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Apr 12

Julia Schramm und das Ende der Privatheit

Ich bin in den vergangenen Wochen einige Male gefragt worden, was ich denn gegen Julia Schramm habe. Eine Frage, die zeigt, dass das Politikverständnis, für das Figuren wie Schramm stehen, um sich greift.
Denn wer würde ernsthaft fragen, was ich gegen Guido Westerwelle habe oder gegen Christian Wulff? Schreibe ich über die beiden, dann ist selbstverständlich, dass ich über sie als Politiker schreibe.
Schramm aber, die alles, was sie für einen Gedanken hält, dem Netz anvertraut, die will mit ihrer ganzen Persönlichkeit gesehen werden.
“Was ist an mir nicht zu lieben?”, fragt sich das ungeliebte Kind und reißt noch einem Schmetterling die Flügel aus.

Julia Schramm will als Mensch gesehen und geliebt werden. Ich schaue sie mir danach an, ob sie Außenministerin sein könnte. Die Vorsitzende einer 13%-Partei muss ein Ministeramt ausfüllen können.
Wichtig für ein Amt in der Regierung ist Glaubwürdigkeit.
Schramm jedoch editiert sich die Wirklichkeit zurecht.
Ihr Kampfname lautet wegen ihres mangelnden Interesses an ihrem Vortagsgerede längst “Adenauer”, sie ist so meinungsstark, dass sie zu jedem Thema gleich mehrere Meinungen hat.

Der FAZ gegenüber nennt sie den Prozess des Revidierens, Vertuschens, Löschens und Lügens: hegelianische Dialektik. Weil sie ihre smileyreichen Tweets und unlesbaren Blogposts gerne mit grauenhaften Soziologismen versieht und “Poststrukturalismus” tippen kann, gilt sie recherchefaulen Journalisten und unbelesenen Nerds als Intellektuelle.
Das passt zu Schramms tatsächlich so gemeintem Selbstbild als Zeitgeistreflekteuse, lässt jedoch Menschen, die wirklich mal zwischen zwei Buchdeckel geschaut haben, sich in ihren Mund übergebend zurück.
Die aufgeblasenen Nichtigkeiten, die im Nirgendwo endenen Satzungeheuer, die wild erfundenen Adjektive, die halbrichtig benutzten Floskeln ((“…) als würde ich der Theorie von Finkelstein den Mund reden”), sie alle dienen nur dem Ziel, das geistige Tumbleweed zu verbergen.

Die FAZ hat sich bei ihr erkundigt, was an Schramms Behauptung, ihr sei aus ideologischen Gründen die Mitgliedschaft in der FDP verweigert worden, dran sei:
“Als wir Julia Schramm damit konfrontieren und fragen, aus welchem Grund sie die FDP abgelehnt hat, erzählte sie eine neue Geschichte. Sie habe aus finanziellen Gründen nur den halben Mitgliedsbeitrag zahlen können. Die FDP äußerte sich zu diesem Anliegen nicht. Die Sache versandete. Von einem Ideologiekampf weiß niemand.”

Julia Schramm wird die Jutta Ditfurth der Piraten. Und ich sage das nicht einmal wegen der optischen Ähnlichkeit. Sondern weil sie bis jetzt jedem Mitstreiter den Dolch in den Rücken gebohrt hat, sobald sich die Gelegenheit bot.

Über ihre Abkehr von der Spackeria, durch die sie bekannt geworden ist, schreibt die FAZ (samt hochnotpeinlicher Baum-Geschichte), ihre Abkehr vom brutalen Antifeminismus hin zu einem Gelegenheitsgenderismus wird bei Sanczny nachgezeichnet.

Die Reaktion von Julia Schramm:
“haha :D die scheint echt ein selbstwertproblem zu haben :D”
und
“sie hat auch ein persönliches problem mit mir. keine ahnung warum. ich kannte sie gar nicht, bevor sie mich zu disse begann ^^”

Zu dem FAZ-Artikel lautet ihr Kommentar natürlich:
“Ah, so macht man bei der FAZ also Wahlkampf.”

Julia Schramm ist mit der Kandidatur Politikerin geworden. Wenn ihr Verlobter Fabio Reinhardt ihr in dem Shitstürmchen um ihre hirnlosen Holocaustäußerungen beispringt mit den Worten: “Einer Publizisten und Politikwissenschaftlerin vorzuwerfen, dass sie Anfang 2011 auf einem Blog, der vor allem für Lyrisches und Publizistisches eingerichtet wurde, einen Kommentar geschrieben hat, bei dem sie nicht berücksichtigt hat, dass sie ja vielleicht mal missverstanden werden könnte, wenn sie Bundesvorsitzende einer Partei werden will, halte ich für arg konstruiert.” bedeutet das nicht nur das Ende aller Post-Privacy-Ideologie. Es zeigt auch an, dass die Privatheit der Julia Schramm vorbei ist.
Dass sie jeden Kritiker als Feind versteht, wird ihr dabei eher nicht so gut bekommen.