04
Feb 13

Günther Auch

Günther Jauch puts the Show in Talkshow, was man von Außen nicht glauben würde, denn nach internationalen Maßstäben sehen wir in der Figur Jauch keinen Showman, sondern den Filialleiter einer Raiffeisenbank. In Deutschland aber, dem Land der unbedrohlichen Stars, ist der Eintönige der König unter den Rindern. Neben Bause, Pflaume, Bohlen konnte der Sympath Jauch sich leichterhand den Ruf erarbeiten, anders zu sein: seriöser, klarer, bürgerlicher.
Er kann sich über Tapeten und Gebrauchtwagen unterhalten, er weiß, auf welchem Wochenmarkt es die besten Nudeln gibt, er kann zu subkulturellen Phänomenen eine freundliche Distanz schaffen, die gerade nicht zu offensichtlich ausgrenzt. Und dabei rede ich von Tätowierungen. Jauch macht seine Sache gut, wenn es um Unterhaltung geht.
Seine Polit-Talkshow erinnert an die Bemühungen eines Zweitligaspielers, bei einem Verein mitzuspielen, der in der Bundesliga Ambitionen hat. Am Anfang bemüht er sich noch, es reicht bei weitem nicht, also spielt er im Training nur noch seinen Stiefel runter. Spielt er dann doch mal, wird es unangenehm.

Nun ist die Jauchshow gar nicht mal viel schlechter als die anderen. Aber er sendet auf dem Königstermin nach dem Tatort, er ist der Star, der menschgewordenene Sonntagsermittler. Wir zeigen Ihnen jetzt einmal einen Film, damit Sie sehen, was wir für Sie gegooglet haben.
Wenn nun bei ihm gesendet wird, was bei allen gesendet wird, dann ist das so, als sähe der Tatort plötzlich aus wie Berlin Tag und Nacht.
Der Grundfehler aller Talkshows – sie würden sagen, es sei der Grundpfeiler – ist die Idee, alle Meinungen seien vertretbar und gleichberechtigt. (Fair! Not balanced! So sollte Politik gemacht werden bei Politiksendungen, wie man aus The Newsroom weiß.)
Alles ist sowohl als Jauch. Eine Psychologieprofessorin hat bei Maischberger genauso viel Redezeit wie Harald Glööckler, was schon wahnsinnig genug ist; bei Jauch dominiert ein Katholik, der Meinungen vertritt, die der Papst zwar hat, für die er sich aber schämt, während Frauen, die vergewaltigt wurden, verhältnismäßig wenig Redezeit bekamen, ich meine mich an Null zu erinnern.
Aber wir haben doch auch eine Grüne und auch einen, der sagt, es sei doch gar nicht so. Ja, aber auch einen Schlag ins Gesicht. Und nicht einen von der guten, erhellenden Sorte.
Der Redaktion scheint es nicht mehr zu gelingen, Jauch vorzubereiten. Er ist weniger tief im Thema als ein Fünfjähriger mit Internetanschluss es nach 5 Minuten wäre. Der Radikalkatholik sagt, Kardinal Meisner habe mitnichten die Abtreibungspille freigegeben (womit er recht hat, er hat lediglich eine Pille freigegeben, die ausschließlich die Befruchtung verhindert, nicht aber die Einnistung, was man für die vorhandenen Produkte nicht sagen kann), worauf Jauch immer und immer wieder in den Raum wirft, der Kardinal werde doch nicht über eine Pille reden, die es nicht gibt.
Leider machte nicht einmal einer einen naheliegenden Witz an der Stelle.
Wer schon einmal eine Schwangerschaft aus der Nähe verfolgt hat, der kann ermessen, was für eine unerträgliche Bürde dieser Zustand sein muss, wenn er nicht vollkommen erwünscht ist.
Das Recht auf Abtreibung ist eine der wichtigsten Errungenschaften einer freien Gesellschaft.
Dass ein Vertreter der alten Macht nicht einfach für einen Einspieler Gehör findet, sondern eine Diskussion dominieren kann (während das Publikum es tatsächlich nicht fassen konnte, was da auf der Bühne gesagt wurde), ist ein Versagen Jauchs, für das jener ambitionierte Zweitligaspieler, der sich nicht mehr recht Mühe gibt, aus dem Stadion geschmissen würde.
Jauch aber bleibt der König des Status Quo. Es sieht so aus, als würden heiße Eisen angefasst, in Wirklichkeit sorgt man durch die eingeladenen Gäste und größtmögliche Trainingsfaulheit dafür, dass alles bleibt, wie es ist. Dass Frauen, die vergewaltigt wurden, keine Hilfe bekommen von Krankenhäusern, die der Staat outsourcet an ein Unternehmen, dessen Ethik mittlerweile nur nach aus brutalsten Biologismen besteht. Dessen “Corporate Identity”, wie der Musterkatholik betonte, die Ablehnung von allem ist, was Menschen ausmacht. Die vom Heiligen Geist so weit entfernt ist wie Jauch von einer guten Sendung.


27
Jan 13

Simon Kowalewski möchte in einer malteweldingfreien Welt leben

Nachdem der Berliner Piratenabgeordnete Fabio Reinhardt mir eine reinhauen wollte, bin ich nun zum zweiten Mal Objekt der Gewaltfantasien aus dem Abgeordnetenhaus.
Simon Kowalewksi twitterte nachts von einer Party: “Wir wollen doch alle in dieser @maltewelding-freien Welt leben, in der alles OK ist.“
Von mehreren Twitterern zur Rede gestellt, erklärte er schließlich: “Mit „wir“ war nach meinem Verständnis die Menschheit gemeint und mit „@maltewelding“ ein Beispiel für subtilen Alltagssexismus” (zunächst war es noch Alltagsrassismus, aber: hey)

“Wir” sind die Menschheit und “maltewelding” nur ein Beispiel. Wenn man nur ein Beispiel ist, aber direkt mittels eines @ angesprochen wird, muss man wohl seinen Stellenwert so akzeptieren.
Früher nannte Franz Josef Strauß Autoren “Pinscher” heute wünscht man sie sich gleich aus der Welt.

Einer meiner Facebook-Freunde schrieb dazu: “Wer noch nie seinen eliminatorischen Hass an einem Holocaust-Gedenktag ausgedrückt hat, werfe den ersten Stein!”

Meine Kollegin Anne Lena Mösken hat in der Berliner Zeitung ein Porträt Kowalewskis geschrieben. Damals färbte er sich die Haare, um sein Anderssein zu demonstrieren. Nur die größten Spießer glauben tatsächlich, sich durch ihre Frisur absetzen zu können. Aus diesem Geist der Spießigkeit wächst in natürlicher Konsequenz der Wunsch, jene, die man als Gegener ausgemacht hat, würden gar nicht erst existieren.
Die Welt könnte so schön sein ohne die anderen.

Eine Bemerkung noch: Ich habe auf Facebook geschrieben, Kowalewksi lebe polyamor, sei aber Single. Dies hatte er so der Bildzeitung gesagt, beschwerte sich aber bitterlich bei mir über die “Falschaussage auf Facebook”.
In einem halben Jahr könne sich viel ändern. So möchte ich die Gelegenheit nutzen, Journalisten darauf hinzuweisen, dass Simon Kowalewski nun eine/viele FreundIn(nen) hat oder die Polyamorie nicht mehr praktiziert.
Man muss ja, wenn man über Politiker berichtet, die Prioritäten sauber setzen. Am Ende wünschen sie einem noch den Tod.


31
Dez 12

Was macht eigentlich so ein Staat?

Im Podcast mit Holger Klein erzähle ich von einer Nachhilfeschülerin, die ich gefragt habe, wo sie mit Staat in Berührung kommt. Ihr fiel nichts ein.
Wir reden davon, wie sehr man als werdende Eltern darauf angewiesen ist, dass der Staat Dinge regelt, die die (nachbarschaftliche oder familiäre) Gemeinschaft nicht mehr leisten kann.
Wir reden davon, dass Einsamkeit oder Kinderlosigkeit, Krankheit oder Alter kein individuelles Versagen darstellen, sondern Gegebenheiten sind, die nur gesellschaftlich abgefedert werden können.
Wenn nun Staat, um auf die Frage an die Schülerin zurückzukommen, einem also als Lehrerin gegenübertritt, als Kindergärtnerin, als Altenheim, in Form von Straßen und Bildungszentren und Der Sendung mit der Maus – warum dann diese Angst vor dem Staat? Natürlich: Der Staat ist GEZ und Finanzamt und eben auch schlechtes Fernsehen und schlechte Straßen und unzuverlässige Behörden und ungerechte Lehrer.
Aber ist das Prinzip, dass eine übergeordnete Instanz Dinge leistet, die privat nicht geleistet werden können, wirklich bedrohlich? Einschnürend? Wenn Mathias Richel von öffentlich-rechtlichen Netzstrukturen spricht, droht dann im nächsten Schritt ein Bundesfacebook?
In einem Nachfolgeartikel schreibt er ein paar Fakten auf, die zu denken geben sollten:

Interface Message Processor (Washington University in St. Louis); TCP/IP -> Stanford; World Wide Web – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); HTML/HTTP – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); Browser Mosaic – National Center for Supercomputing Applications; CSS – W3C am MIT; MP3 -> Fraunhofer-Institut

Der Boden, auf dem wir gehen, ist schon staatlich. Ups. Ist die mp3 also stalinistisch, höre ich Behördenmusik, weiß der Staat automatisch, mit wem ich chatte?

Meine Nachhilfeschülerin war 18, da darf man Staat für ein abstraktes Gebilde halten, das fernab von mir brazilesk Regeln aufstellt, die niemand versteht. Aber irgendwann sollte man das Fenster aufmachen und der Wirklichkeit hallo sagen.


29
Dez 12

Die Rückeroberung des öffentlichen Traumes

Mathias Richel schreibt über Wege, das Netz zurückzuerobern.
Sein Ansatz ist, eine öffentlich-rechtliche Netzstruktur aufzubauen. Jeder wäre dann Herr seiner eigenen Wolke. Wie im Himmel.

“Und wer soll das bezahlen?
Das ist das Einfache: Die Telkos.

Ich plädiere für eine Abgabe der Accessprovider pro Anschluss.
Und weil es so schön griffig ist: Der Netzeuro.

Pro Anschluss (IMHO z.Zt. ca. 55 Mio deutschlandweit) führen die Telkos 1€ der monatlichen Nutzerentgelte ab. Das ist ausreichend, um dieses Vorhaben zu finanzieren (55Mio mtl./660Mio jährlich) und niedrig genug, damit dieser Euro im Preiskampf nicht auf die Nutzer umgeschlagen werden kann.”

Als etwa 2006 die Frage aufkam, ob Blogs die großen Medienverlage verdrängen werden, konnten Blogger recht optimistisch auf die Zahlenentwicklung schauen. Die öffentliche Meinung, so sah es aus, wäre nicht mehr die Meinung einiger reicher weißer Männer (und Erbinnen), sondern die aller.

Geschehen ist etwas anderes. Burda verdient sein Geld mit Fressnapf.de, Axel Springer mit dem Bild-Shop und die meisten anderen mit gar nichts. Journalisten werden entlassen und müssen SEOs werden.

Immer wieder stellen die Nutzer von Reddit, dem sozialen Newsaggreagtor, fest, dass die Seite zu Advance Publications gehört, einer gigantischen Medienholding, zu der eine Zillion Zeitungen und Magazine gehören. (Und bleiben dennoch auf der Seite).
Ob man den New Yorker liest oder GQ oder die Vogue, ob man auf Reddit eine Anzeige klickt oder auf style.com oder arstechnica.com, immer geht der Erlös an Donald Newhouse und Familie.

Was hat also das Web2.0 bislang verändert? Das, was wie der Beginn eines Triumphzugs aussah, war in Wahrheit ein Rückzugsgefecht. Die reichen weißen Männer (und Erbinnen) haben bislang gewonnen. Uns bleibt das Liken.


31
Okt 12

Ponader

Johannes Ponader, Problem-Pirat: In Blogs, die ich gerne lese, in Newsportalen, die ich weniger gerne lese, auf Facebook, das ich mal so mal so gerne lese, überall wird Johannes Ponader, Sanftling und Sandalenträger, als Verantwortlicher für die Demoskopiekrise der Piraten gesehen.
Auf Twitter wird er von Piratenvorständen beschimpft, Menschen, die ich mag, machen Würgegeräusche, wenn es um Ponader geht.

Er ist ein Sprecher mit einem Maulkorb.
Was hat der Mann getan?
Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er intern ein Arschloch, es ist denkbar, dass die Leute, die sich über ihn aufregen, mehr über ihn wissen als ich.
Ich weiß über ihn nur, was man als Fernsehzuschauer und Twitterleser so weiß.
Seitdem ich ihn das erste Mal gesehen habe, geht es mir immer gleich mit ihm. Ich möchte ihm sein verdammtes Handy aus der Hand schlagen, ich möchte ihm sagen, dass er da nicht so rumlümmeln soll. Und dann höre ich ihm zu und denke: Endlich mal ein Mensch.
Seine gewaltfreie Sprache weckt das Schlechteste in mir, bis das Schlechteste in mir mir schließlich zuraunt: Schau – hat der nicht Recht?

Hauptkritikpunkt an Ponader ist, dass er seine persönliche Nichterwerbtätigkeitssituation zum Thema mache, und damit den Piraten, die auf die arbeitende Bevölkerung als Wähler nicht verzichten wollen, Schaden zufüge.

Nun sind aber arbeitsfähige Nichterwerbler eine Tatsache. Ich kenne wunderbare Menschen, die sich kaum einen Döner leisten können, aber durchaus eine Bereicherung sind. Will man Menschen, die nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen können, aus der Politik ausschließen?

Ich verstehe den Zusammenhang zwischen seinem guten Abiturschnitt und seiner Arbeitslosigkeit nicht. Er ist intelligent und findet sich trotzdem nicht im Arbeitsleben zurecht. Wäre für viele Tätigkeiten nicht der Satz “Er ist intelligent und findet sich deshalb nicht im Arbeitsleben zurecht” genauso zutreffend?

Nicht jeder hat das Glück, tüchtig sein zu können.
Eine Gesellschaft, die frei sein möchte, sollte sich Ponaders leisten können.
Eine Partei muss sich keinen Sprecher leisten, der nicht für sie spricht. Es wäre eine Zumutung für die Piraten, von jemandem vertreten zu sein, dessen Lebensstil sie ablehnen. Aber ihn durch Mobbing wegzubekommen, das kann nicht der Weg sein. Warum kann eine Partei, die sich der Basisdemokratie verschrieben hat, kein Meinungsbild über Personalfragen bekommen?


21
Sep 12

Schön wie Guttenberg: Warum Julia Schramm zurücktreten muss

Es gibt nicht wenige schlechte Autoren, denen gute Bücher gelungen sind.
Julia Schramm gehört nicht zu ihnen.
Ihr Buch ist nicht in erster Linie miserabel, weil es schlecht geschrieben ist, weil die Hauptfigur unerträglich eitel ist, nicht einmal, weil dort nichts Neues steht, dieses Nichts aber verkauft wird, als wäre gerade der bekiffte heilige Geist in die Autorin gefahren; das Problem des Buchs ist, dass es feige ist.
Nun wäre das ganz egal, niemand schriebe ein Wort über das Geschreibsel, wäre die Autorin nicht Beisitzerin im Vorstand der Piraten. Und ginge die schriftstellerische Feigheit nicht Hand in Hand mit der politischen.
Jeder Autor steht in seinem Text vor dem Problem der Identifikation: Glaubt der Leser, in mir stecke etwas von dem Erzähler? Von den Figuren?
Stecken in den Galliern bei Asterix und Obelix Größenfantasien der Autoren? Lernt in Livealbum der echte Stuckrad-Barre die Bulimie?
Der echte Autor schert sich nicht darum; er schreibt und lässt den Leser glauben, was der will.
Die falsche Julia Schramm muss wieder und wieder versichern, dass das nicht eigentlich sie sei.
Und nicht nur im Text will sie nicht sie sein – es ist auch eine Versicherung gegen Kritik eingebaut. Die Menschen würden jene hassen, die sie zum Nachdenken bringen würden.
Wer sie kritisiert, der will nur nicht nachdenken.
Dieselbe Versicherung hat auch die Politikerin abgeschlossen; wer diese kritisiert, der ist neidisch.
Auf was? Wahlweise auf ihre Schönheit, ihre Intelligenz, you name it.

Als ich einen kritischen Artikel über Julia Schramm veröffentlichte, drohte ihr damaliger Verlobter und jetziger Ehemann Fabio Reinhardt einer Bekannten von mir gegenüber, er würde mir „aufs Maul hauen“.
Denn in der Logik des Ehepaars Schramm/Reinhardt ist alles persönlich.
Möchte er jetzt jedem, der das Buch seiner Frau bespricht, aufs Maul hauen?
Denn die hat sich doch ausdrücklich gegen Rezensionen verwahrt. Es sei alles gesagt, twitterte sie.
Nun: Für welche politischen Ideale stehen die Piraten, wenn man sich das Gebahren des Ehepaars anschaut: Gewalt gegen Abweichler, Abwehr von Diskussion, Rechthaberei, Informationsunterbindung?
Der Vorstand der Piraten verhält sich in Sachen Schramm wie die CDU mit Guttenberg.
Längst ist für jeden ersichtlich, dass sie nicht mehr zu halten ist, und doch werden die Fronten geschlossen gehalten von ganz Oben. Und auch Guttenberg mag lange Zeit gedacht haben, das neidische Volk beäuge nur seine Schönheit und sein Haar kritisch.
Reinhardt hat noch vor wenigen Wochen Christopher Lauer auf Twitter vorgeworfen, Piratenideale über Bord zu werfen. Er sei einst angetreten, um Tauschbörsen wie Pirate Bay zu legalisieren.

„Dass #piraten gegen Torrentsearcher wie The Pirate Bay ist, hat der @Schmidtlepp doch wohl nicht ernst gemeint, oder?“
Schramm selbst hat sich noch auf dem Parteitag gegen jede Überwachung von Datenströmen geäußert. Im Grunde schienen ihr nur Creative Commons-Kriterien wichtig. Namensnennung, darauf habe der Autor ein Recht. Nun: Den Namen haben die Ersteller der tumblr-Seite genannt, sie haben sogar auf die Amazonseite Schramms verlinkt.
Und wie konnte die Seite anders als durch Folge von Überwachung heruntergenommen werden?

Ohne Vorschuss ist es verdammt schwierig, ein Buch zu schreiben. Nach jetzigem Stand braucht man dafür Verlage. (Man braucht Verlage in der Theorie auch für ein Lektorat. Bücher wie das von Schramm belegen ironischerweise, dass Lektorat heute eher nicht mehr so sorgfältig betrieben wird.)
Gegen Verlage sein, trotzdem die Hand aufhalten, keine Idee für ein alternatives Verwertungsmodell entwickeln; das wäre eine lässliche Sünde für einen Autor. Für einen Politiker ist es die Selbstabschaffung.
Wieviel Julia Schramm steckt in Julia Schramm? Und zu welchem Zeitpunkt?
Welche Version wählt man? Die, die Rechteverwerter für überflüssig hält? Oder die, die den Informationsfluss, den freien, dann mal eben anhält, wenn es ihr nutzt?
Die, die Freiheit fordert? Oder die, deren Mann mit Prügel droht?
Eine Partei, die solche Politiker nicht zum Rücktritt drängt, ist nicht wählbar.


03
Sep 12

Die dicken, dummen Kinder

Gestern Abend saß bei Günther Jauch die geistige Mittelschicht des Landes zusammen und redete wie immer den Untergang des Abendlands herbei, dieses Mal war das Internet der Verursacher.
Auf einmal war es wie bei 4chan, wenn ein neues Mem entsteht: alle sagten dasselbe, immer etwas höhnischer, immer etwas wissender. Das Mem hieß: die dicken, dummen Kinder. Die dicken, dummen Kinder können nicht Ball spielen, die dicken, dummen Kinder sind mit Wissen überfordert, die dicken, dummen Kinder sind mit Greifen überfordert, und können also nicht – hier macht man eine Geste mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass etwas Bedeutsames kommt: BE-greifen.
Wer sind die dicken, dummen Kinder?
Nicht unsere, nicht wir.
Die Kinder der geistigen Mittelschicht betreiben im Schnitt zweieinhalb Sportarten, beherrschen ein Instrument zu einem Drittel, führen souverän ihr eigenes Konto und schalten von selber den Fernseher aus, um ein Rudel Möhren jagen zu gehen. Sie sind hart wie Macstahl, zäh wie Terrence Malick-Filme und flink wie Geldströme, sie können auch morgen noch kraftvoll zubeißen und wenn ihnen der Sinn nach einer Statistik steht, die ihnen nutzt, dann wissen sie, wo sie die herbekommen.
Nachdem alle Armen in Deutschland gewogen wurden, weiß man nun, dass sie mehr wiegen als die oben erwähnten Teilzeitleistungssportler, und doof – na doof sind sie ja nun auf jeden Fall, sonst wären sie ja nicht arm.
Das Leben, liebe Petra Gester, lieber Manfred Spitzer, liebe Biedermeierer und Biedermeiererinnen, das Leben ist ein Marathonlauf. Viele Eigenschaften sind an verschiedenen Stationen dieses Laufs gefragt: Die Eigenschaft, Kinder abzustempeln, als dick, als doof, als hoffnungslos, gehört sie dazu?


01
Sep 12

Wessen Leistung geschützt wird

Mein Vater hatte in etwa 50 Jahren als Ingenieur drei Kunden, die nicht zum vereinbarten Termin gezahlt haben.
Ich hatte in diesem Monat 5.
Wenn ich mit Presseverlagen zu tun habe, dann wundert mich immer am meisten, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird. Seitdem ich acht bin, lese ich Tageszeitungen, man kann sich also vielleicht vorstellen, mit welcher Hochachtung ich diese Institutionen betrachtet habe, eben als Institutionen, nicht als Gewerbe, als Orte, wo Menschen sich etwas Höherem verpflichtet haben.
Ich stelle mich manchmal vor den Spiegel und lache mich selbst aus.
Ich wundere mich also, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird; was meine ich damit? Dass der Anteil der Zeit, den die Redakteure damit verbringen, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, offenbar eine Naturkonstante ist; ich kenne kaum Journalisten, die sich nicht in Grabenkämpfen erschöpfen.
Gibt es da einen Bezug zu der Eingangs erwähnten Zahlungsmoral? Ich habe keine Ahnung.
Meiner Erfahrung nach hat man es mit einem wohlmeinenden Redakteur zu tun, wenn er Mails beantwortet, und mit einem fantastischen, wenn er sie innerhalb der Datumsgrenze beantwortet. Schuld ist am Nichtbeantworten wie am Nichtzahlen niemand, denn der Redakteur von Heute steht wirtschaftlich und sozial knapp über dem UPS-Boten.
Sollen in mystischen Zeiten Chefredakteure dem Verleger mutig ins Auge geschaut und bessere Bedingungen gefordert haben, schauen sie heute dem Journalisten müde ins Auge und fordern Gürtelanpassungen, meistens Richtung enger.
Wenn es jemanden interessiert, ob das Alles überall so ist – ich kann es nicht beurteilen. Ich arbeite nicht überall. Nachdem, was ich höre, soll Axel Springer eine Ausnahme sein. Nach meiner Theorie, dass nur solche Unternehmen eine Zukunft haben, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen, könnte ich jetzt eine Zukunftsvision wagen, vor der ich zurückschrecke.
Aber ich kann doch empfehlen, sich bild.de einmal unter technischen Gesichtspunkten anzuschauen und dann auf die Webpräsenz einer beliebigen Tageszeitung zu gehen.
Der Springer Verlag hat als einer der wenigen großen deutschen Verlage verstanden, dass seine Konkurrenz nicht das Lüneburger Duddelblatt ist und auch nicht das Bildblog.
Sondern die Daily Mail, die Huffington Post, der Guardian. Aber auch Google, vielleicht sogar Apple.
Der Endkampf der großen Medienkonzerne – und Medienkonzerne heißt von nun an Tech/Gadgets/News/Content/Dating/Social-Media-Konzerne (plus Verkauf von T-Shirts und Volksbibeln und Streams und Zeugs) hat begonnen und was immer für eine Rolle ein freier Autor dabei spielt – für ihn wird er nicht geführt.
Meine Leistung schützt niemand vor den Konzernen.


15
Aug 12

Ismismus – Sagt seltener sexistische Kackscheiße

Sagt seltener “sexististische Kackscheiße”. Sagt seltener “rassistische Kackscheiße”.

Wenn man jemandem sagt, dass das, was er gesagt hat, rassistisch sei oder sexistisch, dann gibt es drei Möglichkeiten: Er geht in sich, lernt etwas über die Problematik und passt von nun an auf, was er sagt. Er wollte genau diesen Effekt erreichen und sieht sich bestärkt. Oder er ist beleidigt.

Die dritte Reaktion ist die übliche. Blöd, nicht wahr?
Es versteht nicht jeder, dass er kein Rassist sein muss, um rassistisch zu handeln, es hat sich nicht jeder mit Strukturen beschäftigt, die er jetzt verstärkt, er ist einfach nur beleidigt, wenn er mit einem Wort in Verbindung gebracht wird, das er benutzt, wenn er in den Nachrichten hört von Leuten, die jemanden totgeschlagen haben nur wegen seiner Hautfarbe.

Ich bin darauf gekommen, diesen Hinweis zu schreiben, als ich gerade auf Facebook gelesen habe, wie man wohl die Ernst Neger Bedachungs GmbH darauf hinweisen sollte, dass sie ihr Firmen-Symbol sehr unglücklich gewählt haben. (Link zu neger.de)

Alle, die sagen, dass Rassismus nicht da beginnt, wo jemand tot am Boden liegt, die haben absolut Recht, das ist überhaupt keine Frage. Man muss sich nur fragen, was man mit dem Vorwurf erreichen will. Will man die eigenen Truppen schließen? Dann kann man immer mit über das Ziel hinausschießendem Vokabular agieren.
Möchte man mit einem Menschen reden, dann sollte man klüger vorgehen.

Warum nicht jemandem, der unsensibel spricht, erklären, weshalb diese Art von Sprache Menschen verletzt?

Nun gilt der Wunsch nach Erklärung als klassische Derailing-Strategie, weshalb ich mich hier auf dünnem Eis bewege, ich habe jedoch immer erlebt, dass die Erläuterung auch offensichtlichst scheinender Sachverhalte für die Leser und vor allem für einen selbst ein Gewinn ist. Ob ich nun über ein Pädophilenforum geschrieben habe oder die NPD oder die Frage, warum man Mörder nicht umbringt. (Ich habe nur Artikel aus meiner Anfangszeit als Blogger ausgewählt, als ich also das Bloggen noch mehr oder weniger als Hobby betrieben habe, damit nicht der Vorwurf kommt, man könne in seiner Freizeit nicht wieder und wieder von Null anfangen bei seinen Erklärungen).

Nun ist es natürlich eine wunderbare Sache, in jedem Werbeplakat einen Sexismus zu sehen oder Exotismus oder Wasweißichismus. Da kann man dann saftig reinkloppen und mit Sicherheit bekommt man vier oder fünf Kommentare, die sagen: Ha, genau.

Das ist in etwa so hochpolitisch wie die Konsensplakate, die in den Achtzigerjahren in allen AStA-Büros hingen: dort war Helmut Kohl eben ein Nazi, was in seiner Schlichtheit zwar ein gutes Gefühl beim Betrachten brachte, aber den Erfolg hatte, dass Kohl immer und immer wieder gewählt wurde.

Macht man sich die Mühe nicht, ist es Masturbation.
Es ist ein ganz ernstgemeinter Schreibhinweis: Benutzt möglichst keine Ismen (ich habe es selber viel zu oft getan). Ihr macht es euch damit zu einfach, Ihr kürzt Eure eigenen Denkprozesse ab, Ihr seid letztlich zu faul.
Für jedes hingerotzte “sexistische Kackscheiße” stirbt ein Gedanke.


18
Jun 12

Ist Fußball doof?

Ich habe mit dem Schreiben angefangen, weil ich über Fußball unterhaltsamer schreiben wollte, als das damals geschah. Ich schreibe nicht mehr über Fußball, weil es mittlerweile einen Haufen von Blogs gibt, deren Autoren sich unendlich besser auskennen, verglichen damit waren meine Artikel bei Fooligan nur Kneipengeschwafel.
Das ist für mich völlig in Ordnung, manchmal fühle ich noch einen Phantomschmerz und twitter etwas Blödes, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich auch nach 30 Jahren aktiven Schauens das schöne Spiel noch nicht verstanden habe.
Aber warum können Sportjournalisten nicht ebenfalls das Handtuch werfen?
Ich kann jeden Tag die Süddeutsche Zeitung lesen und dabei sich sein, nicht eine relevante Information zu erhalten. Stattdessen wird unter völliger Verkennung von Statistik, Sport und Psychologie über Cristiano Ronaldos Seelenleben gedummelt (er trifft nicht, weil es Messi gibt) oder es werden ganz tief aus der Witzekiste ein paar nichtfunktionierende Running Gags geholt.
Der kicker hält es auch im tausendsten Jahrzehnt seines Bestehens für völlig ausreichend, Personalspekulationen vor dem Spiel und irrwitzige Notengebung nach dem Spiel als Sachlichkeit vorzutäuschen, und wirkt doch beruhigend gegen die Scherztruppe der 11 Freunde, die, wenn sie noch einmal ein Foto mit einer Fußballerfrisur aus den 70ern postet, mehr schlechte Frisurenbilder auf ihren Servern hosten als youporn. Auch ein Verdienst.
Doch all die Printödnis verhält sich zu dem Grauen der Öffentlich-Rechtlichen wie ein stinknormaler Swingerclubabend, bei dem jemand versäumt hat, Kleenex zu kaufen, zu einem Kölner Karneval ohne Bier.
Könnte ich doch nach einem Spiel einfach abschalten.
So sehe ich hilflos, dass Waldemar Hartmann noch lebt. Ein bestimmt grundsympathischer Mensch, wenn er schweigend und kaum nach Bier riechend neben einem in der U-Bahn sitzt. Neben ihm Matze Dings, den ich mal auf einer Party gesehen habe und dabei tatsächlich den Gedanken hatte, dass ich ihn, ginge er aufs Klo, ertränken und es auf den Alkohol schieben könne. Eine Kombination von nüchterner Eleganz, wie sich bald herausstellt, wenn man erlebt hat, wie die Twitterexpertin Jeannine Oliver Kahn Tweets vorliest.
Das ist natürlich einerseits der rührendste Zivilisierungsversuch seitdem man Lassie beigebracht hat, bei Gefahr einen besorgten Delphin zu imitieren, aber andererseits habe ich manchmal sogar noch nach einem Spiel ein Gehirn.
Sportschauer ist nicht ein Idiot.
Medien aber glaube das.
Warum isse?