Von Daniel Erk
Die Hisbollah findet er faszinierend, den Zweiten Weltkrieg langweilig und die Kriegsmüdigkeit der Deutschen „eine traurige Angelegenheit“: Der US-amerikanische Autor und Blogger Gary Brecher bezeichnet sich als „War Nerd“, schreibt das gleichnamige Blog (War Nerd ) für das russische Magazin The Exile und berichtet überraschend unterhaltsam und wenig rührselig über Guerillakriege und Terroranschläge.
Das Interview wurde vergangenen Sommer unter abenteuerlichen Umständen geführt und hinterher von einem großen deutschen Magazin für zu provozierend und zu wenig bildend befunden.
Mr. Brecher, sie bezeichnen sich selbst als „War Nerd“. Die meisten Menschen finden Kriege schrecklich – was finden sie so anziehend?
Also erstmal: Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen Kriege abscheulich finden. In Europa und besonders in Deutschland ist das vielleicht anders, ja. Aber in Deutschland haben wir Amerikaner nach 1945 ja ein Clock-Work-Orange-Programm durchgezogen. Wir haben und euch beigebracht, Krieg nicht zu mögen! Vorher mochtet doch gerade Ihr Deutschen Kriege sehr gerne – und Ihr wart ja auch verdammt gut!
Nicht unbedingt zu unserem Wohl.
Ich weiß, Ihr Deutschen habt ziemlich schlechte Erfahrungen mit Kriegen gemacht. Aber ihr seht Kriege mittlerweile nur noch unter diesem Gesichtspunkt. Eine traurige Angelegenheit!
Das ist so aber nicht zwangsläufig die Moral von Krieg. Äthiopien und Eritrea zum Beispiel: Haben beide auch ihre Erfahrungen mit Kriegen gemacht, haben aber offenbar noch nicht die Schnauze voll.
Insofern ist gerade die deutsche Einstellung zum Krieg nicht die Regel: Ein Land, das technisch fortschrittlich ist, dem aber von der Weltgemeinschaft das Kriegerische ausgetrieben wurde. Betrachtet man die gesamte Welt und die gesamte Geschichte, ist Deutschland eher die Ausnahme.
Was noch nicht erklärt, warum Sie Kriege mögen.
Schauen Sie, ich lebe in einem Land, das – als Land – letztlich noch nie wirklich mit Kriegen in Berührung gekommen ist. Wir haben von den Engländern eine der wichtigsten Lektionen über Krieg gelernt – führ Kriege, aber immer bei jemand anderem. Das war der hauptsächliche Grund, warum die Engländer so lange so erfolgreich waren: Mit dem Ärmelkanal als Schutz, lässt es sich einfach Krieg führen. Die Engländer haben häufiger eins auf die Schnauze bekommen – besonders von euch Deutschen, ihr habt die Engländer eigentlich jedes Mal geschlagen, wenn es einen fairen Kampf gab – aber eben fast nie in England selbst.
Ist das der Trick erfolgreicher Kriegsführung – Kriege zu exportieren?
Ja! Deswegen haben die Engländer und wir Amerikaner diese Revolverheldenattitüde. Wenn wir uns selbst in einem Krieg wieder finden würden und zusehen müssten, wie Bombensplitter die Augen unserer jüngeren Geschwister zerfetzt, würde sich das ganz natürlich verändern. Wir in den USA haben so etwas bislang nicht gesehen. Und das ist die Welt in der ich eben lebe, eine Welt, in der man über Krieg lesen und Kriege studieren kann, ohne seinen kleinen Bruder sterben oder seine Mutter in die Luft gejagt zu sehen. Und aus dieser Perspektive ist Krieg eben vor allem verdammt aufregend.
Wen man ihr Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass sie vor allem von Guerillas, Freischärlergruppen, Milizen und Terroristen fasziniert sind.
Im Grunde interessieren mich alle Kriege. Ich habe auch über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, vor allem deshalb, weil ich den Zweiten Weltkrieg hasse. Da haben sie einfach alles kaputt gebombt und das war’s.
Der viel größere Effekt des zweiten Weltkrieges, aus meiner Sicht, ist, dass das Verständnis der Welt in den Vereinigten Staaten noch aus dieser Zeit stammt: Alles wird auf die Guten auf der einen Seite und die Bösen auf der anderen Seite reduziert. Wir haben einfach die bösen Faschisten durch die bösen Kommunisten ersetzt. Und ich glaube dass dieser Kontrast zwischen gut und böse einen letztlich verdummt – und auch Amerika verdummt hat.
Ihrem Buch geht es aber doch meistens um Milizen im Irak, um die Hisbollah im Libanon oder ähnliche Gruppierungen.
Stimmt schon: Die aktuellen Kriege, diese David-gegen-Goliath-Kriege sind das wesentlich unterhaltsamer. Mit Moral, Organisation, Rücksichtslosigkeit und ein paar kleineren Waffen kann man die großen, herausragend ausgestatteten Armeen der ersten Welt schlagen – wie die Vereinigten Staaten gerade auf die unsanfte Tour im Irak herausfinden. Das finde ich das faszinierende am Irakkrieg: Dass es zumindest in den USA keiner hat kommen sehen. Und wenn man sich dann vor Augen führt, dass das wenige Jahrzehnte nach Vietnam so passiert, dann ist das erstaunlich und beschämend zugleich. In vielen Ländern würden die Verantwortlichen für so einen Fehler an die Wand gestellt und erschossen. Wir in den USA aber erschießen Idioten nicht – wir machen sie zum Präsidenten.
War denn vorauszusehen, dass der Irak so ein Inferno werden würde?
Sehen Sie, es war ja immer das Gleiche, wenn sich die USA an Nahost versucht haben: Als die US-Armee Anfang der 80er in den libanesischen Bürgerkrieg in Beirut eingegriffen, wurden unbegreiflicherweise 242 Marines in einem großen Hochhaus stationiert. Und natürlich hat jemand einen Lastwagen mit Sprengstoff in das Gebäude reingefahren und es in die Luft gejagt. Anfang der 80er! Und mehr als 20 Jahre später marschieren wir im Irak ein, als gäbe es keine Selbstmordattentate und als hätten die USA keine Erfahrung mit der Art von Kriegen. Ich habe Freunde in der US-Armee, die mir sagen: Gary, du würdest nicht glauben, wie viele es hier gibt, die glauben sie müssten sich nur stark genug eine andere Realität wünschen, dann würde es schon werden.
Was würden Sie ihrer Regierung im Fall Irak empfehlen?
Sofort alle Truppen abziehen. Wenn es ein Blutbad gibt, gibt es eben ein Blutbad. Diejenigen, die heute behaupten, es werde dann ein Blutbad geben, sind doch genau diejenigen, die das Blutbad selbst begonnen haben. So ein verlogenes Getue. Und wenn man mal einen Blick in die US-Geschichte wirft, dann ist das gar nicht so sicher, dass es dieses Blutbad geben wird.
Sie spielen auf Vietnam an.
Ja. Als sich die USA 1975 aus Vietnam zurückgezogen haben, war das der chaotischste, dümmste Rückzug in der Geschichte der Welt. Wie sie die letzten Soldaten vom Dach der Botschaft mit einem Hubschrauber evakuiert haben, eine Schande. Und was passierte? In Vietnam, wo alle ein Blutbad vorausgesagt hatten? Nichts passierte! Es entwickelte sich wesentlich besser, als sich jemals jemand hätte vorstellen können. Aber zurück zum Irak: Keine der Vorhersagen über den Irak war auch nur halbwegs zutreffend – warum sollte man den Aussagen der Bush-Regierung noch glauben schenken, wo gerade die jedes verdammte Mal mit ihren Einschätzungen falsch lagen.
Apropos Einschätzung: Während die Europäische Union und die USA die Milizen im Nahen Osten als Terroristen einstuft und in der Presse ein Unterton von wild gewordenen Fanatikern mitschwingt, schreiben Sie über diese Gruppierungen mit großen Respekt – vor allem über die Hisbollah.
Man sollte doch denken, dass jemand mal unter „Hisbollah“ nachschlägt und herausfindet, wie es zur Gründung der Hisbollah kam. Wenn man jemandem die Schuld an Hisbollah geben will, dann Ariel Scharon. Ohne den israelischen Einmarsch im Libanon in den 80ern gäbe es die Hisbollah nicht.
Warum das?
Die Schiiten im Libanon waren der ärmste, harmloseste und ländlichste Teil der libanesischen Gesellschaft. Die israelische Armee hat sich im Grunde nie für sie interessiert und sie einfach bei Seite geschafft, um gegen die Palästinenser im Libanon vorzugehen.
Aber es gibt eines, was man mit Bauern wie den libanesischen Schiiten nicht macht – und das gilt im Grunde auf der ganzen Welt: Man marschiert nicht einfach so über das Land dieser Menschen, ohne zu fragen und ohne einen Funken Respekt. Und man errichtet kein Lager auf ihren Feldern, ohne um Erlaubnis zu fragen. Aber genau das hat die israelische Armee getan. Und so haben sich die Schiiten im Libanon angefangen zu organisieren – und wie in China unter Mao und wie in Irland, wurden die Kleinbauern schnell zu den besten und rücksichtslosesten Kämpfern. Und schon wenige Monate nach der Besetzung Südlibanons, war in einer kaum beachteten Randnotiz in den Zeitungen zu lesen, dass eine 16-jährige Schiitin ein Auto mit Sprengstoff in einen israelischen Soldatentransporter gefahren hatte. That blew me away.
Warum das? Selbstmordattentate sind doch Gang und Gäbe.
Heute! Solche Attentate kannte man damals eigentlich nur von den Tamilischen Tigern auf Sri Lanka. Ein offenbar ziemlich schlauer Offizier der israelischen Armee meinte damals: So was hat in 30 Jahren kein Palästinenser gemacht – wir werden noch mächtig Ärger kriegen. Kurzum: Die Hisbollah ist also ein Monster. Aber eines, das geschaffen wurde.
Ein Monster, das es ihnen besonders angetan hat.
Ja, die Hisbollah finde ich schon besonders interessant – und besonders beeindruckend. Die Jungs machen einfach einen wahnsinnig guten Job. Vielleicht sind sie die Bösen, vielleicht die Guten – je länger ich mich mit Kriegen beschäftige, desto schwieriger wird es zu sagen was langfristig gut oder böse ist. Aus deren Perspektive ist jedenfalls klar: Die reißen wirklich was.
Was macht diese Gruppierungen so erfolgreich? Dass sie nichts zu verlieren haben?
Es ist ziemlich klar, dass manche dieser Guerillagruppen von schlauen Köpfen geleitet werden – aber längst nicht alle.
Ein paar kluge Köpfe und ein paar Rambos, das ist alles?
Gott, nein! Vor allem ist Rambo doch bloß die kindische, amerikanische Vorstellung eines Guerillakämpfers. Aber Rambo tut letztlich nur so, als wäre er ein Guerillakämpfer. Was einen echten Guerillakämpfer nämlich auszeichnet, ist, dass er weiß, dass seine Familie massakriert wird. Guerillakrieg heißt Zivilisten zu töten. Wenn man Guerillakämpfe führen will, dann muss man sich darauf einstellen die Feinde weit vordringen zu lassen.
Und das heißt?
Der Feind wird dann in dein Heimatdorf vordringen, deine Schwester und deine Mutter vergewaltigen und deinen kleinen Bruder töten – und dann, wenn die Truppen weitere 100 Kilometer gezogen und müde und orientierungslos sind – dann schlägst du erst zu. Und wenn es schief geht, dann wirst du in einen Keller verschleppt und sie ziehen dir die Fingernägel heraus. Der einzige Weg, mit dieser Art von Krieg umzugehen, sind wahrscheinlich Spezialeinheiten. Aber sich auf einen Guerillakrieg einzulassen, das ist ganz sicher die allerletzte Option. Ich will hier nicht sentimental werden, aber ein Grund, warum diese Guerillakämpfer so gut Soldaten sind ist simpel: Alle, die sie jemals geliebt haben, sind tot.
Und das ist, wenn man so will, das Erfolgsgeheimnis der Hisbollah?
Auch noch nicht ganz. Man muss sich den Libanon wie New York City vorstellen, nur größer: Jeder hat seinen durch Ethnie festgelegten Politiker und mit dem ist man loyal. Und für die Schiiten war das damals Amal. Aber die war dumm – und es ging ihnen vor allem ums Geld. Die Hisbollah interessiert sich kaum für Geld, zumindest ist das nicht deren Hauptbeweggrund. Unter anderem, weil sie das Geld, das sie brauchen, aus dem Iran bekommen. Jedenfalls hat die Hisbollah Amal dadurch geschlagen, dass sie tatsächlich etwas für die Menschen gemacht haben.
Zum Beispiel?
Sie bauen Latrinen, helfen, zerstörte Häuser wiederaufzubauen, veranlassen Alphabetisierungsprogramme, helfen in ländlichen Gegenden bei der Ernte. Sie nehmen all diese öffentlichen Aufgaben wahr, die wir mit blutrünstigen Guerillas nicht in Verbindung bringen, der langfristig aber den Unterschied macht. Was viele nicht sehen: Die guten Guerillagruppen verwenden ihre Zeit nicht allein darauf zu kämpfen, sie machen auch den langweiligen Kram.
Klingt eher nach Staat als nach Terrorgruppe.
Die meisten Guerillagruppen streben auch danach, einen eigenen Staat zu gründen – und die guten werden es vermutlich auch eines Tages schaffen.
Wie zutreffend ist da dann noch das Label „Terrorist“?
Na, ich will nicht so tun als wären das nette Jungs – aber wenn man sich in der Welt umschaut, dann hat jeder eine Geschichte voll Mord und Totschlag. Ich habe über Tibet geschrieben und wissen Sie, all das Getue von einem friedlichen Tibet – meine Güte. Das ist alles so lächerlich. Am lautesten von allen Heulen jetzt die Briten – 1904 sind sie selbst in Tibet eingefallen und haben mit Waffen aus dem 17. Jahrhundert ausgestattete Tibeter einfach abgeschlachtet. Die ganze Empörung: lächerlich.
Ist es nicht verständlich, dass man sich mit den Unterlegenen solidarisiert? Gerade dann, wenn sie, wie die Tibeter, vor allem friedlich protestieren?
Keine Kultur die ich kenne hat eine wirklich friedvolle Tradition. Und diejenigen, die tatsächlich eine hatten, wurden niedergemetzelt. Ich will diese ganzen Gruppen, Hisbollah und all die anderen, nicht idealisieren, ganz und gar nicht. Aber ich glaube sie sind letztlich normal. Es ist ein normaler Bestandteil des menschlichen Daseins zu töten. Und ich fürchte, die Geschichte ist da auf meiner Seite.
Sicher, in die Geschichtsbücher vermittelt eher ein blutiges Bild. Aber muss man das gutfinden?
Es gibt immer wieder Leute, die nicht verstehen, wie all diese schrecklichen Dinge in Afrika passieren können. Nun, diese Dinge sind hier auch passiert! Und nur deshalb können wir heute durch Kalifornien spazieren, ohne irgendeinen Indianerhäuptling um Erlaubnis zu fragen. Der einzige Unterschied ist letztlich, dass wir diese Massaker erstens gründlicher begangen haben – und zweitens in einer Zeit, als es noch keine Weltpresse gab, die Bilder veröffentlicht, die den Lesern ein mieses Gefühl geben. Die Briten haben so viel Dreck am Stecken und sind letztlich vor allem deshalb so gut davon gekommen, weil es noch keine Kameras gab.
Geht es Ihnen darum: Ihren Lesern zu vermitteln, was Krieg letztlich bedeutet?
Ach, ich bin kein guter Mensch, kein Aufklärer in diesem Sinne. Aber bisweilen schon, ja.
Haben nicht gerade die USA mit dem 11. September einen recht unmittelbaren Eindruck davon bekommen, was Krieg im 21. Jahrhundert heißt?
Der 11. September war eine wunderschöne Operation, da kann man sagen was man will. Das war schlichtweg brillant. Für mich ist vor allem interessant, welche Rolle da Kreativität spielt. Zivile Flugzeuge als Waffen – das wäre mir nie im Leben in den Sinn gekommen. Letztlich ist ein Flugzeug, vor allem mit vollen Tanks, das ultimative Langstreckengeschoß. Einzige Bedingung: Man muss bereit sein, mit dem Geschoß zu sterben. Und vermutlich war es das, was es für andere schwer vorstellbar gemacht hat.
Waren Sie denn jemals in einem dieser Länder, über die sie schreiben?
Großer Gott! Ich war noch nicht einmal östlicher der Rocky Mountains! Aber was ich schreibe, kann man ohne weiteres von zu Hause aus herausfinden. Man muss nur die Geschichten, die man im Internet findet, zu lesen wissen.
Als ich ein kleiner Junge war, war ich an Waffen interessiert und habe angefangen, Testberichte der Regierung über neue Waffen zu lesen. Und am Anfang habe ich immer gedacht: Uh! Was für eine coole Waffe! Aber mit der Zeit, merkte ich, dass da eigentlich meistens stand, dass die Waffen nicht wirklich funktionierten. Und ich glaube, dass ist meine beste Waffe: dieses Lesen zwischen den Zeilen. Wenn man nur eine einzelne Meldung der Regierung liest, dann erfährt man nicht viel. Wenn man aber mehrere dieser Meldungen liest und das dann mit dem vergleicht, was die BBC, die europäische Presse und andere berichten, dann bekommt man einen Eindruck davon, wie unsere Regierung lügt.
Desinformation würde ich ja noch unterzeichnen – aber Lüge?
Schauen Sie, früher habe ich vor Wut über die schlechte, dumme, verlogene Berichterstattung immer meinen Fernseher angeschrien. Seit ich darüber schreibe, ist immerhin das besser geworden. Und jeder, der meine Wahrheit kennen will, der kann sie erfahren. Immerhin.
Nun, Ihre Wahrheit hat Ihnen nicht nur Freunde gemacht. Genau genommen schlägt Ihnen ziemlich viel Hass entgegen, vor allem in den USA.
Ach wissen Sie, ich bin seit meiner Pubertät über jeglichen Nationalismus hinweg und seit Ronald Reagan über den letzten Patriotismus. Ich glaube nicht mehr an die Politik, die in diesem Land gemacht wird – und ich muss mich auf keiner Seite verorten.
Und ja: Natürlich beeindruckt mich dieser ganze Guerillakrieg! Und ja, vielleicht finde ich Hisbollah und all die anderen auf eine Weise auch cool. Sich gegen Soldaten, die vom Ganzkörperschutz bis zu Kameraunterstützung alles zur Verfügung haben, zu wehren, das ist eindrucksvoll. Und für diese Bewunderung hassen mich in den USA einige. Ganz sicher.
Ihre Kritiker beschimpfen Sie nicht nur, Sie behaupten, Sie seien ein Lügner und letztlich gäbe es Gary Brecher nicht.
Gary Brecher ist ein Pseudonym, ja. Das ist vor allem ein Zugeständnis an meine Familie. Meine Familie ist vom Land und sehr religiös und unser Verhältnis ist ohnehin nicht sonderlich gut. Also habe ich meinen Namen ein bisschen verändert und gebe mein Bild nicht her. Ich weiß, meine Familie mag nicht sonderlich, was ich mache. Und ich muss sie – und mich – dem einfach nicht aussetzen.
Bisweilen wirkt Gary Brecher wie ein ironischer Kommentar auf den Klischee-Amerikaner: Dick und nerdig, aber eben doch kein jubelnder Kriegsbefürworter.
Ja, aber das ist nun eher ein kulturelles Missverständnis. Ihr Europäer haltet uns Amerikaner für dumm, obwohl ihr unsere Musik und unsere Fernsehshows mögt. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt gar nicht so wenige hier wie mich. Wir sind, wenn Sie so wollen, die wahren Eric Cartmans.
da hat ja schon beinahe scholl-latoursche qualitäten, sehr schön.
mit den shows und der musik ist das so eine sache … zum einen werden die von einem amerika produziert das selbst eher die ränder der amerikanischen gesellschaft bewohnt und von den real americans im pailinschen sinne völlig abgelehnt wird, zum anderen ist hollywood heute ein internationaler und kein primär amerikanischer produktionsstandort mehr an dem großes augenmerk auf die internationale anschlußfähigkeit der inhalte gelegt wird.
amerikaner wie brecher gibt es mehr als man denkt, aber es ist immer noch eine minderheit und keine all zu große würde ich meinen.
Das Clock-Work-Orange-Programm war sehr erfolgreich, die Deutschen entwerten und entrechten sich selbst unter Federführung der 68er. Ein Beispiel:
Sven G. bekommt fast 4 Jahre Haft wegen Körperverletzung, obwohl er angegriffen wurde: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/225/453912/text/?page=2
Andere Völker mit islamischem Glauben lassen sich scheinbar nich so leicht umerziehen.
Ich hätte vorher einen zehner gewettet, dass man von dem Interview nicht auf Diskussionen über den Islam kommt.
Respekt Capisto!
Fand das Interview ziemlich bildend ;-)
“Wir sind, wenn Sie so wollen, die wahren Eric Cartmans. “
Boah, diese zynische und selbstverliebte Gerede ist ja wirklich abstoßend. Da les ich lieber zehn Postings von Don Alphonso!
Ein Interview das geführt werden musste.
Not.
Und wieso nicht (wobei ich schon verstehe, dass der Herr dem Konzept “Weltfrieden” diametral entgegensteht)? Beefgründe?
ich finde das recht substanzlos. mehr als “boah, ey, wie der sich da selber in die luft gesprengt hat, boah, geil, ey. voll fett…” kommt nicht wirklich rüber. ein nerd der krieg geil findet. ich weiss nicht wo da der erkenntnisgewinn ist. aber vielleicht bin ich auch nur überkritisch, weil ich eben das topic und die art wie der darüber spricht so zynisch finde.
Das ist doch offensichtlich! Weil hier ein unbeteiligter Sesselpupser einen auf schwer abgeklärt macht.
Wenn man nicht gerade eine amerikanisch-religiös-konservative Sicht der Dinge hat, ist das, was er sagt inhaltlich wenig überraschend, oder?
Die westliche Geschichte ist voll von Greueltaten. Der 11. September war eine krasse und extrem effektvolle Idee. Gurillakämpfer sind nicht nur böse Terroristen. Widerstadskämpfer, deren Land man besetzt, sind sehr hartnäckig, auch weil sie nichts mehr zu verlieren haben. In Tibet leben nicht nur putzige Lamas undsoweiterundsoweiter.
Aber wie er das sagt, diese coole Attitüde, das ist ekelig, aber eben auch sehr effektiv in ihrer Provokation.
Eigentlich ist der passendsde Begriff, der mir dazu einfällt “pubertär”. Und die muss, jedenfalls aus Sicht der Anderen, eben wirklich nicht sein.
Ich weiß ja nicht, Nilz, ob du wegen des tatsächlich unangenehmen Duktus des Herren (aber wir sind hier halt auch nicht mit der Häschenfamilie auf dem Kirchentag) einfach ganze Absätze des Interviews übersprungen hast, aber was der zu den Zuständen speziell im Libanon und der Funktionalität der Hisbollah gesagt hat, hat durchaus Hand und Fuß.
Schon klar, das muss man, wenn man nur deutsche Presse und deutsche Blog konsumiert, nicht mitkriegen, aber das, was “Brecher” da von sich gibt, ist mittlerweile sogar in den Regierungen von US/UK angekommen (siehe hier: http://tinyurl.com/wt-hizb).
Und ganz egal, wie man die Haltung dahinter findet (lustig, provokant, pubertär, erfrischend), das geschichtliche, globale Wissen das “Brecher” da an den Tag legt, das muss man sich erst einmal aneignen – und zudem die Querverbindungen herstellen können.
Geschmacklos würde ich als Kritik noch nachvollziehen können – die Einschätzung “substanzlos” aber: nee (Ausnahmen gelten für Robert Rotberg und Mary Kaldor).
ja, daniel, es stimmt: der typ ist ein wandelndes kriegslexikon. will ich auch gar nicht abstreiten und ja: der kennst sich auch besser aus als ich. alles dinge die für mich der begriff “nerd” beinhaltet, jemand der wirklich jede info die er über sein topic kriegen kann absorbiert. so weit, so gut.
ich finde nur eben nicht das er jetzt überraschende erkenntnisse aus seinem wissen zieht. ja, die hisbollah musste sich zwangsläufig gründen. ach was. ja selbstmordattentate sind effektiv und geschehen nie nur aus einer laune heruas, sondern sind das effektivste mittel, das man hat, wenn man nichts hat. auch klar.
klar, der erkenntnisgewinn eines jeden interviews lässt sich so in frage stellen. aber man muss eben auch nicht jeden interviewen, nur weil seine sicht der dinge vielleicht den ein oder anderen aufregen könnte.
Ich finde noch immer, dass du die interessantesten Teile des Interviews ein bisschen zu einfach abtust – ist ja nicht so, dass sich ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit darüber im Klaren wäre, dass beispielsweise die Hisbollah eben nur zu einem Teil Miliz mittels terroristischer Strategien ist, sondern vor allem auch Sozialverein, Schulträger, Stiftung und Arbeitgeber. Oder dass der palästinesische Widerstand bis zur Erfolg der Hisbollah nicht selbst auf die Idee kam, die Selbstmordstrategie der Tamilen zu kopieren. Ich finde auch, dass diese billige moralische Überlegenheit der westlichen Welt da einleuchtend dekonstruiert wird. Aber egal, es kann ja jeder selbst lesen und wenn das eh’ alle alles schon immer wussten, dann ist ja auch supi. War nur bislang nie mein Eindruck.
Hi. Till heißt jetzt Normen.
Ich verbrachte den Sommer 1996 in Bosnien. An einem Nachmittag im Juli besuchte ich einen SFOR-Stützpunkt der US-Armee. “Camp McGovern” lag südlich von Brcko im Posavina-Korridor. Über das schmale Gebiet lief während des Krieges der serbische Nachschub Richtung Banja Luka. Südöstlich von Brcko, an der Grenze zu Serbien, begannen 1992 die Greuel. Der von Milosevic in Belgrad instruierte Freischärlerführer Arkan zog mit seinen Schergen marodierend durch die Dörfer, meuchelte und vertrieb die muslimischen Einwohner, die sich “Bosnijaks” nennen. In einem Fall stach er einer alten Frau ein Auge aus und ließ sie wehklagend durch den Ort taumeln. Mehr musste er nicht tun. Die Menschen verließen panisch die Häuser. Das Dorf war von da an serbisch. Wie in Trnopolje, Omarska und Foca, gab es auch in Brcko ein KZ, in dem Bosnijaks interniert waren. Die KZs waren berüchtigt. Im Lager Keraterm musste ein Mann einem anderen die Hoden abbeißen.
Es war ein cooles Gefühl, in einem der zahllosen weißen Mitsubishi Pajeros der Vereinten Nationen gefahren zu werden. Ich saß auf der Rückbank, vorne ein Fahrer und mein Kumpel. Er war UNHCR Protection Officer mit Sitz in Tuzla. Drinnen im “Camp McGovern” saß neben mir ein amerikanischer Journalist des “San Francisco Chronicle”, einer Zeitung, der es momentan schlecht geht. Auf der Agenda des Briefings standen Wiederaufbau, Mediation, das volle nation building programme.
Ich übernachtete im UNHCR Field Office in Brcko. Am nächsten Morgen ging ich zum SFOR-Posten an der Brücke über die Save. Gegen den Rat meines Kumpels hatte ich beschlossen, über die Brücke zu gehen. Ich kann gar nicht sagen, warum. Vielleicht ging es mir wie Reinhold Messner, der auf die Frage, warum er auf Berge steige, antwortete: “Weil sie da sind”. Die Brücke war da. Ich ließ mich am Posten registrieren und marschierte los. Über mir der blaue Himmel, unter mir die braune Save. Die Wärter des KZs von Brcko hatten die Leichen der Bosnijaks in den Fluß geworfen. In der Mitte der Brücke blieb ich stehen und schaute mich um. Ich sah Soldaten, die durch Ferngläser in meine Richtung starrten. Dasselbe auf kroatischer Seite. Ich war im Sommer 1996 der erste Zivilist nach dem Krieg, der über die Brücke von Brcko nach Kroatien gegangen ist. Zu diesem Zeitpunkt erlaubten die Kroaten keinen Grenzverkehr. Kein Wunder also, dass sie mich prompt zurück schickten.
In Brcko nahm ich ein Taxi nach Modrica, einer Stadt, die Serben während des Kriegs ethnisch säuberten. In Sichtweite des Wasserturms ließ mich der serbische Fahrer aussteigen. Obwohl sein Auto kein Nummerschild trug, machte er sich Sorgen um seine Sicherheit. Damals konnte man anhand des Autokennzeichens die ethnische Zugehörigkeit des Halters erkennen. Später wurde dieser Schwachsinn geändert.
Ein Jahr zuvor, im Oktober 1995, nahm ich in Tuzla an einer internationalen Konferenz von Friedensbewegten teil. Die Stadt war voller DPs, displaced persons — Flüchtling heißt man erst dann, wenn man eine Grenze überquert –, Mütter, Ehefrauen, Schwestern, die hofften, etwas über das Schicksal ihrer vermissten Männer, Söhne, Brüder zu erfahren. 3 Monate zuvor fand wenige Kilometer entfernt das größte Massaker auf europäischem Boden seit dem 2. Weltkrieg statt. Srebrenica. Etwa 8000 muslimische Männer und Jungen wurden auf Anweisung von Radovan Karadzic und Ratko Mladic von serbischen Soldaten getötet und in den Wäldern rings um die Enklave verscharrt.
Ins ostbosnische Tuzla zu gelangen, war 1995 ein Abenteuer. Heute fährt man, von Zagreb kommend, die Save entlang nach Osten. Damals landeten wir mit dem Flugzeug in Split und nahmen den Bus Richtung Herzegowina. In Mostar war die Stimmung aufgeheizt, es flogen ein paar Steinchen gegen die Windschutzscheibe. Über Sarajevo konnten wir nicht fahren. Erst 4 Monate später, im Februar 1996, endete offiziell die fast 4-jährige Belagerung der Stadt. Über Schleichwege gelangten wir nach Zenica und von dort nach Tuzla. Ich war voller Mitgefühl für die Opfer. Jedes zerstörte Haus erzählte eine Geschichte. Die britische Band “Dodgy” spielte im örtlichen Radstadion ein Konzert gegen den Krieg.
Ein Jahr später, im Sommer 1996, bin ich das erste Mal nach Sarajevo gekommen. Mein Fahrer begrüßte mich trocken: “Welcome to destroyed city”. 4 Jahre später kehrte ich noch einmal zurück. Mein Kumpel aus Tuzla war inzwischen Leiter des UNHCR-Büros — in Australien. Dort kümmerte er sich um Osttimorflüchlinge. In Sarajevo trat DJ Bobo auf. Die Brücke von Brcko war offen. Ich beschloss, den Pazifismus mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Danke für das Interview – ich wollte nur kurz anmerken, dass der Link oben zu exile.ru nicht mehr aktuell ist – die neueren Warnerd-Kolumnen finden sich hier:
http://exiledonline.com/cat/war-nerd/
[vor einiger Zeit hat die Exile-Redaktion in Moskau Probleme gekriegt und im Zuge des Umzugs aus Russland haben sie sich dann auch ne neue Domain geholt. Vielleicht könnt ihr den Link oben ja noch hinzufügen...]
Ich wundere mich. Unter anderem über das große deutsche Magazin. Über Pazifisten, die nun schießen gehen, auch.
Herr Brecher erzählt nun mal kein Quatsch. Es gibt ihn mit seinem Wissen, einer technischen Faszination für Kriege und einem Standpunkt, da Herr Brecher Krieg für eine anthropologische Konstante hält. Das alles lernen wir, warum ist das wenig bildend.
Zu provozierend ist es auch nicht, Herr Brecher ist ja nicht alleine, ihm werden Fragen gestellt, von jemandem, der auch einen Standpunkt hat. So lernen wir, dass Herr Brecher durch nichts aus seiner kriegsbegeisterten Sprache zu hebeln ist. Dennoch ist Brecher nicht dumm. Und mit Leuten, die nicht dumm sind, kann ich reden. Mit Pazifisten, die schießen gehen, kann ich nicht reden. Zu provozierend.
@thilo:
> Der 11. September war eine krasse und extrem
> effektvolle Idee.
Offenbar hast du keinen Schimmer, *wessen* Idee die Nummer war. 8 Jahre danach eigentlich unverzeihlich. Nimm dir 2 Stündchen Zeit und du gehörst zur *echten* Infoelite:
http://video.google.com/videoplay?docid=8510748876310097541
P.S.: Regarding my above posting: Anders als Malte, der mit voller Absicht seine Leserschaft im Unklaren lässt, darüber, ob er Reales oder Fiktives verhackstückt (doofe Masche), schreibe *ich* in toto autobiographisch. Kann mir das leisten, habe keinen Blog zu füllen.
Lieber Till,
verstehen Sie mich bitte nicht falsch,
aber ich finde Ihren unbedingten Drang Ihre
Anekdötchen zum Besten zu geben entweder süß
oder bemitleidenswert. Bin mir noch nicht ganz sicher.
Noch dazu die Versicherung, dass alles total
authentisch ist. Also eher süß, glaube ich.
Petry Heil, Wolle!
http://www.pictureupload.de/originals/13478/180309162215_boote_wilhelma.jpg
OT: “Der Bericht bestätigt, dass die Bush-Regierung im Frühjahr 2002 mit den Folterungen beginnen ließ — von höchster Stelle gebilligt und in klarem Verstoß gegen internationale Konventionen.”
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,613941,00.html
Wo war Lee Harvey Oswald, als man ihn brauchte?
OT:
ING NEWS +++ BREAKING NEWS +++ BREAKING NEWS +++ BREAKI
Nico Roicke unterschreibt nicht mehr mit “Jackpot Baby!”. Kann man daraus schließen, dass er eingesehen hat, dass er keine Spur besser fickt als unsereiner?
OT: Es gibt jede Menge trauriger Geschichten aus Auschwitz, Ruanda, Nordkorea usw. Aber diese
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,614136,00.html
ist *definitiv* die traurigste, von der ich je gehört habe. Man muss weinen beim Lesen. Ich wünsche mir gerade so sehr die Todestrafe herbei, dass ich mich selbst nicht wiedererkenne. Der Text wühlt auf, macht was mit einem. Diese unglaubliche Geschichte hätte einen original post verdient.
P.S.: Ja, Malte, nu is ersma Feierabend mit der Hyperlinkitis. Es ist dein Blog und es soll es bleiben.
Vielleicht bin ich ja dünnhäutig, aber ich rufe Leuten, die ich nicht kenne und mit denen ich mich unterhalten mag, nicht direkt zur Begrüßung entgegen, dass es unverzeihlich ist, dass sie keinen Schimmer haben.
Und so will ich es auch weiterhin halten.
@thilo:
“Wer Großes will, muss zuerst Kleines tun.”
— Laotse über Defäkation
Äh — man muss die Leute erst anpissen, bevor sie auf den gleichen Haufen scheißen?
@thilo:
> man muss die Leute erst anpissen
Ganz recht. Nur so reagieren sie noch. Die gegenwärtige Lage der Situation der deutschsprachigen Blogosphären-Leserschaft fußt auf der unguten Kombination aus Lethargie und devotem Jubelpersertum. Ein Zustand, der mir voll auf die Keimdrüsen geht. Am schlimmsten sind die Dödel, die Niggemüller “Danke, Stefan” schreiben, sobald er bloß *andeutet*, den Presserat wegen einer doofen Fotostrecke bei RP-Online bemühen zu wollen. Maltes Groupie nennt sich, glaub ich, “Maltefan.” Vermutlich issa das selbst.
Apropos Einschätzung: Während die Europäische Union und die USA die Milizen im Nahen Osten als Terroristen einstuft und in der Presse ein Unterton von wild gewordenen Fanatikern mitschwingt, schreiben Sie über diese Gruppierungen mit großen Respekt – vor allem über die Hisbollah.
<– Dieser Absatz müsste fett sein, das sieht für mich schwer nach einer Frage aus. Man beachte das “schreiben sie”.
Bitte mal anschau’n Malte.
@erpel
Danke! Ist korrigiert.