Politiker, Teil 1: Franz Müntefering

Man muss sich Franz Müntefering als unglücklichen Menschen vorstellen.
Roger Willemsen fragt ihn im Zeit-Magazin: “Worin bestand der Spaß des heutigen Tages?”
Das Volk, sein Arbeitgeber, würde darauf antworten:
“Ich habe meine Kinder so erfolgreich gegeneinander aufgehetzt, dass sie sich den ganzen Tag befehdet haben. Ich kam mir vor, als wäre ich kinderlos.”
oder
“Ich habe eine GNTM-Party vorbereitet, mit Lufthansa-Kotztüten und schwulen Frauenkennern und extra-schlechtsitzenden Badeanzügen.”
oder
“Ich schau mir die Tabelle an. Hertha, Hertha, heyheyhey!”
oder
“Weiche Drogen, harter Sex.”

Franz Müntefering aber sagt:

Dass ich schon mit einigen Leuten planen konnte, wie wir Fortschritt organisieren wollen.

Man muss den Satz in all seiner Schönheit zwei, dreimal lesen.
Planen, den Fortschritt zu organisieren.
Das Fortschreitende will organisiert werden. Und das müssen wir planen. Ein Riesenspaß.

Willemsen stichelt dann, es könne doch kein Vergnügen sein, mit Guido Westerwelle in Konferenzen zu sitzen, woraufhin Müntefering erwidert, das komme ja auch nicht häufig vor und hinzufügt:

Das wird sich erst im Herbst mit der Ampelkoalition ändern.

Müntefering – ganz Geschäftsführer eines abstiegsbedrohten Zweitligisten, der vom Sommer 2012 in der Champions-League spricht. Wer zweifelt, der hat schon verloren. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Wir sind im Arsch, aber dafür riecht’s hier gar nicht schlecht.

Der ganze Müntefering in seiner sauerländischen Tugendhaftigkeit – immer missmutig, aber von dackelhafter Hoffnung erfüllt, der nächste Scheißehaufen möge Mousse au Chocolat sein.

Das Interview endet mit der Frage Willemsens, ob Glück in der Politik das des Sisyphos sei.
Und Müntefering münteferiert:

Das ist die Dialektik des Fortschritts. Wir rollen den Stein hoch, dann rollt er hinten runter, dann muss er halt wieder hoch. Immer wieder. Ist doch schön.

Nils Minkmar aber sagte in der FAS (im Rahmen des wunderbaren Rundumschlags Gute Bücher, die wir hassen), dass der letzte Satz in Camus “Der Mythos des Sisyphos” Unsinn sei.

“Einen schweren Felsen den Hang heraufzurollen, um ihn herabsausen zu sehen und dann wieder hochzurollen, macht keinen Menschen glücklich.”

Da schließe ich mich an. So einfach, so wahr. Man muss sich Franz Müntefering als unglücklichen Menschen vorstellen.

17 comments

  1. Und? Wäre das schlimm, wenn er das wäre? Oder vielmehr: sitzt da nicht einer einfach nicht dem Diktum des selbstverliebten Glückes auf? Ich meine: stellst du dir Mutter Theresa, Oskar Schindler, Krankenschwestern oder “Ärzte ohne Grenzen” und all die anderen Menschen, die die großen Steine heraufrollen und hinabrollen sehen, als ‘shiny happy people’ vor? Und vielleicht geht es ja einfach auch nur um eine Art von Glück, die man allein durch kiffen nicht findet.

  2. Ich würde die Steine nicht rollen wollen und bin froh, dass das andere Menschen für mich machen. Das sie aber gerollt werden müssen, ist hingegen auch klar für mich. Denn das ist die Demokratie: Der Ausgleich von Einzelinteressen. Und bis da mal alle glücklich sind, rollen noch unendlich viele Steinlawinen unendlich viele Berge runter.

  3. Wer zuerst das Wortspiel “den Steinmeier /die Stones den Berg hinaufrollen macht”, muss eine Schnappslatte ausgeben.

  4. Vielen Dank, dass ich jetzt “Shiny Happy People” im Ohr habe.
    Wo waren wir?

  5. > Das wird sich erst im Herbst mit der Ampelkoalition ändern.

    Hat er nicht gesagt! Hat er? Oh Mann …

    Steinmeier, Münte & Co können doch nicht wirlich glauben dass es im Herbst für mehr reicht als die GroKo, wenn überhaupt. Das scheint mir insgeheim ihr Plan zu sein. Hauptsache mitregieren, denn “Opposition ist Mist” (Münte). Aber ganz großes Schauspiel, muss man echt sagen.

  6. Steine sind auch momentan das einzige, was die SPD zum Rollen bringt;-)

  7. ach, schwachsinn. ich stelle mir sisyphos trotz der FAS als “glücklichen menschen” vor. denn wenn der herr und erbauer von korinth mit seinem harten los glücklich sein kann, so kann ich es auch. wenn mein los auch leichter sein mag.

    franz müntefering als herr und erbauer der 18% spd hat aber ein ungleich schwereres los als sisyphos: er muss einen steinmeier und einen steinbrück bewegen und vermutlich manchmal auch noch steinbeißer essen.

    von daher darf man sich f.m. wohl als unglücklichen menschen vorstellen… ;)

  8. “Einen schweren Felsen den Hang heraufzurollen, um ihn herabsausen zu sehen und dann wieder hochzurollen, macht keinen Menschen glücklich.”

    das ist genauso dümmlich platt wie der artikel bei niggemeier.

    camus kritisiert in diesem bild den hang zur reinen zielrichtung unter vernachläßgung des gelebten moments in der tätigkeit.

    eine art gegenentwurf zur eschatologischen ziel&zweckbessenheit der bei uns kulturell prägenden judäo-christlichen tradition, der man war ja nicht umsonst existenzialist.

    wenn nils minkmar das nicht verstanden hat schlimm genug, wenn er es einer steindummen pointe preisgibt schlimmer.

    fazit : der herr ist mir schon nach zwei artikeln ausgesprochen unangenehm aufgefallen.

  9. aber lieber westernworld, du wirst doch nicht den witz erklärt haben wollen, oder?

  10. dein witz ist soweit angekommen, fortschritt, steinmeier hoch, steinmeier runter…

    herrn minkmars aussage habe ich nicht als witz verstanden.
    sie ist eine prima vorlage für dich und du hast die auch sauber verwandelt, aber die aussage an sich macht es nicht besser.
    der link zeigt übrigens nicht auf den text aus dem das zitat stammt.
    und der niggemeirartikel den ich meinte war der über rach.

    da gerüchte meiner unfehlbarkeit in der regel aber stark übertrieben sind kann ein wenig aufklärung nicht schaden, da müßen wir dahin wo’s weh tut (onlineüberweißung ans phrasenschwein ist raus)

  11. Ich musste tatsächlich GNTM googlen.

  12. @bongokarl
    liest du denn nicht spon?
    @westernworld
    nein, nein, ich hatte mit steinmeier gar nichts im sinn.
    ich verstehe minkmar so: nach feuerzangenbowlenmanier wird sich ganz dumm gestellt und die aussage auf ihren eigentlichen kern heruntergebrochen.
    entlarvung durch die “der kaser ist nackt”-methode.
    das ist philosophisch unlauter, aber ich finde es komisch.
    “in die welt geworfen? – ich wurde gepresst.”
    (und der link geht nur zum hauptartikel, weil – seufz – der eigentliche nur gegen bezahlung erhältlich ist.)

  13. @malte ah, jetzt ja … naja dann hab ich’s verstanden fand’s einfach nur nicht so richtig witzig, kann sein das sich das im vollständigen text anders darstellt. nun denn parlim …

  14. Nein. Sollte ich? :-)

  15. @westernworld:
    “gegenentwurf zur eschatologischen ziel&zweckbessenheit der bei uns kulturell prägenden judäo-christlichen tradition”. Ist die Bildung eines solchen Satzes der Anstrengung des Hinaufrollens eines Steins auf einen hohen Berg ähnlich? Und wenn ja, wird der Berg im Laufe der Zeit niedriger, der Stein kleiner und/oder leichter oder setzt eine Adaption an die Belastung ein. Angesichts Deiner sonstigen Humorbefreitheit tippe ich mal auf Letzteres.

  16. kommentare: wurscht.
    beitrag: grandios.
    münte hab ich lieb. so oder so.

    (und ich hasse leute die münte sagen!)

  17. Na denn: Glück auf!

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