März, 2009


20
Mrz 09

Der Amoklauf der Medien

Schnell! Was für ein Mensch sind Sie? Beschreiben Sie Ihren Partner mit einem Wort, was ist die eine herausragende Eigenschaft Ihrer Mutter? Können Sie nicht sagen, ein Wort reicht nicht, Ihre Mutter ist zu vielschichtig? Klar: Menschen sind Romanfiguren und keine Nebensätze.

Aber trotzdem soll man glauben, am nächsten Tag, nein, möglichst schon während des Amoklaufs alles über den Täter von Winnenden wissen zu können. Von Nachbarn, die er mal gegrüßt hat, von Schülern, die mal neben ihm gesessen haben, von Passanten, die ihn mal gesehen haben. Nun ist Geschwindigkeit nicht die Sache der alten Medien. Und das wäre auch kein Problem, würden sie nicht dann doch probieren, am Rattenrennen um den ersten Platz im Feedreader teilzunehmen.

Weiter in der Netzeitung.


19
Mrz 09

Politiker, Teil 2: Karl-Theodor zu Guttenberg – Der Film

Teil 1

UPDATE:

Karl-Theodor zu Guttenberg, der siebenunddreißigjährigste Minister, den Deutschland in Krisenzeiten sich je zu leisten im Stande war, war auch einmal jung. Nicht ganz so jung wie andere, aber doch – den Zahlen nach zu urteilen – 27. Die Stimme: knabenhaft zart, die Wangen: bübisch rosig, das Haar: adoleszent zementen.

Wer mir sagen kann, wie oft das Lexem “Tradition” erwähnt wird, bekommt eine Tube Studio Line oder eine kleine Bank in Bayern.


19
Mrz 09

Podcast 19.03.09

Mit Nadine Lantzsch unterhalte ich mich über jeden denkbaren Aspekt des Lesbisch-Seins.

 

Hier klicken zum Download (94 MB)

Das Ende ist etwas abrupt, weil nach dreieinhalb Stunden die maximale Dateigröße erreicht ist.


17
Mrz 09

Krieg? Find’ ich super!

Von Daniel Erk

Die Hisbollah findet er faszinierend, den Zweiten Weltkrieg langweilig und die Kriegsmüdigkeit der Deutschen „eine traurige Angelegenheit“: Der US-amerikanische Autor und Blogger Gary Brecher bezeichnet sich als „War Nerd“, schreibt das gleichnamige Blog (War Nerd ) für das russische Magazin The Exile und berichtet überraschend unterhaltsam und wenig rührselig über Guerillakriege und Terroranschläge.

Das Interview wurde vergangenen Sommer unter abenteuerlichen Umständen geführt und hinterher von einem großen deutschen Magazin für zu provozierend und zu wenig bildend befunden.

Mr. Brecher, sie bezeichnen sich selbst als „War Nerd“. Die meisten Menschen finden Kriege schrecklich – was finden sie so anziehend?

Also erstmal: Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen Kriege abscheulich finden. In Europa und besonders in Deutschland ist das vielleicht anders, ja. Aber in Deutschland haben wir Amerikaner nach 1945 ja ein Clock-Work-Orange-Programm durchgezogen. Wir haben und euch beigebracht, Krieg nicht zu mögen! Vorher mochtet doch gerade Ihr Deutschen Kriege sehr gerne – und Ihr wart ja auch verdammt gut!

Nicht unbedingt zu unserem Wohl.

Ich weiß, Ihr Deutschen habt ziemlich schlechte Erfahrungen mit Kriegen gemacht. Aber ihr seht Kriege mittlerweile nur noch unter diesem Gesichtspunkt. Eine traurige Angelegenheit!

Das ist so aber nicht zwangsläufig die Moral von Krieg. Äthiopien und Eritrea zum Beispiel: Haben beide auch ihre Erfahrungen mit Kriegen gemacht, haben aber offenbar noch nicht die Schnauze voll.

Insofern ist gerade die deutsche Einstellung zum Krieg nicht die Regel: Ein Land, das technisch fortschrittlich ist, dem aber von der Weltgemeinschaft das Kriegerische ausgetrieben wurde. Betrachtet man die gesamte Welt und die gesamte Geschichte, ist Deutschland eher die Ausnahme. Continue reading →


16
Mrz 09

Mit einer gewissen Zuverlässigkeit werden Leser aggressiv, wenn ich schreibe, dass wir in der friedlichsten aller Zeiten leben. So etwas zu sagen angesichts von zertrümmerten Rentnerschädeln auf Bahnsteigen. Von cracksüchtigen Raubhuren. Von Amokläufern. Von Terror, Kosovo, Ruanda, Kongo.

Aber so ist es nun einmal: Der Amokläufer ist der Naturzustand, die Zivilisation ist der Friede.
Meine Lieblingslektorin sagt, das könne nicht sein, im Urzustand habe sich Gewalt doch gegen den gerichtet, der einem etwas angetan hat und nicht gegen eine unbestimmte Menge Mensch.
Hier habe ich schon darauf hingewiesen, dass Schimpansen keine Vergeltung üben.
Gleichzeitig ist bekannt, dass das biblische Auge um Auge ein Übermaßverbot war. Weil die Neigung bestand, für erlittenes Unrecht ganze Dörfer abzubrennen.

Und eben nicht nur für tatsächlich erlittenes, zurechenbares Unrecht. Der Mord war immer auch magische Handlung. Noch die fotografierenswertesten Amazonas-Indianer töten für ein plötzlich verstorbenes Haus-Warzenschwein eine Nachbarsippe. Sie könnte ja einen bösen Zauber über das Schwein gebracht haben.

Karma-Polizisten in entlegenen Gebieten ermitteln nicht Fingerabdrücke, sie fragen das örtliche Orakel oder eine befreundete Autopsie-Hexe und statt der Strafprozess-Ordnung kommen Macheten zum Einsatz.

Der archaische Mörder in uns, der die Schuld für sein Elend verortet in einem unbestimmten Anderen, in der Gesellschaft, im Nachbarn, in der CIA oder Wolfgang Schäuble, der war immer schon da.
Er wird gebannt durch Erziehung, Aufklärung, wird aber nie verschwinden.
Der Mörder ist das, was wir kennen.
Der Mörder ist das Uninteressanteste an Winnenden.

Was bleibt, wenn der atavistische Amok einen Ort heimsucht, wie man lebt nach dem Zivisilationsriss – das bedarf unserer Aufmerksamkeit, unseres vorsichtigen Wegschauens und unseres schamvollen Schweigens.
Denn Gegen das Geschrei haben die Götter das Tabu gesetzt.
Obwohl sie nichts von Nachahmungstätern wussten.
Götter halt.


16
Mrz 09

Das Internet ist die Nazis

Aus der Reihe “Große, alte Männer, die Unfug reden” heute Gerhard Richter, Malerfürst, in der Süddeutschen Zeitung.

SZ: Sie meinen die Allgegenwärtigkeit von Pornographie?

Richter: Das sind die neuen Dämonen. Früher waren es die Raubtiere, dann die Nazis, heute ist es das Internet.


16
Mrz 09

Mein größter Held: Ich (aka Burn-Out Man)

burn-out-man

Es geht um etwas, das größer ist als wir.
Es geht um mich.

TheHeroFactory

via, via


15
Mrz 09

Dann schaut es euch halt nochmal an


MUTO a wall-painted animation by BLU from blu on Vimeo.

via


14
Mrz 09

Macht Gamen paranoid?

Bei Nerdcore wirft René Don Alphonso (der in seinem Blog bei der FAZ Probleme mit Kommentatoren aus einem Gamer-Forum hatte und an der Blogbar darüber einen Artikel geschrieben hat) vor, Gamer mit Nazis zu vergleichen. Ich habe dort kommentiert. Es könnte auch für Nicht-Nerdcore-Leser, also meine, interessant sein, was ich zu der aktuellen Debatte denke.

Ich frage mich seit Mittwoch, ob Computerspiele irgendwie paranoid machen.
Es sterben in Winnenden 15 junge Menschen und worum geht es bei Twitter und in zig Blogs: “Hoffentlich nehmen die uns unsere Games nicht weg.”
Und wenn man dann mal hinhört, was Dr. Pfeiffer, den der gemeine Gamer fürchtet wie der Teufel knoblauchisiertes Weihwasser, tatsächlich sagt, ist man doch etwas überrascht: “Ein Verbot hilft niemandem, wichtig ist mehr pädagogische Arbeit, es ist allerdings für jemanden, der psychisch labil ist, nicht sinnvoll, 14 Stunden jeden Tag vor dem Rechner zu sitzen.”
Kann ich unterschreiben.
Und zurück zum eigentlichen Thema: Nicht alles, was aussieht wie ein Nazivergleich, ist einer. Und der Spaß daran, sich als mutterfickender Bastard bezeichnen zu lassen, kann einem nach dem 80sten Kommentar dieser Art schon einmal vergehen.
Man kommt doch als studierter Mensch, der einer bestimmten Freizeitbeschäftigung nachgeht, nicht umhin sich zu fragen: “Mit wem sitze ich da eigentlich in einem Boot?”
Nehmen wir Fußball: Werde ich zum Proleten, weil da Zuschauer einen Torschützen der gegnerischen Mannschaft mit Gegenständen bewerfen? – Natürlich nicht. Je mehr mir jedoch am Fußball liegt, desto deutlicher muss ich mich von denen distanzieren, die mit Fußball nicht umgehen können, die ihn dazu nutzen, Defizite auszugleichen und ihr Leben mit etwas wie Sinn zu füllen.

Einige Nerdcore-Leser kommen mir vor wie das Präsidium von Dynamo Dresden (ein Vergleich! ein Vergleich). Mit den Dresdner Fans gibt es ein extremes Gewaltproblem, aber stets wird dieses Problem durch das Präsidium verniedlicht, die Polizei wird beschuldigt, selbst Schuld zu sein, Hauptsache, der Zusammenhalt von Anbieter und Käufer – Entschuldigung: Verein und Fans – steht.

Der kaum zu leugnende Zusammenhang zwischen Games und Gewalt ist nicht, dass Games zu Gewalt führen, sondern dass von Gewalt faszinierte Menschen gerne entsprechende Games spielen.

Muss man dazu kein Wort verlieren?

(Mein Beileid den Angehörigen der Opfer, die hoffentlich nicht mitbekommen, für welchen Aspekt der Tat sich die Blogosphäre interessiert).


13
Mrz 09

Das WWW wird 20

Wenn nicht Berners-Lee das WWW erfunden hätte, sondern Sony/Microsoft/Siemens, wie hätte sich das Web dann wohl entwickelt? Hätte Sony das WWW erfunden, dann bestünde es im Wesentlichen aus einigen hundert Werbe-Homepages, hätte Microsoft das WWW erfunden, dann besäße Bill Gates das ganze Geld der Erde und der Rest der Menschheit Windows-Gutscheine, das Web sähe aus wie mit Picture-It gemalt und Online-Banking würde solange dauern wie die De-Installation von Windows Vista (die allerdings illegal wäre).

Und hätte Siemens das WWW erfunden, wäre es vor ein paar Jahren an einen südkoreanischen Hundeverfütterungs-Konzern verkauft worden, der es dann irgendwann dicht gemacht hätte.

Weiter in der Netzeitung.