Was macht eigentlich so ein Staat?

Im Podcast mit Holger Klein erzähle ich von einer Nachhilfeschülerin, die ich gefragt habe, wo sie mit Staat in Berührung kommt. Ihr fiel nichts ein.
Wir reden davon, wie sehr man als werdende Eltern darauf angewiesen ist, dass der Staat Dinge regelt, die die (nachbarschaftliche oder familiäre) Gemeinschaft nicht mehr leisten kann.
Wir reden davon, dass Einsamkeit oder Kinderlosigkeit, Krankheit oder Alter kein individuelles Versagen darstellen, sondern Gegebenheiten sind, die nur gesellschaftlich abgefedert werden können.
Wenn nun Staat, um auf die Frage an die Schülerin zurückzukommen, einem also als Lehrerin gegenübertritt, als Kindergärtnerin, als Altenheim, in Form von Straßen und Bildungszentren und Der Sendung mit der Maus – warum dann diese Angst vor dem Staat? Natürlich: Der Staat ist GEZ und Finanzamt und eben auch schlechtes Fernsehen und schlechte Straßen und unzuverlässige Behörden und ungerechte Lehrer.
Aber ist das Prinzip, dass eine übergeordnete Instanz Dinge leistet, die privat nicht geleistet werden können, wirklich bedrohlich? Einschnürend? Wenn Mathias Richel von öffentlich-rechtlichen Netzstrukturen spricht, droht dann im nächsten Schritt ein Bundesfacebook?
In einem Nachfolgeartikel schreibt er ein paar Fakten auf, die zu denken geben sollten:

Interface Message Processor (Washington University in St. Louis); TCP/IP -> Stanford; World Wide Web – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); HTML/HTTP – CERN (Europäische Organisation für Kernforschung); Browser Mosaic – National Center for Supercomputing Applications; CSS – W3C am MIT; MP3 -> Fraunhofer-Institut

Der Boden, auf dem wir gehen, ist schon staatlich. Ups. Ist die mp3 also stalinistisch, höre ich Behördenmusik, weiß der Staat automatisch, mit wem ich chatte?

Meine Nachhilfeschülerin war 18, da darf man Staat für ein abstraktes Gebilde halten, das fernab von mir brazilesk Regeln aufstellt, die niemand versteht. Aber irgendwann sollte man das Fenster aufmachen und der Wirklichkeit hallo sagen.

5 comments

  1. brazilesk – da seh ich dich beim Schreiben schmunzeln; und viele andere Menschen google bemühen

  2. Bernd von Kraut

    Deshalb unbedingt das Wahlrecht ab 16 Jahren! Besonders wichtig für BürgerInnen, die mit 18 noch nicht einmal ansatzweise wissen, was ihre Stimme bewirkt.

  3. […] Was macht eigentlich so ein Staat? […]

  4. Was so ein Staat macht oder machen sollte, das haben sich eigentlich die Philosophen der Aufklärung ausgedacht. Das ist nur alles ziemlich theoretisch und irgendwie weit weg. Eines vom Wichtigsten, was unser Staat macht, wenn auch weniger schön als früher, ist das Geld zu verteilen. Sozialleistungen geben uns die Sicherheit, dass wir uns fast überall im Land frei bewegen können, ohne von jemandem überfallen zu werden, der nichts mehr zu verlieren hat.

    Was Du mit dem Internet ansprichst, ist aber etwas anderes. Das ist nicht vom Staat, sondern von staatlichen Forschungseinrichtungen ersonnen worden. Und das ist ein großer Unterschied. Der Staat lässt seinen Forschern recht große Freiräume. Viele Bürger, die der Wissenschaft nicht so arg nahe sind, haben so ihre Schwierigkeiten, das nachzuvollziehen. Es ist ein großes Vertrauen, das der Staat da in die illustren Leute an den Hochschulen steckt. Und dieses Vertrauen wird im Schnitt und auf lange Sicht belohnt. Sonst hätten wir es eben nicht, das Internet. Und auch ganz viele andere Dinge nicht, deren Erforschung sich für die kurzfristiger und weniger risikofreudig denkende Wirtschaft nicht lohnt.