18
Jun 12

Ist Fußball doof?

Ich habe mit dem Schreiben angefangen, weil ich über Fußball unterhaltsamer schreiben wollte, als das damals geschah. Ich schreibe nicht mehr über Fußball, weil es mittlerweile einen Haufen von Blogs gibt, deren Autoren sich unendlich besser auskennen, verglichen damit waren meine Artikel bei Fooligan nur Kneipengeschwafel.
Das ist für mich völlig in Ordnung, manchmal fühle ich noch einen Phantomschmerz und twitter etwas Blödes, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich auch nach 30 Jahren aktiven Schauens das schöne Spiel noch nicht verstanden habe.
Aber warum können Sportjournalisten nicht ebenfalls das Handtuch werfen?
Ich kann jeden Tag die Süddeutsche Zeitung lesen und dabei sich sein, nicht eine relevante Information zu erhalten. Stattdessen wird unter völliger Verkennung von Statistik, Sport und Psychologie über Cristiano Ronaldos Seelenleben gedummelt (er trifft nicht, weil es Messi gibt) oder es werden ganz tief aus der Witzekiste ein paar nichtfunktionierende Running Gags geholt.
Der kicker hält es auch im tausendsten Jahrzehnt seines Bestehens für völlig ausreichend, Personalspekulationen vor dem Spiel und irrwitzige Notengebung nach dem Spiel als Sachlichkeit vorzutäuschen, und wirkt doch beruhigend gegen die Scherztruppe der 11 Freunde, die, wenn sie noch einmal ein Foto mit einer Fußballerfrisur aus den 70ern postet, mehr schlechte Frisurenbilder auf ihren Servern hosten als youporn. Auch ein Verdienst.
Doch all die Printödnis verhält sich zu dem Grauen der Öffentlich-Rechtlichen wie ein stinknormaler Swingerclubabend, bei dem jemand versäumt hat, Kleenex zu kaufen, zu einem Kölner Karneval ohne Bier.
Könnte ich doch nach einem Spiel einfach abschalten.
So sehe ich hilflos, dass Waldemar Hartmann noch lebt. Ein bestimmt grundsympathischer Mensch, wenn er schweigend und kaum nach Bier riechend neben einem in der U-Bahn sitzt. Neben ihm Matze Dings, den ich mal auf einer Party gesehen habe und dabei tatsächlich den Gedanken hatte, dass ich ihn, ginge er aufs Klo, ertränken und es auf den Alkohol schieben könne. Eine Kombination von nüchterner Eleganz, wie sich bald herausstellt, wenn man erlebt hat, wie die Twitterexpertin Jeannine Oliver Kahn Tweets vorliest.
Das ist natürlich einerseits der rührendste Zivilisierungsversuch seitdem man Lassie beigebracht hat, bei Gefahr einen besorgten Delphin zu imitieren, aber andererseits habe ich manchmal sogar noch nach einem Spiel ein Gehirn.
Sportschauer ist nicht ein Idiot.
Medien aber glaube das.
Warum isse?


16
Jun 12

Ivan Rebroff


10
Jun 12

Künstler, Verwerter und Piraten

Der Komponist Walter Thomas Heyn hat diesen unbedingt lesenswerten Text über das Urheberrecht und die Piraten geschrieben. Zahlen und Hintergründe, die ich zum Teil nicht kannte.
“Gruselige Horrorfiguren gehen um in Deutschland, es sind die Klabautermänner der Piratenpartei. Sie kommen nerdmäßig aus ihren vergammelten Kajüten und wollen hohnlachend mit blutigen Entermessern den bejammernswerten deutschen Künstlern den letzten Bissen Brot aus dem Maule rauben, auf dass diese darben, verdorren und absterben. Das Abendland ist wieder mal bedroht, diesmal von renitenten immer-alles-umsonst-haben-wollenden Internetzombies.

Dieses Szenario jedenfalls wird unaufhörlich von den Verwertungsgesellschaften, Berufsverbänden, Verlegerverbänden, dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und den diversen Rundfunksendern gemorst, geflaggt und auf Endlosschleife gelegt. Sogar die etablierten Parteien, die für Künstler und deren Nöte sonst nur ein mildes Lächeln oder Verachtung übrig haben, warnen die Künstler fürsorglich vor den bösen Piraten: Achtung Fressfeinde! Künstler wehrt Euch!
Und die Künstler tun das, was sie immer tun und immer gern tun, sie rufen die Redakteure an, die sie kennen, sie drehen das große Rad, haben einen super Auftritt und endlich mal wieder dicke Schlagzeilen. Warum die großen linken Parteien das tun, ist leicht zu erkennen: die Piraten stehen eher links; würden sie bei der Bundestagswahl tatsächlich 10 Prozent kriegen, fehlen diese Stimmen den drei Linksparteien und die CDU würde die Wahl gewinnen. Paradox, aber wahr; jede Stimme, die die Piratenpartei bekommt, nützt der CDU, denn sie fehlt den Konkurrenten von den anderen Feldpostnummern. Deshalb sind alle Linken von Walter Steinmeier bis Renate Künast auf einmal Künstlerversteher.
Denn: Künstler (spontan, freiheitsliebend, chaotisch) und Piraten (dito) haben eine große gemeinsame Schnittmenge. Und es gibt viel Künstler, viel mehr, als man denkt. Deshalb ist die Anstrengung der politischen Kräfte so groß, zwischen diese beiden Gruppen unbedingt einen Keil treiben zu müssen.

Die wirtschaftliche Lage der freiberuflichen Künstler ist wirklich prekär. Dazu später mehr im Knoten 3. Wahr ist: reale Existenzangst geht unter Künstlern um und dergleichen ist leicht zu instrumentalisieren. Man halte dem Hund ein Stöckchen hin und er wird springen…

Knoten 1: Um wem geht es denn überhaupt?

Es wäre zuerst zu klären, von wem die Rede ist. 400000 Menschen in Deutschland sind in irgendeiner Form mit Kunst beschäftig. Drei Viertel davon sind Hobbykünstler, sie singen im Chor, spielen im Laienorchester oder Theater oder sind in der Malgruppe aktiv. Diese Gruppe freut sich, wenn jemand ihr Weihnachts-Konzert im Gemeindezentrum gleich nebenan bei Youtube ansieht, oder sich drei Fotos von der letzten Vernissage in der Stadtteilkirche herunterlädt. Zu dieser Gruppe zählen auch die Menschen, die mal Kunst studiert haben, aber keine Existenz darauf gründen konnten. Auch diese Menschen freuen sich über jede Art Aufmerksamkeit. Für sie ist das Internet Werbung für ihre Erzeugnisse. An Geld denken sie nur bei der Steuererklärung.
Von den verbleibenden 100000 Menschen ist knapp die Hälfte an Theatern, Orchestern, Musikschulen, Volkshochschulen, Verlagen, Medienanstalten usw. fest angestellt, oder arbeitet als Lehrer oder Ausbilder. Der Rest schlägt sich als Freiberufler durch und teilt das Schicksal am freien Markt mit Fotographen, Webdesignern, Dokumentarfilmern, IT-Spezialisten, Spiele-Entwicklern, freien Journalisten, Dramaturgen, Lektoren, Architekten, Steuerberatern, Netzwerkspezialisten, Juristen und so fort. Höchstens jeder zehnte davon ist Autor im Sinne des Urheberrechts. Wir reden von etwa 5000 Leuten, die Mehrheit sind Schriftsteller oder Musikautoren. Von denen nun wiederum ist nur ein Bruchteil im Netz präsent und nur diejenigen, die ein Produkt haben, was die ach so bösen Nerds auch wirklich haben wollen, sind möglicherweise bedroht. Wir reden letzten Endes von Pop-Musik und Filmen, von Kunst sicherlich, aber auch von Produkten, die von vornherein für die kommerzielle Auswertung konzipiert und produziert worden ist. Dahinter stehen die knallharten Verwertungs -und Vermarkungsinteressen der Medienindustrie. Und die ist zunehmend in der Lage, ihre Interessen und die Interessen ihrer Künstler zu schützen. Der prophezeite Kollaps ist nämlich ausgeblieben. Es gäbe eine fühlbare Entspannung, sagte Dieter Gorny vom Bundesverband der Musikindustrie auf der Jahrespressekonferenz (Berliner Zeitung vom 20.4.12, S.23).

Knoten 2: Angebot und Nachfrage

Natürlich sind alle Künstler unzufrieden. Ein Künstler wäre auch dann nicht zufrieden, wenn er alle Theaterspielpläne dominieren würde oder auf allen Rundfunksendern gleichzeitig gesendet würde oder in allen Galerien gleichzeitig aushängen würde. Denn jeder will, nein jeder muss Shakespeare / Mozart / Picasso sein. Drunter geht es nicht ab und drunter darf es auch nicht abgehen. Ein Künstler muss sich lebenslang für den besten Artisten der Welt halten. Täte er es nicht, wäre er reif für den Suizid.

Künstler sind immer unzufrieden mit ihren Agenturen, Verlagen und Labels. Nur derzeit haben sie Grund dazu. Denn die Erträge für alle sinken und Land ist nicht in Sicht. Also versucht sich der Künstler selbst im Marketing, denn an ihm und seiner heiligen Kunst kann es ja nicht liegen. Der Verlag ist schuld, die haben dort alle keine Ahnung. Der Tatmensch selbst gründet einen Verlag, ein Label, eröffnet eine Galerie. Er kauft Bücher über Selbstvermarkung und belegt Kurse an der Volkshochschule zum Thema „Selbstmanagement“. Er arbeitet sich in Webdesign oder Fotoshop oder Tripledat ein, um alles selbst zu machen. Dann macht er Bekanntschaft mit den Berufsgenossenschaften und den Verlegerverbänden. Die Erträge bleiben aber konstant niedrig und nach drei Jahren erklärt das Finanzamt die Sache zum Hobby und es werden saftige Steuernachzahlungen fällig.
Der Künstler kehrt reumütig zu seinem Verlag zurück oder sucht sich einen neuen Partner. Die Erträge sinken weiter.

Sonderbarerweise kommt niemand auf die Idee, das Problem unter dem Gesichtspunkt von Angebot und Nachfrage zu betrachten. Denn die immer zahlreicher werdenden Künstler, die – Computer sei dank – in immer schnelleren Zeiträume immer mehr Produkte schaffen können, welche ihrerseits immer leichter zu reproduzieren und zu verteilen sind, treffen auf einen schrumpfenden Markt von immer weniger Interessenten. Das hat mit der realen und der geistigen Vergreisung des Landes ebenso zu tun wie mit der schieren Massenhaftigkeit des Angebotes. Beispielsweise werden in Deutschland 6 CD-Neuerscheinungen pro Tag veröffentlicht. Zur weiteren Bestätigung reicht ein Gang durch eine mittelgroße Buchhandlung. Die Piratenpartei, die nichts weiter tun, als laut über neue Vertriebs-und Verteilungsstrukturen nachzudenken, die sowieso kommen werden, hat diese Entwicklung jedenfalls nicht in Gang gebracht. Keinen Cent mehr hätte der einzelne Künstler in der Tasche, wenn es die Piraten nicht gäbe.

Das Scheitern, das Sich-nicht-am Markt-durchsetzen-können gehört übrigens zum Berufsrisiko Künstler dazu. Wem das zu anstrengend ist, der sollte auf Lehramt studieren. Und außerdem: immerwährende Existenzprobleme haben auch andere freiberufliche Gruppen, die in das alte Schema Arbeitsgeber-Arbeitnehmer nicht mehr hineinpassen. Es betrifft beinahe alle jüngeren Akademiker, wenn sie keinen Job an der Uni finden, es betrifft Journalisten, deren Zeitungsredaktionen zusammengelegt werden, es betrifft Filmemacher, Kameraleute, PC-Spezialisten und viele andere mehr. Vor allem betrifft es jüngere Leute, die nirgends mehr hineinkommen und sich notgedrungen eine freiberufliche Existenz aufbauen müssen.

Knoten 3: Verluste

Nach dem Krieg bis etwa 1989 ging es deutschen Künstlern auf beiden Seiten der Mauer einigermaßen gut. Im Westen dekorierten sie die Schaufenster nach Osten mit Freiheit, Individualität, Glanz und Glitter und ließen die freiheitlich demokratische Grundordnung so attraktiv wie möglich aussehen; im Osten waren sie „Ingenieure der Seele“ (Lenin) und ihre Werke Waffen im Klassenkampf gegen den allzu bunt schillernden Kapitalismus. Künstler und ihre Erzeugnisse wurden gebraucht, deshalb wurden sie auf beiden Seiten einigermaßen auskömmlich bezahlt. Dann kam – nein, nicht das Internet, das war später, es kam die Wende. Künstler wurden Dienstleister, freie Marktteilnehmer, Wettbewerber. Ihre Bedeutung als Deuter, als Seher und Verkünder verschwand und verschwindet bis heute jeden Tag noch etwas mehr. Der Werbe-Slogan „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist daher bei aller implizierten Gemeinheit eine treffende Zeitgeist-Formulierung.
Ein älterer Kollege sagte mir vor einigen Jahren im Gespräch: Nach dem Krieg musste ich 15 Schallplatten verkaufen, dann konnte ich eine Bildzeitung kaufen. Heute muss ich 172 CD verkaufen, um eine Bildzeitung kaufen zu können. Und in der Tat: Die Erträge sinken noch aus einem anderen Grunde, weil die großen Verwertungsgesellschaften immer weniger Gelder an die Autoren auszahlen, obwohl ihre Bilanzen immer größere Summen ausweisen. Die VG Wort beispielsweise zahlte bis vor ca. 10 Jahren Vergütungen für Wortbeiträge, Artikel in Zeitungen, Rundfunkbeiträge, Sportberichte usw. Das war vor allem für Journalisten ein hübsches 13. Monatsgehalt. Jede Sekretärin im Radio war angewiesen, jede Sendesekunde zu erfassen und zu melden. Heute zahlt die VG Wort immer noch Gelder für die gleichen Sparten aus, es sind mittlerweile ca. 10% der ursprünglichen Summen. Ein Verlust von 90% für die Betroffenen.
Die GEMA, die Verwertungsgesellschaft, die die Komponisten vertritt, hat durch Einführung des sog. „Pro-Verfahrens“ (ein mathematisches Hochrechnungsmodell) in den letzten 10 Jahren allen kleinen Bands, Jazz-Combos, Liedermachern (also den Vertretern der „U-Musik“) einen Einnahmeverlust von über 80% zugefügt. Die Einsprüche und Klagen dagegen laufen bis heute. Die Einnahmen der “E-Musik“-Komponisten sind im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunken.

Die GVL (Gesellschaft zur Verwertung der Leistungsschutzrechte), also eine Institution, die alle Musiker, Schauspieler, Opernsänger usw. vertritt, sofern diese NICHT Autoren sind, zahlte früher auch auf Studiohonorare und ähnliches eine Vergütung. Nun ist die Auszahlung trotz vorhandener CD oder DVD an Rundfunk -und Fernsehausstrahlungen gebunden – 95 Prozent der hiesigen Künstler bekommen in Zukunft also nahezu nichts mehr von dieser Gesellschaft, denn sie werden nicht gesendet. Dafür gehen jetzt stattliche Millionenbeträge über den großen Teich. Die GVL erwartet „erhebliche Rückflüsse aus dem Ausland“. Selten so gelacht.

Die Piraten sind an all diesen bedauerlichen Entwicklungen aber nicht schuld. Sie sitzen nicht in den Aufsichtsräten, nicht im Deutschen Patentamt, nicht in den Ministerien, nicht in Brüssel. Man muß den Piraten vorwerfen, dass sie das Urheberrecht aus der Perspektive sehen, die sie kennen: kleine Clips oder ´n paar tracks aus dem Netz. Ein Begriff wie „Oper“ wäre ihnen sicher eher fremd. Aber eh sie mitregieren, vergehen 3 Bundestagswahlen, also 12 Jahre. Bis dahin sind sie erwachsen und können Gesetzestexte lesen, weil ein Drittel von ihnen dann Rechtsanwalt oder Beamter oder Lehrer sein wird, wie in allen Parteien.

„Geistiges Eigentum „ ist Unsinn, sagen die Piraten und sind damit nahe an Brecht, der „Rechte“ und dergleichen tief verachtete und klaute wie ein Rabe. Aber er klaute auf sehr hohem Niveau und schmolz die Fundsachen dann so um, daß dann doch ein gänzlich eigener Text herauskam. Auch das sagen die Piraten: daß alle Kunst aufeinander aufbaut, sich aufeinander bezieht und deshalb eine originäre „Schöpfung“ gar nicht zu denken ist. Da wird jeder von uns aufheulen, denn jeder von uns ist mindestens Beethoven oder Paul McCartney, klar, darunter macht es keiner. Aber es stimmt auch irgendwie, daß alles von allem herkommt. Hätte Mozart nicht die Klarinette ins Orchester gebraucht, säßen da heute vielleicht keine Klarinetten…

Doch weiter Piratentext: wer ein erfolgreicher Künstler ist, der hinterlässt seinen Kindern ein Haus oder sonst was Solides (ich weiß jetzt nicht mehr, wo ich das gelesen habe; aber geistiges Eigentum ist ja Unsinn).
Aber ehrlich gesagt: zu Lebzeiten etwas mehr zu verdienen und den geliebten Kindern und ihren wenig geliebten Lebensabschnittsgefährten weniger zu hinterlassen, damit hätte bestimmt niemand ein Problem. Oder?”