31
Jul 12

Abgewertet

Es fing gar nicht so schlecht an mit mir und den Ärzten. Beim Augenarzt sah ich so gut, dass ich ein Bonbon bekam, ich sah sogar so gut, dass ich meiner kurzsichtigen Mutter die Buchstaben vorsagen konnte, ich flüsterte ihr die richtigen Antworten ins Ohr, damit sie sich nicht blamierte.
Meine Abwertung durch Ärzte begann mit einem Paukenschlag. Meine gerade noch so vorbildlichen Zähnchen wurden in eine Klammer gepresst, der Kiefer hieß es, sei zu eng.
Wenn der Arzt etwas „zu“ findet, zu eng, zu klein, zu groß, zu erhaben, zu dunkel, dann hat er in der Regel diesen entschlossen zwischen Ernst und Umbekümmertheit schwankenden Ton, der dem Patienten signalisiert: Sie könnten daran sterben, aber Gottseidank gibt es ja mich. Außerdem schwingt in diesem Ton natürlich mit: Früher wäre so etwas wie Sie einfach ausgemendelt worden, aber jetzt gibt es eben Krankenkassen.

Lange Zeit hatte ich den Ehrgeiz, die Prüfungen der Ärzte zu bestehen, bei keinem Bluttest durchzufallen, ja sogar das „Aaa“ im „Sagen Sie jetzt einmal Aaaa“ versuchte ich möglichst laut und vollendet zu sprechen.

Und doch: Einen weiteren Tiefpunkt erreichte meine Patientenkarriere, als meine Zahnärztin, eine ältere Dame mit einem ehrfurchtgebietenden Bariton und nur leicht zitternden Händen, meine Zunge für zu groß befand (und das in einem zu engen Kiefer!). Wenig später fand sie auch noch erste Spuren von Karies, und ich gestand mit weit aufgerissenem Mund Eisteetrinken nach Mitternacht. Mit meiner riesigen, gierigen Zunge habe ich ihn runtergeschleckt, ja genau, ich habe es eigentlich gar nicht verdient, noch behandelt zu werden.

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10
Jul 12

Leseprobe aus “Versiebt, verkackt, verheiratet”: Windel

Hermann erklärte einem jungen Pfleger mit unnatürlich schwarzem Haar, dass die Wechselkurse zur Zeit einfach unannehmbar seien. Fast schien es, als würde der junge Mann wirklich interessiert zuhören, dabei wartete er natürlich nur darauf, dass Hermann endlich – wie nannten sie es hier? – Stuhlgang hätte.
Der Pfleger lächelte Gertrud unbeholfen zu, er mochte ein hübscher Kerl sein, das gefärbte Haar stand ihm zwar nicht gut, aber er hatte ein freundliches Gesicht mit ehrlichen Augen. Nur sah hier seine Haut fahl aus, der Tod und der viele Stuhlgang bekamen ihm nicht. Er war hässlich wie das ganze Heim. Es roch nach Desinfektionsmitteln und billigem Kaffee. Die Tür zum Baderaum stand natürlich offen, alle Türen standen hier immer offen. Dabei war Hermann doch immer so ein privater Mensch gewesen.
Hermann richtete sich nun auf. „Und was den Dollar angeht, also das ist ja ….“. Er stand gebückt mit dem Rücken zur Toilette, die Hose an den Knöcheln, er schwankte leicht und fixierte etwas in seiner Hand, das nur er sah. „Ich krieg das nicht weg.“ Er zupfte konzentriert an seiner Hand herum.
„Das war dann wohl nichts“, sagte der Pfleger. Er ging in die Hocke, um Hermann die Hose hochzuziehen und Hermann trat nach ihm, wie in Zeitlupe. „Hören Sie mal, das geht doch nicht, was Sie da, es ist doch immer das gleiche mit euch Zöllnern.“
Dann quetschte Hermann einen dicken braunen Haufen vor die Füße des Pflegers.
„Das ist doch eigentlich ganz schön“, sagte Hermann zu seiner Hand, der Pfleger sagte zu Gertrud, er müsse ihn jetzt leider erst abduschen und Gertrud dachte daran, wie reinlich Hermann immer gewesen war. Fast schon etwas zwanghaft. Er hatte es ihr übel genommen, dass sie ihn in dieses Heim gesteckt hatte, er erkannte sie seitdem nicht mehr. Ihre Töchter hatten es auch nicht verstanden, aber wie viele Nächte kann man wach bleiben, um einen tobenden, weinenden, ängstlichen Mann zu beruhigen? Manchmal glaubte sie, sie würde noch vor ihm sterben, er war immer noch so stark, sein Blutdruck der eines jungen Mannes, hatte Doktor Klemp gesagt.
Irgendwo hatte sie mal gelesen, Alzheimer sei nicht, wenn jemand seine Brille vergisst, Alzheimer sei, wenn jemand nicht mehr weiß, wozu man eine Brille benutzt. Gertrud wusste nicht mehr, ob es schleichend angefangen hatte oder ganz plötzlich, aber als sie es merkte, bekam sie nie wieder ihren Hermann zurück.
Es blieb so wenig übrig von sechzig Jahren. Abends saß sie jetzt oft vor dem Fernseher und es fiel ihr schwer, sich an mehr als die Hochzeit, das erste Kind und das zweite Kind zu erinnern, selbst die Geburt des Dritten musste irgendwo zwischen Spülen, Kochen und kleinen Sekretärinnenaufgaben, die sie zwischendurch für Hermann erledigte, verloren gegangen sein.
Sie war schon alt und ernst gewesen, als alle anderen noch jung waren. Wie lange sie schon alt war! Kein einziges Farbfoto gab es, auf dem sie jung aussah. Sie stand auf und nahm ein an den Rändern angegilbtes Fotoalbum in die Hand. Das Weizenfeld war Maisgelb gewesen, auf dem Foto war es Weiß. „Warum ist es denn maisgelb, es müsste doch weizengold sein?“, hatte sie Hermann gefragt und er hatte geantwortet, Liebe mache eben blind. Das war Hermanns Liebeserklärung gewesen. Eigentlich hatte er damit nur erklärt, dass er wusste, dass sie ihn liebt, aber sie hatte ihn schon verstanden. Sie hätten noch warten müssen, aber damals haben sie zum ersten Mal miteinander geschlafen, auf Hermann war Verlass. Sie hatten manchmal darüber gesprochen, ob die Lust wohl im Alter einfach verschwinde und Hermann hatte gesagt, das könne man nur hoffen, es sei doch furchtbar, wenn man immer noch wolle, aber der Körper mache nicht mehr mit, wie Gefängnis müsse das sein. Die Lust war dann tatsächlich ganz friedlich weggedämmert, wie Kinder hatten sie zuletzt gelebt, dachte Gertrud, wie Kinder, die sich sehr liebten, bis das eine verrückt wurde.
Hermann saß jetzt auf dem Bett und weinte. Sie konnte ihn nicht trösten. Der Pfleger zog Hermann eine riesige blaue Windel über die Beine, drehte ihn dann geschickt auf den Rücken, wogegen Hermann nur halbherzig protestierte: „Aber Sie wissen schon, dass das so nicht geht?“ Der Pfleger klebte den Klettverschluss der Windel zu und drehte sich zu Gertrud um. „Das sollte jetzt für den Rest des Tages halten.“
Sie trat ans Bett, Hermann lag dort immer noch wie ein Maikäfer, die Beine angewinkelt in der Luft, sie berührte sein Knie und er nahm ihre Hand. „Trudchen“, sagte er mit fester Stimme, „denk dir nichts, das geht vorbei. So eine Windel ist doch immer nur temporär.“
Gertrud rückte ihre Brille zurecht, strich mit ihrem Zeigefinger über Hermanns rauen Handrücken, räusperte sich und sagte, sie sei doch ganz schick, die Windel. Hermann richtete sich etwas auf, sein Gesicht war jetzt ganz nah bei ihrem, und sagte: „Liebe macht eben blind, Trudchen.“
Ganz vorsichtig zog der Pfleger die Tür zu.

Versiebt, verkackt, verheiratet gedruckt und als
eBook
Weitere Leseproben:

Bondgirl
67 Tage plus
Lassen Sie mich, ich bin durch


06
Jul 12

Fifty Shades of Grey: Zuckerhut und Peitsche

Vor drei Jahren, als die ganze Welt in „Twilight (Bis(s) zum Morgengrauen)“ einem schönen jungen Vampir dabei zusah, wie er eine schöne junge Frau anschaute, fand eine Britin Mitte Vierzig, dass Zusehen nicht reicht. Und so schrieb sie die Geschichte des jungen, keuschen Vampirs auf einem Internetportal fort.

Sex sollte er haben mit der jungen Frau – und zwar, dass es krachte. „Master of the Universe“ nannte sie die Geschichte. Ihr Pseudonym war „Snowqueen’s Icedragon“, Eisdrache der Schneekönigin.

So viele Leser fand die Vampirsexschmonzette, dass die Frau, die noch nie zuvor geschrieben hatte und bei einem TV-Sender arbeitete, rasch die Verweise auf Vampire und dergleichen strich und ein eigenes Buch herausbrachte: „Fifty Shades of Grey“.

Mittlerweile hat das Hollywoodstudio Universal die Filmrechte erstanden, an manchen Tagen werden neunhunderttausend neue Exemplare in den Markt gedrückt, in Deutschland druckte die Bild-Zeitung „Fifty Shades of Grey“, das auf Deutsch mit dem Zusatztitel „Geheimes Verlangen“ versehen wurde, vorab.

Wie überall sonst auf der Welt thront das Buch nun auch in Deutschland auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Dabei erscheint es erst am 9. Juli, wegen der großen Nachfrage hat der Verlag aber schon mit der Auslieferung begonnen. „Fifty Shades of Grey“ ist ein Hit in Harry Potter-Dimensionen. Was schrieb die Bild noch gleich? „Dieses Buch ist schärfer als Porno!“

„Ein ausbeuterischer sadistischer Porno“ sei „Fifty Shades of Grey“, so stand es dagegen in der britischen Zeitung „The Telegraph“. Und der amerikanische Fernsehseelenklempner Drew Pinsky nannte es verstörend, dass Frauen ein solches Buch lesen. Die geschilderte Beziehung sei pathologisch.

Scharf? Krank? Oder ist das gar kein Gegensatz?

Erzählt wird die Geschichte einer jungen Studentin, mit beinahe 22 noch Jungfrau, die durch ein Interview für die Campuszeitung den 26-jährigen Selfmademilliardär Christian Grey kennenlernt. Grey ist für gängigen Sex nicht zu begeistern, er verhaut die Erzählerin Anastasia lieber, er hat einen „Roten Raum der Schmerzen“ eingerichtet, wo er sie gern regelmäßig quälen würde, was ihr immer besser gefällt, aber doch nicht so richtig und dann doch wieder, aber wer weiß, wo das hinführen soll?

Weiter in der Berliner Zeitung

Fifty Shades of Grey im New Yoerker
Rabbit Vibrator (Wikipedia)
Homepage von Radio Paradiso
Nackenbeißer (Wikipedia)
Soziologie des Pilgerns
Häufigkeit von ehelichem Sex in Deutschland
Sex von jugendlichen Amerikanern
Zu müde für Sex
Sex von Japanern
(die Studien habe ich recht zufällig ausgewählt, es gibt auch bessere und natürlich wird der Trend, dass Menschen im Westen (sprich: der modernen Welt inklusive Japan) immer weniger Sex haben, auch von vielen Wissenschaftlern nicht als solcher gesehen. Ich halte es mit einem berühmten Sexualwissenschaftler (Link finde ich gerade nicht), der einmal gesagt hat: Er spürt diesen Trend in seinem Umfeld, er wartet noch auf die Daten, aber natürlich sei Umfeld ein wichtiger Faktor für die Bewertung einer Veränderung.
Kinder auf dem Gendercamp
Kinder auf dem Gendercamp Debatte
Lesbische Frauen mit Kinderwunsch
Pierre Woodman (Wikipedia) “The scenes are typically filmed in hotel rooms, usually in Central Europe. The film scenarios present the actresses as if they do not really know what the porn director does. The storyline of the film presents Woodman as showing the girls a Private magazine or some pornographic images and invites them to do something similar.”
Girls Gone Wild (Wikipedia) “The crews search for attractive young women who agree to expose their bodies for the camera, in exchange for a Girls Gone Wild branded t-shirt, shorts, or cap.”
Bang Bus (Wikipedia) “In most cases, the woman is convinced to get into the van under the guise that they are making a documentary about people in the area. They offer money, usually around a couple of hundred dollars, just to answer questions about their life. After some “interviewing”, they usually offer more money to disrobe, and then additional money to have sex. The woman usually is persuaded to enter the van in less than 5 minutes, then persuaded to strip in 20–50 minutes and is dropped off in a random location after the completion of the sex act, ostensibly without being paid.”
Women sell, men buy
A theory of prostitution (Edlund/Korn)
Verhandlunsmoral
Zur Strafbarkeit sado-masochistischer Körperverletzungen
BDSM und Recht
NDA (Wikipedia)
Safe, sane, consensual (Wikipedia)


03
Jul 12

Mein Waschbrettlächeln, dein Zahnpastabauch

Wenigstens mit einem Auge sieht man derzeit wieder überall Plakate von H&M, auf denen für einen Bikini geworben wird. Diesen Plakaten soll ein geheimnisvoller Imperativ innewohnen. Nur: welcher? Auf dem Blog „klingtkomischistaberso“ schreibt die Autorin Yasmina: „H&M hält mir alle 50 Meter auf großen Plakaten unter die Nase, wie ich bitteschön auszusehen hätte. Es macht mich wütend. Es macht mich komplett rasend. Ich warte auf den Moment, an dem ich die Plastikscheiben einschlage, um die abgebildeten Plastikmodelle zu zerreißen.“ Der Körper, findet Yasmina, zeige ein unerreichbares Ideal.

Eine Textilfirma wie H&M will uns einen Bikini, der in Indien, Bangladesch oder einem anderen lohnkostenfreundlichen Land für Pfennigbeträge hergestellt wurde, für fünfzehn Euro verkaufen, wobei wir glauben sollen, wir hätten ein Schnäppchen gemacht. Die Leute in den Werbeagenturen also verkaufen ihren Billig-Zweiteiler mit einem schönen Menschen. „Was ist gerade schön?“, fragen sie ihre Trendscouts, und die schauen in die Fußgängerzone oder in ein Fashionblog und sagen: Fit ist schön. Also nehmen sie ein Model und malen es mit Photoshop braun und muskulös und hoffen, dass das Textil dadurch aufgewertet wird.
Disziplin ist unser Steckenpferd

H&M sagt denen da draußen nicht: Seht aus wie dieses Model. Es sagt: Guck mal, billiger Bikini, sieht scharf aus, oder? Definiert H&M damit, was schön ist? Es verstärkt das bestehende Ideal. Jedes Ideal, zu egal welcher Zeit, war schwer zu erreichen. Der Wohlstandsbauch der vorletzten Jahrhundertwende war schwer zu erreichen für die, die unter Hungerwintern litten, den Lollobrigida-Busen konnte man sich auch nicht einfach anfuttern, und welches dünne Mädchen könnte schon eine Rubensfigur hinbekommen?

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01
Jul 12

Peter Fischli und David Weiss: Der Lauf der Dinge