15
Dez 08

Drogenführer Teil III: Legal erhältliche Naturdrogen

Teil I
Teil II

Alle legal erhältlichen Naturdrogen (deren Zahl recht unüberschaubar ist, weshalb ich mich hier auf einige Beispiele beschränke) haben gemeinsam, dass ihre Wirkung nicht abzusehen ist. Obwohl sie legal sind, werden sie nicht häufiger konsumiert als die illegale Droge Ecstasy:

2004 kam die Drogenaffinitätsstudie der BZgA zum Ergebnis, dass etwa gleich viele Zwölf- bis 25-Jährige Erfahrungen mit psychoaktiven Pilzen und Pflanzen gemacht hätten wie mit Ecstasy: jeweils rund 4 Prozent.

Stechapfel

Die Rauschwirkung des Stechapfels wird durch Scopolamin ausgelöst. Sie soll dem Vernehmen nach ungefähr so angenehm sein wie eine Chemotherapie in einer Dunkelkammer und vermutlich gibt es nur Erstkonsumenten. Es heißt ja, man müsse alles einmal ausprobiert haben, aber bevor man Stechapfel konsumiert, sollte man zunächst einmal an einem Stierkampf teilgenommen haben, möglichst als Stier.

Ein ehemaliger Kommilitone von mir, der durch den berühmten Stechapfel-Fall (NStZ 1985, 25 f.) auf die Droge aufmerksam wurde, schreibt:

Also wie sich das für einen Drogen-Experten gehört, muss ich mit dem Setting anfangen. Freitag- oder Samstagabend vorm Weggehen war ich allein zu Hause und hab mir so einen Tee gebraut. Erwähnenswert ist vielleicht, dass ich von der NJW dazu angestiftet wurde und auch das Rezept daraus hatte. (NJW wird aber wohl trotzdem nicht verboten.)

Ich also so nen Tee getrunken und wie immer nix gemerkt. Mir war nach ner Weile n bisschen mulmig und vielleicht auch schwindelig, aber nur ganz leicht und nicht so auf die breite Art. War mir der Sache nicht ganz sicher. Ich bin dann auf zum H., wo alleine Freunde schon fleißig gesoffen haben. Ich bin langsam und behutsam gegangen, irgendwie fühlte ich mich nicht breit, aber mir war die Sache nicht so ganz geheuer. Mein Mund war wahnsinnig trocken, aber Bier konnt ich keins trinken. Ich hab mich dann eher schüchtern zu den anderen gesetzt und als ich dann so was sagen wollte wie „Ich habe gerade einen Stechapfeltee getrunken“, kam das nicht raus. Hab nur leise was angesetzt zu sagen. S. guckt mich an und rallt, dass irgendwas nicht stimmt und platzt raus „Ey Junge, du bist ja total breit“ und ich sitz nur da und reagiere mit einem etwas verlegenen Lächeln. Da merkte ich, dass ich irgendwie gelähmt war. Also deutlich unter Einfluss, aber nicht enthemmt wie beim Saufen oder abgespact wir beim Kiffen oder irre wie beim Acid oder aufgedreht wie beim Extasy. Sondern gelähmt.

Dann machte auch der NJW-Drogenratgeber wieder Sinn. Die standen doch auch einfach nur neben ihrem Kumpel, der im wadenhohen Wasser ertrunken ist. Gelähmt.

Hab das nicht nochmal gemacht und wüsste auch nicht warum, es sei denn, ich müsste 6 Wochen auf nem Sklavenschiff unter Deck verbringen. Aber wer gern Valium nimmt, dem gefällt vielleicht auch Stechapfel.

Eine andere Bekannte hat einfach mehrere Stunden mit jemandem geredet. Klingt undramatisch, wird aber durch die Tatsache interessanter, dass niemand im Raum war.

Dem jungen Mann in dem Video geht es ebenfalls nicht so gut.

Muskatnuss

Ich hielt es immer für eine Legende, dass Muskatnuss eine Wirkung haben soll. Wenn man es schafft, genug zu sich zu nehmen (der Geschmack soll außerordentlich ekelerregend sein), entfaltet das in der Muskatnuss enthaltene Myristicin seine Wirkung.

Ein Leser schreibt:

Es passierte ungefähr eine halbe Stunde nichts, so dass ich auch nicht mehr mit irgendeiner Wirkung rechnete. Der Fernseher war zufällig an und es war alles wie immer.
Irgendwann hatte ich dann das merkwürdige Gefühl, dass der Sprecher mich direkt anspräche. Ab da bemerkte ich, oha, jetzt gehts doch los. Der widerliche Geschmack der Nüsse kam auch wieder und ich fühlte mich generell nicht wohl.
Es hatte was von der leicht paranoiden Verstimmung auf Cannabis, wenn ihr wisst was ich meine… Negative Gedanken, depressive Grundstimmung, Grübeln. Es war alles in allem gut, dass ich allein war in dem Moment. Ich löste mir ein bisschen Ascorbinsäure in nem Wasserglas auf, daraufhin wurde der “Trip” angenehmer.
Insgesamt nicht zu empfehlen.

Es gibt einige Videos auf YouTube, die die extreme Länge und Willkürlichkeit der Wirkung bezeugen. Das Video, das ich rausgesucht hatte, ist leider schon wieder gelöscht worden. Auch der dort gezeigte Trip war eher unangenehm und vor allem: Er dauerte, wenn ich mich recht erinnere, zwei Tage.

Spice

Um Spice wird momentan reichlich Wirbel gemacht, was dazu führen dürfte, dass die Besitzer der Läden, die diese Mischung verschiedener exotischer Naturdrogen anbieten, von der allgemeinen Krisenstimmung noch eine Weile verschont bleiben.
Der Spiceladen schreibt:

Alle hier aufgeführte Produkte sind zum Verräuchern bestimmt, und nicht zum inhalieren oder zur oralen Aufnahme. Falls Sie dennoch beabsichtigen diese Produkte andersweitig zu verwenden, bitten wir Sie hiermit Ihren Einkauf abzubrechen.

Ein Leser hat die Produkte anderweitig verwendet:

Spice gibt es in drei Varianten – oder besser: Güteklassen. Silver mutet mehr als Abfallprodukt der Gewürzmischung an und enthält sogar noch kleine Ästchen. Gold ist annehmbar und für den weniger Betuchten die Wahl, während Diamond qualitativ am besten die schnellere sowie größere Wirkung erzielt. Die Wirkung kann sich sehr unterschiedlich auswirken, fängt aber meist mit einem Lachflash (Auslöser oft Banales) an und geht weiter bis zu Dingen die man zu sehen glaubt, die aber nicht exisitieren (zB. Vögel die einen angreifen – nicht selbst erlebt). Die Dosis dazu muss aber recht hoch sein. Um eine angenehme und unterhaltsame Phase zu haben, ohne sich abstürzen zu lassen, reichen 3 g. Am besten Pipe oder Joint. Ich bevorzuge Pipe.

Ein weiterer Leser schrieb mir:

Meine Erfahrung beziehen sich auf etwa vier Gramm Spice Gold, geraucht jeweils im dicht gestopften Blunt als ca. 1:3 Spice/Knaster Mische. Ab etwa 1 Gramm für mich alleine gibt es definitiv einen leichten Flash, sehr angenehm übrigens. Unterscheidet sich etwas vom THC-Flash, aber nicht grundlegend. Problem: Gras ist viel billiger (weil man weniger braucht), wirkt besser und ist gut erforscht. Bei Spice weiß man nicht, was man raucht und wie es wirkt. Gruselig, aber allemal eine Alternative, wenn es legal sein muss oder man grad kein Gras da hat.

Psylocibin ist seit 2005 verboten und wird daher unter illegalen Halluzinogenen behandelt.

Man sieht: Nicht alles, was legal ist, sollte man brauen, essen, schnupfen oder rauchen. Aber Skeptiker der Drogen-Legalisierung sollten sich vor Augen führen: Die meisten Menschen sind von Natur aus nicht wahnsinnig genug, mit Drogen zu experimentieren. Oder hat sich Eure Mutter schon eimal verschämt Muskatnuss aus dem Mundwinkel gekratzt, wenn Ihr sie in der Küche überrascht habt?


10
Dez 08

Drogenführer Teil II: Alkohol

Teil I

Alkohol macht dick, dumm und fleißig. Oder anders gesagt: Es gibt Tätigkeiten, die man ganz offensichtlich nur unter Alkoholeinfluss ausüben kann. Unter ungelernten Arbeitern, Freiberuflern, Selbständigen und Unternehmern ist älteren Untersuchungen zufolge der Anteil der Alkoholiker am höchsten. Für Frauen kamen die Studien zu einem besonders überraschenden Ergebnis: Dort gab es die meisten Alkoholikerinnen in den höchsten sozialen Schichten. Sowohl Unter- als auch Überforderung scheinen also zum Alkoholismus beizutragen.

Letzteres ist mir bei Juristen häufig begegnet: „Work hard, party hard“. Viele gestresste Menschen neigen zu diesem Fehler: Anstatt sich nach einem anstrengenden Tag zu schonen, wird gesoffen. Was ja eben – anders als es subjektiv wirkt – nicht neue Energien freisetzt, sondern nur noch mehr ermüdet.
Wenn nun auf den zunehmenden Alkohol-Konsum von Jugendlichen mit immer wieder neuen Verboten reagiert werden soll – vom Trinkverbot in Innenstädten bis zum Verbot bestimmter Getränke, die angeblich besonders auf Jugendliche abzielen – dann wäre es unter Umständen klüger, sich zu fragen, warum gerade jetzt so viel getrunken wird.

Könnte es sein, dass die Umstellung auf das Abitur nach 12 Jahren und die schiere Angst, den Anforderungen nicht mehr zu genügen, mehr mit Alkoholismus unter Jugendlichen zu tun haben als Alkopops?

Trotz all der Gefahren ist Alkohol fester Bestandteil unserer Gesellschaft und somit die einzige Rausch-Droge, die nicht allein wegen ihrer Rauschwirkung konsumiert wird.
Es wundert mich zwar, weil mir Bier ungefähr so gut schmeckt wie gegorene Katzenpisse, aber doch werden viele ihr Feierabendbier nicht in erster Linie trinken, um betrunken zu werden.

Gerade weil der Alkohol als Genussmittel anerkannt ist, klafft das Konsumverhalten hier so weit auseinander wie bei keiner anderen Droge. Den Weinkenner und den Fuselsäufer verbindet nichts und sie suchen im Alkohol auch etwas vollkommen Verschiedenes.

Der süchtigste Alkoholiker, den ich je kennengelernt habe (er hatte sich blind gesoffen – nicht bildlich blind: richtig richtig blind), lebte in einer Klinik für Untherapierbare, in der er Bier trinken konnte. In seinem Stadium war es nicht mehr möglich, einen Total-Entzug durchzuziehen, das Risiko war zu groß. Überhaupt sterben gar nicht so wenige Menschen während des Alkohol-Entzugs. Läuft ein Entzug gut, ist die Entgiftung nach 3 bis 14 Tagen überstanden. Danach beginnt eine therapiegestützte Entwöhnungszeit. Und schließlich muss man damit fertig werden, jedes Mal „nein“ zu sagen, wenn auf etwas angestoßen werden soll. Ein Leben lang (noch schwören die meisten Selbsthilfegruppen auf vollkommene Abstinenz, seit einigen Jahren gibt es auch Versuche mit dem sogenannten „kontrollierten Trinken“).

Alkohol ist eine Gesellschafts- und Geselligkeitsdroge, die allein in Deutschland einige Millionen Menschen schnurstracks rauswirft aus der Gesellschaft (und ebenso aus der Geselligkeit). Die Wirkung dieser Droge ist massiv persönlichkeitsverändernd, sie schränkt die Denkleistung ein und lässt Menschenmassen DJ-Ötzi-CDs kaufen.

Erstaunlich schnell kann man sich totsaufen. Ich weiß nicht, wie exakt die verschiedenen Online-Promille-Rechner sind, aber diesem hier zufolge, hat man mit zwei Litern Wein und drei Litern Bier schon über vier Promille im Blut (als Mann mit 180 cm Körpergröße und einem Gewicht von 80 Kilo). Das ist ungefähr der Bereich der tödlichen Dosis. Es sind also durchaus nicht nur Gewohnheitstrinker gefährdet, sondern auch Erstkonsumenten (wenn sie es denn schaffen, so viel zu trinken).

Dennoch wird ein Alkohol-Verbot nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Zu deutlich sind bis heute die Folgen der Alkohol-Prohibition in den USA präsent. Der Konsum stieg entgegen den Erwartungen an, Menschen, die zuvor Wein oder Bier getrunken hatten, tranken nun schwarzgebrannte Schnäpse von niedrigster Qualität, die Gefängnisse waren überfüllt, die Gerichte überfordert, die organisierte Kriminalität machte Gewinne wie nie zuvor, der Staat verlor die Steuereinnahmen, die Menschen wandten sich darüber hinaus Ersatz-Drogen wie Cannabis, Kokain, Opium oder verschreibungspflichtigen Medikamenten zu. Einen messbaren gesundheitspolitischen Erfolg, eine Erhöhung der Zahl der Abstinenzler, gab es nicht.

Es drängt mich, auch einmal etwas Positives zu sagen: Alkohol hat vermutlich mehr Menschen zusammengebracht als die katholische Kirche. Man kann den Anteil der Paare, die sich betrunken kennengelernt haben, nur schätzen, aber ich lehne mich nicht zuweit aus dem Fenster, wenn ich sage: Ohne Alkohol wären viele ländliche Gebiete Deutschlands menschenleer.

Und so lässt sich am gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol festmachen, wie auch mit anderen Drogen umzugehen ist (trotz all der Risiken, die eine Droge eben in sich birgt): Hilfe für die, die nicht mir ihr zurecht kommen, nachvollziehbare Regeln für den Umgang im Straßenverkehr und in der Arbeitswelt und vor allem: Ungeschriebene Regeln, die sich im Lauf der Zeit für den Umgang entwickelt haben.
Nicht morgens trinken.
Nicht jeden Tag trinken.
Nicht alleine betrinken.
Nicht heimlich trinken (Wer seinen Konsum verheimlicht: sofort zum Arzt!).
Nicht trinken, um etwas zu verdrängen (Diese Regel hat sich nicht etabliert, im Gegenteil wird regelmäßig dazu geraten, genau das zu tun, aber die Regel Nummer 1 für Drogenkonsum sollte lauten: Mach es in einer Lebenssituation, in der es dir gut geht. Saufen, wenn du dein Examen bestanden hast: Super. Saufen, weil das Hartz-IV-Geld schon am 20. verbraucht ist/weil du dich langweilst/weil du überfordert bist: Lass es sein).
Nicht trinken, wenn man noch nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu tragen. Wenn deine Eltern dich noch zur Schule fahren: Trink Milch, das macht groß (und vielleicht Krebs, aber das ist eine andere Geschichte).

Diese Regeln sind (bis auf die letzten beiden) gut etabliert und haben dazu geführt, dass eine harte Droge wie Alkohol eine tief in der Gesellschaft verwurzelte Industrie hervorgebracht hat anstelle von Mafia-Kartellen. Dass sie (für die Mehrheit der Konsumenten) handhabbar geworden ist und wir ihre Vorzüge genießen können. Alkohol ist ein soziales Schmiermittel, ohne das Parties nur bedrohliche Ansammlungen von Menschen wären, die sich ernsthaft mit einem unterhalten wollen.

Angesichts der vielen Unglücklichen, die an den Folgen ihres Alkoholismus leiden, muss man sich natürlich fragen: Wäre eine Welt ohne Alkohol nicht besser? Nun: Wie will man 1000 Menschen, die Spaß an etwas haben, aufrechnen gegen einen, der daran krepiert? Es bleibt mir nur, diese Frage Philosophen zu überlassen, ich kann nur darauf verweisen, dass wir nun einmal keine Welt ohne Alkohol haben.

Der Grund dafür, dass ausgerechnet Alkohol legal ist, ist also nicht in seiner vermeintlichen Harmlosigkeit zu finden.
Wir haben eine Tradition des Umgangs entwickelt und wir wissen, dass den Problemen, die er verursacht, durch Strafverfolgung nicht beizukommen ist. Es wäre nur folgerichtig, mit anderen Stoffen ebenso umzugehen. Was nicht bedeutet, dass die Nationalmannschaft in 10 Jahren für Kokain werben wird oder soll (sie sollte es auch nicht für Alkohol tun). Und auch nicht (wie ein Kommentator meinte), dass man sich Heroin im Supermarkt besorgt.

Nur eben, dass man all das, was die Sucht noch unerträglicher macht, die Beschaffungskriminalität, den Verfolgungsdruck und den Konsum minderwertigen Drecks beendet und der organisierten Kriminalität das Wasser abgräbt.
Der Horror der Sucht bleibt ja sowieso.


07
Dez 08

Drogenführer Teil I

Ein Drogenführer sieht sich zunächst einer ganzen Reihe von Fragen gegenüber. Zunächst: Hat die jeweilige Droge tatsächlich eine erwartbare spezifische Wirkung? Gerade auf staatlichen Aufklärungsseiten scheint daran kein Zweifel zu bestehen. Kokain wirkt aufputschend, Alkohol belebend, Cannabis sedierend.

Die Wirklichkeit ist komplexer.
Kann man bei den legalen Drogen Nikotin und Alkohol (Koffein spare ich mir mal) noch davon ausgehen, dass die Angaben über den Wirkstoffgehalt auf den Verpackungen stimmen, ist die Frage nach dem Wirkstoffgehalt für den Konsumenten illegaler Substanzen nicht zu beantworten. Selbstverständlich erzählt einem jeder Dealer, der gerade einmal über eine getürkte Küchenwaage verfügt, sein Cannabis habe einen THC-Gehalt von exakt 12,7% und Kokain ist sowieso immer ganz besonders rein.
Aber das sind natürlich Märchen. In dem Moment, in dem man eine illegale Droge nimmt, ist man in jedem Fall in Gottes Hand, da sollte man sich nichts vormachen. Ob man mit Schuhcreme versetztes Piece raucht oder mit Pestiziden behandeltes Gras, ob der Dealer im Club aus Domestos einen Klumpen geformt hat, den er Dir jetzt als Ecstasy verkauft – das kann man niemals wissen. Großangelegte Studien zu der Wirkung einzelner Stoffe gibt es nicht oder selten.
Bleiben Erfahrungsberichte. Und die sind in den meisten Fällen so unterschiedlich, dass man gar nicht glauben kann, dass hier vom selben Stoff geredet wird.
(Vor ewigen Zeiten kursierte eine Datei im Netz, in denen Erfahrungsberichte von LSD- und Ecstasy-Konsumenten gesammelt waren. Dort wurden verschiedene Sorten beschrieben, Miraculix, Pinguin, kleine grüne Wahnsinnsdinger, was weiß ich: Der eine beschrieb zum Beispiel Nikoläuse als extrem chillig, man sollte zuhause bleiben und Zimmerpflanzen anstarren und sie vielleicht mal nach ihrer Weltsicht fragen, der nächste schwor darauf, dass Nikoläuse DIE Abgeh-Dinger schlechthin seien.)

Ich werde also versuchen (und dabei scheitern), eine Mischung aus Erfahrungsberichten und gesicherten Erkenntnissen zu erstellen, die ein ungefähres Bild der Wirkung geben. Was jedoch nicht heißt, dass beim Konsum nur annähernd das Beschriebene eintreten wird.

Die nächste Frage: Wie stelle ich mich zu Drogenkonsum im Allgemeinen?

Die Droge trifft nie auf eine Leerstelle, sondern in jedem Fall auf ein vorgeprägtes Gehirn, auf unterschiedliche gesundheitliche Merkmale. Der Mensch ist eine nicht-triviale Maschine. Das, was die Pharmaindustrie – bevor ein Medikament auf den Markt kommt – in jahrelanger Forschungsarbeit für Hunderte Millionen Euro macht, also Labortests, Tierversuche, Testreihen an ausgesuchten Menschen und so weiter, hat bei Drogen nie stattgefunden. Es gibt sowenig verlässliche Aussagen darüber, wie sich Speed mit Diabetes Mellitus verträgt, wie man wissen kann, was Viagra mit einem anstellt, wenn man von Außerirdischen entführt wird.

Es ist also ausnahmslos riskant, Drogen zu nehmen.
Aber schon in der Schule habe ich eins nie verstanden: Wenn man von Heroin Zahnausfall, Leberzirrhose und schlechte Haut bekommt – warum nimmt man das dann?

Weil Drogen eben auch großartig sein können. Drogen erweitern das Spektrum des menschlichen Erlebens und ich bin sehr froh, einige ausprobiert zu haben. Ist ein Erlebnis es wert, dass man seine Gesundheit ruiniert?

Die einen springen an elastischen Seilen von Brücken oder tauchen in der Tiefsee, stürzen sich aus Flugzeugen oder rasen mit 230 Stundenkilometern über die Autobahn, die anderen ziehen alles, was ihnen ein Typ mit fettigen Haaren und klebrigen Augen auf den Tisch legt, durch ihre Nase.
Offensichtlich braucht der Mensch Grenzerfahrungen und auch wenn der typische Bierzeltbewohner Drogen aus tiefstem Herzen ablehnt: Die 13 Liter Bier, die er konsumiert, sind zusammen mit dem Fellatio ohne, den er für einen kleinen Aufpreis hinter der tschechischen Grenze erhält, eine ähnlich ausgeprägte Grenzerfahrung wie ein gutgefülltes Crackpfeifchen (wenn man die Stunden des Zitterns bei der AIDS-Hilfe dazurechnet).

Daher plädiere ich für Nichtbestrafung von Drogenkonsum. Weil er eine Tatsache ist, die sich durch Strafverfolgung nicht beseitigen lässt. Weil der Mensch diese Herausforderung braucht. Und weil man nur schützen kann, wenn man in dem Wissen aufklärt, dass Konsum stattfindet. Daher muss ernsthafte Aufklärung alle Aspekte von Drogenkonsum ansprechen. Verteufelt man lediglich, werden die Drogen weiterhin in der Hand von Verbrechern bleiben, die ganze Staaten unterwandert haben, die ohne Rücksicht strecken, panschen und Neukunden werben.

In den nächsten Kapiteln werden noch weitere Risiken angesprochen werden, die durch die Strafverfolgung entstehen.

Ein letzter Punkt noch, bevor ich in den nächsten Tagen zu den einzelnen Drogen komme: Der Drogenkonsum, wie wir ihn kennen, ist neu.
Drogen hat es natürlich immer schon gegeben, aber in Naturvölkern werden sie eben streng ritualisiert eingenommen. Nur bei Völkern, die vom Aussterben bedroht oder Umwälzungen unterworfen sind und denen daher (weil beispielsweise ihre Medizinmänner nicht mehr leben oder sie ihr Wissen nicht weitergeben konnten) das Wissen um den richtigen Umgang mit Drogen abhanden gekommen ist, entsteht ein Drogenproblem.

Der gemeinschaftliche Drogenkonsum von Amazonasindianern hat mit dem einsamen Kiffen von Großstadt-Robinsons nichts gemein. In der Vereinzelung der westlichen Welt können die nettesten Naturdrogen, die früher verwendet wurden, um die verstorbenen Verwandten zu besuchen, direkten Weges in die Psychiatrie führen.

Das Elend, das durch Drogenkonsum entsteht, liegt nicht in der Substanz, sondern in dem Menschen, der sie zu sich nimmt. Ihm muss man helfen. Nicht gegen Drogen kämpfen. Denn Drogen werden immer wieder neu erfunden, der Wettlauf kann nicht gewonnen werden.


01
Dez 08

Warum eigentlich bringen wir Mörder nicht um?

Bei Anne Will sprach gestern der ehemalige Kopilot der Landshut Jürgen Vietor darüber, warum er sein Bundesverdienstkreuz anlässlich der Freilassung von Christian Klar zurückgegeben hat. Peter Scholl-Latour äußerte sein Verständnis und sagte, würden unsere Gesetze es erlauben, hätte er auch gegen die Todesstrafe für Klar nichts einzuwenden, worauf Vietor sagte, die Todesstrafe sei ja noch human, er müsse schließlich auch bis zum Ende seines Lebens unter den Taten der Terroristen leiden, ebenso die Opfer Klars, also solle auch dieser nichts als Gitterstäbe sehen bis zu seinem Tod.

Dem ehemaligen Innenminister Gerhart Baum war es sichtlich unangenehm, auf das Grundgesetz zu verweisen. Basierend auf unserer Verfassung hat das Bundesverfassungsgericht 1977 festgelegt, dass „zu einem menschenwürdigen Strafvollzug (gehört), dass dem zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten grundsätzlich eine Chance verbleibt, je wieder der Freiheit teilhaftig zu werden.“

Aber nachdem man zuvor in Spielfilmlänge gesehen hat, wie die Geiseln in der Landshut behandelt wurden – und das lediglich, weil sie Mittel zum Zweck waren, die RAF-Terroristen der ersten Generation freizupressen – ist die Menschenwürde von Christian Klar nichts, womit man die Liebe des Saalpublikums gewinnt. Ein Opfer hat jedes Recht, Vergeltung zu fordern. Dieses Verlangen nach Rache ist zutiefst menschlich.

Schimpansen üben keine Vergeltung. Die Verhaltensforscherin Jane Goodall beobachtete mehrere Kindstötungen durch die beiden Weibchen Passion und Pom. Die Tötung ihrer Kinder führte bei den betroffenen Weibchen zu höchster Erregung, die jedoch nicht lange anhielt. In einem Fall umarmte die Mutter, die ihr Kind gerade verloren hatte, eine der Aggressorinnen sogar beschwichtigend, nachdem der erste Erregungsschub abgeklungen war.

Das Strafrecht übt sich jedoch nicht in Opfertherapie. Das Strafrecht will Rechtsfrieden herstellen. Und zu diesem Rechtsfrieden gehören eben auch der Täter und seine Angehörigen.

An mich werden hier ja immer wieder mal Gewissensfragen gerichtet. Gerade erst wieder wollte mspro wissen, ob ich ein prinzipienfester Pazifist sei.

Ich habe mich natürlich schon häufiger, wie wahrscheinlich jeder, gefragt, was ich tun würde, wenn jemand meine Freundin töten würde. Tatsächlich komme ich bei dieser Überlegung nicht sehr weit. Erstaunlich viele Eltern von ermordeten Kindern äußern, anders als man denken würde, gar nicht den Wunsch nach möglichst grausamer Vergeltung. Die Trauer ist oft viel stärker als die Rachsucht. Es könnte also gut sein, dass ich mir resignierend sagen würde: „Dadurch wird sie auch nicht wieder lebendig.“
Denn das ist ja der eigentliche Wunsch von Opfern: Dass die Tat nie geschehen wäre. Und daher kann das Recht immer nur Krücke sein, da es genau das nicht leisten kann. Die Naturalrestitution ist leider nur in einigen Fällen der Sachbeschädigung möglich.

Würde aber der Zorn über die Trauer siegen und ich würde den Täter zur Strecke bringen – dann wäre der Schmerz groß in der Familie des Täters, der jetzt Opfer wäre und jemand aus dieser Familie würde sich möglicherweise an mir rächen. In Albanien zum Beispiel geht man heute noch so vor. „Heute sollen – je nach Quelle – wieder bis zu 15.000 albanische Familien in Blutrache-Konflikte verstrickt sein, die zum Teil auf Vorfälle vor dem Zweiten Weltkrieg zurückgehen.“

(Und all das könnte ebenso gut geschehen, würde jemand meine Freundin fahrlässig töten, bei einem Autounfall, Rachsucht neigt eben nicht dazu, sich um juristische Detailfragen zu kümmern.)

Nun sind wir von den Zeiten der Fehde ja weit entfernt, aber ist es nicht zumindest denkbar, dass die Tatsache, dass Klar eben nicht einfach hingerichtet wurde, die Unterstützerszene befriedet hat? Die Herstellung des Rechtsfriedens beinhaltet, dass ein Urteil von allen mittelbar und unmittelbar Betroffenen akzeptiert werden kann. Das heißt, dass absurd milde Strafen abgelehnt werden müssen, aber eben auch allzu harte.

Abgesehen von diesen recht elementaren und simpel gestrickten Überlegungen sind Strafen mit Augenmaß natürlich auch Opferschutz. Denn würde man drakonisch strafen (immer wieder gibt es in den USA Bestrebungen, auch für Sexualstraftaten die Todesstrafe einzuführen), hätte der Täter allen Grund, jeden Zeugen seiner Taten zu töten. Oder wie im Fall der Landshut: Wenn sowieso die Todesstrafe auf einen wartet, sprengt man sich möglicherweise eher in die Luft (denn auch das wurde zumindest im Film deutlich: die Entführer zögerten selber die Sprengung hinaus, weil sie am Leben hingen).

Und eben auch: Selbst Christian Klar und selbst ein sadistisch motivierter Kindermörder fallen nicht aus dem Geltungsbereich des Grundgesetzes heraus. Gerade weil wir von Natur aus grausamer, hinterhältiger und rachsüchtiger sind als jedes andere Tier, schützen wir uns selber vor unseren niedersten Trieben, indem wir jeden Menschen unter diesen besonderen Schutz stellen: Seine Würde ist unantastbar. Sogar wenn er alles dafür getan hat, eine Schande für seine Art zu sein.

Strafrecht und seine Vollstreckung genügen nicht dem Bauchgefühl und sind mit Sicherheit nicht dazu geeignet, dem Opfer eines Verbrechens den Schmerz zu nehmen. Die Justiz hat eine lange Entwicklung hinter sich bringen müssen, um zu erkennen, dass auch Mörder Menschen sind. Dass auch Mörder Menschen sind, ist ein Satz, der sich wahnsinnig leicht hinschreiben lässt, und den man ungeheuer schwer einem Opfer ins Gesicht sagen kann. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass Anne Will sich getraut hätte, zu erklären, warum wir Mörder nicht töten.