15
Jul 10

Maxim Biller: Sommer 2010

Sommer 2010 by maximbiller


07
Jul 10

David Deutschland

Im vergangenen Jahr ist im New Yorker ein Artikel von Malcolm Gladwell erschienen, der den Weg Deutschlands in Halbfinale recht gut erklärt: How David Beats Goliath
When underdogs break the rules.

Als David Goliath schlug, bedeutete das nicht, dass David größer, stärker und ein besserer Schwertkämpfer war. Weshalb die Behauptung, Müller sei effektiver als Messi, Klose ein besserer Stürmer als Rooney großer Unsinn ist. Deutschland hat durch Klugheit und unfassbare Laufarbeit gewonnen, durch berauschend schönes Passspiel, nicht dadurch, dass die Spieler auf einmal alle Weltklasse sind.
Deutschland hat als Underdog gespielt, der sich seiner Defizite bewusst ist und die beiden aufgeblasenen Goliaths England und Argentinien, die das Team aus dem Weg geräumt hat, hatten keine Chance, nicht einmal statistisch. Gelingt es David, Goliath nach seinen Regeln zu bekämpfen, gewinnt er in der Regel.
Spanien dagegen spielt immer als David. Was aussieht wie ein Offensivspektakel ist in Wahrheit eine Defensivstrategie. Spanien spielt auch gegen Paraguay vorsichtig. Es war vor dem Turnier abzusehen, dass jede Mannschaft gegen Spanien spielen würde wie Inter Mailand gegen Barcelona: Alle bringen nun gegen David einen Schutzwall mit.
Spanien ist der Lehrmeister für das Spiel, das Deutschland heute spielt. Und Spanien ist perfekt darin. Jeder einzelne Spieler behandelt den Ball elegant, zuvorkommend, mit Grazie. Er fickt ihn nicht und ruft danach nicht an, wie es die Engländer machen. Sie lassen sich nicht herauslocken und sie haben vorne auch keine Diven stehen, die sich nicht an der Abwehrarbeit beteiligen. Spanien ist der Super-David und haushoher Favorit.
Allein: Deutschland hat dem David-Spiel noch eine Komponente hinzugefügt, die es in Spaniens Spiel wähend des Turniers nicht gab: Zu dem Tica-Taca kommt ein ZackZack. Deutschland beherrscht einen atemberaubenden Tempowechsel und es wird ein Thriller werden. David gegen David, Obi Wan gegen Darth Vader, Meister gegen Meisterschüler.
Wer hier scheitert, der ist kein Verlierer. Ich wünschte mir wirklich, dass einmal im Fall der Niederlage das nachträgliche Gebashe ausbliebe. Diese Mannschaft mit ihren vielen individuellen Defiziten hat jetzt schon unfassbar viel erreicht. Schon seit dem Englandspiel ist alles nur Zugabe und es ist so oder so ein Fest, ihnen sieben Mal zuschauen zu dürfen.


01
Jul 10

Was woll’n wir trinken?

Dieter Dehm, Bundestagsabgeordneter aus Niedersachsen und Mitglied der Linkspartei, fragte gestern den Interviewer vom ZDF: “Was würden Sie denn machen, hätten Sie die Wahl zwischen Stalin und Hitler?”
Wer in diesem Bild Hitler und wer Stalin sein sollte, ließ Dehm offen und so lasse ich den Unsinn auch einfach mal so im Raum stehen.
Dehm erinnerte mich aber wieder daran, dass ich mich vor kurzem mit meinem Freund Kowalski darüber unterhalten habe, warum es einen bei der Linkspartei immer schüttelt. Er erzählte von Wolf Biermann, den er über ein paar Ecken kennt und der völlig aus der Haut fährt, wenn es um die Linkspartei geht. Die Linkspartei versucht mit zunehmendem Erfolg, den Wählern einzureden, so etwas wie die DDR in gut könne man jederzeit machen. Da gerade ehemalige DDR-Bürger, die den ostdeutschen Satellitenstaat (man könnte wegen Lena gerade denken, wir seien auch ein Satellitenstaat, aber ich meine die klassische Definition) nur als Kinder erlebt haben, dazu neigen, von den guten Seiten der DDR zu erzählen, rennt die Linke mit diesem Quatsch gerade in Berlin offene Türen ein.
Nun ist aber der Unterschied zwischen einem Stein und einem System, dass man bei einem Stein ein Stück wegnehmen kann – er bleibt immer noch ein Stein. Ändert man aber ein System, wird ein anderes System daraus.
Denkt man sich aus der DDR die Mauer, den Schießbefehl und die Stasi weg, dann hat man nicht einen Staat mit Ausbildungsplatzgarantie, tollen Jugendprojekten und erfolgreichen Sportlern, man hat ein entvölkertes Land.
Es sei denn, man hätte die andauernde Indoktrinierung, die Staatspropaganda und den faktischen Ein-Parteienstaat auch gleich mit abgeschafft, das freie Unternehmertum erlaubt, Konzerne, Werbung für marktorientierte Konsumprodukte und Börsenspekulation zugelassen, dann wären die Leute vielleicht geblieben. Nur: dann wäre die DDR eben kein sozialistischer Staat mehr gewesen.
Die DDR war nicht Abirrung des Kommunismus, sondern seine logische Konsequenz mit all dem Irrsinn, der sich daraus ergibt. Wenn die Linkspartei sich heute in semantische Spielchen um die Frage begibt, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder einfach nur “kein Rechtsstaat”, dann lenkt das von dem eigentlichen Problem der Linkspartei ab: Die DDR hätte kein Rechtsstaat sein können.
Dieter Dehm hat übrigens das Lied “Was woll’n wir trinken?” umgetextet.

Er hat es mit Günter Wallraff zusammen bearbeitet, unterstützt wurden die beiden von Wolf Biermann. Einer eidesstattlichen Erklärung Biermanns zufolge hat Dehm ihm 1988 gestanden, für die Stasi als IM gearbeitet zu haben. Im tollen, neuen, echten Kommunismus nach Lesart der Linkspartei hätte Dehm das mit Sicherheit nicht tun müssen, aber dass Biermann da skeptisch ist, kann man vielleicht verstehen, ob man nun Stalin oder Hitler heißt.


30
Jun 10

Ein großer Tag für die Demokratie

Heute abend lief auf RTL II ein Film, in dem Joe Pesci, behaftet mit einer Frisur, die Geert Wilders sich aufzutragen weigern würde, einen am Boden liegenden Michael Jackson trat, der sich darauf in einen riesigen Kampfroboter verwandelte. Zwischendurch tanzte ein kleiner Junge und man fragte sich, was Jackson wohl mit ihm in den Drehpausen gemacht hat. Wer nun glaubt, dies sei der Tiefpunkt des heutigen Fernsehprogramms gewesen, der hat die Liveübertragung der Wahl zum Bundespräsidenten nicht gesehen.
Im Lauf der Stunden wurde jedes Mitglied der Bundesversammlung befragt, dann wurde jeder herumstehende Journalist befragt und schließlich filmten sich die Kamerateams gegenseitig, während ZDF-Moderatoren Phoenix-Moderatoren befragten.
Fünf verschiedene Positionen waren dabei zu vernehmen.
Die FDP einigte sich früh darauf, nicht Schuld zu sein, denn in ihren Sitzungen habe es offene Aussprachen gegeben. Versagt habe die CDU.
Die SPD war der Meinung, die CDU könne stolz auf ihre Abweichler sein, schließlich zeige dies, wie eigenständig diese denken würden. Man müsse jetzt mal die Parteigrenzen hinter sich lassen. Versagt habe die Linkspartei.
Die Grünen fanden alles gut, aber die Linkspartei müsse sich jetzt mal entscheiden und den Schießbefehl zurücknehmen.
Die Linkspartei sagte, man hätte sie ja mal anrufen können, aber jetzt sei sie möppelig und sowieso seien alles Schlampen außer Mutti.
Die CDU war so entspannt wie Fabio Capello, als er nachts auf dem Hotelflur dem Schiedsrichter des Achtelfinalspiels begegnete und sagte generös, so sei eben Fußball oder auch Politik, Hauptsache niemand verletzt.

Die befragten Journalisten begaben sich auf die Metaebene und erklärten, die CDU könne von nun an nicht mehr behaupten, die SPD mache sich abhängig von der Linkspartei, weil sie ja nun auch abhängig von ihr sei, ruderten nach dem dritten Wahlgang aber ent- und geschlossen zurück und sagten: “Eh egal.”

Alle waren sich einig, dass es ein großer Tag für die Politik sei und ich habe mir aufrichtig gewünscht, irgendwo etwas LSD zu finden, denn dann hätte ich darüber wenigstens lachen können.


24
Jun 10

Content is King, Contentmaker is Depp

CTRL-Verlust, das Blog von mspro bei der FAZ, ist gesperrt worden.

Zunächst schien es nur um ungeklärte Bildrechte zu gehen, weshalb zunächst lediglich der aktuelle Artikel nicht mehr abrufbar war. Mspro hat dann den Artikel ohne die Bilder erneut online gestellt, woraufhin die Redaktion sich zu deutlicheren Maßnahmen gezwungen sah:
“Die Reaktion von FAZ.net darauf war die sofortige, komplette Sperrung und Verbannung des Blogs aus dem Redaktionssystem. Das Blog ist also nicht mehr aufrufbar.”

Da Mspro alle Verwertungsrechte an seinen Texten an die FAZ abgetreten hat (Artikel zum sogenannten Total Buyout hier), sind sie jetzt also verschollen.

Gerade erst hat Die Welt kompakt mit dem Ansinnen Aufmerksamkeit erregt, sich von Bloggern und anderen Onlinern kostenlos eine Ausgabe zimmern zu lassen. Die Geringschätzung gegenüber den Autoren ist allerdings mitnichten eine Sache der alten Medien. Marcus Jauer schrieb in dem Artikel “Deutsche Blogger” über den Carta-Gründer Robin Meyer-Lucht: “Die meisten Artikel drehen sich um die Themen Medien und Netz und stammen nicht von Robin Meyer-Lucht. Er sammelt sie von vierzig anderen Autoren ein, denen er pro Beitrag manchmal nur fünfzig Euro zahlt. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich als Journalist einen Namen zu machen, für den man als Berater Geld verlangen kann. Das ist so, als schreibe ein Theaterkritiker Rezensionen, um dem Intendanten später Ratschläge zu verkaufen, wie er eine bessere Spielzeit zustande bringt.”
Jauers Text hat einiges Aufsehen erregt wegen angeblich ungenauer Zitate, das eigentliche Kernproblem, das in “Deutsche Blogger” zur Sprache kam, wurde allerdings völlig übersehen: Die neue Medienelite behandelt die Contentlieferanten noch schlechter als die alte.
Mit diesen Vorbildern aus der Digitalen Bohème fällt es den Alten Medien natürlich leicht, die Umgangsformen im Netz zu übernehmen. “Wie? Mehr Geld? Dann geh doch zu Basic Thinking!”

Dem Vernehmen nach sollen die Bloggerhonorare bei der FAZ ordentlich sein. Mspro hat jetzt erfahren, was der Preis dafür ist.


22
Jun 10

Maschinen

Und hier. Ab 0.48.


21
Jun 10

I’m a Nerd


17
Jun 10

Nilzenburger: Das Instrument der Liebe

Instrument der Liebe by nilzenburger

“Hinter jeder Vuvuzela steckt ein Mensch – es könnte deine Mutter sein.”

Deine Mutter bläst Vuvuzelas im Stadion – das muss ich mal an Migrantenkindern versuchen.


14
Jun 10

Vorbei! Marsch!

Interessant. Ich war gestern direkt nach dem Spiel mit etwas anderem beschäftigt und konnte erst um fünf Uhr wieder ins Internet. Unterdessen hatte der Spiegel nicht etwa geschrieben, dass es einen Nazi-Skandal beim ZDF gegeben habe, sondern der Spiegel hatte einen Abschlussbericht verfasst über einen Nazi-Skandal, der zunächst eine Twitterempörungswelle, einen 11-Freunde-Artikel, ein Gegengutachten der ZDF-Redaktion, eine Facebookgruppenschwemme, die zu Selbstverbrennungen vor dem ZDF-Hauptquartier in Mainz aufforderte und schließlich eine Zerknrischungserklärung des Führungsoffiziers der Beschuldigten nach sich zog.
Katrin Müller-Hohenstein hatte gemutmaßt, dass Miroslav Klose nach seinem Tor einen “inneren Reichsparteitag” erlebt haben müsse. Wer Miroslav Klose kennt, der weiß, dass er nach dem Ermüdungsbad sein Quietscheentchen noch föhnt, ehe er sich selber verhüllt, er weint manchmal dabei. Dieser Mann erlebt keine “inneren Reichsparteitage”, dieser Mann zählt die Stunden, in denen er keinen riesigen Stein den Berg hoch tragen muss und man ihn mal in Ruhe lässt.
Aber es ging nicht um die Ungenauigkeit der Müller-Hohensteinsschen Formulierung. Nein, für einen Moment hatte sich gezeigt, dass das ZDF ein Haufen von junggebliebenen Altnazis und frühvergreisten Neofaschisten ist, die nur auf den richtigen Moment warten, ein viertes Reich auszurufen.
Irgendjemand hat einmal gesagt, der deutsche Antifaschismus werde umso entschlossener, je weiter das dritte Reich weg sei und ich wäre froh, wenn der gestern Nacht um fünf auch gesurft hätte, es wäre ihm ein innerer Fackelmarsch gewesen.
Auch mitten in der Nacht gibt es im deutschen Internet noch Menschen, die keine Lust auf Mob haben, verlässlich gehören dazu Stefan Niggemeier und Nilz Bokelberg.
Das ist sehr beruhigend und ich bin immer sehr froh um dieses Stück virtueller Nestwärme.
Übrigens ist mir Müller-Hohensteins Satz auch aufgefallen. Ich dachte “Ha, die redet ja wie meine (halb-pakistanische) Schwester.” (Ich denke in der Regel, wenn ich an meine Schwestern denke, nicht “halb-pakistanisch” hinzu, ich ergänze das nur als Alibi. Wenn es hinterher heißt, meine Schwestern seien braun, dann kann ich nur sagen: Allerdings sind sie das, ihr müsstet sie im Sommer sehen.)
In weiten Teilen meines Bekanntenkreises ist es üblich, jemanden, der mit irrationalem Eifer eine Sache verfolgt, als Lampen-, Hygiene-, Socken- oder Fernseh-Nazi zu bezeichnen. Meine Bekannten verharmlosen damit nicht etwa den Holocaust, ganz im Gegenteil. Genauso ist die Formulierung vom inneren Reichsparteitag eine Form der spöttischen Distanzierung vom Nazi-Jargon, die unter den real existierenden Schweinen einen Besuch der Gestapo nach sich gezogen hätte. Wer glaubt, Nazi-Humor habe sich durch seine Subtilität ausgezeichnet, der möge sich spaßeshalber einmal dieses Video anschauen.

Link: Schlechter Humor

Kommen wir zu etwas wichtigem. Es kam gestern Abend zu vereinzelten Hupkonzerten nach dem Spiel gegen Australien. Ungarn ist 1982 nach einem 10:1-Sieg gegen El Salvador noch ausgeschieden. Also: Tag, Abend und so. Das war wirklich ein Korso Praecox.

Und das Spiel? Das Spiel war schön. Kein Mensch kann wissen – das wird auf ewig eines der ungelösten Fußball-Rätsel bleiben -, ob die eine Mannschaft nur so berückend spielt, weil die andere sie lässt oder ob sie einfach zu stark ist. Fest steht, dass Australien nur hätte bestehen können, wenn sie das Spiel lange 0:0 gehalten hätten. Serbien und Ghana haben auch ansehnlich gespielt und das nächste Spiel ist immer das nächste. Vor den Reichsparteitag haben die Götter Blut, Schweiß und Dehnen gesetzt und im Falle von Miroslav Klose ein paar Tränen. Aber ich glaube, er hat gestern, so gegen fünf, auch einmal gelächelt. Ganz kurz, mehr so innerlich.


13
Jun 10

Nationale Ikonen, die erstaunliche Sachen mit ihren Händen machen

Gerade habe ich auf reddit diese Collage gefunden und ein kurzes Ziehen der Scham in meiner Stirn verspürt.

Aber dann dachte ich: Nun gut, wir haben eine Kanzlerin mit der Ausstrahlung einer autistischen Topfpflanze, die mit dem Umzug in neue Räumlichkeiten nicht recht zufrieden ist (überhaupt sollte die Topfpflanze Merkels Siegel zieren, schon wegen des doppelten “pfpf”), wir werden auf Betreiben dieser Topfpflanze bald einen Präsidenten haben, dem es gelingt, neben dieser Kanzlerin zu verblassen (was farbspektrumtechnisch lange als Ding der Unmöglichkeit betrachtet wurde), und Guido Westerwelle, in dessen Namen alles Wissenswerte über ihn schon drinsteckt, darf endlich die Politik machen, die er immer schon machen wollte. Aber es könnte schlimmer sein: Wir könnten Engländer sein.

Update:
In dem Zusammenhang fällt mir noch ein: So soll man bei einem Fernseher mit Equalizer die Vuvuzelas ausblenden können:

via