21
Sep 12

Schön wie Guttenberg: Warum Julia Schramm zurücktreten muss

Es gibt nicht wenige schlechte Autoren, denen gute Bücher gelungen sind.
Julia Schramm gehört nicht zu ihnen.
Ihr Buch ist nicht in erster Linie miserabel, weil es schlecht geschrieben ist, weil die Hauptfigur unerträglich eitel ist, nicht einmal, weil dort nichts Neues steht, dieses Nichts aber verkauft wird, als wäre gerade der bekiffte heilige Geist in die Autorin gefahren; das Problem des Buchs ist, dass es feige ist.
Nun wäre das ganz egal, niemand schriebe ein Wort über das Geschreibsel, wäre die Autorin nicht Beisitzerin im Vorstand der Piraten. Und ginge die schriftstellerische Feigheit nicht Hand in Hand mit der politischen.
Jeder Autor steht in seinem Text vor dem Problem der Identifikation: Glaubt der Leser, in mir stecke etwas von dem Erzähler? Von den Figuren?
Stecken in den Galliern bei Asterix und Obelix Größenfantasien der Autoren? Lernt in Livealbum der echte Stuckrad-Barre die Bulimie?
Der echte Autor schert sich nicht darum; er schreibt und lässt den Leser glauben, was der will.
Die falsche Julia Schramm muss wieder und wieder versichern, dass das nicht eigentlich sie sei.
Und nicht nur im Text will sie nicht sie sein – es ist auch eine Versicherung gegen Kritik eingebaut. Die Menschen würden jene hassen, die sie zum Nachdenken bringen würden.
Wer sie kritisiert, der will nur nicht nachdenken.
Dieselbe Versicherung hat auch die Politikerin abgeschlossen; wer diese kritisiert, der ist neidisch.
Auf was? Wahlweise auf ihre Schönheit, ihre Intelligenz, you name it.

Als ich einen kritischen Artikel über Julia Schramm veröffentlichte, drohte ihr damaliger Verlobter und jetziger Ehemann Fabio Reinhardt einer Bekannten von mir gegenüber, er würde mir „aufs Maul hauen“.
Denn in der Logik des Ehepaars Schramm/Reinhardt ist alles persönlich.
Möchte er jetzt jedem, der das Buch seiner Frau bespricht, aufs Maul hauen?
Denn die hat sich doch ausdrücklich gegen Rezensionen verwahrt. Es sei alles gesagt, twitterte sie.
Nun: Für welche politischen Ideale stehen die Piraten, wenn man sich das Gebahren des Ehepaars anschaut: Gewalt gegen Abweichler, Abwehr von Diskussion, Rechthaberei, Informationsunterbindung?
Der Vorstand der Piraten verhält sich in Sachen Schramm wie die CDU mit Guttenberg.
Längst ist für jeden ersichtlich, dass sie nicht mehr zu halten ist, und doch werden die Fronten geschlossen gehalten von ganz Oben. Und auch Guttenberg mag lange Zeit gedacht haben, das neidische Volk beäuge nur seine Schönheit und sein Haar kritisch.
Reinhardt hat noch vor wenigen Wochen Christopher Lauer auf Twitter vorgeworfen, Piratenideale über Bord zu werfen. Er sei einst angetreten, um Tauschbörsen wie Pirate Bay zu legalisieren.

„Dass #piraten gegen Torrentsearcher wie The Pirate Bay ist, hat der @Schmidtlepp doch wohl nicht ernst gemeint, oder?“
Schramm selbst hat sich noch auf dem Parteitag gegen jede Überwachung von Datenströmen geäußert. Im Grunde schienen ihr nur Creative Commons-Kriterien wichtig. Namensnennung, darauf habe der Autor ein Recht. Nun: Den Namen haben die Ersteller der tumblr-Seite genannt, sie haben sogar auf die Amazonseite Schramms verlinkt.
Und wie konnte die Seite anders als durch Folge von Überwachung heruntergenommen werden?

Ohne Vorschuss ist es verdammt schwierig, ein Buch zu schreiben. Nach jetzigem Stand braucht man dafür Verlage. (Man braucht Verlage in der Theorie auch für ein Lektorat. Bücher wie das von Schramm belegen ironischerweise, dass Lektorat heute eher nicht mehr so sorgfältig betrieben wird.)
Gegen Verlage sein, trotzdem die Hand aufhalten, keine Idee für ein alternatives Verwertungsmodell entwickeln; das wäre eine lässliche Sünde für einen Autor. Für einen Politiker ist es die Selbstabschaffung.
Wieviel Julia Schramm steckt in Julia Schramm? Und zu welchem Zeitpunkt?
Welche Version wählt man? Die, die Rechteverwerter für überflüssig hält? Oder die, die den Informationsfluss, den freien, dann mal eben anhält, wenn es ihr nutzt?
Die, die Freiheit fordert? Oder die, deren Mann mit Prügel droht?
Eine Partei, die solche Politiker nicht zum Rücktritt drängt, ist nicht wählbar.


19
Sep 12

Malakoff Kowalski – KiLL YOUR BABiES

Malakoff Kowalski »KiLL YOUR BABiES – Filmscore For An Unknown Picture« from Malakoff Kowalski on Vimeo.

Malakoff Kowalski hat alle Systeme runtergefahren. Er musiziert mit dem, was nach einem Atomkrieg übriggeblieben ist, Musik für einen nie gedrehten Film.
Verstimmte Klaviersaiten werden wie nebenbei angeschlagen, irgendwo dreht sich ein Cello zwischen den Beinen eines einbeinigen Matrosen, gleich gibt es ein Duell im Nebel.
Machen wir uns nichts vor: Malakoff Kowalski macht jetzt ernste Musik. Und ist unterhaltsamer als je zuvor.


17
Sep 12

Bettina Wulff und das Netz der Gerüchte

Das Gerücht, das dieser Tage über das Internet verbreitet wird, geht so: Jeder kann dort alles über jeden behaupten, man bekommt Gerüchte, die dort niedergeschrieben werden, niemals wieder aus der Welt.
Bettina Wulff versucht, das Gerücht, sie habe als Prostituierte gearbeitet, aus dem Internet zu verbannen. Sie mahnt daher Blogger, die das Gerücht verbreitet haben, ab, und zieht sogar gegen Google zu Felde, das mit seiner Autocomplete-Funktion (wer einen Namen eingibt, bekommt häufige Suchanfragen anderer Nutzer angeboten) bei Eingabe des Namens „Bettina Wulff“ unter anderem „Escort“ und „Prostituierte“ vorschlug und so zur Bekanntmachung des Gerüchts beigetragen hat.
Ich habe in meinem privaten Blog im Januar dieses Jahres im Bezug auf Bettina Wulff erwähnt, dass eine kleine technische Neuerung (eben die Autovervollständigung von Suchanfragen) eine neue Form von Erklärungsdruck aufbaut. Philipp Lahm hatte sich diesem Erklärungsdruck gebeugt und in seinem Buch ausdrücklich erklärt, er sei nicht schwul.
Ich habe diesen Artikel mittlerweile gelöscht, denn es ist so: Verlage haben Justiziare, die sich bei Rechtsstreitigkeiten kümmern, Blogger haben nur sich selbst.
2006 verlangte Veronica Ferres von einem Blogger 10.000 Euro, weil der sich abfällig über sie geäußert hatte; der Blogger kam schließlich damit davon, Ferres‘ Anwaltskosten, die 1500 Euro betrugen, zu übernehmen.
1500 Euro können für Hobbyautoren recht schmerzhaft sein, und so ist die deutsche Bloglandschaft im internationalen Vergleich recht zahm. Kaum jemand kann es sich, zeitlich oder finanziell, leisten vor Gericht zu gehen, und so setzt sich in der Regel der Finanzkräftigere durch mit seiner Rechtssicht.
Nun hatte ich gar nichts Anstößiges geschrieben, sogar darauf hingewiesen, dass die Ursprünge dieses Gerüchts in den dunkelsten Ecken des deutschsprachigen Internets lägen, aber ich bin da nicht anders als andere Blogger; ehe man einen Rechtsstreit riskiert, löscht man lieber.
Auch deutsche Forenbetreiber, die für ihre Mitgleider haften, werden nicht zulassen, dass dort Verleumdungen veröffentlicht werden.
Im Zweifel ist das deutschsprachige Internet leichter zu deckeln als die deutsche Presse.
Die meisten werden jedoch das Gerücht über Bettina Wulff gar nicht bei Google entdeckt haben, sondern jemand verbreitete es im privaten Gespräch. Diesen Promiklatsch gab es schon immer.
Richard Gere, so geht eine der bekannteren Klatschgeschichten, die schon zu meinen Schulzeiten kursierte, soll eines Tages in der Notaufnahme gelandet sein, weil er einen Hamster, andere Quellen sprechen von einer Rennmaus, im Anus gehabt habe. Es soll, so die Erklärung, unter schwulen Männern ein verbreitetes Sexspiel sein, sich gegenseitig Nagetiere in den Darm zu schieben. Das ist natürlich genauso Unsinn wie die ganze Gere-Geschichte, doch bis heute bietet einem Google in der Autovervollständigung den Begriff „Hamster“ an, wenn man nach Richard Gere sucht.
Man stößt dann auf Seiten, die sich der Aufgabe stellen, so genannte Urbane Legenden aufzuklären. Diese Aufklärung hatte man zu meinen Schulzeiten noch nicht, Geres Verhältnis zu dem Hamster blieb damals tatsächlich ein nicht aus der Welt zu schaffendes Gerücht, jeder dachte daran, wenn Gere Julia Roberts küsste. (Also: Hoffentlich dachte jeder daran, dann ist Pretty Woman nämlich ein viel komischerer Film.)
Auch im Fall Wulff konnte man durch Google das Gerücht schnell falsifizieren: Es gab keine Bilder, es gab keine Augenzeugenberichte, nur Hörensagen.
„Papier ist geduldig“, sagte meine Mutter, wenn ich auf etwas verwies, das ich in der Zeitung gelesen hatte. Vielleicht hatte der Journalist etwas erfunden oder etwas falsch verstanden.
Im Internet wurde die „Papier ist geduldig“-Regel erweitert. Nun heißt es: „Nichts ist wahr, ehe es nicht hieb- und stichfest bewiesen wurde.“
Pics or it didn‘t happen – Bilder, oder es ist nicht geschehen. Und wenn Bilder als Beweis geliefert werden, dann machen sich in den Foren und Imageboards die Photoshopexperten über die Beweisbilder her und weisen verlässlich Manipulationen nach.
Gerüchte lassen sich heute besser als je zuvor durch Tatsachen aus der Welt schaffen oder durch eine überzeugende Gegenrede. Wenigstens jeder Verständige wird dem Nachvollziehbaren eher glauben als dem Hörensagen.
Aber es kann ja nicht sein, dass jeder ständig gezwungen ist, sich zu jedem Unsinn zu äußern und die Hosen runterzulassen.
Dazu muss man darauf hinweisen, dass es generell um den Schutz der Privatheit nicht so schlecht bestellt ist im Netz. Wer Daten von Unbekannten postet, gilt rasch als Stalker. Selbst auf 4chan, einer der wohl anarchischsten Seiten im Netz, gilt die Regel: „Postet keine persönlichen Informationen“.
So gut wie vogelfrei ist – nicht in deutschen Blogs, aber dort, wo tatsächlich anonym geschrieben werden kann – die Prominenz.

Mächtige oder Prominente können Tatsachen über sich schlechter denn je unterdrücken. Sei es Bob Geldofs Tochter Peaches, über die ein junger Mann, der mit ihr einen heroinsatten One Night Stand hatte, auf dem Social News Aggregator Reddit ausführlich schrieb, samt Nacktfotos, der nackte Prinz Harry oder die zahlreichen Stars, deren Handys gehackt und auf Nacktfotos durchsucht wurden.
Dort haben Informationen eine Macht bekommen, die unser Leben radikal verändern wird (denn wenn es dauerhaft normal ist, dass bestimmte Mitglieder der Gesellschaft keine Privatsphäre haben, wird das irgendwann für alle normal).
Man kann sich daher verschiedene Zukunftsszenarien vorstellen: 1. Jeder weiß alles über jeden und deshalb sind alle etwas freier als heute, weil jeder zu Toleranz gezwungen ist. 2. Jeder weiß alles über jeden und deshalb gibt es einen enormen Anpassungsdruck. Oder 3. Informationen werden rigide gedeckelt, Persönlichkeitsrechte zulasten von Informationsrechten ausgedehnt, das ganze einst so wilde Netz immer stärker reglementiert.
Meine Meinung zum Schutz der Privatsphäre im Internet ist ganz eindeutig: Es hängt davon ab, ob ein Sextape von Christina Hendricks oder von mir kursiert.
Wir sind eben alle neugierig und ehrpusselig und auf unsere Privatsphäre bedacht und invasiv.
Das Internet ist nicht das Fernsehen und auch kein elektronisches Buch oder eine digitale Zeitung, das Internet ist – nach und nach – die Sichtbarmachung der Gedanken aller Menschen mit Anschluss. Es ist so dumm, brillant, brutal und liebevoll wie die Gesamtheit aller Beteiligten
Die Gedanken sind frei, auch die Unmoralischen, könnte man sagen, meist überwiegt das Gute, könnte man sagen, aber wenn man zufällig selber gerade im Fokus dieser Gedankenmaschine steht, dann kann das sehr unangenehm sein.
Bilder sind fast nicht wegzubekommen, es sei denn, sie zeigten Kinderpornographie (die wird von Googlemitarbeitern rund um die Uhr aus dem Index aussortiert), denn Bilder sind Tatsachen und damit eine harte Währung. Irgendwann in den Nullerjahren erlangte eine junge Frau eine für sie bedrückende Internetbekanntheit durch Fotos, die sie mit einem Mann beim Sex zeigten, die Fotos waren mit ihrem Namen und ihrer Heimatstadt markiert, schließlich kam die junge Frau nicht umhin, ihren Namen zu ändern, um nicht für den Rest ihres Lebens mit diesem einen Akt konfrontiert zu werden.

Auch die Bilder von Mario Götzes Erektion, im Sommerurlaub von einem Paparazzi geschossen, werden nicht verschwinden, dazu befinden sie sich auf zu vielen Festplatten, es gibt sie in deutschen Foren, in belgischen Nachrichtentickern, auf amerikanischen Sportseiten.
Beide Beispiele zeigen, wie übergriffig das Netz tatsächlich sein kann, ein Spanner, ein Eindringling, neugierig wie wir alle in unseren am wenigsten stolzen Stunden sind.
Weggeklagt bekommt man das nicht.
Es müssten stattdessen alle Menschen dazu kommen, nicht hinzuschauen, wenn sie einen Fußballer mit Erektion sehen. Das ist eine harte mentale Übung.
Wie aber jetzt praktisch mit einem Fall wie Wulff umgehen? Sagt man: In Ordnung, Ehrrühriges darf nicht in den Googleindex – dürfte Google denn auch jetzt nicht darauf hinweisen, dass Bettina Wulff mit Gerüchten zum Thema Prostitution konfroniert war?
Zum Abschluss etwas Beruhigendes für unsere politische Klasse: Ein Politiker stürzt nicht über Gerüchte, sondern über Details. Rudolf Scharping wurde, anders als man sich heute erinnert, nicht entlassen, weil es peinliche Fotos von ihm im Swimmingpool gab, sondern weil er sich einen Einkauf von Moritz Hunzinger bezahlen ließ. Der Druck wuchs jedoch nicht allein durch diese Tatsache, über die Hans Leyendecker auf der Medienseite der SZ berichtete, sondern erst, als der Stern schrieb, die Socken, die Scharping sich kaufen ließ, hätten 35 Mark pro Paar gekostet. Im Internet heißt es mittlerweile, es seien 350 Euro gewesen; so oder so befand die Öffentlichkeit, dass ein Soze nicht so teure Socken tragen dürfte und senkte den Daumen.
Und so ist auch Christian Wulff nicht über die Gerüchte gestürzt, sondern über die Nähe zu reichen Freunden, auch hier erdrückten am Ende die Details die letzten Reste von Sympathie.
Was die Käuflichkeit von Körpern angeht, da ist man heute vergleichsweise tolerant, der Verdacht von politischer Käuflichkeit, der tötet. Das Problem der Mächtigen sind nicht Gerüchte, sondern Tatsachen.

(Der Artikel ist in der Berliner Zeitung erschienen)


11
Sep 12

Dietrich Brüggemann: Americanorama

Der Regisseur Dietrich Brüggemann ist zur Zeit in den USA. Und was sind die USA? Riesig.
Also macht er die Fotos in Breitwand und zeigt sie auf americanorama.
“Panoramafotografie nicht als Landscape-Porn, sondern mit Portaitcharakter und Momentaufnahmen.” Sagt er. Und lügt nicht.


03
Sep 12

Die dicken, dummen Kinder

Gestern Abend saß bei Günther Jauch die geistige Mittelschicht des Landes zusammen und redete wie immer den Untergang des Abendlands herbei, dieses Mal war das Internet der Verursacher.
Auf einmal war es wie bei 4chan, wenn ein neues Mem entsteht: alle sagten dasselbe, immer etwas höhnischer, immer etwas wissender. Das Mem hieß: die dicken, dummen Kinder. Die dicken, dummen Kinder können nicht Ball spielen, die dicken, dummen Kinder sind mit Wissen überfordert, die dicken, dummen Kinder sind mit Greifen überfordert, und können also nicht – hier macht man eine Geste mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass etwas Bedeutsames kommt: BE-greifen.
Wer sind die dicken, dummen Kinder?
Nicht unsere, nicht wir.
Die Kinder der geistigen Mittelschicht betreiben im Schnitt zweieinhalb Sportarten, beherrschen ein Instrument zu einem Drittel, führen souverän ihr eigenes Konto und schalten von selber den Fernseher aus, um ein Rudel Möhren jagen zu gehen. Sie sind hart wie Macstahl, zäh wie Terrence Malick-Filme und flink wie Geldströme, sie können auch morgen noch kraftvoll zubeißen und wenn ihnen der Sinn nach einer Statistik steht, die ihnen nutzt, dann wissen sie, wo sie die herbekommen.
Nachdem alle Armen in Deutschland gewogen wurden, weiß man nun, dass sie mehr wiegen als die oben erwähnten Teilzeitleistungssportler, und doof – na doof sind sie ja nun auf jeden Fall, sonst wären sie ja nicht arm.
Das Leben, liebe Petra Gester, lieber Manfred Spitzer, liebe Biedermeierer und Biedermeiererinnen, das Leben ist ein Marathonlauf. Viele Eigenschaften sind an verschiedenen Stationen dieses Laufs gefragt: Die Eigenschaft, Kinder abzustempeln, als dick, als doof, als hoffnungslos, gehört sie dazu?


01
Sep 12

Wessen Leistung geschützt wird

Mein Vater hatte in etwa 50 Jahren als Ingenieur drei Kunden, die nicht zum vereinbarten Termin gezahlt haben.
Ich hatte in diesem Monat 5.
Wenn ich mit Presseverlagen zu tun habe, dann wundert mich immer am meisten, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird. Seitdem ich acht bin, lese ich Tageszeitungen, man kann sich also vielleicht vorstellen, mit welcher Hochachtung ich diese Institutionen betrachtet habe, eben als Institutionen, nicht als Gewerbe, als Orte, wo Menschen sich etwas Höherem verpflichtet haben.
Ich stelle mich manchmal vor den Spiegel und lache mich selbst aus.
Ich wundere mich also, wie wenig dort an einem Strang gezogen wird; was meine ich damit? Dass der Anteil der Zeit, den die Redakteure damit verbringen, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, offenbar eine Naturkonstante ist; ich kenne kaum Journalisten, die sich nicht in Grabenkämpfen erschöpfen.
Gibt es da einen Bezug zu der Eingangs erwähnten Zahlungsmoral? Ich habe keine Ahnung.
Meiner Erfahrung nach hat man es mit einem wohlmeinenden Redakteur zu tun, wenn er Mails beantwortet, und mit einem fantastischen, wenn er sie innerhalb der Datumsgrenze beantwortet. Schuld ist am Nichtbeantworten wie am Nichtzahlen niemand, denn der Redakteur von Heute steht wirtschaftlich und sozial knapp über dem UPS-Boten.
Sollen in mystischen Zeiten Chefredakteure dem Verleger mutig ins Auge geschaut und bessere Bedingungen gefordert haben, schauen sie heute dem Journalisten müde ins Auge und fordern Gürtelanpassungen, meistens Richtung enger.
Wenn es jemanden interessiert, ob das Alles überall so ist – ich kann es nicht beurteilen. Ich arbeite nicht überall. Nachdem, was ich höre, soll Axel Springer eine Ausnahme sein. Nach meiner Theorie, dass nur solche Unternehmen eine Zukunft haben, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen, könnte ich jetzt eine Zukunftsvision wagen, vor der ich zurückschrecke.
Aber ich kann doch empfehlen, sich bild.de einmal unter technischen Gesichtspunkten anzuschauen und dann auf die Webpräsenz einer beliebigen Tageszeitung zu gehen.
Der Springer Verlag hat als einer der wenigen großen deutschen Verlage verstanden, dass seine Konkurrenz nicht das Lüneburger Duddelblatt ist und auch nicht das Bildblog.
Sondern die Daily Mail, die Huffington Post, der Guardian. Aber auch Google, vielleicht sogar Apple.
Der Endkampf der großen Medienkonzerne – und Medienkonzerne heißt von nun an Tech/Gadgets/News/Content/Dating/Social-Media-Konzerne (plus Verkauf von T-Shirts und Volksbibeln und Streams und Zeugs) hat begonnen und was immer für eine Rolle ein freier Autor dabei spielt – für ihn wird er nicht geführt.
Meine Leistung schützt niemand vor den Konzernen.