Nichts ist Bombe: Wie sich die Sicherheitsbehörden auf die Jagd nach Schrödingers Katze machen

Siebenunddreißig Millionen Zweihundertzweiundneunzigtausend und Achthundertzweiundsechzig. So viele Mails haben deutsche Geheimdienste überprüft, weil in ihnen Schlüsselbegriffe wie “Bombe” aufgetaucht sind. (Ergänzung: Max sagt in den Kommentaren, überprüft worden wäre eher der gesamte Mailverkehr.)

Hätten also die Terroristen vom Nationalsozialistischen Untergrund sich Mails geschrieben, in denen sie beispielsweise geschrieben hätten: “Mundlos! Am Samstag holen wir die Pistole und dann ermorden wir wieder einen von den Dönerverkäufern. Fluchtauto brauchen wir nicht, wir haben Fluchtfahrräder! Endlich wieder Terror verbreiten! Bombe! Mit besten Grüßen und Sieg Heil, dein hässlicher Kamerad!” – dann wäre unendlich viel Leid verhindert worden.

Als ich noch in Bonn gelebt habe, war ich zu Beginn des Studiums in einem Kifferfreundeskreis. Alle haben sich geweigert, am Telefon “Gras” oder “Haschisch” oder “Kiffen” zu sagen, weil es hieß, “der amerikanische Geheimdienst” würde gewohnheitsmäßig alle Telefonate in Bonn abhören. Und bei bestimmten Schlüsselbegriffen wäre man geliefert. “War on Drugs und so, du weißt schon.” Wollte man also in Erfahrung bringen, ob jemand Gras hatte, wurde gefragt: “Ist Paul da?”. Oder: “Kannst du mir noch die Loseblattsammlung mitbringen?”

Als dann die ersten von uns als Referendare bei der Staatsanwaltschaft arbeiteten, erfuhren wir, dass Codewörter nichts bringen; hatte ein Nachbar verdächtige Aktivitäten beobachtet, dann wurde das Telefon abgehört, und wenn jemand sich allzu oft “Unterlagen” oder “CDs” mitbringen ließ, war er fällig.
Der Staat kann also durchaus etwas ausrichten und mit angeschaltetem Kopf überwachen: Wenn es um Haschischverbrecher geht, die in ihrer Wohnung kiffen, und die Nachbarn mithelfen.
Hätte ich solche Geschichten nicht gehört, hätte ich gedacht, dass es gar keine Polizei gibt. Ich kenne Leute, die sind jede Woche nach Holland gefahren und nie erwischt worden, über Jahre.
Wer erwischt wurde, das waren diese Spezialkiffer, die mit Hanfblatt-Shirt und Rastalocken zu Fünft aus Dortmund mit Dortmunder Nummernschild nach Kerkrade fuhren und noch auf dem Parkplatz glückselig die Bong auspackten.
Die Polizei, halten wir das kurz fest: Bekommt Kiffer, die ein Kiffershirt tragen und Terroristen, die “Bombe” schreiben.

In 62 meiner Mails kommt das Wort “Bombe” vor. (Hier ein Link zu einem Screenshot meines Mailaccounts.)
“Lieben Gruß, drücke die Daumen, dass es einschlägt wie Bombe”
“Der Joker kennt die Menschen und richtig witzig wäre es nur gewesen wenn die Auslöser gar nicht vertauscht worden wären, bzw. der Wurf des Auslösers durch das Bullauge die Bombe gezündet hätte.”
“Angenommen man würde grundsätzlich militärische Mittel als geopolitisches Instrument der internationalen Gemeinschaft für sinnvoll erachten – wovon ich persönlich nur in absoluten Ausnahmefällen zu überzeugen wäre, sollten sie nicht zumindest die ultima ratio bleiben? Nachdem alles andere erfolglos versucht wurde? Und man mit Sicherheit davon ausgehen muss, dass morgen “die Bombe” da und ihr Einsatz ernstlich zu befürchten ist? Keinen anderer Weg vernünftigerweise ersichtlich, die reale Bedrohung auszuschalten?”
Zu den letzten beiden: Ich bekomme auch die Kommentare zu meinen Blogs per Mail – wie wahrscheinlich die meisten Blogger.
Gehe ich also recht in der Annahme, dass es von Steuergeldern bezahlte Menschen gibt, die sich durch ellenlange Texte lesen müssen, die irgendwelche Politnerds und Filmnerds und Arschnerds geschrieben haben, die dann nach Kontext suchen müssen, die zu untersuchen haben, wie der Rest der Kommunikation beschaffen war: Gehe ich also recht in der Annahme, dass es von Steuergeldern bezahlte Menschen gibt, die genau das tun, was ich mache, bloß mit der Intention, so Terroristen zu fangen?

Ist es nicht so: Wenn man so Terroristen fängt, dann sind die nicht gefährlich, weil es ihnen nie gelingen wird, einen Plan umzusetzen, der ausgeprägtere Skills erfordert als der Plan, ein Loch in den Schnee zu pinkeln?
Ob sich wohl jemals ein Heroindealer, ein echter Pate des Drogenhandels, in einen Kombi zusammen mit seinen fünf besten Kumpels aus Dortmund gesetzt hat, gewandet in ein Cannabisshirt, die Bong im Rucksack?

Kann es sein, dass in Deutschland Terroristen jahrelang morden können, ohne dass jemand es merkt, weil die Polizei Schrödingers Katze jagt? Weil sie im Netz rumhängt und schaut, wer mp3s tauscht und weil sie Kiffern hinterherstellt und bei beiden Aktivitäten immer nur die unglücklichsten Vollpfosten drankriegt, weil ihre Ressourcen gebunden sind auf der Suche nach Hirnriss, weil sie einen iMac nicht von einem Bildschirm unterscheiden können?
Wäre es: Nicht vielleicht sinnvoller, Polizisten und Geheimdienstler besser zu bezahlen, im Gegenzug Menschen mit Gehirn einzustellen, die Strafgesetze der Gegenwart anzupassen und vielleicht dann einfach mal echte Mörder zu jagen?

14 comments

  1. Als Computerlinguist ist mir das ziemlich klar, dass einfache Stichwortsuche hier kaum etwas bringt. Eine auch nur annähernd erfolgreiche Textklassifikation in “verdächtig” und “unverdächtig”, die einer manuellen Prüfung vorausgehen könnte, ist durchaus eine Herausforderung. Aber durchaus auch etwas, das man realistisch entwickeln könnte. Wenn man die Fachkräfte bezahlen kann und wenn man sie überredet, ihre Kompetenz für solche Ziele zur Verfügung zu stellen.

    Wortwahl ist ja lange nicht alles in Texten. Da geht noch einiges mehr. Und selbst bei der Wortwahl geht einiges mehr als man denkt, vor allem wenn man die Wörter untersucht, die nicht bewusst genutzt oder vermieden werden (Unterlagen oder Bomben) sondern die, über die der Autor eben nicht so bewusst nachdenkt (zum Beispiel Häufigkeitsverteilung von Funktionswörtern wie Artikel Präpositionen).

  2. Gezielte Fahndung, gezielte Überwachung….

    Das nenne ich doch mal effektiv. Oder besser: effektief. Die sagenhafte Trefferquote von 0,000571155% erzielten 2010 die angeblich zuständigen Überwacher beim Überprüfen von 37292862 E-Mails. Genau……

  3. Vermutlich erfolgt so eine ordentliche linguistische Analyse ja auch in einem zweiten Schritt…

    Siehe (auch wenn das natürlich Spekulationen sind, sie erscheinen mir jedenfalls plausibel) bei Hadmut Danisch: http://www.danisch.de/blog/2012/02/26/die-geheimdienste-uberwachten-2010-37-millionen-e-mails-und-datenverbindungen/

  4. Arschnerds XD XD XD

  5. Schöner Text, kleine Ergänzung zum Anfang: Sie müssen viel mehr als 37 Millionen Mails überprüft haben, sonst hätten sie ja nicht gewusst in welchen das Wort “Bombe” steht.

    Offensichtlich werden praktisch alle unsere Mails vom Geheimdienst gefiltert.

  6. Schöner Text, kleine Ergänzung zum Anfang: Sie müssen viel mehr als 37 Millionen Mails überprüft haben, sonst hätten sie ja nicht gewusst in welchen das Wort “Bombe” steht.

    Offensichtlich werden praktisch alle unsere Mails vom Geheimdienst gefiltert.

  7. Die Antwort lautet: Ja.

  8. [...] »Nichts ist Bombe: Wie sich die Sicherheitsbehörden auf die Jagd nach Schrödingers Katze ma…Die Polizei, halten wir das kurz fest: Bekommt Kiffer, die ein Kiffershirt tragen und Terroristen, die “Bombe” schreiben. Wäre es: Nicht vielleicht sinnvoller, Polizisten und Geheimdienstler besser zu bezahlen, im Gegenzug Menschen mit Gehirn einzustellen, die Strafgesetze der Gegenwart anzupassen und vielleicht dann einfach mal echte Mörder zu jagen? (Ich bin mit Malte öfter mal nicht einer Meinung, aber das finde ich ziemlich auf den Punkt) (Und wenn Ihr diesen Blogeintrag kommentiert, werden auch meine Mails gescannt werden, jaja.)« [...]

  9. [...] Warum? Es liegt an einer Zahl, die in den vergangenen Tagen durch Blogs geisterte und die Malte Welding ausgeschrieben hat, damit sie besser im Gedächtnis bleibt: „Siebenunddreißig Milli… So viele Mails haben deutsche Geheimdienste überprüft, weil in ihnen Schlüsselbegriffe wie [...]

  10. [...] Nichts ist Bombe: Wie sich die Sicherheitsbehörden auf die Jagd nach Schrödingers Katze machen [...]

  11. Und was ist daran jetzt neu?
    Es gibt einen Künstler der stellte irgendwo im vorderen Orient eine Telefonanlage auf die regelmäßig in Schrift und Sprache “Terrorwörter” sendete.
    Das gab richtig Ärger und er musste das dann abbauen, weil die “echten” Meldungen dahinter verschwanden.

  12. [...] – ich kann mir schwer vorstellen, dass ein Attentat per E-Mail geplant wird. (Nachtrag: Malte Welding vergleicht es mit Schrödingers Katze.) Was ist überhaupt eine deutsche E-Mail? ↩Danke für diesen [...]

  13. Naja, dass ein Geheimdienst sinnvoller ist wenn er Terrorismus verhindert als wenn der das nicht tut ist ziemlich naheliegend…