Jeder kann Hegemann

Meine brunzdoofe Putzfrau weckt mich mit ihrem Geseier. Dauernd redet sie mit sich selbst, in irgendeiner vokalarmen Ostsprache. Seit wann gibt es eigentlich Polen? Seitdem die Russen Schweine ficken.
Ich habe eine Arachnoidalzyste in meinem Schädel, aber das Ding an meinem Arsch interessiert mich brennender. Gelegentlich wird in Boulevardzeitungen oder Internetforen der „Geheimtipp“ verbreitet, „Hämorrhoidencreme“ sei hilfreich gegen Gesichtsfalten oder Schwellungen der Augenlider. Tatsächlich sind die meisten Hämorrhoidencremes aufgrund der darin enthaltenen örtlichen Betäubungsmittel wie Lidocain oder Entzündungshemmer wie Kortison für diesen Zweck völlig ungeeignet oder sogar schädlich.
Ich drehe noch durch. Ich denke auf einmal nur noch ans Kiffen, ich stelle mir einen Eimer vor, sehe den Dampf in die Colaflasche steigen, ich könnte Gras fressen wie eine Lorant-Elf und gleichzeitig ist mir scheißegal, was ich als Nächstes nehme, obwohl sich das Zwerchfell bereits bei dem Gedanken an etwas anderes als Kakao selbst zu strangulieren beginnt. Mein Zwerchfell würde sich den tödlichen Witz selbst erzählen, nur um mich blöd dastehen zu lassen. Ha. Ich gehe zu Desdemona, die wirklich so heißt, weil ihr Vater einfach schwachsinnig ist, die schon wieder anfängt zu flennen, und beiße sie in den Hals, und währenddessen wird mir klar, dass ich definitiv zu schwach bin, um mich gegen all die Nähe aufzulehnen. Zu Tocotronic, zu Westbam.
Hier sind zu viele Leute und zu viele von ihnen sehen aus wie Marlon Brando. Ich wäre schon gerne wieder ein bisschen schwul, aber Schwuchteln sind noch weinerlicher als Desdemona, die ich jetzt ein wenig ficke.
Ich hätte gern, dass meine Putzfrau um mich herum wischt, aber sie redet nebenan einfach etwas lauter, um Desdemonas Schreie zu übertönen.

“Wann kommt deine Mutter wieder?”
“Die hat eine Botoxallergie bekommen und ist direkt von der Klinik zu einem philipinischen Heiler in Berchtegarden gefahren”
Danach dann vielleicht stundenlang knorrige Stille. Aus seltsamer Ferne – ich glaube, der steht auf einem anderen Planeten – wird mir ein Gerät entgegengeschwenkt. Eine Leere, ich kann mich nicht auflehnen.

Saß Brando1 schon die ganze Zeit daneben? Brando2 hatte jetzt die Putzfrau in ein Gespräch über die Verbrechen der Wehrmacht verstrickt.
“Entgegen landläufigen Meinungen waren die deutschen Panzermodelle der Anfangsjahre jedoch denen auf alliierter und sowjetischer Seite keineswegs überlegen. Die Wehrmacht verfügte bei ihren Feldzügen gegen Polen und die Westalliierten zunächst fast nur über leichte Panzer der Typen I und II, sowie den nach der Besetzung Tschechiens in großer Zahl erbeuteten Panzer 38(t)!”

“Ja.”

“Während des Krieges entwickelte die deutsche Rüstungsindustrie für die Wehrmacht revolutionäre Techniken.”

“Soll ich hier noch machen?”

“Die Uniformen der Wehrmacht wurden zum Teil von der Reichswehr übernommen, aber während des gesamten Zeitraums von 1933 bis 1945 modernisiert und ersetzt.”

Ich schaute Desdemona an, in deren Haar mein geronnener Samen klebte.
“Und du vermutest also, dass dein Bruder gar nicht schwul ist?”
“Der ist quasi-religiös bisexuell. Ein Taliban des gemischtgeschlechtlichen Samenergusses. Könnte dir egal sein, sollte er gleich grußlos abhauen und in den Puff fahren. Der hat da eine ultraperverse Transe, die darauf abgeht, wenn er ihr sagt, wie schlecht sie bläst. Dann schiebt er ihr ein paar Finger in den Arsch und zwirbelt an ihrer Prostatata-OP-Narbe. So halt, irgendwie. Findest du den etwa gut?”

“Würde ich gern. Mösen sehen halt aus wie plattgefahrene Nacktschnecken und deine stinkt mal ehrlich gesagt nach altgewordenem Katzenfutter. Nee, gekochtem Schinken.”

Desdemona lachte oder weinte, Borderlinerfotze halt. Wird irgendwann noch dehydrieren von all den feuchten Stimmungen.

Ich gucke Brando1 an. Er sieht inzwischen wirklich scheiße aus.
“Ich habe mit meinen eigenen AUGEN gesehen, dass du mit meinem Bruder geschlafen hast.”

Ich bin ein böser Mensch. Ich bin ein fantasievoller Mensch völlig ohne eigene Ideen. Aber Brando1 ist irre. Darauf kommt es ja an: Nicht irre zu sein, jedenfalls nicht so, dass die Kinder auf der Straße hinter dir herrennen und deine Nieren verkaufen wollen.
Von all dem Wohlstandsmüll hier bin ich der Einzige, der noch richtig durchblickt.

Warum so visionär Ich? Worauf ist meine Selbstseibarkeit zurückzuführen? Auf meine durch eine Hypothalamusschädigung bedingte Unterscheidungsunfähigkeit zwischen Mein und Dein, die in meinem Darm ausgedrückten Dilden, darauf, dass die anderen Kinder immer gesagt haben “Dein Vater kann nur hinter den Kulissen kulissieren, der ist bloß Intendant, der kennt ja nicht mal Kaaant”, eklatante Egalness angesichts bei Ferrerofrühstück betrachteten Babyleichen im Morgen-TV oder dieses hanseatisch blanke Entsetzen, jeden Morgen in meinem ungesampleten, ganz und gar mirigem Körper erwachen zu müssen?”

Ich muss mich nicht verstehen. Ich stelle mir vor, wie ich Brandon1ens Augäpfel herauspflücke wie der Typ in Deadwood das bei diesem riesigen Kerl gemacht hat.
Und dann damit Flummi spielen wie früher mit den Kuhaugen in Brandenburg.

DANKSAGUNG
Dank an die Wikipedia, eine Irre von Twitter, der ich betont beiläufig folge, und so ‘ne Schriftstellerin.

Update:
Und leider erst jetzt gesehen: Anselm Neft

33 comments

  1. Dieses „eigentlich“ erster Absatz, dritte Zeile, das hast Du aus meinem Blog geklaut!

  2. He, also hör mal, die Gedanken sind frei und so. Und meine haben sich schon seit Tagen frei genommen.

  3. Haha, super.

  4. Die Idee Hegemann zu perisflieren, in dem du ihren Text semiplagiierst, hast du doch aus einem Blog geklaut!

    Und jetzt hätte ich gern ein upgedatetest Quellenverzeichnis. Und sag nicht du kennst, das Blog nicht schließlich hat dein Vater ihn für dichhast du in ihn in deiner Blogroll abgelegt, wie eindeutige Quellen belegen.

  5. @Jannis
    Ich bin nur Untermieter meiner eigenen Frisur, meine Mutter hat bei Amazon einen Schreibkurs für mich bestellt, aber dann war niemand zuhause, als der Postbote geklingelt hat. Dann hat er am nächsten Tag zweimal geklingelt und dann wirklichkeitsgetreu simulierten (oder doch nicht?!) Geschlechtsverkehr mit meinem Grottenolm gehabt. Auf dem Küchentisch.

  6. Das toll. Wärst Du zwanzig Jahre jünger, wäre dies ein Bestseller geworden …

  7. Das hast du dir doch ausgedacht!

  8. Wäre ich dreißig Jahre jünger, dann wäre sogar endlich mal mein Vater beeindruckt.

  9. grossartig!

    und ja, ist es nicht erstaunlich wie einfach es ist, etwas zu sagen obwohl man nichts zu sagen hat?
    die danksagung am schluss hat mich dann erst richtig zum lachen gebracht: über hegemann lästern aber so einige “bekannte” personen auf twitter mit begeisterung folgen, komisch. dass die meisten leicht zu begeistern sind ist noch nichteinmal das schlimmste, denn twitter ist leicht (und literatur darf es auch sein), aber es ist so widersprüchlich.
    ob nun eine berühmte schriftstellerin oder otto normalverbraucher und maria mustermann, bemerkenswert finde ich, dass jeder versucht jemand zu sein doch sich nur verschiedene persönlichkeiten, klischees und gedanken aneignet, und das eben nur um einer masse zu gefallen…und alle hassen hypes und alle machen mit, irgendwie schade und vor allem langweilig.

  10. @Steffi

    Wovon zur Hölle sprichst du?

  11. @Steffi
    Hast du während des Schreibens deine Meinung geändert oder war der Anfang schon ironisch?

  12. @Marv klauen ist nicht gleich klauen, hegemann hat tatsächlich geklaut, zeile für zeile und wort für wort, inhalt sowieso, doch ist sie da nicht alleine, auch irgendetwas darstellen und es als echt zu verkaufen kann man als klauen auslegen.

  13. @Malte ohje, drücke ich mich so unverständlich aus? ich versuchs nochmal: “jeder kann hegemann” diesem titel stimme ich zu mit dem was ich oben sagte :)

  14. Gott ist das furchtbar. Ich hab die Überschrift erst nicht gelesen und Angst um Dich gekriegt.

    Sowas kaufen die Leute? Faszinierend.

  15. Schlimmer ist: jeder kann Feuilleton.

  16. Ich bin aufgewachsen mit Samples, Mash-Ups und Mixen und es ist mir eine ungeheure archäologische Freude, die Quellen zu erforschen.
    http://www.malte-welding.com/2009/12/31/so-basteln-sie-sich-einen-partyhit-fur-silvester/

    Aber das, was bei Hegemann nach all der Sammelarbeit herauskommt, das ist nicht S’Express, das ist Best-of-80es-Mega-Dance-Party.
    Ich bedaure es sehr, dass ich einer Bekannten vor einiger Zeit gesagt habe:
    Sturkturier deine Texte, vereinfache die Sprache, sei nicht so forum.go.feminim-Lyrikecke, Schreiben nach nicht nach Kunstarbeit aussehen.
    Die könnte jetzt bei Schmidt sitzen und Metaebenen bauen aus Acryl.

  17. Und wer fickt mich jetzt?

    Muss mal den Hegemann fragen, is ja ein ganzer Kerl.

  18. roche, hegemann und “malte”……..ein dank an die moderne literatur;-)
    die danksagungen sind wirklich das beste.

  19. Airen, Paul und Mifti gehen in eine Bar…

  20. “Dein Vater kann nur hinter den Kulissen kulissieren, der ist bloß Intendant, der kennt ja nicht mal Kaaant”

    haha …

  21. Hast Du Dir das Buch gekauft? Zur Recherche. Etwa? Bonn ist rosa. Ich bin ein literarisches Meisterwerk. Nichtmal die Gene stammen von mir. Popo.

  22. der herr schroeder

    Darf man Sie jetzt Maltemann nennen, was sagt der Billermann dazu, und, wird Ayran auch sowas schreiben, bevor Sie es geschrieben haben?

  23. Lieber Malte,

    auch wenn das ein unterhaltsamer und trotz aller Derbheit nicht unelegant formulierter Text ist – ich finde nicht, dass er den Hegemannstil treffend wiedergibt. “Seit Russen Schweine ficken” z.B. geht in so eine Stammtischrichtung, die im Hegemannzusammenhang nicht aufschimmert. Tatsächlich muss ich der Internetgöre bei aller Abschreiberei lassen: Sie hat schon einen eigenen Stil entwickelt, der auch (in meinen Augen) besser ist als der vom Airen seiner.

    Ach, und wo ich schon neunmalklug daher komme: Taliban ist ein Plural. Eine einzelne Person kann es nur zum Talib bringen.

    Liebe Grüße,

    Anselm

  24. Lieber Anselm, zunächst zu der Talib/Taliban-Problematik:
    http://www1.bpb.de/themen/6K9DMU,0,0,Ich_bin_ein_Taliban__.html
    Da hast du natürlich recht, aber der Singulargebrauch ist nicht unüblich.
    Und jetzt zum Kern:
    Du hast in deinem Text sehr interessante und bedenkenswerte Punkte herausgearbeitet, die sehr viel tiefer gehen als das, was ich geschrieben habe. Eine sehr schöne Analyse mit einer sehr gelungenen Erzählsituation. Und doch fand ich die Sätze zu klar und sinnvoll, zu wenig überladen mit unzutreffenden und austauschbaren Adjektiven. Ich habe Hegemanns Text nur sehr oberflächlich quergelesen und so ist es eben, wenn man über etwas schreibt, was man nicht mag: Das Ergebnis ist aggressiv und möglicherweise ungerecht und sogar sehr wahrscheinlich verzerrend.
    Herzliche Grüße zurück, Malte

  25. Die Samples von S’Express hast Du rausgehört?! Hut up! Ich bin daraufhin mit S’Express und Colourbox in 2010 reingerutscht.
    Ich habe gehört „Axolotl Roadkill” soll keinen Buch- sondern einen Forschungspreis kriegen, weil es ja kein Buch, sondern ein Experiment ist.

  26. Wow, hier ist ja mal wieder was los… Malte, ist dein Buch fertig? Oder war es der Störfunk im Intertext (aka Äther), der dich zu textueller Produktion zwang? Ging mir jedenfalls kürzlich so: http://www.senfpresse.de/?p=266

  27. Ups…ähm…Letzteres (“bla”) war ein Versehen…bitte löschen…Danke!

  28. der herr schroeder

    @bla / Lassen Sie sich nicht kirre machen. Sie sind verdammt nah an der Wahrheit.

  29. Diskurs-Meckern ist doch überflüssig. Macht nur Sodbrennen.

  30. @ David: “Diskurs-Meckern” ist ein Diskurs, der durchaus sinnvoll sein kann, wenn er konsequent und somit erschöpfend geführt wird. Irgendwann kommt man dann mit Glück bei der Erkenntnis an, dass Begrifflichkeiten eben diese sind.

    @ Steffi: Ich habe Deinen Kommentar auf Anhieb verstanden. Dies sei der Vollständigkeit halber angemerkt.

    @ Malte: Warum ich keine Antwort erhielt – ? Der Möglichkeiten gibt es viele. Ist okay. Meine Frage war übrigens ernst gemeint. Der anschließende Rest Ironie. Aber wahrscheinlich hast Du es längst von ganz allein begriffen und das meine ich gänzlich unironisch.

    Mit viel Gutem im Sinn:
    Tinchen

  31. Lieber Malte,

    ich kann es nicht lassen, und muss noch schreiben, dass in meinen Augen einige deiner Sätze eine sehr gelungene Parodie sind. Dieser Satz zum Beispiel: “Ich gehe zu Desdemona, die wirklich so heißt, weil ihr Vater einfach schwachsinnig ist, die schon wieder anfängt zu flennen, und beiße sie in den Hals, und währenddessen wird mir klar, dass ich definitiv zu schwach bin, um mich gegen all die Nähe aufzulehnen.”

    Allein schon bei “Desdemona” musste ich lachen. Aber nun genug, es gibt soviele gute Bücher, mit denen man sich länger beschäftigen sollte.

  32. ach was muss man doch von bösen
    jungautorinnen nur lesen
    die, statt selbst es zu probieren
    andre blogger dreist kopieren

    copyright? my name is hase!
    wir sind in der remix-phase
    spricht die diebische helene
    der beklaute nickt: va bene

    was ihr recht ist, ist mir billig
    her das machwerk, rauben will ich
    doch das wird nichts. denn statt reime
    gibts nur sex-und-drugs-geschleime

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