31
Okt 12

Ponader

Johannes Ponader, Problem-Pirat: In Blogs, die ich gerne lese, in Newsportalen, die ich weniger gerne lese, auf Facebook, das ich mal so mal so gerne lese, überall wird Johannes Ponader, Sanftling und Sandalenträger, als Verantwortlicher für die Demoskopiekrise der Piraten gesehen.
Auf Twitter wird er von Piratenvorständen beschimpft, Menschen, die ich mag, machen Würgegeräusche, wenn es um Ponader geht.

Er ist ein Sprecher mit einem Maulkorb.
Was hat der Mann getan?
Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er intern ein Arschloch, es ist denkbar, dass die Leute, die sich über ihn aufregen, mehr über ihn wissen als ich.
Ich weiß über ihn nur, was man als Fernsehzuschauer und Twitterleser so weiß.
Seitdem ich ihn das erste Mal gesehen habe, geht es mir immer gleich mit ihm. Ich möchte ihm sein verdammtes Handy aus der Hand schlagen, ich möchte ihm sagen, dass er da nicht so rumlümmeln soll. Und dann höre ich ihm zu und denke: Endlich mal ein Mensch.
Seine gewaltfreie Sprache weckt das Schlechteste in mir, bis das Schlechteste in mir mir schließlich zuraunt: Schau – hat der nicht Recht?

Hauptkritikpunkt an Ponader ist, dass er seine persönliche Nichterwerbtätigkeitssituation zum Thema mache, und damit den Piraten, die auf die arbeitende Bevölkerung als Wähler nicht verzichten wollen, Schaden zufüge.

Nun sind aber arbeitsfähige Nichterwerbler eine Tatsache. Ich kenne wunderbare Menschen, die sich kaum einen Döner leisten können, aber durchaus eine Bereicherung sind. Will man Menschen, die nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen können, aus der Politik ausschließen?

Ich verstehe den Zusammenhang zwischen seinem guten Abiturschnitt und seiner Arbeitslosigkeit nicht. Er ist intelligent und findet sich trotzdem nicht im Arbeitsleben zurecht. Wäre für viele Tätigkeiten nicht der Satz “Er ist intelligent und findet sich deshalb nicht im Arbeitsleben zurecht” genauso zutreffend?

Nicht jeder hat das Glück, tüchtig sein zu können.
Eine Gesellschaft, die frei sein möchte, sollte sich Ponaders leisten können.
Eine Partei muss sich keinen Sprecher leisten, der nicht für sie spricht. Es wäre eine Zumutung für die Piraten, von jemandem vertreten zu sein, dessen Lebensstil sie ablehnen. Aber ihn durch Mobbing wegzubekommen, das kann nicht der Weg sein. Warum kann eine Partei, die sich der Basisdemokratie verschrieben hat, kein Meinungsbild über Personalfragen bekommen?


21
Sep 12

Schön wie Guttenberg: Warum Julia Schramm zurücktreten muss

Es gibt nicht wenige schlechte Autoren, denen gute Bücher gelungen sind.
Julia Schramm gehört nicht zu ihnen.
Ihr Buch ist nicht in erster Linie miserabel, weil es schlecht geschrieben ist, weil die Hauptfigur unerträglich eitel ist, nicht einmal, weil dort nichts Neues steht, dieses Nichts aber verkauft wird, als wäre gerade der bekiffte heilige Geist in die Autorin gefahren; das Problem des Buchs ist, dass es feige ist.
Nun wäre das ganz egal, niemand schriebe ein Wort über das Geschreibsel, wäre die Autorin nicht Beisitzerin im Vorstand der Piraten. Und ginge die schriftstellerische Feigheit nicht Hand in Hand mit der politischen.
Jeder Autor steht in seinem Text vor dem Problem der Identifikation: Glaubt der Leser, in mir stecke etwas von dem Erzähler? Von den Figuren?
Stecken in den Galliern bei Asterix und Obelix Größenfantasien der Autoren? Lernt in Livealbum der echte Stuckrad-Barre die Bulimie?
Der echte Autor schert sich nicht darum; er schreibt und lässt den Leser glauben, was der will.
Die falsche Julia Schramm muss wieder und wieder versichern, dass das nicht eigentlich sie sei.
Und nicht nur im Text will sie nicht sie sein – es ist auch eine Versicherung gegen Kritik eingebaut. Die Menschen würden jene hassen, die sie zum Nachdenken bringen würden.
Wer sie kritisiert, der will nur nicht nachdenken.
Dieselbe Versicherung hat auch die Politikerin abgeschlossen; wer diese kritisiert, der ist neidisch.
Auf was? Wahlweise auf ihre Schönheit, ihre Intelligenz, you name it.

Als ich einen kritischen Artikel über Julia Schramm veröffentlichte, drohte ihr damaliger Verlobter und jetziger Ehemann Fabio Reinhardt einer Bekannten von mir gegenüber, er würde mir „aufs Maul hauen“.
Denn in der Logik des Ehepaars Schramm/Reinhardt ist alles persönlich.
Möchte er jetzt jedem, der das Buch seiner Frau bespricht, aufs Maul hauen?
Denn die hat sich doch ausdrücklich gegen Rezensionen verwahrt. Es sei alles gesagt, twitterte sie.
Nun: Für welche politischen Ideale stehen die Piraten, wenn man sich das Gebahren des Ehepaars anschaut: Gewalt gegen Abweichler, Abwehr von Diskussion, Rechthaberei, Informationsunterbindung?
Der Vorstand der Piraten verhält sich in Sachen Schramm wie die CDU mit Guttenberg.
Längst ist für jeden ersichtlich, dass sie nicht mehr zu halten ist, und doch werden die Fronten geschlossen gehalten von ganz Oben. Und auch Guttenberg mag lange Zeit gedacht haben, das neidische Volk beäuge nur seine Schönheit und sein Haar kritisch.
Reinhardt hat noch vor wenigen Wochen Christopher Lauer auf Twitter vorgeworfen, Piratenideale über Bord zu werfen. Er sei einst angetreten, um Tauschbörsen wie Pirate Bay zu legalisieren.

„Dass #piraten gegen Torrentsearcher wie The Pirate Bay ist, hat der @Schmidtlepp doch wohl nicht ernst gemeint, oder?“
Schramm selbst hat sich noch auf dem Parteitag gegen jede Überwachung von Datenströmen geäußert. Im Grunde schienen ihr nur Creative Commons-Kriterien wichtig. Namensnennung, darauf habe der Autor ein Recht. Nun: Den Namen haben die Ersteller der tumblr-Seite genannt, sie haben sogar auf die Amazonseite Schramms verlinkt.
Und wie konnte die Seite anders als durch Folge von Überwachung heruntergenommen werden?

Ohne Vorschuss ist es verdammt schwierig, ein Buch zu schreiben. Nach jetzigem Stand braucht man dafür Verlage. (Man braucht Verlage in der Theorie auch für ein Lektorat. Bücher wie das von Schramm belegen ironischerweise, dass Lektorat heute eher nicht mehr so sorgfältig betrieben wird.)
Gegen Verlage sein, trotzdem die Hand aufhalten, keine Idee für ein alternatives Verwertungsmodell entwickeln; das wäre eine lässliche Sünde für einen Autor. Für einen Politiker ist es die Selbstabschaffung.
Wieviel Julia Schramm steckt in Julia Schramm? Und zu welchem Zeitpunkt?
Welche Version wählt man? Die, die Rechteverwerter für überflüssig hält? Oder die, die den Informationsfluss, den freien, dann mal eben anhält, wenn es ihr nutzt?
Die, die Freiheit fordert? Oder die, deren Mann mit Prügel droht?
Eine Partei, die solche Politiker nicht zum Rücktritt drängt, ist nicht wählbar.


03
Sep 12

Die dicken, dummen Kinder

Gestern Abend saß bei Günther Jauch die geistige Mittelschicht des Landes zusammen und redete wie immer den Untergang des Abendlands herbei, dieses Mal war das Internet der Verursacher.
Auf einmal war es wie bei 4chan, wenn ein neues Mem entsteht: alle sagten dasselbe, immer etwas höhnischer, immer etwas wissender. Das Mem hieß: die dicken, dummen Kinder. Die dicken, dummen Kinder können nicht Ball spielen, die dicken, dummen Kinder sind mit Wissen überfordert, die dicken, dummen Kinder sind mit Greifen überfordert, und können also nicht – hier macht man eine Geste mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass etwas Bedeutsames kommt: BE-greifen.
Wer sind die dicken, dummen Kinder?
Nicht unsere, nicht wir.
Die Kinder der geistigen Mittelschicht betreiben im Schnitt zweieinhalb Sportarten, beherrschen ein Instrument zu einem Drittel, führen souverän ihr eigenes Konto und schalten von selber den Fernseher aus, um ein Rudel Möhren jagen zu gehen. Sie sind hart wie Macstahl, zäh wie Terrence Malick-Filme und flink wie Geldströme, sie können auch morgen noch kraftvoll zubeißen und wenn ihnen der Sinn nach einer Statistik steht, die ihnen nutzt, dann wissen sie, wo sie die herbekommen.
Nachdem alle Armen in Deutschland gewogen wurden, weiß man nun, dass sie mehr wiegen als die oben erwähnten Teilzeitleistungssportler, und doof – na doof sind sie ja nun auf jeden Fall, sonst wären sie ja nicht arm.
Das Leben, liebe Petra Gester, lieber Manfred Spitzer, liebe Biedermeierer und Biedermeiererinnen, das Leben ist ein Marathonlauf. Viele Eigenschaften sind an verschiedenen Stationen dieses Laufs gefragt: Die Eigenschaft, Kinder abzustempeln, als dick, als doof, als hoffnungslos, gehört sie dazu?


01
Sep 12

Wessen Leistung geschützt wird

Mein Vater hatte in etwa 50 Jahren als Ingenieur drei Kunden, die nicht zum vereinbarten Termin gezahlt haben.
Ich hatte in diesem Monat 5.
Wenn ich mit Presseverlagen zu tun habe, dann wundert mich immer am meisten, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird. Seitdem ich acht bin, lese ich Tageszeitungen, man kann sich also vielleicht vorstellen, mit welcher Hochachtung ich diese Institutionen betrachtet habe, eben als Institutionen, nicht als Gewerbe, als Orte, wo Menschen sich etwas Höherem verpflichtet haben.
Ich stelle mich manchmal vor den Spiegel und lache mich selbst aus.
Ich wundere mich also, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird; was meine ich damit? Dass der Anteil der Zeit, den die Redakteure damit verbringen, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, offenbar eine Naturkonstante ist; ich kenne kaum Journalisten, die sich nicht in Grabenkämpfen erschöpfen.
Gibt es da einen Bezug zu der Eingangs erwähnten Zahlungsmoral? Ich habe keine Ahnung.
Meiner Erfahrung nach hat man es mit einem wohlmeinenden Redakteur zu tun, wenn er Mails beantwortet, und mit einem fantastischen, wenn er sie innerhalb der Datumsgrenze beantwortet. Schuld ist am Nichtbeantworten wie am Nichtzahlen niemand, denn der Redakteur von Heute steht wirtschaftlich und sozial knapp über dem UPS-Boten.
Sollen in mystischen Zeiten Chefredakteure dem Verleger mutig ins Auge geschaut und bessere Bedingungen gefordert haben, schauen sie heute dem Journalisten müde ins Auge und fordern Gürtelanpassungen, meistens Richtung enger.
Wenn es jemanden interessiert, ob das Alles überall so ist – ich kann es nicht beurteilen. Ich arbeite nicht überall. Nachdem, was ich höre, soll Axel Springer eine Ausnahme sein. Nach meiner Theorie, dass nur solche Unternehmen eine Zukunft haben, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen, könnte ich jetzt eine Zukunftsvision wagen, vor der ich zurückschrecke.
Aber ich kann doch empfehlen, sich bild.de einmal unter technischen Gesichtspunkten anzuschauen und dann auf die Webpräsenz einer beliebigen Tageszeitung zu gehen.
Der Springer Verlag hat als einer der wenigen großen deutschen Verlage verstanden, dass seine Konkurrenz nicht das Lüneburger Duddelblatt ist und auch nicht das Bildblog.
Sondern die Daily Mail, die Huffington Post, der Guardian. Aber auch Google, vielleicht sogar Apple.
Der Endkampf der großen Medienkonzerne – und Medienkonzerne heißt von nun an Tech/Gadgets/News/Content/Dating/Social-Media-Konzerne (plus Verkauf von T-Shirts und Volksbibeln und Streams und Zeugs) hat begonnen und was immer für eine Rolle ein freier Autor dabei spielt – für ihn wird er nicht geführt.
Meine Leistung schützt niemand vor den Konzernen.


15
Aug 12

Ismismus – Sagt seltener sexistische Kackscheiße

Sagt seltener “sexististische Kackscheiße”. Sagt seltener “rassistische Kackscheiße”.

Wenn man jemandem sagt, dass das, was er gesagt hat, rassistisch sei oder sexistisch, dann gibt es drei Möglichkeiten: Er geht in sich, lernt etwas über die Problematik und passt von nun an auf, was er sagt. Er wollte genau diesen Effekt erreichen und sieht sich bestärkt. Oder er ist beleidigt.

Die dritte Reaktion ist die übliche. Blöd, nicht wahr?
Es versteht nicht jeder, dass er kein Rassist sein muss, um rassistisch zu handeln, es hat sich nicht jeder mit Strukturen beschäftigt, die er jetzt verstärkt, er ist einfach nur beleidigt, wenn er mit einem Wort in Verbindung gebracht wird, das er benutzt, wenn er in den Nachrichten hört von Leuten, die jemanden totgeschlagen haben nur wegen seiner Hautfarbe.

Ich bin darauf gekommen, diesen Hinweis zu schreiben, als ich gerade auf Facebook gelesen habe, wie man wohl die Ernst Neger Bedachungs GmbH darauf hinweisen sollte, dass sie ihr Firmen-Symbol sehr unglücklich gewählt haben. (Link zu neger.de)

Alle, die sagen, dass Rassismus nicht da beginnt, wo jemand tot am Boden liegt, die haben absolut Recht, das ist überhaupt keine Frage. Man muss sich nur fragen, was man mit dem Vorwurf erreichen will. Will man die eigenen Truppen schließen? Dann kann man immer mit über das Ziel hinausschießendem Vokabular agieren.
Möchte man mit einem Menschen reden, dann sollte man klüger vorgehen.

Warum nicht jemandem, der unsensibel spricht, erklären, weshalb diese Art von Sprache Menschen verletzt?

Nun gilt der Wunsch nach Erklärung als klassische Derailing-Strategie, weshalb ich mich hier auf dünnem Eis bewege, ich habe jedoch immer erlebt, dass die Erläuterung auch offensichtlichst scheinender Sachverhalte für die Leser und vor allem für einen selbst ein Gewinn ist. Ob ich nun über ein Pädophilenforum geschrieben habe oder die NPD oder die Frage, warum man Mörder nicht umbringt. (Ich habe nur Artikel aus meiner Anfangszeit als Blogger ausgewählt, als ich also das Bloggen noch mehr oder weniger als Hobby betrieben habe, damit nicht der Vorwurf kommt, man könne in seiner Freizeit nicht wieder und wieder von Null anfangen bei seinen Erklärungen).

Nun ist es natürlich eine wunderbare Sache, in jedem Werbeplakat einen Sexismus zu sehen oder Exotismus oder Wasweißichismus. Da kann man dann saftig reinkloppen und mit Sicherheit bekommt man vier oder fünf Kommentare, die sagen: Ha, genau.

Das ist in etwa so hochpolitisch wie die Konsensplakate, die in den Achtzigerjahren in allen AStA-Büros hingen: dort war Helmut Kohl eben ein Nazi, was in seiner Schlichtheit zwar ein gutes Gefühl beim Betrachten brachte, aber den Erfolg hatte, dass Kohl immer und immer wieder gewählt wurde.

Macht man sich die Mühe nicht, ist es Masturbation.
Es ist ein ganz ernstgemeinter Schreibhinweis: Benutzt möglichst keine Ismen (ich habe es selber viel zu oft getan). Ihr macht es euch damit zu einfach, Ihr kürzt Eure eigenen Denkprozesse ab, Ihr seid letztlich zu faul.
Für jedes hingerotzte “sexistische Kackscheiße” stirbt ein Gedanke.


18
Jun 12

Ist Fußball doof?

Ich habe mit dem Schreiben angefangen, weil ich über Fußball unterhaltsamer schreiben wollte, als das damals geschah. Ich schreibe nicht mehr über Fußball, weil es mittlerweile einen Haufen von Blogs gibt, deren Autoren sich unendlich besser auskennen, verglichen damit waren meine Artikel bei Fooligan nur Kneipengeschwafel.
Das ist für mich völlig in Ordnung, manchmal fühle ich noch einen Phantomschmerz und twitter etwas Blödes, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich auch nach 30 Jahren aktiven Schauens das schöne Spiel noch nicht verstanden habe.
Aber warum können Sportjournalisten nicht ebenfalls das Handtuch werfen?
Ich kann jeden Tag die Süddeutsche Zeitung lesen und dabei sich sein, nicht eine relevante Information zu erhalten. Stattdessen wird unter völliger Verkennung von Statistik, Sport und Psychologie über Cristiano Ronaldos Seelenleben gedummelt (er trifft nicht, weil es Messi gibt) oder es werden ganz tief aus der Witzekiste ein paar nichtfunktionierende Running Gags geholt.
Der kicker hält es auch im tausendsten Jahrzehnt seines Bestehens für völlig ausreichend, Personalspekulationen vor dem Spiel und irrwitzige Notengebung nach dem Spiel als Sachlichkeit vorzutäuschen, und wirkt doch beruhigend gegen die Scherztruppe der 11 Freunde, die, wenn sie noch einmal ein Foto mit einer Fußballerfrisur aus den 70ern postet, mehr schlechte Frisurenbilder auf ihren Servern hosten als youporn. Auch ein Verdienst.
Doch all die Printödnis verhält sich zu dem Grauen der Öffentlich-Rechtlichen wie ein stinknormaler Swingerclubabend, bei dem jemand versäumt hat, Kleenex zu kaufen, zu einem Kölner Karneval ohne Bier.
Könnte ich doch nach einem Spiel einfach abschalten.
So sehe ich hilflos, dass Waldemar Hartmann noch lebt. Ein bestimmt grundsympathischer Mensch, wenn er schweigend und kaum nach Bier riechend neben einem in der U-Bahn sitzt. Neben ihm Matze Dings, den ich mal auf einer Party gesehen habe und dabei tatsächlich den Gedanken hatte, dass ich ihn, ginge er aufs Klo, ertränken und es auf den Alkohol schieben könne. Eine Kombination von nüchterner Eleganz, wie sich bald herausstellt, wenn man erlebt hat, wie die Twitterexpertin Jeannine Oliver Kahn Tweets vorliest.
Das ist natürlich einerseits der rührendste Zivilisierungsversuch seitdem man Lassie beigebracht hat, bei Gefahr einen besorgten Delphin zu imitieren, aber andererseits habe ich manchmal sogar noch nach einem Spiel ein Gehirn.
Sportschauer ist nicht ein Idiot.
Medien aber glaube das.
Warum isse?


24
Mai 12

Die Schultern von Giganten – Rede eines Piraten an sein Volk

Liebe Ärztinnen und Ärzte, bei Ihnen, verzeihen Sie bitte, wenn ich das so ohne Umschweife sage, muss ich immer besonders laut lachen, wenn Sie auf Ihren Privilegien beharren.
Wann hat das letzte Mal ein Arzt etwas wirklich Eigenständiges erfunden?
Was hätten Sie Ihren Patienten anzubieten außer ein paar Blutegeln, wenn nicht Antibiotika erfunden worden wären und Impfungen und Schmerzmittel und Psychopharmaka?
Von anderen, nicht von Ihnen!
Sie könnten hilflos die Schultern Ihrer Patienten tätscheln, wenn die mit Scharlach oder Kinderlähmung zu Ihnen kämen.
Und doch spielen Sie sich auf und wollen Geld dafür, dass Sie Ihre Unterschrift auf die gestrichelte Linie eines Zettels setzen! Wo doch jeder Mensch, der eine Suchmaschine benutzen kann, selber weiß, was er hat, was er dafür braucht – und dass das eben Sie auf keinen Fall sind.

Das Wort Arzt war früher ein Schimpfwort, Ärzte standen in dem Ruf, mehr Menschen ausgelöscht zu haben als alle Armeen der Welt. Dass sich das geändert hat, ist nicht Ihnen zu verdanken!
Sie schulden dem Weltgeist etwas, meine Damen und Herren. Bloß weil Sie vor 20, 30, 40 Jahren etwas Wissen angehäuft haben, das längst veraltet ist, wollen Sie immer noch darauf beharren, einen Patienten zu befühlen.
Wissen Ihre Hände mehr als Google Scholar? Ist Ihr Auge schärfer als das von iMed?
Heilen Ihre Rezepte oder nicht doch die Medikamente, die andere im Verlauf der vergangenen hundert Jahre entwickelt haben?

Die Zeit hat Sie zurück gelassen, meine lieben Freundinnen und Freunde. Stehen Sie Ihr nicht länger im Weg.

Liebe Ingenieure, Fließbandarbeiter und Manager der Autoindustrie, Sie – jetzt werden Sie bestimmt gleich wieder losbuhen – sind ja fast noch schlimmer als die Ärzte.
Alle Räder stehen still, wenn Ihr starker Arm es will.
Aber sagen Sie mir, was Sie tun würden, wenn nicht in der römischen Sägemühle von Hierapolis eine Drehbewegung in einer lineare Bewegung umgesetzt worden wäre! Mit Hilfe einer Kurbelwelle!
Das war im dritten nachchristlichen Jahrhundert, meine Damen und leider ja doch hauptsächlich Herren!
Haben Sie die Autobahnen gebaut?
Wo wären Sie heute, wenn Gottlieb Daimler nicht von Ferdinand von Steinbeis gefördert worden wäre? Der war königlich-württembergischer Regierungsrat – ein Wirtschaftspolitiker!
Die Gemeinschaft hat Ihnen gegeben; Sie ziehen die Zäune hoch um das, was “Ihnen” gehört!
Meine Damen, meine Herren: Schämen Sie sich!
Wirtschaftsspionage? Ich glaub, mich tritt ein Pferd! Als könnte man Wissen klauen!
“Ihre” Patente? “Ihre” Ideen?
Nicht die Gangschaltung, nicht die Klimaanlage, nicht der Auspuff, keines der Materialien in Ihren Autos – nichts davon entstammt Ihrem Geist.

Und nun zu Ihnen, liebe Juristinnen und Juristen …


10
Apr 12

Zwei Piratenparteien

Wenn man sich mit jemandem über Musik unterhält, dann besteht immer Einigkeit. Gut soll sie sein, frisch soll sie sein, Traditionen nicht verleugnen, aber weiterentwickeln. Tanzbar, trotzdem hörbar.
Alles klar.
Bis man einander die Festplatte zeigt.
Dann hört der eine Ambient und der andere Rihanna.

In etwa so geht es derzeit den Piraten. Politik in gut, fairer, transparenter, offener, mit mehr von MEINER Meinung drin und irgendwie mit Netz.
Netz ist da. Was fehlt, das ist der doppelte Boden.

Das tagesthementaugliche Skandälchen, auf das die Jungen Piraten hingewiesen haben, verdeutlicht in der darauf folgenden Debatte, dass wir es bei den Piraten mit zwei Parteien zu tun haben.
Mit einer Partei, die einer Politikrichtung folgt, die es bisher außer in einigen esoterischen Juristenzirkeln gar nicht in Deutschland gab: dem Libertarismus.

Und mit einer klassisch ultralinken Partei, die in gesellschaftlichen Forderungen links von der Linkspartei anzusiedeln ist.

Als Beispiel sei hier ein Pirat namens Störtebeker* genannt, der in den Kommentaren zum offenen Brief der Jungen Piraten schrieb:

“Wenn jemand sich nicht von Aus­län­dern pfle­gen las­sen möchte: Bitte, das ist doch wohl jedem selbst über­las­sen, oder etwa nicht ? Und auch das öffent­lich zu machen, sollte kei­ner­lei Ein­schrän­kung unter­lie­gen.
Sonst sind die Pira­ten nur ein schlech­ter Abklatsch der eta­blier­ten Par­teien.
Hier soll­ten alle (!) Mei­nun­gen und Ansich­ten tole­riert und dis­ku­tiert wer­den (kön­nen), um dann zu einem gemein­sa­men Ent­schluß zu kom­men — das ist dann Basis­de­mo­kra­tie.
(…)
Bestimmte Ein­stel­lun­gen und Ideen von vorn­her­ein abzu­blo­cken, aus wel­chen Grün­den auch immer, halte ich für das (bis­her) große Manko in Deutsch­land und die Ursa­che der extre­men Poli­tik­ver­dros­sen­heit.”

Es ist erstaunlicherweise wie bei Reddit, der größten Social News Website der Welt.
Dort gibt es das althergebrachte Reddit, das selten einem naheliegenden Witz ausweicht, dabei oft komisch, sogar intelligent ist, aber auch gerne mal rüde und verletzend. Die Nutzer kommen aus allen Ländern, also reden wir nicht zwangsläufig von einem weißen Privileg, das sich dort austobt, aber doch von einem männlichen.
Auf der anderen Seite das Subforum reddit.com/r/ShitRedditSays, eine Plattform, auf der sexistische, rassistische, schwulenfeindliche, transphobe Threads und dergleichen mittels scharfem Humor bloßgestellt werden, immer auf der Demarkationslinie zwischen berechtigtem Anliegen und in der eigenen Suppe schwitzendem Circlejerk.

Obwohl Fleisch vom Fleisch des jeweils anderen, ist die Feindschaft mittlerweile so tief, dass ein Dialog nicht mehr stattfindet. So weit ist es bei den Piraten noch nicht, der Dissenz ist unter Umständen noch gar nicht allen klar geworden.

Während die eine Meinung bei den Piraten dem in unserem Grundgesetz garantierten Minderheitenschutz entspricht und ihn ins Extrem weiterdenkt, also nach und nach jede denkbare Verletzung jeder denkbaren Minderheit verhindern oder bestrafen will, schert sich die andere nicht um Gesetze und baut auf eine Art gesunden Menschenverstand und das Recht des Witzigeren.

Soll die Gesellschaft ein unendlich geschützter Raum sein oder ein unendlich offener?

Alle anderen Parteien haben sich im Grunde in der Mitte dieser Positionen getroffen. Bei den Piraten gehe ich eher davon aus, dass beide Positionen erhalten bleiben, und es zu einer Spaltung kommen wird. Nerds sind verdammt stur.

* Das klingt wie “ein Koreaner namens Kim”


04
Apr 12

Wenn die Geschichte Geschlechtsverkehr mit einem hat

Die Leute, die sagen: “Historisch gesehen haben Künstler immer wenig verdient” – sagen die auch “Historisch gesehen haben Kassiererinnen immer wenig verdient”?

Hat Schlecker vor der Pleite also richtig gehandelt?
Nein, Kassiererin sein, das macht ja keinen Spaß. Künstler sein dagegen schon.
Deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn der Letztere die Miete nicht bezahlen kann. Er hat ja Spaß.
Die unterbezahlte Kassiererin ist zu bedauern, der unterbezahlte Künstler hätte ja auch was Anständiges machen können. (Durchschnittsverdienst eines bei der Künstlersozialkasse versichteren Künstlers 2011: 13.689 €, die Musiker brachten es auf 11.700 €.)

Käme jemand auf die Idee zu sagen, die Schleckerpleite sei gerade der Beweis dafür, dass die Mitarbeiter eben nicht schlecht behandelt, nicht schlecht bezahlt worden seien?
Warum eigentlich nicht? Die Rechnung ist doch leicht: Geht das Unternehmen Pleite, obwohl es Gewerkschaften fernhält und Dumpinglöhne zahlt, dann wäre es doch mit fairen Löhnen und Gewerkschaften erst recht nicht profitabel gewesen.

Obwohl die Logik nach den Gesetzen der Mathematik frappierend ist, scheint irgendetwas nicht daran zu stimmen. Wäre es nicht irre, wenn eingesparte Lohnkosten gar nicht der Hauptfaktor des Erfolgs eines Unternehmens wären? Sondern Mitarbeiterenthusiasmus?
Aber dieser Enthusiasmus ist doch bei der Kunst, in den Medien gegeben: Die meisten Autoren, Musiker und Regisseure sind nicht bloß mit einer außergewöhnlichen Leidenschaft bei der Arbeit, sondern gleich mit zwei, drei Leidenschaften.
Aber hätten sie vielleicht noch etwas mehr Enthusiasmus, wenn sie nicht noch nebenbei alles mögliche andere tun müssten, um über die Runden zu kommen?

HEY! Don’t fuck with my Marktwirtschaft.
First rule of Marktwirtschaft is: Everyone gets what he deserves. (Formerly known as Jedem das Seine, aber das klingt nicht gut.)

Wisst ihr, wer traditionell auch wenig verdient hat?
Alle.
Am Anfang, da gab es gar kein Geld.
Dann gab es Geld und alle hatten wenig.
Dann wurden Hierarchien erfunden und plötzlich hatte einer fast Alles und die Bauern und Handwerker und Händler immer noch sehr wenig.
Oben der Adel, unten doofes Volk.
Das war schon immer arm, sagte der Adel.
Dann handelten die Händler in immer größerem Umfang, verschifften Gewürze und Gold und Geschmeide aus allen gerade erst entdeckten Kontinenten, und sie wurden reicher noch als der Adel.
Dann bauten die Handwerker Fabriken, ließen die Bauern darin arbeiten, wurden reich und reicher, reicher noch als die Händler, und sagten, dass die Bauern eben schon immer arm waren.
Dann bekamen die Bauern, die jetzt Proletarier hießen, Rentenversicherung und ein dreizehntes Monatsgehalt und Sicherheitshelme und Urlaube auf Mallorca oder in der DomRep.
Und dann fiel ihnen auf, dass die ganze Zeit Musik lief.
Und alle, die Arbeiter und die Adeligen und Händler und die Industriellen steckten sich eine Marlboro light an und sagten:
Traditionell haben Künstler schon immer wenig verdient.

Warum ist es in einer Industrie in Ordnung, wenn ein Teil der Arbeiter kaum davon leben kann, und bei einer anderen Industrie ruft die Politik zum Boykott auf? Weil es schon immer so war, dass der Geiger arm ist und der Geigerzuhörer wohlhabend?
Dann lasst uns doch gleich alle bunt anmalen und Faultiere mit Pfeil und Bogen jagen, das wäre nämlich endlich mal wirklich traditionell.

Der ganze Grund dafür, dass heute viel mehr Leute wohlhabend sind als vor 3000 Jahren, das ist nicht bloß Fortschritt oder Marktgeschehen, das ist: Die Entwicklung der Menschlichkeit. Regeln wurden geändert, Beschränkungen gekappt, Zusatzleistungen gewährt.
Die Künstlersozialkasse ist so eine Einrichtung. Hat mit Markt nichts zu tun, ist aber ein Segen.
So ein Segen kommt nie, niemals aus dem Beharrungswillen heraus. Sondern immer bloß aus der Empathie, letztlich also aus der Vernunft.
Denn von Fairness in einer Gesellschaft profitieren alle. Niemandem ginge es schlechter, wenn ein Musiker von seiner Arbeit ordentlich leben könnte, genausowenig wie wir darunter leiden, dass DM höhere Löhne zahlt als Schlecker.

Wie man das alles organisiert? Keine Ahnung.
Vielleicht sollte ich für den Piratenvorsitz kandidieren. Keine Ahnung ist da ja gerade sehr en vogue.


02
Apr 12

Kurze Frage eines Urhebers: Wo ist mein Schotter?

Ich werde von einer Literaturagentur vertreten, die in dem Ruf steht, besonders gute Vorschüsse für die von ihr vertretenen Autoren herauszuhandeln. Zu ihren Klienten zählt eine ganze Reihe von Bestsellerautoren. Und doch sagt mein Agent, kaum einer seiner Schützlinge könne alleine vom Schreiben leben.
Meine Bücher erscheinen bei Piper. Piper gehört neben einer ganzen Reihe von anderen Verlagen und Zeitschriften der schwedischen Familie Bonnier.
Die Bonniers sind Milliardäre. (In ihrer Gesamtheit. Familienintern unterteilen sich die Bonniers in “Den rika”, die Reichen, “Den fattiga”, die Armen, und “Den kåta”, die Geilen.)
Thalia, die zweitgrößte deutsche Buchhandelskette, gehört zur Douglas Holding AG. Die wiederum gehört mehreren Eignern. Darunter die Familie Krekel, die es auf ein Privatvermögen von 500 Millionen Euro bringt, die Familie Oetker, die 6,5 Milliarden Euro ihr Eigen nennt, und die Familie Erwin Franz Müller (0,9 Milliarden). (Alle Zahlen stammen aus dem ManagerMagazin und können von mir nicht garantiert werden.)
Ich weiß nicht, wie groß das Vermögen der Familie Hugendubel ist. Ihr gehört zusammen mit dem Weltbild Verlag die größte deutsche Buchhandelskette. Der Weltbild Verlag ist eine hundertprozentige Tochter der katholischen Kirche.
Der größte Player auf dem weltweiten Buchmarkt ist Amazon. Gründer und Präsident ist Jeff Bezos, sein Vermögen beläuft sich auf etwa 13 Milliarden Euro.

Wir Urheber bekommen momentan Geld für unsere Schöpfungen, weil es diese sehr reichen Familien gibt. Und die katholische Kirche.
So wie Michelangelo Geld für seine Schöpfungen bekam, weil es die Renaissancefürsten gab. Und die katholische Kirche.

Nun: Seit es beinahe überall (in Europa) Demokratien gibt, gibt es kaum noch Renaissancefürsten, an deren Hof man leben kann.
Aber es gibt noch Maler, Bildhauer und Architekten.

Also: Ich stelle hiermit die These auf, dass das bisherige Finanzierungsmodell der Urheber ins Wanken geraten ist, so wie das Finanzierungsmodell der Hofmaler durch das Verschwinden der Höfe ins Wanken geraten ist.
Ich stelle darüber hinaus die Nebenthese auf, dass das bisherige Finanzierungsmodell nicht am Internet scheitert, sondern daran, dass eben verdammt nochmal selbst in einer Zeit, in der alle an der Herstellung und Verteilung der Kunst Beteiligten sehr, sehr reich wurden, der Künstler selber nur in seltenen Fällen davon leben konnte, so dass nun, in weniger fetteren Jahren, die Künstler eben tun, was sie ja sowieso am besten tun sollen: hungern.

Und da die Künstler hungern, werden sie von den Milliardären vorgeschoben, und auf einmal soll irgendein halbes Kind in Augsburg oder Iserlohn oder Vierhinterwalde, das noch nie von Malte Welding gehört hat, Schuld sein, dass es Thalia nicht gutgeht? Oder die öffentlich-rechtlichen Tatort-Autoren bekommen zu wenig Geld, weil Rüdiger aus Braunschweig sich “Mein Kampf” bei Rapidshare saugt?

Nein, nein, ich weiß, so einfach ist das Alles nicht. Der Verlust von Geld tut natürlich reichen Menschen mehr weh als armen. Sie haben Geld mehr lieb.

Die Behauptung, das Internet sei Schuld, dass es Künstlern finanziell schlecht gehe, wäre dasselbe wie im Jahr 18hundertundeinpaargequetschte zu sagen, der Dichtkunst gehe es schlecht und schuld sei die Demokratie.
Es gibt natürlich auch in allen erwähnten Konzernen einen Haufen von Angestellten, die großartige Arbeit verrichten, und die sich jetzt sorgen müssen (und was man auch nicht abtun sollte mit einem “Niemand hat Verkäuferinnen bei Hugendubel eine Geldverdiengarantie gegeben”). Aber auch deren Unterbezahlung hat nicht Rüdiger aus Braunschweig verursacht.

(Klarstellung: Ich kann vom Schreiben leben, bin aber auch kein Künstler. Und ich habe auch nichts gegen Milliardäre. Ich wünschte, einige meiner Freunde wären welche.)