Wessen Leistung geschützt wird

Mein Vater hatte in etwa 50 Jahren als Ingenieur drei Kunden, die nicht zum vereinbarten Termin gezahlt haben.
Ich hatte in diesem Monat 5.
Wenn ich mit Presseverlagen zu tun habe, dann wundert mich immer am meisten, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird. Seitdem ich acht bin, lese ich Tageszeitungen, man kann sich also vielleicht vorstellen, mit welcher Hochachtung ich diese Institutionen betrachtet habe, eben als Institutionen, nicht als Gewerbe, als Orte, wo Menschen sich etwas Höherem verpflichtet haben.
Ich stelle mich manchmal vor den Spiegel und lache mich selbst aus.
Ich wundere mich also, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird; was meine ich damit? Dass der Anteil der Zeit, den die Redakteure damit verbringen, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, offenbar eine Naturkonstante ist; ich kenne kaum Journalisten, die sich nicht in Grabenkämpfen erschöpfen.
Gibt es da einen Bezug zu der Eingangs erwähnten Zahlungsmoral? Ich habe keine Ahnung.
Meiner Erfahrung nach hat man es mit einem wohlmeinenden Redakteur zu tun, wenn er Mails beantwortet, und mit einem fantastischen, wenn er sie innerhalb der Datumsgrenze beantwortet. Schuld ist am Nichtbeantworten wie am Nichtzahlen niemand, denn der Redakteur von Heute steht wirtschaftlich und sozial knapp über dem UPS-Boten.
Sollen in mystischen Zeiten Chefredakteure dem Verleger mutig ins Auge geschaut und bessere Bedingungen gefordert haben, schauen sie heute dem Journalisten müde ins Auge und fordern Gürtelanpassungen, meistens Richtung enger.
Wenn es jemanden interessiert, ob das Alles überall so ist – ich kann es nicht beurteilen. Ich arbeite nicht überall. Nachdem, was ich höre, soll Axel Springer eine Ausnahme sein. Nach meiner Theorie, dass nur solche Unternehmen eine Zukunft haben, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen, könnte ich jetzt eine Zukunftsvision wagen, vor der ich zurückschrecke.
Aber ich kann doch empfehlen, sich bild.de einmal unter technischen Gesichtspunkten anzuschauen und dann auf die Webpräsenz einer beliebigen Tageszeitung zu gehen.
Der Springer Verlag hat als einer der wenigen großen deutschen Verlage verstanden, dass seine Konkurrenz nicht das Lüneburger Duddelblatt ist und auch nicht das Bildblog.
Sondern die Daily Mail, die Huffington Post, der Guardian. Aber auch Google, vielleicht sogar Apple.
Der Endkampf der großen Medienkonzerne – und Medienkonzerne heißt von nun an Tech/Gadgets/News/Content/Dating/Social-Media-Konzerne (plus Verkauf von T-Shirts und Volksbibeln und Streams und Zeugs) hat begonnen und was immer für eine Rolle ein freier Autor dabei spielt – für ihn wird er nicht geführt.
Meine Leistung schützt niemand vor den Konzernen.

Comments are closed.