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Feb 12

Versiebt Verkackt Verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End – Leseprobe “Lassen Sie mich, ich bin durch”

Am 12. März erscheint mein neues Buch Versiebt Verkackt Verheiratet: Vom Leben nach dem Happy End (e-Book). Es handelt von den drei Brüdern Roman, Ben und Paul (den die Leser dieses Blogs ja schon kennen) und Pauls bestem Freund Jimo. Die Geschichte beginnt nach dem Happy End. Roman ist mit Mia verheiratet, die beiden schlafen seit 69 Tagen nicht mehr miteinander, wollen aber schwanger werden. Paul wird von seiner großen Liebe Greta auf LSD verlassen, Ben ist mit seiner Traumfrau Julia zusammen, aber verliebt in deren beste Freundin Theresa.
Und Jimo sitzt richtig in der Scheiße.
Hier nun ein Ausschnitt:

Lassen Sie mich, ich bin durch – 
Findet Jimo

»Why do I fall in love with every woman I see 
who shows me the least bit of attention?«
Joel in »Eternal Sunshine of the Spotless Mind«

Wenn Jimo nackt gewesen wäre, dann hätte das seine Lage noch komplizierter gemacht. Allerdings hätte er sich dann nicht fragen müssen, warum er die Boxershorts eines fremden Mannes trug. Er war wach geworden, weil ein übermütiger Vogel ihn für tot gehalten und begonnen hatte, ein exotisch aussehendes Insekt auf Jimos Bauch zu essen. Der Vogel hüpfte nun empört in einem sicheren Abstand herum, er beschwerte sich ganz offensichtlich darüber, dass seine Essensunterlage mit den Armen ruderte.
Jimo hörte auf, mit den Armen zu rudern, und richtete sich auf. Er lag nicht weit vom Ufer eines Sees entfernt, es war warm, nichts sprach gegen einen Badetag, außer dem Umstand, dass es kein Badetag war. Irgendetwas Wichtiges war heute. Und er hatte ja nicht einmal ein Badetuch.
Er versuchte sich zu erinnern.

Zwei Tage vorher
Auf dem Klo liefen über einen Lautsprecher Dialoge aus »The Big Lebowski« auf Spanisch, und an der Bar sah Jimo, wie ein vielleicht zwanzigjähriger Junge den Kellner ansprach, dann sein T-Shirt hochrollte und ein recht großes Big-Lebowski-Tattoo auf seinem Oberarm freilegte. Der Kellner tat angemessen erstaunt, und der Junge schaute mit genau der Art von verkniffenem Stolz, die ein eigentlich viel kleinerer Junge an den Tag legt, wenn er von einem größeren Jungen beim Fußball dafür gelobt wird, dass er ein Tor des Gegners verhindert hat.
»Es ist wie mit den ganzen Schwulen, die sich jetzt einen Bart wachsen lassen«, dachte Jimo. »Gar nicht so leicht, männlich auszusehen.«
Miranda kam zu ihm an die Bar, und er zeigte auf den Jungen mit der Tätowierung, der mittlerweile vom Kellner fotografiert wurde. »Welcher Ort könnte – auf der ganzen Welt! – besser für ihn geeignet sein als eine Big-Lebowski-Themenbar?«
Miranda lächelte.
Wegen Miranda war er hier. Ob er wohl irgendwo schon einmal nicht wegen eines Mädchens gewesen war? Jimo war für jeden, den er kannte, der Mann, der alle Frauen bekam, nur für ihn selbst war er der Mann, den alle Frauen bekamen.
Jimo bestellte einen doppelten Wodka und trank ihn in einem Schluck. Miranda schaute ihn fragend an, und er bestellte ihr einen Weißwein und sich noch einen doppelten Wodka.
»Es ist möglich, dass das Universum nur eine zweidimensionale Projektion ist«, sagte Jimo. »Das sagen führende Physiker, die selbst nicht verstehen, was das bedeutet. Übrigens haben sich die Physiker der UBS, der United Bank of Switzerland, also die haben Physiker dort, weil ihre Formeln so kompliziert sind, um den Faktor 200 vertan, als es darum ging, die möglichen Verluste der UBS zu errechnen. Am Ende verlor die Bank 20 Milliarden Euro. Die Herren unserer Welt sind Banker, oder lass es mich weniger politisch sagen: Die Grundlage unserer Welt, das sind die Banken, die Grundlage unserer Erkenntnis, das ist die Wissenschaft. Die Gehirne hinter beiden Einrichtungen sind Physiker. Und die verstehen die Welt nicht mehr. Man sollte die Welt also nicht zu nüchtern betrachten.« Er stieß mit seinem leeren Glas Mirandas Glas an. Miranda lächelte immer noch.
»Hast du ›Boardwalk Empire‹ gesehen?«
Miranda nickte nicht.
»Da gibt es diesen Jungen, der im Ersten Weltkrieg war und jetzt ins Gangstergeschäft einsteigen will. Ich habe Dinge gesehen, ich habe Dinge getan, sagt er. Das ist seine Qualifikation: dass er traumatisiert ist. So sollte man heutzutage zu einem Bewerbungsgespräch gehen. Deutlich machen, dass man ein Wrack ist. «
Jimo wusste, dass nur noch Paul ihm hätte folgen können und vor allem: hätte folgen wollen, aber für einen Moment war ihm das einfach mal egal.

Jimo hockte sich auf einen Stein, der Vogel hörte nicht auf, sich zu beschweren. Bewerbungsgespräch, dachte Jimo. Dann sprang er auf, schrie und trat gegen einen Baumstumpf.

Er hatte einen Termin mit einem Agenten. Sein erstes Buch war ein Desaster gewesen, der Verlag hatte ihn schlecht behandelt, Jimo hatte die Abgabe immer weiter aufgeschoben, er hatte die Deadline gerissen, das Buch, das dann schließlich mit dem dritten Lektor entstanden war, hatte sich nicht verkauft, und Jimo brauchte unbedingt einen Agenten. Er brauchte jemanden, der für ihn mit diesen Verlagsleuten reden konnte, und er brauchte einen Vorschuss, dringend. Aber keiner wollte ihn, er galt als schwierig und hatte einen Flop gelandet, aber jetzt hatte er diesen Kontakt zu Tobias Sippel, und der sollte der Beste sein. Sippel hatte am Telefon gesagt, dass Jimo wirklich ausgezeichnet schreiben könne, aber er habe sich zur Regel gemacht, da müsse er ganz offen sprechen, dass er Klienten habe, keine Patienten. Man höre so einiges, Berlin sei schließlich ein Dorf, und ohne Jimo zu nahe treten zu wollen: Er habe keine Lust, mit jemandem zusammenzuarbeiten, dem er hinterherlaufen müsse. Wenn er einem Verlag jemanden vermittele, dann müsse er für den auch als Mensch geradestehen. »Sie sind gut, aber tun Sie uns den gefallen: Benehmen Sie sich nicht wie ein Genie. Es sind nicht die Sechziger.« Jimo dachte: »Was für ein Arschloch«, aber auch: »Der Arsch hat recht.« Und außerdem hatte der Arsch gerade erst einem absoluten Ochsen, der immer auf Jimos Lesungen rumhing, einen Vorschuss von 100 000 Euro vermittelt. Jimo schaute sich um. Der wichtigste Termin des Jahres, des Jahrzehnts, seines Lebens, und er war hier, ja: Wo verdammt war denn hier?

Man kann als gesunder junger Mann in einer Großstadt nicht verloren gehen, heißt es, schon gar nicht in Deutschland. Deutschland ist ein übersichtliches und großzügig beschildertes Land, aber Jimo sah nur Bäume, keine Schilder, ziemlich viel See – und einen Vogel, der es jetzt ernsthaft auf ihn abgesehen hatte. Er trat ungeschickt nach dem Vieh und fiel hin. Jimo schaute in den Himmel und überlegte, ob er die Uhrzeit am Stand der Sonne ablesen könne.
Nö.

Zwei Tage vorher
Miranda hatte in der Lebowski-Bar eine Runde von so erlesenen Vollidioten versammelt, wie man sie so wohl nur in größeren Städten hinbekommt. Jimo hatte die Theorie, dass die meisten Leute sich bemühen, Freundeskreise herzustellen, in denen sie selbst positiv herausragen. Wenn das hier Mirandas Freundeskreis war, musste sie einiges zu verbergen haben. Die Zusammensetzung schien völlig zufällig zu sein, ein Arzt war dabei, ein Pärchen aus der Hölle, zwei Jungs, die wohl Computerzeugs studierten, eine Architekturstudentin und ein Ringer oder Aktionskünstler. Der Ringer oder Aktionskünstler wollte, dass Jimo am nächsten Tag mit ihm und einigen anderen Irren hinter einem geöffneten Kombi herfuhr, in dessen hinterem Teil ein Fernseher untergebracht war. Sie sollten radfahrend ein Fußballspiel anschauen. Irgendetwas sollte so bewiesen werden. Jimo sagte zu.
Es tat Jimo leid, dass er so gut smalltalken konnte. Es fiel ihm nicht schwer, mit jedem beliebigen Menschen einige Minuten zu plaudern, weswegen er fürs Radio auch so gut geeignet gewesen war. Er brachte die Leute zum Reden, und deswegen hörte er mehr als die meisten Menschen.
Der weibliche Teil des Pärchens aus der Hölle, eine Matrone mit schütterem Haar, sagte die ganze Zeit Sachen wie »Zum Bleistift« und »Ungegrüßt lässt schicken« und lachte darüber wie ein Seemann. Jimos ehemaliger Chef, der, der ihn in einer halbfeierlichen Zeremonie auf den Namen Jimo getauft hatte, weil sein echter Name nicht radiotauglich gewesen sein soll, hatte immer gesagt: »Jedes Mal, wenn jemand eine Floskel sagt oder einen schlechten Witz macht, werden irgendwo auf der Welt einem Schmetterling die Flügel ausgerissen.«
Jimo stellte sich Massengräber mit flügellosen Schmetterlingen vor, für die dieses Mondkalb verantwortlich war. Ihr Partner, der sich als Dominik vorgestellt hatte und Domi genannt werden wollte, war einen Kopf kleiner als sie und wog höchstens die Hälfte. Er sah aus, als würde er nach Pipi riechen. Glücklicherweise rückte er nicht näher an Jimo heran, er streichelte unablässig sein Kalb, als sei es schon eine Kuh, die er zum Milchgeben bewegen müsse.
Der Typ strich seine gelben langen dünnen Haare hinters Ohr und erzählte weiter vom Schreiben. Das gehörte nämlich zu Jimos nicht enden wollender Glückssträhne hinzu: Je größer der Idiot, desto sicherer schrieb er. Dieser hier schien eine Menge zu schreiben, und vor allem las er wohl dauernd, immer wieder erwähnte er Lesungen, auf denen zwischen ihm und dem Publikum etwas Besonderes passiert sei, irgendeine Vollidiotenmagie vermutlich. Im Netz sei das ja anders, Deutsche hätten ja Schwierigkeiten damit, affirmativ zu kommentieren.
Jimo kramte in seinem Kopf rum, was noch mal affirmativ hieß. Egal.
Domi wollte jedenfalls was werden, ein Genie war er schon, er zitierte jedenfalls unablässig Badiou oder was er dafür hielt. Jimo sollte ihm einen Kontakt herstellen, denn Jimo, das hatte der Typ gleich gemerkt, konnte nützlich sein.
Nützlich, dachte Jimo. In Tierfilmen hatte es früher immer geheißen, jede Tierart sei wichtig. Aber er konnte sich jetzt beim besten Willen nicht erklären, wofür eigentlich Kaninchen gut sein sollten. Klar, um Futter zu sein für Adler, aber dann gäbe es halt keine Adler. Davon ging ja nicht die Welt unter.
Er fragte den Typen, wofür denn wohl Kaninchen gut seien, und der Typ sagte mit gespielter Empörung, die natürlich nicht gespielt war: »Ich versuche hier Hilfe von dir zu bekommen, und du redest von Kaninchen!«
»Klappt ja wie ’n Klappstuhl«, rief sein Kalb und schlug sich auf die Schenkel.
Jimo entschuldigte sich und ging zur Bar.

Als sie endlich allein waren, holte Miranda ihr Smartphone heraus. »Hast du gesehen, was ich heute gepostet habe?«, fragte sie. »Hm?«, fragte Jimo.
»Hier, schau!«, rief sie. Sie gluckste.
Auf ihrem Facebook-Profil war das Video einer Katze, die ihr Junges umarmte.
Süß, dachte Jimo. Er wäre jetzt gern drei Jahre alt gewesen, dann wäre das bestimmt ein ganz nettes Treffen geworden.
»Du bist nicht oft bei Facebook, oder?«, fragte Miranda. Jimo meinte einen misstrauischen Unterton rauszuhören. Vielleicht glaubte sie, er habe etwas zu verbergen. Diese zwanzigjährigen Mädchen benahmen sich oft, als seien sie von der Sittenpolizei.
»Ich finde«, dozierte Miranda, »du solltest mein Profil anschauen. Eigentlich lernst du so mehr über mich, als wenn wir reden. Und am allerbesten«, jetzt schlug sie mit ihrer Hand auf ihre Stirn und riss dabei die Augen auf, Miranda war wirklich expressiv wie ein Stummfilm, »schaust du dir mein altes Myspace-Profil an. Das benutze ich seit zwei Jahren nicht mehr, und es ist ganz anders als mein Facebook-Profil. Da siehst du dann genau, wie ich mich verändert habe, das ist bestimmt total spannend.«
Jimo hatte sich vor Jahren angewöhnt, auf ersten Dates ein Pokerface zu bewahren, egal was komme. Er war richtig gut darin geworden, Quatsch einfach durchzuwinken, jeden Quatsch.
»Ich bin so ein Genie«, sagte Miranda. »Ich sollte Psychologie studieren. Psychologie 2.0.« Aus einem bestimmt total genialen Grund sagte sie Pyschologie. Sie hibbelte die ganze Zeit mit dem Hintern hin und her, und Jimo schaute zwischen Hintern und Hals – eben das: hin und her. Sie merkte nicht, wie er sie ansah, oder vielleicht merkte sie es auch, die jungen Frauen waren heute alle so unverdorben und exhibitionistisch zugleich. Er verharrte kurz an ihrem Hals. Sie hatte einen dieser Pullis an, bei dem eine Schulter freigelegt wurde. Er würde wirklich gern mit ihr schlafen, sie hatte ein wunderschönes Schlüsselbein. Schlüsselbeine waren seine Schwäche. Und fast alles andere.
»Nun schau«, sagte Miranda. Sie hielt ihm ihr Telefon unter die Nase und scrollte für ihn durch eine Galerie mit Fotos von ihr. Miranda vor ihrem Badezimmerspiegel, noch mal Miranda vor ihrem Badezimmerspiegel, Miranda am Strand, Miranda mit einer Freundin, Miranda mit noch einer Freundin, Miranda mit ihrer besten Freundin, Miranda mit ihrer allerallerbesten Freundin, Miranda mit ihrer allerliebsten Freundin, Miranda in London, Miranda in Barcelona, Miranda in Schwarz-Weiß, Mirandas Bauch, Mirandas Hals, Mirandas Seitenansicht.
»Ich habe total schöne Knie«, sagte Jimo. »Zu Hause habe ich eine ganze Kiste voll mit Fotos, auf denen man mein rechtes Knie sieht. Sonst nichts. Es ist wunderschön und füllt jedes Bild vorzüglich aus.«
Miranda puhlte mit dem Finger in ihrem Ohr und hatte die Augen etwas weiter aufgerissen.
Hatte sie Sarkasmus gewittert? Sofort bemühte Jimo sich um Wiedergutmachung.
»Du bist wirklich außergewöhnlich hübsch«, sagte er.
Sie lachte: »Danke.«
Etwas enttäuscht sah sie aus.
»Wie findest du die Bilder denn fotografisch?«, fragte sie.
Im Duell mit einem nur mittelmäßig begabten Pokerspieler hätte Jimo jetzt verloren, aber Miranda merkte nichts. Jimo stand auf, wankte kurz, ging an die Bar und kaufte vier Tequila.
»Vergiß die Zitronen«, sagte er zum Barkeeper. »Ab jetzt kommt nur noch rein, was Bum macht.«
Dann setzte er sich zu Miranda, kippte einen Tequila nach dem anderen mit einem kurzen Kopf-in-den-Nacken und sagte: »Deine Fotos sind wirklich fantastisch. Du solltest an die UdK.«
Das war das Letzte, an das er sich erinnern konnte.

Jimos Kopf tat so weh, dass er den Schmerz nicht spürte. Der Schmerz lauerte irgendwo im Hintergrund, er war als Drohung präsent. Später, viel später, wenn Jimo nüchtern werden würde, dann käme er über ihn. Solange konnte der Schmerz noch warten.
Jimo lief weiter durch den Wald, und auf einmal ploppte wieder dieses furchtbare Wort in seinem Kopf auf: Affenpenisse. Es verfolgte ihn wie eine Art akustisches Tourette seit damals. Seit ein paar Monaten hatte er die Sache erfolgreich verdrängt, jetzt war sie wieder da. Mit Affenpenissen hatte der ganze Scheiß, in dem er jetzt steckte, angefangen.

Sechs Monate zuvor
»Weckt mich, wenn die Erde wieder rund ist, ihr Affenpenisse«, hatte der Mann gerufen, der auf einer Bank vor dem Restaurant lag, in dem Jimo sich mit Lala treffen wollte. Er hatte es gleich noch einmal gerufen und laut gelacht. Jimo verkrampfte sich. Wahnsinn machte ihm Angst.
Jimo hatte vor gar nicht so vielen Dingen Angst, er war weniger ängstlich, als die meisten Leute es von ihm gedacht hätten, die ja immer glaubten, Schriftsteller seien alle Hypochonder, er war möglicherweise sogar weniger ängstlich, als es die meisten anderen Leute tatsächlich waren: Krankheiten machten ihm keine Angst, Gespenster, Höhen, Fahrstühle und Wespen nicht, und wenn Paul eine große Spinne bei sich im Zimmer gehabt hatte, wurde Jimo gerufen. Aber jetzt, als der Mann mit der Brot-für-die-Welt-Kappe diesen seltsamen Satz rief, schaltete sein Körper in den Alarmmodus. Er hatte wieder einen dieser Zustände.
»Ich habe diesen Zustand«, hatte er seinem Therapeuten gesagt und ihm dann erklärt, was ihm seit einigen Wochen gelegentlich passierte. Dass er sich dann minutenlang so fühlte, als habe ihn jemand erschreckt, dass es ihm vorkam, als sei die Umgebung seltsam. Er war dann aufgeregt und gleichzeitig unendlich müde, sein Kopf fühlte sich zu leicht an. Er hatte Schwierigkeiten, das seinem Therapeuten zu erklären. »Es ist, als würde ich die Welt zu unmittelbar erleben.«

Lala sagte zum Kellner: »Zwei Personen«, und er fragte sich zum zehntausendsten Mal, wer angefangen haben mochte, sie Lala zu nennen. Am Anfang, als er noch nicht total verknallt in sie gewesen war (wenn er über Lala nachdachte, war sein Vokabular immer das eines Teenagers in den Achtzigerjahren), hatte er noch gesagt, dass das der beknackteste Name sei, den er je gehört hatte, aber sie hatte darauf bestanden, so genannt zu werden, weil ihr richtiger Name ihr nicht gefiel.
Ihm fiel jetzt tatsächlich für einen Moment ihr richtiger Name nicht ein. Die Musik war viel zu laut und viel zu sehr italienische Volksmusik, und die Hand des Kellners war völlig übertrieben pelzig. Die Wahrscheinlichkeit, dass NICHT eines seiner Zillionen Fellhaare den Weg in Jimos Pasta finden würde, war null. Jimos Hirnhaut fror.

»Ich würde gern den Auslösern auf die Spur kommen«, sagte er seinem Therapeuten. »Es passiert häufig, wenn irgendwo laute Musik gespielt wird. Ich höre dann die Gespräche an den Tischen und die Musik, ich höre alles und nichts, die Frau in der entferntesten Ecke des Cafés sitzt auf meiner Schulter und schreit mir ins Ohr, aber meine eigenen Gedanken, die laufen nicht mehr in Kreisen, die schießen nur noch nach vorn. Die höre ich nicht mehr.« »In Kreisen?«, fragte sein Therapeut. »Na, normalerweise denkt man doch etwas und kommt wieder zum Ausgangspunkt zurück«, antwortete Jimo. »Ich verliere dann den Ausgangspunkt. Ich versuche nur noch, die Musik auszublenden und mir nichts anmerken zu lassen.« – »Ist Ihnen das, was Sie Zustand nennen, peinlich?«, fragte sein Therapeut.

Lala sagte, er sähe blass aus. Er rieb seine Hände. Auf einmal bekam er das Wort Spinnenleder nicht mehr aus dem Kopf. Lala durfte nichts merken, und Jimo versuchte zu lächeln. So übertrieben geil Lala auch war, von einem Samariter hatte sie nichts an sich. Hätte Jimo ihr am Anfang gesagt: »Na du, ich bin übrigens nervenkrank«, dann hätte sie ihre unglaublich genau richtig runtergerockte Prada-Handtasche genommen, ihre sodomitischen Wimpern zu einem blutrünstigen Blick geformt und sich verabschiedet. Lala hatte schon einen ziemlich beschissenen Charakter, nach klassischen Maßstäben. Nach den Maßstäben eines jeden Menschen, der sie noch nicht nackt gesehen hatte.

Sein Therapeut, der sehr mütterlich aussah, hatte ihn gefragt, ob ihn etwas bedrückte, und er hatte geantwortet: »Der Tod meines Großvaters.« Dann hatte sein Therapeut gefragt: »Warum?«, und er hatte gesagt, dass es dafür keinen Grund gebe außer dem offensichtlichen. »Jüngere Elefanten trauern um die alten Kühe, weil die wissen, wo die Wasserlöcher sind, und es für die jüngeren Elefanten also eine Gefahr bedeutet, wenn die alte Kuh stirbt.« Um dem nächsten Satz mehr Gewicht zu verleihen, hatte er sich gerade hingesetzt. »Ich weiß, wo meine Wasserlöcher sind. Ich bin traurig, weil er tot ist, das ist für mich Grund genug.«

Der Kellner brachte die Suppe, und Jimo scannte die Suppenoberfläche nach Kellnerkörperhaaren. Mit seinem Nacken stimmte etwas nicht, und sein Magen schmerzte. Lala sagte gerade irgendetwas Einstimmendes, sie sprach in einer Tonlage, mit der Menschen, die nicht gerade versuchen, Körperhaare, Brot-für-die-Welt-Typen, Handybrüllen, diese gottlose Volksmusik, das gesamte Grundrauschen dieser verranzten Kaschemme, die von den Verbrechern der Berliner Szene-Magazine gehypet wurde wie flüssiges Koks, Menschen, die versuchen, diese Dinge IRGENDWIE so auseinanderzuhalten, dass ihr Hirn nicht zu Mus wird … Sie sprach also in einer Tonlage, mit der normale, gesunde Menschen ausdrücken, dass das, was folgen sollte, wichtig war, enorm wichtig. Diese Tonlage erkannte Jimo. Frauen sprachen in ihr, wenn sie einen darauf vorbereiten wollten, dass sie einen Knoten in der Brust haben oder zusammenziehen wollen. Diese Liga von Tonlage war es. Er musste sich zusammenreißen.

»Schwitzt du, wenn du diesen Zustand hast?«, hatte Paul gefragt. »Nein.« – »Na, dann.« – »Andere merken da gar nichts von.« – »Wenn du nicht schwitzt, dann ist es doch auch nicht so schlimm.« – »Was hast du denn bloß mit dem Schwitzen?« – »Na stell dir vor, du hättest das, und dann würdest du auch noch schwitzen. Das wäre doch schlimmer.«

Er legte seine rechte Hand fest auf den Tisch. Das war eine Art Trick, die sein Therapeut ihm empfohlen hatte. Er sollte sich nur auf die Hand auf dem Tisch konzentrieren und alles andere ausblenden. Er fühlte seine Hand, den Tisch, sein Herzschlag pendelte sich ein. Lala legte ihre Hand auf seine. Er zuckte panisch zurück. Die Berührung hatte einige Sprengsätze in seinem Kopf gezündet. Er entschuldigte sich und ging auf die Toilette. Jemand, der mit Spikes über mit Nitroglyzerin gefüllte Luftballons gehen musste, hätte sich nicht vorsichtiger bewegen können. Jimo hatte das Gefühl, gegen jeden Tisch zu stoßen. Es würde einen Skandal geben, wenn er jetzt die Decke vom Tisch dieses Rentnerpaars herunterriss. Die Rentnerfrau schaute durch ihn hindurch, und er fand, dass sie recht hatte. Dann war er endlich auf dem Klo und starrte in die skurril verdreckte Kloschüssel. Der Kellner musste vor ihm hier gewesen sein. Er lehnte sich an die Toilettentür und versuchte zu furzen. Es ging wirklich gar nichts mehr. Er wartete.
Als er zurück kam, war Lala nicht mehr da. Er griff zu seinem Handy, aber dann überlegte er es sich anders. Er zahlte mechanisch die Rechnung und gab dem Kellner viel zu viel Trinkgeld. Er ging raus. Der Mann mit der Brot-für-die-Welt-Kappe hing wie eine Tatort-Leiche auf seiner Bank und schlief. Jimo setzte sich zu ihm und achtete darauf, ihn nicht zu wecken. Es ging ihm wieder besser.

Lange hatte das Gefühl nicht angehalten. Jetzt stand er hier in diesem Wald in der Unterhose eines fremden Mannes und dachte, das wäre endgültig der Tiefpunkt. Womit er sich ziemlich irrte.
Nachdem er stundenlang oder doch wenigstens sehr lange immer durstiger geworden und weitergelaufen war, stieß er endlich auf eine Straße. Er gab es auf, seine Blöße zu bedecken, und wartete an der nächsten Bushaltestelle, als sei es völlig in Ordnung, dass ein Mann Mitte dreißig in einer Unterhose, auf der ALF so abgedruckt war, dass der Eingriff und somit sein Schwanz mit der Nase des Außerirdischen deckungsgleich waren, auf den Bus wartete. Mütter zogen ihre Kinder näher an sich heran, und Jimo hätte jetzt sehr gern geraucht oder eine Jacke gehabt.
Der Busfahrer ignorierte höflich, dass Jimo offensichtlich schwarz fuhr, er musste auch bloß drei oder vier Mal umsteigen, bis er zu Hause war, mittlerweile ganz zufrieden mit seiner Nacktheit. Tobias Sippel, der Superagent, war jetzt ganz fern. Es war aussichtslos und erst einmal gut so. Jimo hockte sich vor seine Haustür und hoffte, dass sein Nachbar bald käme mit einem Schlüssel.

»Aber er kam nicht«, sagte Jimo. Wir hatten uns sofort nach seinem Anruf im österreichischen Restaurant unten bei mir im Haus getroffen, er hatte in seinem Gulasch rumgepopelt, und dann waren wir hoch zu mir gegangen. Er zündete sich mindestens die zehnte Zigarette an. Zum mindestens zehnten Mal bot er mir eine an. »Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dagesessen habe in dieser beschissenen Unterhose, ich hatte nichts zu trinken und nichts zu rauchen, und ich saß da den ganzen Tag und konnte einfach viel zu viel nachdenken. Nicht dieses ›Ah, ich bin ein freier Mann und lasse meine Gedanken schweifen‹, nicht diese Art von Nachdenken. Nein, dunkler Scheiß, ich war an einem wirklich finsteren Ort, ich habe eine Scheißangst bekommen, ich dachte, ich könnte da einfach verrecken, vor meiner eigenen Haustür, die Türkenkinder haben mich ausgelacht und später, als es dunkler wurde, dann auch die Türkendealer, und ich habe die ganze Zeit an Lala gedacht, aber nicht daran, dass sie ein Scheißmensch ist, was sie wahrscheinlich ist, sondern daran, dass sie der letzte Mensch ist, der mich geliebt hat. Irgendwann in der Nacht ist dann mein Nachbar gekommen, ich war wirklich glücklich, ihn zu sehen, so weinerlich glücklich, er hat mich in meine Wohnung gelassen, ich war vor Durst ganz wackelig auf den Beinen, aber ich bin sofort zum Rechner gestürzt, weil ich mir irgendwie angefangen hatte einzubilden, Lala hätte mir vielleicht geschrieben. Ich dachte echt, lach jetzt nicht, dass sie das vielleicht gemerkt haben könnte, wie es mir geht, dass ich in Gefahr bin. Ich fahre also den Rechner hoch, geh in meinen Posteingang, und da ist eine einzige Mail:
»Haste mal Bock, zwei, drei Artikel von mir zu lesen und mir zu sagen: Domi, mach weiter, oder eben: Domi, lass bleiben, mach was Vernünftiges? Ich mein, du hast bestimmt dreitausend solcher Anfragen täglich, und die meisten sind nix. Wie meine wahrscheinlich auch, but why shouldn’t I try …«

»Und da hab ich’s verloren, ich hab den Rechner vom Tisch gefegt, das ganze nächste Buch dadrin, was mir natürlich erst später aufgegangen ist, ich habe mir an der Wand fast die Hand gebrochen und dann ein paar Tage bloß an die Decke gestarrt. Ok, gekokst habe ich auch noch ’ne Menge, ich hatte ein bisschen was da. Und dann habe ich dich angerufen. Also: Nicht, dass du dich jetzt unter Druck gesetzt fühlst. Paul war nicht da, und sonst, na ja. Du weißt, wie es ist.«
Wir redeten über Lala, also: Er redete über Lala.
»Das ist wie mit so ’nem alten Porsche aus den Siebzigern. So ’nem schweren geilen Teil, so ’nem Jungstraum. Es gibt nichts Besseres, kein anderes Auto ist so besonders, so sexy, in keiner anderen Karre fühlst du dich so frei. Aber auf Dauer geht’s nicht. Die Nebenkosten fressen dich auf. Irgendwann merkst du, dass du nur noch in der Werkstatt bist, dass die ganze Freiheit nur in deinem Kopf stattfindet. Du stellst dir vor, wie der Fahrtwind an dir vorbeirauscht, aber dafür, dass du dir das vorstellst, brauchst du halt keinen Porsche. Irgendwann merkst du, das Ding muss weg.«
Er zündete eine Zigarette am Stummel der letzten an und sagte: »Weißt du, in New York merkt man an jeder Stelle, dass die Stadt gigantisch ist. Berlin könnte an manchen Ecken auch Osnabrück sein, aber in New York siehst du den Himmel nur, wenn du den Nacken ganz weit nach hinten beugst. So war es bei uns auch: Jeder Moment war riesig. Riesiger Sex, riesige Geschenke, riesige Einkaufsbummel. Als in New York die Türme eingestürzt sind, ist genau das Riesige, Perfekte, Himmelstürmende zur Falle geworden. Weil es so grandios war, war es so bedrohlich, auf einmal war man eingesperrt. Es war klaustrophobieauslösend. Und genau das Riesige hat mir bei Lala auch immer Angst gemacht.« Er sah mich eindringlich an. »Angst. Ich habe mich so danach gesehnt, dass wir nur einmal zu Hause bleiben, dass ich Spaghetti koche oder eine Dose Ravioli aufwärme, dass wir doof vorm Fernseher hängen oder Knie an Knie auf dem Sofa sitzen und stumpf in der Zeitung blättern.«
Von vorn sah er immer noch aus wie ein Wolf, von der Seite schien es für einen Moment, als würde er sich in einen müden Hund verwandeln.

Was Jimo da beschrieb, der Übergang von gigantisch zu beklemmend, das war natürlich ein Beleuchtungswechsel. Ein Beleuchtungswechsel, der so massiv war, dass es ihm Angst machte. Er hatte sogar selbst eine Erklärung dafür (wenn vielleicht auch nicht die beste).
»Ich wusste halt immer, dass das nicht gutgehen konnte. In mir gibt es eine Art religiösen Rest, ein Erbbruchstück fehlgeleiteter Religionslehre aus der Grundschulzeit. Ich glaube nicht, dass mir etwas Gutes passieren kann.«
Er blies eine erstaunliche Menge Rauch aus. »Verstehst du das?«, fragte er. »Selbst wenn etwas Gutes aller Wahrscheinlichkeit nach ziemlich sicher passieren wird, halte ich es bestenfalls für möglich. Ich denke dann: Ja, könnte sein, aber wahrscheinlich ist es nicht. Selbst wenn ein Mädchen nackt vor mir liegt, geht in meinem Kopf der Gedanke herum, dass sie auch sofort wieder gehen könnte. Oder vor meinem ersten Buch: Da habe ich nie ernsthaft damit gerechnet, dass es gedruckt wird. Bücher werden IMMER gedruckt«, sagte er mit plötzlich lauterer Stimme. »Also: Wenn der Verlag sie gekauft hat, dann werden sie auch gedruckt, ist ja logisch, aber ich dachte immer: Na, wer weiß. Immer gibt es dieses Gefühl, das mir sagt: Ich kann mit dem ganzen Scheiß, den ich abgezogen habe, nicht durchkommen. Es würde gegen alle mosaischen Gesetze verstoßen, wenn ein Typ wie ich wirklich Glück haben würde. Es ist, als würde ich an Sünde glauben, dabei glaube ich doch eigentlich an nichts. Oder ich kann mir die Hölle vorstellen, aber nicht den Himmel. Was weiß ich.«
Ich sagte ein paar Sätze über Selbstbehauptungswillen und dass man sich selbst mehr mögen müsse, und er sagte: »Jaja, ich versuch schon manchmal, mich selbst zu umarmen und meine Vagina im Handspiegel anzuschauen.«
Er trank noch zwei Bier und erzählte Literaturkram, und dann fragte er, wie es eigentlich in der Bundesliga aussehe, er habe Paul so lange nicht mehr erreicht, und der sei da seine Informationsquelle.
»Na, weißt du das nicht?«, fragte ich.
»Was?«, fragte Jimo.
Ich erzählte Jimo, dass Greta Paul verlassen hatte und der jetzt bei Roman untergekommen sei, worauf Jimo aufsprang, also wirklich: aufsprang, seine Zigaretten griff und seine Schlüssel, sich verabschiedete und loslief. Also wirklich: lief.

Anschließend habe ich Jimo ein paar Wochen nicht gesehen, ich glaube, erst wieder bei der Beerdigung. Er fuhr noch am selben Abend zu Greta, und als dort niemand aufmachte, randalierte er so lange, bis ein Nachbar die Tür öffnete und ihm sagte, wo Greta jetzt zu erreichen sei. Er fuhr also zu Konrad, und als der aufmachte, schlug er ihn nieder, und dann brüllte er Greta an, dass sie gefälligst wieder zurückkommen solle. Aber damit greife ich jetzt eine Woche vor, so weit ist es noch nicht.