Opas Wahlkampf

Noch wird es vermutlich nicht wahlentscheidend sein, wem die Generation der Blogger und Twitterer ihre Stimme bei der Europawahl geben wird. Und doch ist es von Interesse, welche der etablierten Parteien am ehesten von dem neuen politischen Bewusstsein der digitalen Ureinwohner profitieren kann. Oder ob gar in der Piratenpartei eine neue politische Kraft entsteht.

Im heutigen Blogblick der Netzeitung geht es um die Wahlen zum Europäischen Parlament.
Hätte man vor den Wahlen den Parteien die Aufgabe gestellt, möglichst viel falsch zu machen im digitalen Wahlkampf, die Parteien des bürgerlichen Lagers könnten sich zufrieden zurücklehnen, denn diese Mission hätten sie tatsächlich übererfüllt.

Dabei hat dieses spukische Netz im Grunde nur ein Geheimnis: Die, die dort unterwegs sind, wollen ernst genommen, als Gesprächspartner akzeptiert werden.

Wenn bei mir im Blog Nebelkerzen aus dem Konrad-Adenauer-Haus gezündet werden oder in viel größerem Ausmaß bei den Ruhrbaronen der Autor eines kritischen Artikels von FDP-Angestellten regelrecht unter Trollbeschuss genommen wird – dann drängt sich doch die Frage auf, ob bei CDU und FDP überhaupt irgendetwas verstanden wurde.

Selbst bei der zweiten Stellungnahme der CDU zu der Geschichte in diesem Blog hier kam die Kommunikationsabteilung der Regierungspartei nicht über ein “Guck dich doch an” auf Nachmittagstalkshowniveau hinaus.

(…) übereifrige Wahlkämpfer, die nicht mit allen Funktionsweisen von Communities oder IP-Adressen-Registrierung vertraut sind, scheint es in jeder Partei zu geben. Wir hatten die vermeintlichen CDU-Mitstreiter, die tatsächlich aber aus der SPD-Parteizentrale kamen, schon Anfang März zu Besuch. Eigentlich wollten wir darum auch keinen Zirkus veranstalten und haben die Kommentare, nach einer kurzen Entschuldigungsmail aus dem Willy-Brandt-Haus, einfach ausgeblendet.
Da das Jamba-Phänomen aber für die SPD ein sehr wichtiges Thema zu sein scheint, und jetzt auch auf eine der offiziellen Wahlkampfseiten gehoben wurde, hier noch mal für alle zum nachlesen die Kommentare Nr. 5 und Nr. 6 von „Wilhelm Müller“ und „christian bergmann“ direkt aus der Nordkurve (…)

Die SPD hätte das doch auch gemacht, määäh, selber, selber.

Sehr verehrte Christdemokraten: Ich bin nicht die SPD.
Ich schreibe nur so vor mich hin und wer sich hier ein bisschen umschaut, merkt schnell, dass in meinem Blog nicht nur Menschen kommentieren, die mich lieben und bewundern.
Lassen Sie mich es anders sagen: Ich bin nicht Ihr Feind, ich bin, im Gegenteil, ein zu umwerbender potentieller Wähler. Ein potentieller Wähler, der erwartet, dass man mit ihm spricht wie mit einem Erwachsenen.

Wie man im Netz auftritt, macht Julia Seeliger vor. Ja, ich weiß, die ist beim politischen Feind und daher pfuibäh, aber Gegnerbeobachtung sollte doch zu einem erfolgreichen Wahlkampf dazu gehören.
Was macht Julia Seeliger also richtig? Sie versucht nicht, den perfekten PR-Auftritt hinzulegen.
Sie lehnt sich weit aus dem Fenster, entschuldigt sich, wenn sie übertrieben hat (und sagt nicht: “Andere machen doch auch mal Mist”), sie ist ansprechbar und nimmt an Diskussionen auch in anderen Blogs teil. Und zwar als Julia Seeliger, nicht als Ursula von der Leyen.

Ich bin nicht immer ihrer Meinung, überhaupt nicht. Aber ich merke, dass es bei ihr um etwas geht.

Nicht nur deswegen werde ich die Grünen wählen.
(Trotz der WUMS!-Wahlplakate, die aus einer Zeit stammen müssen, als Akronyme noch Schwänze hatten und sogar trotz der ultraesoterischen Haltung der Grünen zur Homöopathie.)

Als es noch darum ging, den Wähler zu entmündigen, blühende Landschaften zu versprechen und sichere Renten, da konnte man so kommunizieren. Helmut Kohl hat ja nicht einmal dem Spiegel Interviews gegeben.
Und Konrad Adenauer wollte gar einen eigenen Regierungssender haben (die Pläne sind gescheitert, heraus kam das ZDF – ich bin mir der Paradoxie dieser Aussage durchaus bewusst).

Diesen Zeiten mag man nachtrauern, aber sie sind nun einmal vorbei.

56 comments

  1. @Fritz
    “willkürlich gedroppt Fachtermini” — weder *willkürlich* gedroppt, noch sind alle Fachtermini. Du bist doch bloß sauer dass ich auch so lustige Worte kenne wie “Ganglien”, “disproportional” und “kohortenspezifisch” ^^

  2. Fritz Josefl

    > Du bist doch bloß sauer
    Ach woher dann. Niemals. Sauer? Ich? Gehts noch?!

  3. Fritz Josefl

    53. Kommentar. Junge-junge.

  4. @Maltefan
    Ich find halt, dass es dem eigenen Anliegen eher schadet, wenn man statt der Kraft, die schon im Parlament ist und auch sicher wieder reinkommt, eine wählt, die es sehr sicher (diesmal) nicht schafft – obwohl die netzpolitischen Positionen zu 90 % übereinstimmen.

  5. @Henning
    Mir geht es nicht nur um netzpolitische Positionen; ich finde das Thema Patente auch sehr wichtig. Und welche Partei stimmt denn da zu 90% mit den Piraten überein?

  6. Kann es sein, dass der ganze SPD-Onlinewahlkampf aus Daniel besteht, der in sämtlichen SPD-kritischen Blogeinträgen als erster aufschlägt und irgendwas seichtes zu sagen hat? Putzig ist es ja.

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