Gefühlte Zeit: 1929

Ich bin meistens ratlos. Sollte man als Kolumnist nicht sein, aber gerade den jüngeren Lesern kann ich versichern: Ratlosigkeit nimmt mit dem Alter zu (außer bei Helmut Schmidt).
Ein Ratlosigkeitsgipfel ist bei mir in diesem Jahr erreicht. Ich verstehe die Finanzkrise nicht, ich habe keine Ahnung, was die europäischen Staaten da tun sollten, ich verstehe Anonymous nicht und ich hoffe immer wieder kurz, Occupy zu verstehen, aber dann ist der Moment der Erkenntnis und des Verstehens auch schon wieder vorbei.
Ich verstehe braunen Terror nicht. Es gibt Psychopathen, in Ordnung, aber dass Psychopathen Anhänger haben, erschließt sich mir nicht. Ich finde auch tatsächlich den Gedanken schwierig, dass jemand Bilder von Auschwitz sieht und mit denen auf der sicheren Seite des Zauns sympathisiert. Ich verstehe aber auch nicht, was ein Verfassungsschutz so macht.
Das Wesen der Demokratie ist ja nun einmal Transparenz und Mehrheitsentscheidung, nicht Geheimnis und klandestine Autorität.
Wenn jemand aus Gründen der Tarnung den Nazi gibt – ab wann ist er einer geworden?
Und warum eigentlich fällt es so schwer, um Menschen zu trauern, deren Großeltern nicht zusammen mit unseren Großeltern eines dieser Konzentrationslager betrieben haben? Es gehe nicht um Gesten der Anteilnahme, sagt die baden-württembergische Integrationsministerin im Interview mit Spiegel Online. Geht es nicht bei Trauer immer genau darum?
Manchmal möchte man gar nicht nach vorne schauen.
Ich jedenfalls möchte das nicht. Ich würde gern kurz mal stehenbleiben und mich sortieren.

10 comments

  1. Mit deinen Fragen bist du nicht allein.
    Wenn du Antworten hast, veröffentliche sie bitte.
    Vielleicht ist aber auch das hier schon die Wahrheit:
    “Was sollte man schon groß auf Fragen der Menschen antworten?”
    Karte und Gebiet
    Michel Houellebecq

    Wenn sie das ist, dann geh ich jetzt in den Wald. Ihn fegen.

  2. Ratlosigkeit nimmt zu? Eigentlich hatte ich ja auf das Gegenteil gehofft, schliesslich kann icht trotz meines jungen Alters diesbezüglich genauso wenig Antworten finden.
    Ich habe den zeitlichen Vergleich nicht, aber war es früher vielleicht doch nicht anders und erst im Nachhinein liessen sich Antworten auf solche Fragen finden?
    Oder ist Ratlosigkeit doch eher ein Phänomen unserer Zeit? Ein Phänomen von Internet und Informationsflut. Die jegliche vermeintlich klaren Antworten nicht mehr ermöglichen, ist es dann aber überhaupt wünschenswert ratlos zu sein, und sich mit einfachen Antworten auf viel komplexere Fragen zu begnügen?

  3. Die Integrationsministerin hat gemeint, dass man von deutschen Politikern als Politikern nicht kurzfristige Anteilnahme, sondern “konsequente und nachhaltige Maßnahmen” fordern sollte. Sicherlich kann jeder Politioker als Privatperson seine Anteilnahme äußern, seine Aufgabe als Politiker ist aber eine andere. Den Gedanken würde ich teilen.

    Mich hat die Mordserie persönlich interessiert, da ich einen der Tatorte kannte. Mir ist aber auch nicht der Gedanke einer systematisch-rechtsextremen Tat gekommen. Die Frage ist daher: Wurde dies systematisch verschleiert oder sind es eben nur Einzeltäter, auf die man keine Hinweise hatte, weil es keine eindeutigen Hinweise gegeben hat? Abwarten und den Aufarbeitern Zeit geben. Sepkulieren scheint mir nicht weiterzuhelfen.

  4. Ich denke ja, dass man in einer Informationsflut eher Erkenntnis erlangen kann als in einer Informationssteppe. Aber ich habe den Eindruck, dass die Taktung nicht mehr stimmt. Wenn man für Freundschaftsspiele einen braucht, der den Live-Kommentar schreibt, einen, der gleich nach Abpfiff den Artikel zusammengepinnt hat, einen, der die Bildergalerie zum Spiel betextet und einen, der die Nachbetrachtugn macht (nicht zu vergessen den, der noch einmal zwei Stunden später das Spiel in den historischen Kontext stellt), wenn jede Talkshow in jedem Nachrichtenportal noch einmal nachzulesen ist, vielleicht fehlen dann am Ende ein paar Leute, die Ahnung haben.
    Und Ahnung haben heißt eben nicht nur Ahnung haben, sondern das auch vermitteln können.

  5. @Carsten
    Mir schien das ganze Interview recht wurstig, mag aber auch an der redaktionellen Einbettung liegen. Wenn die Überschrift lautet “Man muss auch an die deutschen Opfer denken”, dann hat das einen etwas müffelnden Beigeschmack.

  6. [...] ›Manchmal möchte man gar nicht nach vorne schauen. Ich jedenfalls möchte das nicht. Ich würde gern kurz mal stehenbleiben und mich sortieren‹, Malte Welding [...]

  7. “Wenn jemand aus Gründen der Tarnung den Nazi gibt – ab wann ist er einer geworden?” ist gar nicht die Frage.

    V-Leute sind keine Undercover-Cops, die sich als Nazis tarnen, sondern Nazis, die Informationen an die Behörde verkaufen, gleichzeitig aber weiterhin sozial wie ideologisch Teil der Nazi-Szene bleiben.

  8. Die Antwort ist naheliegend, aber unangenehm: unsere subjektiven Bedürfnisse und das, was wir als ” gerecht” empfinden, kollidiert mit den Vorgaben der Natur und deren Grundlager, der Gewalt.
    Letztlich sind wir naive Spielbälle dieser Natur , unsere kulturellen Versuche, hier etwas mehr Ordnung und Sinn zu schaffen, scheitern immer wieder.
    Meines Erachtens hilft nur, das unter gewissen Schmerzen zu aktzeptieren und die kleine eigene Welt halbwegs lebenswert zu gestalten.

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  10. [...] und versuche den Artikel zu lesen, ein drittes Mal scheitere ich: nach der Hälfte begreife ich, nichts begriffen zu haben. Hätte ich ein Vermögen, müsste ich nun Gold kaufen, glaube ich. Eine ältere Dame [...]