26
Mai 12

Eine Mensur 1963

Die folgende Szene stammt aus dem Mondo-Film Mondo di notte – Welt ohne Scham. Sie zeigt, wie ein Salamander gerieben und eine Mensur gefochten wird. Ähnlich wie die deutschen Report-Filme waren die italienischen Mondo-Filme Pseudodokumentationen, die einen halbwegs seriösen Anstrich nutzten, um durch die Zensur zu rutschen.
Im Video übrigens zu sehen: Der spätere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen sowie die Berliner CDU-Granden Klaus-Rüdiger Landowsky und Peter Kittelmann.


24
Mai 12

Die Schultern von Giganten – Rede eines Piraten an sein Volk

Liebe Ärztinnen und Ärzte, bei Ihnen, verzeihen Sie bitte, wenn ich das so ohne Umschweife sage, muss ich immer besonders laut lachen, wenn Sie auf Ihren Privilegien beharren.
Wann hat das letzte Mal ein Arzt etwas wirklich Eigenständiges erfunden?
Was hätten Sie Ihren Patienten anzubieten außer ein paar Blutegeln, wenn nicht Antibiotika erfunden worden wären und Impfungen und Schmerzmittel und Psychopharmaka?
Von anderen, nicht von Ihnen!
Sie könnten hilflos die Schultern Ihrer Patienten tätscheln, wenn die mit Scharlach oder Kinderlähmung zu Ihnen kämen.
Und doch spielen Sie sich auf und wollen Geld dafür, dass Sie Ihre Unterschrift auf die gestrichelte Linie eines Zettels setzen! Wo doch jeder Mensch, der eine Suchmaschine benutzen kann, selber weiß, was er hat, was er dafür braucht – und dass das eben Sie auf keinen Fall sind.

Das Wort Arzt war früher ein Schimpfwort, Ärzte standen in dem Ruf, mehr Menschen ausgelöscht zu haben als alle Armeen der Welt. Dass sich das geändert hat, ist nicht Ihnen zu verdanken!
Sie schulden dem Weltgeist etwas, meine Damen und Herren. Bloß weil Sie vor 20, 30, 40 Jahren etwas Wissen angehäuft haben, das längst veraltet ist, wollen Sie immer noch darauf beharren, einen Patienten zu befühlen.
Wissen Ihre Hände mehr als Google Scholar? Ist Ihr Auge schärfer als das von iMed?
Heilen Ihre Rezepte oder nicht doch die Medikamente, die andere im Verlauf der vergangenen hundert Jahre entwickelt haben?

Die Zeit hat Sie zurück gelassen, meine lieben Freundinnen und Freunde. Stehen Sie Ihr nicht länger im Weg.

Liebe Ingenieure, Fließbandarbeiter und Manager der Autoindustrie, Sie – jetzt werden Sie bestimmt gleich wieder losbuhen – sind ja fast noch schlimmer als die Ärzte.
Alle Räder stehen still, wenn Ihr starker Arm es will.
Aber sagen Sie mir, was Sie tun würden, wenn nicht in der römischen Sägemühle von Hierapolis eine Drehbewegung in einer lineare Bewegung umgesetzt worden wäre! Mit Hilfe einer Kurbelwelle!
Das war im dritten nachchristlichen Jahrhundert, meine Damen und leider ja doch hauptsächlich Herren!
Haben Sie die Autobahnen gebaut?
Wo wären Sie heute, wenn Gottlieb Daimler nicht von Ferdinand von Steinbeis gefördert worden wäre? Der war königlich-württembergischer Regierungsrat – ein Wirtschaftspolitiker!
Die Gemeinschaft hat Ihnen gegeben; Sie ziehen die Zäune hoch um das, was “Ihnen” gehört!
Meine Damen, meine Herren: Schämen Sie sich!
Wirtschaftsspionage? Ich glaub, mich tritt ein Pferd! Als könnte man Wissen klauen!
“Ihre” Patente? “Ihre” Ideen?
Nicht die Gangschaltung, nicht die Klimaanlage, nicht der Auspuff, keines der Materialien in Ihren Autos – nichts davon entstammt Ihrem Geist.

Und nun zu Ihnen, liebe Juristinnen und Juristen …


20
Mai 12

Alles Autobahnen außer Hitler

Nach dem Auftritt des neuen Piraten-Geschäftsführers Johannes Ponader in Günther Jauchs Politshow schrieb Frank Lübberding in der FAZ: “Er nennt sich „Gesellschaftskünstler“. Hier seien Beruf und Privatleben nicht zu trennen. Schon einmal gehört? Aus Wien? Von einem Postkartenmaler? Manche Menschen spüren halt die Berufung, für was auch immer.”
Auf eine Beschwerde Ponaders hin bat Frank Schirrmacher um Verzeihung und diese Passage wurde gelöscht.
Harald Martenstein, heute Kolumnist der ZEIT, schrieb 1997 in seinem Buch “Die Mönchsrepublik” über den Irrglauben, ein Wiedergänger Hitlers käme aus dem konservativen Milieu:
“Ein heutiger Hitler käme nicht von der Bundeswehrhochschule (…). Hitler würde selbstverständlich im Naturkost-Laden einkaufen und Birkenstock-Schuhe tragen, sicher hätte er Sympathien für Greenpeace und andere, möglichst militante Umweltgruppen.”

Der politisch interessierte deutsche Mensch fürchtet sich vor dem politischen Verführer. Vor jemandem, der durch abweichendes Verhalten Bonuspunkte sammelt. Die Nazis waren eine Partei, die die Jugend fasziniert hat. Das war zu einer Zeit, in der die Bevölkerungsstruktur in Deutschland der im heutigen Iran glich, natürlich ein ungeheurer Vorteil.
Eine heutige Jugendbewegung kann allein schon wegen der galoppierenden Vergreisung niemals diese Durchschlagskraft entwickeln wie die Nazibewegung, und doch reicht das Wenige an Energie, das da gerade mit und durch die Piraten in Gang kommt, eine gewaltige Verunsicherung mit sich zu bringen.
Denn schließlich: Seit Jahrzehnten ist diese Energie nur auf dunkle und dunkelste Motive abzielend freigesetzt worden.
Republikaner, Schill Partei, Partei Rechtsstaatliche Offensive oder die NPD – stets war Hass Triebfeder des Erfolgs.
Einzige Ausnahme war “Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG), die mittlerweile mit der PDS zur Partei “Die Linke” verschmolzen wurde.
Außer den linken Sozialdemokraten also nur Rechtspopulisten und waschechte Nazis, die mit wenigen Themen und Andersartigkeit Erfolge erzielten.

Die Skepsis angesichts der zur Schau getragenen Unbürgerlichkeit Ponaders ist bei so unterschiedlichen Kommentatoren wie Nilz Bokelberg und Don Alphonso zu finden. Bei beiden mit dem Tenor: “Wenn Ihr Eure – zum Teil gar nicht so blöden – Ideen an den Mann/die Frau bringen wollt, dann lenkt nicht ab mit Euren dämlichen Zehen und Eurem unhöflichen Getwittere.”

Demnach wäre Ponader also einfach der beknackte Spät-68er-Onkel, der durch permanentes Kettenrauchen selbstgedrehter Zigaretten und generelles Ungewaschensein den kleinen Neffen für Jahrzehnte unempfänglich macht für Kommunismus und Freie Liebe.
Ponaders Neuentdeckung des Geruchsfernsehens ist jedoch mehr: Zum einen stärkt das demonstrative Twittern einen bei den Piraten sowieso vorhandenen Korpsgeist, der sich paradoxerweise gerade in der selbsterlebten Besonderheit ihrer herausragenden Vertreter spiegelt, indem es den anderen ganz klar zeigt: Ihr habt den Knall nicht gehört; zum anderen kann der klug und besonnen argumentierende Ponader vom Dolly Buster-Effekt profitieren: Wer so ausschaut und dann etwas nicht völlig Irres sagt (und sei es nur: “Wir sollten alle sachlich miteinander reden”), der sorgt schon für eine angenehme Überraschung.
Überhaupt gewinnen die Piraten in den Talkshows, weil sie anders sprechen als Politiker. So war Seehofers Röttgen-Tirade die erste Entsprechung der Twitter-Flamewars zwischen Piratenpolitikern. Transparenz und Geradlinigkeit machen Politik aufregend – und ungeheuer unübersichtlich. Wer sich nicht manisch mit der Beschaffenheit der Fraktionen und Fraktiönchen (die größtenteils nur Mannstärke erreichen) innerhalb der Piraten auseinandersetzt, der weiß über diese Partei im Grunde nichts.
Greift die Art des politischen Umgangs, wie ihn die Piraten pflegen, um sich, können sich, wo gestern noch die CDU war, morgen schon Merzianer und Merkelisten für alle sicht- und wählbar gegenüber stehen. Einzelkämpfer mit loser Parteibindung, die sich in einer Art Dauerdemoskopie von ihren kurzzeitigen Unterstützern bestätigen lassen.

Das wäre eine andere Politik. Das wäre ein anderes Land.
Die drängendste Frage wäre: Kann eine Politik, die dauernde Mitgestaltung verlangt, von allen geleistet werden? Und kann der türkische Fließbandarbeiter, die alleinerziehende Mutter, der Krankenpfleger – können Menschen, denen es an Zeit und Muße fehlt, sich rund um die Uhr mit Politik zu beschäftigen, noch repräsentiert werden, wenn die repräsentative Demokratie abgeschafft wird?
Sind die Minderheiten noch geschützt, wenn sie sich nicht selber um ihren Schutz kümmern können?

Und was hat noch einmal Hitler mit den Piraten zu tun?
“Es war Adolf Hitler, der mit seinen deutschen Nazis erstmals das noch junge Urheberrecht mit Enteignung bekämpfte. (…) Die Piraten wollen im Internet jeglichen Datenfluss vom einzelnen Urheber abkoppeln, bezahlt wird, wenn überhaupt, mit lächerlichen Pauschalen, die Kontrolle über das eigene Werk wird den Urhebern und Rechteinhabern endgültig genommen.”
Das schrieb Jürgen Stark, ehemals Herausgeber des Metal Hammer, über die Piraten.

Das nun ist eine andere Liga als Lübberdings Milieubeschreibung, hier geht es nicht um eine allgemeine Verunsicherung, hier geht es darum, wirtschaftliche Interessen durch Verleumdung des Gegners durchzusetzen.

Gleichzeitig sehen sich die Urheber als erste nicht (mehr) repräsentierte Minderheit – was vielleicht ihre Empörung etwas verständlicher macht.

Ein Vergleich der Piraten mit den Nazis hinkt wie Goebbels. Steven Pinker hat in “The Blank Slate” nachdrücklich davor gewarnt, jeden denkbaren Aspekt von Hitlers Glaubensinhalten mit dessen unauslöschlicher Schuld zu vermischen. “Ideas are connected to other ideas, and should any of Hitler’s turn out to have some grain of truth – (…) – we would not want to concede that Nazism wasn’t so wrong after all.”

Sollte sich also herausstellen, dass das Urheberrecht modernisiert werden muss – hatte Hitler dann Recht?

Die Piraten sind die aufregendste politische Erscheinung seit ich politisch denken kann. Das wird vielen so oder ähnlich gehen. Es ist völlig klar, dass dabei Vergleiche verrutschen und Gefühle querschießen.
Vielleicht hilft es, bevor man beispielsweise sagt, dass Christopher Lauer der neue Hitler sei, weil er so oft die Augen rollt, sich zurückzuziehen und zu fragen: “Würde dieser Mann eine Autobahn bauen?”


11
Mai 12

Epidemie der Einsamkeit

Einsamkeit und die Angst vor ihr sind so alt wie die Menschheit. Schon Adam und Eva hatten keine Freunde. Und doch mehren sich die Zeichen, dass wir einsamer sind als unsere Ahnen. Der Mensch, das gesellige Tier: Wird er zum Einzelgänger? Dort, wo jetzt alle sind, im Internet, meint man, die Einsamkeit besonders zu spüren. Und doch kann man nie sicher sein.

Die junge Frau mit den hundertfünfzig Selbstporträts bei Facebook: Ist sie eine aufstrebende Künstlerin oder kennt sie niemanden, der die Kamera halten würde? Der Blogger, der handtuchlange Texte über die Finanzkrise schreibt, jeden Tag, die allesamt unkommentiert bleiben: Ist er ein engagierter Bürger oder die jugendliche Karikatur des alten Mannes, der Selbstgespräche vor dem Spiegel führt?

Im Land der Klicks bleibt immer ein blinder Punkt, und dort, wo niemand hinschauen kann, gedeiht die Einsamkeit.

Eine der bekanntesten Internetcomicfiguren, millionenfach per Mail verschickt, auf Profilen gepostet, in Foren verbreitet, ist das Forever-Alone-Gesicht, ein kartoffelförmiger Kopffüßler mit unendlich traurigen Augen. Typische Sprechblasen zu dem Forever-Alone-Gesicht sind: „Mein neues iPhone? – Ein 400 Euro teurer Wecker!“, „Meine Freundin ist wie eine Rolex – Ich habe keine.“ oder „Unattraktiv sein heißt, das Dating Game im höchsten Schwierigkeitslevel zu spielen.“

Ein Klaps auf die Schulter

Häufig werden die Forever-Alone-Comics selbstironisch gepostet. In der Kohlenstoffwelt gehört Einsamkeit zu den letzten Tabus. Vom Burn-out kann man sprechen, weniger gern schon vom Bore-out, Depressionen kann man zur Not noch eingestehen, aber Einsamkeit?

Wer Einsamkeit zugibt, der bekommt vielleicht einen Klaps auf die Schulter, gilt danach aber nicht mehr als teilnahmefähig. In der Anonymität des Netzes ist es möglich, seine Einsamkeit einzugestehen. Wo alle einsam sind, ist niemand allein.
In 40 Prozent aller deutschen Haushalte lebt nur eine Person. Nicht einmal jeder dritte Haushalt hat Nachwuchs. Und von den Kindern, die zur Welt kommen, bleibt jedes vierte ein Einzelkind.

Wenn wir diese Zahlen beiseite lassen, die so zwar Vereinzelung, nicht jedoch Vereinsamung, erfassen: Spricht etwas dafür, dass wir in einer Epoche der Einsamkeit leben? Und wenn es so wäre: Könnten wir es ändern? Und vor allem: Was hat Facebook damit zu tun?

Die in London arbeitende Ärztin Ishani Kar-Purkayastha schrieb im Dezember 2010 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ von einer 82-jährigen Patientin namens Doris, die eine Erkrankung vortäuschte, um Weihnachten im Krankenhaus zu verbringen und nicht allein daheim. Der Artikel hieß „Eine Epidemie der Einsamkeit“, und dieser Begriff hat spätestens damit Verbreitung gefunden. Noch im Jahr 2000 war er ganz und gar ungebräuchlich. War der Mensch damals noch weniger einsam?

Eine nicht zuhörende Welt

In einer Studie der Rentnervereinigung American Association of Retired Persons aus dem Jahr 2010 wurde festgestellt, dass 35 Prozent aller Menschen über 45 chronisch einsam sind, 15 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor. Kann das sein? Ist Einsamkeit nicht bloß sichtbarer geworden?

So wie das Privatfernsehen Dummheit sichtbarer macht, sodass es bei oberflächlicher Betrachtung wirkt, als seien wir alle verblödet und geistige Dschungelcampbewohner, lässt uns das Internet Einsamkeit sehen. Das Singlemädchen, das jedes Statusupdate mit einem „Gefällt mir“ versieht, der Kommentator, der im Spiegelforum unbedingt ausdiskutieren muss, ob Jogi Löw der geeignete Bundestrainer ist, der einsame Blogger: Auch den gab es ja schon vorher, der ist nicht durch die Möglichkeit, seine Gedanken einer nicht zuhörenden Welt mitzuteilen, plötzlich vereinsamt. Und warum überhaupt „Epidemie“? Einsamkeit spielt sich doch in einem Menschen ab – ansteckend ist sie ja wohl nicht.

Weiter bei der Berliner Zeitung

Links zum Thema: Diplomarbeit von Alexander Putzl – Einsamkeit, Gesellschaftliche Ursachen, Gesundheit und Prävention
Is Facebook making us lonely?
An epidemic of loneliness
First Chapter
‘Outliers’