Im Kerzenschein mit Greta

Gretas Haar schimmerte im Kerzenlicht in einem warmen Goldton, ich goss uns Wein ein und sagte: „Schon hart, dass Adrian sagt, Mascha sei eine misanthrope Cocksuckerin.“
„Ich finde es beschissen, dass er so nachtritt. Wir wissen ja gut genug, warum sie ihn wirklich verlassen hat. Und da jetzt mit so Sachen zu kommen, sie hätte hässliche Füße und so – das ist doch eklig.“
„Aber im Ernst. Wie kann das sein, dass Mascha ständig Angst davor hat, schwanger zu werden?“
Greta nahm sich etwas von dem Salat, dann sagte sie:
„Sie möchte niemandem zur Last fallen.“
„Weißt du das oder denkst du das?“
„Hat sie gesagt.“

Wir näherten uns einem Thema, über das wir uns immer schon gestritten haben. Erzählen wir uns, was andere uns als Geheimnis anvertrauen?
Meine These: „Andere wissen, dass wir eine Einheit darstellen, deshalb darf alles, was einem von uns erzählt wird, weitergegeben werden.“
Ihre These: „Blödsinn.“

Aber ich bin halt unfassbar neugierig, wäre ich in der DDR aufgewachsen, hätte ich aus reiner Freude an Neuigkeiten bei der Stasi angefangen.
Ich will über jeden, den ich kenne, alles wissen. Alptraumdichte, Hauptangst, Nebenbefürchtungen, religiöse Ausrichtung, schlimmste jemals durchlittene Krankheit, jeder Fick, jede Abtreibung, jeder Todesfall – ich will dabei gewesen sein.

„Und wie erklärst du dir das?“
„Na, ich sag doch: sie möchte niemandem zur Last…“.
Ich unterbrach Greta: „Aber das ist doch Blödsinn, so funktioniert doch die menschliche Psyche nicht.“
„Ah. Wie funktioniert denn die menschliche Psyche, Herr Jung?“
„Na, zunächst musst du ja ein Urtrauma haben, das dann durch bestimmte Situationen getriggert wird. Was soll das denn bei Mascha sein? Dass sie Angst hatte, ihren Vater zu belasten? Ich weiß, das ist ein Klischee, aber das hat doch so groß“, ich zeigte Schulterbreite an, „SEXUELLER MISSBRAUCH auf der Stirn pappen, dieses Verhalten.“
„Ach komm. Das Verhalten hat Missbrauch auf der Stirn pappen. Deine Bilder waren auch schonmal besser. Mascha ist nicht sexuell missbraucht worden und dein Essen wird kalt.“
„Ich will doch gar nicht sagen, dass sie missbraucht worden ist, aber eine sexuelle Störung basiert einfach nicht auf der Überlegung, jemanden anderen nicht belasten zu wollen. Das ist so eine verkopfte Abart der Psychologie, die Mascha sich zurecht gekrampft hat, um nicht an sich zu arbeiten.“
„Paul.“ Greta legte ihre Gabel zur Seite. „An sich arbeiten. Möchtest du ein Ashram besuchen? Möchtest du Matze nach der Nummer von Rainer Langhans fragen und mit dem Wochenendseminare über sexuelle Störungen geben? Oder willst du vielleicht die viele viele Zeit, die du hast, nutzen, um einmal über dich selber nachzudenken? Vielleicht denkst du sogar mal darüber nach, warum du ständig über andere nachdenkst, aber nie über dich.“
„Was bist du denn so aggressiv?“

„Bevor du jetzt ausgiebig darüber spekulierst, ob ich als Kind meinem Vater einen runterholen musste; ich arbeite. Ich hänge nicht rum und nenne das dann Arbeit. Ich versuche wie eine Bekloppte, eine schöne Zeit mit dir zu verbringen, obwohl ich keine Zeit habe. Ich besorge Kerzen, ich blöde Kuh fahre dafür extra nach Charlottenburg, weil es diese Kerzen nur da gibt, aber für dich würden es wahrscheinlich auch Neonleuchten tun. Und dann sitzen wir zusammen und du faselst rum wie ein Späthippie. Dieses An-sich-arbeiten-Gelaber kotzt mich so sehr an, diese Dauergruppentherapie, die du hier veranstaltest. Auf einem Niveau, dass sich jedem echten Psychologen, also jemandem, der das studiert hat, ich wüsste nicht, dass du da einen Abschluss hast, die Fußnägel hochrollen. Ich hasse Hippiegequatsche so sehr, ich hasse es so sehr, dass du den ganzen Tag rumhängst und dann auch noch unsere gemeinsame Zeit, ach Fuck.“ Greta hatte eine Träne im rechten Auge.
Ich hätte sie gern getröstet, aber ich sagte: „Weißt du, wie du klingst? Wie diese Unternehmensberater, die immer erzählen, wie wertvoll ihnen Familienzeit ist und die diese Quality Time mit ihren Kindern dann möglichst intensiv erleben wollen.“
„Kommst du eigentlich jemals davon runter, dass du als Kind Momo gelesen hast? Wirst du dich jemals weiterentwickeln? Nicht jeder, der seine Zeit organisiert, ist ein zigarrerauchender“, ihre Stimme schnappte kurz über, „Zeitdieb. Ich bin kein Zeitdieb. DU bist ein Tagedieb.“
„Tagedieb, hast du das Wort von deinem Nazigroßvater?“
„Paul?“
„Ja?“
„Fick dich, geh zu deiner Psychopathenpornosammlung, von der du nicht zu denken brauchst, dass ich sie nicht entdeckt habe und fick dich den ganzen Tag selber, fick dich, bis du in Ohnmacht fällst und wenn du wieder aufwachst, dann frag dich doch, ob du genug an deinem Schwanz gearbeitet hast. Und wenn nicht, dann fick dich weiter.“
Sie richtete während dieser Ansprache die ganze Zeit das Messer auf mich.
Dann warf sie das Messer auf ihren Teller und rannte ins Schlafzimmer.

Ich wärmte mein Essen in der Mikrowelle auf und schaute die ersten zwölf Folgen der dritten Staffel von Prison Break bis meine Augen schmerzten. Um vier Uhr kroch ich zu Greta ins Bett. Sie sah sogar im Schlaf noch wütend aus.

7 comments

  1. Könnte sein, dass Greta und Paul in meinem Kopf wohnen. :)

  2. @Phae: Oder in meiner Wohnung :>

  3. Christian D.

    Ich mag die Paul/Greta Texte. Sehr.

  4. Du schreibt so lockerflockige Dialoge und ich breche mir damit immen einen ab – oder auch zwei. Neid!

  5. Diese Paul-und-Greta-Texte sind die irrsten Bonbons in meiner Tableiste. Ich knistere sie immer ganz zuletzt auf, manchmal sogar erst nach dem Zähneputzen, damit der Geschmack nicht so schnell vergeht. Und dann male ich ein Traumbild daraus.

  6. es hilft ja nix

    ich musste dann doch lachen.

  7. Mehr! Öfter!

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