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Feb 14

Romantik/Stubenfliegen

Zum Valentinstag zwei Kapitel aus Angezogen hast du mich mehr angezogen

Diamanten-Liebe: Mein Freund ist nicht romantisch

Mein neuer Freund ist furchtbar unromantisch. Mal ein Abend in einem schicken Restaurant oder so ein Kuschelwochenende in einem Wellness-Hotel – Fehlanzeige. Ich habe ihm schon gesagt, dass ich mich ohne Diamantring nicht verloben werde.
Steffi, 23

Im Jahr 1870 wurden am Oranje-Fluss in Südafrika riesige Diamantvorkommen entdeckt. Der weltweite Markt drohte zusammenzubrechen. Daher wurde ein Kartell gegründet, um das nun in Massen vorhandene Produkt rar zu halten. 1938 erlebte das Kartell während der amerikanischen Depression gewaltige Einbußen. Eine nie gesehene Werbekampagne wurde gestartet (A Diamond Is Forever – bei uns: Ein Diamant ist unvergänglich), um ein für allemal Diamanten mit Romantik zu verknüpfen. Junge Männer, die Verlobungsringe kauften, waren nicht nur die verlässlichsten Kunden, der Diamant war damit auch vom Markt. Wer verkauft schon einen Verlobungsring?

Mein Vater war kein Konsument. Er ging niemals shoppen, er hatte sein ganzes Leben lang keine Frisur, er nahm keine Wellnessangebote in Anspruch. Genuss war für ihn eine Tätigkeit. Er genoss es, zu arbeiten, am Zeichenbrett mit einer Rasierklinge Fehler auszumerzen, Steine aufzuschichten. Er arbeitete sogar Tennis, schwitzte sein Hemd durch, bis es tropfte und hängte es als Trophäe über die Dusche, und wenn er nieste, dann bebte das Haus.

Man Vater war ein Bauchmensch und wie alle Bauchmenschen sehr nüchtern. Nur Kopfmenschen können Fanatiker sein, der Bauch erregt sich nur in Maßen und verzeiht sehr rasch. Ich besitze ein schwarz-weißes Porträtfoto meines Vaters. Er hält den Kopf leicht geneigt, seine Augen wirken dunkler, als ich sie in Erinnerung habe. Auf die Rückseite schrieb er eine Notiz an meine Mutter. „20. 7. 1971 – Erinnere Dich, wenn Du das Bild betrachtest, an den Sommer und Herbst 1971. In Liebe, Dein Niels.“
Nicht etwa „an den Sommer“, nein: an den Sommer UND Herbst. Mein Vater stellte in Aussicht, was noch kommen würde, ein Herbst, an den meine Mutter sich in einer Ewigkeit noch erinnern könnte. Was mag geschehen sein, damals, drei Jahre vor meiner Geburt?

Was immer es war, es wirkt nach bis heute, in den Kindern, die sie aufzogen, in ihren Enkeln. Diese wenigen Worte, dieses vorsichtige Versprechen von Ewigkeit, sie sind mein Inbegriff von Romantik. Im Rahmen dessen, was man ist, so weit gehen, wie man kann. Und dann einen Schritt weiter.

Schmerzhafte Liebe: Ich habe keine Kraft mehr

Ich habe das Gefühl, mich nicht immer und immer wieder auf noch eine Beziehung einlassen zu können. Liebe tut mir nicht gut. Sollte ich es nicht einfach lassen?
Elske, 32

Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen haben in einem Kuhstall Videoaufnahmen von fast 9.000 Stubenfliegen ausgewertet. Diese Stubenfliegen sind bevorzugte Nahrung der Fransenfledermaus. Für die Fransenfledermaus, die sonst vor allem in bodennahen Waldschichten jagt, ist so ein Kuhstall natürlich ein Schlaraffenland, sollte man meinen, aber ganz so einfach ist es nicht; die Fransenfledermäuse sind nachtaktiv, die Stubenfliegen tagaktiv, und Fliegen, die sich nicht bewegen, sind auf dem rauen Untergrund der Stalldecke vom Ultraschall der Fledermäuse nicht zu orten.

Wenn jedoch Stubenfliegen Geschlechtsverkehr haben, schlagen die Männchen wild mit den Flügeln. Bei etwa fünf Prozent aller von den Forschern beobachteten Kopulationen wurden beide Fliegen, Männchen wie Weibchen, von einer Fransenfledermaus attackiert und in beinahe jedem Fall auch verschlungen. Beide. Die Forscher fassten ihr Ergebnis mit den Worten „Sex kills“ zusammen. Sex tötet.

Jochen Laabs dichtete in seinem „Isländischen Liebesgedicht“: „Ich bin der Bottich // du drin der Hering. // Und das Salz zwischen uns // ist die Liebe // die uns haltbar macht // und zerfrißt“.

Die Doppelnatur der Liebe macht uns unser Leben lang zu schaffen. Man braucht sie, aber sie richtet einen hin, sie reißt alle Widerstandskraft nieder, sie öffnet die Mauern zwischen uns und der Welt und lässt uns schutzlos zurück.

Liebe ist gefährlich – und was haben wir davon? Die französische Malerin Françoise Gilot antwortete im SZ-Magazin auf die Frage, ob sie es jemals bereut habe, mit Picasso gelebt zu haben, Reue sei pure Zeitverschwendung, sowieso sei es „viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen“. Außerdem werde dieser mittelmäßige Mensch einen ebenso zerstören, er brauche nur mehr Zeit dafür.

Pudding tut uns nicht gut, Rauchen tut uns nicht gut, Faulenzen nicht, Fleisch nicht, Liebe nicht. Eines davon ist unverzichtbar. Ralf König schrieb einmal, die mit dem HI-Virus verbundene Tragödie sei: Wäre es im Kaffee, würde man eben keinen Kaffee mehr trinken. Aber es trifft uns da, wo wir wild, töricht und am verletzlichsten sind.

Wenn eine Fliege sprechen könnte, wir würden sie verstehen: Sie bereut keinen Flügelschlag, keinen einzigen.