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Jul 13

Windelfernsehen

Natürlich bin ich nicht die Zielgruppe eines Dramas mit Ruth Maria Kubitschek. Aber andererseits: Wer ist denn die Zielgruppe? Tote?
Man muss sich gewahr werden, dass in einem großen Land sehr viele Menschen sterben. Da der Fernseher ein Drittel des Tages läuft, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass Leute vor dem Fernseher sterben. Dort sitzen sie dann, vergessen von ihren Enkeln, angenagt von ihren Katzen, und schauen Ruth Maria Kubitschek.
Die ARD an einem Freitagabend, sie macht Fernsehen nach der Altenheimregel: Laufenlassen. Es wird gesendet für die, die nicht mehr abschalten können.
Zum Beispiel also mich, der ich am Ende eines langen, heißen Tages dachte: Ich bin jetzt in der Grimmepreis-Jury, schau ich doch mal Fernsehen.
Irgendwann gegen neun Uhr geriet ich dann in „Der Fluss des Lebens“, geschrieben von Ruth Maria Kubitschek, in der Hauptrolle: Ruth Maria Kubitschek.
Ruth Maria Kubitschek war schon vor 30 Jahren genauso alt wie heute, eine Leistung, die ich uneingeschränkt bewundere. Wenn man nun 30 Jahre lang 80 ist, bleiben, vermutlich hat das die Natur so gewollt, Dinge auf der Strecke. Die Fähigkeit, ein Buch zu schreiben. Die Fähigkeit, eine Rolle auszufüllen.
Nach dem ersten Schock, den die mit einer Urlaubskamera gefilmten Bilder auslösten, machte ich mir einen Spaß daraus, mir vorzustellen, Kubitschek sei dement und man filme sie, wie Steve Martin es in Bowfinger mit Eddie Murphy macht, heimlich, um aus dem gesammelten Material einen Film zu produzieren. Ruth Maria Kubitschek nestelt an Pflanzen (ich hoffte an dieser Stelle sehr, sie würde in den Busch fäkalieren), Ruth Maria Kubitschek schaut in die Leere des Raums, Ruth Maria Kubitschek schaut glasig.
Ihre Stimme war synchronisiert, manche mögen einwerfen, sie sei synchronisiert von Kubitschek selbst, ich möchte mir da kein Urteil erlauben. Es machte im Grunde keinen großen Unterschied. Lassen Sie mich kurz eine Szene nachzeichnen, um zu verdeutlichen, warum nicht. Ein Mann, der aussieht wie Peter Gauweiler, hält mit Ruth Maria Kubitschek am Straßenrand. Dort befinden sich ein Kreuz und Kerzen, sowie einige Trümmerreste eines Wagens. „Wie konnte das geschehen?“, fragt Ruth Maria Kubitschek und Peter Gauweiler antwortet, der Fahrer sei immer schnell unterwegs gewesen, vielleicht habe er die Kurve zu spät gesehen, vielleicht habe er es eilig gehabt, vielleicht habe er einem Tier ausweichen müssen. „Vielleicht werden wir es nie erfahren“. sagt Gauweiler. Man möchte ihm zustimmen. Gut möglich, dass man das nie erfahren wird.
Ruth Maria Kubitschek greift nun in die Autoreste. Sie zieht ein Bremslicht hervor, worauf ein Flugzeug sehr tief über die Szene fliegt, ihre Hand sich um das Bremslicht verkrampft und zu bluten beginnt. Die Kamera zoomt auf die blutende Hand und Gauweiler informiert Ruth Maria Kubitschek: „Sie bluten ja.“
Ruth Maria Kubitschek weint nun zum Himmel hoch und schreit „Warum?“, worauf Gauweiler etwas genervt schaut, vielleicht projiziere ich da nur, aber man sieht ihm wirklich an, dass er das gerade schon einmal erklärt hat. Zu schnell, eilig, Mauer, Tier. Bum, man weiß es nicht genau. Tot halt.
Die beiden Toten, Ruth Maria Kubitscheks Tochter und ihr Schwiegersohn, haben zwei Kinder hinterlassen.
Beide spielen vermutlich Dreijährige, die Darsteller sind aber zehn oder zwölf. Der Junge spielt die ganze Zeit an seinem Rüssel rum. Dazu muss man wissen: Die Kinder sind natürlich traumatisiert, da es aber offenbar keine Kinderschauspieler gibt in Deutschland, können die beiden Grinsebacken das nicht spielen. Also haben die beiden, kurz vor der Pubertät, in jeder Szene Stofftiere in der Hand, an denen sie manisch herumdrehen, der Junge einen Elefanten, dessen Rüssel er malträtiert, dass Freud ein Buch darüber geschrieben hätte über Sublimierung ohne Sublimes.
All das: Das Werk von Profis. Da waren echte Kameraleute, echte Caster, echte Caterer, ein echter Regisseur mit beschäftigt. Es gab echte Meetings, in denen real existierende Menschen die Dialoge abgenommen haben, in denen sich Leute gefreut haben, jetzt endlich über die passenden Darsteller zu verfügen.
Der Köder, heißt es, muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Aber ein Angler, der so einen Köder verwendet, der lässt doch selbst längst laufen.