Man kann sich daher verschiedene Zukunftsszenarien vorstellen: 1. Jeder weiß alles über jeden und deshalb sind alle etwas freier als heute, weil jeder zu Toleranz gezwungen ist. 2. Jeder weiß alles über jeden und deshalb gibt es einen enormen Anpassungsdruck. Oder 3. Informationen werden rigide gedeckelt, Persönlichkeitsrechte zulasten von Informationsrechten ausgedehnt, das ganze einst so wilde Netz immer stärker reglementiert.
Meine Meinung zum Schutz der Privatsphäre im Internet ist ganz eindeutig: Es hängt davon ab, ob ein Sextape von Christina Hendricks oder von mir kursiert.
Wir sind eben alle neugierig und ehrpusselig und auf unsere Privatsphäre bedacht und invasiv.
Das Internet ist nicht das Fernsehen und auch kein elektronisches Buch oder eine digitale Zeitung, das Internet ist – nach und nach – die Sichtbarmachung der Gedanken aller Menschen mit Anschluss. Es ist so dumm, brillant, brutal und liebevoll wie die Gesamtheit aller Beteiligten
Die Gedanken sind frei, auch die Unmoralischen, könnte man sagen, meist überwiegt das Gute, könnte man sagen, aber wenn man zufällig selber gerade im Fokus dieser Gedankenmaschine steht, dann kann das sehr unangenehm sein.
Bilder sind fast nicht wegzubekommen, es sei denn, sie zeigten Kinderpornographie (die wird von Googlemitarbeitern rund um die Uhr aus dem Index aussortiert), denn Bilder sind Tatsachen und damit eine harte Währung. Irgendwann in den Nullerjahren erlangte eine junge Frau eine für sie bedrückende Internetbekanntheit durch Fotos, die sie mit einem Mann beim Sex zeigten, die Fotos waren mit ihrem Namen und ihrer Heimatstadt markiert, schließlich kam die junge Frau nicht umhin, ihren Namen zu ändern, um nicht für den Rest ihres Lebens mit diesem einen Akt konfrontiert zu werden.

Auch die Bilder von Mario Götzes Erektion, im Sommerurlaub von einem Paparazzi geschossen, werden nicht verschwinden, dazu befinden sie sich auf zu vielen Festplatten, es gibt sie in deutschen Foren, in belgischen Nachrichtentickern, auf amerikanischen Sportseiten.
Beide Beispiele zeigen, wie übergriffig das Netz tatsächlich sein kann, ein Spanner, ein Eindringling, neugierig wie wir alle in unseren am wenigsten stolzen Stunden sind.
Weggeklagt bekommt man das nicht.
Es müssten stattdessen alle Menschen dazu kommen, nicht hinzuschauen, wenn sie einen Fußballer mit Erektion sehen. Das ist eine harte mentale Übung.
Wie aber jetzt praktisch mit einem Fall wie Wulff umgehen? Sagt man: In Ordnung, Ehrrühriges darf nicht in den Googleindex – dürfte Google denn auch jetzt nicht darauf hinweisen, dass Bettina Wulff mit Gerüchten zum Thema Prostitution konfroniert war?
Zum Abschluss etwas Beruhigendes für unsere politische Klasse: Ein Politiker stürzt nicht über Gerüchte, sondern über Details. Rudolf Scharping wurde, anders als man sich heute erinnert, nicht entlassen, weil es peinliche Fotos von ihm im Swimmingpool gab, sondern weil er sich einen Einkauf von Moritz Hunzinger bezahlen ließ. Der Druck wuchs jedoch nicht allein durch diese Tatsache, über die Hans Leyendecker auf der Medienseite der SZ berichtete, sondern erst, als der Stern schrieb, die Socken, die Scharping sich kaufen ließ, hätten 35 Mark pro Paar gekostet. Im Internet heißt es mittlerweile, es seien 350 Euro gewesen; so oder so befand die Öffentlichkeit, dass ein Soze nicht so teure Socken tragen dürfte und senkte den Daumen.
Und so ist auch Christian Wulff nicht über die Gerüchte gestürzt, sondern über die Nähe zu reichen Freunden, auch hier erdrückten am Ende die Details die letzten Reste von Sympathie.
Was die Käuflichkeit von Körpern angeht, da ist man heute vergleichsweise tolerant, der Verdacht von politischer Käuflichkeit, der tötet. Das Problem der Mächtigen sind nicht Gerüchte, sondern Tatsachen.

(Der Artikel ist in der Berliner Zeitung erschienen)


11
Sep 12

Dietrich Brüggemann: Americanorama

Der Regisseur Dietrich Brüggemann ist zur Zeit in den USA. Und was sind die USA? Riesig.
Also macht er die Fotos in Breitwand und zeigt sie auf americanorama.
“Panoramafotografie nicht als Landscape-Porn, sondern mit Portaitcharakter und Momentaufnahmen.” Sagt er. Und lügt nicht.


03
Sep 12

Die dicken, dummen Kinder

Gestern Abend saß bei Günther Jauch die geistige Mittelschicht des Landes zusammen und redete wie immer den Untergang des Abendlands herbei, dieses Mal war das Internet der Verursacher.
Auf einmal war es wie bei 4chan, wenn ein neues Mem entsteht: alle sagten dasselbe, immer etwas höhnischer, immer etwas wissender. Das Mem hieß: die dicken, dummen Kinder. Die dicken, dummen Kinder können nicht Ball spielen, die dicken, dummen Kinder sind mit Wissen überfordert, die dicken, dummen Kinder sind mit Greifen überfordert, und können also nicht – hier macht man eine Geste mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass etwas Bedeutsames kommt: BE-greifen.
Wer sind die dicken, dummen Kinder?
Nicht unsere, nicht wir.
Die Kinder der geistigen Mittelschicht betreiben im Schnitt zweieinhalb Sportarten, beherrschen ein Instrument zu einem Drittel, führen souverän ihr eigenes Konto und schalten von selber den Fernseher aus, um ein Rudel Möhren jagen zu gehen. Sie sind hart wie Macstahl, zäh wie Terrence Malick-Filme und flink wie Geldströme, sie können auch morgen noch kraftvoll zubeißen und wenn ihnen der Sinn nach einer Statistik steht, die ihnen nutzt, dann wissen sie, wo sie die herbekommen.
Nachdem alle Armen in Deutschland gewogen wurden, weiß man nun, dass sie mehr wiegen als die oben erwähnten Teilzeitleistungssportler, und doof – na doof sind sie ja nun auf jeden Fall, sonst wären sie ja nicht arm.
Das Leben, liebe Petra Gester, lieber Manfred Spitzer, liebe Biedermeierer und Biedermeiererinnen, das Leben ist ein Marathonlauf. Viele Eigenschaften sind an verschiedenen Stationen dieses Laufs gefragt: Die Eigenschaft, Kinder abzustempeln, als dick, als doof, als hoffnungslos, gehört sie dazu?


01
Sep 12

Wessen Leistung geschützt wird

Mein Vater hatte in etwa 50 Jahren als Ingenieur drei Kunden, die nicht zum vereinbarten Termin gezahlt haben.
Ich hatte in diesem Monat 5.
Wenn ich mit Presseverlagen zu tun habe, dann wundert mich immer am meisten, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird. Seitdem ich acht bin, lese ich Tageszeitungen, man kann sich also vielleicht vorstellen, mit welcher Hochachtung ich diese Institutionen betrachtet habe, eben als Institutionen, nicht als Gewerbe, als Orte, wo Menschen sich etwas Höherem verpflichtet haben.
Ich stelle mich manchmal vor den Spiegel und lache mich selbst aus.
Ich wundere mich also, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird; was meine ich damit? Dass der Anteil der Zeit, den die Redakteure damit verbringen, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, offenbar eine Naturkonstante ist; ich kenne kaum Journalisten, die sich nicht in Grabenkämpfen erschöpfen.
Gibt es da einen Bezug zu der Eingangs erwähnten Zahlungsmoral? Ich habe keine Ahnung.
Meiner Erfahrung nach hat man es mit einem wohlmeinenden Redakteur zu tun, wenn er Mails beantwortet, und mit einem fantastischen, wenn er sie innerhalb der Datumsgrenze beantwortet. Schuld ist am Nichtbeantworten wie am Nichtzahlen niemand, denn der Redakteur von Heute steht wirtschaftlich und sozial knapp über dem UPS-Boten.
Sollen in mystischen Zeiten Chefredakteure dem Verleger mutig ins Auge geschaut und bessere Bedingungen gefordert haben, schauen sie heute dem Journalisten müde ins Auge und fordern Gürtelanpassungen, meistens Richtung enger.
Wenn es jemanden interessiert, ob das Alles überall so ist – ich kann es nicht beurteilen. Ich arbeite nicht überall. Nachdem, was ich höre, soll Axel Springer eine Ausnahme sein. Nach meiner Theorie, dass nur solche Unternehmen eine Zukunft haben, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen, könnte ich jetzt eine Zukunftsvision wagen, vor der ich zurückschrecke.
Aber ich kann doch empfehlen, sich bild.de einmal unter technischen Gesichtspunkten anzuschauen und dann auf die Webpräsenz einer beliebigen Tageszeitung zu gehen.
Der Springer Verlag hat als einer der wenigen großen deutschen Verlage verstanden, dass seine Konkurrenz nicht das Lüneburger Duddelblatt ist und auch nicht das Bildblog.
Sondern die Daily Mail, die Huffington Post, der Guardian. Aber auch Google, vielleicht sogar Apple.
Der Endkampf der großen Medienkonzerne – und Medienkonzerne heißt von nun an Tech/Gadgets/News/Content/Dating/Social-Media-Konzerne (plus Verkauf von T-Shirts und Volksbibeln und Streams und Zeugs) hat begonnen und was immer für eine Rolle ein freier Autor dabei spielt – für ihn wird er nicht geführt.
Meine Leistung schützt niemand vor den Konzernen.


27
Aug 12

Deutscher Schlachtgesang triggert

Sind die gut! Die halbe Nacht habe ich deutsche Battle-Raps gehört. Ich hatte ja keine Ahnung. Battleboi Basti, Atzenkalle (der nicht rappen kann und nebenbei was Neues erfindet), Weekend (im großen Finale gegen Basti) und zum Abschluss die Genderbattle zwischen ÉSMaticx und Gio.
TRIGGERT!

Battleboi Basti vs. 4Tune – Finale HR Front + RR Konter (Mzee AudioBattleTurnier 2011)

Atzenkalle vs Main Moe

BattleBoi Basti vs. Weekend HR2 [FINALE] VBT Splash!-Edition

BattleBoi Basti vs. Weekend HR1 [FINALE] VBT Splash!-Edition

BattleBoi Basti vs. Weekend RR1 [FINALE] VBT Splash!-Edition

Battleboi Basti (OFFICIAL HD VERSION) – VBT-Splash 2012 Finale RR vs. Weekend

ÉSMaticx – VBT – 64tel Finale vs. Gio (feat. Mikzn70)

Gio – VBT 2012 64tel Finale vs Ésmaticx


24
Aug 12

PRAG – Sophie Marceau

Erik Lautenschläger, Nora Tschirner und Tom Krimi machen gemeinsam Musik und wenn alles so läuft, wie es laufen soll, klingt das so leicht wie die junge France Gall.

Und übrigens: ja, DIE Nora Tschirner. Muss man ja mögen.


10
Jun 12

Künstler, Verwerter und Piraten

Der Komponist Walter Thomas Heyn hat diesen unbedingt lesenswerten Text über das Urheberrecht und die Piraten geschrieben. Zahlen und Hintergründe, die ich zum Teil nicht kannte.
“Gruselige Horrorfiguren gehen um in Deutschland, es sind die Klabautermänner der Piratenpartei. Sie kommen nerdmäßig aus ihren vergammelten Kajüten und wollen hohnlachend mit blutigen Entermessern den bejammernswerten deutschen Künstlern den letzten Bissen Brot aus dem Maule rauben, auf dass diese darben, verdorren und absterben. Das Abendland ist wieder mal bedroht, diesmal von renitenten immer-alles-umsonst-haben-wollenden Internetzombies.

Dieses Szenario jedenfalls wird unaufhörlich von den Verwertungsgesellschaften, Berufsverbänden, Verlegerverbänden, dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und den diversen Rundfunksendern gemorst, geflaggt und auf Endlosschleife gelegt. Sogar die etablierten Parteien, die für Künstler und deren Nöte sonst nur ein mildes Lächeln oder Verachtung übrig haben, warnen die Künstler fürsorglich vor den bösen Piraten: Achtung Fressfeinde! Künstler wehrt Euch!
Und die Künstler tun das, was sie immer tun und immer gern tun, sie rufen die Redakteure an, die sie kennen, sie drehen das große Rad, haben einen super Auftritt und endlich mal wieder dicke Schlagzeilen. Warum die großen linken Parteien das tun, ist leicht zu erkennen: die Piraten stehen eher links; würden sie bei der Bundestagswahl tatsächlich 10 Prozent kriegen, fehlen diese Stimmen den drei Linksparteien und die CDU würde die Wahl gewinnen. Paradox, aber wahr; jede Stimme, die die Piratenpartei bekommt, nützt der CDU, denn sie fehlt den Konkurrenten von den anderen Feldpostnummern. Deshalb sind alle Linken von Walter Steinmeier bis Renate Künast auf einmal Künstlerversteher.
Denn: Künstler (spontan, freiheitsliebend, chaotisch) und Piraten (dito) haben eine große gemeinsame Schnittmenge. Und es gibt viel Künstler, viel mehr, als man denkt. Deshalb ist die Anstrengung der politischen Kräfte so groß, zwischen diese beiden Gruppen unbedingt einen Keil treiben zu müssen.

Die wirtschaftliche Lage der freiberuflichen Künstler ist wirklich prekär. Dazu später mehr im Knoten 3. Wahr ist: reale Existenzangst geht unter Künstlern um und dergleichen ist leicht zu instrumentalisieren. Man halte dem Hund ein Stöckchen hin und er wird springen…

Knoten 1: Um wem geht es denn überhaupt?

Es wäre zuerst zu klären, von wem die Rede ist. 400000 Menschen in Deutschland sind in irgendeiner Form mit Kunst beschäftig. Drei Viertel davon sind Hobbykünstler, sie singen im Chor, spielen im Laienorchester oder Theater oder sind in der Malgruppe aktiv. Diese Gruppe freut sich, wenn jemand ihr Weihnachts-Konzert im Gemeindezentrum gleich nebenan bei Youtube ansieht, oder sich drei Fotos von der letzten Vernissage in der Stadtteilkirche herunterlädt. Zu dieser Gruppe zählen auch die Menschen, die mal Kunst studiert haben, aber keine Existenz darauf gründen konnten. Auch diese Menschen freuen sich über jede Art Aufmerksamkeit. Für sie ist das Internet Werbung für ihre Erzeugnisse. An Geld denken sie nur bei der Steuererklärung.
Von den verbleibenden 100000 Menschen ist knapp die Hälfte an Theatern, Orchestern, Musikschulen, Volkshochschulen, Verlagen, Medienanstalten usw. fest angestellt, oder arbeitet als Lehrer oder Ausbilder. Der Rest schlägt sich als Freiberufler durch und teilt das Schicksal am freien Markt mit Fotographen, Webdesignern, Dokumentarfilmern, IT-Spezialisten, Spiele-Entwicklern, freien Journalisten, Dramaturgen, Lektoren, Architekten, Steuerberatern, Netzwerkspezialisten, Juristen und so fort. Höchstens jeder zehnte davon ist Autor im Sinne des Urheberrechts. Wir reden von etwa 5000 Leuten, die Mehrheit sind Schriftsteller oder Musikautoren. Von denen nun wiederum ist nur ein Bruchteil im Netz präsent und nur diejenigen, die ein Produkt haben, was die ach so bösen Nerds auch wirklich haben wollen, sind möglicherweise bedroht. Wir reden letzten Endes von Pop-Musik und Filmen, von Kunst sicherlich, aber auch von Produkten, die von vornherein für die kommerzielle Auswertung konzipiert und produziert worden ist. Dahinter stehen die knallharten Verwertungs -und Vermarkungsinteressen der Medienindustrie. Und die ist zunehmend in der Lage, ihre Interessen und die Interessen ihrer Künstler zu schützen. Der prophezeite Kollaps ist nämlich ausgeblieben. Es gäbe eine fühlbare Entspannung, sagte Dieter Gorny vom Bundesverband der Musikindustrie auf der Jahrespressekonferenz (Berliner Zeitung vom 20.4.12, S.23).

Knoten 2: Angebot und Nachfrage

Natürlich sind alle Künstler unzufrieden. Ein Künstler wäre auch dann nicht zufrieden, wenn er alle Theaterspielpläne dominieren würde oder auf allen Rundfunksendern gleichzeitig gesendet würde oder in allen Galerien gleichzeitig aushängen würde. Denn jeder will, nein jeder muss Shakespeare / Mozart / Picasso sein. Drunter geht es nicht ab und drunter darf es auch nicht abgehen. Ein Künstler muss sich lebenslang für den besten Artisten der Welt halten. Täte er es nicht, wäre er reif für den Suizid.

Künstler sind immer unzufrieden mit ihren Agenturen, Verlagen und Labels. Nur derzeit haben sie Grund dazu. Denn die Erträge für alle sinken und Land ist nicht in Sicht. Also versucht sich der Künstler selbst im Marketing, denn an ihm und seiner heiligen Kunst kann es ja nicht liegen. Der Verlag ist schuld, die haben dort alle keine Ahnung. Der Tatmensch selbst gründet einen Verlag, ein Label, eröffnet eine Galerie. Er kauft Bücher über Selbstvermarkung und belegt Kurse an der Volkshochschule zum Thema „Selbstmanagement“. Er arbeitet sich in Webdesign oder Fotoshop oder Tripledat ein, um alles selbst zu machen. Dann macht er Bekanntschaft mit den Berufsgenossenschaften und den Verlegerverbänden. Die Erträge bleiben aber konstant niedrig und nach drei Jahren erklärt das Finanzamt die Sache zum Hobby und es werden saftige Steuernachzahlungen fällig.
Der Künstler kehrt reumütig zu seinem Verlag zurück oder sucht sich einen neuen Partner. Die Erträge sinken weiter.

Sonderbarerweise kommt niemand auf die Idee, das Problem unter dem Gesichtspunkt von Angebot und Nachfrage zu betrachten. Denn die immer zahlreicher werdenden Künstler, die – Computer sei dank – in immer schnelleren Zeiträume immer mehr Produkte schaffen können, welche ihrerseits immer leichter zu reproduzieren und zu verteilen sind, treffen auf einen schrumpfenden Markt von immer weniger Interessenten. Das hat mit der realen und der geistigen Vergreisung des Landes ebenso zu tun wie mit der schieren Massenhaftigkeit des Angebotes. Beispielsweise werden in Deutschland 6 CD-Neuerscheinungen pro Tag veröffentlicht. Zur weiteren Bestätigung reicht ein Gang durch eine mittelgroße Buchhandlung. Die Piratenpartei, die nichts weiter tun, als laut über neue Vertriebs-und Verteilungsstrukturen nachzudenken, die sowieso kommen werden, hat diese Entwicklung jedenfalls nicht in Gang gebracht. Keinen Cent mehr hätte der einzelne Künstler in der Tasche, wenn es die Piraten nicht gäbe.

Das Scheitern, das Sich-nicht-am Markt-durchsetzen-können gehört übrigens zum Berufsrisiko Künstler dazu. Wem das zu anstrengend ist, der sollte auf Lehramt studieren. Und außerdem: immerwährende Existenzprobleme haben auch andere freiberufliche Gruppen, die in das alte Schema Arbeitsgeber-Arbeitnehmer nicht mehr hineinpassen. Es betrifft beinahe alle jüngeren Akademiker, wenn sie keinen Job an der Uni finden, es betrifft Journalisten, deren Zeitungsredaktionen zusammengelegt werden, es betrifft Filmemacher, Kameraleute, PC-Spezialisten und viele andere mehr. Vor allem betrifft es jüngere Leute, die nirgends mehr hineinkommen und sich notgedrungen eine freiberufliche Existenz aufbauen müssen.

Knoten 3: Verluste

Nach dem Krieg bis etwa 1989 ging es deutschen Künstlern auf beiden Seiten der Mauer einigermaßen gut. Im Westen dekorierten sie die Schaufenster nach Osten mit Freiheit, Individualität, Glanz und Glitter und ließen die freiheitlich demokratische Grundordnung so attraktiv wie möglich aussehen; im Osten waren sie „Ingenieure der Seele“ (Lenin) und ihre Werke Waffen im Klassenkampf gegen den allzu bunt schillernden Kapitalismus. Künstler und ihre Erzeugnisse wurden gebraucht, deshalb wurden sie auf beiden Seiten einigermaßen auskömmlich bezahlt. Dann kam – nein, nicht das Internet, das war später, es kam die Wende. Künstler wurden Dienstleister, freie Marktteilnehmer, Wettbewerber. Ihre Bedeutung als Deuter, als Seher und Verkünder verschwand und verschwindet bis heute jeden Tag noch etwas mehr. Der Werbe-Slogan „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist daher bei aller implizierten Gemeinheit eine treffende Zeitgeist-Formulierung.
Ein älterer Kollege sagte mir vor einigen Jahren im Gespräch: Nach dem Krieg musste ich 15 Schallplatten verkaufen, dann konnte ich eine Bildzeitung kaufen. Heute muss ich 172 CD verkaufen, um eine Bildzeitung kaufen zu können. Und in der Tat: Die Erträge sinken noch aus einem anderen Grunde, weil die großen Verwertungsgesellschaften immer weniger Gelder an die Autoren auszahlen, obwohl ihre Bilanzen immer größere Summen ausweisen. Die VG Wort beispielsweise zahlte bis vor ca. 10 Jahren Vergütungen für Wortbeiträge, Artikel in Zeitungen, Rundfunkbeiträge, Sportberichte usw. Das war vor allem für Journalisten ein hübsches 13. Monatsgehalt. Jede Sekretärin im Radio war angewiesen, jede Sendesekunde zu erfassen und zu melden. Heute zahlt die VG Wort immer noch Gelder für die gleichen Sparten aus, es sind mittlerweile ca. 10% der ursprünglichen Summen. Ein Verlust von 90% für die Betroffenen.
Die GEMA, die Verwertungsgesellschaft, die die Komponisten vertritt, hat durch Einführung des sog. „Pro-Verfahrens“ (ein mathematisches Hochrechnungsmodell) in den letzten 10 Jahren allen kleinen Bands, Jazz-Combos, Liedermachern (also den Vertretern der „U-Musik“) einen Einnahmeverlust von über 80% zugefügt. Die Einsprüche und Klagen dagegen laufen bis heute. Die Einnahmen der “E-Musik“-Komponisten sind im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunken.

Die GVL (Gesellschaft zur Verwertung der Leistungsschutzrechte), also eine Institution, die alle Musiker, Schauspieler, Opernsänger usw. vertritt, sofern diese NICHT Autoren sind, zahlte früher auch auf Studiohonorare und ähnliches eine Vergütung. Nun ist die Auszahlung trotz vorhandener CD oder DVD an Rundfunk -und Fernsehausstrahlungen gebunden – 95 Prozent der hiesigen Künstler bekommen in Zukunft also nahezu nichts mehr von dieser Gesellschaft, denn sie werden nicht gesendet. Dafür gehen jetzt stattliche Millionenbeträge über den großen Teich. Die GVL erwartet „erhebliche Rückflüsse aus dem Ausland“. Selten so gelacht.

Die Piraten sind an all diesen bedauerlichen Entwicklungen aber nicht schuld. Sie sitzen nicht in den Aufsichtsräten, nicht im Deutschen Patentamt, nicht in den Ministerien, nicht in Brüssel. Man muß den Piraten vorwerfen, dass sie das Urheberrecht aus der Perspektive sehen, die sie kennen: kleine Clips oder ´n paar tracks aus dem Netz. Ein Begriff wie „Oper“ wäre ihnen sicher eher fremd. Aber eh sie mitregieren, vergehen 3 Bundestagswahlen, also 12 Jahre. Bis dahin sind sie erwachsen und können Gesetzestexte lesen, weil ein Drittel von ihnen dann Rechtsanwalt oder Beamter oder Lehrer sein wird, wie in allen Parteien.

„Geistiges Eigentum „ ist Unsinn, sagen die Piraten und sind damit nahe an Brecht, der „Rechte“ und dergleichen tief verachtete und klaute wie ein Rabe. Aber er klaute auf sehr hohem Niveau und schmolz die Fundsachen dann so um, daß dann doch ein gänzlich eigener Text herauskam. Auch das sagen die Piraten: daß alle Kunst aufeinander aufbaut, sich aufeinander bezieht und deshalb eine originäre „Schöpfung“ gar nicht zu denken ist. Da wird jeder von uns aufheulen, denn jeder von uns ist mindestens Beethoven oder Paul McCartney, klar, darunter macht es keiner. Aber es stimmt auch irgendwie, daß alles von allem herkommt. Hätte Mozart nicht die Klarinette ins Orchester gebraucht, säßen da heute vielleicht keine Klarinetten…

Doch weiter Piratentext: wer ein erfolgreicher Künstler ist, der hinterlässt seinen Kindern ein Haus oder sonst was Solides (ich weiß jetzt nicht mehr, wo ich das gelesen habe; aber geistiges Eigentum ist ja Unsinn).
Aber ehrlich gesagt: zu Lebzeiten etwas mehr zu verdienen und den geliebten Kindern und ihren wenig geliebten Lebensabschnittsgefährten weniger zu hinterlassen, damit hätte bestimmt niemand ein Problem. Oder?”


26
Mai 12

Eine Mensur 1963

Die folgende Szene stammt aus dem Mondo-Film Mondo di notte – Welt ohne Scham. Sie zeigt, wie ein Salamander gerieben und eine Mensur gefochten wird. Ähnlich wie die deutschen Report-Filme waren die italienischen Mondo-Filme Pseudodokumentationen, die einen halbwegs seriösen Anstrich nutzten, um durch die Zensur zu rutschen.
Im Video übrigens zu sehen: Der spätere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen sowie die Berliner CDU-Granden Klaus-Rüdiger Landowsky und Peter Kittelmann.


24
Mai 12

Die Schultern von Giganten – Rede eines Piraten an sein Volk

Liebe Ärztinnen und Ärzte, bei Ihnen, verzeihen Sie bitte, wenn ich das so ohne Umschweife sage, muss ich immer besonders laut lachen, wenn Sie auf Ihren Privilegien beharren.
Wann hat das letzte Mal ein Arzt etwas wirklich Eigenständiges erfunden?
Was hätten Sie Ihren Patienten anzubieten außer ein paar Blutegeln, wenn nicht Antibiotika erfunden worden wären und Impfungen und Schmerzmittel und Psychopharmaka?
Von anderen, nicht von Ihnen!
Sie könnten hilflos die Schultern Ihrer Patienten tätscheln, wenn die mit Scharlach oder Kinderlähmung zu Ihnen kämen.
Und doch spielen Sie sich auf und wollen Geld dafür, dass Sie Ihre Unterschrift auf die gestrichelte Linie eines Zettels setzen! Wo doch jeder Mensch, der eine Suchmaschine benutzen kann, selber weiß, was er hat, was er dafür braucht – und dass das eben Sie auf keinen Fall sind.

Das Wort Arzt war früher ein Schimpfwort, Ärzte standen in dem Ruf, mehr Menschen ausgelöscht zu haben als alle Armeen der Welt. Dass sich das geändert hat, ist nicht Ihnen zu verdanken!
Sie schulden dem Weltgeist etwas, meine Damen und Herren. Bloß weil Sie vor 20, 30, 40 Jahren etwas Wissen angehäuft haben, das längst veraltet ist, wollen Sie immer noch darauf beharren, einen Patienten zu befühlen.
Wissen Ihre Hände mehr als Google Scholar? Ist Ihr Auge schärfer als das von iMed?
Heilen Ihre Rezepte oder nicht doch die Medikamente, die andere im Verlauf der vergangenen hundert Jahre entwickelt haben?

Die Zeit hat Sie zurück gelassen, meine lieben Freundinnen und Freunde. Stehen Sie Ihr nicht länger im Weg.

Liebe Ingenieure, Fließbandarbeiter und Manager der Autoindustrie, Sie – jetzt werden Sie bestimmt gleich wieder losbuhen – sind ja fast noch schlimmer als die Ärzte.
Alle Räder stehen still, wenn Ihr starker Arm es will.
Aber sagen Sie mir, was Sie tun würden, wenn nicht in der römischen Sägemühle von Hierapolis eine Drehbewegung in einer lineare Bewegung umgesetzt worden wäre! Mit Hilfe einer Kurbelwelle!
Das war im dritten nachchristlichen Jahrhundert, meine Damen und leider ja doch hauptsächlich Herren!
Haben Sie die Autobahnen gebaut?
Wo wären Sie heute, wenn Gottlieb Daimler nicht von Ferdinand von Steinbeis gefördert worden wäre? Der war königlich-württembergischer Regierungsrat – ein Wirtschaftspolitiker!
Die Gemeinschaft hat Ihnen gegeben; Sie ziehen die Zäune hoch um das, was “Ihnen” gehört!
Meine Damen, meine Herren: Schämen Sie sich!
Wirtschaftsspionage? Ich glaub, mich tritt ein Pferd! Als könnte man Wissen klauen!
“Ihre” Patente? “Ihre” Ideen?
Nicht die Gangschaltung, nicht die Klimaanlage, nicht der Auspuff, keines der Materialien in Ihren Autos – nichts davon entstammt Ihrem Geist.

Und nun zu Ihnen, liebe Juristinnen und Juristen …