Frei

Das Verfahren gegen mich wegen Beschimpfung religiöser Bekenntnisse ist erwartungsgemäß eingestellt worden.

Falls es für jemanden von Interesse ist: Hier der Brief, den ich den Ermittlungsbehörden in der Angelegenheit geschickt habe, also meine Stellungsnahme.

“Sehr geehrter Herr

Ich habe mich nicht der Beschimpfung religiöser Bekenntnisse schuldig gemacht.

Das Bild zeigt eine Jesusikone in einer katholischen Kirche in der amerikanischen Kleinstadt Warr Acres, Oklahoma. Die Jesusabbildung hat dort für eine Kontroverse gesorgt, da die Bauchmuskeln der Jesusfigur phallisch wirken; die untere Bauchpartie ist unnatürlich breit und gewölbt und verjüngt sich nach oben hin.
Die Kontroverse hat weltweit für recht großes mediales Aufsehen gesorgt, das Bild verbreitete sich im ganzen Internet.
Ich habe diesem Bild nichts hinzugefügt, es fehlt also schon an einer wie auch immer gearteten Tathandlung. Ich habe des weiteren aber auch überhaupt nicht mit dem Vorsatz gehandelt, die religiösen Gefühle meiner Leser zu beschimpfen.
Auch die Künstlerin, die in Warr Acres die Jesusikone geschaffen hat, hat nicht mit der Absicht der Gotteslästerung gehandelt. Im Gegenteil ist diese Art der Darstellung der Bauchmuskeln des Gekreuzigten ein verbreitetes Motiv (die Bauchmuskeln sind angeblich deshalb so auffällig phallisch, weil sie „Anspannung“ zeigen sollen, möglicherweise ist aber das Phallische ursprünglich durchaus gewollt gewesen), da sie auf das San-Damiano-Kreuz zurück geht.

Vor diesem Kreuz hörte der Heilige Franz von Assisi der Legende nach die Worte „Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, schon ganz verfallen ist“.

Beispielsweise auf der Internetpräsenz der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuze ist ebenfalls ein Bild dieses Kreuzes zu sehen.

Die Schwestern sind der Beschimpfung religiöser Bekenntnisse doch offensichtlich unverdächtig.

Das Bild ist von mir nicht mit Photoshop bearbeitet oder sonstwie manipuliert worden. Der Gedanke, die Bauchmuskeln sähen aus wie ein Penis, stammt ebenfalls nicht von mir, sondern wurde unter anderem von Fox News, dem größten amerikanischen Nachrichtensender, verbreitet.

Und auch die größte amerikanische Tageszeitung USA Today hat ihren Lesern die Debatte nicht vorenthalten.

Ebenso hat Huffington Post, das bekannteste Blog der Welt, darüber berichtet.

Sie sehen: Das mir vorgeworfene Delikt habe ich nicht begangen.
Mit freundlichen Grüßen, Malte Welding”

19 comments

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Mathias Richel, Malte Welding. Malte Welding said: http://www.malte-welding.com/2010/06/03/frei/ ich bleibe frei [...]

  2. Soundmonster

    Heißt er nicht “Hoenig”?

  3. „Das Mittelinitial ist der Doktortitel des kleinen Mannes.“ – Heinz Strunk

  4. @soundmonster
    klar, danke, ist korrigiert

  5. Wenig überrachend und doch soooooooo erleichternd, oder?

  6. Ja, netter Zeitgenosse, aber so ist das wohl, wenn man sich unter Juristen begibt.

  7. Ich kaufe ein s. So ein Mi t! Aufgedrängte Rechtsberatung via Blog hat schon was von unseriös. Da gab es nichts zu leugnen. Schweigen hätte alles nur verlängert. Sicher waren die Beamten sehr überrascht, was es so im Netz alles gibt… Wenn das die Bundespräsidentin in spe erfährt!

  8. Gut, dann hat sich das jetzt endlich erledigt. War eh überflüssig wie ein Kropf. Eine reine Ehrenrunde, die man sich auch hätte sparen könne.

  9. “n”.

  10. Erstaunlich, dass manche Menschen nichts besseres zu tun haben -.-

  11. christoph kratistos

    Malte. Wenn es maltefan nicht schon geben würde, würde ich mich so nennen.
    Aber: “Diametral entgegen”? Das ist so schlimm wie “schlussendlich” und genauso tautologisch. Brrrr.

  12. Christoph, du weißt, mein Zweitname ist Kratistosfan, aber diametral entgegen ist ein (allerdings ungekennzeichnetes) Zitat. Herr Hoenig hat das so gesagt.

  13. Aus reiner Neugier: Einstellung nach § 153 oder § 170 II StPO?

  14. Na also…
    Gut so.

  15. und da sag noch einer juristische vorbildung sei zu nichts nütze

    @kerstin: hast du dich mal länger mit hitler unterhalten? gewisse ähnlichkeiten in der grundausrichtung der rhetorik sind unverkennbar.

  16. Mich würde eigentlich viel eher die Antwort bzw. Begründung der Einstellungsentscheidung interessieren, falls diese inhaltlich über die Benennung des gesetzlichen Wortlauts hinaus geht.

  17. Ich habe übrigens in den letzten Tagen mit sehr freundlichen Polizisten aus Bonn, Rheinbach und Euskirchen telefoniert. Hätte nicht gedacht, dass die sich sonderlich dafür interessieren, aber gerade die Dauer hat sie neugierig gemacht. Alle meinten übereinstimmend, da käme ganz schön was zusammen.

    Jetzt werden gerade noch die Daten gesammelt und dann haben wir dich. Ich freu mich, dich kennenzulernen.

  18. Was ist eigentlich daraus geworden? – ? Bleibt das privat, oder erfährt man noch davon?