Berliner Dann-eben-doch-nicht-Reigen

Es lief ein Sommerhit, eines dieser Lieder, zu denen sich in einer Zeit, als das noch ging, Millionen Menschen verliebten.
Johannes hatte Johanna gerade zum Lachen gebracht und nun fielen ihm ihre etwas zu spitzen Brüste auf, aber er war sowieso nicht so ein Brust-Mann. Johanna hatte längst bemerkt, dass Johannes die falschen Sneakers trug, irgendwann mal hip gewesen, dann viel später mal ironisch, jetzt nur noch: falsch.

Johannes mochte Johanna und Johanna mochte Johannes, das konnte man sehen, wenn man beispielsweise von der riesengroßen Familiencouch aus den beiden zusah, wie sie am Fenster standen und lachten und sie ihm eine Zigarette nach der anderen schenkte, während er ihr mit einer sehr eleganten Geste Feuer reichte.

Johanna ist mit Emma hier, Emma hat einmal den Gastgeber beinahe geküsst, aber dann hat der von seiner Ex-Freundin erzählt, mit der er zwei Jahre zusammengewesen war, aber nie geschlafen hatte, weil deren neue Therapeutin ihr erfolgreich eingeredet hatte, sie sei als Kind von ihrer älteren Schwester missbraucht worden.
Emma hat ihn dann doch nicht geküsst, aber seinen Arm gestreichelt.

Die Ex-Freundin des Gastgebers war auch da, es stand schließlich nichts zwischen ihnen. Nur als die Ex-Freundin dem Gastgeber in einem Nebensatz erzählt hatte, dass sie auf die Kinder ihrer Schwester aufpassen würde und er unter mehreren verstockten Hustern gefragt hatte, ob das für sie nicht komisch sei und sie erst so tat, als verstünde sie gar nicht, was er meint und dann die Verlegenheit weglachte und sagte: “Ach, das. Das habe ich mir wohl eingebildet”, da war er für einen Moment richtig wütend, so wütend, dass er Emma anrief, aber die war nicht da an diesem Abend, die war beim Speed-Dating.

Speed-Dating-Wettbewerbe gelten zurecht als urbane Vorhölle, man hat danach Muskelkater in den Wangen vom falschen Lächeln, ist unfröhlich angetrunken vom Prosecco und muss mit Kater das Ergebnis des Bewerbungsmarathons entgegennehmen. Ein Unternehmensberater, der einen seltsamen Zungentick hatte, wollte sie noch einmal sehen. Und Bernd. Emmas Kater verschwand sofort, denn Bernd sah gut aus, hatte einen rasend interessanten Beruf, dessen Bezeichnung sie sofort wieder vergessen hatte und sie würde ihn auch sehr gern noch einmal sehen.

Aber er rief nicht an. Und Emma fragte sich ernsthaft, ob sie einen derartigen Regelverstoß irgendwo melden könne.
Der Unternehmensberater rief natürlich an und versuchte, sie bei Facebook als Freundin hinzuzufügen, aber sie ging nichts ans Telefon und ignorierte die Freundschaftsanfrage.

Bernd war mit Johannes auf der Party. Er hatte sich in das Wohnzimmer verzogen, als er Emma sah, ohne einen tieferen Grund, es hatte auch keinen Grund gegeben, sie nicht anzurufen, irgendwie aber auch nicht, es zu tun.
Irgendwie war vieles in Bernds Leben. Sein Job war irgendwie gerade so gut bezahlt, dass es ihm nichts ausmachte, dass er irgendwie dafür wirklich nicht hätte studieren müssen, er hatte irgendwie schon ziemlich lange keine Freundin mehr gehabt, aber irgendwie immer das Gefühl, es würde schon was gehen. Irgendwie dachte er darüber auch nicht so richtig nach.

Er half einem Typen mit einem komischen Zungentick, eine Bierflasche zu öffnen.
Christoph fühlte sich wieder einmal overdressed. Er hatte keinen Zugang zum Mitte-Kleidungscode. Auf dem Speed-Dating glaubte er, es tatsächlich einmal hinbekommen zu haben, die richtige Mischung aus schluffig und teuer zu treffen, aber nachdem Emma nicht zurückgerufen hatte, kleidete er sich wieder sehr sorgfältig.
“Ich sehe aus wie ein Pinguin in der Swingersauna”, dachte sich Christoph. “Und ich muss endlich einmal lernen, mit einem Feuerzeug ein Bier aufzumachen.”
Er musste dringend aufs Klo, müsste dafür aber an Emma vorbei gehen. Er lockerte vorsichtig seine Krawatte und wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn.

“Mir ist auch so heiß”, sagte eine sehr kleine, sehr hübsche junge Frau und reichte Christoph einen Becher mit Eiswürfeln. Christoph lächelte gequält und weil es ihm gerade zu schlecht ging, als dass er hätte nachdenklich sein können, gelang ihm ein fantastischer Gesprächseinstieg.

Die sehr kleine, sehr hübsche Frau, hatte sehr gezielt Weißwein mit Antidepressiva gemischt. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, Thomas, dem Gastgeber noch etwas schuldig zu sein, jedenfalls war ihr, als benähme er sich in ihrer Gegenwart wie jemand, der einem Geld geliehen hatte.

Thomas starrte vom Kühlschrank aus ihren Rücken an. Er hatte chronische Kopfschmerzen und war ein wenig besessen von dem Gedanken, dass der Schmerz verschwinden würde, wenn er nur einmal mit ihr schlafen könnte.
Diese ganze Party hatte er nur ihretwegen gemacht und jetzt stand sie da mit diesem Geldsack. Klar: Geld.
Nichts heilt eingebildete Kindheitstraumata und ihre eingebildeten Folgeschäden so nachhaltig.
Er dachte noch etwas politisch Unkorrektes und ging dann zu Johannes.

Der gab gerade die Nummer von Emmas Freundin in sein Handy ein und schaute ihn dann fragend an.
“Geht noch was?”
“Stell dir vor, es geht, und keiner kriegt’s hin”, antwortete Christoph, aber er verstand gar nicht, was er da sagte.
“Ah, Wolfgang Neuss”, sagte Johannes.

Eine Woche später dachte Johannes an Johanna. Er hatte sie nicht angerufen. Noch in der Nacht hatte er sie gegooglet und nur den Link zu ihrer Firmenadresse mit einem Streberfoto in Zweireiher und Blüschen gefunden. Aber das war nicht einmal der Grund.

Auf seinem iPod lief währenddessen, beinahe zufällig, It couldn’t happen here von den Pet Shop Boys.

13 comments

  1. Das Schöne: Man braucht bei deinen Geschiten immer nur die Vornamen der Protagonisten lesen, und man weiß um was es geht. Immer sehr schön ton- und atmosphärenangebend.
    Telling names at its best. Sehr tolles Talent ;)

  2. endlich wieder!

  3. fein fein fein

  4. Merci!

  5. Ich würde nie einem Mann mit den falschen Sneakers meine Telefonnummer geben. Aber naja, spitze Brüste habe ich ja auch nicht.

  6. Geil, wusste gar nicht, dass es davon ein Video gibt – wunderschön

  7. Großstadtprobleme … Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da sind wir immer gleich mit allen ins Bett gegangen.

  8. @Maltefan
    weniger auswahl oder weniger ablenkung?

  9. Wir waren halt experimentierfreudig. Und gelangweilt.

  10. Literatur im Netz! Gegen den Mainstream. Gegen die Krise. Auch gegen die Blogkrise. Wenn das mal kein Zeichen ist! Falls nicht, egal! Gut ist es allemal.

  11. @n¦tropie dankeschön. das is aber nicht “der film” oder? kann mich so vage an einen streifen erinnern, hatte den sogar im original auf vhs (analoges bandmedium). auch lauter hintereinander geschnitte musikvideos ohne wirklichen bzw mit sehr sehr seltsamer handlung.

  12. irgendwie vermisse ich greta.

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