30
Jan 13

Von der Freiheit

Eine Szene in jeder Bar an jedem Abend in jeder deutschen Großstadt. Der erste Schritt ist schwierig. Hat sie Interesse? Oder ist sie bloß höflich? Warte ich schon viel zu lange? Oder gehe ich besser?
Seitdem offiziell beide Geschlechter den ersten Schritt machen dürfen, kann ein Date sich schnell anfühlen wie das Gefangenendilemma. Man kann nicht wissen, was der andere will, wer sich festlegt, verliert erst die Optionen und dann sein Gesicht.

Derweil in einer Parallelwelt, die mit unserer zunächst einmal nichts zu tun hat. Deutschland sucht den Superstar.
Die Kamera saugt sich an dem Ausschnitt der Kandidatin fest, Juror Mateo, Sänger der Band Culcha Candela, fragt:
„Sind die echt?“
Die Kandidatin ist sichtlich irritiert.
„Was?“, fragt sie.
„Die Haare.“
„Keine Extensions, alles echt.“
„Und der Busen?“
„Ja, der ist echt.“
„Schön.“

Die Stimme aus dem Off erklärt mit der RTL-typischen Brachialironie: „Da achtet die Jury natürlich nur so genau drauf, weil die Oberweite ja ein wichtiger Resonanzkörper beim Singen ist.“

Die rein männliche Jury sitzt und glotzt.
Während junge Frauen beim Umziehen gezeigt werden (im Vorbereitungsraum ist eine Überwachungskamera installiert), sagt Dieter Bohlen, das internationale Zeichen für „riesige Brüste“ gestikulierend: „Die kann ja irgendwie als Kölner Dom mit ihren Glocken auftreten.“ Eine Montage tanzender Brüste, dazu fragt Tom Kaulitz: „Das magste auch richtig gern?“ Bohlen antwortet: „Besser als so’n Bügelbrett.“ „Ja, das stimmt.“

Zu der gesungenen Zeile „I just wanna make you sweat“ eröffnet wieder Mateo einer Kandidatin:
„Ich finde dein Dekolleté wunderschön. Ich würde mich da total gerne reinlegen.“

Nina Pauer müsste ihre helle Freude an dem kahlköpfigen Mittdreißiger Mateo haben. Vor einem Jahr landete die ZEIT-Autorin mit ihrem Text „Die Schmerzensmänner“ einen Klick-Hit. Das halbe deutschsprachige Netz diskutierte über introvertierte Jungs, die nicht mehr baggern können. „Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund“, schrieb Pauer über den jungen Mann von heute.
Nichts mehr in ihm erinnert an die Machos von früher. Er ist „gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik.“ Das Problem beginne, „wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte“. Dann blockiert der junge Mann. Stattdessen nur viele ängstliche Fragen im Kopf.

Weiterlesen in der Berliner Zeitung


27
Jan 13

Simon Kowalewski möchte in einer malteweldingfreien Welt leben

Nachdem der Berliner Piratenabgeordnete Fabio Reinhardt mir eine reinhauen wollte, bin ich nun zum zweiten Mal Objekt der Gewaltfantasien aus dem Abgeordnetenhaus.
Simon Kowalewksi twitterte nachts von einer Party: “Wir wollen doch alle in dieser @maltewelding-freien Welt leben, in der alles OK ist.“
Von mehreren Twitterern zur Rede gestellt, erklärte er schließlich: “Mit „wir“ war nach meinem Verständnis die Menschheit gemeint und mit „@maltewelding“ ein Beispiel für subtilen Alltagssexismus” (zunächst war es noch Alltagsrassismus, aber: hey)

“Wir” sind die Menschheit und “maltewelding” nur ein Beispiel. Wenn man nur ein Beispiel ist, aber direkt mittels eines @ angesprochen wird, muss man wohl seinen Stellenwert so akzeptieren.
Früher nannte Franz Josef Strauß Autoren “Pinscher” heute wünscht man sie sich gleich aus der Welt.

Einer meiner Facebook-Freunde schrieb dazu: “Wer noch nie seinen eliminatorischen Hass an einem Holocaust-Gedenktag ausgedrückt hat, werfe den ersten Stein!”

Meine Kollegin Anne Lena Mösken hat in der Berliner Zeitung ein Porträt Kowalewskis geschrieben. Damals färbte er sich die Haare, um sein Anderssein zu demonstrieren. Nur die größten Spießer glauben tatsächlich, sich durch ihre Frisur absetzen zu können. Aus diesem Geist der Spießigkeit wächst in natürlicher Konsequenz der Wunsch, jene, die man als Gegener ausgemacht hat, würden gar nicht erst existieren.
Die Welt könnte so schön sein ohne die anderen.

Eine Bemerkung noch: Ich habe auf Facebook geschrieben, Kowalewksi lebe polyamor, sei aber Single. Dies hatte er so der Bildzeitung gesagt, beschwerte sich aber bitterlich bei mir über die “Falschaussage auf Facebook”.
In einem halben Jahr könne sich viel ändern. So möchte ich die Gelegenheit nutzen, Journalisten darauf hinzuweisen, dass Simon Kowalewski nun eine/viele FreundIn(nen) hat oder die Polyamorie nicht mehr praktiziert.
Man muss ja, wenn man über Politiker berichtet, die Prioritäten sauber setzen. Am Ende wünschen sie einem noch den Tod.


25
Jan 13

Rammstein


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