Volksbeschäftigung

Frank-Walter Steinmeier möchte bis 2020 die Arbeitslosigkeit besiegen und alle lachen ihn aus.
“Wann lernen die endlich, dass es Vollbeschäftigung nie wieder geben wird?”, twittert es Steinmeier entgegen. Hat irgendein renommierter Forscher ein Naturgesetz des deutschen Arbeitsmartkes entdeckt, von dem ich nichts weiß?
Sicher, die Wahlkampfaussage einer Partei zu glauben, deren Vorsitzender ausdrücklich betont, es sei unfair, sie an ihren Wahlkampfaussagen zu messen, mag naiv sein.

Aber was ist die Alternative zum Versuch, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen? Soll man Deutschland zum Billiglohnland machen?

In der Pflege, da hat Steinmeier Recht, werden nicht nur jetzt schon zusätzliche Stellen benötigt, in Zukunft wird sich dieser Bedarf dramatisch erhöhen. Wenn der Staat in Aussicht stellt, diesen Bedarf zu decken: Was ist daran schlecht oder auch nur utopisch?

Und der Bereich Umwelttechnologie, der laut Steinmeier dazu dienen soll, Deutschland “zum Silicon Valley umweltschonender Industrieproduktion” zu machen?
Na endlich. Während sich Mitglieder der Jungen Union vor Atomkraftwerken anketten, hat die SPD mittlerweile verstanden, dass Umweltschutz und Arbeitsplatzerhalt einander nicht ausschließen, sondern im Gegenteil bedingen.

Abschließend zum vermeintlichen Naturgesetz, dass es in Deutschland nie wieder Vollbeschäftigung gegen könne.
Ja, es gibt in Deutschland viele Menschen, die so schlecht ausgebildet sind, dass sie auch für einfache Verrichtungen vom Arbeitsmarkt ignoriert werden.
Nein, man kann sich damit nicht einfach abfinden.

Der Glaube, menschliche Systeme seien unabänderlichen Bedingungen unterworfen, ist zwar ein starkes Mem, aber kaum zu halten, wenn man sich historische Entwicklungen anschaut. Die vorgestellte lineare Verlängerung einer Bewegung endet natürlich immer entweder in der Glückseligkeit oder in der Hölle. Aber das Leben, das weiß jeder, der RTL-Soaps schaut, verläuft in Wellenbewegungen. Warum nicht darauf setzen, dass wir eine Aufwärtsbewegung hinbekommen?

31 comments

  1. Ähm: bis 2020, Malte, nicht bis 2010. Das wäre in der Tat auslachfähig.

  2. Ich weiß nicht, ob es im Wahlkampf so klug ist, Vollbeschäftigung zu versprechen. Aber es ist immerhin ein Ziel. Das sollte meiner Meinung nach auch ein Ziel der CDU sein. Die Punkte, die Steinmeier anspricht, und das hat Malte ja auch richtigerweise geschrieben, sind “Zukunftsmärkte”, in denen es noch zu großen Personalwachstum kommen wird. Ich bin da optimistisch. Ich meine, vor der Krise sah es auf dem Arbeitsmarkt ja schon sehr gut aus.

    Die SPD muss Visionen präsentieren, um die Wahl zu gewinnen. Die SPD muss, finde ich, auch mal andere, ungewöhnliche Wege gehen um ihr Ziel zu erreichen. Und die SPD muss zu ihren Fehlern stehen – das sehe ich noch nicht, kann aber noch werden.

    Gruß
    Daniel

  3. @le M.
    Danke! War ein Tipp- kein Verständnisfehler: im Kopf hatte ich 2020.

  4. die frage ist aber eben trotzdem, warum alle arbeiten müssen?! seit jeher erschaffen wir maschinen damit uns die arbeit abgenommen wird. jetzt sind wir an einem punkt, an dem sicher nicht mehr alle arbeiten müssten. warum ist es so fundamentaler konsens, dass alle menschen in “arbeit gehalten” werden müssen.

    ich fange jetzt nicht schon wieder mit der “bedingungsloses grundeinkommen”-debatte an. statt dessen empfehle ich mal nen artiekl aus dem tagespiegel – da steht heute zum thema das hier.

  5. Ist zwischen “müssen” und “können sollten” nicht ein Unterschied?

  6. Ich gebe zu, Steinmeiers Erklärung nur überflogen zu haben, deswegen sind mir vielleicht ein paar Details entgangen. Ich fand seine Ideen aber auch lächerlich. Nicht, weil ich Vollbeschäftigung für unmöglich halte, das ist sicher machbar, sondern weil das für mich wie etwas klingt, was sich ein Zwölfjähriger ausdenken würde, der Kanzler werden will.
    “Wenn ich hier endlich das Sagen habe, gibt es keine Arbeitslosen mehr, weil dann schaffe ich ganz viele Arbeitsplätze, indem ich die Umwelt schütze und kranke und alte Menschen besser pflege.”
    Das ist nicht falsch, aber es ist kein Plan.

  7. ja natürlich ist das ein riesen unterschied. es ist aber auch die frage ob es sinnvoll ist, menschenunwürdige arbeiten ausführen, nur um zu arbeiten.

    ich stimme mit dir natürlich überein, dass es sinnvoll ist die von dir beschrieben arbeitsfelder auszubauen, bzw. arbeitsplätze in diesen bereichen zu schaffen. das problem ist nur, dass man, selbst wenn man alle derzeit als arbeitslos geltenden dort beschäftigt, immer noch eine vielzahl übrig sind, die sich in AB-maßnahmen arbeiten, die garnicht als arbeitslos gelten, die gerade 1euro-jobs ausführen um sich “arbeitswillig” zu zeigen.

    es ist ja schön wenn man optimistische ziele definiert. mich würde aber mal interessieren, ob herr steinmeier, wenn er abends in seinem bettchen liegt, es dunkel ist und er sich für kurze zeit nur selbst rechenschaft schuldig ist (oder vielleicht noch dem gott an den er wohl glaubt), tatsächlich selbst daran glaubt, dass er dieses ziel erreichen kann.

    wenn du sowas liest: “Steinmeier will vier Millionen neue Jobs schaffen”, ist dein erster gedanke dann tatsächlich:”menschenskinder, das ist endlich mal einer der sich um die richtigen dinge bemüht. warum ist denn da vorher noch keiner drauf gekommen?! die arbeitslosigkeit ist tatsächlich ein riesen problem. gut, dass es damit in 10 jahren vorbei ist!”

  8. Die Frage ist, was man unter Vollbeschäftigung versteht.

    Wenn Vollbeschäftigung bedeutet, dass jeder eine Tätigkeit hat die ihn oder sie ausfüllt oder so gut bezahlt ist dass man sie trotzdem macht, dann ist das ein ehrenwertes Ziel.

    Wenn Vollbeschäftigung heißt, dass alle 40 Stunden die Woche irgend etwas machen müssen und dabei hoffentlich soweit bezahlt werden dass sie davon einigermaßen leben können, dann halte ich das 1. für illusorisch und 2. gar nicht wünschenswert.

    Ich befürchte, dass die SPD wie auch die Gewerkschaften und leider die Mehrheit in den meisten anderen Parteien immer noch letzterem Arbeitsbegriff anhängen.

  9. Auch ich wollte mit “Die Frage ist doch” beginnen…. :-)

    Man kann sich anhand von “Warum nicht darauf setzen, dass wir eine Aufwärtsbewegung hinbekommen?” fragen, worin sie besteht.

    Arbeiten müssen / können wurde schon genannt.
    Das bedingungslose Grundeinkommen auch.
    (Was dabei übrigens absolut fehlt, ist die praktische Erfahrung, wie sich das Zusammenspiel von Menschen einer ganzen Gesellschaft verändert, wenn es über Jahre hinweg, gar Generationen, Prinzip ist.
    Wie verändert sich die Bedürfniswelt des Menschen?
    Konkret: Ist “Ehrgeiz” wie jetzt üblich erlebt, dann vielleicht ein anderer Ehrgeiz und gibt es ihn noch?
    Man kann davon ausgehen, dass es nicht zu sehr von den bereits gelebten Modellen (seit Beginn des Lebens) abweicht. Wissen nicht.

    Brand eins hat oft und viel mit dem Modell “Stell dir mal vor, wir sind plötzlich alle Freelancer” gespielt, “Wer vermisst dann noch eine Festanstellung?”
    Auch dabei können wir nicht wissen, wie sich die praktische Umsetzung gestalten würde. Ob es Menschen geben würde, die damit überhaupt nicht klarkommen würden und es zu neuen psychischen Krankheiten und Ausfällen käme. “Herr Doktor, ich kann einfach nicht immer alles entscheiden.” Wie “Handel” aussehen würde. Es bezöge ich ja auch auf Bereiche, die man gar nicht als klassische Honorartätigkeitsfelder im Auge hat.

    Ich glaube, wünschenswert ist eine Gesellschaft, die sowohl als auch bietet und das im optimalen Umfang. Wünschen, zumindest, kann man es sich ja mal. Und daran arbeiten auch :-)

  10. @Christian
    Nein, mein erster Gedanke war natürlich auch: “Wahlkampflyrik”.
    Und dann dachte ich, dass man das doch eigentlich so schmerzlich vermisst, diesen Zukunftszugewandheit, nachdem man jetzt endlos lang eine Bundesdiplomverwaltungswirtin anstelle einer Kanzlerin hatte.

    1-Euro-Jobs und ABM lehne ich ab, das entspricht nicht meinem Arbeitsbegriff. Arbeit nur, wenn sie nötig ist und sie den Arbeitenden nährt.

  11. Malte, ich denke jener Vogel hat nicht ganz unrecht; Es wird nicht abzuwenden sein, dass immer mehr Jobs durch die rasante technische Entwicklung “wegrationalisiert” werden und Arbeitnehmer gezwungen sind in anderen Feldern neue Jobs zu suchen; Die sie jedoch meist nur durch Um- oder Weiterbildung erschiessen können. Weshalb ich der Meinung bin, dass Herr Steinmeier anstatt utopische Versprechen zu machen, besser mal über Um-/Weiter- und überhaupt Bildung und – Ironie des Schicksals, liebe Deutsche – eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes nachdenken würde. Die Tage des “Lerne was anständiges und verdiene die nächsten 40 Jahre anständig” scheinen tatsächlich gezählt. Na ja, vielleicht verkauft sich so eine Politik halt nicht ganz so gut, wie die alte Kastenhans-Tour.

  12. Oh, ich habe gerade entdeckt, dass sich “steinmeiern” auf “rumeiern” reimt. ;)

  13. Ou, so weit ist die Diskussion schon — da moechte man aus reiner Provokation einfach nur “Bedingungsloses Grundeinkommen.” als Kommentar schreiben, derweil tauchte das Stichwort schon im vierten Kommentar auf.

    Aber viel wichtiger: Wann werden Politiker mit Visionen endlich nicht mehr fuer therapiebeduerftig gehalten?

  14. Das Konzept Grundeinkommen ist alles andere als neu – und spannend. (“Bedingungslos” hör ich zum ersten mal.) Kennt denn jemand eine Studie, ob das funktioniert? Auf längere Zeit? Keine Auswirkungen auf die “Arbeitsmoral”? (Zumindest galt in den frühen 90er diese Frage der Knackpunkt.)

  15. der herr schroeder

    Hätten Sie es vor der Bankenpleite je für möglich gehalten, dass dieser „hochverschuldete“ Staat innerhalb kürzester Zeit Milliarden von Euro in der Lage sein würde aus dem Hut zu zaubern, damit jaaa alles so weiter läuft wie gehabt?

    Hätten Sie dann noch ahnen können, dass nach Umfragen ausgerechnet die FDP davon am meisten profitieren wird?

    Ich auch nicht.

    Will sagen: Sowas wie das Bedingungslose Grundeinkommen ist eigentlich keine Frage der Finanzierung. Alles nur ein Trick. Es ist vor allem eine Frage der Einstellung. Solange eine Armee von „Rechenkünstlern“ sich sofort auf die Taschenrechner stürzen, sobald das Stichwort fällt, gibt es keinen Grund für unnötige kulturelle Umwälzungen, wenn sich der Bürger anerzogenerweise weiterhin ausschließlich über die Erwerbsarbeit definiert. Ich halte das also nur für konsequent höflich, dem Wähler pünktlich zu den Wahlen einen von „Vollbeschäftigung“ zu erzählen. Klingt doch besser als: „Wenn das nicht geht, dann eben die Rente mit 83 bis 2040“.

  16. Dass Du 1€-Jobs u.ä. nicht zu Deinem Arbeitsbegriff zählst ehrt Dich, ob das Steinmeier so ähnlich sieht ist dagegen fraglich.

    Wer sich die Arbeitsmarktpolitik Deutschlands ansieht kommt zu dem Schluss, dass es dabei eben doch darum geht, dass Menschen irgendeine Tätigkeit verrichten um aus der Statistik zu verschwinden. Diese Tätigkeit kann auch völlig sinnlos/unproduktiv sein oder ausschließlich der Bereicherung von Unternehmen dienen während die “Arbeitnehmer” weiterhin vom Staat “bezahlt” werden.
    Ich empfehle dazu die Doku “Die Armutsindustrie”. Hier wird deutlich, wie Vollbeschäftigung erreicht werden kann/soll.
    http://www.youtube.com/watch?v=9XFFV9rb5w8

  17. Es wäre natürlich schön, in der Pflege endlich genügend Kräfte zu haben, aber volkswirtschaftlich bringt Dir das halt keine Wertschöpfung, d.h. das Geld, das dafür ausgegeben wird, muss erstmal verdient werden. Umwelttechnologie fördern ist natürlich gut, das kann für Deutschland ein sehr wichtiger Faktor werden.

    Aber kann man denn einer Partei trauen, die das alles hätte schon seit Ewigkeiten anstoßen können und dann stattdessen für einen elenden, sinnlosen, umweltpolitisch schädlichen, teuren und rückwärtsgewandten Scheissdreck wie die Abwrackprämie stimmt? Das ist doch die Frage.

  18. Welche Definition von Vollbeschäftigung meinst Du denn?

    “In der politischen Diskussion wird Vollbeschäftigung meist im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gesehen. Sie wird hier definiert als Nichtüberschreitung eines bestimmten Prozentsatzes der Arbeitslosenquote, z. B. weniger als 2 %. Hat man in Westdeutschland in den Zeiten des Wirtschaftswunders und des Arbeitskräftemangels noch die Ein-Prozent-Marke als Grenze zur Vollbeschäftigung betrachtet, werden seit den 1990er Jahren mehrheitlich Marken von 4, 5 oder gar 6 % als Maßstab genommen.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Vollbeschäftigung

    Von 6 Prozent sind wir gar nicht so weit entfernt. Vielleicht hat Steinmeier auch auf zehn aufgerundet.

    Vollbeschäftigung gibt es nur im oder in den Jahren nach einem Krieg, in Zeiten eines gesamtwirtschaftlichen Booms oder wie im real existierten Sozialismus bei Ineffizienz. Wenn 1000 Leute in vier Tagen an etwas arbeiten, was 200 Leute auch in zwei Tagen schaffen könnten, dann ist die Vollbeschäftigung nicht weit. Bedingung: Alle Unternehmen müssen ineffizient sein, dann wenn eine Firma allein dieses Modell fährt, ist sie nicht besonders konkurrenzfähig. Die 1000 Leute wollen ja auch bezahlt werden – nach Tarif und Mindestlohn etc.

    @der herr schroeder: Wenn die Lebenserwartung dann bei 100 liegt, ist das Gleichgewicht wieder hergestellt.

  19. Das Problem heutzutage ist doch, dass es mittlerweile ein Privileg ist, arbeiten zu dürfen. Kein Mensch hat auf Dauer Lust auf das nichtstun.

    Kurz zum Arbeitsbegriff:
    Irgendwo in Baden-Württemberg gibts ne Kneipe in der immer der “Colaphilosoph” abhängt. Seine Eltern sind wohl recht reich und er ein bißchen verwirrt. Er hält sich im Grunde den ganzen Tag in der Kneipe auf und trinkt immer Cola. Auf den forschen und neiderfüllten Hinweis von anderen Gästen, dass er (der Colaphilosoph) ja gar nicht arbeiten würde, meine er nur: “Ich arbeite sehr hart…”, um nach einem kurzen Moment hinzuzufügen “…und zwar an mir selbst.” Das fand ich cool.

    Der klassische Arbeitsbegriff muss nicht so radikal umgedeutet werden, wie im erwähnten Beispiel (macht jetzt rein volkswirtschaftlich nicht so viel Sinn), aber eine stärkere Anerkennung von Arbeit, die nicht an ein Einkommen gekoppelt ist, fände ich sehr lobenswert.

    Grundeinkommen wertet Arbeit auf, die nicht an ein Einkommen gekoppelt sind. Und es könnte zu einer gerechteren Arbeitsverteilung auf dem Arbeitsmarkt kommen, weil Menschen auf das Recht pochen keine Überstunden machen zu müssen bzw. nur an 4 Tagen pro Woche zu arbeiten, was die Nachfrage nach Arbeitskräften steigern würde.

    Soweit von mir am Thema vorbei.

  20. Vorweg: 9/10 des gesellschaftlichen Wirtschaftsproduktes gehen in unserem schönen Land an 1/10 der Bevölkerung (welches vom INSM-Händel gerne als “Leistungsträger” bezeichnet wird), was im Gegenschluss ja nichts anderes bedeutet, als das 9/10 der Bevölkerung bei Wegfall dieses Ultrareichen-Wasserkopfes nur noch 1/10 der Arbeitskraft aufbringen müssten, um ihren Lebensstandard zu halten (4h-Woche!). Wie kommt es, dass es den 9/10 völlig egal ist, dass sie letztlich nur 1/10 ihrer Arbeit vergütet bekommen? Das ist doch merkwürdig, oder? Soviel erstmal zu den realen Verhältnissen in unserer “freien” Gesellschaft. Die genannten Zahlen findet man übrigens ganz offiziell auf den Seiten des statistischen Bundesamtes.

    Zur Vollbeschäftigungspropaganda: Ich nehme an, jeder hier kennt das heilige Gesetz von Angebot und Nachfrage. Und wir wissen alle, wie sich Angebot und Nachfrage dynamisch im Markt entwickeln (Stichwort Schweinezyklus). Und der Pseudo-Sozi Super-Steinmeier will es tatsächlich irgendwie schaffen, dass es dauerhaft eine Übernachfrage für Arbeitskräfte auf dem (Arbeits)markt gibt? Wie soll das gehen, ohne den Kapitalismus abzuschaffen? Da fällt mir nur eine Lösung ein: Arbeitskraft künstlich verbilligen bis zur Nullgrenze? Also alle Lohnempfänger über kurz oder lang restlos ins SPD-Hartz4 und so letztlich Alle zu billigen Industriesklaven machen? Zeigt die SPD hier etwa eine stalinistische Fratze?

    Naja … wie auch immer. Ich werde mich jetzt mal wieder mit sinnvolleren Diskursen “beschäftigen”. Wahlkampfabsonderungen sind ja eigentlich nicht den kleinsten Gedanken wert. Nicht, Malte?

  21. Das Thema Vollbeschäftigung bzw. Arbeitslosigkeit und deren Bekämpfung ist weitaus komplexer, als es sich die meisten vorstellen. siehe zB:

    “Eines der Grundprinzipien des Keynesianismus ist die negative Korrelation zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Grundlage für diese Annahme bildeten empirische Untersuchungen auf der Basis historischer Daten, die mit sinkender Arbeitslosigkeit ein höheres Preisniveau verbanden (Phillips-Kurve/Phillips-Theorem). Theoretisch erklärt wurde dieses Prinzip damit, dass mit sinkender Arbeitslosigkeit das Volkseinkommen steigt und hierdurch die Konsumgüternachfrage stärker ansteigt als Produktionskapazitäten geschaffen werden können. Dazu kommt, dass bei Vollauslastung die Preise ansteigen und die Gewerkschaften bei geringerer Arbeitslosigkeit höhere Lohnforderungen durchsetzen können, was sich auf die Preise auswirkt. ”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Inflation#Keynesianische_Erkl.C3.A4rung

    Selbst wenn man Keynes und den Aussagen und ökonomischen Theorien die auf seinen Theorien aufbauen aus welchen Gründen auch immer nicht folgt:
    Dass Nachfrage nach Arbeitskräften auf die Anzahl der Erwerbsfähigen zutrifft (=Vollbeschäftigung), kann nur zufällig eintreten. Es sei denn es gibt einen so enormen Wachstumsschub, wie Westdeutschland in der Nachkriegszeit, wenn man noch Arbeiter aus dem Ausland reinholen muss, also: Nachfrage höher als das Angebot.
    Da wir nicht von so einem Wachstumsschub auszugehen brauchen, bleibt nur der Zufall oder massive Eingriffe von Seiten des Staates, die kurz-, mittel- oder langfristig (je nachdem wie lang Vollbeschäftigung anhalten soll) künstlich erhöhte Nachfrage schaffen müssten. Solche massive Einflussnahme könnte ebenso massive negative Auswirkungen haben, die alles schlimmer als besser machen könnten (Verzerrungen am Arbeitsmarkt, die zu Lohndumping, Ineffizienz etc. führen können).

    Was viele ja auch immer ausblenden, ist, dass ein Wirtschaftsystem aus unzähligen(!) Interdependenzen besteht (viele = zB auch die, die ein Grundeinkommen fordern, ohne über die Veränderung der Anreizsysteme nachzudenken (teurere Mieten zB)). Und diese Komplexität kann dann leicht zu “gut gemeint ist das Gegenteil von gut” führen, if you know what I mean. Wobei ich bei solchen Themen in Wahlkampfzeiten eher von, sagen wir, dem Gegenteil von Wahrheit ausgehe.

    Steinmeiers Aussagen habe ich jetzt im Detail nicht gelesen, vermute aber stark Kokolores.

  22. (Damit will ich im übrigen nicht sagen, dass es nicht ehrenvoll wäre, über Vollbeschäftigung nachzudenken, aber dann bitte auch mit allen Implikationen.)

  23. @Marcel Weiß
    Danke für die Erläuterung!
    Vielleicht habe ich den Fokus nicht richtig gesetzt. Wie Matthias Schumacher (Die Erklärung) in seinem Kommentar ja richtig sagt, ist Vollbeschäftigung schließlich auch ein definitionsbedürftiger Begriff.

    Ich finde, dass in Steinmeiers Initiative zwei begrüßenswerte Aspekte enthalten sind, die ich in dem Artikel auch aufgegriffen habe. Die Arbeitsplätze in der Kreativbranche, von denen er spricht, halte ich für dem staatlichen Einflussbereich entzogen. Da fehlt auch mir die Fantasie, mit anderen Worten: Keine Ahnung, was er damit meint oder wie er das bewerkstelligen will.

    Da nun aber einmal Arbeitslosigkeit nicht nur Geldmangel mit sich bringt, sondern nicht zuletzt durch die Überfrachtung des Arbeitsbegriffs mit einer Vielzahl anderer Aspekte auch ein großes psychosoziales Problem ist (Arbeitslosigkeit erreicht auf der Depressionsskala Werte wie Krankheit, Scheidung oder Todesfall), scheint mir der Aspekt der mit der Zahl der Beschäftigten steigenden Inflation zwar volkswirtschaftlich interessant, politisch aber vernachlässigenswert.

  24. “Da nun aber einmal Arbeitslosigkeit nicht nur Geldmangel mit sich bringt, sondern nicht zuletzt durch die Überfrachtung des Arbeitsbegriffs mit einer Vielzahl anderer Aspekte auch ein großes psychosoziales Problem ist (Arbeitslosigkeit erreicht auf der Depressionsskala Werte wie Krankheit, Scheidung oder Todesfall), scheint mir der Aspekt der mit der Zahl der Beschäftigten steigenden Inflation zwar volkswirtschaftlich interessant, politisch aber vernachlässigenswert.”

    Geldmangel: Ja, klar, das stimmt.
    Auch, dass es ein psychosoziales Problem ist, ist klar (was aber auch von der Politik ordentlich geschürt wird). Deswegen finde ich es ja auch richtig und wichtig, dass man sich damit beschäftigt. Allerdings: Ich habe keine Lösung und glaube auch nicht, dass Steinmeier eine hat. Denn auf ein paar Wirtschaftszweige mit steigender Nachfrage nach Arbeitskräften zu verweisen, ist imo eine Milchmädchenrechnung für den Stammtisch.

    Inflation politisch vernachlässigbar: Ja, aber nur weil die wenigsten Menschen den Zusammenhang und die Gefahren sehen. :)
    Frage mal deine Großeltern, wie das war, als das heute verdiente Geld im nächsten Monat nur noch die Hälfte wert war. Ich sage nicht, dass so ein Plan gleich zur Hyperinflation führen muss. Würde es natürlich sicher nicht. Aber ich glaube, dass, wenn Steinmeier es ernst meinen würde (was er imho nicht tut), es zumindest zu steigender Inflation kommen müsste. Die Höhe hängt dann davon ab, wie man Vollbeschäftigung definiert und wie stark sich demnach die Gesamtsituation verändern müsste.
    Und dann gehen alle hart arbeiten für Geld, dass immer weniger wert ist. Inflation schmerzt die unteren Schichten ja immer am meisten, weil 1. Löhne praktisch immer die letzten volkswirtschaftlichen Posten sind, die angepasst werden (der Koch muss mit dem Restaurantbesitzer über eine Lohnerhöhung verhandeln, das Anheben der Preise der Gerichte setzt nur die Druckkosten für die Speisekarte voraus..), und 2. sie als Bevölkerungsschicht auch fast immer in der schwächsten Verhandlungsposition sind.
    Inflation kann also sehr schnell dort ankommen, wo die “Vollbeschäftigung” helfen soll.

    Aus Inflation kann, wenn dagegen nichts unternommen wird, Hyperinflation (Inflationsrate grob 50%) werden, was letztlich zum Zusammenbruch des Wirtschaftssystems führt oder halt zum Reset desselbigen.

    (btw. der Zusammenhang Inflation/Arbeitslosigkeit geht auch in die andere Richtung: Nicht Steinmeier& co., sondern die Notenbanken können z.T. Arbeitslosigkeit senken, indem sie eine investitionsfreundliche Geldpolitik fahren, die allerdings die Inflation anreizt. Notenbanken sind ja permanent am Ausbalancieren zwischen den beiden Polen. Neben tausend anderen Sachen. :))

  25. @Malte: Eigentlich wollte ich mich nur noch Matthias nennen, aber da gibt es hier offensichtlich schon einen. In Zukunft gibt’s mich unter Realnamen (das nur mal nebenbei).

  26. @Matthias Schumacher
    Das macht es beim Zitieren leichter:)

    @Marcel Weiß
    Aber ist Hyperinflation ist doch etwas anderes, ist es nicht?
    Keynes’ Erklärung besagt doch lediglich: Wären alle reich, dann wäre ein Brötchen sehr teuer, weil der Bäcker fürstlich entlohnt werden muss für die Mühen am Ofen.
    Das ist ja ein Phänomen, das man in Boomregionen beobachten kann: Angeblich kann man als Pförtner in New York Unsummen verdienen, eine schöne Wohnung in guter Lage kann sich ein Pförtner von dem Geld dann allerdings nicht leisten. Trotzdem denke ich, dass ein New Yorker Pförtner zufriedener ist als ein hiesiger Hartz IV-Empfänger (was natürlich Spekulation bleiben muss).

    Übrigens ist Heribert Prantl ganz ähnlicher Meinung, was Steinmeiers Idee angeht:

    http://www.sueddeutsche.de/,tt3m1/politik/284/482736/text/

  27. Jein. Inflation ist ja nichts statisches, sondern der Begriff für eine Entwicklung, die von verschiedenen Faktoren abhängt. Das Zitat oben aus Wikipedia besagt nichts weiter, als dass die Inflationsrate von x% auf x+p% steigen würde, bei “Vollbeschäftigung” (Def. hin oder her :)) ggü. vorher. Dein Guthaben verfällt also schneller im Wert, weil die Preise für Güter schneller steigen. Die Unterschiede zwischen New York und Berlin zB würde ich da nicht mit reinziehen, auch wenn es Zusammenhänge gibt.

    Hyperinflation ist die Steigerung von Inflation. Also statt 5% Wertverfall des Geldes 50% oder so. Da im Wirtschaftsleben auch viel Psychologie eine Rolle spielt und von Erwartungshaltungen abhängt, kann sich eine immer mehr steigende Inflation, wenn die Geldpolitik nichts dagegen unternimmt, zur Hyperinflation steigern: Weil zB jeder lieber heute zum teuren Preis kauft, weil er weiß, daß es morgen noch teurer ist und jeder heute den Preis erhöht, weil er weiß, daß der andere kauft, weil der weiß….

    Ob man von so einer hypothetischen Beschäftigungssituation allerdings mit höherer Wahrscheinlichkeit in die Hyperinflation abrutscht, kann ich nicht sagen. Ich würde sagen nein, aber das muss nichts bedeuten. :)
    Man hätte mMn auf jeden Fall eine erhöhte Inflation und damit eine über den Zeitraum zunehmende Benachteilung der Unterschichten, wenn die Politik nicht gleichzeitig dem entgegenwirkt.

    Was jetzt Steinmeier angeht: Er hat sich auf jeden Fall die richtigen Wirtschaftszweige herausgesucht. Und sicher sind dort auch mehr Arbeitsplätze drin. Aber ich glaube, dass sein postuliertes Ziel, auch wenn es auf 2020 gesetzt ist, utopisch ist und damit nicht erreicht werden kann. Wäre das anders, bräuchte er auch Werkzeuge, um abzufangen, was ich hier angesprochen hatte, denke ich.

    Aber ich höre jetzt besser auf, bevor ich hier was falsches erzähle. Ich bin nämlich kein Experte, was diese Themen angeht. Wirtschaftspolitik hat zum kompliziertesten im Studium gehört. :)

    PS.: Prantls Text: “Baron Guttenberg” – Das gefällt mir.

  28. der herr schroeder

    „Die Dinge sind weitaus komplexer, als wir uns das alle vorstellen.“
    „Viele blenden immer was aus.“
    „Die Wenigsten sehen den Zusammenhang und die Gefahren.”
    „Ich habe keine Lösung.“

    Seien Sie doch auch mal ein ganz ein verrücktes Huhn für ein Stündchen:

    http://www.kultkino.ch/media_player_grundeinkommen/index.html

  29. der herr schroeder

    Auch das noch:

    „Ich verspreche nichts, ich sag nur, das Ziel ist erreichbar, wenn wir es gemeinsam anpacken.“

    Also, Herrschaften, legen Sie mal schön die Schulbücher zur Seite. Jetzt wird in die Hände gespuckt.
    Und denken Sie daran: Je mehr Sie die Erde verschmutzen, umso mehr neue Arbeitsplätze in Zukunft.

  30. der herr schroeder

    Ach, Sie haben schon längst.

    Dann vergessen Sie aber bitte nicht, rechtzeitig und weiterhin zahlreich zu vergreisen. Arbeitsplätze, Sie verstehen?

  31. Wenn Steinmeier gesagt hätte: Wir benötigen in den nächsten 10 Jahren 4 Millionen neue Jobs – und wir werden alles dafür tun, damit diese entstehen:

    Das wäre gut gewesen.

    Er hat aber gesagt, dass er übers Wasser laufen kann, sobald man ihn wählt. Er hat aber gesagt, dass er den Quell industriepolitischer Weisheit besitzt und zehn Jahre im Voraus beschließen und verkünden kann, in welche Richtung sich die Wirtschaft entwickeln wird.

    Es beunruhigt mich dabei, dass er diesen derben Unsinn nach Ratschluss mit klugen Menschen verbreitet hat – und verbreitet.

    Im Übrigen ist sein 70-Seiten-Papier garnicht mal so übel – übel aber ist, dass er dieses Papier nicht mit seiner Partei abgestimmt hat. Da lässt sich fragen: Will er als König gewählt werden? Als Präsident der französischen Republik? Als Stellvertreter Gottes, dessen Ratschluss die Geschicke für Millionen lenkt?

    Tja. Er ist wohl ein typischer Schröderianer. Und die Eulen munkeln von den Bäumen in Hannover und Berlin, dass ebendieser Schröder, sowie dessen politischer Freundeskreis, ganz erheblich die Finger im Spiel hat – und damit dem “Kanzlerkandidaten” Steinmeier so manchen Fingerzeig gegeben hat.

    Und wie ein freundlich hechelnder Hund apportiert er. sowohl seinem ehemaligen Herrchen, als auch den diversen Ratschlägen seiner Fachleute. Jedes Stöcken bringt er herbei.

    Nunja. Es könnte schlimmer sein. Merkel zum Beispiel. Koch. Merz. Und noch Ärgeres.

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