Texte


23
Dez 10

Frauen und Männer passen nicht zusammen – Auch nicht in der Mitte/Outtakes, Folge 4: Nur einen Klick entfernt

Ende der Achtzigerjahre gab Frau Frölls, die Putzfrau meiner Eltern, eine knubbelige Frau, der meine Mutter ständig Brötchen schmierte, weil sie sich nicht ansehen konnte, dass jemand den Boden wischte und sie nichts tat, eine Anzeige auf. Sie suchte eine weitere Putzfrauenstelle. Die nächsten zwei Tage klingelte das Telefon. Drohungen, sexuelle Angebote, Bitten um Treffen, Stöhnen.
Alle Perversionen der Welt, das ist die Beschwörungsformel des Boulevards, der sich längst schon auf die Öffentlich-Rechtlichen erweitert hat, alle Perversionen: SIND NUR EINEN KLICK ENTFERNT IM INTERNET.
Frau Frölls wird Ihnen bestätigen: Seit der Erfindung des Telefons war alles, was man tun musste, um mit dem Abschaum der Menschheit verbunden zu sein: Den Hörer abnehmen.
Hamann und Kürten, Serienmörder aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, hatten keine medialen Vorbilder für ihre Taten. Sie waren im Gegenteil Inspiration für Hannibal Lecter.
Es wird getan, als folge uns eine Generation von Raubtieren und wenn man dann genau hinschaut, dann sind da bloß der überföhnte Mirko und die unterlesene Nadine, die ein bisschen rumhängen und nicht etwa die Gegend unsicher machen, sondern selber unsicher sind.


8
Dez 10

Frauen und Männer passen nicht zusammen – Auch nicht in der Mitte/Outtakes, Folge 3: Die zarteste Versuchung seit es Desolate gibt

Clara lebt uns allen vor, wie wir sein sollten. Sie ist die gutgelaunte Ärztin, sie ist das gesunde Lächeln, sie ist die Mutter mit den straffen Brüsten und die beste Freundin mit dem klugen Rat und der guten Haut. Clara ist Werbemodell und hat damit nicht nur den Traumberuf aller kleinen Mädchen zwischen zehn und fünfunddreißig, sie muss auch nicht einmal hungern oder Sport treiben – sie muss bloß so bleiben wie sie ist.
Clara hat nicht studiert, bekommt aber sagenhafte Tagesgagen. Die bekommt sie allerdings nicht allzu häufig, denn wenn man einmal in einem Persil-Spot in die Köpfe der Menschen gehämmert wird, dann gewinnt man das Casting vom Weißen Riesen eben nicht, überhaupt ist das Gesicht für die Laufzeit recht verbrannt, so dass Clara in der Zeit eben vom Titelblatt der Apotheken-Rundschau lächelt und wegen der unzureichenden Photoshopkünste des Layouters fast so alt aussieht wie sie ist. Diese Jobschwankungen bringen mit sich, dass Clara sehr genau rechnen muss, wie lange sie mit einer Gage haushalten kann. Nur ist Rechnen gar nicht so leicht, wenn man wie Clara immer unterwegs ist, die Briefe vom Finanzamt zu spät öffnet und die vom Vermieter ebenfalls und man dann vergisst, die Mahngebühren zu bezahlen und deswegen irgendwann der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, den man nicht einmal mit dem ambitioniertesten Colgatecastinglächeln wegcharmiert bekommt.
Clara ist immer Pleite, was ein wenig an ihr liegt und ein wenig am deutschen Steuersystem, das selbst Steuerberater nicht verstehen, weshalb Clara Steuerschulden mit sich herumschleppt, ohne dass sie sich daran erinnern könnte, jemals so viel verdient zu haben. Claras Zukunftsperspektive in dem Job ist nicht einmal mau. Sie bekommt die Werbungen, in denen frivole Studentinnen einander orgasmisch Chips zuwerfen schon seit einiger Zeit nicht mehr und bald wird sie keine jungen Mütter, die enthusiastisch Tütennudeln zubereiten, mehr darstellen können. Dann wartet irgendwo in ferner Zukunft die fitnessgestählte Oma, die japanische Heilkräuter einwirft, aber bis dahin muss ihr irgendetwas eingefallen sein.
Clara ist unser aller schlechtes Gewissen, ihretwegen lassen sich junge Mütter die Brüste straffen und junge Anwälte fragen sich, was eigentlich mit den Zähnen ihrer Freundin los ist. Clara möchte jeden Tag kotzen, wenn ihr beim Jeanscasting die Hosen nicht passen und ihr Freund sie anbrüllt, weil sie vergessen hat, ihn vom Flughafen abzuholen oder wenn ihr Psychotherapeut sagt, er wisse doch auch nicht und sie übermüdet und verfroren so tun muss, als würde dieses gottverdammte kalorienlose Eis ihr ein inneres Hupkonzert bescheren.


24
Nov 10

Frauen und Männer passen nicht zusammen – Auch nicht in der Mitte/Outtakes, Folge 2: Kaufen Sie nicht so viel Müll

Haben Sie einen Plasmafernseher? Darf ich fragen, warum? Um herausragenden Friseuren besser beim Kochen zusehen zu können? Um besser sehen zu können wie Peggy ihr Kind anbrüllt, Sandy ihr Nagelstudio eröffnet oder Lutz auswandert? Ernsthaft?
Oder haben Sie schon ein BluRay-Abspielgerät? Warum? In zwei Jahren kostet das Ding die Hälfte, in drei Jahren ein Drittel, in vier Jahren wird es Ihnen beim Kauf eines Toasters kostenlos dazugegeben und in fünf Jahren müssen Sie quer durch die Stadt fahren und einem Elektroentsorger viel Geld dafür zahlen, dass er den Schrotthaufen an sich nimmt, damit Sie sich endlich ein PinkDefinitionUltraThin-Highendblast kaufen können.
Sie haben ein iPhone der ersten Generation? Mein Beileid, damit können Sie sich heute aber nicht mehr blicken lassen. Ihr IKEA-Bett bricht beim ersten Geschlechtsverkehr auseinander? Ja, Mist, da war wohl nichts mehr übrig, dafür können Sie jetzt ja Ihren alten DVD-Rekorder als Stütze drunterschieben, für etwas anderes taugt er schließlich nicht mehr.

Eine Bekannte hat einmal ausgerechnet, wieviel sie im kommenden Jahr verdienen müsse, um sich ihren Lebensstil weiter leisten zu können. Dieselbe Bekannte hat sich für einen Promotionjob, für den sie 120 Euro bekam, Stiefel für 200 Euro gekauft, weil sie sonst ja bei der Präsentation des neuen Müsliriegels unmöglich aussähe. Wer so rechnet, der braucht natürlich jede Menge Geld, möglichst frisch, möglichst duftend. Geld, das nach Unterhaltungselektronik riecht und nach H&M-Shirts, nach Klingeltönen und Wellnessoasen, die sie nur aufsuchen müssen, weil sie dauernd Geld brauchen, nach Autos, die sie brauchen, um zur Arbeit zu kommen und die im ersten Jahr 50% ihres Wertes verlieren. Das Geld duftet nach Billigfliegern und Rabattabos, nach 3 zum Preis von 2-Shampoos, nach Zehnerpackhaargummis, Chinaschuhen mit der richtigen Streifenzahl, Rinderresten zwischen Schaumgummibrötchen, Videospielen, Fitnessstudios, in denen die Dusche extra kostet, 10-Euro-Frisuren, Haarfestiger, Haarglätter, Haarlebendigmacher, Haarvergolder, Haargesundmacher, Haarlockigmacher, Haarklugmacher, Haarmalauschlaflasser, Haarmitinurlaubnehmer, Haarwiedersoaussehenwievorherlasser.
Sie werden mit Erstaunen feststellen, dass Sie weniger Geld brauchen, wenn Sie weniger davon ausgeben.


17
Nov 10

Frauen und Männer passen nicht zusammen – Auch nicht in der Mitte/Outtakes, Folge 1: Wie die Ameisen

„Männer sind entweder wehleidig, langweilig oder komplett wahnsinnig und wenn sie normal sind, wissen sie genau, dass sie einer raren Spezies angehören und benehmen sich wie ein zwanzigjähriges Topmodel“, sagt Clara. Ich frage Karsten, ob er nicht etwas Gutes über uns sagen will. „Männer sind Abschaum“, ruft Karsten. „Und fang gar nicht erst mit Heterosexuellen an, die sind ja noch schlimmer.“ „Aber die sehen doch alle aus wie Tucken“, sage ich. „Wenn du heute ein Profil von einem Mann mit Lidschatten und wimmernden Blick siehst, der auf seiner epilierten Brust eines der berühmten dreizehn Angelina-Jolie-Tattoos trägt, zum Beispiel „quod me nutrit me destruit“, dann kann es sich durchaus um den Kapitän der italienischen Nationalmannschaft im Rugby handeln.“
„Ja, aber versuch mal, dich mit dem über ein Buch, das er gelesen hat, zu unterhalten. Die Jungs mögen aussehen wie schwule Existenzialisten aus dem Paris der sechziger Jahre, aber ihr Lieblingsfilm ist Transformers und ihr Lieblingsgetränk Sprite mit Rotwein. Und dann treffen sie sich zum Kuscheln mit ihrer besten Freundin und holen sich danach zu japanischen Mangas einen runter. Frauen!, mein Lieber, glaub´s mir: Frauen sind das nächste große Ding. Mit uns wird das werden wie mit den Ameisen. Ein paar Prachtexemplare mit breiten Schultern und goldenem Haar wird man in unterirdischen Samenbanken noch halten, bei Endlosschleifen von alten Fußballspielen, ihre Gehirne vertackert mit der übernächsten Playstation, ein paar Schläuche kriegen sie noch in ihre Öffnungen reingeschoben, mit Bier, Chips und anderem Rülpszeugs und alle zwei Stunden wird Jenna Haze gezeigt oder irgendeine russische Tennisspielerin und sie können ihren Schnodder loswerden, der dann an die Frauen abgegeben wird, die sich gerade fortpflanzen dürfen. Man wird das alles ganz effektiv einrichten. Auf jeden Fall wird es dann dem Buchmarkt besser gehen, Frauen sind doch die einzigen, die noch lesen. In so einer Welt könnte ein Autor bestimmt viel vögeln, aber sowas wie dich“, dabei schaute er seltsam abfällig an mir herunter, „gibt es dann ja nicht mehr.“


4
Jun 10

Geheimnisse

Mein Sportstudio, das nach der Insolvenz zu einer anderen Kette gehört, bietet Trainingseinheiten mit Personal Trainern an. Flyer, die auf den Tischchen im Loungebereich, an der Energieriegelausgabe und an der Rezeption ausliegen, geben Auskunft über die mannigfaltigen Möglichkeiten, die so ein Personal Trainer bietet. Auf der letzten Seite der Broschüre wird man aufgefordert, ehrlich zu sein. Auf einer Skala zwischen eins und zehn soll man die Zufriedenheit mit seinem Körper beurteilen, seine Wünsche und Sehnsüchte notieren. Es ist ein ordentlich gemachtes Stück Werbung, auf dem eine Kleinigkeit fehlt: Der Preis für das Training ist nirgendwo zu finden.
Nun konnte man schon auf der Homepage des ehemals anders heißenden Studios nirgendwo einen Preis finden und man konnte auch damals nicht einfach anrufen und fragen, was es denn monatlich kostet, Kunde dieses Sportstudios zu werden.
Der Preis war ein Geheimnis, den man erst im Rahmen eines Gesprächs mit einem für die Weitergabe von Preisinformationen ausgebildeten und qualifizierten Mitarbeiters in Anzug und Krawatte erfahren durfte. Der Preis entpuppte sich als derart komplex gestaffelt, dass ich bis heute nicht weiß, wieviel ich bezahle und nur alle paar Monate, wenn ich den Preis auf einem Kontoauszug sehe, kurz erstaunt bin, dass ich immer noch für einen Flughafen oder ein kleines afrikanisches Land (nichts Extravagentes, bloß ein paar Löwen, Elefanten und Folkloreabende mit Hexenverbrennungen) Miete zahle.
Ich ahnte also, was nun kommen würde.
Trotzdem ging ich zur Rezeption und fragte eine Dame in Bluse, also der dritthöchsten Kompetenzstufe zugehörig (das Sportstudio ist hierarchisch nach dem Vorbild der katholischen Kirche aufgebaut: Die mit einem Shirt, auf dem der Name der Kette prangt, dürfen Hallo sagen und müssen sich die Namen der Gäste merken, die mit einem Shirt, auf dem Trainer steht, dürfen einem helfen, wenn man mit einer Hantel verunglückt ist, die in Hemden dürfen in der Regel weiterleiten an die in Anzug und Krawatte und die, die man als Laie niemals sieht, dürfen Heimkinder verprügeln und bei Maischberger rumsitzen und Moral predigen), was denn so eine Stunde mit einem Trainer koste.
Das sei etwas kompliziert, sagte die Dame, aber sie würde mir gern eine kostenlose Stunde mit einem Trainer vermitteln. In deren Rahmen würde ich dann, nachdem ich meine Wünsche mitgeteilt habe, einen auf meine Bedürfnisse abgestimmten Preis erfahren. “Ist der Preis ein Geheimnis?”, fragte ich.
“Nein, natürlich nicht”, antwortete die Dame und lächelte unglücklich. “Wir schenken Ihnen gerne eine kostenlose Stunde mit einem unserer Trainer.” Kurz stutzte ich und zollte dem Umstand Respekt, dass die Robotertechnik, von mir ganz unbemerkt, so sagenhafte Fortschritte gemacht hatte. Ich hatte sie zunächst wirklich für einen Menschen gehalten. Meine Freundin versuchte nun, die Unbeseelte zu einer vagen Angabe zu verleiten. “Liegt das denn eher bei dreißig oder bei dreihundert Euro?” Die geschmeidige Droidin bewegte ihre Schultern auf Ohrenhöhe und sagte, wir könnten gern eine kostenlose Stunde nehmen und dann ein Gespräch über die Preisgestaltung suchen.
“Es ist also doch ein Geheimnis”, sagte ich. “Nein, natürlich nicht”, antwortete die Plastikhaut.
Wir gingen dann. Es gibt diese Geheimnisse, nicht alles ist transparent. Wie die deutsche Nationalmannschaft zusammengesetzt wird, das ist streng den Gesetzen der Castingshows unterworfen. Jeder kann, wie bei Heidi Klum, jederzeit kein Foto bekommen, auch wenn er in der Vorwoche noch eine ganz gute Figur mit Känguruhoden im Gesicht gemacht hat. Jede neue Nominierung, jeder Rauswurf, ist ein unentwirrbares Geheimnis, nur gelüftet, wenn es gar nicht anders geht. Am liebsten würde Löw die Spieler mit nummernlosen Trikots, am besten gar in Burkas spielen lassen, dann wüsste niemand mehr, wer spielt, noch besser wäre nur, wenn die Spieler selbst nicht wüssten, ob sie gerade auf dem Platz stehen oder im Supermarkt. Was die erste Halbzeit gegen Bosnien allerdings erklären würde.
Ebenso wie Löw und mein Studio verfährt die Kanzlerin. Wie wird man Bundespräsident? Das ist ein Geheimnis.


12
Mrz 10

Eine kleine Korrektur

Kein Problem. Eine kleine Korrektur nur, sagt die Lektorin, hier noch einen Übergang machen, da ein bisschen kürzen, dort das Thema von oben noch einmal aufnehmen.
Ich setze mich sofort dran, gerade noch einen Kaffee, in der Küche macht die Katze ein seltsames Geräusch und ich versuche herauszukommen, was es bedeutet. Es gibt tatsächlich keine Seite im Netz, die zuverlässig Katzenzirpen übersetzt. Ich erinnere mich, dass ich ihr genau an dieser Stelle, wo sie das Geräusch gemacht hat, einmal Hairballs gegeben habe und gehe rasch welche einkaufen, beim Spaziergang kommen ja sowieso die besten Einfälle. Sonnenschein, frische Luft, jetzt weiß ich sogar, wie ich diesen Übergang machen muss, bloß Worte dafür fehlen mir noch, ich könnte mit einer Konjunktion beginnen. Ich lege die Hairballs auf das Band und frage die Kassiererin, warum man nicht ein Wellness-Geräusch anstelle des nervenzerfetzenden Piepens der Scannerkasse gemacht hätte und wie sie das eigentlich aushalte. Sie sagt, an der Wellness der Mitarbeiter sei die Geschäftsleitung nicht interssiert, aber es gehe schon, sie höre das beinahe nicht mehr, nur Nachts töne es halt etwas nach. Continue reading →


3
Mrz 10

Jeder kann Hegemann

Meine brunzdoofe Putzfrau weckt mich mit ihrem Geseier. Dauernd redet sie mit sich selbst, in irgendeiner vokalarmen Ostsprache. Seit wann gibt es eigentlich Polen? Seitdem die Russen Schweine ficken.
Ich habe eine Arachnoidalzyste in meinem Schädel, aber das Ding an meinem Arsch interessiert mich brennender. Gelegentlich wird in Boulevardzeitungen oder Internetforen der „Geheimtipp“ verbreitet, „Hämorrhoidencreme“ sei hilfreich gegen Gesichtsfalten oder Schwellungen der Augenlider. Tatsächlich sind die meisten Hämorrhoidencremes aufgrund der darin enthaltenen örtlichen Betäubungsmittel wie Lidocain oder Entzündungshemmer wie Kortison für diesen Zweck völlig ungeeignet oder sogar schädlich.
Ich drehe noch durch. Ich denke auf einmal nur noch ans Kiffen, ich stelle mir einen Eimer vor, sehe den Dampf in die Colaflasche steigen, ich könnte Gras fressen wie eine Lorant-Elf und gleichzeitig ist mir scheißegal, was ich als Nächstes nehme, obwohl sich das Zwerchfell bereits bei dem Gedanken an etwas anderes als Kakao selbst zu strangulieren beginnt. Mein Zwerchfell würde sich den tödlichen Witz selbst erzählen, nur um mich blöd dastehen zu lassen. Ha. Ich gehe zu Desdemona, die wirklich so heißt, weil ihr Vater einfach schwachsinnig ist, die schon wieder anfängt zu flennen, und beiße sie in den Hals, und währenddessen wird mir klar, dass ich definitiv zu schwach bin, um mich gegen all die Nähe aufzulehnen. Zu Tocotronic, zu Westbam. Continue reading →


15
Dez 09

Eine wirklich wahre Weihnachtsgeschichte

Jeschua wurde um das Jahr 750 ab urbe condita geboren. Seine Mutter war eine warmherzige Glucke, etwas naiv, aber stets drauf bedacht, dass es dem kleinen Jeschua an nichts fehlte. Die Ehe mit ihrem viel älteren Mann war kalt, aber sie beschwerte sich nicht, denn sie hatte ja ihren Augenstern, den sie anbeten konnte. Sie mochte gar nicht aufhören, ihn zu stillen, erst als er vier Jahre alt war, musste sie ihn von der Brust verstoßen, weil sie wieder schwanger geworden war. Obwohl sie doch ihren Mann, den sie vor Jeschua manchmal „den alten Trottel” nannte, immer bat, bitte aufzupassen.
Jeschua war ein gutmütiges Kind, aber er litt schrecklich darunter, dass ihm nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Mutter zuteil wurde. Er bemühte sich jetzt mehr um seinen Vater, machte sogar ein paar Ansätze, ihm in der Werkstatt zu helfen, aber der Vater blieb ihm immer fremd.
Jeschua hatte jedoch den scharfen Verstand seines Vaters geerbt und lernte sehr früh lesen und verschlang von da an religiöse Schriften. Es gab halt nichts anderes zu lesen. Mit den Jahren beschränkte er sich nicht mehr darauf, nur zu lesen, er dachte nun auch nach. Und ihm fiel auf, dass das alles Unfug war. Der, der das alles geschaffen hatte, den wundervollen See, der sie alle mit Fisch versorgte, die Schafe, die ihnen Milch gaben, ja sogar das Himmelsgewölbe und den Sonnenschein – der sollte ein kleingeistiger Krämer sein, jemand, dem man seine Vorhaut opfern musste und den interessiert, was man am Sabbat treibt, als sei er ein pedantischer Nachbar und nicht so etwas wie ein liebender Vater?
Er nahm nun häufig Drogen und je mehr er Drogen nahm, desto klarer wurden seine Gedanken. Was bräuchte man ein Himmelsreich, wenn doch die Menschen einander den Himmel auf Erden bringen könnten, würden sie sich nur lieben?
Wenn man die Römer, die ihnen allen immer zusetzten mit brutalen Strafen und erdrückenden Steuern, wenn man die lieben könnte wie man sich selbst liebt und die Römer liebten einen zurück, dann bräuchte gar kein Messias kommen, dann hätte jeder schon sein Plätzchen im Garten Eden.
Irgendwann beschloss er, mit den Drogen aufzuhören und stellte fest, dass er seine Ideen immer noch überzeugend fand. Also brachte er sie unter die Menschen.
Aber die reagierten gelangweilt.
„Römer lieben? Da kann ich ja gleich ein ägyptisches Krokodil zur Gemahlin nehmen“, riefen sie ihm hinterher, wenn sie ihn aus der Stadt jagten. Gerade einmal zwölf Menschen überzeugte er mit seiner Botschaft von der Liebe, einer von ihnen war Scha´ul, der einzige von seinen Anhängern, der klüger war als er selbst.

Scha´ul sagte, dass das so nicht weitergehe. Unter all den Auserwählten, die die Straßen Jerusalems verstopften, bräuchte Jeschua ein Alleinstellungsmerkmal. Er solle mal ein bisschen kreativ mit seinen Daddy-Issues umgehen und wieder mit dem Kiffen anfangen, den Rest werde er dann schon erledigen.

Jeschua und seine Schar machten ab da also mehr Hokus Pokus, die Botschaft mit der Liebe wurde nur noch im Subtext verabreicht, unter wilden Geschichten, die Jeschua sich bekifft ausgedacht hatte. Er machte einige Konzessionen an den konservativen Zeitgeist und löschte die Sexualität vollständig aus dem Programm, das ganze Kiffen hatte sowieso eher libidohemmende Wirkung, aber im Kern blieb er dabei: eigentlich is all you need Love.

Einmal stieß er auf eine Menschenmenge, die gerade dabei war, eine Dirne zu steinigen. Da machte er etwas, das vielleicht das Schönste war, was je ein Mensch getan hatte: Er stellte sich vor die Frau und rief dem Pöbel in Erinnerung, dass jeder von ihnen schon einmal gesündigt hatte und niemand sich anmaßen könne, über einen anderen zu richten. Der Pöbel schrie: „Du kannst mich mal, ich geb dir gleich Sünde, ich übertrete nie ein Gebot, du Hippiearschloch!“ und der örtliche Ältestenrat brüllte: „Und ob wir richten können, wir sind nämlich die Richter, du Penner!“ und dann zerrten sie ihn weg und gingen wieder ihrem Freizeitspaß nach, indem sie die Dirne zu Tode steinigten.

Jeschua war von da an nicht mehr derselbe. Er glaubte nicht mehr an das Gute im Menschen und hatte gar keine Lust mehr zu predigen, aber Scha´ul sagte „Jetzt erst recht, außerdem habe ich einen Werbevertrag mit Vinejuice Galore, dem führenden Hersteller alkoholischer Getränke, gell, du sagst doch, Wein sei okay, ich habe dir doch extra die Rede mit dem Weingarten geschrieben!“ und Jeschua ließ sich widerwillig drauf ein.

Wegen irgendeiner Lappalie wurde er dann verhaftet, wahrscheinlich hatte er sich am Sabbath beim Fluchen erwischen lassen, wegen eines Formfehlers fiel die Strafe dann drakonisch aus. Seine Jünger munkelten, es sei eher so eine Art Suicide by Cop gewesen, aber so genau weiß das niemand.
An seinem Grab sagte Scha´ul, die Menschen seien einfach noch nicht bereit für die Liebe gewesen, aber das werde sich bestimmt bald ändern, dann werde es keine Völker mehr geben, die die anderen demütigen und keine Todesstrafen und keine Kollateralschäden und keine abwesenden Väter.


31
Aug 09

Kind dieser Stadt

„Weckt mich, wenn die Erde wieder rund ist, ihr Affenpenisse“, rief der Mann und dann rief er es gleich nochmal, beim zweiten Mal ließ er allerdings das „ihr Affenpenisse“ weg und lachte laut und etwas wahnsinnig. Ich verkrampfte mich. Wahnsinn machte mir Angst. Am Tag davor hatte ich im Internet auf einem Board für absurde Sexualstunts einem Amerikaner beim Geschlechtsverkehr mit einem Krokodil zugesehen und für einen Moment überlegt, ob das nicht irgendwo in der Johannesapokalypse vorkommt. Das Lamm wird kommen, wenn die Römer die Drachen erkennen. Oder so. Jedenfalls hatte ich einen ganz schönen Schreck bekommen.
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18
Jun 09

Pipi

Ich sitze hinten im Auto. Ich bin 4 Jahre alt. Meine Mutter gibt einen meiner Kindergartenfreunde bei seinen Eltern ab und hat mich zurückgelassen.
Da sitze ich.
Eingeschlossen.
Und merke, dass ich Pipi muss. Jetzt gleich wäre nicht schlecht. Die seligen Zeiten des einfach Laufenlassens sind vorbei, gerade wurde man noch für ein Bäuerchen gelobt und dann musste man schon auf den Topf, aber immerhin wurden noch Gesänge angestimmt für diese Leistung und ganz plötzlich war es nicht mehr drin, einfach mal entspannt am linken Bein entlang laufen zu lassen und dann laut zu weinen.
Großer Junge. Ja, klar. Vor allem doch: riesiges, unentrinnbares Auto. Ich klopfe an die Scheiben.
Wenn es jetzt anfängt zu regnen, dann bin ich geliefert, man hat mich auf das Geräusch des laufenden Wasserhahns trainiert, ich muss nur sehen, wie meine Mutter ans Waschbecken geht und schon puller ich los.
Regen ist da noch eine ganz andere Liga.
Bestimmt hat mich meine Mutter vergessen.
Ich überlege, ob ich unartig gewesen bin.
Jeden morgen mache ich im Kindergarten den gleichen Fehler: Ich küsse meine Mutter auf den Mund und habe dann bis zur Kakaopause den schrecklichen Geschmacks ihres Lippenstifts auf den Lippen.
Ich bin noch nicht lernfähig, ich küsse jeden Morgen mit der immergleichen Begeisterung und würge dann verstohlen. Vielleicht hat sie das gesehen.
Ich glaube nicht, dass sie mich noch liebt, nicht wie früher.
Gerade erst wurde von einzelnen Mitgliedern meiner Familie an mich herangetragen, ich solle “Fertig” rufen, wenn ich mein Geschäft auf der kalten Toilette verrichtet habe. Dann würden sie kommen und mich abputzen.
Dabei haben wir gegenüber eine Baustelle.
“Wenn ich fertig rufe und die Bauarbeiter hören auf, weil sie denken, ihr Chef habe fertig gerufen, dann bekommen die den Ärger.”
Jemand musste also stehen bleiben.
Aber allein die Idee sprach Bände. Eine Abkühlung des Klimas hatte stattgefunden.
Hätte ich Freud gelesen, dann wäre mir klar geworden, dass ich dabei war, das Possierliche zu verlieren und nun davor stand, in voller Unansehnlichkeit in die Latenzperiode zu schlittern.
Aber selbst ohne Freud wusste ich: Ich war in einem Auto ausgesetzt worden.
Und musste pinkeln.
Das, verehrte Damen und Herren, war das Ende meiner Kindheit.