Drogenführer Teil I

Ein Drogenführer sieht sich zunächst einer ganzen Reihe von Fragen gegenüber. Zunächst: Hat die jeweilige Droge tatsächlich eine erwartbare spezifische Wirkung? Gerade auf staatlichen Aufklärungsseiten scheint daran kein Zweifel zu bestehen. Kokain wirkt aufputschend, Alkohol belebend, Cannabis sedierend.

Die Wirklichkeit ist komplexer.
Kann man bei den legalen Drogen Nikotin und Alkohol (Koffein spare ich mir mal) noch davon ausgehen, dass die Angaben über den Wirkstoffgehalt auf den Verpackungen stimmen, ist die Frage nach dem Wirkstoffgehalt für den Konsumenten illegaler Substanzen nicht zu beantworten. Selbstverständlich erzählt einem jeder Dealer, der gerade einmal über eine getürkte Küchenwaage verfügt, sein Cannabis habe einen THC-Gehalt von exakt 12,7% und Kokain ist sowieso immer ganz besonders rein.
Aber das sind natürlich Märchen. In dem Moment, in dem man eine illegale Droge nimmt, ist man in jedem Fall in Gottes Hand, da sollte man sich nichts vormachen. Ob man mit Schuhcreme versetztes Piece raucht oder mit Pestiziden behandeltes Gras, ob der Dealer im Club aus Domestos einen Klumpen geformt hat, den er Dir jetzt als Ecstasy verkauft – das kann man niemals wissen. Großangelegte Studien zu der Wirkung einzelner Stoffe gibt es nicht oder selten.
Bleiben Erfahrungsberichte. Und die sind in den meisten Fällen so unterschiedlich, dass man gar nicht glauben kann, dass hier vom selben Stoff geredet wird.
(Vor ewigen Zeiten kursierte eine Datei im Netz, in denen Erfahrungsberichte von LSD- und Ecstasy-Konsumenten gesammelt waren. Dort wurden verschiedene Sorten beschrieben, Miraculix, Pinguin, kleine grüne Wahnsinnsdinger, was weiß ich: Der eine beschrieb zum Beispiel Nikoläuse als extrem chillig, man sollte zuhause bleiben und Zimmerpflanzen anstarren und sie vielleicht mal nach ihrer Weltsicht fragen, der nächste schwor darauf, dass Nikoläuse DIE Abgeh-Dinger schlechthin seien.)

Ich werde also versuchen (und dabei scheitern), eine Mischung aus Erfahrungsberichten und gesicherten Erkenntnissen zu erstellen, die ein ungefähres Bild der Wirkung geben. Was jedoch nicht heißt, dass beim Konsum nur annähernd das Beschriebene eintreten wird.

Die nächste Frage: Wie stelle ich mich zu Drogenkonsum im Allgemeinen?

Die Droge trifft nie auf eine Leerstelle, sondern in jedem Fall auf ein vorgeprägtes Gehirn, auf unterschiedliche gesundheitliche Merkmale. Der Mensch ist eine nicht-triviale Maschine. Das, was die Pharmaindustrie – bevor ein Medikament auf den Markt kommt – in jahrelanger Forschungsarbeit für Hunderte Millionen Euro macht, also Labortests, Tierversuche, Testreihen an ausgesuchten Menschen und so weiter, hat bei Drogen nie stattgefunden. Es gibt sowenig verlässliche Aussagen darüber, wie sich Speed mit Diabetes Mellitus verträgt, wie man wissen kann, was Viagra mit einem anstellt, wenn man von Außerirdischen entführt wird.

Es ist also ausnahmslos riskant, Drogen zu nehmen.
Aber schon in der Schule habe ich eins nie verstanden: Wenn man von Heroin Zahnausfall, Leberzirrhose und schlechte Haut bekommt – warum nimmt man das dann?

Weil Drogen eben auch großartig sein können. Drogen erweitern das Spektrum des menschlichen Erlebens und ich bin sehr froh, einige ausprobiert zu haben. Ist ein Erlebnis es wert, dass man seine Gesundheit ruiniert?

Die einen springen an elastischen Seilen von Brücken oder tauchen in der Tiefsee, stürzen sich aus Flugzeugen oder rasen mit 230 Stundenkilometern über die Autobahn, die anderen ziehen alles, was ihnen ein Typ mit fettigen Haaren und klebrigen Augen auf den Tisch legt, durch ihre Nase.
Offensichtlich braucht der Mensch Grenzerfahrungen und auch wenn der typische Bierzeltbewohner Drogen aus tiefstem Herzen ablehnt: Die 13 Liter Bier, die er konsumiert, sind zusammen mit dem Fellatio ohne, den er für einen kleinen Aufpreis hinter der tschechischen Grenze erhält, eine ähnlich ausgeprägte Grenzerfahrung wie ein gutgefülltes Crackpfeifchen (wenn man die Stunden des Zitterns bei der AIDS-Hilfe dazurechnet).

Daher plädiere ich für Nichtbestrafung von Drogenkonsum. Weil er eine Tatsache ist, die sich durch Strafverfolgung nicht beseitigen lässt. Weil der Mensch diese Herausforderung braucht. Und weil man nur schützen kann, wenn man in dem Wissen aufklärt, dass Konsum stattfindet. Daher muss ernsthafte Aufklärung alle Aspekte von Drogenkonsum ansprechen. Verteufelt man lediglich, werden die Drogen weiterhin in der Hand von Verbrechern bleiben, die ganze Staaten unterwandert haben, die ohne Rücksicht strecken, panschen und Neukunden werben.

In den nächsten Kapiteln werden noch weitere Risiken angesprochen werden, die durch die Strafverfolgung entstehen.

Ein letzter Punkt noch, bevor ich in den nächsten Tagen zu den einzelnen Drogen komme: Der Drogenkonsum, wie wir ihn kennen, ist neu.
Drogen hat es natürlich immer schon gegeben, aber in Naturvölkern werden sie eben streng ritualisiert eingenommen. Nur bei Völkern, die vom Aussterben bedroht oder Umwälzungen unterworfen sind und denen daher (weil beispielsweise ihre Medizinmänner nicht mehr leben oder sie ihr Wissen nicht weitergeben konnten) das Wissen um den richtigen Umgang mit Drogen abhanden gekommen ist, entsteht ein Drogenproblem.

Der gemeinschaftliche Drogenkonsum von Amazonasindianern hat mit dem einsamen Kiffen von Großstadt-Robinsons nichts gemein. In der Vereinzelung der westlichen Welt können die nettesten Naturdrogen, die früher verwendet wurden, um die verstorbenen Verwandten zu besuchen, direkten Weges in die Psychiatrie führen.

Das Elend, das durch Drogenkonsum entsteht, liegt nicht in der Substanz, sondern in dem Menschen, der sie zu sich nimmt. Ihm muss man helfen. Nicht gegen Drogen kämpfen. Denn Drogen werden immer wieder neu erfunden, der Wettlauf kann nicht gewonnen werden.

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