27
Apr 12

Julia Schramm und das Ende der Privatheit

Ich bin in den vergangenen Wochen einige Male gefragt worden, was ich denn gegen Julia Schramm habe. Eine Frage, die zeigt, dass das Politikverständnis, für das Figuren wie Schramm stehen, um sich greift.
Denn wer würde ernsthaft fragen, was ich gegen Guido Westerwelle habe oder gegen Christian Wulff? Schreibe ich über die beiden, dann ist selbstverständlich, dass ich über sie als Politiker schreibe.
Schramm aber, die alles, was sie für einen Gedanken hält, dem Netz anvertraut, die will mit ihrer ganzen Persönlichkeit gesehen werden.
“Was ist an mir nicht zu lieben?”, fragt sich das ungeliebte Kind und reißt noch einem Schmetterling die Flügel aus.

Julia Schramm will als Mensch gesehen und geliebt werden. Ich schaue sie mir danach an, ob sie Außenministerin sein könnte. Die Vorsitzende einer 13%-Partei muss ein Ministeramt ausfüllen können.
Wichtig für ein Amt in der Regierung ist Glaubwürdigkeit.
Schramm jedoch editiert sich die Wirklichkeit zurecht.
Ihr Kampfname lautet wegen ihres mangelnden Interesses an ihrem Vortagsgerede längst “Adenauer”, sie ist so meinungsstark, dass sie zu jedem Thema gleich mehrere Meinungen hat.

Der FAZ gegenüber nennt sie den Prozess des Revidierens, Vertuschens, Löschens und Lügens: hegelianische Dialektik. Weil sie ihre smileyreichen Tweets und unlesbaren Blogposts gerne mit grauenhaften Soziologismen versieht und “Poststrukturalismus” tippen kann, gilt sie recherchefaulen Journalisten und unbelesenen Nerds als Intellektuelle.
Das passt zu Schramms tatsächlich so gemeintem Selbstbild als Zeitgeistreflekteuse, lässt jedoch Menschen, die wirklich mal zwischen zwei Buchdeckel geschaut haben, sich in ihren Mund übergebend zurück.
Die aufgeblasenen Nichtigkeiten, die im Nirgendwo endenen Satzungeheuer, die wild erfundenen Adjektive, die halbrichtig benutzten Floskeln ((“…) als würde ich der Theorie von Finkelstein den Mund reden”), sie alle dienen nur dem Ziel, das geistige Tumbleweed zu verbergen.

Die FAZ hat sich bei ihr erkundigt, was an Schramms Behauptung, ihr sei aus ideologischen Gründen die Mitgliedschaft in der FDP verweigert worden, dran sei:
“Als wir Julia Schramm damit konfrontieren und fragen, aus welchem Grund sie die FDP abgelehnt hat, erzählte sie eine neue Geschichte. Sie habe aus finanziellen Gründen nur den halben Mitgliedsbeitrag zahlen können. Die FDP äußerte sich zu diesem Anliegen nicht. Die Sache versandete. Von einem Ideologiekampf weiß niemand.”

Julia Schramm wird die Jutta Ditfurth der Piraten. Und ich sage das nicht einmal wegen der optischen Ähnlichkeit. Sondern weil sie bis jetzt jedem Mitstreiter den Dolch in den Rücken gebohrt hat, sobald sich die Gelegenheit bot.

Über ihre Abkehr von der Spackeria, durch die sie bekannt geworden ist, schreibt die FAZ (samt hochnotpeinlicher Baum-Geschichte), ihre Abkehr vom brutalen Antifeminismus hin zu einem Gelegenheitsgenderismus wird bei Sanczny nachgezeichnet.

Die Reaktion von Julia Schramm:
“haha :D die scheint echt ein selbstwertproblem zu haben :D”
und
“sie hat auch ein persönliches problem mit mir. keine ahnung warum. ich kannte sie gar nicht, bevor sie mich zu disse begann ^^”

Zu dem FAZ-Artikel lautet ihr Kommentar natürlich:
“Ah, so macht man bei der FAZ also Wahlkampf.”

Julia Schramm ist mit der Kandidatur Politikerin geworden. Wenn ihr Verlobter Fabio Reinhardt ihr in dem Shitstürmchen um ihre hirnlosen Holocaustäußerungen beispringt mit den Worten: “Einer Publizisten und Politikwissenschaftlerin vorzuwerfen, dass sie Anfang 2011 auf einem Blog, der vor allem für Lyrisches und Publizistisches eingerichtet wurde, einen Kommentar geschrieben hat, bei dem sie nicht berücksichtigt hat, dass sie ja vielleicht mal missverstanden werden könnte, wenn sie Bundesvorsitzende einer Partei werden will, halte ich für arg konstruiert.” bedeutet das nicht nur das Ende aller Post-Privacy-Ideologie. Es zeigt auch an, dass die Privatheit der Julia Schramm vorbei ist.
Dass sie jeden Kritiker als Feind versteht, wird ihr dabei eher nicht so gut bekommen.


18
Apr 12

Geld

Der bedeutende Soziologe Dirk Kaesler hat einen ausführlichen Artikel zu den Honorarzahlungen für wissenschaftliche Sachbücher geschrieben.
Aus persönlicher Erfahrung spannt er einen Bogen von 1971 bis heute. So viel kann ich verraten: Die Dinge sind nicht besser geworden.
Sehr interessant auch die Geschichte des Autorenhonorars:
“Die frühesten Formen der Autorenhonorare im Bereich der Texterstellung und -bearbeitung lassen sich bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Im 16. Jahrhundert war es übliche Praxis, die Autorenhonorare in Form von „Dedikationen“ – also beispielsweise Widmungen an den regierenden Fürsten oder Bischof – einzufordern. Diese wurden im Regelfall im Vorfeld nicht befragt und erhielten erst nach dem Druck des Werkes einen Anteil der Drucke mit dem Wunsch der Bezahlung unter Hinweis auf die Widmungen. So mancher weltliche oder geistliche Würdenträger fühlte sich derart geehrt, dass er dem Textproduzenten Geld oder geldwerte Vergünstigungen zukommen ließ.”

Kathrin Passig hat die Angaben, die sie im Tagesspiegel zu ihrem Einkommen gemacht hat, auf Facebook noch konkretisiert. Hier zusammengefasst von Leander Wattig. (via wirres)


17
Apr 12

Die Umkleidekabine der Piraten

Meike Lobo hat einen offenen Brief an die Piraten geschrieben und darin alle Punkte benannt, die auch mir aufstoßen.

Und mit der Zuverlässigkeit eines preußischen Güterzugs kommt auch gleich ein Kommentar wie dieser hereingerollt:
“Wenn man beim Theater in die Umkleiden schaut, dann sieht das da auch viel Chaotischer aus, als es auf der Bühne den Anschein macht. Die Piraten-Umkleide ist jetzt einfach die erste Umkleide, die man im Detail zu Gesicht bekommt.”

Diesen Scheiß höre ich jetzt schon, seit es die Piraten gibt.
Warum um alles in der Welt glaubt das jemand? Bei den Grünen: Sagen da auch die Männer den Frauen, sie müssten nur mal tüchtig durchgefickt werden? (Eine Behauptung übrigens, die mir schwer nachweisbar erscheint – Intelligenzzugewinn durch Peniszuführung ist eine eher esoterische Heilmethode.)

Und bei der CDU: Kann da auch im Grunde niemand eine tagespolitische Frage beantworten, täuscht das aber vor?

Und die von der SPD hacken auch die Websites ihrer politischen Gegner?

Und wenn bei der FDP einer von der Führungsriege vor zwei Jahren noch Muslime als Muselmänner bezeichnet hätte, dann fänden wir das auch alle total lustig und normal und würden das als Wachstumsschmerzen abtun?

Ok, am Ende sind Piraten eben auch bloß Seemänner, und die sind rauh, büschen verstrahlt, habens nicht so mit Frauen und bleiben eh lieber unter sich, und wenn einer von ihnen angegriffen wird, greift irgendein Ehrenkodex, den Landratten nicht verstehen können.
Verstehe.
Dann wählt euch doch selber.


17
Apr 12

Mein Freund, das Netz

Für die FAZ habe ich einen Artikel über das Urheberrecht verfasst. Und eigentlich auch nicht.

“Das kreative Potential der Gesamtbevölkerung wird gern überschätzt. Natürlich entstehen wunderbare Werke aller Art im Internet, von Amateuren geschaffen, Videofilme, Gedichte, Bilder. Aber Youtube, dereinst angetreten, um jedem Menschen seinen eigenen Fernsehsender zu verschaffen, zeigt die Richtung an: Bei allem Wunderbaren, das Amateure hervorbringen – die Leute schauen am liebsten die Profis: Fast eine halbe Milliarde Mal wurde Lady Gagas „Bad Romance“ auf Youtube geklickt. Der größte Popstar der Welt steht an der Spitze: Das Internet stellt die Welt nicht auf den Kopf, es bildet sie ab.”

Weiter bei der FAZ.


15
Apr 12

Jana Freebird Pallaske sitzt in einem Baum und erklärt die Weltwirtschaft

Jana Freebird Pallaske legt ihre Hände zusammen vor Maybritt Illner.

Testfrage:
Was ist Jana Pallaske? (Nicht irritieren lassen von der Bauchbinde!)

Weswegen haben wir DNA?
Warum hat Jana Freebird Pallaske ihre Website?

Und zum Schluss: Jana Freebird Pallaske ist gerührt auf einer Bühne.

Testfrage: Was tut Jana Freebird Pallaske, wenn sie Angst hat? Was hat der Reifen damit zu tun?


14
Apr 12

Irgendwann… FDP

Irgendwann wird man Kassiererinnen ersetzen durch vollautomatische Scannerkassen.

Irgendwann wird man Kindergärtnerinnen ersetzen durch Nanny-Roboter, die aussehen wie Mary Poppins.

Irgendwann wird man Altenpfleger ersetzen durch Pflegeroboter, die aussehen wie George Clooney oder Angelina Jolie.

Irgendwann wird man Richter, Anwälte und Ankläger ersetzen durch mit Paragraphen, Urteilen und Lehrbüchern gefütterte Maschinen.

Irgendwann wird man Schauspieler ersetzen durch Avatare.

Irgendwann wird man Autoren ersetzen durch Schreibprogramme.

Irgendwann wird man Vorstandsvorsitzende ersetzen durch unfehlbare Computerhirne.

Aber nie wird ein Rechner reich sein.

Reiche Menschen sind unersetzlich.
FDP


10
Apr 12

Amateurpornographie

Die Amateurpornografie im Internet boomt, während die Pornoindustrie schwächelt. Die Aktien führender Erotikunternehmen sinken im Kurs, die Umsätze brechen ein und erstmals erwägt die Industrie, die bisher vermeiden wollte, ihre Kunden vor Gericht zu zerren, Klagen gegen Urheberrechtsverletzer.

Wie kann das Makelbehaftete das Glattpolierte, wie kann das Menschliche das Übermenschliche hinter sich lassen? Das Phänomen Amateurpornografie ist noch nicht einmal im Ansatz verstanden. Steht es für die Demokratisierung des Sex, ist es gar marxistisch geprägt oder ist es im Gegenteil Auswuchs des Kapitalismus? Was treibt die Darsteller an und was die Konsumenten?

Schon der Begriff ist seltsam hybrid. Zusammengesetzt aus dem französischen Wort für Liebhaber und dem aus zwei altgriechischen Nomen (pórne und graphein) entstandenen Kunstwort Hurenschrift, treffen hier also die Hure, der Inbegriff des Professionellen, und der Amateur zusammen.

Und bei Privatamateure.com vermarkten sich die Amateure gar selber. Die Professionalisierung aus Liebhaberei: Man könnte fast meinen, dass der Begriff Amateurpornografie am Ende Synonym für das Web 2.0 und seine Monetarisierungsbestrebungen ist.

Hier geht’s zum «Meat-Shot»
Zunächst ist nicht alles Amateur, wo Amateur draufsteht. Das im Zusammenhang mit Amateurpornografie am häufigsten genannte Portal Youporn.com, ein Youtube-Klon für Einhandsurfer, bietet Filmschnipsel mit anregenden Titeln wie «sexy Ladyboy», «geiles Duschen mit Tittenschwester» und «sexy Lesbians strip and playing Part 10» an.

Alles offensichtlich Profiaufnahmen, man ist sich angesichts der Frisuren nur nicht sicher, aus welchem Jahrhundert sie stammen. Das einzig Amateurhafte an ihnen sind die von dilettantischen Nagelstudioassistentinnen applizierten Fingernägel der Darstellerinnen.

Die grelle Ausleuchtung der epilierten Geschlechtsorgane (der sogenannte «Meat-Shot»), das künstliche Stöhnen der Akteure (als würde man einen Lidl-Angestellten nach einer Acht-Stunden-Schicht bitten, mal ein paar geile Geräusche zu machen), die Plastikbrüste, das Platinhaar – das sind alles Zutaten dessen, was diese Branche sich nicht schämt professionell zu nennen.

Erektionen und Intimsphären
Die so dringlich gesuchten (jeder Blogger, der sich in den Statistiken seines Blogs anschaut, mit welchen Suchbegriffen die Surfer auf seine Seite gekommen sind, wird dort schon mal «meine Nachbarin nackt», «Ex oben ohne» oder Ähnliches entdeckt haben), tatsächlich gänzlich authentischen Privataufnahmen verdanken die Konsumenten zum einen dem alttestamentarischsten aller Gefühle: der Rache.

Exfreunde, die sich an ihren Verflossenen dadurch rächen wollen, dass sie die privaten Aufnahmen ins Netz stellen, sorgen für steten Nachschub. Dieser Vertrauensbruch ist so unmoralisch wie strafbar und für das Opfer demütigend, aber die moralische Messlatte, die der suchende Surfer anlegt, ist in der Regel antiproportional zum Grad seiner Erektion.

Gehackte Festplatten und versehentlich freigegebene Ordner in Tauschbörsen bilden den zweiten Pool. Auch diese Art von Amateurpornografie ist ein brutaler Eingriff in die Intimsphäre der Betroffenen und ebenso wenig wie die Rachefotos hier Gegenstand der Erörterung.

Subversiv oder narzisstisch?
Der größte Teil der Amateurpornografie aber wird von den Darstellerinnen und Darstellern selbst öffentlich gemacht. Die Autorinnen Christiane Ketteler und Kerstin Stakemaier sehen darin die libertäre «Selbstverwirklichungsphantasie spätkapitalistischer Narzissten.» Der Journalistin Iris Radisch zufolge ist die einst im Raum stehende Idee eines Neuentwurfs der Geschlechterrollen durch das neue Medium mittlerweile durch die Realität ad absurdum geführt worden. Die Internetportale böten keine «subversive Gegenkraft zur kommerziellen Pornografie», sondern seien bloß «deren massenhafte traurige Nachäffung.»

Kumulieren in der Amateurpornografie also seelische Störungen und die Vermarktung auch des letzten Bereichs der menschlichen Intimsphäre? Eine ganz andere Deutung bietet der amerikanische Autor Chuck Klosterman. Er schreibt in seinem Buch «Sex, Drugs and Cocoa Puffs», Amateurpornografie würde uns Kontakt zu unserer Realität geben, sie würde uns erden.

Das Internet sei dem Wesen nach marxistisch, jeder Mensch mit einem Modem habe Zugang zu allen Informationen und könne so herausfinden, dass Gwen Stefani nackt recht menschlich sei und die Brustwarzen von Alyssa Milano und einer Kellnerin aus South Dakota einander überraschend ähnlich sehen. Wenn man nackte Berühmtheiten suche, stecke dahinter der Wunsch, zu sehen, dass diese keine Götter seien. Und so ist auch im Boom der Amateurpornografie eine Vermenschlichung der dargestellten Sexualität, eine Vertreibung der sexuellen Superstars aus dem Olymp, zu sehen.

Selbstvergewisserung in drei Stellungen
Nach der Ansicht Klostermans hilft uns die Amateurpornografie, uns im Netz wohl zu fühlen. Angesichts der irritierend perfekten Welt aus Nullen und Einsen sei sie der Beweis, dass hinter all den Daten am Ende Menschen stehen. Das mag um die Ecke gedacht klingen und auf Anhieb scheint die Erwiderung von Mark Ames in der «New York Press» plausibler. Klosterman liege falsch, schreibt er: «Amateurpornografie gibt dem Nerd das Gefühl, das Objekt beschlafen zu können.»

Und doch ist Klostermans Gedanke reizvoll. Wir haben mit dem Internet eine technische Möglichkeit, die vor wenigen Jahren nicht einmal vorstellbar war und wir nutzen diese Möglichkeit, um zutiefst menschlichen Bedürfnissen nachzugehen. Vielleicht sogar dem menschlichsten schlechthin – der Selbstvergewisserung. Denn nur der Mensch ist seiner Selbst gewahr in dem Sinne, dass er sich ein Bild von sich in seiner Umwelt machen kann.

Kamasutra-Akrobatik kann helfen
Wir publizieren unsere Tagebücher, wir teilen unsere privatesten Gedanken in der Hoffnung auf Reaktion, auf Verständnis. Wir werden selber zu Experten und misstrauen den Gurus und wir stoßen die sexuellen Übermenschen vom Thron, indem wir Menschen wie uns selber beim Sex zuschauen.

Einer der Hauptvorwürfe gegen Pornografie, dass nämlich durch die Übernatürlichkeit der Darsteller, die riesigen Penisse und Brüste, die Immer-Verfügbarkeit, die Kamasutra-Akrobatik, die im Sportstudio gestählten Körper zur Frustration und letztlich zur Abkehr vom Beziehungsbeischlaf führen, wird durch die Amateurpornografie deutlich abgeschwächt.

Man sieht, was man sich schon denken konnte: Andere Menschen haben auch Sex. Und sie haben überlange Vorhäute, Erektionsprobleme, Hängebrüste, Cellulite, Schwangerschaftsstreifen, Pickel, ein Repertoire von dreieinhalb Stellungen und kommen zu früh oder gar nicht zum Orgasmus, je nach Geschlecht. Selbst Schambehaarung kehrt auf den Bildschirm zurück. Sie sind wie wir. Und sie mögen sich und allem Anschein nach auch ihren Partner. Amateurpornografie ist sehr beruhigend. Die Demokratie hat sich durchgesetzt auf dem Sexualmarkt.

Noch ein alter Text aus der Netzeitung.


10
Apr 12

Zwei Piratenparteien

Wenn man sich mit jemandem über Musik unterhält, dann besteht immer Einigkeit. Gut soll sie sein, frisch soll sie sein, Traditionen nicht verleugnen, aber weiterentwickeln. Tanzbar, trotzdem hörbar.
Alles klar.
Bis man einander die Festplatte zeigt.
Dann hört der eine Ambient und der andere Rihanna.

In etwa so geht es derzeit den Piraten. Politik in gut, fairer, transparenter, offener, mit mehr von MEINER Meinung drin und irgendwie mit Netz.
Netz ist da. Was fehlt, das ist der doppelte Boden.

Das tagesthementaugliche Skandälchen, auf das die Jungen Piraten hingewiesen haben, verdeutlicht in der darauf folgenden Debatte, dass wir es bei den Piraten mit zwei Parteien zu tun haben.
Mit einer Partei, die einer Politikrichtung folgt, die es bisher außer in einigen esoterischen Juristenzirkeln gar nicht in Deutschland gab: dem Libertarismus.

Und mit einer klassisch ultralinken Partei, die in gesellschaftlichen Forderungen links von der Linkspartei anzusiedeln ist.

Als Beispiel sei hier ein Pirat namens Störtebeker* genannt, der in den Kommentaren zum offenen Brief der Jungen Piraten schrieb:

“Wenn jemand sich nicht von Aus­län­dern pfle­gen las­sen möchte: Bitte, das ist doch wohl jedem selbst über­las­sen, oder etwa nicht ? Und auch das öffent­lich zu machen, sollte kei­ner­lei Ein­schrän­kung unter­lie­gen.
Sonst sind die Pira­ten nur ein schlech­ter Abklatsch der eta­blier­ten Par­teien.
Hier soll­ten alle (!) Mei­nun­gen und Ansich­ten tole­riert und dis­ku­tiert wer­den (kön­nen), um dann zu einem gemein­sa­men Ent­schluß zu kom­men — das ist dann Basis­de­mo­kra­tie.
(…)
Bestimmte Ein­stel­lun­gen und Ideen von vorn­her­ein abzu­blo­cken, aus wel­chen Grün­den auch immer, halte ich für das (bis­her) große Manko in Deutsch­land und die Ursa­che der extre­men Poli­tik­ver­dros­sen­heit.”

Es ist erstaunlicherweise wie bei Reddit, der größten Social News Website der Welt.
Dort gibt es das althergebrachte Reddit, das selten einem naheliegenden Witz ausweicht, dabei oft komisch, sogar intelligent ist, aber auch gerne mal rüde und verletzend. Die Nutzer kommen aus allen Ländern, also reden wir nicht zwangsläufig von einem weißen Privileg, das sich dort austobt, aber doch von einem männlichen.
Auf der anderen Seite das Subforum reddit.com/r/ShitRedditSays, eine Plattform, auf der sexistische, rassistische, schwulenfeindliche, transphobe Threads und dergleichen mittels scharfem Humor bloßgestellt werden, immer auf der Demarkationslinie zwischen berechtigtem Anliegen und in der eigenen Suppe schwitzendem Circlejerk.

Obwohl Fleisch vom Fleisch des jeweils anderen, ist die Feindschaft mittlerweile so tief, dass ein Dialog nicht mehr stattfindet. So weit ist es bei den Piraten noch nicht, der Dissenz ist unter Umständen noch gar nicht allen klar geworden.

Während die eine Meinung bei den Piraten dem in unserem Grundgesetz garantierten Minderheitenschutz entspricht und ihn ins Extrem weiterdenkt, also nach und nach jede denkbare Verletzung jeder denkbaren Minderheit verhindern oder bestrafen will, schert sich die andere nicht um Gesetze und baut auf eine Art gesunden Menschenverstand und das Recht des Witzigeren.

Soll die Gesellschaft ein unendlich geschützter Raum sein oder ein unendlich offener?

Alle anderen Parteien haben sich im Grunde in der Mitte dieser Positionen getroffen. Bei den Piraten gehe ich eher davon aus, dass beide Positionen erhalten bleiben, und es zu einer Spaltung kommen wird. Nerds sind verdammt stur.

* Das klingt wie “ein Koreaner namens Kim”


08
Apr 12

Mozart brauchte kein Copyright

Musikindustrie. Das klingt, als gäbe es an einem Ort im Ruhrgebiet eine Fabrik, wo Bohlens, Scooters oder Neptunes im Blaumann am Fließband stehen und Töne ineinander stöpseln. Tatsächlich geht es in der Musikindustrie aber nicht mehr um die Herstellung von Musik.

Was man auch liest in diesen Tagen: Immer geht es um das Copyright. Sei es in den Verhandlungen mit Apple, in denen man darauf drängt, dass Musik auf dem iPhone teurer sein soll als bei iTunes; sei es auf der Webseite des Bundesverbandes der Musikindustrie, wo man sich hoch befriedigt darüber zeigt, dass das Landgericht Oldenburg den staatsanwaltlichen Zugriff auf Daten von Anschlussinhabern auch weiterhin ohne richterlichen Beschluss zulässt; seien es die Schadensersatzprozesse in den USA um hunderttausende Dollar wegen ein paar getauschter MP3s – immer geriert sich die Musikindustrie als Opfer, dem Milliardenwerte genommen wurden.

Ein Opfer, das die Vorratsdatenspeicherung unterstützt und seine Angestellten Bettelbriefe an die Bundeskanzlerin schreiben lässt. Wenn die Politik das geistige Eigentum nicht besser schütze, werde die kulturelle Vielfalt in Deutschland abnehmen und die Zukunft würde verspielt. Schließlich sei geistiges Eigentum das Öl des 21. Jahrhunderts. So schrieben neulich einige Künstler im Namen der Musikindustrie.

Geld und Copyright
Nun hat Geld die angenehme Eigenschaft, dass es besser wird, je mehr man davon hat. Insofern sind die Bemühungen der Musikindustrie natürlich legitim. Allerdings muss es ebenso erlaubt sein, den von der Musikindustrie immer wieder behaupteten Zusammenhang zwischen Copyright, finanziellem Erfolg und der Qualität der Kunst zu hinterfragen.

Denn diesen Zusammenhang gibt es nicht. Man kann reich werden ohne Copyright und wenig Geld verdienen trotz gesicherter Rechte, man kann, obwohl man durch Musik reich geworden ist, Zukunftsressourcen verspielen und mit den Ideen anderer Geld verdienen, ob es das Urheberrecht nun erlaubt oder nicht.

Diese These ist mit einigen Beispielen auch aus der Vor-Tauschbörsenzeiten leicht zu belegen. Wolfgang Amadeus Mozart bekam für ein Engagement als Pianist 1000 Gulden. Im Jahr verdiente er 10.000 Gulden. Wikipedia gibt an, dass Mozarts Zimmermädchen einen Gulden im Monat bekam, Mozart war also ein Top-Verdiener. Und das, obwohl in ganz Europa munter Notenblätter mit Mozart-Kompositionen gedruckt wurden, es gab schließlich noch kein Copyright.

Bach im Remix
Auch Mozart profitierte von dem noch nicht durch Verwertungskanäle begradigten freien Fluss des Geistes, denn seine eigene Musik war ebenfalls nicht frei von Einflüssen. Mozarts Requiem weist erstaunliche Übereinstimmungen mit dem Requiem Michael Haydns auf. Zudem bearbeitete Mozart Bach-Fugen und ersetzte die den Fugen voranstehenden Präludien durch für Streicher geeignete Eigenkompositionen. Dafür musste er nicht mit den Erben Bachs vor Gericht – er machte es einfach. Er remixte Bach. Er mashte ihn, er fledderte die toten Noten und schuf etwas Neues.

Dieses Vorgehen, das heute zu wütenden Plagiatsvorwürfen und mindestens bis Karlsruhe führen würde, hat ganz offensichtlich weder dem Ansehen Mozarts noch dem musikalischen Erbe Bachs geschadet.

Die größte Musik, die unsere Vorfahren oder sogar unsere gesamte westliche Kultur je geschaffen hat, entstand in geradezu anarchischer Freiheit. Und trotz – oder gerade dank – dieser Freiheit konnte man als Komponist ein Vermögen verdienen.

Robbie Williams und DJ Ötzi
Robbie Williams wiederum, bestens geschützt durch ein Heer von Anwälten (nicht einmal Fotos durften deutsche Journalisten auf seiner letzten Tournee von ihm machen), hat nach seinem Deal mit EMI, der ihm 127 Millionen Euro für sechs Alben verschafft hat, ein Live-Album, ein Greatest-Hits-Album und drei Studioalben zustande bekommen.

Keines der Werke brachte den erhofften Erfolg auf dem amerikanischen Markt, keines ist im popkulturellen oder gar musikalischen Gedächtnis geblieben. Wer kennt schon jemanden, der jemanden kennt, der ein Stück des Albums «Rudebox» summen könnte? Geld macht also – wen wundert es? – nicht kreativer.

DJ Ötzi, einer der Unterzeichner des Briefes an die Bundeskanzlerin, hatte seinen Durchbruch mit «Anton aus Tirol». Sage und schreibe 17 Menschen haben all ihre Geisteskraft in dieses Stück moderner Volksmusik gesteckt und zeichnen als Urheber verantwortlich für den strammwadigen Anton. Selbst wenn auf das Kopieren von Bierzelthymnen die Todesstrafe stünde, hätte diese Ansammlung von Dichtern und Denkern schwerlich ein Vermögen aus dem Alpen-Hit schöpfen können, denn Geld hat die unangenehme Eigenschaft, dass es schlechter wird, wenn man es teilt.

Geteilte Einnahmen
Copyright macht also mitnichten die Urheber der Werke reich. Der winzige Bruchteil am Verkauf einer CD, der tatsächlich in den Taschen der Komponisten landet (das größte Stück vom Kuchen sichern sich Rechteverwerter, Industrie und Handel), muss häufig mit Komponistenkollegen und Textern geteilt werden.

Ein Rechenbeispiel: Kostet eine CD im Handel 15,99 Euro, erhält der Künstler davon 64 Cent, also 4 Prozent des Ladenpreises. Beim Download eines einzelnen Songs für 1,39 Euro beträgt der Künstleranteil 5,6 Cent. Die eigentlichen Schöpfer der Werke sind unter den gegenwärtigen Bedingungen demnach gerade nicht gestellt, als würde die Industrie sie als das Bollwerk gegen kulturellen Verfall ansehen oder der Handel ihrem Beitrag den Stellenwert des Erdöls des 21. Jahrhunderts beimessen – ihr Anteil am Erlös aus dem CD-Verkauf ist geringer als der der Gema – die erhält 6 Prozent.

Folgehits von DJ Ötzi wie «Hey Baby», «Do Wah Diddy», «Burger Dance», «Ramalamadingdong» und «Ein Stern (der deinen Namen trägt)», die jeweils hohe Chartplatzierungen erreichten, waren allesamt Cover-Versionen. Auch der Gigant DJ Ötzi kann nicht ohne Inspiration von anderen arbeiten. Gar nicht so leicht also, den einzigartig schöpferischen Wert seiner Tätigkeit zu erfassen. Die Älteren würden es ein tolldreistes Bubenstück nennen, dass ausgerechnet jemand, der die Früchte anderer (die allerdings als Urheber mitverdienen) so zahlreich zu Markte trägt, sich als Opfer von Kopisten bezeichnet.

Wer gibt 1000 Gulden?
Niemand – weder Mozart noch DJ Ötzi – schafft Musik allein aus sich heraus. Immer bedarf es der Vorarbeit von anderen. Mal bedient man sich offen aus dem Vorhandenen, mal wird man inspiriert, ein anderes Mal mag man bestehende Strömungen weiterentwickeln – aber niemals kommt man auf die Welt, wandelt taub und blind umher und schreibt dann die Zauberflöte. Man kann Musik nicht stehlen. Ein Dieb nimmt dem anderen etwas weg. Musik aber bleibt.

Für die Allgemeinheit, für die Kunst, für unser kulturelles Erbe: Es könnte nichts unwichtiger sein als die Frage, wie denn nun die Kanzlerbriefunterzeichner Monrose, Dieter Thomas Kuhn und Atze Schröder ihr Talent zu Geld machen. Manche sagen: Hätten sie nur geschwiegen, dann wären sie Friseur geblieben.

Andere wiederum verweisen darauf, dass es furchtbar unfair sei, von der harten Arbeit der Unterzeichner Klaus&Klaus gratis und schunkelnderweise zu profitieren. Denen kann nur entgegengehalten werden: Dann sollen die beiden Nordsee-Barden (ihr größter Hit «An der Nordseeküste» basiert übrigens auf dem irischen Lied «The wild Rover») halt versuchen, sich von jemandem 1000 Gulden dafür zahlen zu lassen, dass sie für ihn Klavier spielen. Zimmermädchen, die für einen Euro arbeiten, gibt es ja mittlerweile wieder genug.

Diesen Text habe ich vor vier Jahren in der Netzeitung veröffentlicht. Die Redaktion der Netzeitung wurde unterdessen durch einen Computer ersetzt. Der Text gibt nicht mehr vollständig meine derzeitige Meinung wieder, enthält jedoch, wie ich finde, immer noch einige interessante Aspekte.


07
Apr 12

One Day on Earth