Eine Szene in jeder Bar an jedem Abend in jeder deutschen Großstadt. Der erste Schritt ist schwierig. Hat sie Interesse? Oder ist sie bloß höflich? Warte ich schon viel zu lange? Oder gehe ich besser?
Seitdem offiziell beide Geschlechter den ersten Schritt machen dürfen, kann ein Date sich schnell anfühlen wie das Gefangenendilemma. Man kann nicht wissen, was der andere will, wer sich festlegt, verliert erst die Optionen und dann sein Gesicht.
Derweil in einer Parallelwelt, die mit unserer zunächst einmal nichts zu tun hat. Deutschland sucht den Superstar.
Die Kamera saugt sich an dem Ausschnitt der Kandidatin fest, Juror Mateo, Sänger der Band Culcha Candela, fragt:
„Sind die echt?“
Die Kandidatin ist sichtlich irritiert.
„Was?“, fragt sie.
„Die Haare.“
„Keine Extensions, alles echt.“
„Und der Busen?“
„Ja, der ist echt.“
„Schön.“
Die Stimme aus dem Off erklärt mit der RTL-typischen Brachialironie: „Da achtet die Jury natürlich nur so genau drauf, weil die Oberweite ja ein wichtiger Resonanzkörper beim Singen ist.“
Die rein männliche Jury sitzt und glotzt.
Während junge Frauen beim Umziehen gezeigt werden (im Vorbereitungsraum ist eine Überwachungskamera installiert), sagt Dieter Bohlen, das internationale Zeichen für „riesige Brüste“ gestikulierend: „Die kann ja irgendwie als Kölner Dom mit ihren Glocken auftreten.“ Eine Montage tanzender Brüste, dazu fragt Tom Kaulitz: „Das magste auch richtig gern?“ Bohlen antwortet: „Besser als so’n Bügelbrett.“ „Ja, das stimmt.“
Zu der gesungenen Zeile „I just wanna make you sweat“ eröffnet wieder Mateo einer Kandidatin:
„Ich finde dein Dekolleté wunderschön. Ich würde mich da total gerne reinlegen.“
Nina Pauer müsste ihre helle Freude an dem kahlköpfigen Mittdreißiger Mateo haben. Vor einem Jahr landete die ZEIT-Autorin mit ihrem Text „Die Schmerzensmänner“ einen Klick-Hit. Das halbe deutschsprachige Netz diskutierte über introvertierte Jungs, die nicht mehr baggern können. „Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund“, schrieb Pauer über den jungen Mann von heute.
Nichts mehr in ihm erinnert an die Machos von früher. Er ist „gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik.“ Das Problem beginne, „wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte“. Dann blockiert der junge Mann. Stattdessen nur viele ängstliche Fragen im Kopf.
Das ist eigentlich kein schlechter Artikel. Aber ganz ehrlich, ich habe mich selten so verletzt gefühlt wie beim Lesen dieses Artikels. Ich sehe mich nicht als Schmerzensmann, das ist die falsche Konnotation, aber die psychischen Probleme sind die gleichen. Du, Dein bester Freund und ich und meiner hatten da wohl was gemeinsam, mit sechszehn, ich dachte das nämlich auch, daß “Penetration sei eine Gewalttat gegenüber Frauen [sei]. Irgendwie hatte Alice Schwarzers alberne Verdammung des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs den Weg in das Hirn von mir und meinem besten Freund geschafft.”
Aber während Du das irgendwie auf die Reihe bekommen hast, und heute Dein schlechtes Gewissen über Deine ersten Gehversuche als moralischen Leitfaden post-sexistischer Männlichkeit ausbreiten darfst, habe ich mich schon damals an das gehalten, was Du als tolle Idee vorschlägst – “nicht bedrängen”. Aber weil ich ja nicht wußte was genau bedrängen ist, habe ich das mit der Sexualität für die nächsten 16 Jahre einfach mal ganz gelassen, nicht daß ich noch jemanden bedränge. Aber hey, über solche Randerscheinungen wie mich darf man natürlich Witze machen, die Jungs und Mädels in den Einsamen-Communities sind bestimmt nicht die, die eine Twitter-Kampagne anstoßen, um darauf aufmerksam zu machen, daß es gerade sie sind, die zwischen die Räder der Debatte um politisch Korrekte Sexualität geraten sind und geraten.
Na klar, alles könnte so schön sein. Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann. Und wenn mich nicht irgendwann, jenseits der 30, eine Frau geküsst hätte, ich wäre immer noch ungeküsst. Getraut hätte ich mich nicht. Wegen Belästigen und so. Als ich dann doch tatsächlich mal mit einer Frau im Bett lag, tat ich natürlich nichts. Sie auch nicht, sie wollte, daß ich die Initiative ergreift, um ihr zu zeigen, daß ich sie will, und nicht nur andersherum. Ich konnte nicht, ist nichts draus geworden.
Und alles wegen der Geschichte mit Alice dem Bedrängen und meiner Psyche. Mal ganz ehrlich, es tut mir leid, daß Du heute ein schlechtes Gewissen hast, weil Deine Freundinnen nicht nein sagen wollten oder konnten. Ich weiß auch nicht, ob ich gerne Dein schlechtes Gewissen hätte, und dafür schon mal Sex. Aber sei nicht undankbar, dafür, daß Du das hinbekommen hast und so am Ende vielleicht Deine Frau kennen gelernt hast. Denn wenn ich als einsamer alter Mann sterben sollte, dann vor allem deswegen, weil mir diese Konditionierung die Möglichkeit zu einer positiven, gelebten, und von Frauen erwarteten Sexualität genommen hat. Aber dann kann ich ja immerhin wohlwollend und ohne politisch unkorrektes schlechtes Gewissen zurückblicken und sagen: Alice, wirklich, bedrängt habe ich keine, selbst die nicht, die gerne bedrängt werden wollten. Sicherheitshalber. Meine Angst davor, mal was falsch zu machen war einfach zu groß.
Was bleibt, ist die Frage, ob man diese Art von Konditionierug nicht eigentlich auch als eine Art von sexueller Gewalt bezeichnen sollte. Aber über irgendwen muß man sich ja noch lustig machen können, nicht wahr?
ziemlich traurige geschichte. aber auch ziemlich absurd in bezug auf die schuldzuweisungen. musst dein leben schon selbst auf die reihe kriegen oder dich halt um professionelle hilfe kümmern.
oder sind die typen, die sich entgegengesetzt entwickeln und frauen gewalt antun, auch nur durch das umfeld geformt und können gar nix dafür? ganz schöner scheiß, den du da erzählst.
Ich weiß nicht, von welchen Schuldzuweisungen Du sprichst. Malte Welding hatte ja offenbar die gleichen Grundgedanken, nur hat er sich trotzdem getraut, ein paar Sachen zu machen. Er hatte vielleicht Angst, Fehler zu machen, hat sich aber trotzdem dazu durchgerungen. Ich mache niemanden außer mir selbst dafür verantwortlich, daß das bei mir anders war. Aber der Diskurs, der mich dazu brachte, mich und meine Sexualität als ein Problem zu sehen, und hier wird die Botschaft, lieber nichts zu machen, als mal einen Fehler, zum einzig moralisch akzeptablen Vorgehen erhoben – während Frauen in der Realität eben doch zumeist männliche Initiation erwarten.
Die aktuelle Debatte ist wichtig, keine Frage. Aber sie wird auch unbeabsichtigte Folgen haben, so wie der Feminismus von Alice Schwarzer für uns damals. Kollateralschaden nennt man sowas. Und es ist ganz besonders hart, wenn man dann noch nicht mal darüber reden darf: denn “jammern” ist schließlich besonders unmännlich, und so wird das erst recht nichts. Früher nannte man sowas Zwickmühle. Ist man mal drin, kommt man nicht wieder raus.
Zumindest wär’s leicht vorstellbar, dass die Debatte den ‘richtigen’ Sexisten hinten vorbeigeht, während die Gruppe der amourös introvertierten liebesschüchternen Männer nun *noch* vorsichtiger agiert, bis ihre eigenen Bedürfnisse am Ende gar nicht mehr kommuniziert werden.
(Es wäre auch noch die Frage, in wie weit dieser Männertypus überhaupt sozial relevant ist; mengenmäßig.)
Du sprichst mir aus der Seele.
Der Unterschied zwischen uns ist nur, das ich mit mitte 20 den Bogen bekommen habe. Meine Hormone waren doch stärker und ich habe die Grenzüberschreitung gewagt.
Interessanter Fakt dazu: 75% meiner langhaltenden Beziehungen sind durch Grenzüberschreitungen entstanden. In jedem der Fälle wäre das Minimum eine schallende Ohrfeige gewesen, wenn nicht auch Interesse von der anderen Seite bestanden hätte. Ich habe lange gebraucht um zu lernen, dass Beziehungen nicht (wie in Filmen) durch Liebesbriefe und romantische Aktionen oder verschickte Blumensträuße entstehen. Sie entstehen, indem man im passenden Moment der (gegenseitigen) Lust in die vollen geht.
Malte schreibt, die Regel sei: “Don’t be unattractive”. Das stimmt nicht ganz. Vielmehr ist die Kunst, abzuschätzen, wann die Überschreitung erwünscht ist (bzw. dementsprechend Erfolgsaussichten hat). Um das zu tun muss Mann sich als Hellseher erweisen. Je nach persönlicher Risikoeinschätzung ist man dann zu zurückhaltend, was in verminderter Erfolgsquote endet (-> Einsamkeit), oder zu aufdringlich, was in “Brüderle” endet. Der perfekte Mittelweg ist graue Theorie und in der Praxis nicht erreichbar.
Und 99% der Frauen (die besseres zu tun haben als den ganzen Tag in ihren Blogs zu schreiben) wollen das auch gar nicht. Partnersuche ist ein ständiges Spiel mit gewinnern und verlierern. Und es gibt angemessene Orte und Zeiten dafür (eine Bar z.B.) und unangemessene (den Arbeitsplatz).
Und trotz dieser ganzen Erkenntnisse sitzt die Schwarzer in mir immer noch so tief, dass ich zu sehr richtung Rückhaltung tendiere und selten frei flirten kann. Und wenn ich dann Erfolg habe, setze ich alles dran die Frau glücklich zu machen und bleibe selber unbefriedigt. Scheiss Welt.
Schade, das die Umfrage, in der über 50% die laufende Debatte als Hysterie abtun, nicht Männern und Frauen getrennt befragt. Das sich ergebende Gefälle gäbe der Debatte neuen Drive.
Selten hast du mir so aus der Seele gesprochen wie mit diesem Artikel. Mich kotzt es langsam an, dass selbst viele meiner Geschlechtsgenossinen meinen, das sei doch alles Quatsch mit dem Sexismus, was ist denn schlimm daran, wenn einem einer in den Ausschnitt glotzt, yadda yadda yadda. :(
Danke für den Artikel, Malte. Der zeigt zum einen ganz direkt den Alltagssexismus im Fernsehen, spricht zum anderen auch das immer mitschwingende Thema “Wie macht mann’s richtig” an. Und diese zwei Themen sind ebenso verwandt, wie sie nichts miteinander zu tun haben. Vielleicht sollte das Thema sogar genereller aufgefasst werden: Ist unsere moderne Zeit eine Zeit geworden, in der es mit dem Finden der Liebe generell schwierig ist? Jeder glaubt, sich selbst zu verwirklichen müssen, nur in sich allein oder mit dem Arbeitgeber, wir rücken alle weniger zusammen, sondern eher auseinander, machen alles nur noch nach Anleitung, sind allen möglichen (gefühlten) Zwängen ausgesetzt, und haben darüber gar keine Kapazität, mal in Ruhe jemanden kennen zu lernen, mit dem vielleicht eine Gemeinsamkeit wachsen könnte. Und diese Sexismus-Debatte kommt da einfach noch oben drauf: Jetzt müssen wir (zumindest die Männer) schon wieder irgendwie etwas mehr, zumindest glauben wir das, aber was genau, das wissen wir auch nicht.
Ich war mit 16 anders als Du, Malte. Ich bin nie in die Nähe gegengeschlechtlicher Unterwäsche gekommen, Mädchen wollten nicht mal mit mir reden. Das Resultat ist, dass ich heute unter anderem ein guter Programmierer bin; Computer sind viel einfacher als Menschen. Warum es dann doch noch geklappt hat, das weiß ich bis heute leider nicht so genau. Hätte es gehalten, wäre es auch nicht wichtig, das zu wissen. So könnte ich wundervoll in den Kanon der Ratlosen einstimmen. Oder am Ende eines Tages einfach frustriert denken: Es ist der Mühen nicht wert, die Fehler und die Fehlversuche bleiben dem Mann überlassen, viel zu anstrengend. Wer was will, soll sich melden. Frau darf zwar heute gerne auf den Mann zugehen, aber passieren tut das eben doch so gut wie nie. (Ich zähle 2x in meinem Leben von 33 Jahren.)
Man kann niemanden animieren, einen zu lieben, und man sollte es auch nicht. Deine Frau ist schlau mit ihrem Über-Ich. Auch wenn sich das nicht auf Liebe sondern auf den Login in Unterhosen bezog. Es ist doch ziemlich ähnlich.
Schüchterne Männer da draußen dürfen eines nicht vergessen: In der aktuellen Debatte beziehen in den Medien hauptsächlich radikale Feministinnen mit sehr extremen Ansichten Position, die Komplimente schon für des Teufels halten. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass das bei einem Gros der Frauen konsensfähig ist. Ich halte euch für sensibel genug nicht so schnell als Macho abgestempelt zu werden. Ihr müsst euch ‘nur’ trauen.
Offenbar ja nicht nur radikale Feministinnen, wie man an gerade diesem Artikel sieht. Vor allem die Sache mit dem Über-ich finde ich so unfair, weil es ja genau das ist, was für den Autor und andere mit sechsehn das Problem war. Weil das Über-ich sagt: Du bist böse, Dein Penis ist böse. Welche Frau würde den schon wollen. Bäh.” Will man mit *dem* Über-ich leben? Oder ist das Über-ich nicht manchmal eher eine “Krankheit”? So einfach ist das echt nicht, und nur weil Malte Weldings Frau offenbar in solchen Situationen “vielleicht gerne im Einklang mit ihrem Über-ich” ausprobiert hätte, heißt das beim besten Willen nicht, daß die Frauen, denen er die Hand ins Höschen gesteckt hat, das nicht so gesehen haben, wie sie in dem Moment gesagt haben, daß er ihnen (und seinem Penis) tatsächlich einen Gefallen getan hat.
Letztlich zeigt die Tatsache, daß er sich beschämt gefühlt hat doch nur, daß *er* nicht mit seinem Über-ich im Einklang war, als er Sex hatte. Und daß das offenbar eine notwendige Voraussetzung dafür war, *daß* er überhaupt Sex hatte. Nur *darüber*, und wie das eine vielleicht mit dem anderen in Zusammenhang steht, wird natürlich nicht geredet.
[...] Von der Freiheit [...]