Bettina Wulff und das Netz der Gerüchte

Das Gerücht, das dieser Tage über das Internet verbreitet wird, geht so: Jeder kann dort alles über jeden behaupten, man bekommt Gerüchte, die dort niedergeschrieben werden, niemals wieder aus der Welt.
Bettina Wulff versucht, das Gerücht, sie habe als Prostituierte gearbeitet, aus dem Internet zu verbannen. Sie mahnt daher Blogger, die das Gerücht verbreitet haben, ab, und zieht sogar gegen Google zu Felde, das mit seiner Autocomplete-Funktion (wer einen Namen eingibt, bekommt häufige Suchanfragen anderer Nutzer angeboten) bei Eingabe des Namens „Bettina Wulff“ unter anderem „Escort“ und „Prostituierte“ vorschlug und so zur Bekanntmachung des Gerüchts beigetragen hat.
Ich habe in meinem privaten Blog im Januar dieses Jahres im Bezug auf Bettina Wulff erwähnt, dass eine kleine technische Neuerung (eben die Autovervollständigung von Suchanfragen) eine neue Form von Erklärungsdruck aufbaut. Philipp Lahm hatte sich diesem Erklärungsdruck gebeugt und in seinem Buch ausdrücklich erklärt, er sei nicht schwul.
Ich habe diesen Artikel mittlerweile gelöscht, denn es ist so: Verlage haben Justiziare, die sich bei Rechtsstreitigkeiten kümmern, Blogger haben nur sich selbst.
2006 verlangte Veronica Ferres von einem Blogger 10.000 Euro, weil der sich abfällig über sie geäußert hatte; der Blogger kam schließlich damit davon, Ferres‘ Anwaltskosten, die 1500 Euro betrugen, zu übernehmen.
1500 Euro können für Hobbyautoren recht schmerzhaft sein, und so ist die deutsche Bloglandschaft im internationalen Vergleich recht zahm. Kaum jemand kann es sich, zeitlich oder finanziell, leisten vor Gericht zu gehen, und so setzt sich in der Regel der Finanzkräftigere durch mit seiner Rechtssicht.
Nun hatte ich gar nichts Anstößiges geschrieben, sogar darauf hingewiesen, dass die Ursprünge dieses Gerüchts in den dunkelsten Ecken des deutschsprachigen Internets lägen, aber ich bin da nicht anders als andere Blogger; ehe man einen Rechtsstreit riskiert, löscht man lieber.
Auch deutsche Forenbetreiber, die für ihre Mitgleider haften, werden nicht zulassen, dass dort Verleumdungen veröffentlicht werden.
Im Zweifel ist das deutschsprachige Internet leichter zu deckeln als die deutsche Presse.
Die meisten werden jedoch das Gerücht über Bettina Wulff gar nicht bei Google entdeckt haben, sondern jemand verbreitete es im privaten Gespräch. Diesen Promiklatsch gab es schon immer.
Richard Gere, so geht eine der bekannteren Klatschgeschichten, die schon zu meinen Schulzeiten kursierte, soll eines Tages in der Notaufnahme gelandet sein, weil er einen Hamster, andere Quellen sprechen von einer Rennmaus, im Anus gehabt habe. Es soll, so die Erklärung, unter schwulen Männern ein verbreitetes Sexspiel sein, sich gegenseitig Nagetiere in den Darm zu schieben. Das ist natürlich genauso Unsinn wie die ganze Gere-Geschichte, doch bis heute bietet einem Google in der Autovervollständigung den Begriff „Hamster“ an, wenn man nach Richard Gere sucht.
Man stößt dann auf Seiten, die sich der Aufgabe stellen, so genannte Urbane Legenden aufzuklären. Diese Aufklärung hatte man zu meinen Schulzeiten noch nicht, Geres Verhältnis zu dem Hamster blieb damals tatsächlich ein nicht aus der Welt zu schaffendes Gerücht, jeder dachte daran, wenn Gere Julia Roberts küsste. (Also: Hoffentlich dachte jeder daran, dann ist Pretty Woman nämlich ein viel komischerer Film.)
Auch im Fall Wulff konnte man durch Google das Gerücht schnell falsifizieren: Es gab keine Bilder, es gab keine Augenzeugenberichte, nur Hörensagen.
„Papier ist geduldig“, sagte meine Mutter, wenn ich auf etwas verwies, das ich in der Zeitung gelesen hatte. Vielleicht hatte der Journalist etwas erfunden oder etwas falsch verstanden.
Im Internet wurde die „Papier ist geduldig“-Regel erweitert. Nun heißt es: „Nichts ist wahr, ehe es nicht hieb- und stichfest bewiesen wurde.“
Pics or it didn‘t happen – Bilder, oder es ist nicht geschehen. Und wenn Bilder als Beweis geliefert werden, dann machen sich in den Foren und Imageboards die Photoshopexperten über die Beweisbilder her und weisen verlässlich Manipulationen nach.
Gerüchte lassen sich heute besser als je zuvor durch Tatsachen aus der Welt schaffen oder durch eine überzeugende Gegenrede. Wenigstens jeder Verständige wird dem Nachvollziehbaren eher glauben als dem Hörensagen.
Aber es kann ja nicht sein, dass jeder ständig gezwungen ist, sich zu jedem Unsinn zu äußern und die Hosen runterzulassen.
Dazu muss man darauf hinweisen, dass es generell um den Schutz der Privatheit nicht so schlecht bestellt ist im Netz. Wer Daten von Unbekannten postet, gilt rasch als Stalker. Selbst auf 4chan, einer der wohl anarchischsten Seiten im Netz, gilt die Regel: „Postet keine persönlichen Informationen“.
So gut wie vogelfrei ist – nicht in deutschen Blogs, aber dort, wo tatsächlich anonym geschrieben werden kann – die Prominenz.

Mächtige oder Prominente können Tatsachen über sich schlechter denn je unterdrücken. Sei es Bob Geldofs Tochter Peaches, über die ein junger Mann, der mit ihr einen heroinsatten One Night Stand hatte, auf dem Social News Aggregator Reddit ausführlich schrieb, samt Nacktfotos, der nackte Prinz Harry oder die zahlreichen Stars, deren Handys gehackt und auf Nacktfotos durchsucht wurden.
Dort haben Informationen eine Macht bekommen, die unser Leben radikal verändern wird (denn wenn es dauerhaft normal ist, dass bestimmte Mitglieder der Gesellschaft keine Privatsphäre haben, wird das irgendwann für alle normal).
Man kann sich daher verschiedene Zukunftsszenarien vorstellen: 1. Jeder weiß alles über jeden und deshalb sind alle etwas freier als heute, weil jeder zu Toleranz gezwungen ist. 2. Jeder weiß alles über jeden und deshalb gibt es einen enormen Anpassungsdruck. Oder 3. Informationen werden rigide gedeckelt, Persönlichkeitsrechte zulasten von Informationsrechten ausgedehnt, das ganze einst so wilde Netz immer stärker reglementiert.
Meine Meinung zum Schutz der Privatsphäre im Internet ist ganz eindeutig: Es hängt davon ab, ob ein Sextape von Christina Hendricks oder von mir kursiert.
Wir sind eben alle neugierig und ehrpusselig und auf unsere Privatsphäre bedacht und invasiv.
Das Internet ist nicht das Fernsehen und auch kein elektronisches Buch oder eine digitale Zeitung, das Internet ist – nach und nach – die Sichtbarmachung der Gedanken aller Menschen mit Anschluss. Es ist so dumm, brillant, brutal und liebevoll wie die Gesamtheit aller Beteiligten
Die Gedanken sind frei, auch die Unmoralischen, könnte man sagen, meist überwiegt das Gute, könnte man sagen, aber wenn man zufällig selber gerade im Fokus dieser Gedankenmaschine steht, dann kann das sehr unangenehm sein.
Bilder sind fast nicht wegzubekommen, es sei denn, sie zeigten Kinderpornographie (die wird von Googlemitarbeitern rund um die Uhr aus dem Index aussortiert), denn Bilder sind Tatsachen und damit eine harte Währung. Irgendwann in den Nullerjahren erlangte eine junge Frau eine für sie bedrückende Internetbekanntheit durch Fotos, die sie mit einem Mann beim Sex zeigten, die Fotos waren mit ihrem Namen und ihrer Heimatstadt markiert, schließlich kam die junge Frau nicht umhin, ihren Namen zu ändern, um nicht für den Rest ihres Lebens mit diesem einen Akt konfrontiert zu werden.

Auch die Bilder von Mario Götzes Erektion, im Sommerurlaub von einem Paparazzi geschossen, werden nicht verschwinden, dazu befinden sie sich auf zu vielen Festplatten, es gibt sie in deutschen Foren, in belgischen Nachrichtentickern, auf amerikanischen Sportseiten.
Beide Beispiele zeigen, wie übergriffig das Netz tatsächlich sein kann, ein Spanner, ein Eindringling, neugierig wie wir alle in unseren am wenigsten stolzen Stunden sind.
Weggeklagt bekommt man das nicht.
Es müssten stattdessen alle Menschen dazu kommen, nicht hinzuschauen, wenn sie einen Fußballer mit Erektion sehen. Das ist eine harte mentale Übung.
Wie aber jetzt praktisch mit einem Fall wie Wulff umgehen? Sagt man: In Ordnung, Ehrrühriges darf nicht in den Googleindex – dürfte Google denn auch jetzt nicht darauf hinweisen, dass Bettina Wulff mit Gerüchten zum Thema Prostitution konfroniert war?
Zum Abschluss etwas Beruhigendes für unsere politische Klasse: Ein Politiker stürzt nicht über Gerüchte, sondern über Details. Rudolf Scharping wurde, anders als man sich heute erinnert, nicht entlassen, weil es peinliche Fotos von ihm im Swimmingpool gab, sondern weil er sich einen Einkauf von Moritz Hunzinger bezahlen ließ. Der Druck wuchs jedoch nicht allein durch diese Tatsache, über die Hans Leyendecker auf der Medienseite der SZ berichtete, sondern erst, als der Stern schrieb, die Socken, die Scharping sich kaufen ließ, hätten 35 Mark pro Paar gekostet. Im Internet heißt es mittlerweile, es seien 350 Euro gewesen; so oder so befand die Öffentlichkeit, dass ein Soze nicht so teure Socken tragen dürfte und senkte den Daumen.
Und so ist auch Christian Wulff nicht über die Gerüchte gestürzt, sondern über die Nähe zu reichen Freunden, auch hier erdrückten am Ende die Details die letzten Reste von Sympathie.
Was die Käuflichkeit von Körpern angeht, da ist man heute vergleichsweise tolerant, der Verdacht von politischer Käuflichkeit, der tötet. Das Problem der Mächtigen sind nicht Gerüchte, sondern Tatsachen.

(Der Artikel ist in der Berliner Zeitung erschienen)

9 comments

  1. Nanu, diese Hamster-Geschichte höre ich zum ersten Mal bewusst mit Bezug auf Richard Gere. Kannte die mehr so in einer unpersönlichen Variante von “Kommt ein Mann zum Arzt…”. Es gibt da noch eine Pointe mit einem Streichholz und einem Furz, aber das führt jetzt wirklich zu weit weg vom Thema.

  2. [...] Bettina Wulff und das Netz der Gerüchte [via]: Das Internet ist nicht das Fernsehen und auch kein elektronisches Buch oder eine digitale Zeitung, das Internet ist – nach und nach – die Sichtbarmachung der Gedanken aller Menschen mit Anschluss. Es ist so dumm, brillant, brutal und liebevoll wie die Gesamtheit aller Beteiligten. [...]

  3. “Auch im Fall Wulff konnte man durch Google das Gerücht schnell falsifizieren” – eben nicht, den genau so funktionieren Gerüche ja: Man kann sie nicht beweisen, aber da sie auch nicht eindeutig zu falsifizieren sind, findet sich immer der ein oder andere der daran glaubt – oder noch schlimmer: glauben will. Dass es keine Beweise für eine Behauptung gibt ist eben noch keine Falsifikation.

    Das Problem liegt in der Verbreitung unbewiesener Behauptungen – und die gab es auch schon vor dem Internet. Und auch damals schon konnten Betroffene gegen die verbreitenen Medien klagen. Insofern ändert das nichts zu dem Blogger – wenn anonyme Gerücht aufkommen, muss man prüfen, in welcher Form man darüber berichtet. Eine ungeprüfte Weiterverbreitung ist da keine gute Wahl, eine Suche ach den Quellen schon eher.

  4. Danke. Jetzt hat die Suche “Bettina Wulff” + “Hamster” + “Anus” einen Treffer!

  5. haha mal offtopic, aber bei mir im browser is gerade der ganze schöne suchmaschinen-verwirr-code aufgeblitzt.

    sehr witzig ^^

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  6. Singular: Paparazzo, Plural: Paparazzi. Sonst alles OK. Grüsse vom Oberlehrer.

  7. Wenn man aber kein Geld hat dann darf man die Wahrheit nicht direkt aussprechen?

  8. Das sind halt Gerüchte einer hat das angeblich mit einem iPhone aufgenommen, jedoch hat er das nicht veröffentlicht. Gerüchte halt was soll mann davon halten.