Die erschreckendsten Hits der 90er

Während viele der schlechtesten Hits der 80er in ihrem Dilettantismus auch etwas Rührendes hatten, fehlt dieser Auswahl der schlechtesten Hits der 90er auch nur der kleinste Funken Inspiration und Leidenschaft.
Die Hits der 80er hatten kein Hirn, die Hits der 90er kein Hirn und kein Herz.

Gleich zu Beginn zwei Lieder von Pur, damit wir das hinter uns haben. Ich weiß gar nicht, ob die Stücke Single-Hits waren und sie haben mich auch nicht gequält, weil ich sie zuvor noch nie gehört habe. Aber ihre schiere Existenz ist eine Schallverhöhnung. Und da jedes Pur-Album sich zillionenfach verkauft und die Konzerte überfüllt sind wie Flüchtlingslager in der Dritten Welt, passen sie auch in diese Liste.
Zunächst ein Schlager über Gewalt gegen Frauen.

Pur: Anonymes Opfer

Pur: Kinder sind tabu
Aus Sorge, mit ihrem provokanten Text über misshandelte Frauen ihre Fans unter Taliban, marodierenden Balkan-Truppen und Nazis zu vergraulen, waren Pur beim Stück Kinder sind tabu, ihrem Schlager über Kindesmissbrauch, etwas konsensorientierter.

Captain Jack: Drill Instructor

Hier lernen wir zum ersten Mal das wichtigste Prinzip des 90er-Jahre-Dancefloor kennen. Man nehme einen Afro-Amerikaner, möglichst einen GI, für die Rap-Parts und eine hellhäutige Frau für die Singstimme. Die Videos von Captain Jack waren zuverlässiger Lieferant von transparenten Hemden, weshalb sie mit unglaublicher Regelmäßigkeit zu sehen waren. Hooligans, die in einem englischen Pub ein Potpourri aus When the Rain begins to fall, Heil dir im Siegerkranz, Marmor, Stein und Eisen bricht und dem Horst-Wessel-Lied anstimmen, klingen deutlich melodiöser als Drill Instructor, der Heavy-Rotation-Kracher von Captain Jack.

Worlds Apart: Je te donne

Die industriell hergestellte Boygroup war das zweite wichtige Element der 90er. Man nehme 5 Jungs, die jeweils aussehen wie der Hübscheste aus einer Berufsschulklasse, einer sanft, einer keck, einer verträumt, einer aber hallo und einer, damit die anderen NOCH besser aussehen. Worlds Apart waren etwas zu hübsch gecastet, weshalb ihnen der ganz große Erfolg versagt blieb. Der durchschnittliche Fan konnte sich selbst in seinen kühnsten Träumen keine Mesalliance vorstellen. Nur die größenwahnsinnigen Französinnen bescherten Worlds Apart Chartserfolge, weshalb dieser Anschlag auf die eustachische Röhre auch in einer Art Französisch daherkam. Je te do-ooo-onne. Merke: Französisch kann man schlecht grölen.

Tic Tac Toe: Warum

Ein Kinderspiel war es nicht, Tic Tac Toe zu ertragen. Aber ausgerüstet mit einem imamesken Fatalismus waren die Videos der drei jungen Frauen, die aussahen wie höchstens zwei junge Frauen, manchmal eher lustig als grausam.
“Du gehst zu dem Dealer mit dem Lächeln im Gesicht” war eine stehende Redensart in meinem (in der Tat der SM-Szene zugetanen) Freundeskreis. Warum Warum noch schlechter ist als Ich find´dich Scheiße oder Mr. Wichtig? Weil es genau die Prise Pathos hat, die aus einem ganz normalen Brechmittel einen Horrorklassiker macht.

Spektacoolär: Meine kleine Schwester

Dass Spektacoolär von der Wikipedia als deutsche HipHop-Gruppe bezeichnet wird, lässt den Schluss zu, dass die Wikipedia von empathiefähigen Sozialpädagogen ohne Ohren betrieben wird. Denn Meine kleine Schwester mag ja das Ergebnis der Projektwoche einer Meppener Realschule sein, der vom Meppener Marktführer für Sanitärbedarf ein Röhrenverstärker zur Verfügung gestellt worden ist. Aber auch im weitesten Sinne ist dabei keine Musik herausgekommen, sondern lediglich ein Motiv: Denn welcher Richter würde es nicht als Notwehr betrachten, wenn man mit Brotmessern bewaffneten Minderjährige, die vor sich hinjaulen wie kastrierte Buckelwale, einen Einlauf verpassen würde?

Aus gutem Grund ist das Embedden disabled:

Meine kleine Schwester ihr Bruder macht Musik

Stefan Raab & Die Bekloppten: Ein Bett im Kornfeld

Stefan Raab, Bürger Lars Dietrich und Jürgen Drews. Der Mann mit der schnellsten Zunge Deutschlands wirkte mit bei der Verstümmelung seines Uralt-Schlagers, der noch auf keiner Karaoke-Party so zersungen worden war, Haupttäter war jedoch der Showmaster und ehemalige Jingle-Produzent Stefan Raab. Hier rührte Raab erstmals die Mischung aus Plastik-Funk-Gitarren und Einweg-Beats zusammen, mit der er in den Folgejahren die Charts tyrannisieren sollte. Bürger Lars Dietrich gab dazu den Rap-Clown, der Clip wurde gesponsert von einer Vereinigung Taubblinder, die im Nachhinein anonym bleiben wollte.

Blümchen: Boomerang

Als Blümchen nicht mehr Blümchen genannt werden wollte, sondern Jasmin Wagner, freute sie sich darüber, dass die Leute sie immer gemocht hätten, die Lieder aber nicht. Die seien aber auch Müll gewesen. Vielleicht hat sie auch gesagt, dass die Lieder Dreck waren, Mist, ein kaum verdauter Haufen Scheiße von jemandem, der vorher Menschenleber gegessen hat oder so etwas in der Richtung. Fest steht: Blümchen hat ihre Vergangenheit da etwas zu rosig in Erinnerung.
Man kann nicht einfach rumhitlern wie bekloppt und dann sagen: Sorry, den Bart mochtet Ihr ja und den Rest: Den fand ich selber nicht so toll. Ihre Mega-Knaller Herz an Herz, Nur geträumt und Schau mir unters Röckchen haben einer ganzen Generation die Freude an der Musik geraubt. Aus der Schar ihrer Erfolge ragt Boomerang heraus, weil es noch eine Spur debiler ist als Kleiner Satellit, Bicycle Race oder Du und ich. Eine Spur.

E-Rotic: Fred come to bed

Wer es nicht miterlebt hat, der wird glauben, ich mache einen schwachen Scherz, wenn ich die Singles von E-Rotic aufzähle:
Max don´t have Sex with your Ex, Willy, use a Billy…Boy, Fritz love my Tits, Oh Nick please not so quick. Ja: Wir haben viel geweint damals.

Clawfinger: Nigger

Clawfinger wollen uns in diesem Video erklären, warum man nicht Nigger sagt. Ich möchte die Aufmerksamkeit aber vom Text, der mit dem Einleitungssatz umfassend nacherzählt wurde, weglenken auf das Antlitz der Musiker. Ist es fair, ein Lied wegen der gesichtlichen Herausgefordertheit der Band in eine solche Liste aufzunehmen? Da gebe ich die Frage doch gern an Clawfinger weiter: Ist es fair, so ein Lied aufzunehmen?
Eben.

Band ohne Namen: Girl for a Day

Die Band ohne Namen hieß erst Die Allianz und musste sich dann umbenennen. Das ist die aufregendste Geschichte um diese Band, die, wäre sie von zwei unsichtbaren Mäusen betrieben worden, nicht unspektakulärer hätte sein können (obwohl: dann wäre sie ja doch spektakulär gewesen – man hätte nur die sensationelle Unsichtbarkeit der Mäuse richtig promoten müssen). So waren diese in allen Belangen leicht unterdurchschnittlichen Jungs plötzlich Popstars.
Weil das damals hieß, dass 9jährige Mädchen mit wattierten BHs einem bei VIVA auflauerten und dann ihren Klammer-Atem ins Gesicht bliesen, wünschten sie sich, für einen Tag ein Mädchen zu sein.
(Aus der Reihe: Überleitungen, die Nilz Bokelberg bei VIVA nie machen durfte.)

Sabrina Setlur & Xavier Naidoo: Freisein

Dort, wo Talentlosigkeit und Ernsthaftigkeit sich treffen, dort liegt Rödelheim. Nachdem der Rödelheimer Moses Pelham Sabrina Setlur auf der Rückbank seines Autos entdeckt hatte (ihm war aufgefallen, dass sie unfallfrei Nothing but a G-Thing mitrappte), schob er gleich noch eine Entdeckung nach: Den bekennenden Animisten Xavier Naidoo. Der glaubte daran, dass der Wind ein sturer Hund ist und dass Freiheit bedeutet, rumzuwehen. Was immer das heißen soll.

Michael Jackson: Heal the World

Zu Unrecht gehen viele Menschen davon aus, Michael Jacksons Abstieg hätte mit den Prozessen um die ihm unterstellten Übergriffe begonnen. Weihnachten 1992 erschien das grauenhafte Heal the World und von da an füllte er noch Mehrzweckhallen in Samstagabendshows, aber keine Tanzböden mehr. (So stimmt das natürlich nicht: Irgendwo läuft immer wieder mal etwas von Michael Jackson, aber nichts, das jünger ist als 26 Jahre. Und damit viel zu alt für ihn).

Scooter: Hyper Hyper

Scooter sind in Ordnung. Anders als Blümchen kann man den Alt-Ravern unbesehen zutrauen, dass das, was sie produzieren, genau ihr musikalischer Horizont ist. Sie werden noch in 30 Jahren Altenheime füllen und Sangria-Eimer leeren. Sie sind für die Geschichte der elektronischen Musik das, was die Scorpions für die des Soft-Rock sind: ehrliche Verwalter eines Erbes, das niemand antreten wollte.
Dieses eine Lied aber, das war so schmerzhaft, dass man, wenn es irgendwo ertönte, rasch sein Geschlechtsteil in eine Tür geklemmt hat, damit man etwas abgelenkt wird. Nicht nur wurde Annihilating Rhythm geplündert, auch wurden verdiente Recken des Techno gegrüßt. Gegrüßt? Ja, Hans-Peter schreit die ganze Zeit Respektbekundungen an alle möglichen DJs. So schlimm? Ja, genau so schlimm.

Mr. President: Jojo Action

Irgendwann waren die Produzenten von Mr. President an dem Punkt, an dem ihnen nichts mehr einfiel. Das war kurz bevor sie die Verträge mit Judith Hildebrandt, Daniela Haak und George Jones (der bald darauf durch Delroy Rennalls ersetzt wurde) unterschrieben. Es folgte eine typische deutsche Erfolgsgeschichte: Jedes der mit Hilfe von Reimwörterbüchern erstellten, tonleiternentstellenden Lieder wurde ein Hit. Dann übertrieben es die Macher und warfen mit Dartpfeilen auf ein englisches Telefonbuch. Heraus kam das Aphrasie-Gestammel von Jojo Action.

JoJo Action – satisfaction
Candy apple tree
JoJo Action – satisfaction
JoJo honey bee
Listen JoJo Action
Gimme satisfaction
JoJo c’est la vie

Platz 4 in den deutschen Charts.

Army of Lovers: Crucified

Natürlich wird sich unsere Generation von unseren Kindern fragen lassen müssen, warum wir nichts gemacht haben.
Wir haben ja nichts gewusst. Na gut, mitbekommen haben wir es schon, aber da war es schon zu spät und wir haben ja auch einfach nicht verstanden, was da passiert. Das übersteigt doch aber auch das Vorstellungsvermögen.

Nana: Lonely

Nana ist der erfolgreichste Vertreter des Euro-Rap. Heute würde man sagen: Beim Euro-Rap ging es darum, möglichst viele Euro in möglichst kurzer Zeit einzusacken, um dann mit dem Geld was Anständiges zu machen. Aber den Euro gab es ja noch nicht. Also worum ging es beim Euro-Rap? Der Einsicht, nicht rappen zu können, nicht Mikrofonverzicht folgen zu lassen, sondern ein höheres Investment in Schriftzüge bei der Videoherstellung. Statt Soulsamples Plattenbauschlampen Refrains singen lassen, die von einer Intensität sind, dass man fast glaubt, in einem Kühlhaus sei ein Eiswürfel verunglückt.
Es ging darum, irgendeinen zu finden, der schwarz genug ist, dass man ihm abnimmt, mal in Afrika Urlaub gemacht zu haben und das dann Credibility zu nennen. Es ging darum, möglichst schnell möglichst viel Geld einzusacken und dann mit dem Geld was Unanständiges zu machen. JETZT sitzen sie wahrscheinlich wirklich alle im Knast.

Guildo Horn: Guildo hat euch lieb

Die 90er Jahre waren die Geburtsstunde des ironischen Hörens. Schlager, die der Grund dafür gewesen waren, dass unsere Eltern ihre Fernseher verbrannt hatten und in Grateful Dead-Konzerte gerannt waren, waren auf einmal Kult (das Wort erzeugt selbst beim Schreiben Würgreflexe bei mir). Kriegsgewinnler der ironischen Schlagerwelle war Horst Köhler (sic!) der als Guildo Horn ein – natürlich – Kultstar wurde.
Dieses von Stefan Raab lieblos zusammengestückelte Häuflein Klang namens Guildo hat euch lieb bietet für das unironisch hörende Ohr einen Retortenschlager mit Schmierenstimme, vorgetragen von einem Mann, der aussieht, als halte er das Prinzip Körperhygiene für Nazikram. Aber Ohren sind halt einfach etwas zu streng manchmal.

Down Low: H.I.V.

1999 machten Down Low auf die Gefahren von H.I.V. aufmerksam.
Mehr sage ich nicht.

Touché: YMCA

Touché ist das Boygroup-Projekt des untoten Dieter Bohlen. Wenn man aus Aachen kommt und das Stimmungslied über den christlichen Verein junger Männer von den Village People also Karneval für Karneval zu ertragen hat, ist man einigermaßen abgehärtet. Ich hätte dieses müde hingeworfene Cover übergangen, wäre da nicht der Rap des Modern-Talking-Revival-Rappers Krayzee gewesen. Denn der hebt dieses erbärmliche Lied auf genau das Niveau, um das es hier geht.

Wes: Alane

Ein Stück, das geschaffen wurde für die Lufthansa-Musikberieselung. Ethnoschleim der unabwaschbarsten Sorte. Alane überträgt sich anders als Ebola durch die Luft und wird daher beim Bundesseuchenamt in einer Röhre aufbewahrt. Möge man es nie wieder freisetzen.

Aqua: Barbie Girl

Bubble-Gum-Pop hieß das, was Aqua da betrieb. Man hätte es aber auch Nervenheilanstalts-Blues oder Schnitzel-Punk nennen können. Wichtig war nur, dass man das Kaugummi möglichst tief in den Gehörgang steckte. Allerdings ist die Visualisierung des Stücks Barbie Girl im Video fantastisch geglückt. Wie die hochgepitchte Stimme ihre Entsprechung findet in dem hochgeptitchten Pink, das Vakuum des Textes korrespondiert mit der Nichtigkeit des filmischen Pendants – sagenhaft.

Vengaboys: Boom, Boom, Boom, Boom!

Dass eine Band Vengaboys hieß und doch eher überwiegend (? – ich kann mir das jetzt nicht noch einmal anschauen, Ihr müsst verstehen, was es bedeutet, diesen Artikel zu schreiben, ich musste mir ja auch ein paar Dutzend Sachen anschauen, die es gerade so nicht geschafft haben) aus Frauen bestand und dass der Text “BoomBoomBoomBoom, I want you in my room” ging – das fiel einem damals ja schon gar nicht mehr auf. Trotzdem sorgt die nervenzerfetzende Aerobic-Lehrerinnen-Fröhlichkeit der singenden Eintänzer auch noch nach Jahren für Schüttelfrost im Unterbewusstsein.
(Die Wahl war nicht ganz leicht zwischen Squeezer, A touch of Class und den Vengaboys und jedes dieser Projekte hätte hier einen Platz verdient gehabt.)

Rednex: Wish you were here

Wenn Whitney Houston Wish you were here gesungen hätte, dann hätte es ein ganz anständiges Lied sein können. Dann noch einen anderen Text und ein wenig an der Musik geschraubt, einen Refrain anstatt einer immer und immer wiederholten Titelzeile – dann noch einen den Regeln der Kompositionslehre entsprechenden Aufbau, vielleicht noch ein Studio angemietet, statt in der niemals benutzten Dusche des Produzenten ein tastenarmes Yamaha-Keyboard mit Aufnahmefunktion zu missbrauchen – es hätte nicht viel gebraucht und Wish you were here wäre ein angenehmer Sommerblues geworden, vielleicht ein kleiner Club-Hit. So war es wochenlang auf Platz 1 der deutschen Charts.

Scatman: I´m a Scatman

Wer Scat googlet (die Google-Bildersuche empfehle ich ausdrücklich nicht), weiß Bescheißd. Für dieses Lied braucht man rollenweise Klopapier.

Elton John: Candle in the Wind (Version von 1997)

Candle in the Wind ist das erfolgreichste Lied aller Zeiten. In der ursprünglichen Fassung ein belangloser und für Elton Johns Verhältnisse nicht besonders erfolgreicher Song, wuchs sich das Lied zum weltweiten Ärgernis aus, als Elton John es zur Beerdigung von Diana Spencer mit einem neuen Text vortrug. Milliarden Menschen auf der ganzen Welt krümmte sich der Dünndarm ob dieser Geschmacklosigkeit. Da wird ein Lied über Marylin Monroe ruckzuck umgedichtet, aus “Goodbye Norma Jean” wird “Goodbye England´s Rose” – und alle Anwesenden tun, als wäre das das Normalste auf der Welt. Hätten sie mal den Bohlen gefragt, der macht aus drei Tönen 40 Staffeln DSDS-Langspielplatten, aber der feine Herr Brille kann natürlich nicht so schnell arbeiten. Der recycelt sich lieber selbst.

XXL feat. Peter Steiner: It´s cool, Man

Ein weiterer Fall von: schwer zu erklären. Es gab eine Schokoladenwerbung, in der ein zotteliger Alm-Öhi eine Gruppe von Jungdynamikern mit Schokolade bewirtet und sie augenzwinkernd warnt: “Aber Vorsicht: Ist cool, Man”. (Vielleicht sagte er auch: It´s cool, Man, er hatte nicht mehr genug Zähne, zuviel Bart und zuviel Bergakzent, als dass man diesen Unterschied gehört hätte.) Halblegale Boulevardmagazine im Privatfernsehen machten den Darsteller darauf zum Kult-Opa und es folgte, was in den 90ern immer folgte: eine HipHopTechno-Vergewaltigung.

Dolls United: Eine Insel mit zwei Bergen

Kann man Puppen hassen? Leicht, wenn man auf Juristenpartys die rechtsprechende Elite von Morgen “Ah jetzt, ja!” grölen hört. Und das immer wieder. Warum erwachsene Produzenten, die keinen Druck von der Drogenmafia oder Spielschulden haben, ein Lied mit Stimmen der Augsburger Puppenkiste machen, Deppenbeats drunterlegen, bei denen ihr Magix Music Maker sich vor Scham selbst zerstört hat? Nun, vermutlich hatten sie Spielschulden, eine Reifestörung und Druck von der Drogenmafia. Das wäre wenigstens eine Erklärung. Aber natürlich keine Entschuldigung.

Die Doofen: Mief!

Mit einem Lied, das witzig sein will, verhält es sich wie mit einem Alzheimer-Patienten, der der Krankenschwester anzügliche Komplimente macht: irgendwann ist auch gut. Der irrtümlicherweise für einen Komödianten gehaltene Sich-Selbst-Ernstnehmer Olli Dittrich und das – paradoxerweise – erkennbare Nichts Wigald Boning reimen wie eine Auffangstation für serotoninaufnahmegeschädigte Jugendliche mit familiärem Drogenhintergund Lampe auf Schlampe. Die Doofen? Die Käufer, natürlich.

Gompie: Who the fuck is Alice

Bei den meisten Kneipenspäßen muss man dabeigewesen sein, um sie zu verstehen, bei diesem kann man dem Herrgott nicht dankbar genug sein, das nicht miterlebt zu haben.
Es war ein ganz gewöhnlicher Donnerstagnachmittag in der Eindhovener Kneipe Starbucks (der Besitzer ist heute nach einem mehrjährigen Prozess um die Namensrechte Multi-Millionär), als der arbeitslose Dachdecker Hans Dommeken in das auf Endlosschleife scheppernde Living next door to Alice hineinplärrte: “Watt zum Deibel heed´de det meisje nid nojkke daan?”
Da dieser Satz für ein Mem erkennbar zu lang, zu holländisch und zu grammatikalisch unkorrekt ist (Hans Dommeken stammte aus Aldenhoven und war der holländischen Sprache nur im Gutturalbereich mächtig), wandelte er sich von Kneipe zu Kneipe zum im Chor gerufenen “Who the Fuck is Alice”.

Richie: Supa Richie

Bevor der heutige Beckenbauer-Imitator, dessen Namen ich nicht googlen will, weil mir das vor meinem BKA-Mann zu peinlich ist, Beckenbauer imitierte, imitierte er: Superman. Oder einen Uhu-schnüffelnden Jugendlichen. Oder er war ganz bei sich. Ein Lied kam – selbstverständlich – auch dabei heraus, zumindest firmierte es als Lied, nach deskriptiven Merkmalen wurde hier ein Schwein gefoltert, die Schreie aufgenommen, rückwärts gespielt und dann hat man Sprechübungen eines frisch Lobotomierten eingestreut.

Oli P: Flugzeuge im Bauch

Ich kann mich nicht entscheiden, ob es schlimmer ist, ein sowieso schon ekliges Lied noch unerträglicher zu machen oder ein Stück, das ganz ordentlich ist, für den zivilen Gebrauch untauglich zu schießen. Oli P, die Stimme gewordene Darmspülung, liest ein Protokoll seines letzten Zahnarztbesuchs vor, während eine hoffentlich schlechtbezahlte Studiomatratze dem Lied das letzte Stück Seele raubt. Flugzeuge im Bauch war 1998 sieben Wochen auf Platz 1 in Deutschland.

Mit bestem Dank an Nilz Bokelberg, der hier übrigens eine sehr schöne Geschichte über jemanden erzählt, der ganz knapp daran gescheitert ist, in die Liste der erschreckendsten Hits der 90er aufgenommen zu werden. Auch Christian hat wieder sehr geholfen. Ebenso Dank an spiros81, nababenko und hufeisen.

17 comments

  1. Ha! Ich lachte. Danke für diesen erfrischenden Beitrag.

  2. Alter Verwalter, fast alle musikalischen Grausamkeiten in einem grandios lustigen Artikel!

    Musste mich echt so wegschmeißen im ICE … die Leute glotzen schon, als hätte ich ne Knackwurscht offm Schäddel, aber mir doch egal.

  3. Ach Du meine Güte, ich werde im letzten Absatz gewürdigt. Stimmt, ich hatte seinerzeit (ist doch ein ausgegrabener Artikel, oder?) Wes‘ Alane vorgeschlagen. Warum ich das noch weiß? Keine Ahnung.

    Auch nicht schlimm, dass praktisch keines der Videos funktioniert (jaja, ProxyTube etc.): Ich kann praktisch alle Lieder aus dem Stand mitsingen.

  4. war noch so so froh ob der utubesperren.

    Sind sie masochistisch?

  5. Ach, und über den Regenbogen hinweg? nicht dabei?

  6. Neben den zu erwartenden physischen Ekelgefühlen ob der schlechten Musik und der Tatsache, dass mich viele der Titel unmittelbar an Situationen aus meinen schlimmsten Lebensjahren erinnern, fällt mir vor allem der fast schon menschen-, zumindest aber publikumsverachtende Zynismus hinter vieler dieser Produktionen auf. Ich halte mich eigentlich für unromantisch, was das Popgeschäft angeht, aber selbst der jeder im Kunstsinn erneuernder Ambition unverdächtige ESC-Kunststoff und US-Ausrufezeichenpop vom Schlage Katy Perrys scheinen mir im Kern ehrlicher (was auch heißen kann: ehrlich künstlich) als das Strandgut der Eurodance- und Boygroup-Zeiten. Geht’s anderen auch so? Geht’s vielleicht allen mit aktueller Popmusik so, und in 20 Jahren winden wir uns dann wieder in körperlichen Schmerzen, wenn Malte die Verfehlungen der 10er aufspießt?

  7. na immerhin hat der eine von der namenlosen band den absprubg noch geschafft:
    http://www.medienundmarken.de/vita-dr.gross.html

  8. Wow – was für eine klischeebeladene Liste es dann geworden ist. Ich bin aus dem Gähnen kaum heraus gekommen. Es wirkt so als sei die Aufzählung eine reine Fleißarbeit gewesen mit dem gewissen überheblichen „Ach, waren damals alle doof.“

  9. […] Die erschreckendsten Hits der 90er | Malte Welding Die wohl lustigste Sammlung von Hits der 90er, die je geschrieben wurde: Jedes der mit Hilfe von Reimwörterbüchern erstellten, tonleiternentstellenden Lieder wurde ein Hit. Dann übertrieben es die Macher und warfen mit Dartpfeilen auf ein englisches Telefonbuch. Heraus kam das Aphrasie-Gestammel von Jojo Action. […]

  10. Ich hätte es niemals gedacht, dass ich eines Tages der GEMA dankbar wäre, aber heute ist es soweit. Die meisten Videos lassen sich nicht anzeigen. Ein Glück. Leider reicht schon der Anblick eines erfolgreich verdrängten Titels für einen fiesen Flashback. „Crucified“. Eieiei …

  11. Super geschrieben!! Habe Tränen gelacht :-D

  12. doppelt lustig ist dr artikel, weil man bei jedem videoklick hofft, dass die gema einen durch nichtfunktionieren verschont, hat sie zum glück oft genug getan.
    danke, malte, und herzliches beileid ob des sicherlich mittlerwiele sehr zerlöchteren nervenkostüms. man konnte das leiden förmlich spüren.

  13. […] Die erschreckendsten Hits der 90er | Malte Welding – Während viele der schlechtesten Hits der 80er in ihrem Dilettantismus auch etwas Rührendes […]

  14. […] Die erschre­ckends­ten Hits der 90er Nur zwei Zitate, um die volle Schreck­lich­keit deut­lich zu machen: „Scoo­ter sind in Ord­nung. (…) Sie wer­den noch in 30 Jah­ren Alten­heime fül­len und Sangria-Eimer lee­ren. Sie sind für die Geschichte der elek­tro­ni­schen Musik das, was die Scor­pi­ons für die des Soft-Rock sind: ehr­li­che Ver­wal­ter eines Erbes, das nie­mand antre­ten wollte.“ „Irgend­wann waren die Pro­du­zen­ten von Mr. Pre­si­dent an dem Punkt, an dem ihnen nichts mehr ein­fiel. Das war kurz bevor sie die Ver­träge mit Judith Hil­de­brandt, Daniela Haak und George Jones (der bald dar­auf durch Del­roy Renn­alls ersetzt wurde) unter­schrie­ben.“ Fan­tas­ti­scher Arti­kel. Als Teen­ager der Neun­zi­ger muss ich dazu stehen. […]

  15. […] Die erschreckendsten Hits der 90er | Malte Welding Erstaunlich, dass wir dieses Jahrzehnt ohne allzu offensichtliche bleibende Schäden überstanden haben. […]

  16. Wie groß die Irrtümer meiner Jugend wirklich waren, das begriff ich, als ich die Singles der Sünden (ja, Singles, in echten Plattenläden als CDs erstanden) versuchte, bei Ebay zu verkaufen. Versuchte. So musste das Trägermaterial dem Recycling-Kreislauf zugeführt werden. Die Musik darauf war Restmüll.

    Dass einige Videos bei YouTube nicht mehr verfügbar sind, ist ganz nett. Nur ist die Meldung falsch. Es müsste heißen: „Dieses Video ist nicht mehr verfügbar, weil die Musik seinem Urheber heute zu peinlich ist.“