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Jun 14

Die NSA kennt den Titel dieses Beitrags ehe ihr ihn kennt

Michael S. Rogers ist ungefähr 1959 oder 1960 geboren. Er weiß alles über uns, doch wir wissen nicht einmal sein genaues Geburtsdatum.
Aber Michael S. Rogers ist kein Schattenmann. Er ist der Chef der NSA und das ist kein Geheimnis. Er wird in dem Video unten von US-Senator Ted Cruz befragt, alles ist transparent, nichts düster und bedrohlich. Die totale Überachung ist ein demokratisch kontrollierter Aktenvorgang.

Das Unheimliche der Überwachung besteht heute in ihrer Nicht-Heimlichkeit. Ja, wir werden alle überwacht, nichts bleibt mehr für uns, jeder Chat mit der Ehefrau, jedes Gespräch mit dem Onkologen, jedes Hintergrundgespräch, jede Vertraulichkeit mit Freunden steht in der Öffentlichkeit. Vor Michael S. Rogers sind wir alle nackt. Achso. Achso?

Und übrigens beginnt Schulunterricht um 8:00, obwohl jeder, der sich damit beschäftigt hat, weiß, dass dieser frühe Beginn eine Tortur für Kinder ist.

Politik hat nicht viel mit Abwägung der Tatsachen zu tun, nicht einmal mit Empörung oder Lobbyismus. Politik ist die Verwaltung der Gegebenen durch Menschen, die auch mal aufs Klo müssen. Mir fällt kein einziges Politikfeld ein, in dem es einen radikalen Wandel zum Besseren aufgrund einer Vernunftentscheidung gegeben hätte. Die Reformen in der Familienpolitik in der sozialliberalen Koalition der 70er mögen als ein Gegenbeispiel herhalten. Aber Atomwende? Schulreform? Schwulenehe? In der Politik gibt es keine Revolution, nur Evolution. Und eine Abschaffung der Überwachung wäre eine Revolution.

Überwachung ist eine Gegegebenheit wie der Schulbeginn um 8:00. Sie ist unvernünftig, sie ist schädlich, sie greift in unser Leben ein und wir hassen sie. Aber sie ist da. Und die Einzigen, die etwas ändern könnten, sagen, sie könnten nichts ändern, sie sähen ja auch das Problem, aber man müsse auch bedenken dass.

Wer passt morgens auf die Kinder der Pendler auf, die schon um 6:00 das Haus verlassen müssen? Wer schützt uns vor Terroranschlägen? Muss man ja auch mal so sehen. Ein Mann wie Obama, eine Frau wie Merkel, die haben viel zu tun, die müssen sich um Tierschutz kümmern und um Richterpensionen, die müssen Presseinterviews geben und mit dem Ehepartner darüber sprechen, was wohl im Alter wird. Und dann sollen sie auch noch die Überwachung abschaffen. Aber sie sind doch dafür verantwortlich?

Naja: Keiner der heute handelnden Politiker hat das Geschehen in Marsch gesetzt.
Wie man in der Befragung des NSA-Chefs Rogers durch den republikanischen Senator Cruz sehen kann, lautet die Fragestellung innerhalb unserer politischen Wirklichkeit nicht: Ist es in Ordnung, Bürger zu überwachen oder nicht? Sie lautet: Ist es eine effektive Methode, Terroranschläge zu verhindern?

Senator Ted Cruz bezweifelt das, viele werden ihm zustimmen, die Methode ist sogar erwiesenermaßen nicht effektiv, aber der Wunsch, nur Bad Guys zu überwachen und damit Anschläge zu verhindern, wird von der Gegenseite, also der Wirklichkeitsverwaltung, als naiv abgetan. Der Praktiker weiß, dass das Böse unauffällig sein kann, ja, es war eben gerade die Lektion aus 9/11, dass auf einmal unbescholtene Muslime in den Fokus gerieten. Denn wer nicht einmal ein Knöllchen für zu schnelles Fahren bekommt, der führt vielleicht etwas im Schilde. Es war der Wechsel von Zero Tolerance zu Totaler Verdacht. Jeder, der im Umkreis einer ermordeten jungen Frau wohnt, wird zum DNS-Test gebeten, jeder könnte Flüssigsprengstoff in ein Flugzeug schmuggeln wollen.

Der Wunsch, Gedankenverbrechen zu verhindern, da zu sein, ehe etwas geschieht – der steckt in uns. Möchte ich, dass pädophile Straftäter, die in KiTas arbeiten, gefunden werden, nachdem sie ein Verbrechen begangen haben oder bevor? Natürlich wünsche auch ich mir, auf den Boden der Seele jedes Erziehers, der mit meinem Sohn zu tun hat, schauen zu können.

Und natürlich wehre ich mich gegen diesen Gedanken, ich vertraue auf das Glück und das Gute. Aber welcher Innenminister bliebe im Amt, der sagte “Ich habe gehofft, es würde keine Terroranschläge, keine Amokläufe und Banküberfälle mehr geben”?

Wir haben Angst. Immer schon gehabt. Aber seit wir etwas verhindern können, wollen wir es auch tun. In Prenzlauer Berg fahren Kinder Rollschuh mit Sicherheitshelmen. Meine Frau ist angeschrien worden, weil sie das Kind in der Manduka hatte auf dem Fahrrad. Wir haben gegoogelt und gesehen: Die Frau, die geschrien hat, hat Recht. Es ist gefährlicher ohne Fahrradsitz.

Wir werden alt, wir sterben nicht früh, wenn alles gut geht. Und deswegen haben wir Angst, dass etwas nicht gutgehen könnte. Unser Leben ist etwas wert, viel mehr als vor 100 Jahren, als ein Kind an Durchfall einfach so starb. Vor 50 Jahren durfte ein Kind durch die halbe Stadt allein zu Fuß gehen, heute darf es noch bis an die Straßenecke. Aber die Großeltern, die damals so frei waren, haben heute Angst um ihre Enkel. Weil wir so viel wissen. Weil wir es doch verhindern können.

Früher starb man an Durchfall und zog in den Krieg, hoffend, als Erster zu schießen oder ehrenvoll zu sterben. Heute hofft man darauf, den Gegner per Drohne zu töten ehe er weiß, dass er unser Gegner ist.

Die NSA ist nicht wie die Stasi. Die NSA liegt im Geist der Zeit. Wir bekommen sie nicht weg. Wir müssen sie über Jahrzehnte wegdenken.