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Sep 12

Schön wie Guttenberg: Warum Julia Schramm zurücktreten muss

Es gibt nicht wenige schlechte Autoren, denen gute Bücher gelungen sind.
Julia Schramm gehört nicht zu ihnen.
Ihr Buch ist nicht in erster Linie miserabel, weil es schlecht geschrieben ist, weil die Hauptfigur unerträglich eitel ist, nicht einmal, weil dort nichts Neues steht, dieses Nichts aber verkauft wird, als wäre gerade der bekiffte heilige Geist in die Autorin gefahren; das Problem des Buchs ist, dass es feige ist.
Nun wäre das ganz egal, niemand schriebe ein Wort über das Geschreibsel, wäre die Autorin nicht Beisitzerin im Vorstand der Piraten. Und ginge die schriftstellerische Feigheit nicht Hand in Hand mit der politischen.
Jeder Autor steht in seinem Text vor dem Problem der Identifikation: Glaubt der Leser, in mir stecke etwas von dem Erzähler? Von den Figuren?
Stecken in den Galliern bei Asterix und Obelix Größenfantasien der Autoren? Lernt in Livealbum der echte Stuckrad-Barre die Bulimie?
Der echte Autor schert sich nicht darum; er schreibt und lässt den Leser glauben, was der will.
Die falsche Julia Schramm muss wieder und wieder versichern, dass das nicht eigentlich sie sei.
Und nicht nur im Text will sie nicht sie sein – es ist auch eine Versicherung gegen Kritik eingebaut. Die Menschen würden jene hassen, die sie zum Nachdenken bringen würden.
Wer sie kritisiert, der will nur nicht nachdenken.
Dieselbe Versicherung hat auch die Politikerin abgeschlossen; wer diese kritisiert, der ist neidisch.
Auf was? Wahlweise auf ihre Schönheit, ihre Intelligenz, you name it.

Als ich einen kritischen Artikel über Julia Schramm veröffentlichte, drohte ihr damaliger Verlobter und jetziger Ehemann Fabio Reinhardt einer Bekannten von mir gegenüber, er würde mir „aufs Maul hauen“.
Denn in der Logik des Ehepaars Schramm/Reinhardt ist alles persönlich.
Möchte er jetzt jedem, der das Buch seiner Frau bespricht, aufs Maul hauen?
Denn die hat sich doch ausdrücklich gegen Rezensionen verwahrt. Es sei alles gesagt, twitterte sie.
Nun: Für welche politischen Ideale stehen die Piraten, wenn man sich das Gebahren des Ehepaars anschaut: Gewalt gegen Abweichler, Abwehr von Diskussion, Rechthaberei, Informationsunterbindung?
Der Vorstand der Piraten verhält sich in Sachen Schramm wie die CDU mit Guttenberg.
Längst ist für jeden ersichtlich, dass sie nicht mehr zu halten ist, und doch werden die Fronten geschlossen gehalten von ganz Oben. Und auch Guttenberg mag lange Zeit gedacht haben, das neidische Volk beäuge nur seine Schönheit und sein Haar kritisch.
Reinhardt hat noch vor wenigen Wochen Christopher Lauer auf Twitter vorgeworfen, Piratenideale über Bord zu werfen. Er sei einst angetreten, um Tauschbörsen wie Pirate Bay zu legalisieren.

„Dass #piraten gegen Torrentsearcher wie The Pirate Bay ist, hat der @Schmidtlepp doch wohl nicht ernst gemeint, oder?“
Schramm selbst hat sich noch auf dem Parteitag gegen jede Überwachung von Datenströmen geäußert. Im Grunde schienen ihr nur Creative Commons-Kriterien wichtig. Namensnennung, darauf habe der Autor ein Recht. Nun: Den Namen haben die Ersteller der tumblr-Seite genannt, sie haben sogar auf die Amazonseite Schramms verlinkt.
Und wie konnte die Seite anders als durch Folge von Überwachung heruntergenommen werden?

Ohne Vorschuss ist es verdammt schwierig, ein Buch zu schreiben. Nach jetzigem Stand braucht man dafür Verlage. (Man braucht Verlage in der Theorie auch für ein Lektorat. Bücher wie das von Schramm belegen ironischerweise, dass Lektorat heute eher nicht mehr so sorgfältig betrieben wird.)
Gegen Verlage sein, trotzdem die Hand aufhalten, keine Idee für ein alternatives Verwertungsmodell entwickeln; das wäre eine lässliche Sünde für einen Autor. Für einen Politiker ist es die Selbstabschaffung.
Wieviel Julia Schramm steckt in Julia Schramm? Und zu welchem Zeitpunkt?
Welche Version wählt man? Die, die Rechteverwerter für überflüssig hält? Oder die, die den Informationsfluss, den freien, dann mal eben anhält, wenn es ihr nutzt?
Die, die Freiheit fordert? Oder die, deren Mann mit Prügel droht?
Eine Partei, die solche Politiker nicht zum Rücktritt drängt, ist nicht wählbar.