Mit einer gewissen Zuverlässigkeit werden Leser aggressiv, wenn ich schreibe, dass wir in der friedlichsten aller Zeiten leben. So etwas zu sagen angesichts von zertrümmerten Rentnerschädeln auf Bahnsteigen. Von cracksüchtigen Raubhuren. Von Amokläufern. Von Terror, Kosovo, Ruanda, Kongo.
Aber so ist es nun einmal: Der Amokläufer ist der Naturzustand, die Zivilisation ist der Friede.
Meine Lieblingslektorin sagt, das könne nicht sein, im Urzustand habe sich Gewalt doch gegen den gerichtet, der einem etwas angetan hat und nicht gegen eine unbestimmte Menge Mensch.
Hier habe ich schon darauf hingewiesen, dass Schimpansen keine Vergeltung üben.
Gleichzeitig ist bekannt, dass das biblische Auge um Auge ein Übermaßverbot war. Weil die Neigung bestand, für erlittenes Unrecht ganze Dörfer abzubrennen.
Und eben nicht nur für tatsächlich erlittenes, zurechenbares Unrecht. Der Mord war immer auch magische Handlung. Noch die fotografierenswertesten Amazonas-Indianer töten für ein plötzlich verstorbenes Haus-Warzenschwein eine Nachbarsippe. Sie könnte ja einen bösen Zauber über das Schwein gebracht haben.
Karma-Polizisten in entlegenen Gebieten ermitteln nicht Fingerabdrücke, sie fragen das örtliche Orakel oder eine befreundete Autopsie-Hexe und statt der Strafprozess-Ordnung kommen Macheten zum Einsatz.
Der archaische Mörder in uns, der die Schuld für sein Elend verortet in einem unbestimmten Anderen, in der Gesellschaft, im Nachbarn, in der CIA oder Wolfgang Schäuble, der war immer schon da.
Er wird gebannt durch Erziehung, Aufklärung, wird aber nie verschwinden.
Der Mörder ist das, was wir kennen.
Der Mörder ist das Uninteressanteste an Winnenden.
Was bleibt, wenn der atavistische Amok einen Ort heimsucht, wie man lebt nach dem Zivisilationsriss – das bedarf unserer Aufmerksamkeit, unseres vorsichtigen Wegschauens und unseres schamvollen Schweigens.
Denn Gegen das Geschrei haben die Götter das Tabu gesetzt.
Obwohl sie nichts von Nachahmungstätern wussten.
Götter halt.
Gibt es etwas Brutaleres als die Natur? Der Stärkere setzt sich durch, nur der Mensch findet das schlimm, weil der Mensch eben Mensch ist und die Natur als etwas Äußeres begreift und erst dann, wenn ihn beispielsweise ein Tsunami unter sich begräbt, versteht, daß er ein Teil von ihr ist. Der Mensch ist kein Tier, glaubt der Mensch. Wenn er sich da mal nicht irrt.
> Mit einer gewissen Zuverlässigkeit werden Leser
> aggressiv, wenn ich schreibe
Fein beobachtet.
Broder über den Unterschied von Kultur und Zivilisation: “Kultur ist, wenn ich Ihnen den Kopf abschlage und daraus eine Blumenvase mache. Zivilisation ist, wenn ich dafür ins Gefängnis gehe.”
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Gerne würde ich mein Maul halten. Und eigentlich hat es gar nichts mit dem Artikel hier zu tun, aber interessieren tut es mich nämlich. Das mit “der friedlichsten aller Zeiten” sehe ich nämlich, bin aber am Wochende mit guten Freunden darüber in Streit geraten. Meine These war: Die bisherige Geschichte der Menschheit ist schon eine des Fortschritts. Heute leiden weit weniger Menschen unter einer recht kurzen Lebenserwartung, hoher Kindersterblichkeit, miserabler medizinischer Versorgung, Willkürherrschaft, Unterdrückung, Verfolgung und vorenthaltener Bildung und Aufklärung als zu jedem beliebigen anderen Zeitpunkt in der Geschichte. Allein mir fehlen die Beweise dafür.
Als Bildungsbürger 2.0 der ich nun einmal bin, sammele ich schon fleißig Fakten im Netz, aber Vergleichszahlen über den gesamten Verlauf der Geschichte zu bekommen ist gar nicht so einfach.
@Malte:
> Hier habe ich schon darauf hingewiesen, dass
> Schimpansen keine Vergeltung üben.
Du irrst: http://www.pictureupload.de/originals/13478/160309194925_boote_pimpf_chimp.jpg
Btw: Ich übe auch keine Vergeltung mehr. Ich kanns mittlerweile.
Auch und gerade ein solcher Amoklauf geschieht nicht im zivilisatorisch leeren Raum, sondern ist immer Vollzug von Gesellschaft. Man kann nicht nicht gesellschaftlich handeln. Daher ist es falsch anzunehmen, dass wir es hierbei mit einem „Zivilisationsriss“ zu tun hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Amoklauf, Terrorismus, Krieg und mediale Berichterstattung spielen sich im zivilisatorisch möglichen Rahmen ab.
Als gesellschaftlicher Fortschritt wird nur selbstbeschreibend die Fähigkeit wahrgenommen, (Kultur)Techniken parat zu haben, solche Abweichungen vom Normalen auch als solche zu markieren. Nicht um zukünftige Normabweichung zu verhindern, dass das keine realistische Option ist, wird man wissen, sondern allein um die Unterscheidung aufrecht zu erhalten, damit später gegebenenfalls wieder auf den Normalfall verwiesen werden kann.
Die Gesellschaft kann nicht vorsichtig wegschauen und schamvoll schweigen, sie muss reagieren um zu funktionieren, die Medien müssen die Abwesenheit von Moral verkünden, die Politik muss sich selbst zum Erlassen von Gesetzen auffordern. Einige werden ahnen, die meisten wissen, dass es nichts ändern wird, doch die Hauptsache ist, es wird hyperventiliert, damit der Normalfall auch weiterhin als solcher erkannt wird.
@ben_
Hier in dem Artikel ist unten ein Video, in dem das sauber herausgearbeitet wird:
Wir Mädchen
Aber: Krieg als Gegenteil von Frieden, davon haben wir nicht überreichlich auf Erden momentan. Dass der Mensch immer weniger Wolf seinesgleichen wird, darüber könnte man trefflich streiten, dafür würde ich sogar nochmal in meinem Marx-Einführungskursbuch rumblättern. Bewaffnete Konflikte hat die Welt allerdings selten so viele gesehen wie momentan. Und auch nicht so horrende Opferzahlen, wie sie die moderne Technik möglich macht.
@fred
Bewaffnete Konflikte fanden doch seit jeher innerhalb viel kleinerer Einheiten statt. Und die Opferzahlen können so ungeheuer gering nicht gewesen sein:
“Die Kriegshandlungen selbst, aber auch die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen verheerten und entvölkerten ganze Landstriche. In Süddeutschland etwa überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten einige vom Krieg betroffene Territorien mehr als ein Jahrhundert, um sich von dessen Folgen zu erholen. Der Dreißigjährige Krieg endete mit dem Westfälischen Frieden am 24. Oktober 1648.”
Ich halte das ja für pessimistische, ein bisschen zu simple Hobbeswiederkäuerei, die letztlich nur, staatlichem, Kontrollwahn den Weg ebnet. Warum nicht Rawls, warum nicht prinzipiell vernunftbegabte, koopertionsfähige und -willige Wesen? Schließt du von dich auf andere (würde mich etwas überraschen – und einschüchtern)? Warum war dann in Ruanda all die Propaganda von Nöten – wenn die Menschen ja eh nur das Natürlichste der Welt getan haben mir ihren Morden? Oder ist das einfach das, was sie euch bei Jura beigebracht haben, um all die Bedenken wegzuwischen, warum man nur diese die Freiheit einschränkenden Gesetze haben muss? Und dass der Lack der Zivilisation sehr dünn ist, naja, ist jetzt auch nicht direkt eine die Weltrevolution auslösende Erkenntnis.
@Daniel
Ich halte das gerade für die optimistische Sicht: Es wird besser.
Ich sehe es anders. Ich denke der Mensch ist ein (zumindest anderen Menschen gegenüber – mit Tieren verhält es sich anders) grundsätzlich friedliches, gutes Wesen, das dann zu Gewalt neigt, wenn es sich unter Druck, eingeengt und bedrängt fühlt. Dann kann Gewalt entweder aus rational darlegbaren, aber nicht unbedingt rationalen Gründen (Lebensraum, Ressourcen, Macht) oder in einem irrationale Rausch passieren (wie eben im behandelten Fall). Die Zivilisation mit ihren Regeln und Gesetzen ist nur Ausdruck dieses grundsätzlichen Bedürfnis nach Ordnung, Ruhe und Frieden. Gewalt ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Sie muss gerechtfertigt werden – bei ihr wird nach Erklärungsmustern gesucht, nicht andersherum. Neigte der Menschen grundsätzlich zu Mord und Gewalt, müsste es folgerichtig ja genau andersherum sein und jeder müsste Gründe haben, warum er eben niemanden ermordet (trotz hübscher Freundin, großem Haus, viel Geld etc.).
Mit gut und böse möchte ich hier nicht hantieren.
Wenn man einmal im Jahr jemanden ermordet, dann ist man 364 Tage lang ein friedlicher Mensch, also können wir uns beim Bild des friedlichen Menschen rasch einig werden.
Aber was ist mit dem Stellenwert von Gewalt innerhalb einer Gesellschaft? Der variiert auch innerhalb urtümlich lebender Gesellschaften, DER Urzustand ist nicht beobachtbar, jedoch erreicht keine dieser Gesellschaften eine derart niedrige Gewaltquote wie das märkische Viertel.
Gewalt ist HEUTE nicht die Regel, früher war es normal, einen Kontinent zu entdecken und dann alle Einwohner auszurotten, heute benötigt man dafür einen Beschluss des Sicherheitsrates und selbst dann muss man sich an Regeln halten.
Schau doch mal, was Cäsar mit gallischen Dörfern gemacht hat – das fand niemand seltsam.
Das: “jedoch erreicht keine dieser Gesellschaften eine derart niedrige Gewaltquote wie das märkische Viertel” musst du belegen (das halt ich für aus der Luft gegriffen und für latent rassistisch). Vor allem: unter ökonomisch gleichen Bedingungen, sodass Not als Ursache auszuschließen ist. Und so groß ist der Unterschied zwischen dem Bello Gallico und Irak II nun auch wieder nicht. Der Unterschied besteht doch weniger in der Gewalt, als darin, dass sie auch jenseits des Schlachtfelder medial sichtbar gemacht wird.
Gary Brecher stützt zwar eher deine naturgewaltliche These, aber hier muss er angebracht werden: http://exile.ru/articles/detail.php?ARTICLE_ID=7819&IBLOCK_ID=35
Den Link verstehe ich nicht. Also: Ich verstehe nicht, wie du ihn einsetzt. Denn da wird doch das Ausmaß der ethnischen Säuberungen in Nordamerika dargelegt.
Könnte man das heute so machen als WASP?
Und warum rassistisch?
Oben habe ich bereits den Beleg-Film verlinkt
Wir Mädchen
Das hat nichts mit Ehtnie zu tun, sondern mit Entwicklungsstand.
Ich habe doch gerade erst von Karl dem Großen (!) erzählt. Unsere Ahnen sind auch nicht gerade reinen Herzens in die Weltgeschichte eingetreten.
Hallo,
Ich nehme an du kennst dieses TED Video über den ‘myth of violence?
http://www.ted.com/index.php/talks/steven_pinker_on_the_myth_of_violence.html
Och Malte! Entwicklungszustand ist doch total relativ, wer ist so arrogant zu sagen, was gute, was schlechte Entwicklung ist. Es sind erstmal nur verschiedene Modelle, nicht besser, nicht schlechter, nicht weiter, nicht zurück. Ich habe, wie du, eine gewisse Präferenz für unser Modell, aus Gewöhnung, aber für den goldenen Weg halte ich das trotzdem nicht unbedingt. Also: bleibt dann doch nur die Ethnie als Unterscheidungsmerkmal. Der Punkt an Brecher ist, dass er das Argument macht, dass der Unterschied nicht in der evolutionären, kulturhistorischen Entwicklung liegt – sondern nur in der veränderten Sichtbarkeit von Gewalt. Und entschuldige – aber was Pinker da macht ist ja nett (statistisch aber nicht so richtig überzeugend – wie kommt er zu den Zahlen? Schließt er Mangel als Grund für Krieg aus?), aber ein Beleg? Er erwähnt ja nicht einmal die Kongokriege! Aber von denen will ja eh’ keiner was wissen.
@malte Wobei die meisten Opfer nicht durch die direkte Kriegshandlungen ums Leben kamen, sondern durch Seuchen und Hungersnot.
Kriege im Ausmaß des 30jährigen gabs es früher schon, und es gab einige Verheerungen, von denen sich die jeweiligen Landstriche bis heute nicht erholt haben. Wir aber sind kaum aus dem Jahrhundert raus, das die drei umfassendsten Kriege der gesamten Menschheitsgeschichte gesehen hat und die größte Vernichtung durch eine einzelne Waffe, da halte ich die Aussage, wir lebten in friedlichen Zeiten, für gewagt.
@Daniel
Wie bitte?
Alles ist relativ?
Hunger, Cholera, Kindersterblichkeit, alles Ansichtssache?
@Fred
Welcher ist der dritte?
Ich halte die Zeit, von der du sprichst, auch für weniger zivilisiert. Das bürgerliche Element war ja im zweiten Weltkrieg immerhin von wenigstens zwei Konfliktparteien (den Achsenmächten und der UdSSR) politisch ausgeschaltet worden.
Aber das ist auch gar nicht der Punkt.
Ach, ich könnte jetzt etwas mit Substanz schreiben, aber wenn es auch so geht: Klar – Kinderdiabetes, Fettleibigkeit, Autounfälle, Vereinsamung, alles eine Frage der Präferenz!
Du bist doch nicht Peter Hahne. Oder?
Der dritte ist der Krieg im Kongo.
Dass das bürgerliche Element das zivilisatorische ist, das hast Du bestimmt schon vermutet, das kann ich nicht unwidersprochen hinnehmen. Aber das ist tatsächlich nicht der Punkt. Man müsste die Kriegsopfer prozentual zur Bevölkerung aufrechnen, für jede Epoche. Ich bezweifle allerdings, dass man dann auf den SChluss kommt, dass wir in einer übermäßig friedlichen zeit leben. Das gilt, wenn überhaupt, nur für die erste Welt.
@Malte: Seeehr spannend. Danke. Lustigerweise zitiert er Hobbes, einen der Vertragstheoretiker. Alles ist eins.
Mich selten bei der Lektüre eines Textes so Zuhause gefühlt. Danke.