Politik


4
Jul 11

Auf der Autobahn des Irrsinns (Extended Version)

Bei taz.de habe ich einen Kommentar zu dem Sommerlochquatsch um Facebookpartys geschrieben.

Hier nun die Extended Version:

Unterdessen forderte Karl Theodor zu Guttenberg, der aus Kabinettssitzungen immer noch nicht wegzudenken ist, das Verbot von Druckern. Niemand könne vorhersagen, wann wo etwas ausgedruckt werde und wer die Druckergebnisse in die Hände bekomme. Überhaupt gebe es zuviel Druck. Weshalb man auch nie mit etwas fertig werde und überhaupt. Continue reading →


6
Mai 11

Kachelmann – Die Liebe in Zeiten der Kamera

Ich saß einmal im Zuschauerraum bei einem Vergewaltigungsprozess. Ich machte damals ein Praktikum im Aachener Sozialamt. Der Angeklagte war Sozialhilfeempfänger und der junge Beamte, dem ich zugeteilt war, als Zeuge geladen. In dem Prozess ging es auch noch um Sozialhilfebetrug und Schwarzfahren, man handelte eben alles, was bei dem Mann so angefallen war, in einem Rutsch ab.

Der Angeklagte war ein schlaksiger, nervöser Typ, vielleicht 22 Jahre alt, mit einem ungepflegten Schnauz. Er hatte das Äußere und auch die Haltung eines Befehlsempfängers, und doch wirkte er gefährlich wie ein in die Enge getriebener Hund.

Er sollte seine Ex-Freundin ans Bett gefesselt und dann oral, vaginal und anal vergewaltigt haben. Über den Prozesstag hinweg stellte sich heraus, dass es sich um eines dieser unglücklich miteinander verwobenen Paare handelte, bei dem der eine dem anderen zustößt wie eine Krankheit oder ein Unfall, und der andere es hinnimmt, weil er gerade sowieso nichts vorhatte mit seinem Leben. Mal hatte er ihr eine geknallt, mal hatte sie ihn zusammenschlagen lassen, mal hatte man sich zusammen betrunken, mal gegenseitig betrogen, mal einander benutzt, mal einander dann doch gebraucht.

Das schwere Amt des Richters

Die beste Freundin der Frau wurde vom Richter befragt, ob sie von der Vergewaltigung erfahren habe. Ja, sagte die beste Freundin, sie habe da mal von gehört, auf der Toilette habe die Frau es erzählt. Ob sie das geglaubt habe, fragte der Richter. Die beste Freundin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“
Am Ende konnte er sie nicht so gefesselt haben, wie sie es beschrieben hatte, es gab nämlich kein Bettgestell, nur eine Matratze, und so kam er frei.

Am nächsten Tag kam er entsprechend gut gelaunt ins Sozialamt, das Devote war gewichen, er war jetzt König der Welt. Er sagte uns, wir sollten mal, wenn wir das nächste Mal ausgingen, den Türstehern vom B9 seinen Namen nennen. Die würden sich einkacken. Er sei nämlich ein Austicker. Vielleicht sähe er nicht stark aus, aber wenn er austicke, dann gebe es kein Zurück. Er war ein Prachtexemplar von einem Menschen, man kann es nicht anders sagen.

Während des Prozesses hatte ich beschlossen, niemals Richter werden zu wollen. Entweder eine Vergewaltigung unbestraft lassen oder einen Unschuldigen wegsperren? Anhand von Aussagen von Zeugen, denen es gleichgültig war, ob ihre Freundin die Wahrheit sagte? Eine Welt beurteilen, in der Probleme sowieso mit den Fäusten geregelt wurden?

Keine Verurteilung für Kachelmann

Der Prozess um Jörg Kachelmann ist anders. Es soll geklärt werden, ob Kachelmann seine Ex-Freundin mit Gewalt und unter Einsatz eines Messers in der Nacht zum 9. Februar 2010 zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat, wie sie es behauptet. Hier sind alle Beteiligten höchst eloquent, niemandem ist irgendetwas gleichgültig. Man ist klug und nervenstark und schlägt einander nur mit Erlaubnis. Und doch blickt man wieder als Außenstehender darauf und kann nichts beurteilen.
Was man ja auch nicht muss.
Was man ja auch nicht sollte.

Es gibt eine Tatsache, über die wird nicht gerne berichtet, weil dann der ganze schöne Spannungsbogen, der so mühselig seit über einem Jahr gespannt wird, reißen würde. Die Tatsache lautet: Jörg Kachelmann wird nicht verurteilt werden.

Als der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe am 29. Juli 2010 der Haftbeschwerde Kachelmanns gegen seine seit dem 20. März andauernde Inhaftierung stattgab, begründete er das so, dass „die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage“ vorliege, bei der Nebenklägerin „Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten“, diese unzutreffende Angaben gemacht habe und eine „Selbstbeibringung“ der Verletzungen möglich sei.

Motive zur Lüge

Das Gericht wies also darauf hin, dass die Ex-Freundin Motive hatte zu lügen, die Verletzungen zweifelhaft waren und am Ende ihre Behauptung gegen seine Leugnung der Tat stehen würde. Zu einer anderen Einschätzung wird auch das Landgericht Mannheim nicht mehr kommen. Wenn – wie es jetzt aussieht – Ende dieses Monats das Urteil gesprochen wird, wird für den Angeklagten entschieden und Jörg Kachelmann freigesprochen werden. Zu Recht.

Hier soll es also um etwas anderes gehen. Um die mediale Grenzüberschreitung, die den Menschen ihr Ureigenstes nimmt: ihre Intimsphäre. Um die Liebe in Zeiten der Kamera.

Es gibt diesen Clip auf Youtube, in dem Jörg Kachelmann während der Wettermoderation von der Studiokatze überrascht wird. Sie streicht mit zur Begrüßung gerecktem Schwanz um seine Beine und er nimmt sie in den Arm und moderiert weiter. Der Clip, hochgeladen Anfang 2009, ist die reine Unschuld, Kachelmann ist noch bloß Kachelmann, eine Figur aus einer französischen Studentenkomödie, circa 1981, ein charmanter Taugenichts, hat was von einer Comicfigur wie dem tollpatschigen Gaston, steht einfach vor der Kamera rum und streichelt eine Katze, na, hey, du auch hier, fehlt bloß noch ein Grashalm, auf dem er rumkauen könnte.

In den Kommentaren unter dem Video ist natürlich längst die Wirklichkeit. „Und so einer soll jemanden vergewaltigt haben?“, fragt sich ChickenWing601, während SteveCrank in die Tasten tourettiert: „Hurensohn, Sado maso fetischist !!! Vergewaltiger Kinderrficker.“

Duchleuchtetes Intimleben

Nun, die Abertausend Artikel, die sich mit der Frage beschäftigen, ob er es nun getan hat oder nicht, sind nicht spurlos an den Leuten vorbeigegangen. Was nach der Verhaftung geschah und bis heute anhält, gab es vorher in Deutschland noch nie. Noch nie wurde das Intimleben eines Menschen so umfassend durchleuchtet, wurden die Details eines Lebens von einem ganzen Volk zerredet, bequatscht, verhöhnt, bis das ganze Leben selbst der Lächerlichkeit preisgegeben war. Oder doch eher: bis dem ganzen Menschen entzogen war, was nur ihm gehören soll.

Zunächst sickerte durch, dass Kachelmann weitere Freundinnen gehabt haben sollte. Dann wurden diese Freundinnen für Exklusivinterviews bezahlt. Was sie vor Gericht sagten, blieb der Öffentlichkeit verborgen, was sie also während stundenlanger Befragungen durch Meister der Befragung offenbarten – da war der Schutz des Gerichtssaals die letzte Bastion des Anstands.

Was sie aber den Gelegenheitsdenkern von der Bunten gegen reichlich Redegeld an Schmutz über den Mann, von dem sie sich enttäuscht fühlten, boten – das wurde zum Allgemeingut. Ein umfassendes psychologisches Profil schien zu entstehen. Wie er sie nannte, was er im Bett gern machte, über wen er was sagte, wie er roch, was er dachte. Erich Mielke dürfte über seine Lieblingsfußballer nicht so viel gewusst haben wie Patricia Riekel, die Bunte-Chefredakteurin, über Kachelmann zu wissen ihren Lesern vorgaukelte.

Vor Kurzem brauchte ich ein neues Bild für den Personalausweis, und während die Fotografin mich fotografierte, fing sie von Kachelmann an. Die, die am harmlosesten aussähen, erklärte sie mir, seien immer die schlimmsten. Ich versuchte, etwas böser zu schauen, um unverdächtig zu wirken.

Mafia-Logik der Bild-Zeitung

Wir schauen ab und an rüber zu den beiden Betroffenen, die zwischen ihren Gutachtern, Anwälten und Mediencoaches eingeklemmt miteinander ringen um irgendeine Form von Wahrheit und bilden uns ein, uns eine Meinung zu bilden, aber sie steht natürlich längst fest wie die von ChickenWing601 und SteveCrank. Für die Meinung von SteveCrank zuständig sind Bild und Bunte, Alice Schwarzer und Focus (und überraschenderweise auch das SZ-Magazin).

„Die gewohnheitsmäßigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher von Gnaden ihrer Herrin Friede Springer …“ Das twitterte Jörg Kachelmann am 10. April zusammen mit einem Bild, das er von einem Paparazzo, der ihn verfolgte, geschossen hatte. Hier wird jemand, bei dem das Gericht keinen dringenden Tatverdacht sieht, zur Strecke gebracht. Jemand, dem vonseiten des Rechts seine Intimsphäre zugestanden wird.

Für die Bild gilt vorgeblich das Diktum des Springer-Vorstandchefs Döpfner: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr im Aufzug nach unten.“ Was heißen soll: Wer mit uns Homestorys macht, um nach oben zu kommen, der bekommt uns auch nicht aus dem Wohnzimmer, wenn die Karriere schlingert und die Frau gerade die Koffer packt. Klingt fair, ist aber bloß Mafia-Logik: ein Quid pro Quo außerhalb des geltenden Rechts. „Wir beschützen Sie jetzt, bezahlen können Sie später.“

Kachelmann jedoch ist niemals mit Springer nach oben gefahren. Über sein Privatleben war vor seiner Verhaftung nichts bekannt, er galt im Allgemeinen als Wetter-Nerd, die Basler Zeitung fragte noch kurz nach der Verhaftung, ob Kachelmanns Privatleben überhaupt existiere. Stets habe er Nichtberufliches für sich behalten, seine Ehe sei „praktisch ein Geheimnis“ gewesen. Kein Grund, ihn nicht zu vernichten.

Weiter bei der Berliner Zeitung


15
Mrz 11

Offener Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel

Künstler fordern Kanzlerin zur sofortigen Kehrtwende in der Atompolitik auf!
Mahnwache vor dem Kanzleramt am 16.03, um 14.00 Uhr, Willy Brandt Str. 1 mit Clemens Schick, Inga Humpe, Tommi Eckart u.a.

Wir laden Pressevertreter (Journalisten, Fotografen) ein, die Mahnwache zu begleiten.

Zahlreiche Künstler aus Deutschland haben auf Initiative der Musiker Inga Humpe und Tommi Eckart (2raumwohnung) sowie des Schauspielers Clemens Schick (Jedem das seine, Transit) die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel in einem offenen Brief dazu aufgefordert, den durch die Koalition kürzlich verabschiedeten und zeitlich verlängerten Ausstieg aus der Atomenergie im Angesicht der nuklearen Katastrophe in Japan sofort rückgängig zu machen.

Zudem laden die Initiatoren für den morgigen Mittwoch, 16.03., um 14.00 Uhr zu einer Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt ein, um ein sichtbares Zeichen gegen die aktuelle Atompolitik der Bundesregierung zu setzen.

Zu den ersten Unterzeichnern des offenen Briefes an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel gehören unter anderem Kunstschaffende wie der Schauspieler Götz George, der Regisseur Leander Hausmann, die Musiker Udo Lindenberg, Seeed, Peter Fox, Annette Humpe, Adel Tawil, Thomas D., Max Raabe, Schauspielerin und Sängerin Anna Loos Liefers, die Schauspielerin Nicolette Krebitz, der Regisseur Marco Kreuzpaintner oder die Verlegerin Dr. Angelika Taschen.

Finden Sie hier den offenen Brief an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel:

Initiatoren: Clemens Schick Inga Humpe Tommi Eckart

NO APOCALYPSE NOW!

Berlin, den 14.März 2011

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

wir, Kunstschaffende aus Deutschland, fordern Sie auf, im Angesicht der atomaren Katastrophe in Japan, den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie in diesem Land sofort rückgängig zu machen.

Spätestens nach diesem schwerwiegenden Unfall in Fukushima müssen alle sehenden und denkenden Menschen begriffen haben, dass hier die Zukunft der Erde zerstört wird.

Es ist nicht hinnehmbar, in den letzten Tagen beobachten zu müssen, wie Ihre Koalition versucht, ihre Fehlentscheidung im Bezug auf den Atomausstieg zu rechtfertigen.

Fakten sind:

ES GIBT KEINE SICHEREN ATOMKRAFTWERKE!
DIE ENTSORGUNG DES ATOMAREN MÜLLS IST NICHT GEKLÄRT!
ES GIBT WELTWEIT KEINE SICHEREN ENDLAGER!

Wir zitieren Sie:
“Der Mensch mit seiner unveräußerlichen Würde und Einzigartigkeit muss im Mittelpunkt der Politik stehen.”

Deshalb fordern wir Sie auf:

Haben Sie den Mut für Ihre eigenen Werte einzustehen.
Schützen Sie die Zukunft dieser Erde und der Menschen.
Stoppen Sie den atomaren Wahnsinn in Deutschland- JETZT.
Setzen Sie sich für einen Atomausstieg in ganz Europa ein.

SIE HABEN DIE MÖGLICHKEIT DAZU,
NEHMEN SIE DIE VERANTWORTUNG JETZT AN.
NICHT, WENN ES ZU SPÄT IST UND NUR NOCH SCHULDIGE FÜR GEMACHTE FEHLER GESUCHT WERDEN.
IN JAPAN IST ES ZU SPÄT.

UNSER MITGEFÜHL IST BEI DER JAPANISCHEN BEVÖLKERUNG.

Gezeichnet:

Clemens Schick, Inga Humpe, Tommi Eckart

Um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, laden wir zu einer mahnwache ein:

diesen mittwoch, den 16.3. 2011
um 14:00 uhr -
willy brandt straße 1
vor dem bundeskanzleramt


30
Nov 10

Jugendmedienschutz ist für’s Arsch

Achim Schröder, Professor für Kulturpädagogik und Jugendarbeit, schreibt in dem Aufsatz “Die Illusion der Sexualaufklärung: “(…) im Hinblick auf sexuelle Darstellungen im Fernsehen kann man beobachten, dass Kinder, die sich von einer genitalen Sexualität noch weit entfernt fühlen, die entsprechenden Sendungen ausschalten und meiden. Sie schauen nicht hin, hören nicht zu, nehmen nicht wahr.”
Er zitiert aus einer qualitativen Studie, die im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erstellt wurde: “Gesehenes wird in der Regel erst dann mit Interesse wahrgenommen, wenn das Thema biografisch ansteht.”
Obst verdirbt, Kinder nicht, Kinder schalten ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind bewusst eine Geschichte wie Paul im Puff liest und danach eine Karriere als Prostituierte anstrebt, ist nicht existent. Aber was ist mit Jugendlichen? Wenn ein Siebzehnjähriger Pauls Untergang liest, möchte er dann nicht zwangsläufig auf LSD masturbieren und sich von seiner Freundin verlassen lassen?
Entschuldigung, verehrte Behörden, mein Gehirn verweigert leider gerade die Mitarbeit: An mir, dem Autor, soll es hängen, die Entscheidung darüber zu treffen, wer meine Texte verarbeiten kann? In Selbsthilfeforen steht regelmäßig vor Texten der Warnhinweis “Vorsicht, könnte triggern!”. Das ist ein netter Zug, ich bin jedoch nicht die Mama meiner Leser und ich wäre ein lausiger Schreiber, würde ich mir diese Rolle anmaßen.
Ich bin in diesem Jahr zwei Mal angezeigt worden, zwei Mal hatte ich putzige Gespräche mit LKA-Beamten, die durch so einen Käse von ihrer Arbeit abgehalten werden. Der eine ist normalerweise mit dem Abhören von Kindervergewaltigern beschäftigt. Er hat mir erzählt, was er da so hört. Verehrte Beamte, die Sie gerne hätten, dass ich meine Blogartikel nach jugendverderbendem Material durchkämme: Wie erklären Sie eigentlich Ihren Kollegen, die sich mit der ekelerregenden Wirklichkeit beschäftigen, Ihre Tätigkeit, die ausschließlich darin besteht, genau diesen Kollegen mehr Arbeit zu machen?
Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz. Ich brauche ein Visum für ein freies Land.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Sozialpädagogen Constanze Bausch und Stephan Sting, dass die Auswirkung von Medien und Medienkultur auf die Sozialisation von Kindern untersucht, drehten 10-12-jährige Kinder aus einem Berliner Innenstadtbezirk eigene Werbeclips.
Binol und Wladimir schwingen ihre Hintern und Murat schreit in die Kamera: “Das ist das Parfüm für’s Arsch!”.
Die Kinder? Die machen Witze. Und Ihr macht Ernst. Ihr Idioten.


1
Okt 10

Definieren Sie Gewalt

Heribert Rech, der Innenminister Baden-Württembergs, beharrt im ZDF darauf, die Demonstranten seien gewaltbereit gewesen.

Hier ist ein gewaltbereiter Demonstrant zu sehen. Rechts im Bild ein friedlicher Polizist mit Pfefferspray.

Der Polizeisprecher Stefan Keilbach erklärt, wie denn nun die Gewalt der Bürger aussieht: “Die Polizei geht deswegen so massiv vor, weil die Demonstranten sich so massiv wehren, den Platz, die Straßen, zu verlassen.”

Ah, passiver Widerstand. Das kann natürlich ganz schön wütend machen, wenn einer einfach nicht weggeht. Fragen Sie doch einmal einen Jubelperser, der weiß, WIE wütend das macht.


6
Sep 10

Was es zu Sarrazin zu sagen gibt

Bild: Michaela von Aichberger nach einer Idee von mir


22
Jul 10

Die Hymne der Jungen Liberalen

Ich war ganz sicher, dass dieses Lied ein Scherz ist, aber anscheinend meinen die Jungen Liberalen es ernst.
Von der Splitterpartei zur Splatterpartei.


19
Jul 10

Das Internet: Der größte Tatort der Welt

Magersüchtige Mädchen werden hier in den Hungerselbstmord getrieben, Kinder werden vergewaltigt, ausgebeutet, erniedrigt, Menschen verkaufen ihre Körper gegen Drogen, Diktatoren tyrannisieren ihre Völker und machen dann Urlaub in den Bergen, Biosphären werden vernichtet, Serienmörder treiben ihr Unwesen.
Die Wirklichkeit ist die Hölle.
Das BKA Der Bund Deutscher Kriminalbeamter will jetzt eingreifen und da er nichts machen kann, beschäftigt er sich von nun an nicht mehr mit der Wirklichkeit, sondern mit den paradiesischen Weiten der Virtualität. Das Internet sei der größte Tatort der Welt, so der BDK.
Im virtuellen Raum liegt der Blutzoll seit Bestehen im überschaubaren Rahmen von Null Millilitern: Kein Mensch wurde jemals am Körper verletzt, niemand vergewaltigt, niemand verlor auch nur ein Kilo Gewicht.
Jeder Beleidiger verschwindet hier durch simples Ignorieren, durch gezieltes Nichtansteuern ist alles Unangenehme für immer aus den Augen verschwunden. Ginge das bloß in der U-Bahn!
Der größte Tatort der Welt, so nennt der BDK das Internet und man möchte dem BDK Blumen schicken mitsamt einer tröstenden Postkarte: “Mach‘ nicht so viele Überstunden, lieber BDK, geh einfach mal früher nach Hause, schmeiß den Rechner an, nimm eine bequeme Haltung ein, geh auf Cuteoverload, lies ein paar Sachbücher auf google.books, schau dir den ein oder anderen Stop-Motion-Film auf youtube an, vorzugsweise mit Legofiguren und dann lach halt mal. Am besten über dich.”


1
Jul 10

Was woll’n wir trinken?

Dieter Dehm, Bundestagsabgeordneter aus Niedersachsen und Mitglied der Linkspartei, fragte gestern den Interviewer vom ZDF: “Was würden Sie denn machen, hätten Sie die Wahl zwischen Stalin und Hitler?”
Wer in diesem Bild Hitler und wer Stalin sein sollte, ließ Dehm offen und so lasse ich den Unsinn auch einfach mal so im Raum stehen.
Dehm erinnerte mich aber wieder daran, dass ich mich vor kurzem mit meinem Freund Kowalski darüber unterhalten habe, warum es einen bei der Linkspartei immer schüttelt. Er erzählte von Wolf Biermann, den er über ein paar Ecken kennt und der völlig aus der Haut fährt, wenn es um die Linkspartei geht. Die Linkspartei versucht mit zunehmendem Erfolg, den Wählern einzureden, so etwas wie die DDR in gut könne man jederzeit machen. Da gerade ehemalige DDR-Bürger, die den ostdeutschen Satellitenstaat (man könnte wegen Lena gerade denken, wir seien auch ein Satellitenstaat, aber ich meine die klassische Definition) nur als Kinder erlebt haben, dazu neigen, von den guten Seiten der DDR zu erzählen, rennt die Linke mit diesem Quatsch gerade in Berlin offene Türen ein.
Nun ist aber der Unterschied zwischen einem Stein und einem System, dass man bei einem Stein ein Stück wegnehmen kann – er bleibt immer noch ein Stein. Ändert man aber ein System, wird ein anderes System daraus.
Denkt man sich aus der DDR die Mauer, den Schießbefehl und die Stasi weg, dann hat man nicht einen Staat mit Ausbildungsplatzgarantie, tollen Jugendprojekten und erfolgreichen Sportlern, man hat ein entvölkertes Land.
Es sei denn, man hätte die andauernde Indoktrinierung, die Staatspropaganda und den faktischen Ein-Parteienstaat auch gleich mit abgeschafft, das freie Unternehmertum erlaubt, Konzerne, Werbung für marktorientierte Konsumprodukte und Börsenspekulation zugelassen, dann wären die Leute vielleicht geblieben. Nur: dann wäre die DDR eben kein sozialistischer Staat mehr gewesen.
Die DDR war nicht Abirrung des Kommunismus, sondern seine logische Konsequenz mit all dem Irrsinn, der sich daraus ergibt. Wenn die Linkspartei sich heute in semantische Spielchen um die Frage begibt, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder einfach nur “kein Rechtsstaat”, dann lenkt das von dem eigentlichen Problem der Linkspartei ab: Die DDR hätte kein Rechtsstaat sein können.
Dieter Dehm hat übrigens das Lied “Was woll’n wir trinken?” umgetextet.

Er hat es mit Günter Wallraff zusammen bearbeitet, unterstützt wurden die beiden von Wolf Biermann. Einer eidesstattlichen Erklärung Biermanns zufolge hat Dehm ihm 1988 gestanden, für die Stasi als IM gearbeitet zu haben. Im tollen, neuen, echten Kommunismus nach Lesart der Linkspartei hätte Dehm das mit Sicherheit nicht tun müssen, aber dass Biermann da skeptisch ist, kann man vielleicht verstehen, ob man nun Stalin oder Hitler heißt.


30
Jun 10

Ein großer Tag für die Demokratie

Heute abend lief auf RTL II ein Film, in dem Joe Pesci, behaftet mit einer Frisur, die Geert Wilders sich aufzutragen weigern würde, einen am Boden liegenden Michael Jackson trat, der sich darauf in einen riesigen Kampfroboter verwandelte. Zwischendurch tanzte ein kleiner Junge und man fragte sich, was Jackson wohl mit ihm in den Drehpausen gemacht hat. Wer nun glaubt, dies sei der Tiefpunkt des heutigen Fernsehprogramms gewesen, der hat die Liveübertragung der Wahl zum Bundespräsidenten nicht gesehen.
Im Lauf der Stunden wurde jedes Mitglied der Bundesversammlung befragt, dann wurde jeder herumstehende Journalist befragt und schließlich filmten sich die Kamerateams gegenseitig, während ZDF-Moderatoren Phoenix-Moderatoren befragten.
Fünf verschiedene Positionen waren dabei zu vernehmen.
Die FDP einigte sich früh darauf, nicht Schuld zu sein, denn in ihren Sitzungen habe es offene Aussprachen gegeben. Versagt habe die CDU.
Die SPD war der Meinung, die CDU könne stolz auf ihre Abweichler sein, schließlich zeige dies, wie eigenständig diese denken würden. Man müsse jetzt mal die Parteigrenzen hinter sich lassen. Versagt habe die Linkspartei.
Die Grünen fanden alles gut, aber die Linkspartei müsse sich jetzt mal entscheiden und den Schießbefehl zurücknehmen.
Die Linkspartei sagte, man hätte sie ja mal anrufen können, aber jetzt sei sie möppelig und sowieso seien alles Schlampen außer Mutti.
Die CDU war so entspannt wie Fabio Capello, als er nachts auf dem Hotelflur dem Schiedsrichter des Achtelfinalspiels begegnete und sagte generös, so sei eben Fußball oder auch Politik, Hauptsache niemand verletzt.

Die befragten Journalisten begaben sich auf die Metaebene und erklärten, die CDU könne von nun an nicht mehr behaupten, die SPD mache sich abhängig von der Linkspartei, weil sie ja nun auch abhängig von ihr sei, ruderten nach dem dritten Wahlgang aber ent- und geschlossen zurück und sagten: “Eh egal.”

Alle waren sich einig, dass es ein großer Tag für die Politik sei und ich habe mir aufrichtig gewünscht, irgendwo etwas LSD zu finden, denn dann hätte ich darüber wenigstens lachen können.