Die Schultern von Giganten – Rede eines Piraten an sein Volk

Liebe Ärztinnen und Ärzte, bei Ihnen, verzeihen Sie bitte, wenn ich das so ohne Umschweife sage, muss ich immer besonders laut lachen, wenn Sie auf Ihren Privilegien beharren.
Wann hat das letzte Mal ein Arzt etwas wirklich Eigenständiges erfunden?
Was hätten Sie Ihren Patienten anzubieten außer ein paar Blutegeln, wenn nicht Antibiotika erfunden worden wären und Impfungen und Schmerzmittel und Psychopharmaka?
Von anderen, nicht von Ihnen!
Sie könnten hilflos die Schultern Ihrer Patienten tätscheln, wenn die mit Scharlach oder Kinderlähmung zu Ihnen kämen.
Und doch spielen Sie sich auf und wollen Geld dafür, dass Sie Ihre Unterschrift auf die gestrichelte Linie eines Zettels setzen! Wo doch jeder Mensch, der eine Suchmaschine benutzen kann, selber weiß, was er hat, was er dafür braucht – und dass das eben Sie auf keinen Fall sind.

Das Wort Arzt war früher ein Schimpfwort, Ärzte standen in dem Ruf, mehr Menschen ausgelöscht zu haben als alle Armeen der Welt. Dass sich das geändert hat, ist nicht Ihnen zu verdanken!
Sie schulden dem Weltgeist etwas, meine Damen und Herren. Bloß weil Sie vor 20, 30, 40 Jahren etwas Wissen angehäuft haben, das längst veraltet ist, wollen Sie immer noch darauf beharren, einen Patienten zu befühlen.
Wissen Ihre Hände mehr als Google Scholar? Ist Ihr Auge schärfer als das von iMed?
Heilen Ihre Rezepte oder nicht doch die Medikamente, die andere im Verlauf der vergangenen hundert Jahre entwickelt haben?

Die Zeit hat Sie zurück gelassen, meine lieben Freundinnen und Freunde. Stehen Sie Ihr nicht länger im Weg.

Liebe Ingenieure, Fließbandarbeiter und Manager der Autoindustrie, Sie – jetzt werden Sie bestimmt gleich wieder losbuhen – sind ja fast noch schlimmer als die Ärzte.
Alle Räder stehen still, wenn Ihr starker Arm es will.
Aber sagen Sie mir, was Sie tun würden, wenn nicht in der römischen Sägemühle von Hierapolis eine Drehbewegung in einer lineare Bewegung umgesetzt worden wäre! Mit Hilfe einer Kurbelwelle!
Das war im dritten nachchristlichen Jahrhundert, meine Damen und leider ja doch hauptsächlich Herren!
Haben Sie die Autobahnen gebaut?
Wo wären Sie heute, wenn Gottlieb Daimler nicht von Ferdinand von Steinbeis gefördert worden wäre? Der war königlich-württembergischer Regierungsrat – ein Wirtschaftspolitiker!
Die Gemeinschaft hat Ihnen gegeben; Sie ziehen die Zäune hoch um das, was „Ihnen“ gehört!
Meine Damen, meine Herren: Schämen Sie sich!
Wirtschaftsspionage? Ich glaub, mich tritt ein Pferd! Als könnte man Wissen klauen!
„Ihre“ Patente? „Ihre“ Ideen?
Nicht die Gangschaltung, nicht die Klimaanlage, nicht der Auspuff, keines der Materialien in Ihren Autos – nichts davon entstammt Ihrem Geist.

Und nun zu Ihnen, liebe Juristinnen und Juristen …

18 comments

  1. Preach it, brother. In den Star Trek-Serien, -Filmen und -Büchern reden die Charaktere häufig mal über die Unterschiede der Föderation zu der Menschheit vor dem 22. Jahrhundert bzw. dem Ennemi du Jour. Und dann heißt es immer so schön, „Wir haben den ganzen Geld-Quatsch abgeschafft, und all unsere Wissenschaftler teilen all ihr Wissen, und deshalb geht es allen total gut!“

    Wo ist meine versprochene Zukunft?

  2. Bis wieder einer weint, weil er es machen muss. Einer, der es aus der Vogelperspektive sieht..

    Die Erfahrung machte ich zumindest, als ich zum Arzt ging, um mich für eine Asienreise impfen zu lassen. Termin zur Anhörung, Termin zur Beratung, Termin für die Spritze, Termin für noch eine Spritze. Eigentlich wusste ich genau, was ich brauchte (im Gegensatz meines akademischen Gegenübers), nur wie man Spritzen setzt, das wusste ich nicht und auch wie man reagiert, wenn mal was nicht so läuft, wie geplant.

    Vielleicht geht es also auch nicht mehr um das theoretische Wissen, sondern viel mehr um Routine und Erfahrung. Also das Wissen über das Anwenden von Wissen – oder so.

  3. Ich versteh irgendwie nicht so ganz, auf was sich dieser Post bezieht und wo er hin möchte.

    Die Giganten, auf deren Schultern wir stehen, hatten es einfach. Die Kurbelwelle ist zweifelsohne eine wichtige Erfindung, sie ist aber auch simpel. Alles simple ist mittlerweile wegerfunden.

  4. Ich sage mal Folgendes (auch für @DrNI bestimmt):

    Es ist völlig richtig, dass alle unsere gesellschaftlichen Errungenschaften immer auf vorherigen basieren, darauf möchte der Post hinaus. Die Kritik an den Piraten (die übrigens nicht immer Piraten sind, aber gern einfach so zusammengefasst werden) scheint mir klar. Auch immaterielle Güter lassen sich noch abgrenzen und postulieren, so scheint es Malte zwischen den Zeilen sagen zu wollen.

    Allerdings ist mir das gar nicht so klar, denn wenn man Maltes Post einmal ernst nimmt, merkt man: Stimmt, was gehört eigentlich „uns“? Was gehört jedem Einzelnen? Wenn man es konsequent weiterdenkt, landen wir im Kommunismus. BÄM! Intuitiv bin ich übrigens auch für @Matthias‘ Gedanken: So ähnlich wie bei Star Trek einfach alles sharen.
    Das schwierige wird nur der Übergang von der Eigentumsgesellschaft in eine andere…

  5. Ich glaube, ohne jemals bewusst Star Trek gesehen zu haben, fest daran, dass wir irgendwann in einer Star Trek-Welt leben werden.
    Schwer vorstellbar, dass sich in tausend Jahren noch immer Menschen bewaffnet gegenüber stehen aus den irrsten Gründen.
    Und ich glaube sogar daran, dass irgendwann die Produktivität so hoch sein wird, dass Güterknappheit nicht mehr herstellbar sein wird.
    Aber warum man den Unterschied zwischen der Kreativität von Autoren, Musikern und Regisseuren macht, deren Werke allgemeinfrei sein sollen, und der Schöpferkraft von Codern, Ärzten und Ingenieuren, Juristen, Apothekern und Wasweißichwem, das weiß ich nicht.
    Ich habe einen Artikel in der SZ gelesen über Produktpiraterie und Industriespionage und mich gefragt, ob die Nonchalance, die von manchen Piraten im Umgang mit Urhebern herrscht, wohl auch vor dem Publikum einer IG Metall-Tagung so gut ankäme.

  6. Ich verstehe, was du meinst. Doch viele derer, die das Urheberrecht etwas radikaler reformieren wollen, sind auch für eine Reform des Patentrechts. Zum Beispiel eine Neufassung von Software-Patenten (einige sind sogar komplett dagegen), keine Bio-Patente, kürzere Patentschutz-Zeiten etc. etc.
    Der Unterschied ist nicht mehr so stark, lieber Malte. Hier werden einige Konzepte völlig neu gedacht. (was nicht heißt, dass ich das alles gut heiße, aber ich beobachte es)

    Allerdings glaube ich auch, dass damit wieder Ideologie in die Politik kommt. Dadurch auch die verschärften Debatten in letzter Zeit: Es gibt wieder Ideologien, die miteinander in Konflikt stehen.

  7. @malte ich stimme dir zu, wenn du die sinnhaftigkeit der unterscheidung zwischen codern, ingenieuren etc mit musikern, regisseruen etc. bezweifelst. damit könnte ebenfalls der vergleich patentrecht und urheberrecht herangezogen werden. beiden liegt das konzept geistiges eigentum zu grunde. nur behandelt das patentrecht die schutzfristen viel liberaler, oder vielleicht auch wirtschaftsgerechter? dass ärzte wissen anwenden können, was andere nicht können verschafft ihnen genau so knappheit, aber ihre knappheit liegt in der anwendung und nicht im produkt. klar kann nur ein musiker ein schönes lied komponieren, die knappheit liegt hier aber auch in der produktionsphase, also in der anwendung des wissens. deswegen scheint mir crowdfunding ja auch so eine gute alternative zu sein. weil via crowdfunding die anwendung des wissens finanziert wird, und das daraus entstehende produkt dann ja eigentlich lizenzlos frei gegeben werden könnte.

  8. Ich sehe schon, wir sind wieder bei der Diskussion Produktion und Produktionsmittel, Eigentum und Besitz, Produzent, Arbeiter und Nutzer.
    Jetzt holt bitte jeder mal seinen Marx raus und wir treffen uns, wenn wir ihn alle gelesen haben. Davor gern noch Adam Smith lesen oder den einen oder anderen ökonomischen Theoretiker. ;)

  9. Ich sehe sie vor mir, die Claus-Brunners und anderen Piraten, sehe sie, tippen, Tittenboni ablehnend, schwul-lesbische Vereinigungen bedrohend, am Urheberrecht sägend, Transparenz und Datenschutz hochhaltend – auf Facebook, das Patentrecht beklagend, tippend an ihren Apple-Rechnern. Warum lehnen sie die nicht ab? Warum bedrohen sie Tim Cook nicht? Und was ist mit Mark Zuckerberg?

  10. Oh Mann, Schultern von Giganten… Wie wäre es mit „Hebel der Giganten“?
    Nur kurz:
    Wie ginge es vielen Kranken, wenn das Prinzip von Antibiotika „auf ewig“ patentiert worden wäre?
    Wie führen wir in der Welt herum, wenn das Prinzip der Kurbelwelle „auf ewig“ patentiert worden wäre?
    Wo wäre die Menschheit, wenn die Menschenrechte „auf ewig“ patentiert worden wären?

    Herr Welding:
    Ich werde mal kurz polemisch (Sie kennen das Prinzip, lesen Sie bitte weiter oben Ihren eigenen Text): Sie halten sehr direkt und indirekt zugleich den patent“geilen“ und -ausnutzenden Konzernen den Rücken frei beim Patentieren und Geldverdienen. Soweit OK, jeder macht sein Ding (Polemik zuende) – aber es geht im Kern nicht um die Patente (und auch nicht um die damit vorsätzlich und fahrlässig verknüpften Urheberrechte) an sich, sondern um deren Nutzungs- und Zugangsmöglichkeiten im Rahmen der sich ununterbrochen(!) weiterentwickelnden(!!) Zivil(!!!)Gesellschaften.
    Dass ein paar verpeilte Raubmordkopierer das illegal dateiteilende Elend aufrecht erhalten wollen (und dass andere Bediener der herrschenden Stammtischmeinung auf diesem eher unwichtigen Detail herumtexten wie die Weltmeister), soll nur davon ablenken, dass wir eigentlich im großen Maßstab („Giganten“) eine ganz andere Lösung dringend benötigen: Nämlich die für das jeweilige Problem beste Lösung nach angemessener (!) Nutzungsfrist der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

    Was nützen Erfindungen im medizinischen, im technischen oder im sozialen Bereich, wenn die nicht „irgendwann“ der Allgemeinheit zufallen und damit für diese nutzbar werden?
    Nix nützen die, genau. Dass „Urheber“ die aktuelle Situation (das von mir gemeinte „illegal dateiteilende Elend“) sehr ungeil finden, kann ich verstehen und sogar gerne verteidigen – aber bitte nicht um den Preis, dass jede Art von „Patent“ oder „patenter Idee“ auf lange Jahrzehnte in einen extrem „ungeilen“ Kostenkäfig gesperrt und damit den eigentlich der Lösung Bedürfenden, nämlich den Menschen (meinetwegen hier ein kurzer Blick auf echtes Elend in Afrika oder Asien oder wo), nicht oder nur unter quasi unbezahlbaren Preisen „zugänglich“ gemacht werden.

    Will sagen: Kommen wir doch mal von den Schultern der Giganten herunter und schauen wir stattdessen auf deren Konten – und da finden wir die eigentlichen Gewinne der aktuellen Debatte. Das „Urheber“recht ist nur eine tagesaktuell und intellektuell heftig befeuerte Nebelgranate („Hebelgranate“?), die eigentliche Situation und das eigentliche Problem zu verschleiern.
    Es steht Ihnen völlig unbenommen zu, Ihre persönliche Situation im Kontext darzustellen – aber wollen Sie wirklich diese und andere Schachzüge der Patentierer mitmachen und unterstützen? Sie sind einer der Hebel der Giganten – nutzen Sie Ihren Hebel aber doch bitte und besser für Lösungen, unbedingt und gerne auch nebenbei im echten Urheberrecht, und bitte nicht für billige Kärrnerarbeit.

    Tagged under: Rechteverwerter entrechten Urheber — Urheber sind die Frontkasper der Konzerne — Patente sind der echte Markt — 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers sind 110 Jahre nach dem Tod des Kleinbauern (OK, der letzte Tag besteht aus Polemik – aber fragen Sie vor Ort mal nach, gegen diese Probleme sind Urheberrechte echt ein Sch…)

  11. Nachtrag @Matthias Schumacher:
    Und jetzt haben Sie das eigentliche Problem aber sowas von auf den Punkt gebracht…
    Das schafft so offen und pointiert nicht jeder.
    (Den letzten Satz in diesem meinem Kommentar meine ich sehr, sehr ernst.)

  12. […] Kommentar auf Malte Welding Continue Reading Please […]

  13. Wer sich ein genaueres Bild über die Piraten machen will, sollte mal in deren Forum (*1) sehen. Abenteuerlich auf welchem Niveau dort diskutiert wird, keine (Verschwörungs) – Theorie scheint hier zu abstrus zu sein. Es bietet aber einen guten Einblick in die Gedankenwelt der Freibeuter, welche auch in Sachen “Umgangsformen” lieber mit dem Säbel kämpfen…

    In einem Thread (*2) schlägt ein Teilnehmer – fast unwidersprochen – vor, der Parteivorsitzende solle doch Henry Kissinger töten: “…und wenn er Kissinger einfach erschiesst, so böse wie die „Mächte“ sind die der vertritt am besten mit einer silbernen Kugel…”.

    Einfach grausam, aber es wird auch auf den folgenden Seiten nicht wirklich besser…

    (*1) http://news.piratenpartei.de/
    (*2) https://news.piratenpartei.de/showthread.php?tid=164086&page=2&highlight=kissinger

    PS:
    Das Forum hat mich sofort an die neue Kolumne von Harald Martenstein erinnert:
    „Der sibirische Tiger ist weniger bedroht als das Komma“
    http://www.zeit.de/2012/22/Martenstein

  14. @uniquolol:
    Sie liefern eine scharfsinnige Darstellung und Analyse der apokalyptischen Zustände in dieser Mörderbande – man sollte, nein: man muss! sofort alle Hersteller silberner Kugeln in Deutschland vorwarnen.
    Ansonsten stimme ich Ihnen absolut zu:
    „Wer sich ein genaueres Bild über die Piraten machen will, sollte mal in deren Forum* sehen.“
    (*“Programm“ oder so haben die Piraten nicht, also sollte man das Forum lesen – ist wie beim Welding und dessen Blog, der hat auch kein Programm.)

  15. Das wirklich großartige an diesem Text ist, dass es in den Kommentaren Leute gibt, die den Sarkasmus nicht verstehen und den Text komplett ernstnehmen. Besser geht Satire eigentlich nicht.

  16. Sehr viel Spaß beim lesen gehabt, danke dafür

  17. […] Schaffen basiere überwiegend auf der Vorleistung anderer, halte ich für ein wenig dämlich. Malte Welding sieht das anscheinend ähnlich. In einem Kommentar zu seinem Text schreibt dann jemand etwas über Patentfristen und sagt: […]

  18. Bin gespannt was man über Blogger in der Zukunft sagen wird…waren es Kritiker, Moderatoren, Komiker, Journalisten oder was. Wie auch immer interessante Sichtweise, es geht aber auch nur um das, mit Erfahrung weiter zu entwickeln was man schon hat und gelernt hat, oder wie?