30
Mrz 12

Die wechselvolle Biographie des Christian Lindner

Die New Economy habe ich nur sehr passiv erlebt. Damals studierte ich Jura und immer wieder passierte es, dass ein Seitenscheitel vor Aufregung verrutschte, weil wieder jemand über Nacht mehrere zehntausend Mark verdient hatte. In den Nachrichten hieß es, wer jetzt keine Infineonaktien kaufe, werde den nächsten Winter nicht auf den Bahamas verbringen, und im Duschraum des Fitnessstudios unterhielten sich die gemachten Männer von Morgen über ihre Start Up-Beteiligungen.
Das Land war ein Casino. Und wie es in Deutschland so ist: Casinos sind Sache des Staates.
Also förderte der Staat alles, was bei drei noch nicht “Ich würde erst lieber noch zuende studieren” gesagt hatte. Unter anderem auch eine Firma, die sich auf Avatare spezialisierte. Die Firma hieß Moomax.
Im Mai 2010 stand im Lebenslauf des damaligen FDP-Generalsekretärs Christian Lindner:
“2000
Am 29. Mai gründet er mit seinem Kumpel Hartmut Knüppel ein „New Economy“-Unternehmen, die Internet-Firma und Werbeagentur Moomax GmbH.”

Und weiter im Jahr 2001:
“2001
Verläßt er Moomax wieder, die im Oktober Insolvenz anmeldet.
Ein weiterer Versuch, die Unternehmensberatung Königsmacher GmbH, kam erst gar nicht in Gang.”

Das ist nicht ruhmreich, aber das ist offen.
Einem Leser des oben verlinkten Blogs fiel auf, dass der Karriereschritt “1999
endet sein Dienst bei der Bundeswehr mit dem Dienstgrad Oberleutnant d.R. (Luftwaffe).” so nicht stimmen konnte, weil man innerhalb so kurzer Zeit gar nicht Oberleutnant werden könne, aber das wurde in einer späteren Fassung des Lebenslaufs auch korrigiert. Heute heißt es dort: “Lindner ist Hauptmann der Reserve bei der Luftwaffe.” Die Wikipedia dröselt die Lage dankenswerterweise für uns auf: “Lindner hatte zunächst Zivildienst geleistet, sich später jedoch für die Laufbahn als Reserveoffizier entschieden, als der er einmal jährlich eine zweiwöchige Reserveübung absolviert.[9] Verteidigungsminister Thomas de Maizière beförderte Lindner im September 2011 zum Luftwaffen-Hauptmann der Reserve.”
Ich bin kein Militärexperte, aber 1999 war Christian Lindner also noch nicht Oberleutnant d.R. Sagt er heute ja auch nicht mehr.
Was er heute auch nicht mehr sagt in seinem Lebenslauf: Dass er ein Unternehmen versenkt hat.
“Von 1997 bis 2004 war Lindner Inhaber einer Werbeagentur
sowie Mitgründer eines Internet-Unternehmens. In dieser Zeit
gab er zwei Fachbücher heraus.” (Hier ein Link zu einem der Fachbücher: “Avatare: Digitale Sprecher für Business und Marketing”.)
So heißt es also in der neuen Fassung seiner wechselvollen Biographie. Ist ja auch viel eleganter. Bei zu Guttenberg wurde übrigens die Zahl seiner Praktika immer kleiner, bis dann schließlich sogar sein Name um zwei Buchstaben und einen Punkt schrumpfte.
Ich würde mich nicht wundern, wenn bei Christian Lindner am Ende noch weniger übrig bliebe: Screenshot seines Lebenslaufs von heute, 8:00.

UPDATE:
In der Slideshow mit biographischen Details ist die Moomax-Pleite noch erwähnt.


29
Mrz 12

Tanz

unnamed soundsculpture from onformative on Vimeo.

The basic idea of the project is built upon the consideration of creating
a moving sculpture from the recorded motion data of a real person. For
our work we asked a dancer to visualize a musical piece (Kreukeltape by
Machinenfabriek) as closely as possible by movements of her body.

She was recorded by three depth cameras (Kinect), in which the intersection of the images was later put together to a three-dimensional volume (3d point cloud), so we were able to use the collected data throughout the further process.
The three-dimensional image allowed us a completely free handling of the
digital camera, without limitations of the perspective.
The camera also reacts to the sound and supports the physical imitation of the musical piece by theperformer.
She moves to a noise field, where a simple modification of the random seed can consistently create new versions of the video, each offering a different composition of the recorded performance.
The multi-dimensionality of the sound sculpture is already contained in every movement of the dancer, as the camera footage allows any imaginable perspective.

Hier ein Blick hinter die Kulissen:

unnamed soundsculpture – documentation from onformative on Vimeo.

Die Tänzerin ist die wunderbare Laura Keil.
Das ist ihr Solo “Love Circle”.

lovecircle from Laura Keil on Vimeo.


27
Mrz 12

Interview mit Breaking Bad-Schöpfer Vince Gilligan

Sehr in die Tiefe gehendes Interview mit Vince Gilligan, dem Erfinder von Breaking Bad.

Mit Anspieltipps auf emmytvlegends.org. Via tvwriting & coffee


23
Mrz 12

Canossa

Ich möchte wegen einiger meiner Äußerungen im “Wir müssen reden”-Podcast Marina Weisband und Julia Schramm um Verzeihung bitten.
Zunächst meine Petra Kelly-Bemerkung über Marina Weisband: Scherze, auch schlechte, sind der nachträglichen Korrektur und Erklärung nur bedingt zugänglich. Dennoch ist ein solcher Satz, wenn man ihn als Tweet ausgeschrieben sieht, nicht etwas, das ich unbedingt gesagt haben will.
Es tut mir leid.

Nun zu meiner Behauptung, Julia Schramm sei wegen einer von mir so bezeichneten “psychischen Störung” nicht geeignet für das Amt der Bundesvorsitzenden: Selbst der Umstand, dass eine Depression durchaus im technischen Sinne als psychische Störung bezeichnet werden kann, rechtfertigt diese herablassende und verletzende Bezeichnung nicht. Darüber hinaus soll natürlich ein gesellschaftliches Klima entstehen, in dem niemand sich scheuen muss, über seelische Erkrankungen zu sprechen. Geschweige denn, diese Offenheit hinterher mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt (lies: politischen Ämtern etc) zu bezahlen.
Die in einem Nebensatz unterstellte Essstörung beruht auf freiem Assoziieren und einem nur halbgelesenen Blogartikel von Schramm, nichts spricht dafür, dass Schramm tatsächlich darunter leidet oder je darunter gelitten hat.
Ich bedauere es, diese Äußerungen gemacht zu haben, und bitte um Verzeihung in dem Wissen, dass es dafür schon recht spät ist.


23
Mrz 12

Stirbt das Land? Ja, es stirbt. Vor Langeweile. Eine Abrechnung mit dem deutschen Fernsehen

Ich habe mal richtig viel Fernsehen geschaut, Ende der Neunzigerjahre ist das gewesen. Ich benutzte Fernsehen als Betäubungsmittel, um über den Tod meines Vaters hinweg zu kommen. Monatelang schaltete ich morgens Kerner an und schaute durch bis Domian. Dazwischen Arabella, VIVA, VIVA II, MTV, Nachrichten, Promi-Flashs, Raab, Dings, Soft-Erotik.

Alles war laut und hässlich, genau das, was ich brauchte, aber eines Nachts sah ich in der Wiederholung einer Bärbel Schäfer-Folge eine so brutale Überdosis von Hässlichkeit und Niedertracht (zwei Säufer freuten sich, nicht als Vater eines unglücklichen Säuglings infrage zu kommen), dass ich geheilt war.

Es ist sowieso ein Irrtum, das Fernsehen für das Medium der Schönheit zu halten. Hier regiert das Hässliche, selbst die Models, die dauernd irgendwo gecastet werden, sehen in ihrer buckelnden Eifrigkeit scheußlich aus. Schönheit gibt es nur im Zusammenhang mit Produkten, in den Ästhetik-Inseln der Werbung.

Gerade war da noch der Parfum-Mann oder der Bier-Mann oder der Chips-Mann, der mit den vielen Freunden, jetzt sitzt da wieder Rainer Calmund oder der, der mal einen Schnauz hatte oder der, der bei Bild.de Witze macht, oder der, der früher mal Fernsehen gemacht hat und jetzt seine Rente auf dem Bildschirm abfeiert: Harald Schmidt. Irgendwann wird er so eine Art großer alter Mann des Bumswitzes sein, jetzt ist er das Mehltau gewordene Mahnmal der Langeweile, ein nicht enden wollendes Schlafwandeln, nein, Irrtum: Er ist ein Ghost Jobber.

Ein Ghost Job ist eine Stelle, meistens in einer großen Firma, die längst überflüssig geworden ist, aber bei irgendeiner Umstrukturierungsmaßnahme hat irgendein 23-jähriger Unternehmensberater vergessen, diese Stelle abzuschaffen. Nun ist dem Ghost Jobber niemand mehr vorgesetzt, er muss niemandem Zahlen präsentieren, er kommt zur Arbeit, nur für den Fall, dass es mal einen arbeitsrechtlichen Prozess gibt, er will sich dann nichts vorwerfen lassen müssen, aber es ist alles so schrecklich egal. So egal.

Es ist, als hätte ich in einer Ecke des Wohnzimmers einen stummgeschalteten Jahrmarkt stehen. Würde man ihn zum Leben erwecken, dann wäre er zunächst einfach nur wahnsinnig laut, dann erst würde man die einzelnen Geräusche als Werbung deuten können oder als Frauke Ludowig oder als Polizeisirene.

Fernsehen, das sind afro-amerikanische Knastinsassen, die in der aberwitzigen Synchronisation Bühnenhochdeutsch sprechen. Fernsehen, das ist Bohlen mit seiner gebräunten Haut und seinen blassen Augen,der Blockwart des Ballermann. Fernsehen, das ist Micaela Schäfer, die nackteste Frau der Welt. Und Fernsehen, das ist Talk. Endloser Talk. Immer wieder Talk. Nicht über alles. Sondern immer über dasselbe.

Man sollte keine Sekunde glauben, dass es sich bei den auf staatstragend lackierten Abendtalkshows um etwas anderes handelt als bei den berüchtigten Nachmittagtalkshows der Neunzigerjahre. Niemand erinnert sich an den letzten Skandal, der von Journalisten einer Fernsehsendung ins Rollen gebracht wurde.

Früher deckte man Skandale auf, heute spricht man drüber. Was denkt denn wohl Helmut Dietl über Christian Wulff? Ist irgendein ehemaliger Politberater noch nicht befragt worden, ob er Guttenberg für einen Plagiator hält? Kenne ich etwa die Meinung von Roger Willemsen zur drohenden Griechenland-Pleite nicht, kann mir entgangen sein, was Veronika Ferres von der Bankenkrise hält?

Weiter in der Berliner Zeitung


19
Mrz 12

Versiebt, verkackt, verheiratet – Leseprobe “Andere Schönheit”

»Du bist eh nur wegen meiner Brüste mit mir zusammen«, hatte Mia nach ein paar Monaten zu Roman gesagt.
»Erstens ist das Unsinn, und zweitens ist es doch normal, dass man Eigenschaften an seiner Freundin schätzt«, sagte Roman. »Ich habe mal von einem Typen gelesen, der stand total auf Amputierte, und seine Freundin hat sich Sorgen gemacht, dass er nur mit ihr zusammen ist, weil sie nur einen Arm hatte. Wenn er jetzt gesagt hätte: ›Schatz, schneid dir doch bitte einen Arm ab‹, dann wäre das wohl übertrieben, aber so – warum gibt es Liebeslieder über die Augen von jemandem, aber nicht über die Brüste?«
»Du hast wirklich zu viel Zeit mit Juristen verbracht«, sagte Mia. »Hohes Gericht, ich habe keinen Hund, und außerdem ist er viel zu klein, um solche Wunden zu verursachen, und angefangen hat er auch nicht. Nein, nein, mein lieber Freund, du vergegenständlichst mich. Du bist ein Sexist!«

In Wirklichkeit ging es nicht um Mias Brüste. Er hatte ihr am Vortag Fotos von seinen Exfreundinnen gezeigt, und seitdem war die Stimmung äußerst angespannt.
Sie waren ihr alle zu deutsch, zu bieder, zu blond, zu stillos gewesen, und als sie die Fotos vom Bondgirl gesehen hatte, die er schnell hatte verschwinden lassen wollen, weil sie alle im Bikini waren und die Situation nicht danach war, Bikinifotos von Exfreundinnen anzuschauen, hatte sie gerufen: »Warst du etwa mal mit einer Nutte zusammen?«
Am meisten jedoch regte sie sich über Caroline auf, was Roman besonders ungerecht fand, denn er erinnerte sich selbst nicht gern an Caroline. Man könnte sagen, dass Caroline der Grund war, dass Roman und Mia sich nicht eher kennengelernt hatten damals in Bonn.
Sie war eine von den nachhaltig Frisierten gewesen, ein Mädchen, das sich bewusst die Achseln nicht rasierte und viel Gewese darum machte. Auf dem Küchentisch in ihrer WG lag, kein Witz, ein Bildband, der hieß »Andere Schönheit«. Ein Bildband voll mit unrasierten Frauen. Alle Mädchen in der WG hatten lange Büschel unter den Achseln, was für mich immer ein Rätsel blieb. Wann spricht man sich ab bei so was? Sagt man: »Okay, du bist nett, du kannst hier wohnen, aber hör bitte auf, dich zu rasieren?« Oder sitzt man abends zusammen bei Leinölkuchen und räuspert sich und sagt: »Du, wir müssen reden. Es ist dir vielleicht selber schon aufgefallen, dass du dich einem Idealbild unterwirfst, das Strukturen folgt, die seit Jahrtausenden gültig sind und die wir durchbrechen wollen. Bitte, wirf den Rasierer weg.« Bleibt mir ein Rätsel.
Hatte man das Haarding einmal geschluckt, kam da nicht mehr viel. Alle studierten Malpädagogik oder Behindertenbildhauerei, wollten sich aber nie über Malen, Kinder, Bildhauen oder Behinderte unterhalten.
Es gab nur zwei Themen: Demos und Essen.
Roman hatte Caroline auf einer Demo gegen die Abschiebung einer kurdischen Familie kennengelernt, sie hatten sich wiedergetroffen auf einer Demo gegen irgendetwas Unspezifisches, dann hatten sie sich gezielt verabredet zur Demo gegen den Jugoslawienkrieg.
Caroline ging Roman da schon auf den Sack, was die normalste Reaktion auf Caroline war, die man sich denken kann, und nur deshalb bemerkenswert, weil sie sich an diesem Tag zum ersten Mal küssten, drei Wochen später zum ersten Mal miteinander schliefen und schließlich drei Jahre lang zusammen waren. Und jeden Tag davon ging Caroline Roman auf den Sack.

Caroline roch nach Hund, obwohl weit und breit kein Hund zu sehen war. Sie hatte ein Gesicht, an das man sich viel zu schnell gewöhnte, und tausend Angewohnheiten, die niemand aushalten konnte:
Ihr fiel ständig etwas hin, sie hatte so viele Gläser kaputt gemacht, dass sie nur noch aus Plastiktassen trinken durfte, weshalb sie nun die Gläser der anderen kaputt machte.
Sie redete umständlich. Es war unmöglich, ihr zu folgen, und wenn es einem unter großen Mühen dennoch gelang, dann stellte man fest, dass es sich nicht gelohnt hatte. Ein typischer Caroline-Satz ging so: »Meine Mom, weißt du, die ist ja zurzeit in diesem Kurdings, das bezahlen die ja, also das Land ist das, glaub ich, nö, wegen all dem Stress, das macht dich ja echt kaputt, also denk mal, in Naturvölkern arbeitet man drei Stunden am Tag, weißt du, dass es da eins gibt, dass kennt kein links und rechts und keine Vergangenheit und Zukunft, da ist man immer nur geradeaus, und jetzt, überleg mal, das ist wie bei Jesus und Buddha, jedenfalls sagt die Krankenkasse, auch so ein Quatsch, warum heißt die nicht Gesundenkasse, man soll doch gesund bleiben, wobei Gesundheit ja auch so ein Begriff ist, der total viel verschweigt, oh, schau mal: Björk!«
Sie starrte dann auf den Fernseher, wo ununterbrochen Viva 2 lief, das aus nicht näher erklärten Gründen für keine verachtenswerten Strukturen zuständig war, und ließ mich mit der Frage zurück, was der Begriff Gesundheit genau verschwieg.
Weitere Angewohnheiten von Caroline, die niemand aushalten konnte:
Sie sagte, wenn sie gern an die See fahren wollte, sie habe Nordsehnsucht.
Sie tanzte in der Küche.
Sie zog bei jeder Gelegenheit ihre Schuhe aus und machte dann Geräusche, als atme sie mit ihren Füßen.
Und sie war eine ziemlich brutale Schlussmacherin. Aus heiterem Himmel informierte sie Roman darüber, dass er sie einenge.
Nun ist es ein Desaster, wenn einen jemand verlässt, den man liebt, verlässt einen aber jemand, den man kaum erträgt, zerhaut es einem das Selbstwertgefühl.
(…)

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Weitere Leseproben:
67 Tage plus

Lassen Sie mich, ich bin durch

Bondgirl


15
Mrz 12

Versiebt, verkackt, verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End – Leseprobe “Bondgirl”

Das Bondgirl hatte ihn um Feuer gebeten, aber er hatte keins.
»Macht nichts«, hatte sie gesagt und war dann mit der Zigarette in der Hand neben ihm stehen geblieben.
Roman lag recht unsouverän in einem Liegestuhl, einen Moment lang überlegte er, die Bauchmuskeln anzuspannen, aber er hatte ja keine, beinahe vergessen.
Das Bondgirl war lächerlich schön, es gab da keine Note von feiner städtischer Ironie, eine zu große Brille etwa oder eine doofe Frisur, sie war schön wie aus einem Sechzigerjahrefilm.
Seit Tagen hatten Roman und sein Freund Torben sie schon am Strand gesehen, sie passte hier nicht hin, wenigstens das hatten sie gemeinsam mit ihr, denn selbstverständlich lehnten die beiden Freunde Massentourismus aus allerlei Gründen ab.
Aus einer im Nachhinein nicht mehr rekonstruierbaren Abfolge von Versäumnissen, schweren Fehlern und Dispoproblemen waren sie im Herzen des touristischen Grauens gelandet: Antalya, das dem Reiseführer zufolge nur so hieß, weil Attatürk sich in einem Brief, in dem er Antalya erwähnte, verschrieben hatte, woraufhin es umbenannt worden war. Roman hatte ein Land voll mit Bushoftürken und Drogenhändlertürken erwartet, er war davon ausgegangen, dass ihm an jeder Ecke Prügel oder Drogen angeboten würden und alle schlechtes Deutsch sprachen, mit vielen »Eys« und »Lans«. Es war dann irgendwie anders, aber trotzdem scheiße.
Die Türkei konnte sein, wie sie wollte, für Roman war sie scheußlich. Die ganze Stadt roch nach Karies, Kinder bettelten am Straßenrand, überall gab es zum Erbrechen hässliche Markenklamotten für drei Euro, und der Strand war vollgestopft mit reichen fetten Russen und ihren dünnen Frauen, die sich hochgehungert hatten.

»Schau: Er hat einen Club direkt an der Grenze zu Polen, sie hat da früher getanzt, und noch früher hat sie Blumen verkauft in der kleinen ukrainischen Stadt, aus der sie stammt und wo sie 50 Euro im Monat verdient hat. Jetzt ist sie wohlhabend, an ihrem Glück hindert sie nur ihr fetter Mann, ohne den sie nicht wohlhabend wäre.«
Torben machte ständig Kurzanalysen der Leute am Strand, seit Tagen wiederholte er sich, nur die Details wechselten noch von Zeit zu Zeit. Mal war er Besitzer einer Schlachterei, in der Tschernobylschweine für den deutschen Markt gekeult wurden, und sie war abends mit dem Schlauch durch die Blutlachen gewatet, mal gehörte ihm eine mittelgroße Pornoseite, und sie war sein erfolgreichstes Webcammädchen. Roman hielt die Analysen für akkurat, aber öde. Nur zum Bondgirl fiel Torben nichts ein.
Und nun stand das Bondgirl also da, und Roman wusste nicht, wie er sie anschauen sollte, ohne anzüglich zu wirken. Frauen wie sie wurden von Männern, wie Roman keiner war, als Bildschirmhintergrund heruntergeladen.

Romans letzte Freundin war Melanie gewesen, ein kräftiges Mädchen mit kurzen Fingern und einer Afrika-Obsession, er hatte sie in einem Workshop für interkulturelle Studien kennengelernt, und beinahe wären sie zusammengezogen, wenn sie nicht einen Asylbewerber aus Liberia geheiratet hätte, erst nur, um ihm den Aufenthalt zu ermöglichen, aber dann doch ernsthaft.
Roman hatte den Übergang nicht richtig mitbekommen, auf einmal eröffnete ihm Melanie, dass sich etwas ereignet habe, etwas, das größer sei als sie, und da Roman grundsätzlich abschaltete, wenn sie so pathetisch losschwurbelte, hatte er seine eigene Trennung verpasst. Aber irgendwie gab es da so ein Ding zwischen Afrikanern und kräftigen Europäerinnen mit Hang zum Ethnokopftuch, das hatte er schon verstanden.

Wenn also die ziemlich irdische Melanie ihn schon verlassen hatte, was sollte dann das Bondgirl von ihm wollen? Und doch stand sie da, es kam ihm vor, als spielte sie mit ihrem Haar.
Sie redeten dann nicht, wie Roman es gewohnt war, also über etwas, über Politik, über Gesellschaft, über das Verhältnis von Deutschen und Tür-ken, sondern sie redeten wie Kinder oder Idioten, indem sie einfach immer das mit Worten belegten, was sie gerade machten.
»Ich geh mal ins Wasser.«
»Komm, wir spielen Ball.«
»Ich lass mich noch ein bisschen bräunen.«
»Ich creme mich erst noch ein.«
Stunden verbrachten sie so, und er erfuhr nichts über das Bondgirl. Nicht, weil sie etwas verschwiegen hätte, sondern weil er sich schlicht und ergreifend nicht fragen konnte, was sie beruflich machte.
Oder hätte James Bond das etwa Honey Ryder gefragt? Als die Sonne langsam unterging, sagte sie, sie gehe jetzt mal ins Hotel, und er erwiderte, es sei sein letzter Tag. Sie bat ihn, seine Telefonnummer und Adresse aufzuschreiben, falls mal jemand schreiben wolle.
Falls mal jemand schreiben will. Er wiederholte den Satz einige Male, während er seinen Koffer packte, schaute grimmig in den schmutzigen Spiegel neben dem Bett und sagte halblaut: Na klar.

Die nächsten Wochen in Deutschland holte er sich wenigstens einmal am Tag einen runter auf die Fotos, die sie am letzten Tag gemacht hatten. Die Fotos waren das Einzige, das in seinem Leben noch lebendig war. Es schien ihm, als wäre die Luft durch Tapetenkleister ersetzt worden.

Auch wenn Roman immer unzufrieden war, war er doch keiner von den Leuten, die sich über alles aufregen. Er war so sicher, dass die Dinge schlecht endeten, dass er es für völlig sinnlos hielt, dagegen anzunörgeln. Roman war sehr gelassen in seinem Leid. Aber jetzt schimpfte er über das Wetter, über den elenden grauen Himmel, er beschwerte sich in der Mensa über die kalten Kartoffeln und beim Obsthändler über die steinharten Birnen.
Er saß gerade vor dem Fernseher und schrie den Nachrichtensprecher an, weil der schon nach sieben Minuten, was ein neuer Rekord war, zu den Sport- und Wetternews überging, als das Bondgirl anrief.
»Wie geht es dir?«
»Danke, gut.«
»Ich bin jetzt wieder in Ankara.«
»Ist es da schön?«
»Du kannst mich ja mal besuchen.«
»Also ich könnte tatsächlich.«
»Ich würde dir alles zeigen.«

Am nächsten Morgen wartete er ungeduldig vor dem Reisebüro, bis endlich eine übergewichtige Blondine den Laden öffnete.

Nach Ankara fliegen keine Touristen, nach Ankara fliegen nur Türken. Obwohl Roman gerade erst eine Seminararbeit über Integration geschrieben hatte und ein ausgewiesener Einwanderungsbefürworter war, konnte er den dicken Frauen mit ihren Trauerkloßgesichtern und den winzigen Männern mit ihren billigen Anzügen über den Strickwesten nichts abgewinnen. Jeder Passagier hatte mindestens drei Plastiktüten dabei, keinen Moment hätte Roman sich gewundert, wenn jemand eine Ziege über den Gang getrieben hätte.
»Ich würde dir alles zeigen.«
Er hatte mit Paul, Ben und Jimo diesen Satz hin und her gewendet, und herausgekommen war: Paul fand, er riskiere zu viel. Sie sei nur höflich gewesen, habe eine leere Geste gemacht, und nun werde er mit ihr eine Woche lang alle Sehenswürdigkeiten Ankaras besichtigen, zusammen mit ihrem Freund. Ben warnte ihn, er werde sich verlieben, und das habe einfach keinen Sinn, weil aus der Sache nichts werden könne. Jimo sagte, man solle nicht so viel Aufwand betreiben wegen einer Frau, er selbst würde Derartiges ständig tun, und niemand solle seinem Beispiel jemals folgen, in egal was.

Roman schwitzte bei der Ankunft. Er versuchte die Arme so anzuwinkeln, dass man die Schweißflecken unter seinen Armen nicht sehen konnte, was mit einem Koffer in der Hand nicht ganz leicht war.
Kaum war er durch den Zoll gewunken worden, kam sie ihm entgegen. Sie umarmte ihn, und er wand sich rasch heraus, weil er nicht wollte, dass sie ihn roch. Sie sagte, dass sie vorgehabt habe, so zu tun, als kenne sie ihn nicht, sie hätte gern sein erstauntes Gesicht gesehen. Aber er sah wohl nicht wie jemand aus, der einen Scherz vertragen konnte, dachte er, und wahrscheinlich hatte sie ganz recht damit.
Sie sagte: »Komm, wir nehmen ein Taxi«, und während der Fahrt sagte sie zu ungefähr jedem Gebäude einen kleinen Satz. Sein Opa Hermann hatte das auf Autofahrten auch immer so gemacht. Je älter er wurde, desto mehr hatte er dazu geneigt, einfach nur noch zu sagen, was er sah. »Bäckerei Hegemann: Berliner 65 Pfennige. Kiosk Pflaumer und Söhne. Mir mulle net, mir helpe met.« Roman machte das jetzt einfach auch. »Schau, ein Schuhputzer. Oh, Ralph Lauren. Guck mal, wie der über-holt.« Das tat sehr gut.

Als sie ihn eben am Flughafen umarmt hatte, hatte er sie riechen können (sie ihn hoffentlich nicht!), und obwohl die Nase sich schnell an neue Gerüche gewöhnt und dann gar nichts mehr riecht, roch er sie immer noch. Es musste ein bondgirlspezifischer Geruch sein, ein niemals vergehender Duft aus Sonne, Meer und Ficken mit etwas Zitrone und heißem Wasser.
Nach ihr würde er unglücklich sein, das stand fest.

Sie hatte eine wunderschöne Wohnung, eine Filmwohnung. Sie erklärte ihm Möbelstück für Möbelstück die Einrichtung, und dann zeigte sie ihm diverse Fotoalben, die bewiesen, was keines Beweises mehr bedurft hätte: Das schönste Mädchen der Welt war schon als Kind schön gewesen, Kind einer schönen Mutter und eines schönen Vaters, Schwester einer schönen Schwester und eines schönen Bruders. Keine modischen Fehltritte. Seit zweiundzwanzig Jahren makellos. Im Kopf bereitete er eine Spitzfindigkeit vor, etwas Spott zum Runterkommen, aber es gelang ihm nicht, irgendetwas musste ihm auf dem Weg vom Flughafen abhanden gekommen sein.
Zwei Flaschen Wein tranken sie und schliefen zwischen Nacht und morgen nebeneinander ein, und als er aufwachte, küsste er sie, noch halb im Traum. Alles geschah wortlos, sie gingen ins Schlafzimmer, er kam viel zu schnell, aber er musste sich nicht erklären, sie machten einfach immer weiter.
Gegen Mittag tranken sie etwas Weißwein und Mineralwasser in der Küche. Das gleißende Licht, das durch das kleine Fenster auf ihren Rücken schien, ließ den kaum sichtbaren Flaum schimmern, der sich vom Po ihr Rückgrat entlang zu den Schulterblättern hinzog – wie eine. Oder doch eher.
Für Roman hatte die Welt immer nur aus Worten bestanden, und jetzt, da es keine Worte mehr gab, war er zum ersten Mal in der Wirklichkeit. Wenn eine Katze, die in einer Wohnung groß geworden ist und immer in einer Wohnung gelebt hat, zum ersten Mal die Welt hinter der Haustür sieht, dann erlebt sie nicht die Freiheit. Sie fürchtet sich zu Tode.

Die nächsten Tage vergingen im Sinnlichkeitsdelirium. Es gab keine Abstraktion mehr, die Welt bestand nur noch aus Fühlbarem. Roman war so heiß wie niemals zuvor, er bestand zu zwei Dritteln aus Wasser, und das spürte er in jedem Moment, alles war nur noch Feuchtigkeit und Hitze und Geruch und Farben. Nur ab und an drangen ein paar Fakten zu ihm durch: Sie studierte Germanistik, deswegen sprach sie so gut Deutsch. Sie würde nicht nach Deutschland ziehen können, weil ihre Mutter krank war.
Er hatte sich das nie gefragt: warum sie so gut Deutsch sprach (weil Bondgirls immer Deutsch sprechen). Und was sein würde (weil es immer schlecht sein würde).

Am letzten Tag hatte er so etwas wie einen Gedanken.
Sie hatten sich wieder einmal die Luft gegenseitig weggeatmet, der Raum war stickig und sein Hals sandig. Er ging ins Bad und trank das abgestanden schmeckende Wasser aus dem Hahn, ohne dass er sich anschließend weniger ausgetrocknet fühlte. Er trat auf den Balkon. Trotz der Hitze eilten Geschäftsmänner in dunklen Anzügen über die Bürgersteige. Er würde hier nicht leben können.

Sie weinte, als er ins Flugzeug stieg, bald würde sie ihn besuchen kommen. Sie gab ihm einen Brief.

Im Flugzeug dachte er, dass er sie nie kennengelernt hätte, wenn Melanie ihn nicht verlassen hätte. Einen Moment lang sah er die Zukunft offen vor sich liegen. Nicht alles musste immer schlecht enden. Manchmal wurden sogar aus schlechten Dingen gute. Er lächelte.
Dann dachte er: »Wenn ich jetzt abstürze, dann war es doch schlecht, dass Melanie gegangen ist.«
Er las ihren Brief, und die Buchstaben verwandelten sich in Tinte, das Papier in Holzfasern. Er klemmte den Brief zwischen die Kotztüte und die Sicherheitshinweise, und kurz glaubte er, eine Ziege zu sehen. Das Flugzeug ruckelte bedenklich. Jetzt war er wieder er selbst.
Als er am Flughafen ankam, kaufte er sich die taz. Die Welt war zuverlässig schlecht geblieben. Drei Mal ging er nicht ans Telefon, als sie ihn anrief, dann hörte er nie wieder von ihr.

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Weitere Leseproben:
67 Tage plus

Lassen Sie mich, ich bin durch


12
Mrz 12

Versiebt, verkackt, verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End – Leseprobe “67 Tage plus”

»Das Allerschlimmste am ganzen Schwangerwerdenwollen sind die Kinderwunschforen im Internet. Es ist, als hätte sich die Evolution was dabei gedacht, wenn sie Leute keine Kinder kriegen lässt«, sagte Roman. »Samen heißen dort ›Spermis‹, Sex heißt ›herzeln‹ und der Partner entweder ›Männe‹ oder ›Schatzi‹ oder ›der Meinige‹.
Die herzeln also pünktlich mit ihrem Männe zum vorgegebenen Zeitpunkt, ist auch ganz schön, aber irgendwie auch viel Druck, weil die Spermis ja an den richtigen Ort müssen, und so ist der Pieps vom Männe dann ned so gaaaaanz hart. Dann schreiben diese Spatzenhirne JEDES MAL einen Zwinkersmiley dahinter oder ein G mit Sternchen. Weißt du, was das heißt? Grins!
Warum schreiben die, dass ihr Mann keinen hochkriegt, und dann ›grins‹? Und wie kürzen die wohl Schwangerschaft ab? – Und die kürzen es übrigens IMMER ab, weil sie ja den ganzen Tag nur darüber reden und das Wort sonst tausendmal am Tag schreiben müssten. – Sie schreiben statt Schwangerschaft SS. SS!«
Manchmal saß Roman auf der Toilette und murmelte Eisprung – Eisprung – Eisprung, bis das Wort seine Bedeutung verlor und wie Bunga-Bunga-Party oder Omelette klang. Es konnte passieren, dass er, wenn er sich danach abwischte und etwas Blut am Klopapier hatte, für den Bruchteil einer Sekunde er-leichtert war.

Nachdem Roman seinem kleinen Bruder vorgelesen hatte und Paul endlich eingeschlafen war, schrieb er ihm einen Zettel: »Sollte es wider Erwarten nötig sein, dann komm zu uns. Nimm eine Zahnbürste mit!« Er legte den Zettel im Bad auf den Toilettensitz und fuhr ins Ministerium.

Roman konnte sich nicht auf die Akten konzentrieren. Mias Frauenärztin hatte dazu geraten, einen Experten für Kinderlosigkeit zurate zu ziehen. Roman und Mia waren jetzt also Patienten einer Kinderwunschklinik. Sie waren zunächst ausgiebig untersucht worden, gestern hatten sie ihre Testergebnisse präsentiert bekommen.
Im Wartezimmer einer Kinderwunschklinik zu sitzen erfordert eine gewisse innere Balance, über die Roman nicht jederzeit verfügt. (Übrigens war mein allererster Gedanke, als Mia erzählte, dass Roman und sie ein Kind wollten, der an eine Rundmail, in der Roman nach einem Besuch bei Bekannten über deren Baby geschrieben hatte: »Das Unbehagliche an Babypräsentationen ist bekanntlich, dass man niemals Kritik am Erscheinungsbild des Säugers äußern darf. ›Huch, das ist aber kein besonders gelungenes Exemplar‹ oder ›Ich dachte, die wären alle süß‹ sind Sätze, die den Druck der durch Gedanken an Überbevölkerung und Lärmbelästigung befangenen, ja beklemmenden Stimmung mindern könnten. Ich schlage den Sag-fremden-Babys-was-du-über-sie-denkst-Tag vor.« Er wäre nicht Roman gewesen, hätte er nicht aus Schusseligkeit die Mail auch gerade an diese Bekannten geschickt – wie kann jemand zugleich ein so voraus-schauender Planer und so ein gigantischer Trampel sein?)
Er hatte versucht, den anderen Paaren nicht in die Augen zu schauen. Wenn man ohne Verhütungsmittel ein Jahr lang (minus 67 Tage) miteinander geschlafen hat, ohne ein Kind zu zeugen, sprechen Mediziner von Unfruchtbarkeit.
Verdörrte Felder, Bäume ohne Triebe. Die Pflanzen im Wartezimmer hätten nicht grün sein dürfen. Durch das Glas des Aquariums starrte ihn ein blauer Fisch an. Er war etwa fünfmal so groß wie alle anderen Fische im Aquarium und der Einzige seiner Art. »Wir werden uns beide nicht fortpflanzen«, dachte Roman.
Die Ärztin hatte schon alles gesehen, wahrscheinlich hatte sie in jüngeren Jahren den General in einem Kubrick-Film gespielt. Ihre Taktik war, erst alle Hoffnung zu zerstören und die armen Hunde, die ihre Kunden waren, dann langsam ¬wieder anzufüttern. Am Ende würden sie alle bereitwillig Unsummen zahlen für die Aussicht auf ein Wunschkind.
An Romans Sperma lag es nicht, die Generalin ging die Werte kurz durch, nicht überragend, unterer Durchschnitt, aber damit könne man schon etwas anfangen. Roman hätte gern eine zweite Chance gehabt, er hatte sich beim Ejakulieren nicht in Form gefühlt. Er hatte beim Onanieren an seine türkische Exfreundin gedacht, hatte mit ihr gemacht, was er damals alles zu tun versäumt hatte, aber trotz der vier Tage Abstinenz zuvor waren es gerade einmal zwei Milliliter geworden. Mias Blutwerte waren auch gar nicht so schlecht. Das Thyroxin für die Schilddrüse hatte endlich gewirkt, die anderen Hormone schienen sich eingependelt zu haben. »Das sind ganz normale Werte für den dreizehnten Tag des Zyklus, schauen wir doch noch einmal nach.«
Nachdem Mia hinter einem kleinen Vorhang ihre Hose ausgezogen hatte, untersuchte die Generalin sie. Auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts sah man einen Follikel, der es auf 16 Millimeter brachte. »Hui«, sagte Roman.
»Ich würde Ihnen empfehlen, in den nächsten Tagen ihre Partnerschaft zu aktivieren«, sagte die Generalin. »Es könnte sein, dass Sie einen Eisprung haben werden.«
Auf der Rückfahrt war Mia ausgelassen wie ein kleines Kind. »Das ist ein echter Vorführeffekt«, sagte Roman. »Kaum gehen wir zum Arzt, springt das Ei!«
Mia klatschte in die Hände und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Jetzt müssen wir nur noch unsere Partnerschaft aktivieren!«
Roman löschte ein paar Sätze, die er in den Computer getippt hatte. Heute Abend würden sie die Partnerschaft aktivieren. Nach über 67 Tagen. Und dann würde Mia schwanger werden, und dann wäre er Vater. »Sie will keinen Sex, aber ein Kind, ich will kein Kind, aber Sex«, dachte er. »Nur nicht dieses Jahr.« Er starrte auf die Eingabemarkierung. Dann klickte er »Löschen widerrufen«, las die Sätze noch einmal durch und löschte sie endgültig.

Als er am Abend nach Hause kam, lief Stan Getz. Aktivierungsmusik. Er rief ihren Namen, legte seine Tasche ab und ging ins Schlafzimmer.
Mia lag auf dem Bett, nackt bis auf halterlose Strümpfe. Auf dem Nachttisch lag ein Vibrator von einschüchternder Größe, daneben stand ein Fläsch-chen mit Massageöl. Sie hatte die Initiative ergriffen.
Roman zog seinen Mantel aus.
Wenn ein Paar 67 Tage nicht mehr miteinander geschlafen und dabei die ganze Zeit miteinander verbracht hat, dann merkt es, dass Sex nicht wie Radfahren ist. Roman setzte sich auf die Bettkante und streichelte über die Strümpfe, Mia lächelte und lächelte und hörte gar nicht auf zu lächeln. »Komm, zieh dich aus«, sagte sie.
Roman knöpfte sein Hemd auf, hängte es über den Stuhl, legte seine Hose dazu, streifte die Unterhose ab und setzte sich wieder auf die Bettkante. »Ich liebe dich«, sagte er.
Dann klingelte es Sturm.

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