Das Internet ist die Nazis

Aus der Reihe “Große, alte Männer, die Unfug reden” heute Gerhard Richter, Malerfürst, in der Süddeutschen Zeitung.

SZ: Sie meinen die Allgegenwärtigkeit von Pornographie?

Richter: Das sind die neuen Dämonen. Früher waren es die Raubtiere, dann die Nazis, heute ist es das Internet.

28 comments

  1. grandiose dummheit!

  2. Du meinst letzteres passt insofern nicht in die Reihe als dass es keine “Grundgefährlichkeit” auf uns ausübt? Wenn ja, ja.
    Raubtiere wollen alle von uns verschlingen, Nazis einen bestimmten Teil… und das Internet? Das will uns doch nur vor Totalitarismus schützen.

  3. Vom Fangzahn zum Bluetooth. Sehr eloquent beobachtet, Herr Richter.

  4. Eloquenst kommentiert, Herr drikkes!

  5. Richter hat sich, wie Stockhausen, das Recht verdient, wirre Sachen zu sagen, ohne dass eine Troll-Armee “Grandiose Dummheit” jault.

  6. @Internt
    Da möchte ich widersprechen.
    Stockhausens Gedanke “Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat…“ zum 11. September war natürlich geschmacklos, drückte aber das aus, was der 11. September für viele Menschen war: ein Spektakel, ein mediales Großereignis, eine ästhetische Wucht.
    Aber Richters Satz sagt nicht mehr als: “Keine Ahnung, von was reden Sie? Jaja, die Nazis und die Raubtiere.”

  7. Zu meinen all-time favorites zählt der alte Antifa-Spruch

    Man sollte alle Neonazis vergasen!

    Täte man das, würde man qua der Ausführung selbst zum Neonazi mutieren und müsste sich — dem eigenen Postulat folgend — *selbst* vergasen. Das ginge nur, wenn man in der Garage einen Schlauch ins Wageninnere sich legen würde. Diese Methode des Frühablebens hätte aber mit dem im obigen Spruch suggerierten Tod in Gaskammern à la Birkenau nicht mehr viel zu tun, wo ja bekanntlich Kartuschen von oben eingeworfen wurden. Fraglich also, ob der Satz überhaupt Sinn macht.

  8. Lieber Till, in wie vielen Blogs wollen
    Sie diesen Kommentar noch hinterlassen?
    Nur, damit man sich einigermaßen darauf
    einstellen kann. Oder verfügen sie gar nur über
    eine begrenzte Anzahl an gleichlautenden
    Hinterlassenschaften?

  9. @Wolle:
    Oh! Sind Sie der Wirres-Leser, der nicht kommentiert? Ich begrüße Sie. In der Tat sind Permanenz und Penetranz nicht selten zwei Münzen derselben Seite. Sorry 4 that.

  10. Maler sollen malen, Musiker musizieren, Blogger bloggen. Früher hieß das: Schuster bleib bei deinen Leisten. Mehr muß man dazu nicht sagen. Ich glaube auch eher, Richter denkt das gar nicht, er hat es nur gesagt.

  11. Hmmm… Ich liebe (provokante) Sätze, die zum nachdenken anregen. Und dieser gehört eindeutig dazu und sollte nicht nur einfach knapp kommentiert und wieder aus dem Kopf gestrichen werden… Ich nehme ihn mir mal für weitere ausgiebige nachspürende Gedankenspiele mit.

  12. @ Mark aka irgendwas und so weiter

    ich finde, du hast vollkommen recht und ich glaube, wenn man das schon festhaltenswert findet, dann sollte man es nicht einfach als unfug abtun.

  13. Der Gedanke “Das Internet ist ein Dämon wie die Nazis” ist also kein Unfug. Warum nochmal genau nicht?

  14. mh. warum sollte er denn? also ich finde ihn auf den ersten leser auch quatsch. aber warum sollte er deswegen unfug sein? ist er falsch? ist er blöd? ist er provokant? ist es ein gedanke eines alten mannes, der vom internet keine ahnung hat? oder wie jetzt? ich finde es ist rein sprachlich ein interessanter satz. und was den inhalt angeht so könnte man nun stundenlang darüber diskutieren. aber unfug ist er nicht. find ich.

  15. dass internet = nazis unfug ist, stimmt. aber das sagte herr richter nicht. auf mich wirkte der satz eher so, als wollte sich der urheber über die leute, die das internet dämonisieren, lustig machen.

    ob er ihn wirklich so gemeint hat, wie er auf mich wirkt, weiß ich nicht. in diesen buchstaben da bei der sz ist kein gesichtsausdruck und kein tonfall, und auch keine weitere information über richters sicht auf das internet, die hinweise liefern, wie man ihn deuten könnte.

  16. @roman
    Ich musste mir gerade noch einmal kurz darüber Gewissheit verschaffen, welche Sprache wir hier sprechen – ja, tatsächlich: Deutsch.
    Die Wikipedia sagt:

    “Unsinn, auch Widersinn ist ein von Sinn und Logik gelöster oder grob falscher Sachverhalt – bisweilen (absichtlich) scherzhaft.

    Teilweise synonym verwendete Ausdrücke (vor allem aus Dialekten) sind: Aberwitz, Blödsinn, Dummgeschwätz, Firlefanz, Fuppes, Gschmarrn, Gschmarri, Hafenkäse, Heckmeck, Humbug, Idiotie, Irrsinn, Irrwitz, Kappes, Kladderadatsch, Käse, Kokolores, Larifari, Mist, Mumpitz, Murks, Nonsens, Nepp, Nippes, Papperlapapp, Pille-Palle, Quatsch, Quark, Schabernack, Schmafu[1], Schmarrn, Schmonzes, Schmu, Schnibbes, Schwachfug, Schwachsinn, Stumpfsinn, Stuss, Tinneff, Topfen, Unfug, verbale Diarrhoe, Wahnwitz”

  17. @sascha-b

    Könnte man meinen.
    Aber erstens steht er in einer langen Tradition der alten Männer, die im großen Wochenend-Interview der SZ Angst haben dürfen vor dem Internet und zweitens wird er nicht so dumm sein zu behaupten, die Nazis seien bloß ein an die Wand gemaltes Schreckgespenst gewesen.

  18. “verbale Diarrhoe” hahaha, das ist das beste.

    und danke für die aufklärung. nun sind wir alle ein bisschen schlauer und ich mag beides. sein zitat und deinen beitrag dazu.

  19. Gehts noch? Was soll denn das multiple Gelösche?

  20. …Markus Lüpertz war oder ist (vielleicht) sowas wie ein Malerfürst. Gerhard Richter ist dagegen ein ziemlich guter, ziemlich genialer Maler, der zufällig auch noch einer der bestdotiertesten der Welt ist, was den Malerfürsten Markus L. natürlich wurmt bis ins eigenbeweihräucherte Mark.

    Ziemlich gute und ziemlich geniale Maler haben öfter einen anderen Blick auf die Welt. Vielleicht sollte man daher mal eben runter vom blankpolierten Empörungsgleis (huch!) und mehr auf eine mögliche Malerschiene kommen. Er hat von DÄMONEN gesprochen. Das ist für ihn die Vergleichsebene, nicht die Nazis. Für ihn ist das Internet ebenso voller Dämonen bzw. selber ein Dämon wie die Nazis Dämonen waren. Wie sich darin “Dummheit” manifestiert, nun ja, möglicherweise für die Murmel eines ewig kopfnickenden Twitterianers zweiter Kategorie.

    Vielleicht mag der mindestens neunmalkluge Malte W. dieses Wort (Dämonen) auch mal in seine etymologischen Spassspielerein und Sperenzchen aufnehmen, vielleicht wäre dann ein wenig mehr Verständnis zum Vorschein (sic!) zu bringen.

    Obwohl ich da meine Zweifel habe. So volltolles Wortgepolter und -gepränge löst doch gleich mehr Heimat aus, in den Doppelstockbetten der volkseigenen Jugendherberge. Wenns dann auch noch vom Herbergsvater persönlich kommt! Heissa! Was hammwir gelacht!

  21. @hanza
    Ah, in Ordnung, ein Blick auf dein Blog zeigt mir: Du hast Narrenfreiheit.
    Lebenslose Wurst.

  22. @Till
    kannst du bitte unter einem anderen namen kommentieren?
    die till-comments landen alle im spam.

  23. bildende kunst kommt von etwas bilden, nicht notwendigerweise gebildet let alone klug sein.

    der gedanke drängte sich mir unlängst bei der besichtigung eines zwiegesprächs (dem inhalt nach könnte es glatt das abgedruckte sein) auf 3artsatnix mit dem von mir als maler und analog-photoshopper sehr geschätzten künstler auf.

    die aus dem frankreich des späten 19jh. zu uns übergeschwappte idee des öffentlichen intelllektuellen führt zu einer immer wiederkehrenden form der fehlbeanspruchung durch die medien.

    vor allem die ausdehnung des begriffs auf alle arten von künstlern und zunehmend auch bloßen promis führt zu absurden resultaten.

    q.e.d. q.e.e.

    @Internet es gibt kein recht auf dummheit, nicht für richter, stockhausen oder sonst wen.

    wer käse redet dem wird er aufs brot geschmiert.

    es ist eine herausragende leistung der aufklärung die möglichkeit eröffnet zu haben thesen unabhänig von der stellung des vortragenden zu prüfen.

  24. Warum hat hier eigentlich niemand Mitleid mit den armen Raubtieren? Die haben den Nazi-Vergleich bzw. ihre Dämonisierung auch nicht verdient, finde ich.

    @hanza:
    Wenn Richter das Internet in einer Aufzählung gemeinsam mit Nazis nennt, um anschließend beide als “Dämonen” zu kategorisieren, ist das dann tatsächlich kein Vergleich?

    Man muss das jetzt auch gar nicht so genau analysieren, um die Gehaltlosigkeit der Aussage deutlich zu machen. Die fällt doch schon beim ersten Lesen auf.

  25. @mareike:

    Nein. Man kann es ja beinahe körperlich spüren was er meint. Um es unbestreitbar zu machen: für mich ist es beinahe körperlich zu spüren. Und dass Richter in etwa Nazis verharmlosen will, naja. DÄMONEN haben für ihn ganz einfach einen anderen Stellenwert. Nochmal nebenbei – der Mann hat in seinem Malerleben mehr von seiner Seele gegeben und in nachvollziehbare Form verwandelt als 3 Millionen Webseitenschrauber je schaffen werden. Und er hat das eben nicht aus diesem Grund getan, weil er unbedingt der Beste oder ein “Malerfürst” sein wollte. Sondern weil er es tun musste, weil es aus ihm raus musste. So sehe ich das. Weshalb oder weswegen ich gerade bei ihm für etwas mehr Sorgfalt im Begriff plädiere. Auch wenn manch Polterknecht das anders sieht.

  26. Hmm, ich habe den Satz in dem Interview gelesen und musste ebenfalls stutzen. Er ist wohl wirklich nicht der Gehaltvollste des Interviews. Dass die Süddeutsche ihn als Zitat heraushebt, hilft auch nicht gerade. Allerdings ist er m.E. durchaus wert, bedacht zu werden. Als Dämonen werden i.d.R. ja unerklärliche, bedrohliche Mächte bezeichnet, denen man nicht entrinnen kann. Vielleicht gibt der Satz einfach nur den Wandel eines allgegenwärtigen Bedrohungsgefühls wieder, dem die – jetzt werde ich mal global – Menschheit ausgeliefert ist. “Früher waren es die Raubtiere, dann die Nazis, heute ist es das Internet.” Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Menschen der Neusteinzeit von Raubtieren unerklärlich und unentrinnbar bedroht fühlten. Genauso wie Menschen sich in diesen verdammten zwölf Jahren von Nazis unerklärlich und untentrinnbar bedroht fühlten. (Auch wenn dies vielleicht eine eher retrospektive Einstellung ist, das Problem war ja vielleicht vielmehr, dass sich zuwenige Menschen von Nazis ausreichend bedroht fühlten… aber das ist eine Sache der Geschichtswissenschaft). Und ich kann mir vorstellen, dass sich Menschen heute vom Internet bedroht fühlen, weil es ihnen unerklärlich und gleichzeitig allgegenwärtig (und damit unentrinnbar) erscheint. Als junger Mensch teilt man diese Auffassung (i.d.R.) natürlich nicht. Weil man weiß, wie das Internet benutzt werden kann – zum Sozialisieren, als Wissensquelle, zur Unterhaltung, um spätabends Kommentare zu schreiben – und wie es funktioniert. Für sie stellt das Internet eine große Möglichkeit dar, keine Bedrohung – jedenfalls keine dämonische. Für nicht mehr junge Menschen, oder besser für solche, die nicht entsprechend sozialisiert wurden, kann das ganz anders aussehen. Die Hysterie mit der nach Winnenden nach einem mit dem Internet korrelierten Begründungszusammenhang gesucht wurde ist da ein beispielhaftes Sympton. Ich glaube nicht einmal, dass Richter unbedingt die Empfindung teilt, dass das Internet eine Bedrohung ist. Vielleicht wollte er eher diesen Wandel betonen…
    Vielleicht hat er aber auch wirklich nur einfach irgendetwas so daher gesagt. Bedenkt man die Rigidität, mit der Richter in der Vergangenheit Interviews abgelehnt hat (für mich war das in der SZ eine große Überraschung…) und die in Deutschland übliche Praxis der nachträglichen Authorisierung kann ich mir aber eigentlich nicht vorstellen, dass es einfach so drin geblieben wäre, wenn er es selbst für Unsinn hielte.
    Aber genug jetzt mit der Spekulation. Schön, dass ich noch einmal über diesen Satz nachdenken konnte. Das Schlusswort in Sachen Dämonen überlasse ich Yo La Tengo (aus der Reihe “Große Bands, die dir in deinem Leben helfen…”): *Daytime/
    Brings out the promise within/Nighttime/
    Demons you know you can’t win*
    Back to lurking mode…

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